Gläserne Autofabrik

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-99 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die „gläserne Autofabrik“ von VW in Dresden
Made in Germany: Produktion als Event

Überblick

Angeberei mit Luxus finden VW-Manager brandaktuell, um ihr Autogeschäft anzukurbeln: ein Beitrag zur Kultur der neuen Bundesländer.

Die „gläserne Autofabrik“ von VW in Dresden
Made in Germany: Produktion als Event

Das hätte sich die alte DDR-Obrigkeit mal erlauben sollen: mitten in der Altstadt von Dresden ein Automobilwerk errichten zum Bestaunen und zum Lobe der real-sozialistischen Produktivkräfte. „Eine unerträgliche Verschandlung der letzten Reste unseres Elbflorenz“ – das wäre wohl das Mindeste gewesen, was der freiheitlich-schöngeistigen Öffentlichkeit dazu eingefallen wäre.

Jetzt, im vom sozialistischen Joch befreiten Dresden, sieht die Sache natürlich völlig anders aus. Hier werden keine „Produktionsschlachten“ mehr gewonnen. Proletkult-Inszenierungen oder den Auftritt einer Brigade „Helden der Arbeit“ muß also keiner mehr befürchten. Wenn dort heutzutage ein deutscher Multi in bester Innenstadtlage unter huldvoller Anwesenheit des Landesvaters und des Kanzlers eine „kleine, richtig feine Fabrik“ für Luxuslimousinen eröffnet, die Sache „gläserne Manufaktur“ nennt und die ganze Angelegenheit auch noch „lichtdurchflutet“ ist – dann handelt es sich eben nicht um die Eröffnung einer schnöden Auto-Fabrik, sondern VW beglückt die Stadt Dresden mit einer kulturellen Attraktion. Eine Attraktion, die sich wunderbar in die barocke Kulisse von Zwinger und Semper-Oper einreiht. Denn – lassen wir einmal den historischen Treppenwitz beiseite, daß ausgerechnet die regierenden Sozialisten der DDR meinten, sie müßten zum Ruhme des Sozialismus diese Sinnbilder des feudalen Luxus liebevoll wiederaufbauen: Heute im wiedervereinten Deutschland dient die wiederhergestellte barocke Pracht eben der jetzigen Herrschaft zu Demonstrationszwecken in Sachen Größe und Ehre der deutschen Nation. Da paßt es ausgezeichnet, daß jetzt mitten in all dieser alten Pracht auch ein echter moderner deutscher Weltkonzern ein bißchen für die Pflege des Wahren, Guten und Schönen sorgt. VW spendiert eine glänzende Luxus-Montage für Luxuskarossen, die jedermann anschauen, aber nur ein ganz exquisiter Kundenkreis kaufen kann – ein schönes Stück Industriekultur für Dresden.

Angeberei mit Luxus, mit Reichtum also, von dem die große Masse ausgeschlossen ist, den sie aber gerade deswegen mit offenen Mündern ehrfürchtig bestauen darf – diesen uralten Kalauer, den schon Sachens August beherrscht hatte, finden postmoderne VW-Manager offensichtlich wieder brandaktuell, um ihr Autogeschäft anzukurbeln. Und da die Marketing-Abteilung nicht auf den Kopf gefallen ist, hat sie dabei ein Problem sofort haarscharf erkannt: Ein Volkswagen in der Luxusklasse?! Hier gilt es am Image zu feilen, Luxus satt zu demonstrieren, damit die ins Auge gefaßte Kundschaft sich antörnen läßt. Also läßt man in Zukunft in Wolfsburg und anderswo Polo, Golf und Passat wie bisher ganz ohne jeden weitergehenden kulturellen Anspruch zusammenbauen und leistet sich daneben den Luxus, in Dresden die Endmontage von Luxusautos selber als luxuriöses Ereignis in Szene zu setzen.

Das Resultat hat durchaus seine komischen Seiten. Knallhart kalkulierende Manager investieren 360 Millionen Mark, um mit einigem theatralischem Aufwand vorzuführen, daß Geld bei der Produktion von Luxus-VWs – die dann selbstverständlich nicht mehr VWs heißen – absolut keine Rolle spielt! Dafür baut man in Dresden einen Glaskasten, in dem hübsch angezogene Arbeiter so tun, als würde es sich bei echter, nämlich qualitativ hochwertiger, Automobil-Produktion um ein Handwerk handeln, das von hochwertigen Spezialisten erledigt wird, die sich alle Zeit der Welt nehmen können, auf die Qualität ihres einmaligen Produkts zu achten. Ein Großkonzern, der mit seinen weltweiten produktiven Kapazitäten Maßstäbe in Sachen Rentabilität setzt, und dessen Manager nichts anderes im Kopf haben als Rentabilitätssteigerungen, demonstriert seinen Image-Fortschritt vom knapp kalkulierenden Massenhersteller, der für seinen Profit auf das Geld der kleinen Leute angewiesen ist, zum postmodernen Dienstleistungsbetrieb für die besseren Leute – ein Schmuckstück für den Kapitalstandort ‚neue Bundesländer‘!

Soviel zur reichlich albernen Seite des VW-Werbegags. Bemerkenswert ist daran andererseits schon, wie sich hier die Verkaufsstrategen eines Weltkonzerns auf eine Konkurrenz mit ihresgleichen einrichten, in der die Bedienung von hemmungslos zur Schau gestellten Luxusbedürfnissen mindestens ebenso wichtig ist wie die Ausnutzung der Notwendigkeiten der sogenannten kleinen Leute. Das ist sicherlich nicht nur ein Beitrag zum Zeitgeist in unserer „leistungsorientierten Dienstleistungsgesellschaft“, in der sich niemand mehr zu schämen braucht, der mit seinem Reichtum protzt, sondern auch eine Klarstellung darüber, wie sich die Spezialisten einer Wissenschaft, die sich „Marktstrategie“ nennt, in Zukunft die Verteilung der heiß umkämpften Kaufkraft zwischen den „oberen Zehntausend“ und dem Rest der ADAC-Mitglieder vorstellt.

Wie gesagt, wer will, kann das alles auch als „neue Kultur Dresdens für das nächste Jahrtausend“ bestaunen. Und weil unsere demokratische Kultur erstklassig klassenübergreifend ist – „Erlebniswelt“ nennt man so was –, kann jeder, wirklich jeder, die schönen neuen Super-Autos in Dresden in einem „gläsernen Turm“ bewundern und sogar anfassen.


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