Fusion BMW – Rover

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

BMW – Rover:
Fusion geplatzt – Viel Reichtum nichts wert!

Systematischer Katalog: 
Überblick

BMW kauft Rover und akkumuliert nichts als Verluste, die Öffentlichkeit wälzt die Schuldfrage: Das Management hat versagt, der Pfund-Kurs war zu hoch – kurz: allerlei schlechte Bedingungen für den verlangten Geschäftserfolg werden summiert. Ein Schluss über den wirklichen Grund der Pleite, der einige gute Gründe gegen das herrschende System liefern würde, kommt nicht heraus: Die Autobranche hat weltweit alle Marktschranken überschritten; dieser Überfluss an stofflichem Reichtum schädigt den Reichtum, auf den es im Kapitalismus ankommt: Überfluss macht Profit zunichte; wer das auszubaden hat – keine Frage.

BMW – Rover:
Fusion geplatzt – Viel Reichtum nichts wert!

So schön hätte es werden können: BMW kürzt sich den Weg zur Weltfirma ab; spart sich Jahre des allmählichen Wachstums; kauft sich einfach aus seinen satten Überschüssen fertige Produktionsstätten samt Absatzwegen und -märkten und eingeführtem Markennamen hinzu; beherrscht von zwei Standorten aus, die einander ergänzen wie Rechts- und Linksverkehr, das zukunftsreiche Automarktsegment der „unteren gehobenen Mittelklasse“ – oder war es die untere Spitzenklasse? oder die höhere untere Oberklasse?… –; schwelgt in kostensparend großen Stückzahlen und sonstigen „Synergie-Effekten“; befriedigt die Aktienbörsen; ist optimal ausgestattet für die nächsten „Übernahmeschlachten“… Und nun das! Nichts als Verluste wurden akkumuliert, über Jahre; das „kerngesunde“ Stammhaus in München ist durcheinander; selbst die Abwicklung des Schadens kostet noch Milliardensummen – von denen man so mal ganz nebenbei erfährt, dass die Firma die auch noch aus ihren verehrten „Mitarbeitern“ herausgeholt hat –; und das allseitige Bedauern ist groß. Wobei interessante Nebengesichtspunkte auftreten, die geradewegs auf den Hauptgesichtspunkt zurückführen: Deutschlands Öffentlichkeit begutachtet besorgt Existenzängste und Empörung britischer Rover-Arbeiter und gewerkschaftlich organisierte Proteste – als drohenden Image-Schaden für Bi-Äm-Dabbelju in Großbritannien…

Gleich anschließend geht dann die unvermeidliche immer gleiche alte Leier los: Wer ist schuld? Klar: Wo die Familie Quandt, der bayrisch-deutsche Fiskus, das Münchner Gewerbesteueramt, der Dax, die Belegschaft, die Berliner Wirtschaftspolitik, also letztlich die ganze Nation ein Recht auf Erfolg hat, da muss es bei einem Misserfolg Schuldige geben. Und die sind unschwer zu finden. Das Management hat versagt. Wie könnte es anders sein: Wer sich für Erfolg gut bezahlen lässt, dem gibt der Misserfolg dann auch Unrecht. Fehler wurden gemacht, das steht fest, sonst wäre ja Geld gemacht worden. Welche, das findet sich gleich: Die englische Fabrik war wohl doch zu marode. Die Aufsicht über Arbeitsproduktivität und Produktqualität war zu lasch. „Externe Effekte“ soll es auch gegeben haben: Der Pfund-Kurs war und ist zu hoch, ausländisches Gefährt in England daher zu billig, britische Exportware in Europa zu teuer. Und wieder wird nicht einmal wenigstens gefragt: Wenn der Pfund-Kurs zu hoch war – zu hoch wofür? Wenn die Rover-Produktion zu marode war – gemessen an welchem Zweck? Wenn das Management versagt hat – wobei? Das banale Prinzip des Ganzen interessiert mal wieder kein Schwein – aber dann käme ja auch etwas anderes als die übliche Mischung von mitfühlender Sorge und empörter Enttäuschung heraus. Dann müsste man ja glatt einmal unterscheiden zwischen den hinderlichen Bedingungen, die das Management nicht in den Griff bekommen hat, und dem geschäftlichen Ziel, das besagte Bedingungen behindert haben. Dann ließen sich die bevorstehenden Massenentlassungen von Rover-Arbeitern nicht als unliebsamer sozialer Nebeneffekt einer Pleite abbuchen, sondern wären die leibhaftige Aufklärung darüber, was eigentlich nicht geklappt hat in der Rover-Werken: die Lohnarbeit an den Fließbändern – oder hatten sie in den Midlands auch schon „selbstbestimmte Gruppenarbeit“ mit Firmen-Hymne am Morgen und wechselseitiger Vertretung im Krankheitsfall? – ist nicht rentabel genug gemacht, ist nicht genügend ausgebeutet worden, um die Konkurrenz in der restlichen Welt damit auszustechen. Der Lohn war nicht niedrig, die Arbeitsleistung nicht hoch genug, um die Ausbeutungsleistungen der anderen Autofirmen zu blamieren und das eigene Produkt zum Weltschlager zu machen. Das ist der Jammer – mit unseren englischen Filialen!

*

Tatsächlich – auch das lehrt die Rover-Pleite der Firma BMW – scheint es heutzutage gar nicht so einfach zu sein, Anteile am Weltautomarkt zu erobern. Und es ist auch kein Geheimnis, warum. Am Pfund-Kurs liegt es jedenfalls nicht; der ist auch bloß eine erschwerende Bedingung – für ein Geschäft, das insgesamt längst alle Marktschranken überschritten hat und deswegen mittlerweile nicht nur in England und nicht nur bei Rover praktisch an die Schranken des Marktes stößt. Der Automarkt ist „überbesetzt“; Überkapazitäten in der Größenordnung von mehreren Millionen Stück Auto pro Jahr sind „weltweit aufgebaut“ worden; -zigtausend Rover-Mobile – von den Produkten anderer Marken zu schweigen – „stehen auf Halde“: So vornehm und geschäftsmäßig, so dezent und verständnisvoll lässt sich ausdrücken, dass die kapitalistischen Produzenten es wieder einmal, diesmal zuerst im Automobil-Sektor, zu der klassischen Absurdität gebracht haben, die ihre unübertreffliche Produktionsweise und nur die auszeichnet: Es gibt zu viel Reichtum! Wunderbare Autos, allesamt fahrtüchtig, mit Ledersitzen und dem Lenkrad wahlweise links oder rechts; Fabriken, um in kürzester Zeit mehr davon zusammenzubauen – alles zu viel! Zu viel wofür? Um damit Kaufkraft zu attrahieren und Profit zu realisieren. Und weil der gegenständliche Reichtum dafür zu groß ist, ist er buchstäblich nichts wert. Man kann ihn wegschmeißen: Sein Geldwert ist gleich Null. Weil die Gewinnerwartungen, die darauf ruhten, nicht in Erfüllung gehen, ist die Kapitalsumme, die dafür in den Büchern der Firma Rover steht, ersatzlos gestrichen; und was da in Mittelengland immer noch herumsteht, ist weniger als Schrott: für den Eigentümer eine Last!

Da schüttelt sogar der welterfahrene Moderator der ARD-Tagesthemen sein weises Haupt. Leider reicht es bei ihm dann doch bloß zu einem müden Witz: ‚Wenn Ihnen ein Rover für 20.000 Pfund zu teuer ist – kaufen sie sich 50.000 Rover und die Fabrik gleich dazu. Kostet: ganze 10 Pfund!‘ Und weiter geht’s in den Tagesthemen mit den Drangsalen der Firma BMW… Halten wir doch erst mal fest: An Gebrauchswerten herrscht kein Mangel, an Produktionsmitteln genau so wenig; beides ist im Gegenteil im Überfluss vorhanden – und genau das ist nicht gut, sondern schlecht, weil sich am Überfluss nichts verdienen lässt. Er schädigt den Reichtum, auf den es in der Marktwirtschaft allein ankommt: Überfluss macht Profit zunichte – und weil der Profit Sinn und Zweck und alleiniges Kriterium des Produzierens und Wirtschaftens ist, ist reichliche Produktion kein Grund, in Wohlstand zu schwelgen und es mit dem Produzieren lockerer angehen zu lassen, sondern gemeingefährlich. Mit reichlichen Produktionsmitteln, satten Gebrauchswerten, Bequemlichkeit beim Produzieren ist kapitalistischer Reichtum, der immerzu nichts als wachsen will, zugleich ein für alle Mal absolut unverträglich. Immer wieder gibt es zu viel des Guten. Dann gehören vorhandene Gebrauchswerte eigentlich eingestampft, auf jeden Fall aber Fabriken geschlossen und die bislang benutzten Leute nach Hause ins Elend geschickt. Sonst gehen am Ende sogar noch ganze kapitalistische Firmen am Überfluss zugrunde.

Wie es eben um ein Haar BMW passiert wäre. Für die Firma gab es daher nur eins: Bevor noch mehr Kapital in die Binsen geht, entlässt man doch besser einen ganzen Landstrich in die Verelendung. Marktwirtschaftlich betrachtet ist der schließlich selber schuld: Warum hat er sich auch so einseitig von Rover benutzen lassen? Jetzt hat er seine „Strukturkrise“. Jetzt müssen die Midlands „gesundschrumpfen“, was an globaler Überfülle in Sachen Vehikel zustandegekommen ist. Das muss sein – damit wenigstens die richtigen BMWs wieder Profite einfahren, die kein Überangebot auf dem Automarkt den Quandts und den Eichels mehr wegnimmt.

*

Das alles geht seinen geordneten Gang. Selbst die Pleite. Umsichtig und gekonnt wird Kapital vernichtet, damit es anschließend doch wieder neu losgehen kann. Mit einer britischen Nachfolgefirma, die keine Schulden und dafür einen 1,6 Milliarden-Kredit aus München hat, den Optimismus schon im Namen führt – diesen Vogel mit der Asche… –, dem britischen Proletariat Hoffnung gibt – und im Grunde doch nur dazu da ist, BMW die Abwicklung mit ihren elenden sozialstaatlichen Unkosten zu ersparen. Denn wenn Rover als Phoenix wieder neu loslegt, sind die Überkapazitäten auf dem Weltautomarkt ja doch nicht abgebaut. Wenn die überproduzierten Altautos verramscht werden, verhagelt das den anderen Produzenten – BMW womöglich?! – Absatz und Gewinne und löst gar kein Problem. Und vor allem: Wenn der BMW-Nachfolger in England bloß etliche Hundert Arbeiter entlässt, dann ist das bestenfalls ein erster Tropfen auf den heißen Stein. Denn wo das Geschäft nicht boomt, weil zuviel wirklicher Reichtum auf kapitalistische Verwertung und seine wahre „Verwirklichung“ in Geld wartet, da sind die bislang ausgenutzten Leute fehl am Platz. Den Überkapazitäten entspricht eine Überbevölkerung an Arbeitskräften. Sei es in Mittelengland, in Niederbayern oder anderswo.

Wo die Leute zu viel sind – das entscheidet dann der Konkurrenzkampf der Autofirmen.


© GegenStandpunkt-Verlag.