Die Freiheit der Fahrradknechte

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-18 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Vom Nutzen der wunderbaren Errungenschaft, sich aus eigener Kraft um sich selbst kümmern zu dürfen
Die Freiheit der Fahrradknechte

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Das Schöne an der freiheitlichen Marktwirtschaft ist bekanntlich, dass das Individuum nicht passives Opfer einer bevormundenden Instanz, sondern jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Wie gut, dass es in der modernen Dienstleistungsgesellschaft eine Fülle von Chancen gibt, aus denen jeder nach seinen Kräften und Kriterien das Beste für sich machen kann. Zum Beispiel als Fahrradkurier bei Essenslieferdiensten wie Foodora und Deliveroo.

Vom Nutzen der wunderbaren Errungenschaft, sich aus eigener Kraft um sich selbst kümmern zu dürfen
Die Freiheit der Fahrradknechte

Das Schöne an der freiheitlichen Marktwirtschaft ist bekanntlich, dass das Individuum nicht passives Opfer einer bevormundenden Instanz, sondern jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Wie gut, dass es in der modernen Dienstleistungsgesellschaft im Zuge der ‚Digitalisierung‘ und dank erfinderischen Start-Up-Unternehmen eine Fülle von Chancen gibt, aus denen jeder nach seinen Kräften und Kriterien das Beste für sich machen kann. Zum Beispiel als Fahrradkurier bei Essenslieferdiensten wie Foodora und Deliveroo.

Die Kuriere unterscheiden sich von den normalen abhängig Beschäftigten dadurch, dass sie eine Dienstleistung anzubieten haben. Alle Mittel, die Dienste auszuführen, die eine App ihnen vermittelt, haben die Fahrer schließlich selbst in der Hand: die eigene Physis, das Fahrrad und das Smartphone. Was sie im Dienst verschleißen, ist ihr Eigentum, so dass es ganz in ihre Eigenverantwortung fällt, sich mit ihrem Lohn und in ihrer Freizeit nicht nur um die Wiederherstellung ihrer Physis zu kümmern, sondern auch um die ihres Fahrrads.

Niemand zwingt sie zu starren Nine-to-five-Arbeitszeiten und einer 40-Stunden-Woche. Die Foodora-Fahrer dürfen eigenständig festlegen, wann sie lieber nicht arbeiten wollen; wegen des großen Runs auf einen derart attraktiven Job und weil vielen dann doch das Geld wichtiger ist als die von Arbeit freigehaltene Lebenszeit, reservieren sie allerdings meist nur einen möglichst geringen Teil ihrer Zeit für sich selbst und sorgen sich eher, zu wenig in Anspruch genommen zu werden als zu viel. Konkurrent Deliveroo gibt seinen selbstständigen Fahrern die Gelegenheit, sich ganz frei auszusuchen, für welche Schichten sie sich melden wollen. Weil es auch hier mehr als genug an diesem Angebot interessierte Anwärter gibt und kaum einem von ihnen verweigert wird, Teil eines jungen und motivierten Teams zu sein, sind die begehrten Schichten schnell vergriffen. In der einen oder anderen Art und Weise wetteifern die Kuriere mit ihren Kollegen und bringen dadurch die segensreichen Gesetze des freien Markts in ihrem Verhältnis zur Firma zur Entfaltung:

„Gibt es mehr Schichten als Fahrer, können sich diese ihre Arbeitszeit flexibel einteilen. Ist das Verhältnis dagegen umgekehrt, entsteht ein Konkurrenzkampf um Schichten, der dem Unternehmen in die Hände spielt.“ (taz, 22.7.17)

Der Anspruch auf genügend Geld am Ende des Monats macht dann auch weniger attraktive Zeiträume begehrt. Die Nachfrage auch nach Spätabend- und Wochenendschichten lässt jedenfalls nicht zu wünschen übrig; dasselbe gilt für Schnee- und Regentage, obwohl die längst nicht mehr extra vergütet werden. Weil die Fahrer so zuverlässig für Markträumung sorgen und darüber hinaus ungestillten Bedarf nach Schichten anmelden, ändert sich durch die unsichtbare Hand des Algorithmus mit jedem Update unerbittlich eben auch, was das begehrte Gut eines Fahrradkurier-Arbeitsplatzes seine Nachfrager kostet – in Form verschlechterter Bedingungen, die mit in Kauf zu nehmen sind –, was aber nicht dazu führt, dass der Nachfrageüberhang spürbar nachließe. Für die Koordination der beiden komplementären Bedürfnisse der Kuriere, dass einerseits ab und an eine Lebensnotwendigkeit der Erfüllung des Schichtplans in die Quere kommt, andererseits die meisten das Problem haben, nicht genügend beansprucht zu werden, können die Fahrer, wenn sie dies wünschen, die firmenoffizielle WhatsApp-Gruppe und ihre Freizeit zur Suche nach einem Tauschpartner nutzen, um ihre Arbeitszeiten noch mehr nach ihrem Gusto zu gestalten.

Die persönliche Abhängigkeit von einem Chef, der einem mit seinen Vorstellungen das Arbeitsleben diktiert, ist überwunden; bei Foodora heißt es: Sei dein eigener Chef! Den Fahrern treten keine Vorgesetzten gegenüber; mit den Organisatoren der Plattform haben sie weiter nichts zu tun, umgekehrt ist es schier unmöglich, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Es ist also ganz den Fahrern selbst überlassen, wie sie die Abwicklung ihres Arbeitsauftrags gestalten; solange sie nicht übermäßig trödeln, fliegen sie auch nicht raus. Diese Freiheit können sie einkommenswirksam zur Geltung bringen, seit Foodora den Stundenlohn für die besten 15 % seiner Fahrer um einen Euro aufgestockt hat. Durch permanente Überwachung und automatisierte Auswertung aller bei ihrer Performance interessierenden Parameter ist die Objektivität des Vergleichs, wer wie erfolgreich die durchschnittliche Leistung übertrifft, sichergestellt. Beim Konkurrenten Deliveroo schlägt sich die individuelle Leistung noch unmittelbarer im Geldbeutel nieder. Bei den selbstständigen Kurieren bemisst sich der Verdienst ausschließlich an der Anzahl an ausgefahrenen Lieferungen. So nehmen auch sie die Freiheit, die Rücksicht auf ihre eigene und fremde körperliche Unversehrtheit, zu der rote Ampeln, schimpfende Fußgänger und hupende Autofahrer sie anhalten, zu ihrem eigenen Nutzen zu gestalten, nach Kräften wahr und das sich daraus ergebende Unfallrisiko bewusst in Kauf – und bringen damit wieder das schöne marktwirtschaftliche Gesetz von Angebot und Nachfrage zur Geltung: Das Resultat ihrer gestiegenen Risikofreude erhöht ihren Bedarf nach den Leistungen der Unfallversicherung; die daraufhin rasant ansteigenden Versicherungsprämien geben ihrem Mut zum Risiko dann den gerechten Aufpreis – was wiederum ihre Leistung beflügelt, denn auch dieses Geld will ja verdient sein. Und auch in einer anderen Hinsicht geht für sie die marktwirtschaftliche Gleichung von Leistung und Gegenleistung immer auf: Wenn in ihrer Schicht keine Bestellungen eingehen, kriegen sie zwar keinen Lohn, verwandelt sich ihre Arbeitszeit aber dafür bruchlos in freie Zeit. Weil die Kuriere mit dieser freien Zeit nichts anfangen können und wollen, sind die stressigsten Schichten bei den selbstständigen Fahrern die beliebtesten.

So belebt die Konkurrenz wohltuend das Geschäft der Kuriere und sorgt für herrliche Effizienz. Weil dieser Segen in dem Maße, wie die Fahrer ihn zur Entfaltung bringen, ihnen nicht gut bekommt, sind sie auf die Idee gekommen, dass es neben ihren Bemühungen, sich als vereinzelte Einzelne für ihren Gelderwerb abzustrampeln, noch eine Zusatzanstrengung braucht: Sie schließen sich zusammen und versuchen, durch Gründung eines Betriebsrats dafür zu sorgen, dass sie die Wahrnehmung ihrer Freiheit aushalten. So ist es Sache der Unternehmen, den Höchstwert von individueller Freiheit und Selbstbestimmung gegen seine Relativierung zu verteidigen: Foodora lässt reihenweise die befristeten Arbeitsverträge unliebsamer Betriebsräte auslaufen, und Deliveroo transformiert gleich seine ganze Belegschaft zu Selbstständigen, um einem institutionalisierten Kollektivismus die Grundlage zu entziehen. Die Freiheit ihrer Beschäftigten geht den Unternehmen über alles.


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