Fußball-WM in Südafrika: Deutschland auf hohem Niveau

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-10 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Fußball-WM in Südafrika:
Deutschland auf hohem Niveau

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Bald nach Lena folgt das nächste nationale Volksspektakel und diesmal führen die Redakteure aus München vor, wie geistvoller Patriotismus geht. Dreimal füllt die SZ ihre Seite Drei – vielgelobtes Glanzstück des hintergründigen Journalismus – mit Reflexionen zur Fußball-WM. Am 5. Juli 2010 lässt uns ein Holger Gertz daran teilhaben, wie ihn die überraschende Außenwirkung des deutschen Fußballs angenehm in der Magengegend berührt:

„Es ist, auch für einen deutschen Journalisten, der die Nationalmannschaft schon länger begleitet, ein unbekanntes Gefühl, wenn die Kollegen aus den anderen Ländern ihn fragen: Was zum Teufel ist mit euch Deutschen los?... Man spricht über das Spiel der Deutschen, und wenn man über den Fußball eines Landes spricht, spricht man auch immer über das Land selbst. Die Nationalmannschaft und ihr Trainer formen im Ausland gerade ein völlig neues Bild von ihrer Heimat. Das ist so elegant wie ihr Spiel.“

Er selber würde natürlich nie das Spiel einer Mannschaft mit den Zuständen in deren Heimat verwechseln, dazu kennt er sein eigenes Land zu gut...

Fußball-WM in Südafrika:
Deutschland auf hohem Niveau

Bald nach Lena folgt das nächste nationale Volksspektakel und diesmal führen die Redakteure aus München vor, wie geistvoller Patriotismus geht. Dreimal füllt die SZ ihre Seite Drei – vielgelobtes Glanzstück des hintergründigen Journalismus – mit Reflexionen zur Fußball-WM. Am 5. Juli 2010 lässt uns ein Holger Gertz daran teilhaben, wie ihn die überraschende Außenwirkung des deutschen Fußballs angenehm in der Magengegend berührt:

„Es ist, auch für einen deutschen Journalisten, der die Nationalmannschaft schon länger begleitet, ein unbekanntes Gefühl, wenn die Kollegen aus den anderen Ländern ihn fragen: Was zum Teufel ist mit euch Deutschen los?... Man spricht über das Spiel der Deutschen, und wenn man über den Fußball eines Landes spricht, spricht man auch immer über das Land selbst. Die Nationalmannschaft und ihr Trainer formen im Ausland gerade ein völlig neues Bild von ihrer Heimat. Das ist so elegant wie ihr Spiel.“

Er selber würde natürlich nie das Spiel einer Mannschaft mit den Zuständen in deren Heimat verwechseln, dazu kennt er sein eigenes Land zu gut:

„Es ist nur Fußball. Die Wirkung einer Nationalmannschaft nach innen, auf die Gesellschaft des Landes, für die sie spielt, wird oft überschätzt. Wer schwarz ist in Deutschland, wird nicht entspannter durch No-Go-Areas in Ostdeutschland spazieren, nur weil Jérôme Boateng in der Mannschaft steht. Die Wirkung nach außen dagegen ist nicht zu unterschätzen.“

Aber wenn den professionellen Kommentatoren des Sports die Überhöhung des Fußballs in das Sittenbild des neuen fröhlichen deutschen Multikulti so erfolgreich gelingt, dass sogar die ausländischen Kollegen – der patriotischen Parteilichkeit gänzlich unverdächtig – dabei mitspielen, muss der deutsche Journalist ihnen dieses schöne Bild von seiner Heimat und sich die Genugtuung über deren Begeisterung einfach gönnen. Wenn beim harmlosen Sport die ernste Sache der eigenen Nation draußen so elegant rüberkommt, mag es ein deutscher Vertreter des gehobenen Journalismus dann auch mit Schein und Sein nicht so genau nehmen.

Die Überlegenheit der intellektuellen Begeisterung zeigt sich dann vollends in der sportlichen Niederlage der Nation. Während das zu Tode betrübte Volk kollektiv die Mikrofone vollheult, weil die nationale Party vorüber ist, ist für die SZ-Redaktion die Zeit des Genusses nicht zu Ende. Ralf Wiegand befindet es nicht entscheidend, dass der Traum vom Titel nun geplatzt ist. (SZ, 8.7.) Zum Weiterfeiern bietet er einen etwas anderen Traum. Wem klar ist, dass der ganze WM-Zirkus einzig der Inszenierung eines schönen Scheins dient, braucht diesen dann nicht etwa abzulehnen – ganz im Gegenteil. Mit dieser Einsicht ist der abgeklärte Fußballfan vor den profanen Rückschlägen sportlicher Niederlagen gewappnet und kann sich ganz dem Genuss des Höheren hingeben:

„Ein Traum geplatzt, ein anderer lebt. Für einen kurzen Moment ausgeblendet, dass es sich auch bei diesen deutschen Nationalspielern um Fußballprofis handelt, die zusammen grob über den Daumen 60 Millionen Euro jährlich verdienen, die in einer Scheinwelt leben, welche die Mühen des Alltags nicht kennt, von denen manche Autos fahren, so teuer wie ein kleines Reihenhaus und Frauen lieben, so teuer wie ein großes Doppelhaus: Was sahen wir dann? Wir sahen eine Gruppe meistens mutiger, gut gelaunter Jungs, ehrgeizige Sportler mit Spaß am Spiel und Lust auf Erfolg. Die deutsche Nationalelf bei dieser WM wirkte wie eine Mannschaft im besten Sinne, eine Gruppe, die keinen Wert auf die Herkunft der einzelnen legt, sein Aussehen, seine intellektuellen Schwächen. Die Mannschaft im klassischen Sinne ist das Ideal einer Gesellschaft, die das Talent jedes Einzelnen zur Geltung bringt, um sich gemeinsam zu entwickeln. Kurz: Diese Mannschaft dort in Südafrika, sie war wie ein Traum... Ist das nicht ein schöner Traum?“

Wofür hat der Intellektuelle denn schließlich seinen Verstand? Zum Ausblenden! Er braucht sich bloß wegzudenken, was das eigene schöne Bild eventuell trüben könnte: vom Fußballer den Profi, vom Spiel den Kampf, von der Nationalmannschaft das Nationale; genauso wie von der Gesellschaft die Konkurrenz, Reichtum und Armut, die Ausländerfeindlichkeit, überhaupt die ganzen Mühen des Alltags. Weg damit, dann bleibt garantiert nur das Schönste übrig. So konstruiert der Redakteur der SZ ein Bekenntnis zu Mannschaft und Nation, das sich dem Verdacht der Beschönigung derselben nicht auszusetzen braucht, da er die erklärtermaßen gar nicht vorfindbare, dafür aber um so schöner erfundene virtuelle Gemeinsamkeit zur Erbauung empfiehlt: Alle für einen, einer für alle. Oder einfacher ausgedrückt: „Adios, Diego! Dein Messi kriegt heut auf die Fressi.“ (Bild, 3.7.)


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