Aus der Reihe „Was Deutschland bewegt“
Haribo schließt Werk in Wilkau-Haßlau

Neuauflage einer nationalistischen Tragödie als Lakritz-Farce

Haribo schließt sein Werk in Sachsen, weil es nicht mehr in die Wachstumsstrategie des Konzerns passt. Damit sind 150 Angestellte ihren bisherigen Job und ihre Lebensperspektive los. Dazu stellt sich auch gleich der verkehrte Reim ein, mit dem die Betroffenen ihre Entlassung zu deuten pflegen. Der praktischen Klarstellung, dass ihre Arbeit die gültige Daseinsberechtigung verloren hat, nämlich Mittel des Geschäfts zu sein, begegnen sie unbeirrbar mit der Beschwerde, von verantwortungslosen Chefs ungerecht behandelt zu werden. Der Fall wäre wohl als Randnotiz völlig untergegangen, wenn nicht ein paar Volksvertreter die ­­Unzufriedenheit der Betroffenen erhört und auf die Ebene der Bundespolitik gezerrt hätten. Sie verschaffen den Beschwerden ein neues Gewicht – und stellen damit zugleich klar, was sie daran skandalös finden und als das entscheidende Problem definieren.

Aus der Zeitschrift
Dieser Artikel ist eine Vorabveröffentlichung aus der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-21, die am 19.03.2021 erscheint.
Systematischer Katalog
Länder & Abkommen

Haribo schließt Werk in Wilkau-Haßlau
Neuauflage einer nationalistischen Tragödie als Lakritz-Farce

Haribo, Weltmarktführer für Fruchtgummi und Lakritze, schließt sein Werk in Sachsen, weil es nicht mehr in die Wachstumsstrategie des Konzerns passt. Damit sind 150 Angestellte ihren bisherigen Job und ihre Lebensperspektive los. Dazu stellt sich auch gleich der verkehrte Reim ein, mit dem die Betroffenen ihre Entlassung zu deuten pflegen. Der praktischen Klarstellung, dass ihre Arbeit die gültige Daseinsberechtigung verloren hat, nämlich Mittel des Geschäfts zu sein, begegnen sie unbeirrbar mit der Beschwerde, von verantwortungslosen Chefs ungerecht behandelt zu werden. So weit, so normal, jedenfalls im Alltag einer Marktwirtschaft, zu der das schlicht als Schicksal und Lebenslüge der lohn­­abhängigen Menschheit dazugehört. Der Fall wäre wohl als Randnotiz völlig untergegangen, wenn nicht ein paar Volksvertreter die ­­Unzufriedenheit der Betroffenen erhört und auf die Ebene der Bundespolitik gezerrt hätten. Sie verschaffen den Beschwerden ein neues Gewicht – und stellen damit zugleich klar, was sie daran skandalös finden und als das entscheidende Problem definieren.

„Sabine Zimmermann (Die Linke) kritisierte, diese Standortschließung offenbare immer wieder dieselbe Strategie vieler Firmen im Osten Deutschlands: Fördermittel abkassieren, jahrelang nichts investieren und dann Standorte wegen vermeintlicher Unrentabilität schließen. Zimmermann: ‚So ist der Osten jahrelang abkassiert ­­worden.‘“ (bundestag.de)

„Auch Sachsens Regierung kämpft für den Standort. ‚Das ist eine fatale Entschei­­dung von Haribo, das einzige Werk im Osten schließen zu wollen‘, erklärte Wirtschafts­­minister Martin Dulig. ‚Und das erinnert mich fatal an die 90er-Jahre, wo schon mal im Westen entschieden wurde über den Osten. Jetzt ist es wieder so.‘“ (tagesschau.de)

Den Betroffenen stehen politische Anwälte bei, die die Schließung des Haribo-Werks zu etwas viel Gewichtigerem aufblasen: zu einem Exempel für das dreißig Jahre währende Verhältnis zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘. Die Erinnerungen an die ruinösen Folgen der Unterordnung der überkommenen gesellschaftlichen Reproduktionsmittel und -weisen des realen Sozialismus unter die Gesetzmäßigkeiten der bundesdeutschen Marktwirtschaft werden als ein vorgestelltes Unrecht ge­­genüber den sozialen Besitzständen der Ostdeutschen zur Sprache gebracht: Die entlassenen Haribo-Angestellten kommen neben anderen lohnabhängigen Schicksalen, die bedarfsweise herbeizitiert werden, als Mitglieder eines nationalen Unterkollektivs zu Ehren. Als patriotische Empörung über eine fortwährende Übervorteilung ‚des Ostens‘ durch ‚den Westen‘ gewinnt ihre soziale Un­­zufriedenheit ein bisschen Gewicht. Für den nationalistischen Standpunkt eines besonderen Menschenschlags, der den Verlust seiner Einkommensquelle sogleich als Anschlag auf sein gutes Recht auf Berücksichtigung interpretiert und den Staat ideell als helfende Hand in Anspruch nimmt, zeigen Ost-Politiker also erst einmal Verständnis.

„Aber der Staat hat einen sehr begrenzten Einfluss. Das verstehen viele Ostdeutsche nicht, sondern sie sind der Meinung, dass der Staat eingreifen und helfen muss. Wir führen am laufenden Band Gespräche. Nur, der Staat bezahlt nicht Unternehmen, um sie zu halten, er kann sie auch nicht dazu zwingen. Aber er kann mit Fördermitteln Innovationen unterstützen. Andere Erwartungen muss man ganz klar dämpfen.“ (Sachsens Wirtschaftsminister Dulig in FAZ, 8.12.20)

Allerdings müssen die als Ost-Volk Angequatschten sich darüber belehren lassen, dass sie einer realitätsfernen Vorstellung von politischer ­­Verantwortung für ihr Wohlergehen anhängen. Der „Ostdeutsche“ ist von seinem SED-Staat ­­offenbar so verhätschelt worden, dass er auch heute noch an nostalgischen Verirrungen, einem wirklichkeitsfremden Anspruchsdenken in Sachen sozialer Sicherheit festhält, auch wenn sein altes Gemeinwesen längst abgeräumt und durch die menschengerechteste aller Wirtschaftsweisen ersetzt worden ist. In der fällt nun mal das allgemeine Wohl mit der Freiheit privater Bereicherung von geschäftstüchtigen Kapitalisten und der davon abhängigen Freiheit aller anderen, sich im Dienst an deren Geschäften einen Lohn zu verdienen, zusammen. Sich etwas anderes von der Politik zu erhoffen, als das durch die Förderung von Wachstumsbedingungen möglichst gut ins Werk zu setzen, ist einfach ewiggestriges Wunschdenken.

Solch verständnisvolle Belehrungen sprechen natürlich nie gegen die marktwirtschaftliche Realität, mit der gegen überzogene Ansprüche argumentiert wird; sie sprechen auch nicht gegen die politischen Figuren, die diese Realität verwalten, sondern für die ehrliche Führerpersönlichkeit, die dem Ost-Volk solche realistischen Belehrungen erteilt und dafür dessen Vertrauen erntet. Das sollten sie jedenfalls. Dass dieser Tausch im Osten nicht zuverlässig funktioniert, macht Herrn Dulig und seinen Kollegen Sorgen:

„Gerade in Ostdeutschland gebe es eine hohe Identifikation mit der Arbeit; solche Entscheidungen führten zu Wut, Angst und Kränkungen bei den Betroffenen. Er warnt, dass dies politisch instrumentalisiert werden könnte.“ (proplanta.de)

Wirtschaftsminister Dulig, der sich nicht immer für die Erfolge der AfD rechtfertigen mag, mahnt,

„man sei in Zeiten der Verunsicherung. ‚Umso wichtiger ist es, dass wir Zeichen der Sicherheit geben. Denn ansonsten wird das auch auf dem Wahlzettel sich niederschlagen.‘“ (tagesschau.de)

Die Dummheit der leicht manipulierbaren Ostdeutschen darf man nicht der AfD als Beute überlassen. Darum sendet der Minister schon mal „Zeichen der Sicherheit“ – was auch immer das heißt. Mit politischer Instrumentalisierung ist das jedenfalls nicht zu verwechseln, solange die Überführung von „Wut, Angst und Kränkungen“ in den Ruf nach verantwortungsvoller Politik am Ende ihm und seiner SPD zugutekommt.