Hungerkatastrophe im Sudan

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Sudan
Eine ganz normale Hungerkatastrophe findet öffentliche Aufmerksamkeit

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Überblick

Seit einigen Jahrzehnten ist der Sudan ein imperialistischer Betreuungsfall in Sachen Hungerhilfe – jetzt hat das Hungern und Sterben durch das gehäufte Zusammentreffen ortsüblicher Zustände (Dürreperiode, danach Regenfälle, die das Transportwesen behindern, vermehrte Flüchtlingsströme wegen neuer Bürgerkriegsfronten) gewaltig zu genommen. Die vor Ort tätigen Anwälte der Hungerhilfe, die Hilfsorganisationen, schlagen Alarm – zur reibungslosen Durchführung ihres ehrenwerten Auftrags sollen die imperialistisch Zuständigen den Bürgerkriegsparteien gefälligst mehr auf den Leib rücken. Europa, das 45 Mill. ECU als Soforthilfe bereit stellt, hat andere Interessen mit der Hungerhilfe – geht da vielleicht etwas mit dem Sudan für mehr Einflussnahme in Nahost und Nordafrika wegen dessen Isolierung durch die USA?

Sudan
Eine ganz normale Hungerkatastrophe findet öffentliche Aufmerksamkeit

Dem Fernsehzuschauer werden mal wieder zur besten Sendezeit verhungerte Kinder und bis auf die Knochen abgemagerte Schwarze vorgeführt. Es fehlt auch nicht die Einblendung einer Kontonummer und der Aufruf zu Spenden. Diesmal ist es der Süden des Sudan. In kritischen Berichten erfährt man von einem „unsinnigen Bürgerkrieg“, von Kriegsparteien, die sich um Bodenschätze streiten und dafür offensichtlich über Leichen gehen, von Regenfällen, die den Hilfsorganisationen die Arbeit erschweren, und von Helfern, die sich in die eigene Tasche wirtschaften. Schließlich taucht die Sinnfrage auf, ob die Nahrungsmittelhilfe, die zu großen Teilen den Kämpfern zugute kommt, nicht das Elend nur verlängert. Fassungslosigkeit ist also angesagt, Empörung über den Zynismus der Politiker und anderer Verantwortlicher vor Ort, Mitleid mit den Betroffenen und die Erleichterung des Gewissens durch eine Spende.

Dem aufmerksamen Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer kann allerdings kaum entgehen, daß das jetzt gezeigte Elend im Sudan sowohl in Afrika als auch in der gesamten „Dritten Welt“ kein Einzelfall ist. Die besonders drastischen Fälle des Hungerns und Massensterbens, von denen die Öffentlichkeit Kenntnis erhält, basieren auf einem Elend, das in diesen Regionen als Dauerzustand existiert. Die Bevölkerung im Sudan erhält zum Beispiel schon seit über dreißig Jahren Hungerhilfe. Die Spannungen zwischen Norden und Süden gibt es seit der Unabhängigkeit 1956, den Krieg zwischen den jetzigen Parteien seit 1985. Warum es jetzt zu dieser Katastrophe gekommen ist, ist also die falsche Frage.

Von der britischen Kolonie zum Hungerhilfeland

Agrarexportland

Der unabhängige Staat Sudan suchte sich eine ökonomische Grundlage. Die einzige Möglichkeit, die sich für ihn auf dem Weltmarkt bot, um an Dollars heranzukommen, war der Verkauf von Agrarprodukten. Heutzutage machen Agrarprodukte 95% des Exports aus, vor allem Baumwolle (30-40%) und Gummiarabicum (20.%), außerdem versorgt der Sudan die Golfstaaten mit Schlachtvieh. Dazu eignete der Staat sich den Großteil der landwirtschaftlich nutzbaren Böden an und bewirtschaftete sie durch große staatliche Betriebe. Es wurden vier Staudämme für die Bewässerung dieser Ländereien gebaut. Die Erträge hängen aber trotzdem nach wie vor von der Menge der Niederschläge ab.

Die Subsistenzwirtschaft wurde damit vernichtet, die Nomaden wurden in Gebiete abgedrängt, die häufig von Dürren betroffen sind. Die herkömmliche Beschaffung von Nahrungsmitteln ist der Bevölkerung damit genommen, zumindest drastisch eingeschränkt. Lediglich 300- bis 500-tausend Wanderarbeiter finden in den staatlichen Großbetrieben eine Anstellung. Hunderttausende suchen im Ausland Beschäftigung.[1] Große Teile der Bevölkerung sind auf die caritative Hilfe der Religionsgemeinschaften oder sonstige Unterstützung angewiesen. Die im Land erzeugten Produkte der staatlichen Betriebe sind für den Export bestimmt.[2] Für die Versorgung der Bevölkerung nötige Nahrungsmittel fehlen, sie müssen importiert werden, und dafür fehlen ausreichende Mittel.

Für den Staat geht das Programm, auf dem Weltmarkt mit Agrarprodukten Dollars zu verdienen, nur in sehr widersprüchlicher Weise auf. Um seine Betriebe mit Produktionsmitteln auszustatten, braucht die Regierung Geld, der Bau von Staudämmen und Bewässerungsanlagen kostet einiges, und schließlich müssen noch der Aufbau eines Transportwesens und die für den Export notwendige Infrastruktur finanziert werden. Das Geld hierfür wie auch für die Finanzierung sämtlicher anderen Aufgaben des Staates hat der Sudan nicht, er muß es sich leihen und mit Geld, das er erst noch verdienen muß, bezahlen.

Schuldnerland

Das Ergebnis dieses Verfahrens ist die Umkehrung des ursprünglichen staatlichen Zwecks: Geld muß nun verdient werden, um die Schulden zu zahlen.

„Die Auslandsschulden haben inzwischen einen Wert von gut 18 Mrd. US$ erreicht, das ist fast dreimal soviel wie das Bruttoinlandsprodukt von 7,6 Mrd. US$. Der theoretisch zu leistende Schuldendienst im Haushaltsjahr 1992/93 belief sich auf ca. 250% der laufenden Staatseinnahmen.“ [3]

Die Folge der Verschuldung ist, daß die sudanesische Regierung zunehmend damit zu kämpfen hat, sich die Mittel für die Produktion der Exportware zu kaufen.[4] Für die Aufrechterhaltung der notwendigen Infrastruktur fehlen die Mittel, das Straßennetz ist nur bei Trockenheit zu befahren, die Eisenbahn verrottet.

Mit der Verschuldung gerät das Land unter das Regime des IWF. Dessen Standpunkt lautet: Die Bedienung der Schulden hat erste Priorität. Soweit die Regierung andere nationale Gesichtspunkte geltend macht, wird sie unter Druck gesetzt:

„Um die Selbstversorgung bei den Grundnahrungsmitteln zu erreichen, sollte die für die Baumwollerzeugung genutzte Fläche um 50% zugunsten von Sorghum, Weizen und Erdnüssen reduziert werden. Entsprechend sank die Baumwollproduktion zwischen 1989 und 1993 um fast zwei Drittel (von 747000 auf 276000 Ballen). Für 1995 wird mit einem Wiederanstieg der Produktion auf 500000 Ballen gerechnet, den Beobachter v.a. auf den Druck der multilateralen Finanzinstitute nach Steigerung des sudanesischen Exporteinkommens zurückführen. Gleiches gilt für die geplante und angekündigte Steigerung der Zuckerproduktion auf 2 Mio. t für das Jahr 2006, was mehr als einer Verzehnfachung der 1993/94 produzierten Menge gleichkommen würde.“ [5]

Allerdings reicht alle Bereitschaft, die Auflagen des IWF zu erfüllen, nicht dazu, aus der „Schuldenfalle“ herauszukommen:

„Obwohl sich die Regierung bemüht hat, die Forderungen des IWF zur Stabilisierung der Wirtschaft zu erfüllen, gelang es dem Land nicht, – trotz vielversprechender Wachstumsraten – seine große Schuldenlast zu verringern; was dazu führte, daß der IWF dem Sudan erneut mit dem Ausschluß gedroht hat.“ [6]

Das Land bleibt überhaupt bloß „im Geschäft“, weil ausländisches Kapital im Sudan seit den 70er Jahren in dieser Region nach ausbeutbaren Bodenschätzen gesucht hat und dabei fündig wurde.[7] Die Bevölkerung hat von der anlaufenden Ausbeutung der Rohstoffvorkommen und der Perspektive lohnender Erschließung in großem Stil nichts anderes als vermehrt Probleme bei ihrem Versuch zu überleben. Die Lagerstätten der Metalle und des Öls, die erschlossen werden, und die Transportlinien, die gebaut werden, entziehen ihr zusätzliches Land, das sie früher für ihre Subsistenzwirtschaft nutzen konnte. Zudem wird sie Opfer der erbitterten, von außen aufrechterhaltenen militärischen Auseinandersetzungen um Einheit oder Teilung des Landes. Die Rivalitäten um die Macht im Sudan werden durch den Streit um die politische Zuständigkeit für die Gebiete mit den reichen Rohstoffvorkommen zusätzlich angeheizt – dazu später.

Entwicklungshilfeland

Die Versorgung der Bevölkerung ist katastrophal. Die Liste der in kritischen Reportagen über derartige Länder aufgezählten Mängel, also der dortige Normalzustand, ist stets gleich: Unzureichende Nahrungsversorgung, mangelnder Zugang zu Trinkwasser, so gut wie keine sanitären Einrichtungen, „medizinische Basisversorgung“ nur, soweit internationale Hilfsorganisationen tätig sind. Diverse Epidemien und Hungersnöte kleineren oder größeren Ausmaßes sind an der Tagesordnung.[8]

Laut OECD erhielt der Sudan 1992 insgesamt ca. 444 Mio. Dollar an Entwicklungshilfe. Die Förderung bestimmter Projekte wie auch die direkte Nahrungsmittelhilfe geschieht einerseits durch internationale Organisationen wie IDA und WFP (Welternährungsprogramm der UNO) und ist von den politischen Entscheidungen dieser Organisationen abhängig. Noch wichtiger ist die bilaterale Hilfe, deren Höhe schließlich ganz davon abhängt, wie sehr sich das Land in die strategischen Interessen des jeweiligen Geberlandes einfügt. So ging die Entwicklungshilfe der USA für den Sudan von 1989 110 Mio. US$ auf 11 Mio. US$ 1992 zurück, die Unterstützung durch arabische Staaten reduzierte sich von 450 Mio. US$ (1983) auf 8 Mio US$ (1990). Der Anlaß dafür war die proirakische Haltung des Sudan im Golfkrieg und die Unterstützung islamistischer Gruppen im Ausland.

Machtkämpfe

Seit der Unabhängigkeit ist die Macht im Sudan umstritten. Dabei kämpft sich jede Regierung an der von den Engländern geförderten Spaltung des Landes in einen arabisch-islamischen Norden und einen Süden ab, der sich aus 500 Stämmen von Anhängern diverser christlicher oder animistischer Religionen zusammensetzt. Den Regierungen gelingt es schon deswegen nicht, aus der Bevölkerung ein einheitliches Volk zu machen, weil sie es gar nicht schafft, einen irgendwie gearteten volkswirtschaftlichen Zusammenhang zwischen ihnen herzustellen. Für die anfallenden ökonomischen Vorhaben ist nur ein geringer Teil der vorhandenen Massen als (Saison-)Arbeitskräfte gefragt, ein weiterer Teil findet noch in diversen staatlichen Diensten irgendein Auskommen, das Gros der Leute lebt aber getrennt von dem, was diesen Staat und seine Ökonomie ausmacht, kämpft um die Subsistenz oder lebt in Hungerlagern.

Konkurrenten um die Macht finden in den religiösen Vorstellungen der Leute und ihren stammesmäßigen Zuordnungen die einzige Grundlage und ihr Mittel, eine Anhängerschaft zu organisieren. Soweit sie es schaffen, an Geldmittel – etwa durch Spenden aus dem Ausland – heranzukommen, sind sie auch in der Lage, ihre Klientel durch Indienstnahme und Versorgung auf sich zu verpflichten.

Seit 1989 regiert in Khartum die Nationale Islamische Front (NIF), die durch einen Militärputsch unter General Baschir an die Macht gekommen ist. Noch rigoroser, als es die Vorgängerregierung unter Numeiri gemacht hat, wollte die NIF der Bevölkerung durch die Festlegung auf den Islam und die Ausrichtung des Rechtswesens auf die Scharia eine verbindliche einheitliche Staatsdoktrin beibringen und dem Gemeinwesen so etwas wie eine politische Ordnung verpassen. Damit wurden alle diejenigen Bevölkerungsgruppen, die anderen Religionen anhingen oder in traditionellen Stammesbindungen subsistierten, vor die Alternative gestellt, sich dieser fremden Ordnung zu unterwerfen oder verfolgt zu werden. In den jeweiligen Führern dieser Minderheiten hatte das neue Regime sogleich seine erbittertsten Gegner.

Im Süden hat sich als der mächtigste Konkurrent der NIF die „Sudan People’s Liberation Army“ (SPLA) unter John Garang festgesetzt. Sie bekämpft die Regierung, als Minimalziel will sie zumindest eine Autonomie für die Südprovinzen durchsetzen.[9]

Bürgerkrieg

Die Regierung in Khartum wird mit der SPLA militärisch nicht fertig. Offensiven gegen die Rebellen – selbst mit Unterstützung der libyschen Luftwaffe (1992) – führen nicht zu deren Erledigung, weil diese vom Ausland, vor allem den USA und Israel unterstützt werden.[10]

Die USA wollen die Regierung in Khartum ausschalten, weil sie sich ihren strategischen Interessen widersetzt.[11] Das Sündenregister ist lang: Im Krieg gegen Saddam Hussein (1990) stellte sich Khartum hinter den Irak; dem Sudan wird vorgeworfen, islamistische Gruppen im Nahen Osten zu unterstützen; die Täter eines Attentats auf Ägyptens Präsidenten Mubarak soll er decken; 1991 schloß das Land ein Militärabkommen mit dem Iran, zu Libyen unterhält es Beziehungen. Seit 1993 steht der Sudan auf der US-Liste der Staaten, die Terrorismus unterstützen, im November 1997 verfügte Clinton ein umfassendes amerikanisches Embargo gegen Khartum.

Die militärischen Erfolge Garangs halten sich freilich in Grenzen, zumal seine Hilfskräfte recht unzuverlässig sind.[12] Die USA unterstützen dennoch die SPLA, weil so der Bürgerkrieg fortdauert und die Regierung in Khartum permanent geschwächt wird. Um einen Umsturz in Khartum herbeizuführen, suchen sie ferner die Nachbarstaaten des Sudan zu einer Front gegen das islamistische Regime zusammenzuschließen – gleichgültig dagegen, daß die untereinander gar nicht dauerhaft einigungsfähig und -willig sind.

Der Bürgerkrieg verstärkt die Notlage der Bevölkerung: Die Menschen fliehen vor dem Krieg. Allein nach Khartum sind 1,5 Millionen geflohen, 350000 von ihnen werden in Camps von Hilfsorganisationen versorgt. Durch das Kriegsgeschehen wird die Arbeit von Hilfsorganisationen teilweise unmöglich gemacht.[13]

Im Juli beschlossen Regierung und Rebellen einen dreimonatigen Waffenstillstand, um die Versorgung der hungernden Bevölkerung zu ermöglichen. Damit ist die Versorgung aber längst nicht sichergestellt, weil die Infrastruktur des Landes auch für die Hungerhilfe nicht taugt:

„Das Welternährungsprogramm der UN (WFP) bringt monatlich 10000 t Nahrungsmittel in den Süden des Sudan. Nach Angaben des WFP hat sich die Not nach starken Regenfällen weiter verschlimmert, weil 18 Landebahnen unbrauchbar geworden sind. Dadurch sei die Versorgung mit Lebensmitteln aus der Luft beträchtlich eingeschränkt worden.“ (SZ 3.8.98)

So hat das Hungern und Sterben im Sudan durch das Zusammentreffen verschiedener, dort gar nicht ungewöhnlicher Umstände – Dürreperiode in den letzten Monaten, jetzt Regenfälle, die das Transportwesen behindern, vermehrte Flüchtlingsströme wegen neuer Fronten – enorm zugenommen: 2,6 Millionen Landesbewohner sind vom Hungertod bedroht. Die NGOs vor Ort sehen sich außerstande, auch nur annähernd die nötigen Lebens- und Arzneimittel heranzuschaffen und zu verteilen. Der für normal befundene Zustand in diesem Land, der die Unterbringung von Flüchtlingen in Notlagern und die Betreuung hungernder Massen stets einschloß, ist gefährdet.

Das Interesse der hiesigen Öffentlichkeit an der Hungerkatastrophe

Vom Betreuungs- zum Problemfall

Das ruft prompt die Öffentlichkeit auf den Plan, die jetzt dringenden Handlungsbedarf entdeckt. Die Hilfsorganisationen schlagen Alarm und wissen auch gleich die richtige Adresse: Die Staaten, deren Interessen sich ohnehin auf den ganzen Globus erstrecken und die mit ihren Mitteln auch überall präsent sind, sollen zusätzliche Gelder, Hilfs-, vor allem Transportmittel bereitstellen und auf die Kriegsparteien einwirken, das Chaos nicht noch größer zu machen.

Inzwischen können die hiesigen Presseorgane von einer groß angelaufenen Hilfsaktion berichten:

„Die OLS (Operation Lifeline Sudan der UN) wird bis zur nächsten Ernte, Oktober 1999 Hilfslieferungen durchführen. Die Luftbrücke wird die größte aller Zeiten sein und auch die Hilfslieferungen aus der Zeit der Berlin-Blockade in den Schatten stellen.“ (FAZ 30.7.98)

Gleichzeitig werden in Presse, Funk und Fernsehen bei allem Selbstlob massive Bedenken gegen das Hilfsprogramm laut. Dabei werden gern unverdächtige Helfer zitiert:

„Der Transport macht sie zu den teuersten Lebensmitteln der Welt. Mehr als eine Mrd $ hat die OLS bislang gekostet. Und ein Ende der Hilfslieferungen ist nicht abzusehen. Ohne internationalen Druck wird der Bürgerkrieg wohl kaum beendet werden. Und bis dahin können wir nicht anders, als weiter zu helfen. Man kann doch nicht zusehen, wie Menschen verhungern, auch wenn man weiß, daß die Kämpfer vor allem von uns ihre Lebensmittel beziehen.“ (Ein Mitarbeiter der UN, FAZ 30.7.98)

Die Hilfsorganisationen befinden sich in vorderster Front, wenn es darum geht, ein rigoroseres auswärtiges Kontrollwesen über die politischen Machthaber vor Ort zu fordern. Ignorant gegenüber den Gründen der Machtauseinandersetzung, gegenüber der längst stattfindenden Einmischung des Auslands und den dabei verfolgten jeweiligen Zwecken, fordern sie gemeinsam mit der Öffentlichkeit unisono mehr Aufsicht. Ihr Plädoyer, durch auswärtigen Druck auf Khartum und die SPLA eine Beendigung des Bürgerkriegs herbeizuführen, lebt von einer unerschütterlich guten Meinung über die Interessen und Absichten der Weltordnungsmächte und von der Parteinahme für deren überlegene Gewalt, die die („Dritte“) Welt – übrigens auch ohne extra Einladung – ihren strategischen und ökonomischen Interessen unterwirft. Und sie paart sich mit der ebenso unerschütterlich schlechten Meinung über die Kriegsparteien vor Ort, weil die ihre eigenen Kalkulationen mit der auswärtigen Hilfe anstellen. Während die SPLA von der Nahrungsmittel-Zufuhr profitiert – ein beträchtlicher Teil der Lieferungen fällt an ihre bewaffneten Anhänger[14] –, sieht die Regierung in der Versorgung ihrer Bevölkerung durch internationale Helfer nicht viel Positives. Ihr Gegner im Kampf um die Macht im Lande wird durch Nahrungsmittel, die ihm zufließen, gestärkt, ihre eigene Souveränität durch die weitgehende Einflußnahme von außen erheblich beschränkt. Darum greift sie hin und wieder zu Verboten:

„Es gibt kaum noch Transportwege für die Hilfslieferungen. Die Helfer dürfen keine Militärflugzeuge einsetzen. Khartum verweigert die Flugerlaubnis aus Angst vor Spionage. Die UN-Piloten müssen ihre Ladung, von Kenia kommend, aus der Luft abwerfen, was die Verteilung verzögert.“ (SZ 1.8.98)

Das bringt die menschenfreundlichen Beobachter hierzulande in Rage: Wenn „wir“ „den Menschen“ da unten helfen, haben sich politische Interessen vor Ort nicht störend einzumischen, sondern zurückzunehmen. So tun die Anwälte der Hungerhilfe kund, daß sie solche internationalen „Hilfs“aktionen als ein Ordnungsprogramm verstehen, dem sich die lokalen Machtinteressen unterordnen sollen.

Und eine imperialistische Zuständigkeitserklärung sind solche Aktionen ja auch wirklich. In dem Maße, wie die einheimischen Politiker für die Hungerkatastrophe und gegebenenfalls für die Behinderung der Hilfsbemühungen verantwortlich gemacht werden, erfahren sie, wie ihre Aktien bei den Aufsichtsmächten stehen.

Europäisches Interesse an einer Normalisierung im Sudan

Für die imperialistischen Führungsmächte ist das Ausmaß der Hungerkatastrophe in Sudan ein Indiz dafür, daß die Herrschaft soweit zerfallen ist, daß sie ihr Land nicht unter Kontrolle hat. Das kann von außen gewollt oder nicht gewollt sein, auf jeden Fall gebietet und erlaubt es mehr Beaufsichtigung, auch deshalb, weil der jetzige Zustand keinen destabilisierenden Einfluß auf die Nachbarländer haben soll. Die Staaten, die sich für die Weltordnung zuständig erklären, stellen sich also die Frage, ob, wie und auf wessen Seite sie sich verstärkt engagieren sollen. Dabei gilt es, den eigenen Aufsichtsanspruch gegenüber dem der konkurrierenden interessierten Länder geltend zu machen.

Die EU steigt in die Affäre als bedeutender Spender ein: Sie stellt 45 Mill. ECU als Soforthilfe für die Bekämpfung des Hungers im Sudan bereit. Im Unterschied zu den USA hat die EU die Regierung in Khartum nicht unter Quarantäne gestellt. Zwar hat sie 1994 ein Waffenembargo gegen den Sudan verhängt, andererseits die Entwicklungshilfe, die die USA drastisch reduzierten, in demselben Zeitraum gesteigert. Frankreich geriet sogar „nach der Verhaftung und Überstellung des Top-Terroristen Ramirez Sanchez (Carlos) nach Paris im Sept. 1994 in den Verdacht wirtschaftlicher und politisch-militärischer Zugeständnisse an die Regierung“.[15] Offensichtlich sehen die EU-Staaten den Sudan als ein Land an, dessen Isolierung durch die USA sie möglicherweise für ihre Einflußnahme in Nahost und Nordafrika nutzen können. Wie im Fall Iran – ein Stück weit auch hinsichtlich des Irak und Libyen – möchten sie die ersten – auch ökonomischen – Nutznießer der Wiederaufnahme normaler Beziehungen zu diesem Staat sein.

Die deutsche Presse hat ein feines Gespür für solche nationalen Perspektiven. Die Blätter – allen voran FAZ und Spiegel – geben derzeit dem Regime in Khartum Gelegenheit, sich in besserem Licht darzustellen. Der ideologische Kopf der NIF, Hassan at-Turabi, darf sein Programm einer zunehmenden Trennung von Staat und Islam, eines liberaleren Umgangs mit der Opposition und einer Autonomie – wenn nicht Abtrennung – des Südens darlegen.[16] Die gerade verabschiedete neue Verfassung bekommt gute Noten, und die Menschenrechtslage wird als zunehmend besser charakterisiert.[17] Die kritischen Kommentatoren geben ihre Mutmaßungen darüber zum Besten, ob aus Turabi wohl der Chatami des Sudan werden könnte. Nein, so erfährt man, das ist kein fanatischer Fundamentalist, sondern ein aufgeschlossener, weltoffener Mann – „unserer“ Welt gegenüber.

Also steht fest, und daran wird die „Aufrichtigkeit seiner Öffnungspolitik“ von den EU-Staaten gemessen, daß sich der Sudan in seinen außenpolitischen Aktivitäten den Interessen der Weltordnungsmächte unterzuordnen hat. Die Unterstützung islamistischer Terrorgruppen hat zu unterbleiben, bei ihrer Bekämpfung soll sich Khartum kooperativ erweisen und sich selber besser kontrollieren lassen. Wieweit die sudanesische Regierung dazu bereit ist, kann sie derzeit u.a. auch dadurch unter Beweis stellen, daß sie sich kompromißbereit gegenüber den Rebellen zeigt und alles dafür tut, daß die internationalen Hilfsorganisationen und die ausländischen Hunger-Helfer – mögen sie der Regierung in Khartum auch noch so wenig gewogen sein – in ihrem Land frei schalten und walten können.

[1] Ihre Duldung in den Gastländern hängt von dem Stand der Beziehungen ab, die diese Länder zum Sudan unterhalten. Aufgrund der proirakischen Haltung des Sudan im Golfkrieg wurden 200000 sudanesische Gastarbeiter aus den Golfstaaten ausgewiesen. (Munzinger-Archiv/IH-Länder aktuell – im Folgenden: Munzinger – 25/95)

[2] 1992, während einer Hungersnot im Süden, exportierte Sudan Hirse im Wert von 20 Mio. DM nach Libyen. (Munzinger 25/95)

[3] Munzinger 30/96.

[4] Sudan muß Düngemittel einführen, da die Inlandsproduktion zu gering ist. Wie bei Zement und Seife wäre eine größere Eigenproduktion möglich, doch der Mangel an Devisen und damit an Dieseltreibstoff und Ersatzteilen verhindert dies. 1990/91 wurden für 33,2 Mio. US$ Düngemittel und für 28,5 Mio. US$ Insektizide eingeführt, größtenteils finanziert durch internationale Hilfsorganisationen. (ebenda)

[5] ebenda

[6] ebenda

[7] Seit 1973 suchen westliche Ölgesellschaften im Sudan nach Öl. 1983 wird die amerikanische Chevron als erste fündig. Sie besitzt 80% der Konzessionen im Südwesten des Sudan. Der zuständige Geschäftsführer von Chevron soll die Auffassung vertreten haben, daß Sudan über mehr Ölreserven verfügt als Iran und Saudi-Arabien zusammen. Deshalb investierte das Unternehmen angeblich rund 10 Mrd. $ zur Erkundung der Öllagerstätten in Sudan… Nach der Ermordung von drei US-Bürgern 1985 verlassen die Amerikaner das Land. (FAZ 29.7.98) Ferner wird berichtet: Die französische Total besitzt die Ölkonzession im Süden. Zur Zeit bauen die Chinesen eine 1540 km lange Leitung von den Ölquellen im Süden des Landes zu dem am Roten Meer gelegenen Hafen Port Sudan. Die chinesische National Petroleum Corporation (NOCC) brachte bisher etwa 30000 Chinesen – unter ihnen auch Häftlinge – nach Sudan, die von rund 3000 chinesischen Soldaten bewacht und vor Übergriffen der Rebellen beschützt werden. Auch britische, argentinische. malaiische und ein qatarisches Unternehmen (Gulf Petroleum) helfen beim Aufbau der sudanesischen Ölindustrie. Im Norden von Khartum entsteht mit chinesischer Hilfe eine Ölraffinerie. Ab 1999 will Sudan täglich 150000 Barrel auf dem Weltmarkt verkaufen, ein Jahr später 250000. Die ausländischen Konzerne haben rund 1,6 Mrd $ investiert. Allein der Bau der Ölleitung kostet 1 Mrd. $. Ein französisches Unternehmen fördert 5 t Gold pro Jahr. Weitere Rohstoffe wurden entdeckt: Silber, Chrom, Bauxit, Uran, Platin, Kupfer, Zinn.

[8] 1988 sind rund 560000 Menschen an Unterernährung gestorben. 1991 betrug das Nahrungsmitteldefizit 1,2 Mio t. Nur mit internationaler Hilfe konnte ein Massensterben verhindert werden. (Munzinger 30/96)

[9] Bei den letzten Friedensgesprächen in Addis Abeba (Anfang August) einigten sich beide Seiten auf ein Referendum über die Zukunft der südlichen Provinzen. Keine Einigung wurde aber über die entscheidende Frage erzielt, wieviel Territorium zu den südlichen Provinzen dazu gehören soll. Nur wenige Tage später traf sich Garang mit den Führern anderer sudanesischer Oppositionsparteien in Ägypten. Der Sprecher des Zusammenschlusses dieser Parteien, der NDA, sagte danach: Die Teilung des Sudans sei nur für das sudanesische Militärregime von Nutzen, bringe aber der Opposition nichts … der Teilungsplan nutze weniger dem Frieden als vielmehr handfesten wirtschaftlichen Interessen sowohl des Khartumer Regimes als auch des Westens. (NZZ 14.8.98)

[10] Im eritreisch-sudanischen Grenzgebiet, in den Mahel-Agar-Bergen, bildet Israel sudanesische Oppositionelle im Guerilla-Kampf aus; dort unterhält es auch einen Spionageposten zur Überwachung der innersudanesischen Kommunikation. Dadurch erhofft sich Israel auch Aufschlüsse über die Ausbildung der Hamas.(vgl. FAZ 3.7.98) Bei dem Besuch Clintons in Afrika traf Frau Albright in Uganda den Rebellenführer Garang… (Sie versicherte ihm,) Washington wolle die islamisch-fundamentalistische Regierung zu Fall bringen. (FAZ 11.12.97) Während die Regierung in dem Guerrilla-Krieg um die Rohstoffe von den Golfstaaten unterstützt wird, versorgt Amerika über Nachschubbasen in Uganda (Gulu Air Base), Eritrea und Äthiopien die sudanesische Rebellen mit Waffen und Ausrüstung… (FAZ 29.7.98)

[11] Von einer den USA ergebenen Regierung in Khartum verspricht sich Washington auch, daß das amerikanische Kapital seine alten Rechte auf Ölförderung nun endlich zur Geltung bringen und an der Förderung der übrigen Rohstoffe maßgeblich teilnehmen kann.

[12] Die Rebellen haben sich als unfähig erwiesen, größere Städte wie Juba und Wau dauerhaft einzunehmen. Den Regierungstruppen aber gelingt es nicht, die Kontrolle auf dem Land zu übernehmen. Die Rebellen sind zudem untereinander entlang der ethnischen Grenzen in verschiedene, sich gegenseitig bekämpfende Gruppen zerfallen. Etliche selbsternannte Milizenführer haben mehrfach die Seiten gewechselt. (FAZ 30.7.98)

[13] Einer der Auslöser der jüngsten Krise im Sudan ist der fehlgeschlagene Angriff auf die Stadt Wau; die Truppen der Regierung konnten die Stadt verteidigen. Doch von da an war den Hilfsorganisationen der Weg in die Region verbaut. Besonders in Wau leidet die Zivilbevölkerung unter den Folgen, seit Mai sind 60000 Menschen auf der Suche nach Nahrung in die Stadt gekommen. Von den 25 Mill. Einwohnern des Sudan sind 4 Mill. auf der Flucht. Nur etwa 1,5 Mill. sind durch die OLS erreichbar. (SZ 1.8.98)

[14] Freilich wäre es Garang & Co noch lieber, wenn das Ausland sich stärker gegen Khartum wenden würde und der SPLA direkt Entwicklungsprojekte zukommen ließe. Deswegen wenden sie ein: Trinkwasser wird eingeflogen, statt in Südsudan zu bohren, bzw. dortiges Wasser aufzubereiten. (FAZ 30.7.98)

[15] Munzinger 36/96

[16] Der Spiegel 21/1998

[17] Das Parlament verabschiedete erstmals nach der Unabhängigkeit vor 42 Jahren eine Verfassung. In den 145 Artikeln wurde u.a. die Rede-, Religions- und Reisefreiheit sowie das Recht auf die Bildung politischer Parteien und Organisationen festgeschrieben. Neben der islamischen Rechtsprechung Scharia werden in dem größten Flächenstaat Afrikas auch nicht näher definierte Bräuche der vorwiegend christlichen oder animistischen Bevölkerung im Südsudan toleriert. (FAZ 29.3.98) Ferner berichtet das Blatt, die innenpolitische Unterdrückung habe abgenommen und es gebe oppositionelle Zeitungen. Die NIF versuche Oppositionsgruppen zu integrieren, die bisher mit den Rebellen Garangs eine Allianz eingegangen waren. (vgl. FAZ 4.8.98)


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