Fortschritte der Währungskrise

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-95 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die Fortschritte der Währungskrise
Die Finanzwelt hält ihren Kurs

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 
Überblick

Überakkumulation und Kredit. Ein neuer Fall der Geldkrise und seine vorläufige „Bewältigung“: Mexikos Karriere zum „emerging market“ und der anschließende Peso-Crash.

Die Fortschritte der Währungskrise
Die Finanzwelt hält ihren Kurs

„Die Staaten, die im Rückblick auf 50 Jahre Weltmarkt vom großen Rest der Welt als ‚Industrienationen‘ und ‚Weltwirtschaftsmächte‘ respektiert werden, verfügen über gutes Geld. … Seiner Substanz nach ist dieses gute Geld ein großer Haufen Kredit.“ (GegenStandpunkt 4-94, S.137, dort S.160)

In diesen Haufen ist ziemlich Bewegung gekommen, weil „die Märkte“ zu der Auffassung gelangt sind, daß er eine Menge verderblicher Ware enthält. Ihr Mißtrauen haben sie als Agenten von Angebot und Nachfrage an verschiedenen Posten des Stoffs, mit dem sie als Anleger von Kapital handeln, vollstreckt. Die Berechtigung ihrer Entscheidungen ist mit kräftigen Kursveränderungen zwischen den wichtigsten Geldsorten bestätigt worden. Die Zahl der Währungen, die sie der Unbrauchbarkeit für die Erhaltung und Vermehrung ihres Vermögens überführen, wächst. Jeder Schaden, den „die Märkte“ an einem ihrer Handelsobjekte verursachen, beflügelt die Praktiker des Währungsvergleichs zu neuen Taten, durch die sie sich schadlos halten wollen. Was sie durch die enormen Verschiebungen im internationalen Währungsgefüge anrichten, wird ihnen inzwischen ziemlich übel genommen.

1.

Das krisenhafte Durcheinander im internationalen Geldwesen fordert eine Kritik am Finanzkapital heraus, die auf dessen entscheidender Funktion fürs gesamte kapitalistische Geschäftsleben besteht und zugleich davon nichts wissen will.

Als Beschwerdeführer treten zunächst einmal die politischen Hüter von Währungen und ganzen Volkswirtschaften auf; ihnen zur Seite stehen die journalistischen Anwälte der jeweiligen nationalen Sache, die sich zugleich der Sorgen der Unternehmerzunft annehmen. Denn daß die nationalen Bilanzen nichts anderes darstellen als die Summe von Geschäftserfolgen bzw. Mißerfolgen, die die im Land beheimateten Kapitalisten verzeichnen, ist ihnen selbstverständlich. Mit ihren Anklagen gegen die Finanzmärkte wegen der Schäden und Risiken, die durch Spekulation hervorgerufen werden, versteigen sie sich zur höchsten Form der Kapitalismuskritik, zu der Liebhaber der Marktwirtschaft fähig sind. Als Parteigänger des Wachstums einerseits – wobei sie schlicht an Produktion und Handel denken – registrieren sie den (drohenden) Rückgang der Zahlungsfähigkeit, die für das Losschlagen aller möglichen Produkte auf dem Weltmarkt entscheidend ist, infolge von „Währungsturbulenzen“. Dabei stellen sie sich andererseits auch auf den Standpunkt des nationalen Wachstums, was zur Zeit in Deutschland zu Sorgen um die künftigen Bilanzen des Standorts führt. Während hier einige Leistungsträger deutschen Geschäfts heftig klagen, wiegeln namhafte Gesamtbuchhalter des nationalen Erfolgs eher ab: Zumindest vom wüsten Dollarverfall gehe eine ernsthafte Gefahr nicht aus, da unser Wachstum von der amerikanischen Kaufkraft gar nicht so sehr abhänge; insgesamt freilich – das wird dann schon wieder vermerkt – bringe der weltweite Schwund der Dollarvermögen, der sich in der Abwertung der Geldeinheit vollzieht, durchaus Probleme mit sich. Außerdem hat die Spekulation auch einige andere Währungen in Mitleidenschaft gezogen, darunter ein paar aus der Europäischen Union, so daß sich die Bedingungen fürs Geldverdienen von deutschem Boden aus durchaus verschlechtern…

Nach solcher Würdigung der durcheinandergeratenen Wechselkurse unter dem Gesichtspunkt, ob und inwieweit die verschiedenen nationalen Gelder jetzt noch und künftig die Funktionen erfüllen, die sich konkurrenztüchtige Unternehmen und Nationen von ihnen erwarten, stellt sich auch noch so etwas wie eine übergreifende Sicht der Dinge ein. Diese nimmt Abstand von einzelnen Rechnungsposten in den Kapital- und Staatsbilanzen, die durch die Veränderung von Wechselkursen in Mitleidenschaft gezogen werden; begutachtet wird vielmehr die Stabilität und Berechenbarkeit des internationalen Geldwesens insgesamt, weil es als Voraussetzung für sämtliche Kalkulationen zu funktionieren hat. Anläßlich des Crashs einer englischen Bank vermerkt in diesem Sinne ein deutsches Blatt:

„Nun beginnt die Finanzrevolution ihre Kinder zu fressen. Barings ist das erste. Die Ausrede, es seien ‚Nicht-Banken‘ wie die Metallgesellschaft oder Procter & Gamble, die das Spiel mit den vielen Nullen nicht begriffen und sich an den Rand der Pleite zockten, zieht nicht mehr. Diesmal ist es eine Bank – nicht etwa ein einzelner Händler. Wenn ein wildgewordener Finanzyuppie in der Lage ist, eine Bank zu ruinieren und vielleicht gar eine internationale Bankenkrise heraufzubeschwören, dann ist etwas am System oberfaul.“ (Der Spiegel)

Und die Süddeutsche Zeitung wird nicht minder grundsätzlich:

„Soll man das Schicksal von Volkswirtschaften den Finanzmärkten überlassen? Die Turbulenzen auf den Geldmärkten dürfen der Politik nicht mehr egal sein… Klar ist, daß das Vertrauen in die regulierende Kraft des Marktes schwindet.“

Das Blöde ist nur, daß „das Schicksal“ der umsorgten Volkswirtschaften sehr wohl den wildgewordenen Finanzmärkten überlassen ist – was den Rettern der „Wirtschaft“ vor „den Märkten“ regelmäßig an der Ohnmacht auffällt, die allen geldpolitischen Versuchen von Nationalbanken und Regierungen eigen ist. Da stellen sie dann fest, in welch atemberaubenden Tempo das Volumen der weltweiten täglichen Geldverschiebereien angewachsen ist, so daß der auf Stützung berechnete Aufkauf von ein paar Milliarden einer trudelnden Währung ins Leere geht. Zu der Frage, woher der große Haufen vagabundierender Wertpapiere unterschiedlicher Denomination stammt und in welchem Maß er überhaupt noch Geld ist, kommen sie freilich gar nicht – sie bestehen vielmehr darauf, daß er weiter gute Dienste fürs Ganze tun soll. Denn abschaffen will ihn niemand; keiner von den Freunden der Marktwirtschaft, die am „System“ zu zweifeln behaupten, hält ihn überhaupt für abschaffbar. Ihr sorgenvolles „Wie weiter?!“ zeugt davon, welche Potenz die Staatenwelt sich im freigesetzten internationalen Kreditgewerbe geschaffen und gegenübergestellt und welch umfangreiche Kompetenzen sie an es abgegeben hat – und wie selbstverständlich alle Kritiker seiner Leistungen davon ausgehen.

Schon eingetretene und befürchtete schädliche Wirkungen des freien internationalen Geld- und Kredithandels werden daher als Unarten, Übertreibungen und Eigenmächtigkeiten dieses Gewerbes registriert. Auf einmal gelten „die Märkte“ den unverwüstlichsten Anhängern der Marktwirtschaft als eine quasi externe Macht, angetrieben von ganz unökonomischen Motiven – sehr beliebt ist das Bild, die Finanzmärkte würden mittlerweile von „Psychologie“ statt von „ökonomischen Berechnungen“ regiert –, die über das gedeihliche Voranschreiten von Produktion und Handel hereinbräche. Dabei verdanken sich die Gesichtspunkte des Schadens, der den Spekulanten zur Last gelegt wird, keinem anderen Kriterium als dem, das das Geldkapital in seinen Bewegungen exekutiert: Hier wie dort geht es um nichts als darum, Überschüsse in Geld einzuspielen, selbstverständlich in „guter“, „harter“ Währung.

2.

Auch wenn sie krisenhafte Turbulenzen stiften, machen die Finanzmärkte nichts anderes als die Geschäfte, für die sie da sind, nämlich aus Geld mehr Geld. Wenn ihre Leistungen im Endeffekt derzeit anders ausfallen als gewohnt und gewünscht, dann nicht einmal obwohl, sondern weil sie sich an ihre allgemein anerkannten Maßstäbe des Geldmachens halten.

Das Kreditgewerbe verdient an den Diensten, die es dem kapitalistischen Geschäftsleben leistet; ausschließlich darin gründet auch seine Macht darüber.

a) Der erste Dienst des Kredits an Industrie und Handel besteht darin, deren Geschäft von den Schranken zu befreien, die dem Umsatz von Ware in Geld aus der Liquidität des Geschäftspartners erwachsen: Die Geschäftswelt läßt Zahlungsversprechen als Ersatz für Zahlung fungieren, behandelt und handelt eigene wie fremde Schulden wie Geld. So ist unabhängig von den Summen, über die Kundschaft und Konkurrenz jeweils gerade verfügen, für eine „Kaufkraft“ gesorgt, auf die Industrielle und Kaufleute als erweiterte Quelle ihres Profits und für den kontinuierlichen Fortgang ihrer Profitmacherei zugreifen können: Aus der begrenzten Zahlungskraft der Gesellschaft macht der Kredit einen geschäftsnützlichen Markt.

Der Preis für diese Leistung ist der Zins: Banken vermitteln Kredit überall dorthin, wo Geld fehlt; Industrielle und Kaufleute haben ihren so gesicherten Profit mit dem Geldkapital zu teilen. Und nicht nur das: Industrie und Handel begeben sich, indem sie sich der Abhängigkeit von den Schranken der vorhandenen Zahlungsfähigkeit entledigen, in eine neue Abhängigkeit; nicht nur davon, daß sie selbst ihren Kredit kontinuierlich bedienen können, sondern außerdem davon, daß dies auch allen anderen gelingt, an denen sie als Zulieferer oder Abnehmer verdienen. Banken sichern sich ihre Erträge nämlich nicht auf dem Wege einvernehmlicher Teilung der Überschüsse, die ihre Schuldner erwirtschaften; ausbleibende Zinszahlungen ziehen die Liquidierung der Kundschaft nach sich; das wiederum bedroht die Zahlungsfähigkeit aller anderen, die da noch Rechnungen offen haben. Dann fliegt der Schein auf, mit dem Kredit wäre bloß eine zeitliche Schranke des Zahlens beseitigt worden.

b) Der zweite Dienst des Kredits an der in Industrie und Handel engagierten Geschäftswelt besteht in der Beseitigung der Schranken, die ihr für die rentable Gestaltung ihrer Unternehmungen durch die begrenzte Größe des privaten Eigentums gesetzt sind. Ein „Fremd“-Kapital, das das „Eigen“-Kapital eines Unternehmens vervielfacht, verschafft diesem die Potenz, die modernsten Mittel der Produktivitätssteigerung, also Kostensenkung zu nutzen und mit seinen lohnenderen Geschäftsartikeln gegen die Konkurrenz „Märkte“ zu erobern.

Entsprechend wuchtiger fällt der Preis aus, den Industrie- und Handelsunternehmen dem Bankgewerbe für diesen Dienst zu zahlen haben. Abermals fallen Zinsen an; diesmal für die Nutzung fremden Eigentums, das die Bank als dauerhafte Quelle ihres Überschusses im Unternehmen verankert hat. Und es tritt abermals eine neue Abhängigkeit an die Stelle der alten: Die Bank, die sich als Kapitalgeber engagiert und mit ihrem Kredit Kapitalvorschuß ersetzt, also mehr Kapital fungieren läßt, als es gibt, entscheidet auf diese Weise darüber, welche Unternehmung überhaupt instand gesetzt wird, erfolgreich zu konkurrieren. Die Verfügung über Kredit, für Industrielle und Kaufleute das Mittel ihrer Konkurrenz um Märkte, stellt diese zugleich unter die allgemeine Bedingung der Konkurrenz, die Kreditwürdigkeit heißt: Das Kreditgewerbe beurteilt den Rest der Geschäftswelt unter dem einzigen Kriterium der lohnenden Anlage – d.h. der Gewähr dafür, daß der gegebene Kredit sich in renditetragendes Kapital verwandelt und nicht als bloße Schuldensumme auf die Bank zurückfällt – und läßt sie um seinen Kredit konkurrieren.

c) Das Bankkapital setzt Industrie und Handel zur bloßen Geldquelle herab, die sich mit anderen gewinnverheißenden Anlagen vergleicht, ermöglicht die Verwendung jeder Geldsumme, jeden Vermögens als Kapital – und leistet damit den industriellen und kommerziellen Kapitalisten einen dritten Dienst: Es befreit deren Eigentum von der Fesselung an eine bestimmte Geschäftssphäre und damit ihr Geschäft von der Beschränkung auf bestimmte „Segmente“ der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit. Jedes Privateigentum, auch das an Fabriken und Waren, wird durchs Kreditgewerbe als Kredit verwendbar und so Bestandteil des anlagesuchenden Kapitals. Unternehmer gleich welcher Branche können mit anderen Firmen oder Banken fusionieren, ihr Geschäftsfeld wechseln, den Kredit, den sie genießen, für anderweitige Geschäfte benutzen, Ertragsbeschränkungen im produktiven Gewerbe durch den Einstieg in finanzkapitalistische Aktivitäten kompensieren usw. Mit der Aktie und dem Aktienhandel trennt das Kreditwesen überhaupt das Kapital als Gewinnanspruch vom Kapital als Profitquelle, stellt das Kapitaleigentum als handelbaren Titel, dessen Wert sich aus seiner Krediteigenschaft, nämlich der zu erwartenden Rendite ergibt, der fixen Kapitalanlage in dem Unternehmen, das die Rendite verdient, gegenüber.

Auch dieser Dienst ist nicht umsonst. Sein Preis ist allerdings nicht mehr in Zinssätzen und Bankgebühren zu beziffern. Das Geschäft mit Produktion und Handel ändert insgesamt seinen Charakter: Es wird zum bloßen, und zwar bloß einem Faktor des Unternehmenserfolgs und hat sich als Grundlage für die Schöpfung und Vermehrung von Kredit zu bewähren. Nicht mehr bloß Produktionskosten und Absatzchancen wollen da richtig kalkuliert sein, sondern ebenso die Konditionen des Börsengangs und der Placierung von Emissionen; zur rechten Zeit müssen Beteiligungen erworben und Abteilungen abgestoßen werden. Die Konkurrenz zwischen Warenproduzenten findet genausogut an der Aktienbörse wie an den Warenmärkten statt.[1] Jedes Unternehmen muß sich selbst als ein Ensemble von konkurrierenden Anlagemöglichkeiten organisieren; die Finanzabteilung eines Unternehmens kann den ganzen Jahresgewinn der Produktion verspielen oder auch die Mittel für Rationalisierungsinvestitionen einspielen; usw. Das solideste Gewerbe wird zum Instrument, aus Kapital Kredit und aus mehr Kredit mehr Kapital zu machen, und hat nun darin sein Erfolgskriterium.

d) In allen seinen Leistungen für die warenproduzierende und handeltreibende Geschäftswelt wird das Finanzkapital vom Staat gefördert und gefordert, mit seinen Ansprüchen gegen sie ins Recht gesetzt und bedient. Wenn es alles Geld zu Leihkapital macht und Schulden als Kapital fungieren läßt, dann garantiert der Staat die Freiheit der Kreditschöpfung, indem er den Banken im Maße ihres Bedarfs Zugriff auf gesetzliche Zahlungsmittel gewährt und daran mitverdient. Und indem er sie mit Massen eigener zirkulationsfähiger Schuldzettel überschwemmt, verschafft er nicht bloß sich Kaufkraft; er erweitert zugleich das Kreditvolumen, mit dem die Finanzkapitalisten für Kapitalvermehrung und Zahlungsfähigkeit in der Gesellschaft sorgen, so als hätte der Markt keinerlei Schranken. Nach außen macht sich der Staat zum Agenten der Geldvermehrung, indem er mit den anderen Souveränen aushandelt, daß der Geschäfts- und Staatskredit aller Nationen wie Geld gehandelt wird, dem man nur noch Anlage suchen muß. Diese Abrede verschafft dem Bankkapital die Freiheit, seiner Kundschaft alle seine Dienste auch im Geschäft mit auswärtigen Partnern anzubieten. Es eröffnet damit den Industrie- und Handelsunternehmen die Wirtschaft anderer Nationen als Markt und Anlagesphäre und leistet ihnen damit seinen vierten Dienst.

Entsprechend sieht sein Preis aus. Als nunmehr internationale Kreditverschiebeinstanz beurteilt das Finanzkapital die Firmen, die sich ihm als lohnende Anlage präsentieren, nicht mehr nach den Maßstäben eines nationalen Wirtschaftsraums, sondern im weltweiten Vergleich. Die Firmen eines jeden Landes sind damit konfrontiert, daß sie nicht für sich rentabel sind, sondern nur als Teil und Unterfall des Geschäftsstandorts, als welcher Nationen definiert sind, wenn das Kreditgewerbe sie als Gelegenheiten zur Geldvermehrung vergleicht. Deren jeweilige Qualität bemißt sich daran, was die Nationen einander insgesamt an Erträgen aus dem Weltmarktgeschäft abzuknöpfen vermögen. Das Ergebnis dieser Standortkonkurrenz ist im Stand der nationalen Währung dokumentiert: Im relativen Wert der nationalen Gelder zeigt sich zum einen, wie erfolgreich das von einer Nation ausgehende Geschäft den Rest der Welt als Gewinnquelle zu benutzen vermag; zum andern, wie sehr ein Staat im Bemühen um solchen Erfolg mit seiner Verschuldung die nationalen Quellen der Geldvermehrung überfordert statt stimuliert hat. „Ermittelt“ wird dieses Ergebnis praktisch, nämlich durch den Vergleich der nationalen Gelder, den das Finanzkapital mit der globalen Verschiebung und Verwendung von Kredit exekutiert. Daß dies in seine Geschäftsdomäne fällt, ist die sachgerechte Konsequenz seiner längst etablierten Zuständigkeit in Fragen der Kreditvergabe. Es macht hier denn auch nichts anderes als sonst auch: Nach Maßgabe der Kriterien lohnenden Geschäfts vergleicht und verwendet es die nationalen Gelder, eben als unterschiedlich taugliche Mittel der Geldvermehrung. Daß es so die Konkurrenz der Nationen um Kredit, also um die Zuteilung von Geschäftsmitteln und -chancen entscheidet und bilanziert, ist gleichfalls sachgerecht, liegt nämlich daran, daß die Attraktivität für anlagesuchendes Kapital der Maßstab ist, an dem die modernen Nationen sich bewähren wollen.[2]

Für die Unternehmen, denen das Kreditgewerbe den Weg auf den Weltmarkt freimacht, hat das erstens die Konsequenz, daß ihre Geschäftskalkulation um einen Faktor erweitert ist, den sie überhaupt nicht in der Hand haben: den Kurswert der Gelder, in denen sie rechnen und abrechnen. Zweitens werden sie einer neuen Bewährungsprobe unterworfen: Sie müssen beweisen, daß sie nicht bloß am Maßstab des nationalen Geldes, sondern in Weltgeld gemessen rentabel und kreditwürdig sind. Das entscheidet sich drittens aber nur noch sehr bedingt an ihrer eigenen Leistungsfähigkeit; die Masse Reichtum selbst, die ein Unternehmen in Bewegung setzt und schafft[3], hängt vom Standort und dessen Währung ab. So wird es gerade unter der Herrschaft des Weltfinanzsystems für international umtriebige Multis wieder ziemlich entscheidend, welche Nation(en) sie sich als Heimat ausgesucht haben.

*

Von einem irgendwie externen Verhältnis der Finanzmärkte zum „realwirtschaftlichen“ Geschehen, zu den Volkswirtschaften und deren Wachstum, kann nicht die Rede sein. Ebensowenig davon, daß die Macht des Geldkapitals vom ideellen Gesamtkapitalisten nicht oder so nicht gewollt wäre. Wenn Wirtschaftspolitiker und deren gelehrte Ratgeber, sobald ihnen gewisse Ergebnisse nicht passen, zu der Beschwerde greifen, „die Spekulanten“ hätten etwas falsch gemacht und einen schlechten Einfluß auf eine „an sich gesunde“ Wirtschaft ausgeübt, dann reden da Verlierer der inter-nationalen Konkurrenz um Kredit und Kapitalanlagen. Und zwar – die Sieger wissen das sofort! – beklagen sie Konkurrenzresultate, mit denen sich „die Märkte“ als genau die unbestechlich profitorientierte Entscheidungsinstanz über die verschiedenen Standorte bewähren, als welche die staatlichen Urheber des modernen Weltgeschäfts das Kreditgewerbe bestellt und ermächtigt haben.

Die Beschwerde über Mißgriffe und Systemfehler der Finanzspekulation ist nicht besser, wenn die Zahl der Nationen, die aus der Konkurrenz der Standorte als Gewinner herauskommen, gegen Null geht und selbst die Weltwirtschaftsmächte Schäden und trübe Aussichten zu verbuchen haben, die nicht bloß über die größten Währungsreserven, sondern über eine Valuta vom Rang einer Reservewährung verfügen. Deren Vorwürfe gelten ja auch gar nicht den wirklichen Entscheidungskriterien und -prozeduren der Geldmärkte, sondern bloß der Tatsache, daß diesmal sie mitbetroffen sind; daß die Entwertung von Geldern, die ihnen andernorts allemal als fälliger Sachzwang einleuchtet, sich diesmal so schlecht auf die fremden Lokale begrenzen läßt, die Folgen vor ihrem nationalen Geschäftserfolg nicht pflichtschuldigst Halt machen. Und natürlich wissen die Vertreter erfolgsgewohnter Nationen – übrigens genau wie die notorischen Verlierer – lauter gute Gründe dafür, warum es sie eigentlich nicht treffen dürfte, und vor allem den schlechten Grund dafür, daß die Währungskrise sie ganz zu Unrecht doch betrifft und auf jeden Fall mehr, als sie es verdient hätten; nämlich bloß deswegen, weil ihr an sich gutes Geld, ihr Aktienmarkt, ihr Bankkapital usw. mit dem schlechten Kredit der anderen zusammenhängen… Als hätten die Finanzmärkte sich einer falschen Verallgemeinerung schuldig gemacht!

Dabei gestehen die Fans einer lebensfähigen Weltwirtschaft mit gerechter Schadensverteilung mit ihrer Beschwerde selbst noch ein, daß etwas ganz anderes vorgeht. Schließlich hängen gute und schlechte Gelder nur deswegen so ungut miteinander zusammen, weil es bei den einen wie bei den andern um identisch dasselbe geht, nämlich um Geld als das allgemeine Maß aller Dinge: als Ziel und Erfolgskriterium jeder Geschäftstätigkeit. Die Allgemeingültigkeit dieses Maßes existiert ihrerseits gar nicht anders als in der Relativität und Vergleichbarkeit der diversen nationalen Geldmaße; umgekehrt messen diese nichts anderes als ihr Gemeinsames: den allgemeinen Tauschwert, den das Geschäftsleben überall hervorbringt und von dessen Vermehrung es abhängt. Beides beweist praktisch noch jeder Devisenhändler, der den Peso zugunsten des Dollar und den Dollar zugunsten des Yen verwirft; denn genau in dieser Eigenschaft vergleicht er sie: als Formen des Werts, den er durch seine Verwandlung aus der einen in die andere Währung sichern und mehren will. Diese Identität stiftet die allseitigen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Geschäfte und Nationalkredite weltweit stehen. Wenn also weltweit Geschäfte scheitern – und nicht mehr bloß zum Vorteil der einen bei den andern –, dann zeigt sich darin, daß eben nicht Pfund oder Lira bloß vergleichsweise, sondern das Geld als solches seine Geschäftstüchtigkeit ein wenig eingebüßt hat.

3.

Die weltweite Geldkrise ist der notwendige Endpunkt der Dienste, die der Kredit für die Förderung und Belebung des kapitalistischen Geschäftslebens leistet, und sie ist zugleich der fällige Preis dafür: Das Finanzkapital bewirkt Überakkumulation und bewerkstelligt deren „Widerruf“.

Daran, daß das Allerheiligste des Kapitalismus, das Geld, in eine Krise gerät, ist nichts Geheimnisvolles. Was an den Geldmärkten der Welt gehandelt und derzeit per Saldo entwertet wird, ist ein großer Haufen Kredit: Ansprüche auf Verzinsung des in die eine oder andere Währung getanen Geldkapitals, das selber nur soviel wert ist, wie eine gesicherte Verzinsung hochgerechnet hergibt. Diese Ansprüche gehen zunehmend ins Leere. Nicht als ob das Kreditgewerbe mit prekären Schuldtiteln nicht konstruktiv umzugehen wüßte: Es hat allerhand Techniken entwickelt, um ausgebliebene Zahlung in handelbare Wertpapiere zu verwandeln, und die Staaten haben ihm dabei tatkräftig geholfen und das nötige internationale Recht gegeben. Genau darüber ist ja erst der gigantische Haufen Kredit zustandegekommen, den die Finanzmärkte derzeit in so heftige spekulative Bewegung versetzen, ohne sich dadurch noch die Sicherheiten – gegen Wertverlust, für Schuldenbedienung – verschaffen zu können, die sie sich verschaffen wollen. Sie können sich ihre akkumulierten Ansprüche auf gesicherte Vermehrung ihres Geldes nicht mehr wie bisher durch die weitere Akkumulation derartiger Ansprüche selbst-befriedigen: Sie mißtrauen ihren eigenen Schöpfungen. Daß sie dieses Mißtrauen, ebenso wie in besseren Zeiten ihr Vertrauen, als Qualitätsvergleich der Währungen betätigen, in denen sie sich ihre unhaltbaren Ansprüche aufschreiben, daß sie es mehr gegen das Weltgeld aus Amerika als gegen die Reservewährungen aus Europa und Fernost ausschlagen lassen, das ist für die Macher des Geldmarkts selber kein Ausweg aus ihrem Mißtrauen; mit all ihren Dollar-Verkäufen und Fränkli-Käufen gelangen sie nicht zu einem beruhigenden Endergebnis ihres Bemühens um Sicherheit. Die Entwertung unbedienbarer Verzinsungsansprüche ist allgemeiner Natur; gerade die fruchtlosen Versuche, sie national zu lokalisieren, beweisen eben dies.

Mit diesem kaum relativierbaren Mißtrauen gegen die eigenen, professionell einwandfrei geschaffenen und gehandelten Wertpapiere kommt das Kreditgewerbe auf seine „Wurzeln“ zurück, ohne daß auch nur einer seiner Vertreter den eigenen Radikalismus so begreifen müßte: Daß die aufgetürmten Ansprüche auf Geldvermehrung ins Leere gehen, daß sie sich nicht wirklich und endgültig selbst befriedigen können, ist ein Offenbarungseid über die wahre Natur dieses Geschäftszweigs. Er erschafft seine Rendite ein für allemal nicht selbst; er partizipiert damit, in welcher Weise auch immer, am anderweitig produzierten Profit.[4] Der Preis, den das Kreditgewerbe einstreicht, ist und bleibt der Preis für Leistungen, die es erbringt, nämlich für das beschleunigte Wachstum des produzierten und zu Geld gemachten Überschusses; vom Erfolg dieser Leistungen bleibt es abhängig. Wenn die Rendite uneinbringlich wird, dann hat der Kredit die Geschäfte überfordert, die er gefördert hat. Ganz allgemein und weltweit gibt dann der produzierte Profit die Bedienung der akkumulierten Ansprüche auf Anteile daran nicht mehr her.

Daß dieses Ergebnis eintritt, liegt an den Leistungen des Kreditgewerbes und ist selbst seine – letzte – Dienstleistung fürs kapitalistische Geschäft. Die Finanzmärkte haben den Kredit, über den sie schrankenlos verfügen, in nationale Standorte und produktive Kapitalanlagen hineingetan, die ihnen lohnend erschienen; sie haben damit Unternehmungen und ganze Länder für Konkurrenzanstrengungen aus- und aufgerüstet, die ihr Maß nie an den schon erzielten Erfolgen und der Reichweite des verdienten Geldes hatten – eben dafür sorgt ja die kreditgewerbliche Verwandlung von Schulden in Kapital – und schon gar nicht an irgendeiner durchschnittlichen Akkumulationsrate. Alle Konkurrenten haben sie zur Eroberung von Weltmarktanteilen, also zum Angriff auf die Marktanteile ihrer jeweiligen Kontrahenten befähigt und zu Erfolgen verpflichtet – genau und nur so kommt schließlich die Akkumulation von Kapital zustande, die sich am Ende zu einer durchschnittlichen Wachstumsrate zusammenrechnen läßt. Der Preis dafür ist die umfassende Überforderung der weltweit vorhandenen Zahlungsfähigkeit: Wenn die Geschäftswelt nach Maßgabe des anlagewilligen Kredits expandiert, dann werden ihre Gewinne insgesamt nicht mehr realisierbar. Damit wiederum stehen die Finanzmärkte vor der zunehmend prekären Entscheidung, inwieweit den fragwürdig gewordenen Krediten „frisches Geld nachgeworfen“ werden soll. Mit ihrem „Vertrauensverlust“ in dieser Frage dokumentieren sie, daß eine Kontraktion des Kredits und damit des Geschäftslebens überhaupt fällig ist.

4.

Die Krise des internationalen Kredits schlägt auf das Geschäftsleben insgesamt zurück. Das gesamte Drehbuch, in dem das Funktionieren des Kapitalismus aufgeschrieben ist, wird durchgespielt – von hinten nach vorn. Alle Mittel der Konkurrenz, die sonst dafür gut sind, am Weltmarkt zu verdienen, werden dabei zum Einsatz gebracht, um den Schaden auf die Kontrahenten abzuwälzen.

Wenn Industrie und Handel an die Grenzen der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit stoßen, dann nehmen sie dazu den praktischen Standpunkt der Konkurrenz ein. Sie kennen keine anderen Marktschranken als diejenigen, die ihre Konkurrenten ihnen setzen. Dagegen gehen sie vor; mit den Mitteln, die das Kreditgewerbe ihnen verfügbar macht – auf der Seite der Investitionen, mit denen das Kapital sein Arsenal von „Methoden der relativen und absoluten Mehrwertproduktion“ zur Anwendung bringt, um sich weltweit durchzusetzen, wie am Ende des Kreislaufs, bei der Realisierung der Ware. Eine Lagebeurteilung der Art, daß dieser „Ausweg“ nichts mehr bringt, fällt prinzipiell nicht in die geschäftliche Kompetenz industrieller und handeltreibender Kapitalisten.

Dem Geldkapital hingegen, von dem sie sich mit solchem Umgang mit den Widrigkeiten des Marktes abhängig machen, steht ein solches Urteil durchaus zu. Es ist ja seine Profession, die Welt als Anlagesphäre im Blick zu behalten und nach Anlagen zu suchen, die Erfolg und Sicherheit versprechen. Solange es guten Mutes neuen Kredit auf den alten türmt und Zahlungsausfälle bei seinen Kunden als Wechselfälle der Konkurrenz wegsteckt, setzt es seine Schuldner eben auch in Stand, die eigenen Schwierigkeiten als Probleme mangelnder Konkurrenztüchtigkeit anzugehen. Wenn sich jedoch die Suche der Manager des Kredits nach erfolgversprechenden Kapitalanlagen immer hektischer gestaltet und keine Sicherheit mehr hineinzubringen ist in die „Portfeuilles“, dann ist damit das Urteil ergangen, daß die Zunahme der Warenproduktion insgesamt übers Ziel hinausgeschossen ist, und es werden dem warenproduzierenden und handeltreibenden Kapital Marktschranken allgemeiner Natur gesetzt.

a) Dieses Urteil, das ja praktischer und nicht theoretischer Natur ist, nicht von Marxisten, sondern von den Praktikern des Anlagegeschäfts gefällt und von den weisen Männern der volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung nachvollzogen wird, braut sich zuerst in den Spezialabteilungen des Kreditgewerbes zusammen, in denen die Risikoträchtigkeit der eingegangenen und eventuell einzugehenden Kreditrisiken selber zum Spekulationsobjekt und Handelsgegenstand wird.[5] Hier müssen sich die Fachleute der vergleichenden Chancenabschätzung gar nicht mehr mit einer „externen“ Nachfrage nach Mitteln für wirkliche Kapitalanlagen, Industrieprojekte womöglich, handelseinig werden; sie gehen von vornherein mit hochaggregierten Gesamtgrößen, mit nationalen und globalen „Indices“ und deren Entwicklung um und handeln ganz unter sich mit dem schlagkräftigen „Argument“ des Geldes fällige Trends und Tendenzen aus. Um Gesamtgrößen von ähnlich „derivativem“ Charakter geht es im Devisenhandel, der ja genausowenig für den Touristen da ist wie der Optionshandel für den Sparbuchbesitzer: Auch da ist ein nach Qualität wie Quantität seiner Operationen sehr selbständiger „Überbau“ des Kreditwesens mit der Schaffung von Wechselkursen zwischen nationalen Währungen befaßt, also mit dem praktischen Vergleich jener Einheiten, in denen sich der Gesamterfolg von Nationen einschließlich ihrer weiteren Perspektiven zusammenfaßt. Dieser „Markt“ steht daher mit am Beginn des Aufruhrs der Geschäftswelt, der den Umschlag eines munteren Konkurrierens in eine allgemeine Geschäftskrise ankündigt.

b) Verluste in diesen höheren Sphären des Finanzgeschäfts wirken auf den „seriösen“ Handel mit Kredit zurück. Sie beeinträchtigen zuerst bloß das Kreditvolumen, über das betroffene Kreditinstitute verfügen, dann deren Geschäftsfähigkeit, darüber den Kredit des ganzen Gewerbes, in dem ja ein Institut am andern hängt, schließlich die Brauchbarkeit des nationalen Kredits überhaupt. Das wiederum greift die Solidität der ganz sicheren und seriösen „Basisprodukte“ des Finanzgeschäfts an: Der Handel mit Aktien, Renten und Kapitalbeteiligungen erlebt derzeit zwar keinen Crash, treibt seine „Indices“ vielmehr auf immer neue Höchststände, bleibt gleichzeitig aber „volatil“, also unstet und unsicher, eben weil die hektische Suche nach der sichersten Anlagewährung das gute Geschäft mit den Anlagen durcheinanderbringt.

c) Damit kommen dem industriellen und Handelskapital entscheidende Wachstumsbedingungen abhanden. Das hat sich ja des Kredits bedient, um sich am Weltmarkt gegen alle Schranken durchzusetzen. Damit hat es sich aber auch dem Kredit verschrieben: Mit ihren Geschäftskalkulationen hängen Produzenten und Kaufleute davon ab, daß das Finanzkapital ihnen ihre Erfolgsbedingungen erhält, nämlich zum einen den eigenen Zugriff auf benötigte Kreditmittel, zum andern die Zahlungsfähigkeit ihrer in- wie ausländischen Kundschaft. Sie haben gewissermaßen für alle ihre Unternehmungen auf die Haltbarkeit des Kredits in allen seinen Formen und Geldsorten und Verwendungsweisen spekuliert – und sind nun gleich in doppelter Weise mit Beschränkungen allgemeiner Natur konfrontiert. Wenn die Ingenieure des Kredithandels ihr Geschäft durcheinanderbringen und mit ihren selbstgeschaffenen Wertpapieren den allgemeinen Wertausdruck selbst, das – jeweilige – Geld entwerten, dann greifen die Wirkungen dieses negativen Geschäftsgangs auch sämtliche Konten an, von denen Produktion und Handel abhängen, die jeweils firmeneigenen wie die fremden, die für die Realisierung der Ware verplant sind.[6] So kann es sogar geschehen, daß Unternehmer ihr Geschäft mit einem durchgreifend verbesserten Verhältnis von Kostpreis und Marktpreis ihrer Produkte betreiben, Unternehmerverbände Gewinne vermelden, Wirtschaftspolitiker und -institute daraus eine Wachstumsrate hochrechnen – und dann entwerten veränderte Währungsparitäten die verbuchten Gewinne, oder der Ruin von Kunden und Märkten macht getätigte Investitionen wertlos. Und wenn die geschädigten Firmen sich dann, vertrauensvoll wie immer, an ihre Kreditinstitute wenden, um solche Rückschläge auszubügeln, dann stoßen sie dort auf Berechnungen, gegründet auf generelle Einschätzungen über die Verlustrisiken ganzer Standorte und Geschäftszweige, die sich völlig konträr zu ihren Kreditbedürfnissen verhalten und weder Investitionen zur „Sanierung“ des Geschäfts noch, womöglich, Überbrückungskredite zu seiner Fortführung hergeben.[7] So präsentiert das Kreditgewerbe den Firmen und regierenden Standortmanagern Marktschranken, die in ihrer Allgemeinheit nicht mehr durch intensivere Konkurrenzanstrengungen außer Kraft zu setzen sind – eben dazu hatte der Kredit ihnen ja verholfen; eben das machen die Kalkulationen und unkalkulierten Wirkungen des Kreditgeschäfts ihnen jetzt unmöglich. Das Finanzkapital reduziert die zuvor von ihm selbst aufgebaute Zahlungsfähigkeit – nicht zuletzt die der Massen: Die werden ärmer, wenn „Währungsturbulenzen“ ihre „Kaufkraft“ entwerten. So setzen die Kreditmärkte den Bescheid in Kraft, daß generell und überhaupt die Profitrate nicht mehr stimmt, das Produzieren und Verkaufen sich derzeit nicht lohnt.

d) Bei den betroffenen Industrie- und Handelsunternehmen mobilisiert diese generelle Absage den unternehmerischen Eifer. Sie ziehen den einzigen Schluß, auf den sie sich verstehen, nämlich von den Widrigkeiten des Marktes, der gestörten Realisierung ihrer Ware, auf eine mangelhafte Rentabilität ihrer Produktion. Und selbst wenn die Geschäftskalkulationen – die eigenen wie die ihrer Kreditgeber – derzeit keine Investitionsoffensive hergeben, so wissen sie in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber doch allemal noch ihre Verluste in unbedingt einzusparende Lohnkosten umzurechnen, um mit der Armut ihrer Lohnabhängigen die Bilanzen aufzubessern: Die Daimler-Firma DASA muß wegen des Dollarverfalls Arbeitsplätze in Deutschland abbauen; die Stahlriesen des Ruhrgebiets können sich wegen der Kostenvorteile ihrer Schwachwährungs-Konkurrenten vertraglich zugesicherte Abfindungen an ausrangierte Mitarbeiter nicht mehr leisten; der Sozialstaat insgesamt ist dem Standort Deutschland nicht mehr zuzumuten… So arbeitet sich die Geschäftswelt schön langsam – und ganz orthodox[8] – zu ihrem letzten Krisenszenario hin: Sie ergänzt die schon erreichte Einschränkung der „Massenkaufkraft“ um die Senkung der gesellschaftlich verausgabten Lohnsumme – mit der Folge, daß es an der „kleinen“, nämlich der Warenzirkulation für den Massenkonsum auch nichts mehr zu verdienen gibt. Die Kaufhäuser klagen schon…

5.

Die Staaten nehmen die Krise im kapitalistischen Geschäftsgang als politische Herausforderung; die Europäer besinnen sich ganz neu auf ihr Projekt einer Währungsunion als mögliches Mittel der Krisenbewältigung. So ergänzen sie das Durcheinander in der Weltwirtschaft um ein paar Neuerungen in ihrer Konkurrenz.

Wenn die Weltfinanzmärkte in Aufruhr geraten, dann sehen die politischen Subjekte des Welt- und Geldhandels sich herausgefordert; vor allem diejenigen, die immer dessen Nutznießer waren und nach wie vor die entscheidenden Standorte und Finanzplätze sind. Natürlich keineswegs zu dem Eingeständnis, daß der Kredit derzeit seine Fähigkeit zur Vermehrung einbüßt. Daß das Funktionieren des Kreditsystems insgesamt bedroht ist, nehmen sie unter praxisnahen nationalen Gesichtspunkten zur Kenntnis: Sie haben zu bedenken, wie sie unter Einsatz ihrer Notenbanken und Staatsschätze die Auswirkungen des drohenden allgemeinen Schadens auf ihr Geld abwenden oder abmildern können. Was da jeweils an Schäden, Risiken und Korrekturbedarf festgestellt wird, hängt folglich ganz von der Stellung ab, die die Nationen im praktischen Getriebe der Geldmärkte einnehmen. So kämpft eine italienische Regierung nach der andern mit Haushaltsziffern und beschwert sich über die Ungerechtigkeit eines Finanzmarkts, der ihren Willen zu mehr Stabilität nicht schon für die Tat nimmt und entsprechend honoriert. Die deutsche Regierung weiß genau, daß die internationale Bevorzugung der DM ihre Stabilitätspolitik bestätigt, und empfiehlt ihren europäischen Partnern, es der Bundesbank gleichzutun, während denen gerade alle Mittel für so eine Politik dahinschwinden. Gleichzeitig kennt sie nationale Risiken infolge der starken Mark und die auswärtigen Schuldigen dazu: Vom US-Präsidenten verlangt der deutsche Kanzler in unhöflicher Öffentlichkeit, der sollte endlich seinen Staatshaushalt in Ordnung bringen, damit die Deutschen im Dollarraum wieder besser verdienen können. Umgekehrt mahnen die Amerikaner in Bonn mehr und erfolgreichere Bemühungen an, die innereuropäischen Währungsturbulenzen unter Kontrolle zu bringen. Gemeinsam klagen USA und EU dann wieder Japan an, es ließe sie auf seinen Märkten nicht absahnen; gleichzeitig verweigern japanische Politiker einen umgedrehten Protektionismus für Importware aus Amerika und protestieren in Washington gegen die kalte Enteignung ihrer Geldanleger durch den Dollarverfall. Und nirgends ergibt sich mehr – wie in den schönen alten Zeiten weltweiter Expansion – eine tragfähige, die „Märkte“ überzeugende Übereinstimmung zwischen den konkurrierenden Interessen, weil nicht einmal mehr die nationalen Interessen so einfach zu operationalisieren sind: Erstens weiß angesichts der Allgemeinheit der Währungskrise niemand mehr eindeutig anzugeben, welcher Devisenkurs und welcher Zinssatz hier und dort der passende wäre, damit die systematische Bereicherung der eigenen Nation am Rest der Welt wieder klappt. Zweitens weiß angesichts der „Macht der Märkte“, die ja wiederum keiner grundsätzlich in Frage stellen will, niemand einen Weg, ein entsprechendes Staatsinteresse, wenn es das gäbe, durchzusetzen. Selbst die Staaten, die sich zu den G7 rechnen, müssen im Gegenteil einen unübersehbaren Hoheitsverlust in der Geldfrage konstatieren: Die Währungskrise läßt sie ihre Unfähigkeit spüren, ihren Bürgern überhaupt noch die Wertbeständigkeit ihres Vermögens zu garantieren.[9]

Innerhalb der EU ist darüber das fast schon abgeschriebene Projekt einer Währungsunion wieder aktuell geworden.[10] Die Architekten Europas sehen die Notlage, daß nicht beherrschbare Geldentwertungen die erreichte wirtschaftliche Einigung einschließlich aller nationalen Erträge daraus zerstören. Und sie sehen die eine Chance, wieder Herr der Lage zu werden – statt sich dem Entwertungskarussell weiter passiv auszuliefern: daß sie „den Märkten“ die eine unanfechtbare Euro-Währung entgegensetzen. Daß deren Schaffung so etwas wie ein bloß noch technischer Schlußstrich unter die zuvor hergestellte Konkordanz der Nationalgelder sein könnte, war schon im Maastricht-Konsens der Vertragsstaaten mehr fromme Hoffnung als die Wahrheit über das Projekt; das sah immerhin den Verzicht der EU-Nationen auf ihre nationale Geldhoheit vor. Diese ist nun durch die nicht beherrschbaren Währungsbewegungen ganz ohne politischen Beschluß praktisch außer Kraft gesetzt; es geht also eher darum, als Union wirtschaftspolitische Souveränität zurückzugewinnen. Deswegen steht mit der Währungsunion jetzt aber auch von vornherein nichts Geringeres auf dem Programm, als der unkontrollierten Entwertung der Partnerwährungen der DM ein Ende zu machen, indem ihre Entwertung politisch durchgeführt wird – also um eine 15-fache Währungsreform. Mit der Parität zwischen jeder alten National- und der neuen Unions-Währung wird für jedes Land festgelegt, wieviel von seinem in Geld bezifferten, also kapitalistisch allein wirklichen Reichtum annulliert wird, wieviele seiner Schulden gestrichen werden und wieviel die Forderungen seiner Gläubiger noch wert sind – ein 15-facher Akt der Enteignung und Entschuldung zugleich, der den Willen der Partner zum „Befreiungsschlag“ noch sehr auf die Probe stellen wird.[11] Denn immerhin legt die mehr oder weniger von Altschulden bereinigte Eröffnungsbilanz, die jeder Teilnehmer bekommt, das Maß fest, in dem neuer Euro-Kredit jeweils alten Nationalkredit ersetzt, in dem jeder Partner Zugriff auf das neue Geld bekommt – also auch, wo wieviel davon geschöpft werden darf und angelegt wird.

Das Ende der weltweiten Währungs-„Turbulenzen“ wäre dieser neue Euro-Kredit ganz sicher nicht. Im Gegenteil: Er wäre eine enorme Waffe in der Krisenkonkurrenz der Europäer gegen Nordamerika und Ostasien. Und wenn, dann wird er auch genau und nur dafür wirklich aufgelegt.

6.

Mit etwas anderen Problemen und Konsequenzen aus der Krise schlagen sich die USA herum. Inmitten ihrer Auseinandersetzung um die Frage, was der Dollarverfall für ihre Bilanzen bedeutet und den künftigen Erträgen des Außenhandels antut, wird die Nation mit dem Crash des Peso konfrontiert. Ein jahrelang erfolgreich bewirtschafteter Partner, Mexiko, meldet, kurz nach Vollendung seiner Kooperation mit den USA im Rahmen der NAFTA, mit seiner in Grund und Boden spekulierten Währung seine Unbrauchbarkeit an: Für alte wie neue Rechnungen des amerikanischen Kapitals mit diesem Land versagt das mexikanische Geld seine Dienste.

Die Reaktion der USA auf den drohenden Zusammenbruch eines für amerikanisches Wachstum verplanten Wirtschaftsraums besteht in der Mobilisierung eines Kredits. Der erhält vorläufig die mexikanische Zahlungsfähigkeit aufrecht; über deren künftige Quellen und Verwendung wird gleich mit entschieden. Zur Schadensminderung werden außerdem die Konkurrenten herangezogen – eine weitere Episode in der Krisenkonkurrenz der G7.

Daß der Peso-Crash eine neue Weltschuldenkrise auslösen könnte – so wie Mexikos Zahlungsunfähigkeit Anfang der 80er Jahre –, wurde von Beginn an von allen Seiten dementiert.[12] Das ist allerdings auch sehr nötig; denn reagiert wird darauf als auf eine Gefährdung der Weltwirtschaft und gar nicht so, als hätten da bloß eine Drittwelt-Währung und eine Regionalbörse von begrenzter Bedeutung einen „Schwächeanfall“ erlitten. Ein 51-Milliarden-$-„Paket“ als Kreditlinie für Mexikos Regierung, damit sie ihre Schulden bedienen und den Fall des Peso auffangen kann; zusammengestellt u.a. aus satzungs- und gewohnheitswidrig bereitgestellten IWF-Mitteln und aus ohne die nötige vorherige Abstimmung mobilisierten Mitteln der BIZ: Das ist einem globalen Notstandsfall angemessen und zeugt von der Befürchtung höchster weltwirtschaftspolitischer Instanzen, die mexikanische Geldkrise müßte ohne solche Intervention zur allgemeinen Geldkrise ausarten. Daß der US-Präsident die Mittel für den amerikanischen Beitrag einem Regierungsfonds zur Währungsstabilisierung entnimmt, der eigentlich für die Pflege des Dollar-Kurses gedacht ist, hat seinen Grund zwar in taktischen Manövern der US-Innenpolitik;[13] es belegt aber auch, wie unmittelbar die USA ihren Kredit durch den Verfall des mexikanischen angegriffen sehen.

Dies ja auch nicht ohne Grund. Es geht immerhin um die Geschäftsfähigkeit des einen Partners in der nordamerikanischen Freihandelszone, die die USA, deutlich nach dem Vorbild der EG, zur Erweiterung ihres nationalen Wirtschaftsraums und zur entsprechenden Verbesserung ihrer Bilanzen im Konkurrenzkampf mit der EG und Japan eingerichtet haben – und nicht, um einen noch „entwicklungs“-, geschweige denn sanierungsbedürftigen Problemfall zu betreuen. Mexiko wird vielmehr als Teilhaber in Anspruch genommen, der, wenn schon alles andere als gleichrangig, so doch uneingeschränkt mit seiner ökonomischen Leistungskraft von Nutzen ist: als Markt, der amerikanische Profitproduktion bedient und realisiert; und als Anlagesphäre, die zum Wachstum amerikanischen Industrie-, Handels- und Finanzkapitals beiträgt. Und tatsächlich hat das Land lange genug im gewünschten Sinn funktioniert, daß mittlerweile erhebliche Posten US-amerikanischen Geschäfts von seiner weiteren Benutzung abhängen.

Zur naheliegenden Frage: Wie das? hier ein kleiner Exkurs zu

Mexikos Karriere vom Weltschuldenkrisenfall zum „emerging market“ und NAFTA-Partner

Seit Mitte der 80er Jahre haben US-amerikanische Betreuer und mexikanische Wirtschaftsreformer das ihrer Meinung nach Entscheidende für die volle kapitalistische Leistungsfähigkeit Mexikos getan.

  • Mit dem „Brady-Plan“ haben die USA dem bankrott gegangenen Land eine zweckmäßige Art der Bewirtschaftung seiner Dollarschulden ermöglicht und auferlegt[14]: Mit einigem Druck der US-Regierung auf die internationale Bankenwelt wird eine Umschuldung der nicht mehr bedienten Kredite Mexikos bis ins nächste Jahrhundert hinein – bis Ende 2019 – bewerkstelligt. Die Schulden wie ihre Bedienung werden durch eigens hierfür aufgelegte, zum gleichen Datum fällige Forderungen gegen das US-Schatzamt garantiert, die der mexikanische Staat mit eigenen – zukünftigen – Deviseneinnahmen sowie speziellen Anleihen des IWF, der Weltbank und der Export-Import-Bank von Japan ankauft – eine Art nationales Zwangssparen beim US-Schatzamt auf den Endtermin der prolongierten Verbindlichkeiten hin. Damit gilt die Kreditwürdigkeit Mexikos als grundsätzlich wiederhergestellt.
  • In Mexiko wird eine dem international agierenden Geldkapital weit offenstehende Börse für Schuldtitel eröffnet, mit denen der mexikanische Staat sich die Mittel zur Bedienung alter wie neuer Schulden beschafft. Die „neuen“ Pesos, auf die diese Schuldtitel lauten und die durch sie geschaffen werden, werden für anlagesuchende Dollarbesitzer dadurch interessant gemacht, daß sie mit Zinssätzen weit über US-Niveau ausgestattet werden und zugleich die Stabilität ihres Dollar-Gegenwerts sowie ihre jederzeitige Einlösbarkeit in Dollar zugesichert wird. Diese Zusicherung wird auf doppelte Weise beglaubigt: Die Schaffung des neuen Kreditgelds durch den Staat wird ganz dem Zweck der Weltgeldbeschaffung untergeordnet, also für die Börse möglichst viel, für anderweitige Staatsbedürfnisse aber möglichst kein staatliches Zahlungsversprechen in Peso-Form geschaffen.[15] Das so beschaffte Weltgeld wird seinerseits ganz für die Sicherung der aufgenommenen Kredite reserviert: für die Ansammlung eines Devisenschatzes, aus dem die erwähnten Garantiepapiere des US-Schatzamtes gekauft, alte Verbindlichkeiten vorfristig zurückgekauft und die neuen Schulden pünktlich bedient werden. Das ist zwar heillos zirkulär, aber es funktioniert. Dem Peso Nuevo wird ein ziemlich stabiler Wert kreditiert.[16]
  • Den Markt für Staatsanleihen ergänzt der mexikanische Staat durch eine gleichfalls international zugängliche Börse für Aktien und Anleihen aus dem „privaten“ Wirtschaftssektor, die er durch die Privatisierung von Staatsfirmen – bis 1992 950 von 1200 – mit geschäftlichem Material ausstattet. So beschafft er sich zusätzliche Dollareinnahmen,[17] verschafft den großen nationalen Unternehmen Zugang zu internationalem Leihkapital, schafft neuen spekulativen Peso-Bedarf, den er natürlich auch befriedigt – und kann den Erfolg verbuchen, daß das Interesse der Finanzwelt den Wertpapierhandel boomen läßt.[18] Damit hat die Nation den kapitalistischen Fortschritt geschafft, an dem alle vorherigen Präsidenten gescheitert sind: vom Bankrotteur zum „emerging market“. Dieser unterscheidet sich von den fertigen kapitalistischen Finanzmärkten nur in einer, allerdings nicht ganz unwichtigen Hinsicht: Er ist nicht der internationale Überbau eines nationalen Kreditgewerbes, das sich von einer „soliden“ Basis des kommerziellen Kredits – siehe oben 2.a) – und der profitfördernden Geldanlage – siehe 2.b) – her aufbaut; er ist umgekehrt mit seinen spekulativen Bewegungen die Quelle „soliden“, nämlich Dollar-unterfütterten mexikanischen Kreditgelds.
  • Diese Art der Geldschöpfung hat ihre Wirkungen aufs sonstige – industrielle und kommerzielle – Geschäftsleben der Nation:
    • Sie sortiert besonders gründlich zwischen Unternehmen, die sich mit börsengängigen Peso-Papieren Finanzmittel beschaffen können, und den vielen anderen Firmen, denen von den Banken der Nation für das gute neue Kreditgeld enorme Zinsen berechnet werden. Mit den letzteren räumt sie auf.
    • Zu den ersteren gehören in jedem Fall die Niederlassungen von US-Unternehmen, die das billige Lohnniveau gleich jenseits der langen Südgrenze einschließlich der dort gesetzlich erlaubten Rücksichtslosigkeit gegen alle natürlichen Lebensbedingungen zur Verbesserung ihrer Produktionskostenbilanz ausnutzen. So erlebt die „Maquiladora“ einen Aufschwung. Hinzu kommen japanische und europäische Firmen, die mit der Verlagerung von Produktionsabteilungen nach Mexiko nicht bloß Lohnkosten sparen, sondern zugleich die aufs NAFTA-Gebiet erweiterten protektionistischen „local content“-Vorschriften der USA erfüllen.
    • Die in Gang gesetzte Finanzspekulation schafft privaten Reichtum in neuer Größenordnung; in den kreditfähigen und -würdigen Unternehmen des Landes und von ihnen aus entsteht außerdem eine private Zahlungsfähigkeit in guten Pesos, deren Ausnutzung als Markt für US-Ware sich lohnt. Dies um so mehr, als die offizielle Peso-Abwertung unter der Rate der inneren Peso-Entwertung bleibt, so daß Exporteure aus den USA einen Extra-Gewinn in Gestalt des „überbewerteten“ Peso einstreichen können. Derselbe Effekt ruiniert logischerweise innermexikanische Konkurrenten[19] – bis hinunter zu bäuerlichen Genossenschaften, die gegen US-amerikanische Agrarfabriken keine Chance haben.

Das Ganze funktioniert über die Jahre so gut, daß der NAFTA-Vereinbarung am Ende nur noch die amerikanische Sorge im Wege steht, der südliche Nachbar mit seinen Billiglöhnen könnte am Ende doch ehrliche US-Bürger arbeitslos machen; hinter den weit handfesteren Kalkulationen US-amerikanischer Produktions- und Marktstrategen tritt auch dieser Einwand zurück. Die ersten Monate des nordamerikanischen Freihandels weisen dann auch aus, daß die seit Jahren zunehmenden US-Überschüsse im Mexiko-Handel weiter wachsen: ein positiver Beitrag zur Verringerung des US-Defizits, den der mexikanische Staat auf die gewohnte Weise über renditemäßig interessante Angebote ans anlagesuchende Dollarkapital finanziert. Daß hierbei das „Instrument“ der „tesobonos“ – kurzfristige Peso-Wertpapiere mit festem Dollarkurs – verstärkt auf Anlegerinteresse stößt,[20] zeigt zwar schon eine gewisse Vorsicht der „Märkte“ gegenüber der bislang akzeptierten und honorierten „Stabilitätspolitik“ Mexikos. Aber mit dieser Versicherung im Rücken ist sich das interessierte Publikum erst einmal wieder sicher, daß der Kredit, den Mexiko stiftet – nämlich gestiftet kriegt –, brauchbar bleibt. Daß dieser brauchbare Kredit eine bloße Stiftung bleibt, also das Land nicht dazu instand gesetzt hat, ihn durch Kapitalakkumulation und Exporterfolg sich zu verdienen, solide zu machen und – womöglich – abzutragen; daß er stattdessen zunehmend in die Kategorie „Schulden“ hinüberwächst: Das will da noch keine Rating-Agentur wissen. Dazu braucht es erst noch das Eingeständnis der neugewählten Regierung, daß Mexiko am glücklich in Kraft getretenen nordamerikanischen Freihandel definitiv zu wenig verdient; nämlich deren Beschluß, den zunehmenden Nachteilen im USA-Handel mit einer Korrektur des Wechselkurses zu begegnen: Um ein der Wirtschaftskraft des Landes angemesseneres Verhältnis zum großen Nachbarn hinzukriegen und um auf dieser Basis die Dollar-Parität des Peso wieder dauerhaft und glaubwürdiger als zuletzt garantieren zu können, wertet sie ihre Währung um über 10% ab.[21] Ihren Gläubigern und Finanzspekulanten mutet die Regierung damit immerhin eine kräftige Entwertung der an ihrer Börse gehandelten Wertpapiere (mit Ausnahme der „tesobonos“) zu. Sie wagt das im Vertrauen auf den gefestigten Status ihres Landes als vollwertiges NAFTA-Mitglied – in den exklusiven Club der OECD-Länder ist es Anfang 94 auch noch aufgenommen worden – und auf ihren unerschütterlichen Kredit bei der Finanzwelt und beim großen Verbündeten.

Die „Antwort der Märkte“ fällt allerdings ausgesprochen ablehnend aus – und dann endlich ist sich auch die Fachwelt sicher, daß das Kunststück, mit kurzfristigen Schulden einen langfristigen Staatsschatz aufzubauen, unmöglich gutgehen konnte und jede Menge „Alarmsignale“ übersehen worden sein müssen. Eine „Flucht aus dem Peso“ setzt ein, die mit den Mitteln des angesammelten Staatsschatzes nicht mehr zu bremsen, zum festgesetzten Dollarkurs aber auch nicht mehr zu bedienen ist. Mit der Freigabe des Wechselkurses sackt der Peso auf die Hälfte seines Dollarwerts und weniger ab; gleichzeitig halbiert sich der Kurswert aller mexikanischen Wertpapiere. Selbst die „tesobonos“, auf denen kein Wechselkursrisiko lastet, sind bei den Kapitalanlegern nicht mehr „unterzubringen“ – eine Mißtrauenserklärung gegen die internationale Zahlungsfähigkeit Mexikos überhaupt. Das Finanzkapital kündigt damit Mexikos gesamte bisher praktizierte Schuldenbewirtschaftung; es deckt mit einem Schlag deren zirkulären Charakter auf – nämlich: Kredit auf einen Schatz zu nehmen, der aus nichts als diesem Kredit besteht –; es entlarvt die Garantien des mexikanischen Staates als puren Schwindel, indem es sie nicht mehr mit Geldanlagen honoriert und dadurch gültig macht, also indem es den Schwindel auffliegen läßt. Zur Kasse gebeten, steht das Land ohne Geld da. Es erweist sich, daß sein ganzer Aufstieg zum NAFTA-Partner allen möglichen Abteilungen der nationalen und internationalen Geschäftswelt allerhand Nutzen gebracht, aber dem Peso keine Basis außer seiner Kreditierung von außen verschafft hat – dafür hat der ökonomische Umbau der Nation, ihre Ausstattung mit Börsen, Privatfirmen, Multi-Ablegern und Finanzspekulanten, nicht gesorgt.

***

Der Ruin des Peso Nuevo macht Mexiko als interessanten Finanzmarkt für Dollar-Kredite kaputt, als Absatzmarkt für US-Ware zahlungsunfähig, als Standort fürs industrielle Kapital fürs erste unkalkulierbar. In jeder Hinsicht, in der das Land als nützliche Erweiterung der US-Ökonomie nicht bloß verplant war, sondern funktioniert hat, wird es zum Schadensfall: Eine ganze Abteilung amerikanischen Geschäfts steht vor dem Ende.

Der Versuch der US-Regierung, diesen Schadensfall abzuwenden – der internationale Mammutkredit soll die Spekulation gegen den Peso beenden und Mexikos Fähigkeit wiederherstellen, sich weiterhin die Grundlage für seine Geldhoheit und eine stabile Währung zu leihen –, scheitert: Statt als Bürgschaft seine Wirkung zu tun und Mexikos Kreditwürdigkeit zu erneuern, wird der versprochene Kredit tatsächlich gebraucht und Stück um Stück aufgebraucht, um Gläubiger des mexikanischen Finanzmarkts in „echtem“ Geld auszuzahlen.[22] Das gesamte Kreditgebäude des Landes fällt auf Abrechnung und Zahlung zurück, die Mexiko selbst nicht leisten kann. Zahlen müssen andere, vor allem die USA; sie müssen zahlen, um eine wirklich radikale Endabrechnung der Geschäftswelt mit Mexiko und damit die Offenlegung der Geschäftsunfähigkeit des Landes zu verhindern und so deren Folgen offenzuhalten: das Scheitern des amerikanischen NAFTA-Projekts und die definitive Entwertung sämtlicher mexikanischer Schulden. Die gezahlten Summen sind kein neuer Auftakt, kein auf Erholung des Landes und seiner Finanzen berechneter Kredit; nur wegen der Unabsehbarkeit einer solchen Erholung, weil eben kein Geldkapitalist darauf setzen mag, wird ihre Auszahlung ja fällig. Die Zahlung – dafür steht das wieder einmal strapazierte Bild vom „Faß ohne Boden“ – ist der ohne neue Hoffnungen unternommene, entsprechend widersprüchliche und entsprechend kostspielige Versuch, die Krise einer US-amerikanischen Geschäftssphäre in eine auf Mexiko lokalisierte Finanzkrise auf der einen Seite, einen unkritischen Fortgang des US-Geschäfts auf der anderen Seite zu zerlegen.

Weil ein solches Unternehmen zur Schadensbegrenzung enorm teuer ist, versucht die US-Regierung alles, um wenigstens diesen finanziellen Schaden zu begrenzen. Dafür zieht sie zum einen den kreditunwürdig gewordenen Partner selbst heran: Im Gegenzug zur Auszahlung seiner Gläubiger in frischen $ hat das Land die letzten sicheren Weltgeld-Einnahmequellen, die es sich bislang noch national reserviert hat, nämlich seine Einkünfte aus dem Erdölexport, ans US-Schatzamt zu verpfänden. Die zivile Beschlagnahmung dieses „Pfands“ bekräftigt umgekehrt, daß die Bemühungen der USA um die Rettung eines Restbestands ausnutzbarer Ökonomie in Mexiko nicht auf die Wiedergewinnung einer autonomen Zahlungsfähigkeit des Landes abzielen: Sie entziehen ihm eine letzte Grundlage dafür.[23] Bis auf weiteres ausgeschlossen ist damit allerdings auch eine Erneuerung des US-amerikanischen Mexiko-Geschäfts, mit der dessen Verluste kompensiert werden könnten.

Deshalb hält sich die US-Regierung auf der anderen Seite zur Schadensbegrenzung direkt an ihre Konkurrenten. Ohne sie erst groß zu fragen, zieht sie Japaner und Europäer in die Zahlungspflicht für Mexiko hinein – eine Machtdemonstration und ein Schwächezeichen zugleich: Die „Bereinigung“ des Falls auf eigene Rechnung mag das große Amerika sich nicht zumuten; dazu findet es offenbar die „Lage“ insgesamt zu kritisch und sich selbst zu angegriffen. Insofern gibt das mexikanische Kreditmanöver der Clinton-Regierung aber auch nur einen Vorgeschmack auf die Krisenkonkurrenz, die die USA dem Rest ihrer „einen Welt“ antragen. Mit der Eröffnung eines Handelskriegs gegen Japan, der nicht mehr auf eigene Exporterfolge abstellt, sondern offen und direkt auf Schädigung der „feindlichen“ Exporte, kommt man mittlerweile schon härter zur Sache.

[1] Selbst Großunternehmen sind mit Versuchen einer „feindlichen Übernahme“ per Aktienkauf durch ihre Konkurrenten konfrontiert. Das „Buy-out“, die Ausschlachtung von Unternehmen durch ihren „feindlichen“ Erwerber, ist längst nicht mehr bloß eine Technik des Bankgewerbes, um sich im Konkursfall an der übriggebliebenen „Substanz“ des Schuldners schadlos zu halten, sondern ein Konkurrenzmittel, das jedes Management beherrschen muß.

[2] Alles Nötige hierzu in GegenStandpunkt 4-94, S.137: Weltmarkt und Geldmarkt. Die Währung und ihr Wert.

[3] So entwertet jeder Verfall einer Währung das in ihrem Geltungsbereich angelegte und operierende Kapitalvermögen mitsamt seinen Produkten. In Italien beispielsweise muß nach der Kursverschiebung der Lira gegenüber der DM ein Industrieunternehmen schon einiges mehr an sachlichem Reichtum produzieren und verkaufen als ein deutscher Konkurrent, um die gleiche Menge Weltgeld einzunehmen wie dieser. Von diesem Nachteil handelt in der Sache auch die Beschwerde deutscher Exporteure, die Italiener und andere Schwachwährungs-Kandidaten hätten aus der Abwertung ihrer Währung den Vorteil, ihr Zeug billiger anbieten zu können. Wäre dieser Vorteil die Wahrheit der Sache, dann hätten schon längst die Firmen aus den Nationen mit den unsolidesten Geldern die Weltmärkte erobert.

[4] Auch dann, wenn an Staatspapieren verdient wird: Was deren Rendite wert ist, richtet sich eben danach, wie erfolgreich aus den von Staats wegen gestifteten Kreditmassen Kapitalwachstum wird.

[5] Das gibt es tatsächlich; der Artikel über „Derivate“ in diesem Heft erläutert das Wie und Warum.

[6] Dabei spielt es keine besonders wichtige Rolle, ob die konzerneigene Devisenabteilung Termingeschäfte in den Sand setzt und den Jahresgewinn verspielt oder die Hausbank sich für ihre gewagten Aktionen an den Firmenkonten vergreifen muß.

[7] Auch dafür ist es im Prinzip gleichgültig, ob eine Bank ihren Kunden „neu bewertet“ oder eine hausinterne Finanzabteilung die Trennung von einem verlustbringenden Konzernbereich empfiehlt.

[8] Nach Marx ist die beschränkte Zahlungsfähigkeit der Lohnarbeiter der letzte Grund der Krise: „Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“ (Das Kapital Bd.3, MEW 25, S.501) Insofern hat es seine Richtigkeit, wenn die ganze Veranstaltung in ihrem Schlußbild auf die Massen durchschlägt, die mit Terminkontrakten und innovativen Finanzinstrumenten wirklich nichts zu schaffen haben: Indem sie – wie so ziemlich alles im Kapitalismus – auf Kosten der lohnarbeitenden Klasse geht, landet die Krise am Ende bei dem Widerspruch, daß immer mehr Leute, die nichts als ihre Arbeitskraft besitzen, von der Produktion einer steigenden Masse von Reichtum und damit von jeder Chance ausgeschlossen werden, sich etwas davon zu kaufen – also ihren kapitalistischen Konsumentendienst zu tun und Profit zu realisieren.

[9] Natürlich spüren das die Staaten am härtesten, deren Bürger den freien Geldmarkt benutzen, um ihr Vermögen gegen dessen nationale Form in Sicherheit zu bringen; und wenn selbst die innere Funktion ihrer Währung darunter zu leiden beginnt, daß die eigenen Geschäftsleute im Lande sie nicht mehr nehmen wollen, dann denkt eine Regierung durchaus schon mal an das altbewährte Instrument der Devisenverkehrskontrolle – ohne ignorieren zu können, daß so etwas ihren Kredit endgültig ruinieren würde. Es ist aber keineswegs so, als wäre für die Nachbarstaaten, deren Sparkassen von solcher „Kapitalflucht“ profitieren, die Welt in Ordnung. Nicht nur, daß sie genausowenig Herr der Lage sind wie die andern: Sie wissen es auch.

[10] Die Anforderung des Maastricht-Vertrags an die Partnerstaaten, sich nach bestimmten Kriterien für den endgültigen Währungsverbund zu qualifizieren und im Hinblick auf die Einheitswährung die im EWS geltenden Paritäten zu erhalten, ist von „den Märkten“ mit einer heftigen Spekulation gegen Lira, Pfund und Pesete auf die Probe gestellt worden; der Test wurde nicht bestanden und vor allem von deutscher Seite mit der faktischen Ausgliederung der betroffenen Währungen aus dem EWS abgebrochen; danach hat sich stillschweigend der Konsens durchgesetzt, das Projekt einer Einheitswährung spätestens ab 1999 müsse an der Unmöglichkeit scheitern, die starken und die schwachen Euro-Währungen in einem festen, unveränderlichen Verhältnis aneinander zu koppeln; siehe dazu GegenStandpunkt 4-93, S.25: Von der Gemeinschaft zur Union: Kleine Zwischenbilanz der Des- und der Integration Europas, sowie die dort angegebenen früheren Artikel. Ausgerechnet wegen der Währungskrise, die inzwischen viel größere Dimensionen angenommen hat, wird nun doch mit neuem Nachdruck betrieben, was in Maastricht beschlossen worden ist. Was im Text dazu ausgeführt wird, ist keine Prognose über die Erfolgsaussichten, sondern eine Erklärung der neuen Interessenlage.

[11] Deshalb kann es natürlich auch durchaus so kommen, daß sich zuerst nur einige EU-Partner zu einer für sie nicht gar so einschneidenden Währungsreform entschließen, der sich freilich die anderen sogleich, und das dann nur aus eigener Kraft, zuordnen müßten – ein radikaler Entwertungsakt so oder so. – Als politischer „Befreiungsschlag“ kann eine solche Währungsreform auf alle Fälle nur in der Form über die Bühne gehen, daß die ausgemachten Paritäten strikt geheim bleiben, bis sie unwiderruflich gelten. Nicht bloß die Öffentlichkeit, sogar das Finanzkapital müßte sich bis dahin mit Kindereien wie dem Streit um den Geldnamen und das Layout der neuen Scheine ablenken lassen – so wie ihn das EWI und die zuständigen Minister neulich angestachelt haben, als sie die Vorschläge dazu präsentiert haben, so als wären die das wichtigste Stück ihrer Vorbereitungen auf die Währungsunion.

[12] Die meisten Kommentatoren sehen sich zu der Erklärung herausgefordert, Mexikos neuerliche Krise könne unmöglich eine Konsequenz des wundervoll marktwirtschaftlichen Erfolgswegs sein, den das Land in den letzten Jahren beschritten hat – offenbar sind Zweifel am alleinseligmachenden Wirtschaftssystem um so unstatthafter, je verheerender die zu besichtigenden Wirkungen ausfallen. Man ist sich einig, daß nur Abweichungen von der reinen marktwirtschaftlichen Methode zum mexikanischen Kreditdesaster geführt haben können. So soll etwa das mexikanische Volk noch immer „zu wenig gespart“ und bei aller Verelendung – daß mittlerweile 50 von 90 Millionen Mexikanern in Armut leben, und zwar in Armut nach strengen „Drittwelt“-Maßstäben, teilt dieselbe Presse mit – mit viel zu losem Gürtel „über seine Verhältnisse gelebt“ haben. Mehr sozial denkende Beobachter aus dem FAZ-Lager vermissen nachträglich die „soziale Komponente“, ohne die die Marktwirtschaft doch nicht funktionieren kann, weil sonst aufständische Bauern das Vertrauen der Kapitalanleger kaputtmachen. Im gleichen Sinn führen liberale Stimmen die Kreditkrise auf das angebliche Versäumnis der regierenden „Revolutions“-Partei zurück, ihre marktwirtschaftlichen Reformen um das Volkslebensmittel Demokratie zu ergänzen. In der sachkundigen Aufdeckung ganz spezieller „hausgemachter“ Gründe für die mexikanische Krise befriedigt sich aber nicht bloß das ideologische Bedürfnis, keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen, der „marktwirtschaftliche Weg“ könnte womöglich nach den Kriterien der Marktwirtschaft selbst nicht gar so viel erfolgreicher sein als der vorherige der staatlich administrierten Kapitalakkumulation, der rückblickend geradezu unter Kommunismus-Verdacht steht. Hinzu kommt ganz offenkundig der von handfesten Befürchtungen gespeiste dringliche Wunsch, aus Mexikos Krise möge nicht mehr als ein begrenzter Sonderzwischenfall werden.

[13] Die republikanische Opposition, die im Kongreß die Mehrheit stellt, hat erwogen, den Fall Mexiko für eine Wende in der US-Außenpolitik, nämlich weg von jeglichem Geldaufwand, der auch anderen Nationen zugute kommen könnte, zu nutzen.

[14] Im August 82 muß Mexiko seine Gläubigerbanken um Zahlungsaufschub ersuchen, weil ihm die Mittel zur Schuldenbedienung fehlen. Der Zahlungsverzug löst Kreditrestriktionen bei den Banken und darüber eine allgemeine Zahlungskrise bei den – nunmehr schlagartig – „überschuldeten“ „Drittwelt“-Staaten vor allem Südamerikas aus. Für die Rettung und Sanierung der mexikanischen Wirtschaft werden in den USA verschiedene Pläne entworfen; derjenige des Finanzministers Brady wird schließlich international akzeptiert, dem Kreditgewerbe aufgedrückt und vom späteren mexikanischen Präsidenten Salinas mustergültig realisiert. Er sieht unter anderem vor, „die Gleichbehandlungsklauseln für zunächst drei Jahre außer Kraft zu setzen und als Anreiz für Neukreditvergaben den neuen Krediten eine höhere Priorität als den alten Krediten einzuräumen. Die Position der einzelnen Gläubigerbanken würde dadurch verschlechtert, daß sie nicht mehr ohne zusätzliches eigenes Engagement als free rider aus den Neukreditvergaben anderer Banken Nutzen ziehen können. … In das Financing Package wurden sämtliche Forderungen aus den seit 1982 gewährten Neukrediten sowie den bisherigen Umschuldungsabkommen miteinbezogen. Die Gläubigerbanken hatten im wesentlichen die Wahl zwischen drei Optionen: – Umtausch der Forderungen in sogenannte Discount-Bonds mit einem Abschlag von 35% auf den Nominalwert der Forderungen. Die Discount-Bonds sind variabel verzinst mit 13/16% über 6-Monats-LIBOR, d.h. der Zinssatz wird halbjährlich für jeweils sechs Monate neu fixiert; – Umtausch der Forderungen in sogenannte Par-Bonds mit dem gleichen Nominalwert. Diese Par-Bonds sind mit einem Festzinssatz für die gesamte Laufzeit ausgestattet; – Vergabe von Neukrediten i.H.v. 25% der ausstehenden Forderungen an Mexiko. Für Neukreditvergabe kann aus vier Darstellungsmöglichkeiten gewählt werden: …konventionelle Neukreditvergabe… Kauf von New-Money-Bonds der Vereinigten Staaten von Mexiko… Beteiligung an einer Kreditlinie für Kreditnehmer des öffentlichen Sektors… Beteiligung an einer Kreditlinie für Handelsfinanzierungen… Sämtliche Neukredit-Optionen haben eine Laufzeit von 15 Jahren bei sieben tilgungsfreien Jahren… Auszahlungen können auch durch das sogenannte Zins-Recycling erfolgen, d.h. fällige Zinsen werden nicht an den Gläubiger bezahlt, sondern verbleiben beim Schuldner als Teil des Neukredits. Die Discount- und Par-Bonds sind Anleihen, die von den Vereinigten Staaten von Mexiko emittiert werden und bis auf die Verzinsung identisch ausgestattet sind. Der gesamte Nominalbetrag der Anleihen, die in einem Betrag zum Ende der Laufzeit am 31.12.2019 zurückgezahlt werden sollen, wird durch laufzeitkonforme Zero-Bonds des US-Schatzamtes oder Schuldner mit vergleichbarer Bonität gesichert. Die Finanzmittel für den Kauf dieser Zero-Bonds stammen vom IWF…, der Weltbank…, der Export-Import Bank of Japan… und aus Devisenreserven Mexikos bzw. den erwarteten Zuflüssen im Rahmen der Neukreditoptionen… Neben dem Nominalbetrag der Bonds wird auch ein Teil der laufenden Verzinsung durch Zero-Bonds abgesichert. … Bezogen auf die ausstehenden Forderungen gegen Mexiko hatten sich 49% (der Gläubigerbanken) für Par-Bonds, 41% für Discount-Bonds und nur 10% für Neukredite entschieden.“ (Ebenroth/Jäger, Die Entwicklung Mexikos im Zeichen der Brady-Initiative, Außenwirtschaft 1990 Heft II) Mit dieser neuen Schuldenwirtschaft geht eine ganze Epoche in der Wirtschaftspolitik der betroffenen Staaten zuende: Verabschiedet wird eine Politik, die für die Herstellung eines erfolgreichen nationalen Kapitalismus auf gebrauchswertorientierte volkswirtschaftliche Aufbaupläne und auf Staatskredit als Mittel zu ihrer kapitalismusgemäßen Durchführung gesetzt hatte. Am Beispiel Brasiliens wird diese Politik analysiert in „Resultate“ Nr.6: Imperialismus (III), München 1981.

[15] Daher die Komplimente für Mexikos Haushaltsdisziplin, die in einigen Jahren sogar zu Überschüssen geführt haben soll – und sich irgendwie schlecht damit verträgt, daß dann doch eine zwar drastisch verringerte, aber immer noch ansehnliche Inflationsrate das nationale Zahlungsmittel entwertet. Der Staat verzichtet eben gar nicht aufs Gelddrucken; nur orientiert er sich dabei strikt an seinen Schuldendienstpflichten sowie am Interesse der Börsenspekulation, über die laufend alte Dollarschulden „recycelt“ werden und frische Dollar ins Land fließen. Was gestrichen wird, sind die sog. „konsumtiven“ Staatsausgaben, die das IWF seinen Schuldnern immer untersagt; das ist die „Haushaltssanierung“, die der Salinas-Regierung soviel Lob eingebracht hat – und erst im Nachhinein verhaltene Kritik, sie hätte es mit der Verelendung des Volkes vielleicht doch etwas zu weit kommen lassen.

[16] Technisch wird die Stabilität des neuen Geldes so organisiert, daß der Staat den Devisenhandel freigibt und im Bedarfsfall gewünschte Dollar zu einem festgelegten Höchstpreis verkauft. Dem Umstand, daß die Schuldenspekulation den Peso doch etwas schneller entwertet als den Dollar, wird durch eine ebenfalls festgelegte tägliche Mini-Abwertung – die Erhöhung des garantierten Dollar-Höchstpreises um Bruchteile eines Peso – Rechnung getragen. Das internationale Geldkapital hat diesen Mechanismus als erstklassige Stabilitätsgarantie akzeptiert; die internationalen Rating-Agenturen haben Mexikos Kreditwürdigkeit immer bessere Noten ausgestellt – bis zuletzt!

[17] Bzw. er entschuldet sich: Ein „Dept-Equity-Swap“-Programm, das 1985 im Rahmen eines Umschuldungsabkommens vereinbart wird, sieht vor, daß ausländische Gläubiger Forderungen zum aktuellen Peso-Gegenwert des Dollar-Nennwerts gegen Beteiligungen an zur Privatisierung ausgeschriebenen Staatsfirmen eintauschen können.

[18] Von 100 „Punkten“ im Jahr 1988 ist der mexikanische Aktienindex auf ca 2800 im Jahr 1994 gestiegen; mit einigem spekulativem Auf und Ab zwischendurch. Die mexikanische Börse war 1993 mit einer Marktkapitalisierung von etwas über 200 Mrd. US-$ die mit Abstand bedeutendste Börse Lateinamerikas. … Ausländische Investoren hielten Ende 1993 mit fast 55 Mrd. US-$ 28% der börsengängigen Aktien Mexikos. (Dresdner Bank: Aktienmärkte Lateinamerikas, Mai 1994)

[19] Diese Wirkung soll von der Salinas-Regierung sogar beabsichtigt gewesen sein: Mit Billigeinfuhren habe sie die einheimischen Produzenten verstärktem Konkurrenzdruck aussetzen und so zu fortschrittlicher „Umstrukturierung“ ihres Gewerbes zwingen wollen – eine „Roßkur“, wie sie einer ehrgeizigen Regierung tatsächlich zuzutrauen ist.

[20] Von Ende 93 bis Ende 94 ist das Volumen dieser Kreditpapiere, für die Wechselkursrisiken ausgeschlossen sind, von 8 auf 28 Mrd. US-$ angeschwollen. Weil sie auf Peso lauten und an der mexikanischen Börse gehandelt werden, gelten sie offiziell als Teil der inneren Staatsschuld Mexikos – für manchen Kommentator im Nachhinein ein Verschleierungsmanöver, das die rechtzeitige Einsicht in Mexikos prekäre Schuldenlage verhindert hätte. Der Schweizer Fachmann H.Enderlin kriegt sogar den Gedanken hin: „…da sie (sc. die Tesobonos) in Dollar rückzahlbar sind, wurde in Wirklichkeit und beinahe unbemerkt ein wachsender Teil der Inland- in eine Außenverschuldung umgewandelt.“ (NZZ, 22.1.95)

[21] Technisch: sie hebt den garantierten Höchstpreis für Dollarkäufe um 13% an; danach soll wieder die alte tägliche Mini-Anhebungsrate gelten.

[22] Für die Banken, die das von Washington zusammengestellte Kreditpaket mit 3 Mrd US-$ mit tragen sollten, ist dies das Signal, für ihren Beistand dermaßen hohe Gebühren zu berechnen, daß Mexiko vorerst darauf verzichtet und schaut, wie weit es mit den andern Geldern kommt.

[23] Schon der Brady-Plan hat Mexiko nicht mehr die ungeschmälerte Verfügung über seine Öleinnahmen belassen: Die „Bonds“, in denen die Altschulden des Landes auf das Jahr 2019 umgeschuldet worden sind, beinhalten einen sogenannten ‚Value-Recovery‘-Mechanismus, der über die Zinszahlungen hinaus zusätzliche Zahlungen bis maximal 3% p.a. garantiert, wenn der Ölpreis nach dem 1.7.1996 auf über 14 US-$ pro Barrel und die Erlöse aus den Ölexporten über das Niveau der Erlöse des Jahres 1989 steigen. Das Zugriffsrecht ist mit Nachsicht verbunden: Sollte der Ölpreis ein bestimmtes Niveau unterschreiten, so wird Mexiko zusätzliche Mittel bis zu 1 Mrd US-$ vom IWF und einer Gruppe von Geschäftsbanken erhalten. (Ebenroth/Jäger, Die Entwicklung…, aaO) „Die Märkte“ werden demnächst also das interessante Problem zu entscheiden haben, wie oft dieselben Öleinnahmen nicht bloß beliehen, sondern weggezahlt werden können – und ob sie dann vielleicht trotzdem noch als nationale Kreditgrundlage in Frage kommen.


© GegenStandpunkt-Verlag.