Germanwings-Flug 9525

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-15 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Germanwings-Flug 9525
Vom guten nationalen Sinn einer Katastrophe

Germanwings-Flug 9525
Vom guten nationalen Sinn einer Katastrophe

Ein Flugzeug der Germanwings stürzt ab, 72 Deutsche sind unter den Opfern, Familienangehörige und Freunde trauern, Kollegen, Nachbarn und Mitschüler sind geschockt, viele Menschen leiden mit ihnen. Wie immer bei solchen Katastrophen heißt es: die Nation ist betroffen!

Die tiefere Bedeutung davon ist, dass jetzt die Stunde für die politisch Zuständigen als Repräsentanten der Nation geschlagen hat – was nicht nur diesen selbst, sondern auch allen verantwortungsbewussten Medienmenschen des Landes schlagartig klar ist. Sofort finden allerorten Pressekonferenzen statt und werden ganze Frequenzbereiche des deutschen Äthers freigeräumt für die pausenlose Aussendung von Worten der Betroffenheit und des Trosts, die es alle wichtigen Führungs- und Repräsentationsfiguren jetzt drängt, an ihr Volk zu richten, während sie zwischen ihren Statements schnellstmöglich Strecke machen, um den Betroffenen und dem Unglücksort selbst nahe zu kommen.

Joachim Gauck bedauert sehr, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nämlich ausgerechnet im fernen Peru zu weilen, wo doch gerade deutsches Leben beim französischen Nachbarn an europäischen Hochgebirgsflanken zerschellt. Er weiß aber auch über große Distanz hinweg auf das heimatliche Publikum trostreich einzuwirken: Ich bin bei Ihnen mit meinen Gedanken und meinen Gefühlen, verkündet er, bevor man ihn ins Präsidentenflugzeug steigen sieht. Auch Angela Merkel zögert keinen Moment, am Unglückstag alle Kanzlerinnen-Termine für diesen einen, zwar nicht bestellten, aber doch alles andere überragenden Termin abzusagen. Deutsche Politiker und ihre französischen Kollegen, endlich, endlich an der Absturzstelle angelangt, finden – erstaunlich genug – auch live vor Ort die richtigen Worte, obgleich das Geschehene mit Worten nicht zu fassen ist. Das politische Protokoll für die Inszenierung menschlicher Betroffenheit und tiefster Volksverbundenheit aus Anlass von Unglücksfällen mit vielen deutschen Toten findet schließlich gewohnheitsmäßig auch einen gottesdienstlichen Höhepunkt, stets Gelegenheit für die Führer der schwer geprüften Nation, sich in die Schar der Leidtragenden einzureihen. Das gehört einfach zum Berufsbild des Politikers: Eine Katastrophe mitsamt Toten und Trauernden vollumfänglich als nationale zu okkupieren, durch den Aufmarsch der Repräsentanten des Gemeinwesens Trauern zum Staatsakt zu erheben und so die Identität von menschlicher und staatlicher Betroffenheit feierlich zu beglaubigen.

Warum Politiker das machen, das wird von BILD erläutert. Deren „Briefe“-Schreiber Franz Josef Wagner verarbeitet das Unglück nicht nur zu gefühliger Patriotismus-Poetry, sondern sagt auch gleich die Funktion dazu. Das braucht nur wenige Zeilen:

„Liebes Deutschland,
Fahnen auf Halbmast, Schweigeminuten, Kerzen, die wie Tränen tropfen, Blumen in Bierflaschen, die vielen tröstenden Worte der Offiziellen, die Kanzlerin am Unglücksort. Wir sind ein Land in Trauer. Mit dem Absturz hat sich unser Land verändert. Wir sind zusammengerückt. Wir sind Mitfühlende geworden. In Freud und Leid. Wir sind geschwisterlich geworden. Wir sind uns nähergekommen. Über das Leid der Opferfamilien sind wir uns nähergekommen. Wir Deutschen gehen ja normalerweise unseren Geschäften nach, keiner guckt sich an. Wir gehen aneinander vorbei wie Fremde. Und da ist dieses Unglück. Wir umarmen uns. Wir sind uns alle plötzlich so nah. Wenn es irgendetwas Gutes gibt an dieser Katastrophe, ist es, dass wir uns alle so nah sind. Herzlichst, Ihr F. J. Wagner“

Die Veränderung unseres Landes, die Wagner in einen Flugzeugabsturz hineinsinniert, ist von höchst abstrakt-ideeller Art. Offizielle Symbole nationaler Trauer wie auch Äußerungen ganz persönlicher Anteilnahme werden von Wagner mit der Perspektive eines großen „Wir“ schlicht in eine Reihe gestellt. Er setzt ein Gleichheitszeichen zwischen alle Betroffenheitsbekundungen, gleichgültig, ob sie aus tatsächlichem Mitleiden entspringen oder Teil offizieller und professioneller Statements von Politikern oder Lufthansa-Leuten sind, ob sie Inszenierungen sensationsgeiler Reporter oder des voyeuristischen Publikums sind. Differenzierung soll nicht sein, die Katastrophe vielmehr alle, von der Führungsspitze bis hinunter zum einfachen Volk, in Mitfühlende verwandeln, die sich in der Trauer geschwisterlich vereinen. Mit-Gefühl ist eben Wir-Gefühl – was sonst! Auf dergestalt schlichte Art ist die Nation zu einer Gemeinde verschönert, deren Mitglieder wie eine quasi verwandtschaftliche Gefühlsgemeinschaft zusammenstehen.

Das verweist Wagner auf das Gute an der Katastrophe, auf eben diese schöne Wirkung, die man auch einem Flugzeugabsturz nicht absprechen kann: Die Erzeugung eines Gemeinschaftsgefühls, das Wagner offenkundig zu den edelsten menschlichen Regungen zählt ... Wagner dient das Unglück dem moralischen Gemüt, das, so wie er das sieht, im Alltag arg strapaziert wird, als Balsam an. Er weiß, dass die Deutschen normalerweise etwas anderes miteinander zu tun haben; er betont ja ausdrücklich den Kontrast zum Alltagsleben, wo wir unseren Geschäften nachgehen. Diesen Alltag fasst er allerdings gleich selber nur moralisch. Welcher Art von Geschäft da der Einzelne nachgeht, ob man sein Geld als Arbeitnehmer oder als Chef verdient, spielt ebenso wenig eine Rolle wie der Umstand, welche materiellen Gegensätze und Schädigungen im Konkurrenzgetriebe einer solchen Klassengesellschaft ‚Alltag‘ sind. Das alles ist belanglos, gemessen an dem echt gemeinschaftlichen Miteinander, das Wagner im Alltag der Deutschen vermisst. Die Konkurrenzgesellschaft macht er nur als abstrakt-negatives Abziehbild seiner moralischen Idee einer nationalen Gemeinschaftlichkeit vorstellig: Die Leute kümmern sich wie Fremde – obwohl sie es doch als Landsleute in Wahrheit gar nicht sind! – bloß um ihre eigenen Angelegenheiten, also gar nicht umeinander! Alles was es an Drangsalen und Zwistigkeiten im Land gibt, besteht eigentlich in nichts anderem als einer ganz verkehrten, bedauerlichen, aber eben so eingerissenen menschlichen Nachlässigkeit der Leute im alltäglichen Umgang miteinander: Sie gucken sich nicht an und gehen aneinander vorbei, ganz so als würden sich Politiker und ihr Volk, Arbeitgeber und ihre Leute, Mieter und Vermieter einfach nur dauernd ignorieren.

Diese Fremdheit und Beziehungslosigkeit macht Wagner ein bisschen traurig, Katastrophen wie die gegenwärtige machen ihm dagegen wieder ein wenig Hoffnung: An ihnen sieht er, dass die Deutschen ihre abstrakte Gemeinsamkeit als nationales Kollektiv – für ihn die einzig wahre Gemeinschaftlichkeit aller Mitbürger – nur ein wenig vergessen haben, und ein Ereignis wie in Frankreich sie an ihr wirkliches, besseres Wesen erinnern kann: daran, dass sie nur dann als Menschen einander nah sind, wenn sie nicht immer nur an sich und ihren Nutzen denken, sondern zwischen zwei großen Unglücks- oder auch Glücksfällen – Geschwister sind wir ja in Freud und Leid – auch einmal an die anderen als gleich gesinnte und zusammengehörige Volksgenossen. So enthält eben ein Ereignis wie der Absturz von hundertfünfzig Leuten immer auch eine frohe Botschaft, wenn wir uns nur richtig von ihm anrühren lassen. Dann zeigt sich mit Wagners Hilfe, dass egoistische Selbstbezogenheit nur eine schlechte Alltagsgewohnheit ist und dass es im Leben doch eigentlich darum geht, im Miteinander der nationalen 1. Person Plural wirklich Ich, nämlich Wir zu sein! Simpler hat schon lange keiner mehr das Fremdwort Nationale Identität erklärt.

Eingedenk dieser umarmen wir uns – als Teil eines starken Teams, in dem jeder, gleichgültig gegen seinen Stand und von keiner abwägenden Berechnung angekränkelt, geborgen ist und sich mit allen Mitbürgern und dazu einem ganzen Staatsapparat in eins setzen darf. Im Licht der Katastrophe sagt der Hofnarr von Bild die bittere Wahrheit: Heimat ist nicht mehr als das Ideal der Konkurrenzgesellschaft, die mit ihren ungemütlichen Grundrechnungsarten dauerhaft die hartnäckige Sehnsucht nach echter Gemeinschaft erzeugt. Das geht F.J.W. nichts an. Aber dass das patriotische Gemüt gerade in gemeinsamem Jubel und im Stimmungstief -in Freud und Leid- so besonders lebendig ist, also eine Flugzeugkatastrophe die Massen ihre erlogene Gemeinsamkeit genauso anrührend erleben lässt wie ein 7:1 über Brasilien – das findet er richtig gut.

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Zu den ungezählten und ungesühnten Verbrechen des DDR-Staats gehört auch dasjenige am nationalen Wir, das SZ-Fahnder anlässlich des Flugzeugunglücks als Frucht ihres bis heute andauernden retrospektiven Systemvergleichs aufdeckten:

„FLUG OHNE WIEDERKEHR! Die Hinterbliebenen der Germanwings-Absturzopfer haben bei einer Gedenkfeier im Kölner Dom Abschied genommen. Als 1986 eine Tupolew in der DDR zerschellte, wurde den Angehörigen eine öffentliche Trauerfeier verwehrt. Sie blieben allein mit der quälenden Frage: Warum?“

Schlimme Zeiten damals! Das Regime, das sonst bekanntlich mit jedem Staatsakt den freiheitsfeindlichen Zugriff auf seine Bürger bewiesen hat, erweist im genannten Fall seine unmenschlichen Qualitäten einmal mehr dadurch, dass es seine Toten im Unglück allein lässt und sie nicht, wie dies demokratische Politiker so mitfühlend tun, staatlich vereinnahmt. Bei uns ehrt die Nation ihre Katastrophenopfer. Die sind zwar tot, aber nicht umsonst gestorben: Die Ehre, die ihnen erwiesen wird, ehrt immerhin den Staat, der sie ihnen erweist – das gibt ihrem Tod einen höheren Sinn. Diesen Zirkus hat die DDR unseren Brüdern & Schwestern also vorenthalten; dafür wurde sie vier Jahre später zu Recht selber beerdigt.


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