Friedenspreis für Martin Walser

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Martin Walser
Dichters Aufstand gegen „Schuld“ und „Sühne“

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Ein deutscher Dichter erhält den Friedenspreis und kann nicht anders, als dies als Aufforderung zur Beantwortung der nationalen Gretchenfrage „Wie hältst du es mit dem Vaterland“ zu verstehen. Seine Antwort: Deutschland früher: Auschwitz, Schuld, gesühnt. Deutschland heute: schönes Land, Vaterland.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Martin Walser
Dichters Aufstand gegen „Schuld“ und „Sühne“

„Im alemannischen Sprachraum, in dem Martin Walser wurzelt, gibt es das Wörtchen „knitz“ für einen, der mit Witz und Raffinement, aber auch aufrichtig und sogar mit Risiko seiner Sache nachgeht. Auf eben diese Weise hat Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche seinen Dank für den ihm verliehenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels abgestattet.“ (FR 12.10.98)

Den kleinen Wurmtmichdoch, daß ein Mitherausgeber des „eher nationalkonservativen“ Konkurrenzblattes FAZ, noch dazu auf Walsers eigenen Wunsch, die offizielle Laudatio halten durfte, hat der Redakteur der nationalprogressiven FR in produktive Energie umgewandelt und eine eigene nachgereicht. „Eigene“ heißt in diesem Fall: eine von insgesamt 17 Versionen desselben Typs, die quer durch den deutschen Blätterwald rauschten. Man war sich also einig. Der Dichter hat die Ehre verdient und mit seiner Rede nachhaltig untermauert, was das Preiskomitee der Buchhändler in seiner Auslobung so treffend auf den Punkt gebracht hat: Walser habe den Deutschen ihr Vaterland zurückgegeben. – Soviel Einigkeit weckt Mißtrauen. Und siehe da: Bei allem Respekt vor den treffsicheren Analysen der Feuilletons, haben wir doch ein paar, kleine zwar, aber nicht unbedingt verzeihenswerte Lügen und andere, größere, Schäbigkeiten entdeckt, mit denen wir freilich die Preiswürdigkeit des Dichters weder in den Schmutz noch in Zweifel ziehen wollen.

1. Da ist zum einen die Sache mit dem Witz. Der geht so: „Der Ausgesuchte kam sich eingeengt vor, festgelegt. Er war nämlich, als er von der Zuerkennung erfuhr, zuerst einmal von einer einfachen Empfindung befallen worden, die, formuliert, etwa hätte heißen können: Er wird fünfundzwanzig oder gar dreißig Minuten lang nur Schönes sagen, Wohltuendes, Belebendes, Friedenspreismäßiges. Aber, so erkannte er: Fünfundzwanzig Minuten Schönes – dann bist du erledigt“ (M.W.; alle Kursivzitate aus der Preisrede). Der Ausgesuchte, der mit der Ehre, die ihm zuteil wurde, schon seit längerem gerechnet hatte, verlieh seiner Freude und Genugtuung den bescheidenen Ausdruck einer „einfachen Empfindung“, womit er auch den Dank meinte, den er den Freunden und Gönnern schulde. Und diese Schuld hätte er gerne mit Redners Münze beglichen, wäre er ein bloßer Preisträger gewesen. Indes, er war als Dichter gekommen, der nur sich selbst etwas schuldig ist, nämlich mindestens das kleine Dilemma, sich „eingeengt“ und „festgelegt“ zu fühlen auf das Klischee eines Preisträgers, dem er nach bestem Gewissen nachkommen wollte – aber auf seine Weise. Und so hat er, der geboren ist in Wasserburg am Bodensee, ausgestattet mit den Geistesgaben dieses gesegneten Landstrichs und als promovierter Germanist zudem geschult in der hintergründigen Ironie Kafkas, die akkreditierten Journalisten und anwesenden Ehrengäste mit seinem geballten alemannischen „knitz“ überrumpelt und tatsächlich lauter Schönes gesagt: Wohltuendes, Belebendes, Friedenspreismäßiges – für die deutsche Seele.

2. Über diesen wahrhaft walserischen Einfall konnten sich die richtigen Leute halb einschiffen, und man muß ihnen das abnehmen, weil sie sich in Sachen Raffinement einfach auskennen. Der Dichter nämlich hatte sich Gedanken gemacht über seine Preisrede; und wie nicht anders zu erwarten, hat er sich mit der Erwartungshaltung seines Publikums auseinandergesetzt, das er nicht enttäuschen wollte – andererseits aber schon. Eine „kritische Rede“ werde „natürlich“ von ihm erwartet. Dreimal Nein! Nicht zu haben! Nicht von ihm! Höchstens in einer gewissen verfremdeten Form – als Gequatsche über „die Sonntagsrede“, die so wunderbar doppeldeutig ist: Darüber, daß von ihm natürlich eine kritische Rede erwartet werde, konnte der Ausgesuchte sich nicht gleichermaßen freuen. Klar, von ihm wurde die Sonntagsrede erwartet. Die kritische Predigt. Irgend jemandem oder gleich allen die Leviten lesen. Die Rede, die gespeist wird aus unguten Meldungen, die es immer gibt. Kaum daß der Ausgesuchte die Banalität des Schönen verworfen und für einen kurzen Augenblick die Aussicht auf eine gepfefferte Predigt genossen hat, steckt er schon wieder im Dilemma. Die Gelegenheit ist günstig, der Medienrummel groß, beste Bedingungen für ein kritisches Wort von einem kritischen Geist, der wie der Zipfel zum Rock zum Dichter gehört. Aber Dichter kann nicht. Will nicht. Sein sensibles Ego hat ihm einen Verdacht ins Ohr geflötet: daß die Gemeinde die Leviten, die der Prediger ihr lesen könnte, nachgerade herbeisehnt, „erwartet“. Das trübt die Freude erheblich. Allerdings: Um ungute Meldungen, die es immer gibt [wenn man nur will], ins Land zu unken, dazu ist er nicht nach Frankfurt gekommen. Spätestens hier mußte dem aufmerksamen Publikum klar geworden sein, daß die kunstvoll verwickelte Einleitung mehr war als bloße Kunstform. Raffiniert und subtil hat der Dichter die Wende zu seinem eigentlichen Thema vollzogen und sich mit einem ebenso einfachen wie genialen Überraschungscoup aus der Erwartungsfalle befreit. Er hatte nämlich etwas mitgebracht – „die Sonntagsrede“.

3. Damit war klar, daß eine ziemlich „ungute Meldung“ zu erwarten war, und zwar von denen, die solche dauernd in die Welt setzen. Mit der ihm eigenen hemmungslosen Aufrichtigkeit konnte der Preisträger in beliebig zitierbaren Aussagen glaubwürdig von Leuten berichten, sogenannten „Intellektuellen“, die über Deutschland so Ungeheuerliches erzählen, daß es dem Dichter beinahe die Sprache verschlägt: Man muß sich das vorstellen: Die Bevölkerung sympathisiert mit denen, die Asylantenheime angezündet haben, und stellt deshalb Würstchenbuden vor die brennenden Asylantenheime, um auch noch Geschäfte zu machen. Und ich muß zugeben, daß ich mir das, wenn ich es nicht in der intellektuell maßgeblichen Wochenzeitung und unter einem verehrungswürdigen Namen läse, nicht vorstellen könnte. Sieh an: Der promovierte Meister der dichterischen Einbildungskraft schwächelt mit seiner Phantasie. In seiner Eigenschaft als homo politicus teutonicus kann er sich gewisse Vorkommnisse in der Republik, die sein schwarz-rot-goldenes Gemüt nicht verträgt, partout nicht „vorstellen“. Er „muß“ das „zugeben“. Völlig zurecht wurde solch kokette Selbstentäußerung nicht als literarische Form des sich-blöd-Stellens mißverstanden, sondern als Wahrheitsweg eines hochanständigen Menschen bewundert, der mit seinen Zweifeln geradewegs auf Gewißheit zusteuert: Ich kann solche Aussagen nicht bestreiten; dazu sind sowohl der Denker als auch der Dichter zu seriöse Größen. Aber – und das ist offenbar meine moralisch-politische Schwäche – genausowenig kann ich ihnen zustimmen. Meine nichts als triviale Reaktion auf solche schmerzhaften Sätze: Hoffentlich stimmt’s nicht, was uns da so kraß gesagt wird. Und um mich vollends zu entblößen: Ich kann diese Schmerz erzeugenden Sätze, die ich weder unterstützen noch bestreiten kann, einfach nicht glauben. Es geht über meine moralisch-politische Phantasie hinaus, das, was da gesagt wird, für wahr zu halten. Das muß man ihm glauben. Denn gäbe es sie nicht, man müßte sie erfinden – die Modalverben. Ohne sie käme der Ausgesuchte, der den Modus des Betroffenseins bevorzugt, wenn er seinen Willen kundtut, nicht über den Tag. Deswegen „entblößt“ sich der Dichter, läßt sein Publikum schaudernd in die Tiefen seiner fragilen Seele blicken, die nicht „kann“, wenn sie nicht will. Solche Not wiederum mag derselbe nicht erkennen, wenn konkurrierende Moralisten der nationalen Ehre an den Exzessen ihrer Volksgenossen leiden und der Führung „symbolische Politik für dumpfe Gemüter“ vorhalten. Solch rüde Attacken aufs deutsche Gemüt „tun weh“, nämlich ihm, dem Dichter, der im Nebenberuf glühender Nationalist ist, der deshalb diese „Schmerz erzeugenden Sätze“ nicht aushalten – und daher auch nicht für „wahr“ halten kann. Aber er ist schon weiter, er hat einen Verdacht, einen sehr präzisen sogar, den er, ganz der Dichter, so formuliert: Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein. Er hat die „Ahnung“ nicht bestellt, sie hat sich „eingestellt“, bei ihm; sie ist „unbeweisbar“, folglich aber unabweisbar, und die Bösen sind umstellt: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. Wahrscheinlich wollen sie auch sich selber verletzen. Aber uns auch. Alle. Eine Einschränkung: alle Deutschen.

Die „Wunde namens Deutschland“ – wie hat der Dichter darunter gelitten! Um sie „offenzuhalten“, war er sogar fast bereit, „die BRD so wenig anzuerkennen wie die DDR“, besann sich dann aber eines Besseren. Denn nie konnte er sich damit abfinden, „daß Nietzsche und Karl May im Ausland geboren sein sollten, diese beiden Erzsachsen. Ich wollte sie nicht verloren geben an ein neues, ein neu geschaffenes Ausland“ (Interview in Die Welt, 6. Okt. 98). Das „Offenhalten“ hat sich gelohnt. Die Wunde wurde geschlossen, Karl und Friedrich erlebten ihre zweite Wiedergeburt, diesmal ordnungsgemäß im Inland, und der Dichter durfte „das schönste Politikum in meinem Leben“ (ebd.) in seinem Herzen bewahren. Da war die Welt für ihn doch um vieles schöner, „normaler“, geworden. Aber was mußte er erleben: Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen sind jetzt ein normales Volk, eine normale Gesellschaft? „Normal“ – eine Vokabel, für die Dichter normalerweise wenig übrig haben, für deutsche Patrioten dagegen so etwas wie Endstation Sehnsucht, Synonym für Freiheit. Endlich so sein können wie die „Anderen“, unbefangen borniert auf die nationale Sache – ohne Scham. Der Ausgesuchte, dem „Schwierigkeiten“ allenfalls aus der Werkstatt des Dichters, beim „Erwachen der Sprache“, beim „Sprachwerden“ seiner „Ahnungen“, geläufig sind, hat nie ein „schwieriges Vaterland“ gekannt. Diese Manier der moralisch guten Deutschen, die Liebe zu ihrem vaterländischen Objekt unter den Vorbehalt des sich Schämens für die Schande zu stellen, damit zur Liebe auch die Leidenschaft komme, hat der moralisch nicht minder integre Preisträger nie verstanden. Gerade als ehemaliger „Linker“, ausgestattet mit glaubwürdiger antifaschistischer Gesinnung, und den „Bedürfnissen und Rechten des Volkes“ zugewandt, hat er den „intellektuellen“ Umweg stets für einen fatalen Irrweg gehalten. Deswegen kann er auch heute, und heute erst recht, nicht verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie noch nie zuvor. Statt „Normalität“ im nationalen Gefühlshaushalt eine Orgie der Anklage und Selbstanklage, ein ewiges, nicht enden wollendes Sühnen, Mahnen, Erinnern, Schuldanklagen. So sieht ein echter Patriot, der schließlich stolz auf sein Land sein will und darin seine „Identität“ begreift, die „Lage“- als Zumutung für seinen Gemütszustand, die er schon aus Gründen der Selbstachtung zurückweisen muß: Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz, kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Allerdings: So zu reden, steht nicht jedermann zu, Jenninger kann ein Lied davon singen. So zu reden, ist das Privileg des Dichters, der sich auf seine Empfindungshoheit – „Etwas wehrt sich in mir“- berufen kann und dabei exakt das ausdrückt, was der erreichte Stand der „politisch-moralischen“ Vergangenheitsbewältigung ist.

4. Eine Gewissensangelegenheit, natürlich. Aber machen wir uns doch nichts vor! Ausgerechnet über das Gewissen! Diese Scheinveranstaltung, dieses „Fließband der unendlichen Lüge-Wahrheit-Dialektik, dieses auf Selbstachtungsproduktion angelegte Spiegelkabinett!“ Mit augenzwinkender Lebensweisheit „entlarvt“ der Preisträger die Attitüde des moralischen Gewissens und stellt sich polemisch gegen diejenigen auf, „die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlen.“ Denn diese „anderen“ sind „wir“, und jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. Die selektive Wahrnehmung des „Unerträglichen“ führt, wie man sieht, nicht immer zum „Wegschauen“. Beim Verfahren der nationalen Heuchelei hat der Preisträger aufmerksam hingeschaut und sich nicht nur die Heuchelei, sondern vor allem deren höheren Sinn gemerkt. Sein vaterländischer Instinkt und berufsbedingter Sinn für alles Höhere haben ihn ahnen lassen, daß an der Idee eines Holocaust-Denkmals irgend etwas faul sein muß. Denn wenn wir schon mit dem Denkmal das endgültige Monopol über die Bewältigung unserer Schande errungen haben, dann müssen wir uns diese Schande auch von niemandem mehr vorhalten lassen. Dann ist das Vorhalten der Schande die eigentlich schändliche Tat und das Denkmal die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Das leuchtet ein. Genauso wie die Lebenshilfe, die der Dichter für alle sühnegeschädigten Deutschen bereit hält: Ich habe mehrere Zufluchtwinkel, in die sich mein Blick sofort flüchtet, wenn mir der Bildschirm die Welt als eine unerträgliche vorführt. Ich finde meine Reaktion sei verhältnismäßig. Unerträgliches muß ich nicht ertragen können. Auch im Wegdenken bin ich geübt. An der Disqualifizierung des Verdrängens kann ich mich nicht beteiligen. Ich käme ohne Wegschauen und Wegdenken nicht durch den Tag. Ich bin auch nicht der Ansicht, daß alles gesühnt werden muß. In einer Welt, in der alles gesühnt werden müßte, könnte ich nicht leben. Das Risiko, das er dabei einging – Friedenspreis mitsamt begeisterter Presse –, nahm er gelassen in Kauf.

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Ach ja, fast vergessen, die „gute Meldung“, schließlich war „Sonntagsrede“: Schließen will ich aber doch mit einem Verdacht, so der Preisträger mit unverhohlenem Schalk. Eine jüngere Autorin, die auf den schönen Namen Johanna [er meinte nicht die Wahnsinnige, sondern Johanna Walser] hört, habe ein Buch herausgebracht. Dort heißt es gleich zu Anfang: Verdacht. Ich habe den Verdacht, daß alles viel schöner ist, als man darüber spricht. Alles ist viel schöner, als man bisher es sagen kann. Und sagen kann man bisher schon sehr viel, denn wir haben ja schon viel geschaffen, um auszudrücken, wie schön es ist. Wir machen neue Anläufe und versuchen immer neu, auszudrücken, wie schön alles ist. Aber schöner ist es trotzdem noch immer, als man es sagen kann. Beruhigend: Der Wahnsinn bleibt in der Familie und geht von dort aus in die Welt. Für Kontinuität ist also gesorgt, und sogar die Frauenquote stimmt. Was für ein schönes Land, in dem wir leben!

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Was war das jetzt? Der schwierige „Hochseilakt“ einer „Rede wider die Paulskirchenrhetorik unter Mißachtung aller Regeln des Genres der moralischen Festansprache“ (SZ)? – Feuilletonisten, die gerne zu Übertreibungen neigen, gefallen sich in der Rolle, den kruden Mäanderwindungen des dichterischen Geistes noch eins drauf zu setzen, um mit Einfällen dieser Art einen klärenden Beitrag zur Sinnstiftung „des Wortes“ abzuliefern. Soviel Verwirrung muß nicht sein. Und deshalb möchten wir, im Interesse einer Rückbesinnung auf einfache und klare Botschaften, eine so bescheuerte Frage wie: „Was spricht, wenn Walser spricht?“ (ebd.), ganz gegen unsere sonstige Gewohnheit, nicht zurückweisen, sondern beantworten: stinknormaler Nationalismus!

Der geht so: Dichter erhält den Friedenspreis und versteht das als Aufforderung zur Beantwortung der nationalen Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit dem Vaterland? Dichter, nicht blöd, gibt die zwei einzig korrekten Antworten: 1. Deutschland gestern, da war mal was mit Auschwitz. Eine Schuld. Wir haben sie gesühnt. Lange genug. Aber irgendwann muß Schluß sein. Und zwar jetzt. 2. Deutschland heute, schönes Land. Vaterland. Glück ist vollkommen, Freude grenzenlos. Wir sind wieder beisammen und wachsen zusammen. Sonst noch was? Irgendwelche Einwände? Kritik? Nein, das war’s.

Schon faszinierend. Von Preisträger wurde eine „Preisrede“ erwartet, und obwohl der Dichter ist, hat er sofort kapiert, daß es nur um diese eine Frage und ihre aktuelle nationale Deutung ging. Möglicherweise lag das daran, daß die Sache, um die es ging, die nationale Gesinnung, noch „viel schöner“ und weitaus primitiver ist, als man es in 30 Minuten sagen kann.


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