Die Goldhagen-Debatte

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Die Goldhagen-Debatte
Deutsche Holocaust-Forscher und Journalisten entdecken und bewältigen einen Tabubruch

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Der amerikanische Soziologe schildert den Antisemitismus der Deutschen und ihre Zustimmung zum Holocaust. Die BRD-Geschichtswissenschaft kritisiert sein Buch als „unwissenschaftlich“ bzw. seiner jüdischen Abstammung geschuldet, weil sie die Ehre des deutschen Volkes verteidigen will.

Die Goldhagen-Debatte
Deutsche Holocaust-Forscher und Journalisten entdecken und bewältigen einen Tabubruch

Seit einiger Zeit tobt eine seltsame Debatte durch den deutschen Blätterwald und die Talk-Landschaft; und sie will gar nicht mehr aufhören. Für Aufregung hat ein neues Buch über das Judenvernichtungsprogramm des nationalsozialistischen Deutschland und seine „willigen Vollstrecker“ gesorgt. Namhafte, durch eigene wissenschaftliche Forschungsarbeiten bzw. durch ihr fundiertes journalistisches Urteil ausgewiesene Sachverständige sehen sich zu einer „wissenschaftlichen Auseinandersetzung“ mit der Studie herausgefordert und beeilen sich festzustellen, daß sie nach eingehender Prüfung in ihr nichts Aufregendes entdecken können: „So ganz neu ist der Befund nicht“, „nichts Neues“, „der Ablauf des monströsen Geschehens ist bekannt“, „das Ergebnis ist mager, man kann auch sagen, es ist gleich Null“; „eine durch und durch mangelhafte Dissertation“, sie „genügt auch mittelmäßigen Ansprüchen nicht“, sie ist „nicht auf der Höhe der Forschung“; das Buch „ist einfach schlecht“, es wurde „viel zu viel Aufhebens“ von ihm gemacht, nach ihm „dürfte eigentlich kein Hahn mehr krähen“. Die Mitglieder der selbsternannten Prüfungskommission haben die Untersuchung des „jungen Assistenzprofessors aus Neuengland“ am „Stand der Forschung“ gemessen und durchfallen lassen. Eine gelungene Inszenierung professoraler Selbstgefälligkeit – und im übrigen ein gänzlich unpassender approach an die Gedanken des Holocaust-Forschers. Denn das Buch, das so gar nicht den Maßstäben genügen kann, die die Sachverständigen an die Forschung anlegen, enthält immerhin eine begründete Absage an eben diese Maßstäbe. Davon, daß es „mit großzügiger Geste vier Jahrzehnte Forschungsarbeit ignorieren“ würde, kann keine Rede sein, und sein Autor wundert sich zu Recht über die Behandlung, die ihm von Seiten seiner Kollegen widerfahren ist:

„Einige Kritiker werfen mir vor, ich ginge über die Arbeit und die Erklärungen anderer hinweg, ein Vorwurf, der bestenfalls irreführend ist. Was die Kritiker aber nicht sagen, ist, daß ich statt andere Erklärungen zu mißachten, den Nachweis führe, daß die konventionellen Erklärungen… als Erklärungen für die Handlungen der Täter und die anderen Grundzüge des Holocaust nicht ausreichen… Manche Kritiker präsentieren einige derselben Erklärungen, um meine Schlußfolgerungen zu kritisieren. Sie tun das aber, ohne meine wohlüberlegte Behandlung der gleichen Erklärungen anzuerkennen und ohne irgendwelche Argumente dafür, daß sie trotz der überwältigenden Gegenbeweise noch immer an ihnen festhalten. Eine erstaunliche Praxis.“

Der Stein des Anstoßes – Ein paar richtige Argumente gegen die Fragestellung der etablierten Faschismusforschung, ein absurder Nachweis und eine falsche Erklärung des Holocaust

Goldhagen ist aufgefallen, daß die Erklärungen seiner Kollegen, die sich der Frage widmen, warum sich für das staatliche Judenvernichtungsprogramm allemal genügend Exekutoren in der deutschen Bevölkerung gefunden haben, auf „einer Reihe zweifelhafter Annahmen“ beruhen. Er hat bemerkt, daß die angebotenen „Deutungsmuster“ – die Täter seien „gezwungen“, von Strafe bedroht oder „von blindem Gehorsam beherrscht“ gewesen, sie wären „unter dem enormen Druck der Kameraden gestanden“, hätten „ihre Karriere im Auge“ gehabt oder als „Rädchen im Getriebe“ nicht überblickt, was sie tun etc. – allesamt von der „Vermutung“ ausgehen,

„daß die Täter ihren Handlungen zumindest neutral, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstanden. Die Deutungen laufen also auf die Frage hinaus, wie man Menschen dazu bringen kann, Taten zu begehen, denen sie innerlich nicht zustimmen und die sie nicht für notwendig oder gerecht halten. Dabei ignorieren, leugnen oder verkleinern diese Interpretationen die nationalsozialistische oder andere von den Tätern vertretene Ideologien, die Bedeutung ihrer moralischen Werte oder die Vorstellungen über die Opfer als Quelle für die Mordbereitschaft der Täter.“

Goldhagen meldet begründete Zweifel an der etablierten Holocaust-Forschung an, die von der Unterstellung ausgeht, die seit dem verlorenen Krieg gültige moralische Verurteilung des Holocaust habe auch im nationalsozialistischen Deutschland gegolten; die sich mit dieser Unterstellung auf die Suche nach Gründen festlegt, wie das, was niemand gebilligt hat, dennoch geschehen konnte; und die mit dieser Fragestellung die mörderische Praxis des nationalsozialistischen Deutschland als Verstoß gegen die damals herrschenden Wertvorstellungen interpretiert. Er hält die angeführten Gründe, die diesen Verstoß verständlich machen sollen, überhaupt nicht für plausibel. Weder leuchtet ihm ein, daß für „ganz normale Menschen“, nur weil sie einen Befehl erhalten haben, sich an Mord und Totschlag zu beteiligen, deswegen auch schon „die Ausführung derartiger Befehle unproblematisch“ sein soll; noch meint er, daß dergleichen mit dem Hinweis auf den Wunsch der Täter, Karriere zu machen oder Kameraden nicht zu enttäuschen, theoretisch zu erledigen sind. Solche Erklärungen

„verkennen die Außerordentlichkeit einer Tat, wie sie die Massentötung von Menschen darstellt, oder erkennen sie zumindest nicht in ausreichendem Maße. Sie gehen von der Annahme aus, daß es grundsätzlich das gleiche sei, ob man Menschen zum Töten anderer Menschen veranlaßt oder ob man sie dazu bringt, irgendeine andere unerwünschte oder unangenehme Aufgabe zu erfüllen.“

Goldhagen macht darauf aufmerksam, daß „Menschen“ schon eine für sie unwidersprechliche, absolut gültige Rechtfertigung auf ihrer Seite wissen müssen, bevor sie zur Ausführung der Blutbäder bereit sind, die ihre Nationen verordnen – gerade wenn man die „Außerordentlichkeit einer Tat“ in Rechnung stellt, die nach den normalen moralischen Maßstäben des bürgerlichen Alltags für verwerflich gehalten wird. Er plädiert deswegen dafür, einmal unbefangen „mit dem kritischen Auge des Anthropologen“ an die Gesellschaft von damals heranzugehen, ihre herrschende Moral zur Kenntnis zu nehmen, statt ihr von vornherein dieselben moralischen Überzeugungen zu unterstellen, die heute jedes deutsche Schulkind mitbringt und aufsagt, wenn es die Konzentrationslager und Gaskammern von damals als „Verbrechen“ verurteilt. Und er hält fest, daß „die Täter… die Massenvernichtung der Juden für gerechtfertigt gehalten“ haben und eben nicht für ein Verbrechen; „sie wollten nicht nein dazu sagen“, sondern glaubten, gute Gründe dafür zu haben, ja zu sagen; „das Jüdische galt als schädlich und verderblich, wenn nicht gar als lebensbedrohend für alles Deutsche“; dieser Auffassung waren nicht nur Hitler und einige „vorpreschende antisemitische Polemiker“ und auch nicht nur deren „Vollstrecker“, sondern so ähnlich dachte die „gesamte deutsche Gesellschaft“; sogar die „liberalen“ „Freunde der Juden“, die damals die Juden dafür gewinnen wollten, „sich in Aussicht auf eine volle Integration in die deutsche Gesellschaft von ihrem Judentum loszusagen, sich von ihren Ursprüngen und ihrer Identität abzuwenden, um wahre Deutsche zu werden.“

Auch wenn Goldhagen mit solchen Aussagen dem Dogma der etablierten Faschismusforschung widerspricht – Geheimnisse deckt er mit ihnen keine auf. Sein über Hunderte von Seiten geführter Nachweis, daß der Antisemitismus im damaligen Deutschland „allgegenwärtig“ war, ist eine absurde Veranstaltung: Was er nachweisen will, kann überhaupt niemand „übersehen“ haben, weil es allgegenwärtig war, und bedarf deswegen keines Nachweises.

Mit seinem Nachweis unternimmt Goldhagen erstens einen unbrauchbaren Versuch, an der bisherigen Faschismusforschung eine Korrektur anzubringen. Er kritisiert gar nicht den Grund, der die Vertreter dieser Forschung absichtsvoll darüber hinwegsehen läßt, daß die Deutschen Judenfeinde waren: Seine Kollegen konstruieren einen Gegensatz zwischen dem mit einem moralischen Verdikt versehenen Verbrechen, das sich nur ein Führer ausdenken konnte, der „so wahnsinnig“ war, daß man ihn nicht als Repräsentanten des nationalen Willens ernstnehmen kann, und dem Willen der Deutschen, die auch im „dunkelsten Kapitel“ deutscher Geschichte der verbrecherischen Politik ihres Führers im Grunde immer zutiefst distanziert gegenübergestanden sind, weil sie begründen wollen, daß der nationale Wille auch unter Hitler seine moralische Integrität bewahrt hat.

Mit seinem Nachweis der „Allgegenwart des Antisemitismus“, seiner Zurückweisung der Unterstellung, die Deutschen hätten das Judenvernichtungsprogramm ihres Staates nicht gebilligt, bietet Goldhagen zweitens eine falsche Erklärung dieses Staatsprogramms an. Sie erschöpft sich in der Tautologie, daß die Deutschen die Juden vernichtet haben, weil sie sie vernichten wollten. Er stellt sich nicht einmal die Frage, wofür die Deutschen waren, die gegen die Juden waren. Goldhagen weigert sich, dem zum Staatsprogramm erhobenen Antisemitismus das Bedürfnis zu entnehmen, das Volk in „deutsche“ und „undeutsche“ Bestandteile auseinanderzusortieren; ein staatlicher Sortierungswille, der sich an den wachsenden Ansprüchen des auf einen Krieg hinarbeitenden Staats an sein Volk ausgerichtet hat, der von diesen Ansprüchen her „Fremdkörper“ und „Volksschädlinge“ ermittelt hat und der nach diesem Kriterium eine Auslese durchgeführt hat, die dem Staat einen garantiert ihm zugehörigen und bedingungslos ihm dienenden Volkskörper bescheren sollte.[1] Die Beantwortung der Frage, warum die deutsche Nation damals die Ausrottung der Juden als Akt der Staatsrettung gesehen und für nötig befunden hat, hätte Goldhagen den Zirkelschluß erspart, mit dem er diese Auslesepraxis verständlich zu machen versucht: Vom Resultat des durchgeführten Holocaust ausgehend postuliert er rückwärts, daß sich „in Deutschland eine bösartige und gewalttätige eliminatorische, also auf Ausgrenzung, Ausschaltung und Beseitigung gerichtete Variante des Antisemitismus durchgesetzt“ haben muß – daß der Antisemitismus in Frankreich und anderswo nicht zum Holocaust „geführt“ hat, liegt demzufolge nicht nur daran, daß dort das Staatsprogramm ein anderes war, sondern die Judenfeindschaft nicht so schlimm war wie in Deutschland. Womit die Besonderheit der deutschen Gesinnung zur Debatte steht: Die versucht Goldhagen wie manch anderer vor ihm per Rückgriff auf die besonders lange Tradition des Antisemitismus in Deutschland zu erklären – als wäre die Geschichte für das, was Staaten treiben, der Grund und nicht die Berufungsinstanz von Nationen, die auf ihre Rechte pochen und bei Bedarf mit jeder Tradition brechen.

Die Einwände der Kritiker – eindrucksvolle Bekenntnisse zu den wissenschaftlichen Verfahren der Vergangenheitsbewältigung

Die Empörung, mit der die deutsche Geisteswelt – Wissenschaftler und Journalisten und sogar Politiker bis hinauf zum deutschen Außenminister – auf das Buch reagiert, richtet sich gegen die „Kollektivschuld-These“, die Goldhagens Kritiker als Kern seiner Aussage ausgemacht haben. Es nützt nichts, daß Goldhagen schon in der Einleitung seines Buches den Versuch unternimmt, sich verständlich zu machen:

„Wir zögern ja auch nicht, die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, die in Vietnam kämpften, um die Ziele ihrer Regierung durchzusetzen, als „Amerikaner“ zu bezeichnen – und dies aus gutem Grund. Dasselbe gilt für den Holocaust. Die Täter waren in diesem Fall Deutsche, so wie die Soldaten in Vietnam Amerikaner waren, auch wenn nicht alle Staatsbürger die Bemühungen ihres Staates unterstützten.“

Seine Kritiker lassen es sich nicht nehmen, seine Untersuchung als den Versuch mißzuverstehen, jedem einzelnen Deutschen damals judenfeindliche Absichten nachzusagen. Sämtliche Beteuerungen des Autors, daß er solche Behauptungen in seinem Buch weder aufgestellt hat noch mit ihm hat nahelegen wollen, prallen gegen eine Wand. Seine Kritiker denken gar nicht daran, damit die Sache auf sich beruhen zu lassen. Sie konstruieren sich zurecht, mit welchem „absonderlichen“ „Umkehrschluß“ Goldhagen auf seine ungeheuerliche „Kollektivschuld-These“ gekommen sein muß: „Daß die Mörder gewöhnliche Deutsche waren, kann nicht bedeuten, daß (alle) gewöhnlichen Deutschen Mörder waren.“ Und sie lassen mit ihren Interpretationskünsten nicht locker, bis sie sich dazu vorgearbeitet haben, was Goldhagen mit dieser „These“ „offenbar gemeint“ haben muß: daß die Deutschen „auf ewig und immerdar“ „Killer“ sind und ihnen dies „in den Genen steckt, wie Goldhagen offenbar meint“. Auch glaubhafte Versicherungen des Autors, daß sein Buch über Hitlers Deutschland keinerlei Rückschlüsse auf die heutige deutsche Demokratie und ihre Bürger enthält oder rechtfertigt – Versicherungen, die deswegen so glaubwürdig sind, weil er ein ausgesprochener Fan der heutigen Deutschen und ihrer Demokratie ist –, können nichts daran ändern, daß seine Kritiker das Buch als Angriff auf das heutige Deutschland wahrnehmen und als solchen zurückweisen. Stellt sich die Frage, warum sich die geistigen Vertreter des heutigen Deutschland von Goldhagens Behauptungen über das Deutschland der Nazis peinlich berührt sehen – schließlich distanzieren sie sich selbst von den „Verbrechen der Nazis“.

Das allerdings tun sie so, daß sie den Holocaust und alles, was sie sonst noch am Dritten Reich verwerflich finden, als Taten eines dem Wahnsinn verfallenen Führers deuten und damit zu einem Stück undeutscher Geschichte erklären. Mit dieser Ausgrenzung bestehen sie auf einer deutschen Geschichte, in der ihre Nation in der Hitler-Zeit fortbestanden hat. Nicht Goldhagen, sondern sie insistieren auf der ehrwürdigen Tradition ihrer Nation, die das deutsche Volk auch unter und vor allem gegen Hitler gewahrt haben soll. Das ist der wunde Punkt in der deutschen Vergangenheitsbewältigung, an den Goldhagen mit seinen wenig vorteilhaften Aussagen über die Deutschen damals rührt. Daß Goldhagen diese Deutschen, auf die sich das heutige Deutschland als Bestandteil seiner Vergangenheit beruft, unbefangen Judenfeinde nennt, hat die Kritiker auf den Plan gerufen. Mit dem Handwerkszeug ihrer Wissenschaft sorgen sie für eine differenzierte Sicht der Dinge.

Ihr Vorwurf Nr.1: Goldhagen verallgemeinert

Er spricht von „den“ Deutschen, obwohl „nicht alle“ Deutschen Mörder waren, den Judenmord billigten, von ihm wußten. – „Die“ Deutschen zum Subjekt von Urteilen zu machen, in denen es um den Holocaust geht, ist nach allen Regeln, die sich ihre Wissenschaft aufgestellt hat, einfach „undifferenziert“. Als wäre das Kollektiv, das Goldhagen als Subjekt des Holocaust benennt, nur das Ergebnis einer unzulässigen Gedankenoperation, insistieren seine Kritiker mit ihrem Vorwurf der Verallgemeinerung darauf, daß berechtigterweise nur von „einigen oder auch vielen“ Deutschen, jedenfalls immer nur von einzelnen Angehörigen – man fragt sich schon welchen Kollektivs: – der deutschen Nation die Rede sein kann. Daß nicht alle Deutschen Mörder waren, entblöden sich die Kritiker nicht, mit dem geistreichen Hinweis auf einzelne hervorragende, eben überhaupt nicht repräsentative Exemplare dieses Kollektivs zurückzuweisen – „integre, glaubwürdige Zeitzeugen wie Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt hätten versichert, von der Judenvernichtung vor 1945 nichts gewußt, den Namen Auschwitz erst nach Krieg gehört zu haben“. Damit ist für sie erwiesen, daß Goldhagen eine wissenschaftlich nicht ausreichend abgesicherte These vertritt und ein mißlungener Beitrag zu ihrer Holocaust-Forschung vorliegt. Denn die legt sich nun einmal auf die Frage fest, wie viele Deutsche und wie sehr sie in die „Verbrechen“ der Nazis „verstrickt“ waren, die sie so nicht gewollt haben können. Dem Vorwurf an Goldhagen, es „versäumt“ zu haben, diese Frage „differenziert“ zu beantworten, läßt sich so wenigstens entnehmen, wie sich seine Kritiker in ihrem Forscherleben um die wissenschaftliche Untersuchung des Holocaust verdient machen: Sie ermitteln – berichten sie, um das „Versäumnis“ Goldhagens so richtig vor Augen zu führen – „die Zahlen“ der Mitmacher und Mitwisser; sie berücksichtigen dabei „den Unterschied von Wissen, Ahnung und Vermutung“; und sie unterscheiden „Grade von Antisemitismus“ – was „gewiß schwierig ist, da die Intensität von Antisemitismus kaum meßbar ist“. Sicher darf man davon ausgehen, daß sie keine Anstrengung scheuen, um solche bei der Quantifizierung schuldhaften Verhaltens auftretenden Schwierigkeiten zu bewältigen. Und man darf auch davon ausgehen, daß sie der Vorwurf nicht trifft, sie würden dabei als „akademische Verharmloser“ zu Werk gehen: „Schonungslos“ decken sie die „Wahrheit“ auf, daß „viele“, „Zehntausende“, sogar „Millionen“, womöglich „fast alle“ Deutschen an der Schandtat irgendwie beteiligt waren oder von ihr irgendwas geahnt haben – und begehen dabei die gezielte logische Verwechslung der Allgemeinheit des Urteils mit Allaussagen, wenn sie die Berechtigung jedes Urteils über die Taten der Nation damit in Frage stellen, daß nicht alle ihre Angehörigen dabei waren. Sie müssen sich vorwerfen lassen, daß sie sich mit all diesen theoretischen Anstrengungen standhaft weigern, die Sache zu erklären oder auch nur zum Thema zu machen, an der die Deutschen damals mitgewirkt haben; sie unterstellen sie, wenn sie der Frage nachgehen, wie groß die Beteiligung an ihr war.

Das Aufwerfen der Schuldfrage – und zwar in relativierender Absicht: Nein, es waren nicht die, weil nicht alle Deutschen – ist die erste Technik, mit der es der deutschen Historikerzunft gelingt, über den Holocaust Urteile zu fällen, ohne ihn als politisches Unternehmen der deutschen Nation zu würdigen. Mit der moralischen Verurteilung des Holocaust, die sie voraussetzt, wenn sie diese Frage aufwirft, erübrigt sich für sie jedes Urteil über Grund und Zweck dieses Unternehmens. Und mit dieser Verurteilung soll sich auch für jeden anderen die Nachfrage nach den Gründen dieses Unternehmens erledigen. Bereits die korrekte Nennung des nationalen Subjekts, das es betrieben hat, die Deutschen, ihr Führer und sein Volk, und erst recht jede nähere Auskunft über den Willen dieses Subjekts, die sich in Goldhagens Buch finden läßt, nimmt diese Zunft daher als nicht hinnehmbaren Verstoß gegen ihre guten Sitten wahr.

Vorwurf Nr. 2: Goldhagen vergleicht nicht

„Nicht nur“ die Deutschen waren Antisemiten; „nicht nur“ der Antisemitismus führt zum Völkermord. Wieder lassen sich die wissenschaftlichen Kritiker durch keine noch so wohlmeinende Entgegnung des Autors bremsen:

„Es ist wohl wahr, mein Buch stellt keinen umfassenden Vergleich mit anderen Völkermorden an – was aber nicht weiter überrascht, handelt es sich doch um ein Buch über den Holocaust.“

Mit dieser Entgegnung entlarvt Goldhagen nur schon wieder seine „undifferenzierte“ Denkungsart. Als hätte er in seinem Buch bestritten, daß Völkermorde auch „anderswo“ vorkommen, belehren ihn seine Kritiker diesbezüglich eines anderen. Dafür erhält er von ihnen nun Zuspruch für eine Behauptung, die er nicht aufgestellt hat:

„Ja, Völkermord ist das normale Werk normaler Leute. Es ist aber keine ‚deutsche Krankheit‘, die anderswo nicht auftreten könnte.“

Da zeigt sich, was ein Vergleich alles leistet. Zumindest der, den Goldhagen „versäumt“ hat anzustellen und den seine Kritiker mit ihrem Hinweis auf andere Länder und andere Zeiten nicht nur anmahnen, sondern auch schon vollendet haben: Mit ihm schaffen es deutsche Holocaust-Forscher nicht nur, von allen Besonderheiten zu abstrahieren, die den deutschen Nationalismus dazu bewegt haben, die Juden zu vernichten. Durch die Gleichsetzung des Holocaust mit allen möglichen sonstigen Untaten der Weltgeschichte, die sie noch nicht einmal aufzuführen brauchen, sondern die sich jeder einfallen lassen mag, gelingt es ihnen auch noch, davon abzusehen, daß Völkermorde im allgemeinen das Werk von Nationen und ihrer Anhänger sind. Mit ihrem Vergleich erarbeiten sie sich jene Abstraktionsstufe, auf der sie nur mehr „normale Leute“ am Werk sehen – was sie nicht zur Kritik dieser Normalität schreiten läßt! – und die „banalen“, „leider Gottes menschlichen Dimensionen“ des Holocaust erkennen, der letztlich „vielleicht durch menschliche Schwäche“ zu erklären ist. Solche Abstraktionen halten sie nicht für „undifferenziert“ und für keine unzulässigen „Verallgemeinerungen“.

Der nicht durchgeführte Vergleich, durch den weder Gemeinsamkeiten noch Unterschiede ermittelt werden sollen, ist die zweite Argumentationstechnik, mit der es den deutschen Faschismustheoretikern gelingt, ihr Thema von seinem politischen Gehalt zu trennen. Mit ihm gehen sie über zu den schicksalhaften Abgründen des Ewigmenschlichen, über die sich prächtig philosophieren läßt und an denen sich so schön das Thema „Verantwortung“ in seiner doppelten Bedeutung abhandeln läßt: Verantwortlich machen lassen sich die Deutschen für ihre Vergangenheit nicht, aus der ihnen eine besondere, bei politischem Bedarf jederzeit abrufbare Verantwortung erwächst. Weil diese ideologischen Leistungen ihres Vergleichswesens von ihnen bezweckt sind, sind sie der Auffassung, daß sich das Vergleichen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust auch für jeden anderen gehört. Dem nicht Rechnung getragen zu haben – „es fehlt der Vergleich“ –, reicht jedenfalls völlig zur Begründung ihres vernichtenden Urteils über ein Buch, das sich erlaubt, schon im Untertitel ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß eben nicht „ganz gewöhnliche Menschen“, sondern „ganz gewöhnliche Deutsche“ die Endlösung der Judenfrage für nötig hielten.

Vorwurf Nr. 3: Goldhagen vereinfacht

Der Antisemitismus war „nur ein“ Faktor, der zum Holocaust führte, „wo doch x andere Faktoren eine Rolle gespielt haben“. Damit, daß sein Erklärungsversuch „monokausal“ ist, ist alles Nötige gesagt; schon gleich über einen, der diesen Einwand mit dem schlichten Argument nicht gelten läßt:

„Viele schreckliche und komplizierte Resultate haben einfache Ursachen.“

Goldhagens Kritiker bestreiten nicht, „daß der Antisemitismus in der Nazi-Zeit höchst virulent war“ – jedenfalls nicht in ihrer Mehrheit; die Zeiten, in denen mancher deutsche Wissenschaftler die „Zahlen“ etwas geschönt hat, sind ja immer noch nicht vorbei. Aber sie halten es für ganz und gar „undifferenziert“, das faschistische Feindbild vom jüdischen Volksverderber so ohne weiteres in einen ursächlichen Zusammenhang mit der Judenvernichtung zu bringen:

„Für ihre systematische Vernichtung, so neuere Forschungsarbeiten, reichte Judenhaß allein nicht aus.“

Da mußte noch alles Mögliche „hinzukommen“, bis das „Unfaßliche“ geschehen konnte.

Hitler sei, lassen Goldhagens Kritiker wissen, „nicht wegen, sondern trotz seines Antisemitismus zur Macht gekommen“. Ein sehr dialektischer Einwand gegen die Behauptung, daß es antijüdisch fanatisierte Deutsche waren, die Hitler gewählt und ihm zugejubelt haben. Was dem Einwand durchaus zu entnehmen ist, daß Hitlers Judenvernichtungs-Propaganda der allgemeinen Begeisterung für diesen Politiker keinen Abbruch tun konnte, spricht nämlich nicht gerade dafür, daß da nennenswerte Widerstände vorhanden gewesen sind. Eher schon belegt es, daß für die Massen damals ihre eigene judenfeindliche Gesinnung und die von Hitler demonstrierte Entschlossenheit, der daniederliegenden Nation wieder zu ihren Rechten zu verhelfen und mit Deutschlands inneren und äußeren Feinden abzurechnen, nicht groß auseinanderlag. Nachträglich wird dazwischen ein Gegensatz konstruiert. Und zwar mit dem Argument, daß die Deutschen ganz andere Gründe als ihre Judenfeindschaft hatten, von ihrem Führer begeistert zu sein:

Wenn Hitler damals gestorben wäre – damals, als das Unfaßliche noch nicht geschehen, aber von Hitler schon längst öffentlich zur Staatsnotwendigkeit erklärt war –, hätte kaum einer gezögert, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen zu nennen.

Die Kritiker, die heute ganz unbefangen die Leistungen, die dieser Staatsmann zur Rettung Deutschlands vollbracht hat, als guten Grund dafür anführen, daß sich die Bevölkerung durch seine antisemitische Hetze nicht von ihm abbringen ließ, hätten jedenfalls kaum gezögert. Nur eines läßt sie auf Distanz zu Hitler gehen: Der Holocaust hat ihn als respektablen Staatsmann unmöglich gemacht – als gäbe es gar keinen Zusammenhang zwischen den ehrenwerten nationalen Anstrengungen zur Wiederherstellung deutscher Stärke und Weltgeltung bis zum totalen Krieg und der „unfaßlichen“ Ausrottung „unnationaler Elemente“ im deutschen Volkskörper.

Diesen Schritt Hitlers allerdings, wenden die Kritiker gegen Goldhagen ein, konnte damals niemand „vorhersehen“: Niemand konnte ahnen, daß es Hitler ernst meinte mit seiner schon frühzeitig in „Mein Kampf“ gemachten Empfehlung, „rechtzeitig 12000 dieser Volksverderber unter Giftgas“ zu halten. Angesichts einer so unklaren Quellenlage findet es die Wissenschaft heute noch „außerordentlich schwierig, Hitler nachzuweisen, daß er die Vernichtung der Juden… offen verlangte“. Denn besagte Empfehlung ist, wie neuere Forschungsanstrengungen zeigen, „eine Äußerung, die im Rahmen des herkömmlichen rhetorischen Antisemitismus verbleibt“. Gerade weil es so üblich war, daß Politiker damals mit ihrer Entschlossenheit, Volksschädlinge auszumerzen, für sich geworben haben, so ihr Argument, soll niemand an die „praktische Umsetzung der Vernichtungsmetapher“ geglaubt haben können, die Hitler „unablässig gebrauchte“. Daß das Volk, bei dem die Politiker – und nicht nur Hitler! – damals mit ihrer Judenhetze angekommen sind, selbst entsprechend gelagert gewesen sein muß, verhehlen Goldhagens Kritiker nicht, wenn sie mitteilen, daß da wohl eine als gelungen empfundene „Rhetorik“ und „Metaphorik“ verfangen hat. Sie bestreiten nur, daß das zu Einwänden gegen dieses Volk berechtigen könnte, indem sie die antijüdische Hetze als bloßes Wortgeklingel abtun und ihr die vollzogene Tat entgegensetzen. Mit dieser Entgegensetzung schaffen sie es, daß nicht einmal die dann konsequent in die Praxis umgesetzte Judenfeindschaft als Einwand gegen das damalige Deutschland zählt – und unterhalb der vollzogenen Massenvernichtung der Juden wollen sie gleich gar keinen Einwand gegen das faschistische Weltmachtprogramm gelten lassen.

Denn selbst als aus der antijüdischen Propaganda längst mehr geworden war, konnte sich das deutsche Volk aus der heutigen Sicht der Wissenschaft noch keinen Reim auf sie machen:

„Es bedurfte wohl einer klaren Oppositionshaltung gegenüber dem Regime, um als Außenstehender das Schicksal der deportierten Juden sicher zu erschließen“.

Man hätte damals gegen Deutschland sein müssen, um gegen seine Judenpolitik sein zu können, lautet das Argument, mit dem Goldhagens Kritiker einer „klaren Oppositionshaltung“ keineswegs das Wort reden wollen. Vielmehr werben sie weiterhin um Verständnis für die guten Deutschen, die auch in den bereits stattfindenden Deportationen noch keinen Grund gesehen haben, von ihrer Vaterlandstreue Abstand zu nehmen. Den hätten sie nach Ansicht der Faschismus-Forscher erst gehabt, wenn ihnen jemand verläßlich mitgeteilt hätte, daß die Deportierten in den Gaskammern landen.

Doch das war damals von niemandem absehbar: Was mit dem Holocaust endete, war nämlich neueren Forschungsergebnissen zufolge „keine von langer Hand geplante Aktion“, sondern das Resultat eines vergeblichen Ringens mit Sachzwängen, das mit ein paar von Hitler unbedacht ausgesprochenen „Vernichtungsvokabeln“ begonnen hat – „dann sind andere gekommen und haben gefragt: Was ist nun? Da kam Hitler unter Zugzwang“ –, in dem dann die Sachzwänge die moralischen Widerstände der Deutschen gebrochen haben und in dem sich Deutschland schließlich geschlagen geben mußte:

„Die moralischen Hemmungen, die selbst bei den hartgesottenen SS-Führern bestanden, welche das Rassenvernichtungsprogramm vorantrieben, kamen in dem Tatbestand zum Ausdruck, daß man in der ersten Stufe daran dachte, die nicht arbeitsfähigen jüdischen Opfer in die Pripjetsümpfe zu treiben, um sie dort verhungern zu lassen.“

Man versucht sich besser nicht zu erklären, was da worin „zum Ausdruck“ kommt! Erst als „am Ende alle Deportationsprojekte gescheitert“ waren – argumentieren die Goldhagen-Kritiker weiter –, z.B. an nicht zu bewältigenden „Transportproblemen“, mußte Deutschland anerkennen, „daß sich die Massenvernichtung als Ausweg einer Kette von spektakulären Fehlschlägen letzten Endes aufdrängte“. Es setzte sich, wo sich das schon mal „aufgedrängt“ hatte, „die pseudomoralische Vorstellung durch, daß die fabrikmäßige Ermordung in den bald darauf entstehenden Vernichtungslagern eine „humanere“ Methode der Liquidierung sei“. Das „löschte letzte Hemmungen aus“.

Wohlgemerkt: Hier redet niemand im Fieberwahn, sondern die deutsche Wissenschaft in Gestalt ihrer Vertreter von Rang und Namen, die mit solch „differenzierten“ Argumenten Goldhagens „monokausale“ Erklärung, daß die Judenvernichtung die praktische Konsequenz des deutschen Antisemitismus war, widerlegen: Sie bestreiten, daß sie seine Konsequenz gewesen ist, mit dem lückenlosen Nachweis, daß sie seine letzte Konsequenz war.

Das ist die dritte Argumentationstechnik, mit der die Wissenschaft den nationalen Willen des nationalsozialistischen Deutschland von seiner mörderischen Praxis trennt. Mit ihrem Nachweis, daß da zahllose „Faktoren“ im Spiel und notwendig waren, bis die antijüdische Staatspropaganda schließlich in der Judenvernichtung ihr Ziel finden konnte, relativiert sie den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem von höchster Stelle verkündeten nationalen Willen und seinem Vollzug, indem sie diesen Willen selbst zu bloß einem Faktor unter anderen herabsetzt. Dabei läßt sie sich überhaupt nicht davon stören, daß alle sonstigen „Faktoren“, die sie zur Relativierung dieses ursächlichen Zusammenhangs ins Feld führt, den unbedingten Willen der damaligen Staatsführung und ihres Volkes, mit den Juden endgültig fertig zu werden, in so brutaler Weise als vorhanden unterstellt, daß sie letztlich zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser Wille selbst der Sachzwang gewesen ist, der zur Judenvernichtung „führte“.

Das ist einerseits nichts Neues für eine Faschismustheorie, die seit ihren Anfängen die nachträgliche moralische Verurteilung des Holocaust zur allgemeinen Geisteshaltung der Deutschen damals erklärt, damit eine Scheidelinie zwischen Hitlers „Verbrechen“ und seinem Volk zieht und auf diese Weise ihre Distanzierung von den „Untaten“ der Nazis zum Argument für die deutsche Nation macht, die sie im auch unter Hitler moralisch intakt gebliebenen Volkswillen verkörpert sieht. Andererseits ist es schon bemerkenswert, wie die Vertreter dieser Theorie ihre Abgrenzungsbemühungen erläutern, wenn sie sich durch peinliche Erinnerungen an den judenfeindlichen Geist des die nationale Ehre repräsentierenden Volks genötigt sehen, sie zu rechtfertigen. Dann setzen sie ihre Bemühung fort, den im Volk verkörperten nationalen Willen von der verwerflichen Tat abzugrenzen, indem sie ihre Scheidelinie neu ziehen. So nämlich, daß sie diesen Willen mitsamt seiner erklärten Judenfeindschaft der durchgeführten Judenausrottung entgegensetzen. Mit dieser Entgegensetzung bestehen sie immer deutlicher darauf, daß das einzig Verwerfliche an der deutschen Vergangenheit eine endgültig von niemandem zu verantwortende Tat ist – von der distanzieren sie sich entschieden! Und sie verbitten es sich, daß andere das anders sehen.

Die Würdigung der Autorenpersönlichkeit – ein Lehrstück darüber, wie Nationalisten ein Feindbild konstruieren

In der Debatte über Goldhagens Buch werden deswegen bemerkenswerte Übergänge gemacht. Seine wissenschaftlichen Kritiker versäumen es nicht, die Öffentlichkeit darüber zu unterrichten, daß der Autor a) Amerikaner und b) ein Jude ist; ein „amerikanischer Jude“, ein „jüdischer Gelehrter“, „Sohn eines aus Rumänien stammenden jüdischen Historikers“. Solche Hintergrundinformationen sind keineswegs überflüssig. Zumindest für eine Zunft von Wissenschaftlern, die ihren ideologischen Auftrag darin sieht, die Ehre ihrer Nation theoretisch zu verteidigen, die daher auch ihre eigene Ehre angegriffen sieht, wenn sie die ihrer Nation durch ein kritisches Buch über deren Vergangenheit verletzt sieht, und die daraus ihr Recht ableitet, den Autor dieses Buches als Gegner ihrer Nation anzugreifen und an den Pranger zu stellen. Daß Goldhagen – im Unterschied zu manchem Vorzeige-Juden, der in Deutschland dafür bezahlt und geschätzt wird, daß er „als Jude“ für die deutsche Nation Propaganda macht! – an keiner Stelle seines Buchs mit dem Hinweis auf seine jüdische oder sonstige Herkunft argumentiert, hindert seine deutschen Kontrahenten überhaupt nicht daran, seine Herkunft gegen ihn und gegen seine Untersuchung zum Argument zu machen. Mit diesem Hinweis erteilen sie sich das Recht, ihre Sorte wissenschaftlicher Auseinandersetzung für beendet zu erklären und den Übergang zur Motivforschung zu machen.

Deren Ergebnis steht mit ihrem Ausgangspunkt fest: Goldhagens Untersuchung wird als Produkt eines Rufschädigers entlarvt, dem es „darum (geht), die Deutschen für das kommende Jahrhundert wieder auf einen Sonderweg festzulegen.“ Der Befund läßt sich durch ihm angemessene Erläuterungen jedoch durchaus noch verdeutlichen. Einem, der den Ruf Deutschlands schädigen will – wie gesagt: Goldhagen redet über das Deutschland von damals! –, vorzuwerfen, er wolle sich „profilieren“, also niedere Absichten zu unterstellen, ist da noch eine harmlose Übung. Die wirft allerdings die Frage auf, bei wem man sich mit so einem Buch profilieren kann. Da es in Amerika einigen Beifall in der Presse gefunden hat, läßt die nächste Unterstellung nicht auf sich warten, daß es „mit Blick auf ein amerikanisches Publikum geschrieben“ worden sein muß. Hintergrundinformationen darüber, daß in Amerika „die meist jüdischen Kolumnisten“ die Meinungsbildung monopolisieren, können also nicht schaden. Womit auch das Urteil über den dort vorherrschenden Geisteszustand feststeht:

„Goldhagens Buch läßt Fragen offen. Darunter die nach dem intellektuellen Zustand einer Gesellschaft, die solche Thesen für einen gedanklichen Fortschritt hält.“

Und da diese Frage nun schon mal im Raum steht, muß sie ein anderer beantworten:

„Goldhagens Buch ist vor allem ein Symptom inneramerikanischer Identitätsstiftung.“

Eine psychologische Diagnose über ein anderes Volk, die deswegen ziemlich interessant ist, weil sie von Leuten gestellt wird, die sich mit der Interpretation ihrer nationalen Vergangenheit gerade um die eigene „Identitätsstiftung“ verdient machen: Bei anderen Nationen wissen sie ganz genau, daß deren „Identität“ sich gegen andere Nationen definiert. Nur bei ihrer eigenen wollen sie es nicht wissen, sie praktizieren es nämlich.

Z.B. wenn sie ihre „Identität“ mit den Deutschen unter Hitler, auf der sie bestehen, durch unbequeme Auskünfte über deren antisemitischen Geist verletzt sehen. Dann liegt für sie ein Verdacht nahe:

„Nach dem Antisemitismus nun Rassismus unter umgekehrtem Vorzeichen?“

Dieser Verdacht bedarf keiner Bestätigung, weil er aus Gründen naheliegt, die sowieso nicht in Goldhagens Buch zu suchen sind. Daß einer, der den Antisemitismus im Dritten Reich bedenklich findet, einen antideutschen Rassismus vertreten muß, steht für seine Gegner fest, weil sie auf eine „Identität“ der Deutschen pochen, die auch die Antisemiten damals umfaßt. Dank ihres eigenen deutschen Rassismus können sie Goldhagen ohne Schwierigkeiten als antideutschen Rassisten identifizieren, und dieser Befund gibt ihnen zu schlimmen Befürchtungen Anlaß:

„Auch ist die Befürchtung, daß das Goldhagen-Buch den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder beleben könnte, leider nicht ganz von der Hand zu weisen.“

Man sieht also: Goldhagens Gegner haben nichts gegen Juden. Sie können es sich nur gut vorstellen, daß das Buch eines Juden, in dem sie undeutsches Gedankengut ausgemacht haben, in manchem deutschen Zeitgenossen den Haß auf die Juden hochkommen läßt. Wobei nachzutragen bleibt, daß es ihre eigene Leistung ist, von ihrer verletzten nationalen Identität ausgehend im Schriftsteller Goldhagen eine andere feindselige völkische Identität am Werk zu sehen. Noch schöner ist es freilich, wenn diese Leistung von einem deutschen Professor erbracht wird, der nicht nur deutsch-national denkt, sondern dies auch noch „als Jude“ tut. Nur so einer kann Goldhagens Behauptungen, die ihn als Deutschen stören, als „unjüdisch“ zurückweisen. Nur so einer kann mit seinem feinen deutsch-jüdisch-israelischen Sensorium überhaupt wahrnehmen, daß in Deutschland in letzter Zeit „die Kritik an Israel harscher und giftiger“ geworden ist, anschließend die Frage aufwerfen: „Sollte dies die bewußte oder unbewußte Reaktion auf die Goldhagen-Debatte sein?“, um Goldhagen für diese hypothetische „Reaktion“ auf sein Buch verantwortlich machen zu können:

„Sollte diese Vermutung zutreffen, hätte der amerikanische Jude Goldhagen dem jüdischen Staat, den übrigen Juden und dem deutsch-jüdisch-israelischen Dialog einen Bärendienst erwiesen.“

Die Debatte über die Debatte – Klarstellungen der Veranstalter, ihren über jede Kritik erhabenen Nationalismus betreffend

Die geistigen Vertreter der deutschen Nation führen die Debatte nicht nur. Sie erklären ihrem Publikum außerdem auch noch, was es zu bedeuten hat, daß sie sie führen. Ganz wichtig ist ihnen der Eindruck, den sie und ihr Widerpart in der Debatte hinterlassen haben und der womöglich zurechtgerückt werden muß. So keimt in manchem Journalisten die Sorge auf, daß Goldhagens „Kritiker als Leute da(stehen), die mit unangemessenem Vokabular über einen hergefallen sind, der nichts anderes Böses getan hat, als sich mit den Tätern des Holocaust zu beschäftigen und unausgesprochen die Schuldfrage wieder in den Raum zu stellen.“ Da die Kritiker eben deswegen über Goldhagen hergefallen sind, läßt sich die Sorge, sie könnten damit schlecht dastehen, nur in einer Weise verstehen. Mit ihr wird das Bedürfnis angemeldet, jenseits der Argumente, die in der Debatte gefallen sind, klarzustellen, daß die Debatte nicht die deutschen Kritiker, sondern Goldhagen ins Unrecht gesetzt hat. Diese Klarstellung beginnt z.B. mit der Befürchtung, durch „unbedachte Äußerungen“ der Kritiker könnte der umgekehrte Eindruck entstanden sein – Äußerungen, die natürlich inhaltlich völlig in Ordnung gehen. Journalisten erlauben sich deswegen, das Ergebnis der Debatte dahingehend zusammenzufassen, daß sich „das kritische Urteil“ der deutschen Historiker über Goldhagens Buch als berechtigt erwiesen habe, und bringen die Legende in Umlauf: „Goldhagen revidierte und präzisierte seine überzogenen Schlußfolgerungen“ – jene Schlußfolgerungen auf die heutigen Deutschen nämlich, die ihm seine Kritiker unterstellt haben: Die Interpreten der Debatte erledigen Goldhagen, indem sie seine Argumente für erledigt erklären. Damit sind sie mit der ersten Hälfte ihrer Klarstellung fertig und auf die zweite bestens vorbereitet.

In Kommentaren, die unter dem Titel „Das Goldhagen-Phänomen“ erscheinen, widmen sie sich dem „Paradox“, daß „trotz“ der berechtigten Kritik der Wissenschaft „Autor wie Werk auf ein äußerst lebhaftes Interesse des Publikums“ treffen. Die Beantwortung dieser Frage gibt ihnen nämlich Gelegenheit, den Grund der Aufregung, für die das Buch gesorgt hat, mit einer ihnen angenehmen Deutung zu versehen. Dazu erklären sie ihrem Publikum, daß Goldhagens Untersuchung „nicht in erster Linie wissenschaftlich, sondern moralisch argumentiert“ – ausgerechnet an einem Buch will ihnen das auffallen, das ausnahmsweise einmal über die Staatsmoral urteilt und nicht von ihren Maßstäben her denkt. Die Wissenschaftler hätten mit ihren strengen, aber gerechten Maßstäben „übersehen“, daß das „theoretisch anspruchslose“ Buch „nicht analytisch, sondern erzählend“ sei; und da sie das nicht übersehen, gewinnen sie ihm völlig neue Qualitäten ab: Seinem Autor attestieren sie ein gewisses schriftstellerisches Talent, mit dem es ihm gelungen sei, in „einigen eindringlichen Passagen“ in „zutiefst verstörender“ und „erschütternder Weise“ „entsetzliche Einzelheiten“ des „Grauens“ zu schildern und in einer „Eindringlichkeit und Anschaulichkeit“ „das Entsetzen spürbar“ zu machen, dem sich kein anständiger Mensch entziehen kann und das „jeden Erforscher des Holocaust zu wichtigen Fragen“ zwingt. Die Betroffenheit über das „entsetzliche Verbrechen“ soll also der Grund der aufgeregten Debatte gewesen sein. In diesem Licht betrachtet, zeugt die ganze Debatte von dem lebhaften Bedürfnis der Deutschen, sich von der „unfaßlichen Untat“ zu distanzieren. Daß die Deutschen die Debatte geführt haben – inklusive der Deutschen übrigens, die Goldhagen mit ihren Invektiven überschüttet haben –, beweist im abschließenden Urteil über die Debatte die„Sensibilität“ der Deutschen im Umgang mit ihrer Vergangenheit. „Man kann fast ein wenig stolz auf diese Reaktion sein.“ Denn mit ihrem demonstrativen Bekenntnis zur eigenen Betroffenheit setzen die Deutschen sich ebenso endgültig ins Recht wie ihren Widerpart umgekehrt ins Unrecht. Nachdem das erst einmal festgestellt ist, lassen sich Goldhagen und seinem Buch auch wieder angenehme Seiten abgewinnen. Seinem Buch wird der heilsame „Effekt“ und das Verdienst zugeschrieben, den Deutschen wieder einmal Gelegenheit gegeben zu haben, ihre Betroffenheitsveranstaltung abzuziehen, mit der sie ihre unwidersprechliche Güte unter Beweis stellen. Und das Bekenntnis zu Deutschland – und nur das! – macht auch den Autor wieder erträglich: „Ist es vielleicht Daniel Goldhagens unerschütterliches Vertrauen in die demokratische Lernfähigkeit der Deutschen, das ihn zum Sympathieträger macht?“ So glätten sich die Wogen wieder.

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Quellen:

Daniel J. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Siedler Verlag 1996.– ders.: Das Versagen der Kritiker. In: Die Zeit vom 2.8.1996

Matthias Arning: Am Ende der Debatte steht die Moral im Mittelpunkt. In: Frankfurter Rundschau vom 26.10.1996 – Rudolf Augstein: Der Soziologe als Scharfrichter. In: Der Spiegel vom 15.4.1996 – ders. im Interview mit Goldhagen. in: Der Spiegel Nr. 33/1996 – Arnulf Baring: Und doch, die Vergangenheit will nicht vergehen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.9.1996 – Cornelia Bolesch: Historie oder Hysterie. In: Süddeutsche Zeitung vom 6.9.1996 – Christopher R. Browning: Dämonisierung erklärt nichts. In: Die Zeit vom 19.4.1996 – Gordon A. Craig: Ein Volk von Antisemiten? In: Die Zeit vom 10.5.1996 – Marion Gräfin Dönhoff: Mit fragwürdiger Methode. In: Die Zeit vom 6.9.1996 – Frank Ebbinghaus: Warum ganz normale Männer zu Tätern wurden. In: Die Welt vom 27.4.1996 – Norbert Frei: Ein Volk von „Endlösern“? In: Süddeutsche Zeitung vom 13./14.4.1996 – Ingrid Gilcher-Holtey: Die Mentalität der Täter. In: Die Zeit vom 7.6.1996 – Peter Glotz: Nation der Killer? In: Die Woche vom 19.4.1996 – Johannes Heil: Nicht die Kritiker, der Kritisierte hat versagt. In: Süddeutsche Zeitung vom 19.8.1996 – Eberhard Jäckel: Einfach ein schlechtes Buch. In: Die Zeit vom 17.5.1996 – Josef Joffe: Hitlers willfährige Henker. In: Süddeutsche Zeitung vom 13./14.4.1996 – ders.: Das Goldhagen Phänomen. In: Süddeutsche Zeitung vom 11.9.1996 – ders.: Die Hunde schlafen fest. In: Süddeutsche Zeitung vom 24.9.1996 – Robert Leicht: Ein Urteil, kein Gutachten. In: Die Zeit vom 6.9.1996 – Hanno Loewy: Wider die allzu schnelle Erledigung. In: Frankfurter Rundschau vom 15.6.1996 – Hans Mommsen: Schuld der Gleichgültigen. In: Süddeutsche Zeitung vom 20./21.7.1996 – ders.: Die dünne Patina der Zivilisation. In: Die Zeit vom 30.8.1996 – ders.: Im Räderwerk. Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7.9.1996 – ders. zitiert in dem Artikel von Johannes Willms: Wenn das der Führer wüßte. In: Süddeutsche Zeitung vom 15.11.1996 – Jost Nolte: Sisyphos ist Deutscher. In: Die Welt vom 16.4.1996 – Jan Philipp Reemtsma: Die Mörder waren unter uns. In: Süddeutsche Zeitung vom 24./25.8.1996 – Evelyn Roll: Eine These und drei gebrochene Tabus. In. Süddeutsche Zeitung vom 9.9.1996 – Manfred Rowold: Herausforderung an die Historiker. In: Die Welt vom 17.4.1996 – Frank Schirrmacher: Hitlers Code. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.4.1996 – Stephan Speicher: Wortstark. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7.9.1996 – Volker Ullrich: Hitlers willige Mordgesellen. In: Die Zeit vom 12.4.1996 – ders.: Goldhagen und die Deutschen. In: Die Zeit vom 13.9.1996 – Johannes Willms: Nicht die Taten, sondern die Worte erschüttern.

Zum Abschluß der Goldhagen-Debatte:

Lehren und Fragen. In: Süddeutsche Zeitung vom 15.10.1996 – Hans-Ulrich Wehler: Wie ein Stachel im Fleisch. In: Die Zeit vom 24.5.1996 – Michael Wolffsohn: Metaphysische Feinde. In: Rheinischer Merkur vom 26.4.1996 – Moshe Zimmermann: Die Fußnote als Alibi. In: Neue Zürcher Zeitung vom 29.4.1996

[1] Empfohlen sei ein Buch, in dem diese Andeutungen über das Programm des nationalsozialistischen Staats ausgeführt sind: Konrad Hecker: Der Faschismus – und seine demokratische Bewältigung. GegenStandpunkt Verlag 1996. In diesem Buch kann man die Erklärung des Faschismus nachlesen. Außerdem bietet es eine Würdigung des Staatsmannes Hitler, die Kritik der demokratischen Faschismustheorie und die nötigen Erläuterungen zur demokratischen Vergangenheitsbewältigung.


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