Fußball-EM in Polen und der Ukraine: Ein Fest des Nationalismus

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-12 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Fußball-EM in Polen und der Ukraine:
Die Produzenten öffentlicher Meinungen inszenieren, besprechen und feiern ihren aktuellen Bedarf an Nationalismus

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Das „Sommermärchen“ hat dieses Jahr im Ausland stattgefunden. Die Kommentatoren haben den „zauberhaften Geist“ von damals wieder erlebt und ihm ein paar neue Erkenntnisse und Aufgaben abgewonnen, inspiriert von der Krisenlage in Europa und dem neuen Schauplatz im Osten, auf dem sich die Völker dieses Mal begegnet sind.

Fußball-EM in Polen und der Ukraine:
Die Produzenten öffentlicher Meinungen inszenieren, besprechen und feiern ihren aktuellen Bedarf an Nationalismus

Das Sommermärchen hat dieses Jahr im Ausland stattgefunden. Die Kommentatoren haben den zauberhaften Geist von damals wieder erlebt und ihm ein paar neue Erkenntnisse und Aufgaben abgewonnen, inspiriert von der Krisenlage in Europa und dem neuen Schauplatz im Osten, auf dem sich die Völker dieses Mal begegnet sind.

Das unsägliche Vergnügen der nationalen Selbst- und Fremdbespiegelung

Einmal vom Ende her angefangen, bei der Würdigung der Finalisten stellt sich natürlich die Frage, was denn deren Erfolg im Letzten begründet. Ähnlichkeiten mit dem Wort zum Sonntag: ‚was wollen uns diese Spiele sagen?‘, sind anscheinend gewollt. Die FAZ hat auf dem Feld nicht Fußballmillionäre, sondern Beamte des schönen Spiels laufen sehen.

„Die Spanier haben ihren zauberhaften Stil um eine bodenständige Tugend erweitert: das Pflichtbewusstsein preußischer Staatsdiener. Im Jubel über den dritten Titel seit 2008 offenbart sich auch ihr Charakter.“ (3.7.12)

Derselben Aufgabe widmet sich der Corriere della Sera für seine Nation:

„Italien betrachtet sich im Spiegel seiner Nationalmannschaft und erkennt sich darin wieder... Diese Nächte waren wie ein Moment, in dem sich ein Land Rechenschaft darüber ablegt, dass es als das betrachtet werden kann, was es ist: Die Hauptstadt der Inspiration, der Phantasie, der Kreativität; und das nicht nur im Fußball.“ (2.7.)

An 90 Minuten Fußball bedienen sich die Betrachter problemlos als Anschauungsmaterial für etwas ganz anderes: Die Figuren auf dem Feld repräsentieren nicht nur, ausweislich der Fahne, mit der sie antreten, die Nation, sie verkörpern sie regelrecht samt ihrem Charakter. Da ist es auch gar keine Frage, ob Nationen überhaupt einen Charakter in dem Sinn haben können, deren meinungsbildende Vertreter sehen ihn schließlich überall am Werk. Und nicht nur die beherrschen dieses Deutungsvermögen. Auch der italienische Regierungschef will bei seinem Besuch in der Umkleidekabine die Spezies hervorragendes Italienertum getroffen haben. Monti:

„Unsere Ragazzi haben uns träumen lassen. Heute abend sind wir aufgewacht, aber wir haben eine Mannschaft, eine starke, mutige Mannschaft, eine, die treu zu Italien steht und die sich die Wertschätzung von allen verschafft hat. Wir Italiener sind dazu imstande, die Schwierigkeiten zu überwinden und die zweiten in Europa zu werden. Dieses Italien, wenn es zusammenarbeitet, ist ein ernstzunehmendes Land.“ (Corriere)

Der kühne gedankliche Bogen, an der Ausübung einer Sportart einen Charakter aufzufinden, der aus dem größeren Kollektiv stammt, aus dem die Sportler herrühren, zielt auf die umgekehrte Reihenfolge: Das Volk soll sich seinen Charakter, den ihm die siegreichen Spieler vorführen, gefälligst von denen abschauen und zu Herzen nehmen. Und das zu dem seltsamen Zweck „zusammenzuarbeiten“. Dass sich 11 Mann auf dem Feld befinden, kann gar nicht oft genug als Anschauungsmaterial für die in diesen Kreisen enorm beliebte Tugend der Einheit dienen: Diese Mannschaft hat uns gelehrt, einiger zu sein. (Corriere) Auch die Fachleute der FAZ lassen sich von der Tatsache, dass es in einem Mannschaftsspiel zweckmäßig ist, wenn die Spieler zusammenspielen, zu Lobeshymnen der dritten Art inspirieren:

„Die ‚Furia Roja‘ ist kein fragiles Gebilde, das geführt wird oder gar abhängig ist von einem Einzelnen. Sie wird von vielen Säulen getragen, die sich gegenseitig stützen. Das Team ist nicht nur eine verblüffende Ansammlung schierer Begabung, sondern auch eine bescheidener Charaktere. Die vier kurzbeinigen Haupt-Protagonisten des Tiki-Taka, Xavi, Iniesta, Silva und Fàbregas, die defensiven Mittelfeldspieler Busquets und Xabi Alonso, die Innenverteidiger Piqué und Sergio Ramos, den Torwart Casillas und den Stürmer Torres verbindet dieselbe Eigenschaft: die Abwesenheit jeglicher Egozentrik. Divenhaftes Getue, Affären oder markige Sprüche hat es von dieser Mannschaft nie gegeben.“ (3.7.)

Aus dem gekonnten Verteilen und Annehmen von Pässen praktizierten Altruismus und aus der Kurzbeinigkeit die Tugend der Bescheidenheit rausleiern – kein Problem.

Fußball als moralische Anstalt

Der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque steht für Arbeit, Demut und Bescheidenheit. Der angebliche Wertekatalog des Trainers liefert zweierlei Lehren: Einerseits ist preußisches Pflichtbewußtsein, samt Demut etc. wohl überhaupt die Hauptaufgabe von Völkern, was der Spanier offensichtlich gemerkt hat, wenn er sich unsere preußische Eigenschaft zu eigen macht. Andererseits ergibt sich beim Thema Fußball offensichtlich auch zwanglos der Übergang zur Platzanweisung für andere Nationen in der heutigen europäischen Krisenlandschaft:

„Spanien könnte seinen Stolz auf den Sieg der eigenen Mannschaft nicht besser zeigen, als indem es die Ideale des Trainers beim Wort nimmt und die Gesellschaft von unten renoviert... Del Bosques Wertekatalog – Arbeit, Demut, Bescheidenheit – kontrastiert ja scharf mit Grundübeln der spanischen Gesellschaft, die ihren Teil dazu beigetragen haben, das Land an den Rand des Abgrunds zu führen. Gemeint sind autoritäre Verhaltensmuster in den Machtzentren von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Günstlingswesen, Vetternwirtschaft, Korruption, dazu weitgehende Unbelehrbarkeit und eine bisweilen komische Neigung zum Großsprechertum.“ (FAZ 3.7.)

Mit einer gewissen Penetranz lassen sich am spanischen Fußball immer wieder die Tugenden ablesen, deren Fehlen das Krisengeschehen in der Nation begründen soll:

„Wenn die selbst erzielten Tore der erwirtschaftete Überschuss im Spiel der „selección“ sind, dann sind Gegentreffer nichts anderes als Schulden, die sich ja oft genug wie faule Kredite anfühlen. In diesem Sinn hat Fußballspanien in den K.-o.-Runden der drei letzten großen Turniere überhaupt keine Schulden gemacht: Zwischen 2008 und 2012, in rund tausend Minuten Fußball, steht kein einziges Gegentor zu Buche. Den Sinn einer soliden Deckung und größter Sparsamkeit hat die Del-Bosque-Truppe bewiesen: Wer nicht in Rückstand gerät, muss der Partie nicht hinterherlaufen, sondern kann selbst den Rhythmus bestimmen.“

Anderen Nationen am Gegenbeispiel ihres Fußballs die Krise als ihren Fehler hinreiben, gefällt den FAZ-Autoren so außerordentlich gut, dass sie mit ihrem Gleichnis gar nicht mehr aufhören mögen.

Was man sich unter Montis Aufruf zum nationalen

„Zusammenarbeiten“

genauer vorzustellen hat, schildert die Gazzetta dello Sport in ihrer Begeisterung über den gelungenen Zusammenschluss von Staatspräsident, Nationalmannschaft und Tifosi: Zuerst sind die Fußballer beim Staatspräsidenten angetreten, um sich da ein Vorbild abzuholen, wir brauchen ihr Vorbild. Dann erledigen sie ihre Pflicht gegenüber dem Volk; denn die Nationalmannschaft ist die einzige Mannschaft, der es gelingt, ihnen ein wenig Freude zu schenken. Dann kommt die Reihe ans Volk, sich das Vorbild zu Herzen zu nehmen, was ihm die Gazzetta in der Wir-Form vorbuchstabiert:

„Wir brauchen immer noch dieses mutige, konstruktive Italien, das uns allen gezeigt hat, dass es möglich ist, einen anderen Weg zum Erfolg zu finden, auch in unseren Breiten, die verdorben sind durch das ‚alles und zwar sofort‘.“

Und zuguterletzt bedankt sich wieder der Fußball bei seinen Anhängern – wir bedanken uns bei den Fans – für ihr vorbildliches Dahinterstehen. Die sollen dann aber auch gefälligst mit dem 2. Platz zufrieden sein, weshalb sie noch einmal auf die vorbildliche Pflichterfüllung der Mannschaft hingewiesen werden: Wir haben alles gegeben, was wir geben konnten. (Der italienische Nationaltorwart Buffon laut Corriere della Sera, 2.7.) Was für eine herrliche Gemeinschaft von Pflichterfüllern: Keine Gegensätze, kein oben und unten, alle tun an ihrem jeweiligen Platz dasselbe, nämlich ihre Pflicht. Und wenn sich nur alle reihum zum Vorbild nehmen, kann sich die Nation am Münchhausenschen Zopf ihres dadurch gestärkten Glaubens, dass Erfolg möglich ist, wenn er nur entschlossen genug angestrebt wird, aus dem Sumpf ihrer alten Laster herausziehen.

Den Nutzen einer solchen Einheit der Nation machen die in ihr reichlich vorhandenen Opfer sinnfällig. In Italien werden die Großbildschirme neben den Zeltlagern der Erdbebenopfer aufgestellt, und die nationale Sportzeitung feiert den Sieg über Deutschland als Dienstleistung an den Erdbeben-Geschädigten: Die Azzurri siegen aus Solidarität und spenden ihre Preisgelder, woran man den Sinn der Nation als einer Art Solidargemeinschaft in schweren Zeiten ablesen kann. Und nach der Niederlage im Endspiel darf einer aus dem Zeltlager die Lehre aufsagen, dass aus den schweren Zeiten immer nur dasselbe folgt: nicht locker lassen! Manchmal gibt es Gegner, die zu stark sind, die man nicht schlagen kann so wie die Spanier oder das Erdbeben. Das Wichtige ist aber, sich davon nicht niederschlagen zu lassen. Und daran wächst man. (Gazzetta dello Sport, 2.7.)

Da ist es dann auch reichlich egal, ob das Unheil, an dem man sich zu bewähren hat, nun aus Spanien kommt, aus der Erdkruste oder aus dem Platzen der Blasen, die das Finanzsystem produziert hat – es kommt immer nur darauf an, dass die Opfer den Glauben an sich und die Nation behalten, damit es aufwärts geht. So, als eine Erziehungsveranstaltung zu wechselseitiger Hilfe beim Umgang mit den Unglücken, wie sie immer wieder mal hereinbrechen, hätten auch deutsche Geister gerne den politischen Sinn des Fußballs begriffen. Das hätte die Politik nach dem Geschmack der SZ gefälligst vom Fußball zu lernen und ihren Völkern anzutrainieren:

„Wenn die Politik den Fußball schon nutzt, könnte sie lernen, wie man aus einem Haufen Anarchos und verwöhnter Exzentriker eine Mannschaft verantwortungsbewußter Männer macht, die ihre Siegprämie den Erdbebenopfern in der Emilia Romagna spenden würden.“ (30.6.)

Den Älteren unter den Lesern sind vielleicht noch anders gestrickte Lehren aus der Zeit in Erinnerung, in der man am Fußball die Überlegenheit des freiheitlichen Individuums über die mechanische Spielweise der Kollektive aus dem Osten bestaunen sollte. Aber dieser Gegner ist schließlich schon längst raus aus dem Spiel; und das Lob der Bescheidenheit und Selbstlosigkeit paßt auch besser für die Lehren, die die Sport-Ausdeuter den krisen-gebeutelten Volks-Kollektiven mitgeben wollen. Deshalb dürfen und sollen die sich heute den Fußball zurechtlegen als eine Veranstaltung, bei der der Einzelne ganz im Dienst an der Gemeinschaft aufgeht, und dafür winkt ihnen dann auch der gerechte Lohn:

Der Erfolg der Nation ist möglich, wenn die Nation wie ein Mann zusammensteht!

Fürs Siegen müssen auch schon mal andere Elemente in den Volkskörper aufgenommen werden. Der italianisierte Neger Balotelli, als vollendeter Repräsentant des Italien, das sich ändert, mit einer neuen Hautfarbe, mit einer nie gekannten Körperlichkeit, draufgängerisch, aber empfindsam (Corriere), liefert mit seinen Toren den Beweis, dass eine dosierte Ausländerfreundschaft der Nation, in der überall der Rassismus tobt, nicht nur gut zu Gesicht steht, sondern auch von Nutzen ist. Da dürfen sich alle im Mittelmeer ersoffenen Neger, für die dieses Italien keinen Verwendungszweck hat, irgendwie auch noch mitfreuen. An ihrem eingemeindeten Neger kann die Nation, an der die Kommentatoren schon beinahe verzweifeln, nicht nur entdecken, wie sie ist, sondern auch, dass sie sich ändert: In ihr schlummert die Fähigkeit zum Erfolg. Der Corriere hat im Finale den Moment aufgespürt, in dem ein erschrockenes und mürrisches Land das Lächeln und das Selbstvertrauen wieder gefunden hat. Und entdeckt hat, dass es wieder seinen Platz unter den Nationen erobern kann.

Der Glaube versetzt Berge. Gerade in der Krise kann man das nicht oft genug betonen

So heilt in Italien der zweite Platz in der EM nicht nur das Leiden, das die Betrugsfälle in der nationalen Fußball-Liga verursacht haben, sondern gleich noch viel mehr:

„Wir haben einen Schatz an Glaubwürdigkeit, an Sympathie und Erfahrung erobert, der unserem verwüsteten Fußball eine ganz andere Zukunft eröffnet... Wie oft haben wir davon geträumt: Raum für ein schönes Spiel und für junge Talente, anständiges Benehmen auf dem Fußballfeld und daneben Stadien voller Leidenschaft und frei von Gewalt. Und – da beim sportlichen Schauspiel die Ethik die Grundlage des Geschäfts bildet – auch davon: Fußball als Unternehmen von sozialer Nützlichkeit und Verantwortlichkeit, mit ordentlichen Bilanzen und ohne Betrugsaffären. Heute wissen wir: Das alles ist machbar! Man muss es nur mit derselben Bestimmtheit wollen, die die Azzurri auf dem Siegeszug von Krakau nach Kiew beseelt hat.
Diese Europameisterschaft 2012, gezeichnet von der Krise und vom Spread, hat viele und vielleicht zu viele Deutungen geopolitischer Art nahegelegt. Vom ungleichen Treffen zwischen Deutschland und Griechenland bis zum Finale der PIIGS. Inmitten einer Menge von Unsinn hat sich dennoch etwas Wahres über die Beziehung zwischen Fußball und nationaler Identität gezeigt: Wir haben nur Fußball gespielt, einen offenen und mutigen Fußball, teilweise wunderschön, auf jeden Fall innovativ. Der verzweifelte Verteidigungsstil, das räuberische Taktieren, das uns in den vergangenen Jahren den Ruf der Genialität eingebracht hat, aber niemals den der Meisterschaft, ist eine glanzvolle Erinnerung... Wir sagen es noch einmal: Zusammen können wir es schaffen.“ (Gazzetta dello Sport)

Dass die Nation sich ändern und d.h. ihren Erfolg erzwingen kann, dass, wenn endlich einmal auf der einen Seite die Ethik regiert, sich auf der anderen Seite auch der Lohn dafür einstellen muss – diese Beziehung zwischen Fußball und nationaler Identität wird – koste, was es wolle – aus den Spielen herausgeprügelt. Dann häufen sich die erstaunlichen Parallelen nur so. Vor dem Hintergrund der zeitlichen Koinzidenz des Endspiels mit einer Euro-Krisensitzung, bei der sich nach allgemeiner Meinung Italien und Spanien gegen la Merkel durchgesetzt haben sollen, beweisen Monti und Nationalmannschaft bis dahin ungeahnte Qualitäten des Italieners:

„Monti kehrt das Bild des angeberischen und verräterischen Italieners um. Er ersetzt es durch das des harten Verhandlungsführers, der zuverlässig ist, was die gegebenen Versprechen betrifft, aber unerschütterlich bei der Verteidigung der nationalen Interessen... Man kann gegen Deutschland spielen, als ob wir Deutsche wären, aber kreativer als die Deutschen. Man kann mit Deutschland verhandeln, als ob wir Deutsche wären, aber geschmeidiger als die Deutschen. Im Grund ist das die Evolution, und sie gilt für Völker wie für die einzelnen Menschen.“ (Corriere)

Man muß es nur wollen, weg von den alten Lastern, hin zu den nötigen Tugenden, und die Nation kann es mit den Deutschen aufnehmen.

„Kann Italien sich wirklich ändern? ... Schlauheit und Selbstmitleid, wo seid ihr? Catenaccio, ich erkenne dich nicht wieder. Von Brüssel bis Warschau ist das ein Italien, das sein Spiel spielt, seinen Rhythmus durchsetzt, aufhört, sich zu verstecken.“ (Corriere)

Die Verfasser bekennen sich regelrecht dazu, die Spiele zu einem nationalen Erweckungserlebnis umzufunktionieren: Wir haben gewonnen, wir können gewinnen, wir können überall gewinnen, wenn wir nur wollen und uns einig sind... Der Erfolg der Mannschaft wird wie eine kollektive Verhaltenstherapie behandelt, wie ein Rauschmittel für die Nation, das deren Gefühlshaushalt in Ordnung bringen muss:

„Manchmal sind die Parallelen zwischen Politik und Sport nicht irgendwelche journalistischen Erfindungen, sondern Gefühlsausbrüche. Die hatten wir nötig. Ich habe gesehen, wie sich Leute nach dem Sieg über Deutschland umarmten und dabei genau wußten, dass er den Jugendlichen keine Arbeitsplätze verschafft, den Bankern keine Humanität, und dennoch glücklich wie die Kinder, weil sie wiederentdeckt haben, dass man glücklich sein kann, wenn auch nur für zwei Stunden und nur wegen zweier Tore.“ (Corriere)

Sie halten auch gar nicht damit zurück, weshalb sie so eine Gefühlskur mittels Fußball für erforderlich halten. Angesichts der miserablen Lebensbedingungen, die die Nation der Masse ihrer Insassen bereitet, haben die es nötig, einmal zu erfahren, dass es ein Glück gibt jenseits der Welt der Arbeitsplätze und inhumanen Banker. Vermittels dieser Glückserfahrung, sich zugehörig fühlen zu dürfen zu einem Haufen, in dessen Namen Tore geschossen werden, können die Leute lernen, von ihren unschönen Lebensumständen Abstand zu nehmen, zu erleben, dass man trotz allem glücklich sein kann.

Offensichtlich halten es die Autoren für dringend nötig, den nationalen Geist, der sich auf dem Spielfeld offenbart haben soll, mit allem Nachdruck zu predigen. In großer Sorge, dass der Glaube an die Nation, genauer: an ihren Erfolg, an der Krise und sonstigen Unbilden Schaden nehmen könnte, machen sie sich an dessen Reparatur zu schaffen und bearbeiten ihr Publikum mit der Botschaft, was es für ein Glück ist, auf dem kleinen Umweg über die Mannschaft den Glauben an sich als nationales Kollektiv wiederzugewinnen.

Mit diesem Bedürfnis, einen unschlagbar fanatisierten nationalen Geist zu erzeugen, sind die Kommentatoren nicht alleine, es wird inzwischen auch europa-weit praktisch in die Hand genommen und in Gestalt von Massenveranstaltungen organisiert.

„Niemals zuvor hat sich unser Land, kaum sind die Feiern der 15O Jahre Einheit vorbei, so geschlossen vorgefunden wie bei der EM 2012; ohne Spaltung, eine einzige Sprache sprechend, die des Fußballs. Vor den Großbildschirmen, ein Verdienst neuer Technologien, mit den Bildern in diesen Dimensionen vervielfacht sich die Begeisterung, sie wächst, sie bestärkt einen, sie bringt dich dazu, den Unbekannten oder das fremde Mädchen, das neben dir steht, zu umarmen, gemeinsam zu weinen und zu lachen. Dich als Italiener unter Italienern zu fühlen, vom Aosta-Tal bis nach Sizilien, unabhängig von Hautfarbe und Herkunft.“ (Corriere)

Auch wenn das Ausrasten und Fraternisieren wildfremder Menschen sicher nicht das Verdienst der Technik ist, die Wirkung stiftet große Zufriedenheit. Gefeiert wird eine Veranstaltung, bei der die Einheit der Nation nicht nur in der Tatsache besteht, dass vom Aostatal bis nach Sizilien alle Insassen unter einer Staatsgewalt versammelt sind und mitsamt ihren Gegensätzen, von der alltäglichen Konkurrenz bis zu den politischen Separatismen, als deren Material fungieren, sondern „gefühlt“ und gelebt wird. Die Meinungsmacher bekennen sich als Methodiker der Erzeugung dieser Art von Massenhysterie: Dank der generalstabsmäßigen Organisation der Fan-Kultur avancieren

der Fan, seine Meile und seine Kostüme

zu einem Gegenstand, dessen Besprechung fast soviel Platz einnimmt wie die der Spiele.

Auch auf dem Gebiet gibt es schon wieder leuchtende Vorbilder. Etwa der quer durch alle Medien gefeierte Auftritt der Iren: Die stets unverdrossen gutgelaunten Iren setzten trotz dreier Niederlagen ihrer Mannschaft Maßstäbe und werden von Platini noch einen Preis für ihr Auftreten erhalten. (FAZ, 2.7.) Der Ire erwirbt sich einen Ruf als Weltmeister unter den Fans, weil er trotz unablässiger Niederlagen immer zu seiner Mannschaft steht. So hätten wir die Völker gerne: Zusammenhalten mit permanent grundlos guter Laune, mit einer jederzeit abrufbaren Begeisterung für die eigene Nation, die sich durch rein gar nichts entmutigen lässt.

„Nur Irland scheint zu existieren, alles ist grün, alle singen, am Ende verabschieden sich die Iren mit 0 Punkten von der Euro. Auf den Rängen werden trotzdem Gesänge angestimmt, als hätte sich ganz Irland in der Kirche zum kollektiven Gesang versammelt, als wäre Irland mehrfacher Weltmeister... Wer in den Stadien von Danzig und Poznan keine Hühnerhaut kriegte, muß gefühlskalt sein. Als alles verloren war, stimmten die Iren die Hymne ‚Fields of Athenry‘ an, in der das Schicksal von Michael besungen wird, der während der irischen Hungersnot für seine Familie Nahrung gestohlen hatte und nach Australien verfrachtet wurde.“ (NZZ, 21.6.)

Begeisterung für die Zugehörigkeit zu einem nationalen Haufen, der sich vor allem durch eine lange Tradition von Elend und Not auszeichnet, ist kein Indiz für die Klapsmühle, sondern ein Charakterzug, der bis hinein in die Schweiz für Rührung sorgt.

Das Anliegen der Zeitungsschreiber, die Rolle der Völker als Manövriermasse ihrer Herrschaft um ein begeistertes Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Kollektiv und seine sonst eher passive Rolle um einen Aktivismus der Vaterlandsliebe zu ergänzen, hat an der Fan-Kultur ein ideales Betätigungsfeld gefunden. Schließlich wird da die Kunst, von den Trübseligkeiten des alltäglichen Lebenskampfs zugunsten einer nationalen Euphorie Abstand zu nehmen, zu einer eigenen Beschäftigung ausgestaltet. Und diese glückhafte Einheit mit der Mannschaft, dem Club, der Nation, die aus vollem Herzen gelebt und vorgelebt wird, können sie dem Publikum gar nicht oft genug vorführen.

Der eher eintönige Aufgabenkatalog der Staatsbürger in Fan-Uniform, den die Medien durchnehmen, besteht erstens aus Feiern, dem ununterbrochenen Aufweisen von guter Laune, und das nationen-übergreifend. Nach jedem Spiel werden mit dem Schwenk auf die öffentlichen Plätze teure Sendeminuten auf die Botschaft verwendet: Überall stehen die Völker und „feiern“ – laut FAZ eine bemerkenswert sittliche Tätigkeit:

„Die Fans schluckten ein paarmal, ließen sich ansonsten jedoch den Spaß am Fußball durch diese Unannehmlichkeiten, eine häufig beschwerliche Anreise und die eine oder andere Organisationspanne nicht verderben. Die Gastfreundschaft der Polen und vor allem der Ukrainer half ihnen spielend darüber hinweg. Mit welcher unverdrossenen Begeisterung sie sich selbst, ihre Nationalmannschaften und den Fußball insgesamt feierten, hatte etwas Rührendes, Hoffnung Spendendes und Irritierendes zugleich. Der Begriff ‚Schlachtenbummler‘ ist für diese Klientel zum Glück längst irreführend, ‚internationales Fußball-Partyvolk‘ trifft es besser. Einerseits befremdend, was es alles erduldet, um sich – in ihre Nationaltrikots gezwängt oder bunt kostümiert – zu amüsieren, andererseits bewundernswert, wie es die Grundsätze der Völkerverständigung lebt.“ (3.07.)

Die sich und ihre Leserschaft der Elite zurechnenden klugen Köpfe aus Frankfurt fingieren Irritation und Befremden angesichts der Sitten und Gebräuche, die die für eher proletarisch gehaltenen Fanclubs so aufweisen, nur um den höheren sittlichen Wert beim internationalen Partyvolk herauszuarbeiten: Für bewundernswert erklären sie dessen Aufführungsweisen, um zwei Gleichungen zu propagieren: 1. ist Nationalismus, wie man sieht, das reine Vergnügen und 2. das Aufeinandertreffen von lauter solchen National-Besoffenen aus verschiedenen Länder ein klarer Fall von Völkerverständigung.

Wie gut sich die Völker trotz Sprachschranken verstanden haben, beweisen die zwei anderen Hautptätigkeiten von Fans, Singen und Saufen. Dass sie das alle können, verbindet offensichtlich enorm.

„Die wichtigsten EM-Partys wurden in Polen gefeiert. Nicht selten haben sich dabei Fans des unterlegenen polnischen Teams mit Fans der hoffnunglos unterlegenen Iren gegenseitig zum Bier eingeladen... Die Polen haben so getan, als wären sie niemals ausgeschieden. Bei den K.o.Spielen in Warschau und Danzig sang das ganze Stadion die weiß-rote Fußballhymne ‚Polskaaaa, Bialo-Czerwoni‘. Neben dem irischen ‚Fields of Athenry‘ ist es das, was von diesen Spielen nachklingt.“ (SZ, 2.7.)
„Nicht nur die ausländische Presse habe über das ‚wunderbare Polen‘ der neuen Stadien und Flughäfen so überrascht geschrieben – ‚auch wir selber haben das Land völlig neu gesehen‘ (Gazeta Wyborcza). Die Polen hätten zu ihrem eigenen Erstaunen festgestellt, dass sie eben doch nicht so ganz anders seien als die alten Europäer weiter westlich. Man habe Spaß wie sie, man mache Witze wie sie – und ‚wenn wir uns anstrengen, schaffen wir es sogar, uns ohne Aggressionen zu betrinken‘.“ (FAZ 2.7.)

Diese letzte, nicht ganz unwesentliche Betätigung der Fans gibt es auch noch. Das Bedürfnis, die Überzeugung von der eigenen Vortrefflichkeit den Mitgliedern anderer, also minderwertiger Völker innerhalb und außerhalb der Stadien handfest mitzuteilen, hat sich zwar auch seine Gelegenheiten gesucht, wird aber zugunsten der Botschaft von der praktizierten Völkerverständigung theoretisch dementiert und praktisch ausgeblendet. Zwar hat es die Uefa für nötig erachtet, alle Spiele und Fernsehübertragungen mit einer Kampagne ‚Respect diversity‘ zu umrahmen, um die Fans von dieser Abteilung praktizierter Völkerverständigung abzuhalten, und bei Gelegenheit ist auch das Polizeiaufgebot der Gastgeberländer für seine Leistungen auf dem Gebiet der Abschreckung gelobt worden. Aber die Öffentlichkeit übt ihre volkserzieherische Pflicht auf die beeindruckende Weise aus, dass sie die einschlägigen Vorkommnisse erst einmal – im Prinzip – bestreitet. Und zweitens dann doch vorkommen lässt, wenn es nämlich für andere agitatorische Anliegen sein muss: Die Gastfreundschaft in den Ausrichterländern steigerte die Stimmung unter den mitgereisten Anhängern, die durch Hooligans nur beim Spiel zwischen Russland und Polen gestört wurden. (FAZ, 2.7.) Hooligans gibt es im Prinzip nur noch im unzivilisierten – asiatischen? – Osten.

Was auf seiten der Fans als Gemeinschaftsleistung zu bewundern war, hat dann aber bei Teilen der deutschen Mannschaft gefehlt, und das erklärt wiederum die nicht geplante deutsche Niederlage. Die Fachwelt, von der Süddeutschen bis zur Bildzeitung, macht die negative Korrelation von Singen und Gewinnen für die Enttäuschung verantwortlich:

„Ob Spieler die Hymne singen, ist für das Spiel nicht wesentlich, aber Inbrunst und Lautstärke des italienischen Gesangs strahlten eine Entschlossenheit und einen Gemeinsinn aus, den man den Deutschen so nicht angesehen hat.“ Und das ist dann doch wesentlich: „Emotionalität ist keine tragende Säule des deutschen Spiels mehr. Als das Team jetzt von Handwerk und Plan verlassen wurde, war es nicht imstande, sich über die banale Emotion wieder ins Spiel zurückzukämpfen.“ (SZ, 2.7.) Die Kurzfassung des Gedankens liefert Peter Hahne in der Bildzeitung: „Wer für sein Land nicht singt, tut sich schwer mit Siegen.“ (1.7.)

Wo am Fan die gelebten Grundsätze der Völkerverständigung abzulesen sind, da bereitet es auch keine Schwierigkeit, am Fußball den Geist zu entdecken, den Europa braucht.

Der Volksgeist in imperialistischer Mission – die Ausgestaltung des „Inter“ beim Nationalismus

Die FAZ hat den spanischen Endsieg gleich noch einem höheren Subjekt zugeschrieben, Europa hat seine EM gewonnen:

„Die ideelle Grundlage des spanischen Spiels ist die Angriffsphilosophie des FC Barcelona, die ihrerseits auf die große Ära des holländischen Trainers Johan Cruyff in den neunziger Jahren zurückgeht. Insofern ist das Spiel der ‚Roja‘ nicht allein spanisch, sondern ein europäisches Amalgam und geradezu modellhaft für Europa selbst.“ (3.7.)
Der SZ war auch schon aufgefallen, „dass der europäische Fußball weiter ist als die Politik. Denn während jeder Krisengipfel von Nationalinteressen ausgehöhlt wird, wurde das Turnier von einer neuen europäischen Fußballästhetik getragen. Die nationalen Schulen sind abgeschafft.“ (30.6.)

Egal, ob in unzufriedener oder lobhudelnder Absicht, dieses Sportereignis wird wieder einmal als Sinnbild ausgeschlachtet. Diesmal

„für die Europäische Union: Man gehört zusammen und streitet doch miteinander – und zwar friedlich und nach Regeln... und obwohl es in diesen Tagen wieder einmal um die Grundlagen, um Wohl und Wehe und Währung der EU geht, funktioniert sie. Die Gremien tagen, die Krisenmechanismen greifen ineinander. Man weiß, man gehört zusammen und braucht einander. Man will nach außen möglichst geschlossen auftreten. Aber auch nicht die nationale Identität verlieren... Souveränität und Stolz muß man jedem Land zubilligen, gerade in der Krise.“ (FAZ, 1.7.)

Europa, dieses einzigartige Gemisch aus Konkurrenz und Kooperation, dieses Kunstwerk von Nationalisten, die sich wegen außen Beschränkungen ihres Nationalismus auferlegen, deren Nationalismus, bloß weil er sich mit anderen zusammentut, mit dem Kompliment friedlich geehrt wird, dieses Europa, das zur selben Zeit wegen Wohl und Wehe und Währung ganze Völker in bodenlose Armut befördert, dieses Europa verdient – mit dem atemberaubenden Argument, dass es funktioniert! – einen europäischen Nationalismus von unten. Das befinden zumindest seine deutschen Anhänger.

Die taz lädt vor der EM den ehemaligen Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, als Fachmann für diesen speziellen politischen Bedarf ein.

„taz: Herr Walter, Ihr jüngstes Buch heißt ‚Warum unser Kontinent es wert ist, dass wir um ihn kämpfen‘. Das heißt im Hinblick auf die Fußball-EM in der Ukraine und Polen was?
Norbert Walter: Beim europäischen Fußballwettbewerb wie beim Eurovision Song Contest gibt es das, was wir für gesellschaftliche und ökonomische Prozesse auf unserem Kontinent leider nicht haben, nämlich Staatsbürger, die sich für dieses Thema richtig engagieren... wir haben bei beiden Events eine private Community, die an diesen leidenschaftlich interessiert ist. Aber Staatsbürger, die sich politisch und gesellschaftlich für Europa verantwortlich fühlen? Nein, die haben wir leider nicht...
taz: Nun, im Fußball spielt die Europäisierung nur auf Vereinsebene eine Rolle. Jetzt bei der EM geht es um Nationales.
Walter: Richtig, doch zugleich ist ganz offenkundig, dass es sich dabei um einen Wettbewerb handelt, der als Fest, nicht als Krieg inszeniert wird und der gemeinsame Stärke erzeugt. Das werden wir auch in Polen und der Ukraine erleben...
taz: Zumal die DFB-Kicker die Sympathien geben können, die deutsche Kanzlerin europäisch gesehen die herzlose Eurogeizhälsin verkörpert...
Walter: Fußball, ein schöner Botschafter... Ein profanes Ereignis wie die EM ist ein idealer Weg, Brücken zu bauen. Vor sechs Jahren waren es die Brücken, die zu unserer Wissenschaft, zu unserer Architektur, zu unserer wirtschaftlichen Leistung führten.“ (taz, 6.6.)

Keine Frage, ob die Sache, für die sich engagiert wird, es irgendwie wert ist, sich ihretwegen zu echauffieren. Für den Europa-Visionär tut es das musikalische Grauen da genausogut wie der Fußball, Hauptsache, es wird sich engagiert. Dass das ehemals eher für weltverbesserische Tätigkeiten reservierte Verb auf Veranstaltungen angewandt wird, die für das hemmungslose Ausleben von Nationalismus bekannt sind, verdankt sich dem Wunsch nach Entstehung eines Euro-Nationalismus, der diese inter-nationalen Events zu einer Vorstufe seines Desiderats und das Zusammentreffen der gewöhnlichen Nationalisten zu einem Stück höherer Community hindefiniert, das sich in gemeinsamer Stärke niederschlagen soll. Wobei sich der ehemalige Chef-Volkswirt mit den Stichworten Fest statt Krieg darauf verlassen kann, dass beim Publikum ein europäischer Geist ohnehin für das Gegenteil von Nationalismus, deshalb per se und ohne jede weitere Begründungsnotwendigkeit für gut gehalten wird.

Politische Vordenker können sich heute offensichtlich ganz unbefangen von Sportveranstaltungen solche politischen Leistungen bestellen, dass sich die Völker per Fußball-EM schon mal ein bisschen Europa-Sinn antrainieren. Die politische Instrumentalisierung des Sports, die früher einmal als Indiz für den totalitären Charakter gewissser Unrechtsstaaten gegolten hat, propagieren sie heutzutage mit allergrößter Selbstverständlichkeit und schwärmen vom Fußball als Erziehungsanstalt in Sachen Nationalismus, zur Herstellung eines neuen europäischen oder – s.u. – eines passenden, nämlich einheitlich russenfeindlichen Nationalismus in der Ukraine. In ihrer Begeisterung über die Eignung dieser Sportart fürs Einüben von Gesinnungen kämen sie nicht im Traum auf die Idee, dass ihre diesbezüglichen Wunschträume ziemlich genau die Definition von Manipulation erfüllen, vor der ganze Lehrergenerationen ihre Schüler gewarnt haben.

Während Professor Walter darauf hofft, dass der deutsche Fußball immerhin schon mal Sympathien auf Deutschland ziehen und den Eindruck kompensieren könnte, den die herzlose Eurogeizhälsinim Ausland stiftet, berichtet die FAZ von Brücken, die der Fußball schon gebaut hat. Man muss es immer wieder sagen, wie sehr uns die anderen mögen, auch das hat die EM gezeigt.

„Podolski und Klose lieben Deutschland und Polen – und werden in beiden Ländern geliebt.

„‚Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein‘, versprach Willy Brandt vor vierzig Jahren im Bundestag. Das Ziel ist erreicht. Deutsche Fußballfans können in Schwarz-Rot-Gold durch Danzig flanieren, um – vielleicht sogar gemeinsam mit Polen – die in Schlesien geborenen Spieler Lukas Podolski und Miroslav Klose anzufeuern.“

Dieser enorm gelungene Fall von Völkerversöhnung verdankt sich laut der dialektischen Denkweise der FAZ der Unerbittlichkeit des westdeutschen Revanchismus. Denn hätte nicht das Bundesverfassungsgericht schon in seinem Urteil zum Grundlagenvertrag mit der DDR festgestellt, dass Deutschland fortbestehe, hätte es daraus nicht insbesondere die verfassungsrechtliche Pflicht gefolgert, die Identität des deutschen Staatsvolkes zu erhalten. Und zwar ‚über den räumlichen Anwendungsbereich des Grundgesetzes hinaus‘, wären Podolski und Klose mutmaßlich Polen und in Polen geblieben. Das ist der Grund dafür, dass Podolski und Klose aus Sicht der Bundesrepublik Deutschland stets (auch) Deutsche waren.

So hat man wieder etwas gelernt über die Verdienste des alten Revanchismus: Schlesier verbinden statt zu entzweien. Warum das heute so ist, erfährt man schon auch. Schließlich verdanken wir ja die Platzierung dieser EM in Polen und der Ukraine den heutigen gemeinsamen Bestrebungen, den weiteren Osten von Russland abzutrennen und an die richtige Seite anzuschließen:

„Eigentlich war dies ja die Idee der Führung in Warschau, als sie sich gemeinsam mit den Ukrainern vor 6 Jahren um die Austragung der EM beworben hatte: die ehemalige Sowjetrepublik näher an die europäischen Strukturen heranführen.“ (SZ, 2.7.)

Weil Deutschland und Polen heutzutage 1. in der EU und 2. im gemeinsamen Interesse geeint sind, die eigene Macht per Europa immer weiter nach Osten auszudehnen, herrscht Harmonie zwischen den Feinden des 2. Weltkriegs und den Protagonisten der Nachkriegsgegensätze, siehe Oder-Neisse-Linie und „Schlesien ist unser“. Wie schön, dass ein neuer Gegensatz die alten begräbt.

Diese herzliche Sympathie für Polen schließt allerdings Sticheleien gegen die polnischen Nachbarn überhaupt nicht aus:

„Doch machte die EM auch die Schwächen Polens offenbar: Das Land leidet unter einem Reformstau. Es ist vor allem der schwerfälligen Bürokratie zu verdanken, dass große Infrastrukturprojekte wie Autobahnen und Schnellbahntrassen weit hinter den Ankündigungen zurückgeblieben sind. Hier muss Premierminister Tusk endlich handeln - auch damit Polen weiterhin Vorbild für die Nachbarn im Osten sein kann... Vielleicht schaffen es die Polen ja noch einmal, Janukowitsch zu besseren Einsichten zu bewegen.“ (ebda.)

Das ist im neuen europäischen Geist lässig drin, bei der Gelegenheit den Polen hinzureiben, dass sie mit ihrem Reformstau dann doch nicht ganz die nötige imperialistische Statur haben, um die Ukraine heranzuführen.

Auch das gehört nämlich zu den Aufgaben, die das Fußballtreffen nach Auffassung seiner Kommentatoren neben der Feier der europäischen Großmacht zu erfüllen hatte. Und da stellt sich natürlich die Frage, ob es richtig war, ein solches Großereignis nach Osteuropa zu vergeben. (Boris Herrmann, Wieso diese Uefa? SZ, 8.6.) Da heißt es gründlich nachschauen, ob die Gastgeberländer und insbesondere die ukrainische Führung sich die Ehre, dass wir unser Zeug auf deren Boden abwickeln, auch wirklich verdient und nicht erschlichen haben.

„Längst ist es an der Zeit, dass sich eine breitere Masse mit Ländern wie Polen und der Ukraine auseinandersetzt. Aber auch damit, dass bei der Vergabe und bei den folgenden Investitionen vieles nicht nach den Regeln eines Rechtsstaates verlaufen ist.“ (SZ, 8.6.)

Auseinandersetzen bedeutet in diesem Fall die Ernennung der Fußballer und Fans zu Diplomaten von unten. Die Fußballer bekommen sogar die nötige Ausbildung: Oliver Bierhoff lädt regelmäßig Referenten ein, sie reden mit den Spielern über Werte, und die können hinterher flüssig Sätze der folgenden Art bilden:

„Wenn ich sehe, wie das Regime Julia Timoschenko behandelt, dann hat das nichts mit meinen Vorstellungen von Demokratie zu tun... Die Gesellschaft würde es nicht mehr akzeptieren, wenn 23 Fußballer in ein Land reisen, von dem man weiß, da ist etwas anders als bei uns, und keiner sagt etwas dazu. Man würde uns fragen, ob wir wissen, was da los ist. Wisst ihr nicht, was da los ist?“ (Philipp Lahm, SZ, 6.7.)

Mehr als die Frage, was da anders ist als bei uns, benötigt auch die gesamte journalistische Horde nicht, um zu ermitteln, was in den Gastgeberländern los ist.

Landeskundliche Erkenntnisse: im einen Fall Wachstum, im anderen Fall Korruption

Die Reisenden führen einen gründlichen Vergleich der beiden Gastgeber-Nationen durch. Im ersten Fall ist die Wirkung der EM so gut und nützlich, wie unsere Zufriedenheit mit der deutsch-polnischen Politik:

„Für Bürgermeister Adamowicz ist der Fußball-Hype ein Segen, hat das global beachtete Turnier doch in Danzig einen immensen Investitionsschub ausgelöst... Eine Milliarde Euro, rechnet Adamowicz vor, werden bis 2014 in verschiedenste Bauprojekte geflossen sein – für Flughafenterminal, Straßen, Brücken, Tunnel, Hafenumwandlung, Stadion. Die Hälfte kommt aus den Kassen der EU.“ (FAZ, 9.6.)

Ein bemerkenswerter Aufschwung der Geschäfte auch im Dienstleistungsgewerbe:

„Während der Fussball-Europameisterschaft war der Kunden-Andrang so stark, dass ein Danziger Nachtclub, offiziell als ‚Drink-Bar‘ bezeichnet, auf seinem Gelände Container aufstellte. Nachdem sich dort, z. B. nach dem Gruppenspiel Italien – Spanien, Kunden-Schlangen gebildet hatten und auch die Taxis sich in der Umgebung stauten, war die Einrichtung stadtweit ein Gesprächsthema... Die Jugendorganisation des Linksbündnisses (FMS) hat jetzt in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, wie notwendig eine öffentliche Diskussion über das Thema Prostitution sei. Die Umsätze der Branche müssten steuerlich erfasst werden.“ (infoseite polen, 6. Juli )

Und während Polen mit einer funkelnagelneuen Infrastruktur nicht nur Eindruck macht, sondern mit seinem wundersamen Wachstum beweist, was für ein Erfolgsweg die Mitgliedschaft in der EU darstellt – da kommt das gute Geld, bis auf weiteres jedenfalls, garantiert nur in den richtigen Händen an –, präsentiert sich die Ukraine als ein Sumpf von Korruption:

„Beim Mitgastgeber Ukraine ergibt sich zum EM-Start nicht nur wegen der politischen Diskussion um Menschenrechtsverletzungen und die inhaftierte ehemalige Ministerpräsidentin Julija Timoschenko ein völlig anderes Bild als in Polen. Mehrmals hatte der Europäische Fußball-Verband (Uefa) als Veranstalter Warnungen ausgesprochen und mit dem Entzug des Turniers gedroht, weil bei Inspektionen erhebliche Bauverzögerungen festgestellt worden waren. Dass die Spiele doch noch in den Stadien von Kiew, Charkiw, Donezk und Lemberg (Lwiw) stattfinden, hat vor allem damit zu tun, dass der autokratisch regierende Präsident Viktor Janukowitsch ein Gesetz durchs Parlament peitschte, damit Bauaufträge im Zusammenhang mit der EM ganz ohne Ausschreibungen an handverlesene Firmen vergeben werden konnten. Der Beschluss befeuerte die sowieso schon ausufernde Korruption noch weiter.“ (FAZ, 9.6.)

Das war also nicht die nötige Tatkraft, die eine Regierung an den Tag legen muss, wenn sie ein solches völkerverbindendes Hyper-Event auf ihrem Staatsgebiet in Szene setzen will. Auch bei explosionsartig steigenden Baukosten – von denen die Presse bei wirklich jedem Prestigeprojekt zu berichten weiß – kommt es immer noch darauf an, in welcher Nation sie stattfinden. In der Ukraine beweisen sie das Vorhandensein von Regierungskorruption größten Stils und gleich auch noch den Zynismus einer Geldverschwendung, den die armen Leute in der Nation einfach nicht verdient haben:

„‚Es wurden Milliarden aus dem Haushalt verschwendet‘, kritisierte der Oppositionspolitiker Ostap Semerak aus Lemberg... Insgesamt sei die EM-Rechnung der finanziell angeschlagenen Ukraine, die von der Wirtschaftskrise schwer getroffen worden ist, auf 11 Milliarden Euro angeschwollen. 10,5 Prozent des Bruttosozialproduktes müssen dafür eingesetzt werden. Ein Viertel der 46 Millionen Ukrainer lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Beratergesellschaft Da Vinci führt an, dass durch die hohe EM-Verschuldung Rückzahlungen an den Internationalen Währungsfonds (2,4 Milliarden Euro) sowie an die russische Staatsbank VBT (1,5 Milliarden Euro) bis Jahresende gefährdet seien.“ (ebda)

Die Autoren können sich einfach nicht mehr daran erinnern, dass die Ukraine damals, als die Timoschenko-Regierung mit der Vergabe der EM für ihren Westkurs belohnt werden sollte, auch nicht viel reicher war. Umso mehr sticht ihnen jetzt der Zynismus, angesichts einer landesweiten Misere eine Unsumme von Geldern für das internationale Nationalisten-Spektakel zu verwenden, in die Augen. Während den Erdbebenopfern in Italien nach einhelliger Meinung nichts Besseres passieren kann, als dass „ihre“ Mannschaft gewinnt, hätten die armen Leute in der Ukraine eigentlich verdient, dass ihrer Nation die EM weggenommen wird. Auch die Süddeutsche vertritt die Auffassung, dass ab sofort Gelder für Fußballstadien zur Armutsbetreuung umgewidmet gehören, und lässt eine ukrainische Rentnerin als Vehikel zum Transport dieser Botschaft auftreten:

„Mittlerweile ist Raissa Danilowna 92 Jahre, sie braucht medizinische Hilfe. Vom ukrainischen Staat kann sie da nur wenig erwarten... Bei Raissa Danilowna muss der Staat gerade ebenso sparen wie bei seinen Erzieherinnen. Vielleicht müssen manche Kindergärten vorübergehend auch zumachen. Das Geld ist in Charkow ja schon für das Stadion und den Flughafen und die unnützen Fußgängerbrücken draufgegangen.“ (SZ, 2.7.)

Bei der Olympiade in London hat der Gesichtspunkt selbstverständlich nichts mehr zu suchen. Armut blamiert eben nicht jede Regierung. Das sieht man auch an Polen:

„Für Polen hat sich der Aufwand trotzdem gelohnt... Warschau hat ja eine Hochhaus-Skyline! In Breslau gibt es ja gute Kneipen! Sopot hat wundervolle Strände! In Krakau steigen die Mieten so schnell wie in Kreuzberg! Der Kern dieser Minimal-Erkenntnisse lautete in allen Fällen: Polen ist ein ziemlich normales Land. Alleine dafür hat sich der Aufwand schon gelohnt.“ (SZ, 2.7.)

Die Verwendung von normal als Kompliment, bei dem dann auch steigende Mieten problemlos zu den Anzeichen von Fortschritt gerechnet werden, erklärt sich ganz einfach: „Wir“ sind die Guten und daher sind unsere Errungenschaften der Maßstab der Welt, europäisch ist die Leitlinie für den Kontinent und sein Umfeld, und Länder, die da noch „anders“ sind, müsssen von ihrem abweichenden Verhalten geheilt werden. Wie dringend solche Länder die entsprechende europäische Betreuung benötigen, sieht man z.B. an den haarsträubenden Zuständen in der Ukraine:

AIDS, Tschernobyl, Korruption, Oligarchen und Armut

Private Spender und Mäzene, die woanders ein Zeugnis für die gemeinwohldienliche Leistung der Privatwirtschaft und den außergewöhnlichen Charakter der Spender – Bill Gates e.a. – darstellen, heißen in der Ukraine Oligarchen, so dass man gleich den Unterschied erkennen kann. Der Mangel an Kapital, nur eine Handvoll Superreicher, namentlich bekannt, spricht gegen die Nation, jedenfalls gegen ihre östliche Hälfte:

„Charkiw, tief im Osten der Ukraine gelegen, gilt als die sowjetischste Stadt im Land. Auch weil viele Menschen hier noch immer mit der alten Mentalität leben, ist dies für den Oligarchen Alexander Jaroslawski ein idealer Ort. Er ist der reichste Mann der Stadt mit ihren eineinhalb Millionen Einwohnern, und natürlich gehört ihm der örtliche Fußballklub Metalist.“ (FAZ, 14.6.)

Oligarchen waren ja bekanntlich eine ur-sowjetische Einrichtung. Sie stehen nicht für marktwirtschaftliche Geldmacherei, sondern produzieren Unterdrückungsinstrumente für (Schurken-)Staaten: Die industrielle Existenz der Stadt gründet auf Eisenerz, daraus werden Traktoren und Panzer geschmiedet, früher für die Rote Armee, heute für China und Syrien. Sie bauen viel zu große Flughäfen. Das blaugelbe Wappen des FK Metalist Charkiw ziert Bauwände, Plattenbauten und den modernen, völlig überdimensionierten Flughafen, den Jaroslawski für diese EM im staatlichen Auftrag hat bauen dürfen. (ebda.)

Und da müssen – schon wieder – wir darum kämpfen, dass die Ukraine ihre Schattenseiten nicht durch die bunten Bilder verdrängt:

„Seit der Ball rollt, scheint die Ukraine ihre Probleme vergessen zu haben. Die farbenfrohen Bilder der EM überlagern nicht nur die Menschenrechtsfrage, sondern auch die AIDS-Gefahr, die nirgendwo in Europa größer ist... Wie so viele ihrer mit dem HI-Virus infizierten Landsleute war auch Alina lange ein Opfer der schlechten Gesundheitsvorsorge in der Ukraine, dem Land mit der höchsten AIDS-Rate in Europa... Ein riesiges AIDS-Problem braut sich an der Peripherie der Europäischen Union zusammen, aber kaum jemand schaut hin. Gerade jetzt ist das fatal, denn mit der Fußball-EM steigt der Sex-Tourismus in der Ukraine stark an und damit auch die Gefahr einer Ausbreitung von AIDS.“ (Deutsche Welle, 14.6.)

Und die Bekämpfung von AIDS leidet weniger an einer dank Transformation krisenhaften Finanzlage und dem dadurch geschädigten Gesundheitssystem als an einer unzureichenden Öffentlichkeit, weshalb der Auftritt schwuler Popstars in der Ukraine der direkte Weg zur Bekämpfung dieses Problems ist:

„Zum Abschluss der Fußball-Europameisterschaft wird AIDS dann doch noch in den Fokus der Öffentlichkeit rücken: Wenn Popstar Elton John und die Gruppe Queen am 30. Juni, dem Vorabend des EM-Finales, bei einem Konzert in Kiew auftreten, wollen sie auf die HIV-Problematik im EM-Gastgeberland hinweisen.“ (ebda)

Alina ist ebensowenig ein Opfer der Armut, die mit der Marktwirtschaft in der Ukraine Einzug gehalten hat, wie eines der Tschernobyl-Opfer, das Besuch von der FAZ bekommen hat:

„Gennadij Muljawko, auch er war in Tschernobyl, damals als junger Soldat, Gennadij Muljawko wurde von den Strahlen zum Wrack gemacht... Dann aber kam die Wirtschaft nicht auf die Beine, und die Regierung kappte Gennadij Muljawkos Rente von umgerechnet 712 auf 253 Euro. Ein Desaster, wo doch schon die Kohle für den Ofen 600 Euro im Jahr kostet.“ (27.6.)

Es ist natürlich wieder dieser Janukowitsch, der die Renten kürzt. Dass er dazu von den grundvernünftigen Direktiven des IWF zur Haushaltssanierung und mit der Androhung der Verweigerung von Kredit angehalten wird, hat in dem Zusammenhang natürlich nichts zu suchen. Aber auch die Tatsache, dass sich die Ukraine am Rand des Staatsbankrotts bewegt, stiftet, unter dem richtigen Gesichtspunkt betrachtet, Hoffnung:

„Das ‚Donbass‘ mit seinen Kohlegruben und Stahlwerken ist das industrielle Herz der Ukraine, und weil man im Revier zusammenhält, ist es zugleich die Hochburg Präsident Wiktor Janukowitschs, der selbst hier unter den Abraumhalden aufwuchs... Die Wirtschaft wird in diesem Jahr mit 2,5 Prozent viel weniger wachsen als erwartet, und weil der Präsident mit der rücksichtslosen Verfolgung der Opposition die Beziehungen zum Westen verdorben hat, ist das Land russischen Gaspreis-Erpressungen hilflos ausgeliefert. Das Regime sitzt in der Klemme, und es hat kein Geld, seine sowjetisch-staatsgläubigen Stammwähler im Osten weiter an sich zu binden.“ (ebda)

Im Herbst sind Parlamentswahlen und die Armut des Staats sollte doch allmählich Janukowitsch und seine Stammwähler entzweien, damit eine uns genehmere Regierung den ukrainischen Haushalt sanieren und die Renten kürzen kann.

Fußball als Hebel für die Entzweiung von Führung und Volk – in der Ukraine

Zur Durchsetzung dieser Art von Armutsbekämpfung leisten dann die Spiele wieder einen nützlichen Beitrag. Statt mit bunten Bildern zu überlagern, bieten sie eine Gelegenheit zur Instruktion des ukrainischen Wählerwillens, dem so nachdrücklich wie möglich die Delegitimierung seines Staatschefs durchs westliche Ausland vorgeführt wird:

„Besuche im Krankenhaus, Pressekonferenzen und Stellungnahmen in der Ukraine oder kleine protokollarische Affronts gegen Vertreter des Regimes finden auch in den dortigen Medien Widerhall und tun Präsident Janukowitsch, der derzeit mit Mordvorwürfen gegen die Oppositionsführerin ungerührt die nächste Repressionsrunde eröffnet, mehr weh als viele Worte in Deutschland. Um es in der Fußballsprache zu sagen: Man muss das Spiel in die Hälfte des Gegners tragen.“ (FAZ, 14.06.2012)

Denn auf der anderen Seite gibt es das ukrainische Volk, und das soll die Entdeckung dieser EM gewesen sein: liebenswert und im Prinzip schon sehr

„europäisch“!

Zehntausende Fans hatten graue, unwirtliche Städte erwartet. Kein Wunder, das schreiben die westlichen Zeitungen ja jetzt auch schon ein paar Generationen lang und haben es auch jetzt wieder geschrieben. ...und kehrten voll positiver Überraschungen zurück. Sie sind unterwegs auf Menschen getroffen – was hatten sie denn erwartet? –, die eines geeint hat: ihre Gastfreundschaft und ihr Stolz, dass sie endlich mal Besuch bekommen in diesem Winkel der Welt. (SZ 2.7.)

Das ist es also, was den Ukrainern die ganze Zeit gefehlt hat, sie bekommen nicht genug Besuch, ein anrührendes Bild für die Tatsache, dass das europäische Begehren, den Nachbarstaat von Russland abzukoppeln, noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Solange nämlich bleibt der Staat isoliert und seine Bewohner so alleine, das Riesenland ein abgelegener Winkel. Aber unser „Besuch“ samt der stattfindenden Berührungen hat den bedauernswerten Ukrainern viel Neues mitgebracht – noch viel mehr als Singen, Saufen und Fan-Uniform, was sie womöglich auch schon vorher kannten:

„Der Box-Schwergewichtsweltmeister Vitali Klitschko glaubt, seine Landsleute hätten durch die Berührung mit dem Westen Europas deren Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten kennengelernt.“ (FAZ, 3.7.)

Und wir haben umgekehrt gelernt, wie europäisch die Ukraine trotz scharfem Kontrast schon ist:

„Vor allem aber ist das Turnier friedlich und fröhlich verlaufen... In der Ukraine hat diese Demonstration ‚europäischer‘ Offenheit und entspannten Patriotismus in scharfem Kontrast zur politischen Entwicklung des Landes gestanden, das sich unter Präsident Janukowitsch durch Schauprozesse und massive Regierungskorruption von europäischen Standards immer weiter entfernt...
Dass nun diese Meisterschaft auch in der Ukraine so gutgelaunt und zivilisiert verlaufen ist, und zwar nicht nur im weltoffenen Kiew, sondern auch in den etwas weltabgelegenen ostukrainischen Industriestädten Charkiw und Donezk sowie im angeblich rechtsradikal durchsetzten Lemberg im Westen, zeigt dass die ‚europäische‘ Strömung in der ukrainischen Gesellschaft, auf welche sich noch 2004 die ‚Revolution in Orange‘ stützen konnte, nach wie vor existiert.“ (FAZ, 2.7.)

Der Bedeutungswandel der geographischen Bezeichnung europäisch zum Inbegriff von guter Laune und deren Ernennung zu einer politischen Strömung, die die Ausdehnung der EU-Zuständigkeit bis weit in den Osten beantragt, bekräftigt die Aussicht auf eine Wendung zum Besseren. Schließlich leidet der Anschluss der Ukraine an unsere europäische Offenheit bislang noch immer an dem Umstand, dass sich das ukrainische Volk so schlecht handhaben lässt, in einen europa-freundlichen Westen und russen-freundlichen Osten spaltet und ein unberechenbares Wahlverhalten an den Tag legt. Deswegen haben die Fußball-Reporter in den Stadien ihre Ohren für die Äußerungen dieser Volksseele offen gehalten. Und siehe da:

„Überall skandierten die Fanmeilen ‚Ukraina, Ukraina‘ – und übrigens selbst im russophonen Charkiw nicht in der harten russischen Aussprache (Ukraina), sondern im weichen ukrainischen Tonfall (Ukrajihna).“ (FAZ 2.7.)

Der SZ-Reporter hat zwar etwas anderes gehört, aber dieselbe Botschaft verstanden:

„Ist die Ukraine wenigstens ein bisschen zusammengewachsen durch dieses Turnier? Als am vergangenen Mittwoch Portugal und Spanien das Halbfinale ausspielten, riefen die Zuschauer auf der linken Seite des Stadions: ‚Russland, Russland‘, auf der rechten Seite riefen sie: ‚Ukraine, Ukraine‘.“(SZ, 2.7.)

Und da meint der Beobachter nicht, dass sich die Leute im Spiel geirrt haben könnten, er plädiert auch nicht dafür, dass eigentlich alle irgendwie behandelt gehören, wg. kollektivem Autismus, nein: Man konnte das frustrierend finden. Oder einen ersten Schritt. Bis vor ein paar Wochen haben sie in Donezk eigentlich immer nur ‚Russland‘ und fast nie ‚Ukraine‘ gerufen. (ebda.)

Manipulationen

Im Namen dieser europäischen Aufgabe bekommt dann auch die Uefa noch ein Kompliment.

Seitdem deren Chef Platini Philipp Lahm auf unverschämte Weise zurückgewiesen hat, herrscht zwischen den deutschen Medien und der Uefa Verstimmung. Der Ärger darüber, dass dieser Verein die schönste Nebensache der Welt immer noch viel zu wenig als Instrument unserer Politik organisiert, dauert an und entdeckt immer neue Mißgriffe dieses Vereins. Zum Schluß wird er auch noch der Manipulation überführt: Die Uefa sendet, was sie will. (FAZ, 14.06.) Auch die SZ weiß beim Aufdecken solcher Praktiken wichtig und unwichtig zu unterscheiden:

„Den Fernsehbildern Glauben zu schenken, war nach dem Aufreger um Jogi Löws Schabernack mit dem Balljungen fast unmöglich. Die Szene hatte sich bekanntlich bereits vor Anpfiff abgespielt und nicht, wie von der Fernsehübertragung suggeriert, während des Spiels. Immer wieder wurden auch bei den folgenden Partien minutenalte Aufzeichnungen in die Live-Bilder geschnitten. Ob Schweinsteiger sich beim ersten Tor der Griechen also wirklich die Hände über dem Kopf zusammenschlug, oder ob da ein früherer Aufreger eingespielt wurde, war absolut nicht mehr nachvollziehbar.“ (SZ, 2.7.)
Bei der Wahrnehmung ihrer Pflicht, das Publikum über die Manipulationstechniken der Uefa aufzuklären, zeigen die Sachwalter einer kritischen Öffentlichkeit aber auch das nötige Augenmaß. Im Fall Janukowitsch geht so etwas selbstverständlich in Ordnung. „Der Verband verhinderte immerhin, dass Janukowitsch einen Imagegewinn aus der EM ziehen konnte. Auf den von der Uefa produzierten und in einigen Fällen auch manipulierten Fernsehbildern war der ukrainische Präsident bis auf einen kurzen Auftritt als Bejubler seiner Mannschaft nur eine Randfigur. Im Finale huschte er ganz kurz durchs Bild, während Uefa-Präsident Platini wie der Gastgeber zwischen dem spanischen Thronfolger Felipe und dem italienischen Ministerpräsidenten Monti saß.“ (FAZ, 3.7.)

Staatsmänner, die es uns nicht recht machen, einfach aus dem Filmmaterial zu schneiden, diese Sorte demokratischer Zensur ist mehr als gebilligt. Wie schön, wenn das im wirklichen Leben genauso bequem zu haben wäre.

Insgesamt herrscht also bei den Meinungsmachern Zufriedenheit mit der Abwicklung dieser EM. Die Debatten im Vorfeld, in denen Alternativen von der Verlegung bis hin zum Boykott im Gespräch waren, haben sich aufs Schönste in eine Veranstaltung aufgelöst, bei der der nationale Festakt der Ukraine mit einer Mischung aus Blamage und Anerkennung begangen wurde, nach dem Muster: Wir umarmen das liebe Volk, deuten auf seine misslungene Führung und setzen alle Mittel in Bewegung, dem Volk zu verdolmetschen, dass es mit dieser Führung keine europäischen Sympathien gewinnen kann.

Dass internationale Sportevents als Instrument der Selbstdarstellung von Nationen organisiert werden, dass insbesondere das Gastgeberland jede Menge Ehre als Ausrichter einlegen möchte, und dass allein schon die Vergabe ein Land ehrt, das ist alles als selbstverständlich unterstellt. Bloß war die EM als Belohnung und Ansporn für die orangen-farbene Regierung in der Ukraine gedacht, während dann aber – Scheißdemokratie – die Ukrainer den Falschen gewählt haben, der sein Land wieder viel zu sehr in die Nähe des russischen Nachbarn steuert. Nachdem der neue Chef dann auch noch die Zopffrau und Ikone der Revolution ins Gefängnis befördert hat, mussten sich die Zuständigen in der Uefa die Frage vorlegen, ob man ihm eine solche Feier erlauben kann.

Beim monatelangen Wälzen der Frage: was kann/darf man nicht/muss man vom Sport verlangen, gilt aber schließlich auch der Gesichtspunkt, dass man den Sport nicht überfordern darf. Ein kleiner Etikettenschwindel, denn schließlich sind es die an dieser Beratung beteiligten Nationen, Deutschland an erster Stelle, die trotz Standort Ukraine aus der Gelegenheit ihren „Reichsparteitag“ herauswirtschaften wollen. Und die gewichtigeren Nationen verfügen auch über Mittel, darüber zu entscheiden, ob das Ehre-Einlegen der anderen Nation gelingt, in diesem Fall: wie man das Ganze als Festakt der zuständigen Regierung demoliert. Nicht zuletzt verfügen sie über eine freiheitliche Presse, die alle nötigen Gesichtspunkte für eine gediegen parteiliche Betrachtung parat hat.

Schlussbemerkungen der SZ zum Thema ‚Deutsche Normalität‘

Nachdem während der EM schon wieder Stimmen laut geworden sind, die an der Errungenschaft des Sommermärchens, dass Deutschland „normal“ geworden sein soll, herummäkeln und die Unterscheidbarkeit von (gutem) Patriotismus und (schlechtem) Nationalismus anzweifeln, nachdem daran schon wieder eine Debatte entbrannt ist, verlangt ein Leitartikler der Süddeutschen energisch, endlich einmal einen Schlussstrich zu ziehen.

„Über das Wir-Gefühl der Deutschen...

‚Patriotismus? Nein danke!‘, verkündete die Grüne Jugend pünktlich zum Start der Fußball-EM. Im schönsten Neusprech hieß es, eine Trennung zwischen ‚guten PatriotInnen und schmuddeligen NationalistInnen‘ sei unmöglich... Der Selbsthass gehört ebenso zu diesem Land wie schmerzhafte Dialekte und qualvolle Debatten darüber, ob und wie locker man sich machen darf.“ Für „mindestens so anstrengend wie die Hasser“ erklärt der Autor aber auch „diejenigen, die sich ebenfalls pünktlich zum Fußball, und dann aber ganz besonders gerne, an ihr Deutschsein erinnern – und so tun, als wäre ihr öffentlich bekundeter Stolz eine irgendwie kontroverse Sache. Die CDU im hessischen Landtag etwa.“ Die wollte in einer Aktuellen Stunde „nach Angaben ihres Parlamentarischen Geschäftsführers Holger Bellino über all jene Dinge reden, die ihrer Meinung nach dafür sprechen, dass man auf dieses Land stolz sein darf: ‚Deutschland erfährt aus aller Welt Bewunderung für seine Errungenschaften, sei es in Wirtschaft, Kultur, im sozialen oder politischen Bereich. Wir sind erfolgreiches Exportland, die deutsche Innovationskraft ist weltberühmt und unsere Nationalmannschaft ein Beispiel für gelungene Integration.‘“

Gegen beide Seiten, links wie rechts, lässt der Autor junge Menschen als Zeugen dafür antreten, dass er diese ganze Kontroverse für völlig deplatziert hält:

„Warum malen sich so viele, vor allem junge Menschen die deutsche Fahne auf die Wangen? Warum singen sie, die sich mitunter mäßig bis gar nicht für Politik interessieren, beim Public Viewing mit, sobald die Hymne kommt (einige stehen dafür sogar auf)? Weil unser innovatives Exportland ‚so viel erreicht‘ hat? Weil wir alle kleine Ingenieure sind, die nachts im Keller am nächsten Hybridmotor basteln? Ernsthaft? Sitzt irgendjemand zu Hause und denkt: Ja, der Özil, das ist schon ein tüchtig Integrierter, und erst die neuen Absatzzahlen von BMW... da geh ich jetzt lieber mal mein Trikot anziehen?...
Wer schon mal mit jungen Deutschen über ihr Deutschsein geredet hat, also mit denen, die sich heute schwarz-rot-gold anmalen, der hört etwas anderes. Da ist dann, ganz banal, von einem guten Gefühl die Rede. Davon, dass man zu denen, die da auf der Leinwand rumflitzen, und denen, die neben einem zittern und jubeln, irgendwie, ja: gehört. Oder: dass das doch „normal“ sei. Also das Für-die-Deutschen-Sein. Weil man selbst deutsch ist. Keine Exportrekorde. Keine angebliche Bewunderung aus dem Ausland. Nur so ein Gefühl: Das sind meine, und ich bin einer von ihnen.“ (SZ, 28.6.)

Eine gelungene Widerlegung. Damit, dass sich deutsche Fußballfans die Güte ihrer Nation gar nicht erst mit Hilfe von deren Ingenieurs- oder Integrationsleistungen gedanklich vorlegen und beweisen müssen, dass sie vielmehr ihr nationales Selbstbewusstsein fix und fertig als gutes Gefühl herumtragen, soll auch schon dementiert sein, dass dieses Gefühl einen Inhalt hat. Und weil der Autor diesen jungen Menschen einfach nicht die Freude daran verderben will, dazuzugehören, bestreitet er schlicht, dass die überhaupt irgend etwas mit dem politischen Kollektiv zu schaffen haben könnte, zu dem man „gehört“. Das dekretiert er mit dem Befund normal und möchte damit das ewige lästige Herumproblematisieren ein für allemal beendigt haben:

„Das 2006 bei der WM noch so nervös beäugte Wir-Gefühl der Deutschen ist von alleine normal geworden. Stinknormal, schimpfen die stramm Rechten, denen dieser „Party-Patriotismus“ zuwider ist.“ Das hat er zwar erfunden, braucht das aber zum Zweck der Ausgewogenheit: „Viel zu normal, schimpfen die ängstlichen Linken. Und dazwischen, ganz entspannt, feiern Millionen Deutsche. Sie werden sich auch an diesem Donnerstag wieder anmalen. Sie werden singen und bangen, saufen und brüllen, und vielleicht prügeln sich auch ein paar. Aber sie werden ganz sicher nirgendwo einmarschieren. Außer ins Finale.“

Wenn dem heutigen Deutschland schon nach allgemeinem politischen Beschluss das Recht auf den Nationalismus seiner Insassen zusteht, so dass man endlich einmal auf die Verrenkungen verzichten kann, die die dunkle Phase in seiner Geschichte nötig gemacht hatte, dann darf doch dieser Fortschritt nicht immer wieder durch Debatten um die Erlaubtheit dieses guten Gefühls zunichte gemacht werden.


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