FAZ zum Wirtschaftsnobelpreis

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-13 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

FAZ zum Wirtschaftsnobelpreis
Wirtschaftliche (Un)Vernunft gehört geehrt!

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Das Nobelpreis-Komitee kürt dieses Jahr drei amerikanische Ökonomen für ihre besonderen Leistungen auf dem Feld der Finanzmarkt-Forschung. Die FAZ weiß deren Arbeiten ebenfalls zu würdigen und widmet sich anlässlich der Entscheidung des Komitees sowohl den drei Preisträgern als auch deren Ehrung.

FAZ zum Wirtschaftsnobelpreis
Wirtschaftliche (Un)Vernunft gehört geehrt!

Das Nobelpreis-Komitee kürt dieses Jahr drei amerikanische Ökonomen für ihre besonderen Leistungen auf dem Feld der Finanzmarkt-Forschung. Die FAZ weiß deren Arbeiten ebenfalls zu würdigen und widmet sich anlässlich der Entscheidung des Komitees sowohl den drei Preisträgern als auch deren Ehrung:

„Die Preise für Gurken, Mittelklassewagen und Eieruhren bewegen sich im Laufe der Jahre, aber gewöhnlich schwanken sie nicht so stark wie die Preise für Aktien, Unternehmensanleihen oder Kreditausfallderivate (CDS). Das gelegentlich heftige Auf und Ab der Preise an Finanzmärkten verdiente kein größeres Interesse, wenn es nur ein paar Händler und Anleger beträfe. Aber spätestens die vor wenigen Jahren ausgebrochene Krise lehrt, dass Turbulenzen an Finanzmärkten die gesamte Wirtschaft und damit das Leben aller Menschen beeinflussen können. Die Entscheidung der Schwedischen Akademie, den diesjährigen, im Gedenken an Alfred Nobel verliehenen Preis für Wirtschaftswissenschaften drei Finanzmarktökonomen zu verleihen, war daher überfällig“. (Dieses und alle folgenden Zitate aus FAZ 15.10.)

Wen das Phänomen unterschiedlich schwankender Preise oder die Tatsache irritiert, dass das Geschäft mit Aktien, Anleihen und Derivaten ganze Volkswirtschaften bis hin zur Krise zu beeinflussen vermag, der kommt, will er klären, wie das geht, nicht umhin, dem ökonomischen Inhalt der Handelsgegenstände auf den Grund zu gehen: Der hätte zu beantworten, worin die ökonomische Natur der Gegenstände besteht, die an den Finanzmärkten gehandelt werden, welche politökonomische Substanz Objekt der Spekulation ist, so dass deren Verlauf über die Erfolgschancen der übrigen „Wirtschaft“ und am Ende über die Reproduktion ganzer Gesellschaften Regie führt.

Was die Elite der Finanzmarktökonomie, die ihrerseits angibt, die Besonderheit des Finanzmarktgeschäfts zu erforschen, diesbezüglich leistet, ist der FAZ zu entnehmen – was die Redakteure daran beeindruckt, gleichfalls:

„Fama hat Ende der sechziger Jahre die sogenannte ‚Effizienzmarkthypothese‘ entwickelt. Seiner Ansicht nach sind Märkte nicht nur hoch effizient, die Anleger sind auch strikt rational und reagieren ganz schnell auf neue Informationen, wie Dividendenankündigungen. Dies erkläre die Kursbewegungen... Dieses Paradigma kulminiert im zugespitzten Ausdruck ‚der Markt hat immer Recht‘“.

Längst „überfällige“ Anerkennung verdient die Elite der Wirtschaftswissenschaften also mitnichten für den Versuch, die Gegenstände des Finanzmarkts ihrem ökonomischen Inhalt entsprechend auf den Begriff zu bringen. Famas Aufklärung geht vielmehr von den besonderen Spekulationsobjekten als Gegebenheit aus, die sich von selbst versteht. Womit auf diesem Markt gehandelt wird, erklärt der Fachmann, indem er die Umgangsweise der Spekulanten mit ihren Handelsartikeln würdigt: Die haben nicht nur rationale Motive, sondern setzen die auch noch ganz schnell um, und fertig ist die wissenschaftliche Erklärung dessen, was sie da überhaupt tun. Vom Inhalt dieser ‚Rationalität‘ weiß man zwar noch immer nichts, dass dieses Treiben aber kreuzvernünftig ist, das kann man seinen Veranstaltern jedenfalls bescheinigen; und die Vernunft ihres Treibens färbt entsprechend auf das Betätigungsfeld ab, auf dem sie sich tummeln: Hoch effizient ist der Markt, seine Akteure reagieren nicht bloß auf Kursbewegungen, sondern bringen immer die richtigen hervor! Toll – das leuchtet der Zeitung für die klugen Köpfe total ein.

Gewinner Nummer 2 hält von den Thesen seines Kollegen wenig:

„Hingegen hat Shiller seit den achtziger Jahren zunehmend Zweifel an der These strikt rational kalkulierender Marktakteure aufgeworfen (…) Zweimal warnte er vor Blasen an Finanzmärkten. Nach Shiller lassen sich Marktteilnehmer zum Teil auch von irrationalem Überschwang oder Ängsten leiten (…) Er sieht die Märkte manchmal auf schwindelerregenden Achterbahnfahrten (…) Später betonte Shiller, es gebe Herdenverhalten, weil Anleger sich von vergangenen guten Renditen antreiben ließen (…) Kaum ein Ökonom wusste mehr über die Finanzkrise, bevor sie da war, als Robert Shiller. Seine Forschung zeigt, wie die Entscheidungsfindung von Menschen auf Kapitalmärkten funktioniert und welche Folgen das hat“.

Der Mann hat mitbekommen, dass es auf den Finanzmärkten ab und an sogenannte „Blasen“ gibt. Auch seine Erklärung kommt ganz ohne den Inhalt der Materie aus, die da als ‚aufgeblasen‘ vorstellig gemacht wird – als läge es nicht an deren ökonomischer Qualität, dass das Finanzmarktgeschäft in schöner Regelmäßigkeit ‚Übertreibungen‘ produziert, wie das im Fachjargon heißt. Stattdessen hebt das Bild von den „schwindelerregenden Achterbahnfahrten“ auf ein Gegenprogramm zur „Rationalität“ des Kollegen ab, das dessen falsche Abstraktion aufnimmt und kreativ fortentwickelt. Auch Shiller löst die Sache der „Kapitalmärkte“ unmittelbar auf in den spekulativen Bezug der Spekulanten zu all den Gegenständen, über die sie immerzu „Entscheidungen“ fällen. Nur fügt er der Idee von der ökonomischen Vernunft dieser Märkte und ihrer Akteure den wertvollen Zusatz hinzu, dass von solcher „Rationalität“ keinesfalls immer die Rede sein kann. Was da in Gestalt von „Blasen“ und „Finanzkrisen“ gemeinhin als nicht so funktional und effizient gilt, ist für ihn einem konkurrierenden Prinzip zu verdanken, nämlich einer „irrationalen“ Menschennatur der Handel treibenden Subjekte – und schon ist die Theorie fertig. Wodurch in dieser Branche die Gefühlslage von Spekulanten ökonomisch bedeutsam wird, was da vor sich geht, wenn das kollektive „Verhalten“ einer „Herde“ erst zu Blähungen bei den Kursen und dann zu deren Absturz führt: Das interessiert auch diesen Forscher nicht die Bohne. Funktionsstörungen auf dem Finanzmarkt zeigen ihm, dass der homo oeconomicus bei seinen „Entscheidungen“ unmöglich allein mit Vernunft unterwegs sein kann, also pflanzt er ihm unter dem Titel „Irrationalität“ die abstrakte Negation von Vernunft ein – und auch das leuchtet der Zeitung für die klugen Köpfe total ein.

Ob die Antwort nun „Rationalität“ oder „Irrationalität“ lautet: Nach einer Gesetzlichkeit in den Umgangsweisen der Finanzmarktakteure mit ihren Handelsgegenständen zu suchen, ohne den ökonomischen Inhalt dieser Gegenstände, die aus diesen „effizienten“ Gestalten überhaupt erst Finanzmarktakteure machen, ins Auge zu fassen, führt zu nichts anderem als einer Fiktion von Gesetzmäßigkeit. Und wenn gleich zwei von denen miteinander wettstreiten, verdient sich ein Fachmann für Wahrscheinlichkeit auch noch eine goldene Nase. Gewinner Nummer 3:

„Lars Peter Hansens statistische Methoden dienen vor allem dazu, die Rationalitätstheorien zu testen (...) Durch Hansen verstehe man heute besser, wie Händler, Spekulanten und Investoren entscheiden (…) Hansen entwickelte eine statistische Methode namens ‚Generalized Method of Moments‘, die heute überall genutzt wird, um Finanzmärkte zu verstehen und zu analysieren (…) ‚Die ist heute wie Brot und Butter in der Ökonometrie geworden‘, sagt Harald Uhlig. Vor allem deshalb, weil man damit Aussagen über die Präferenzen von Marktteilnehmern machen kann, wenn sie ‚intertemporale‘ Entscheidungen fällen – also Entscheidungen, die das Heute gegen das Morgen abwägen.“

Aus dem empirischen Material der Entscheidungen und Präferenzen von Marktteilnehmern beim Gewichten des Heute als Argument fürs Morgen verfertigt der Mann seine eigene Erklärung, indem er statistische Zeitreihen interpretiert. Er sucht nach Regelmäßigkeiten im Gebaren der Spekulanten bei der Verrichtung ihres Geschäfts, und wenn er welche findet, die mit dem Instrumentarium der Mathematik irgendwie fassbar sind, ist das dem ökonomischen Sachverstand Anlass genug, an eine Gesetzmäßigkeit zu glauben, von der das Datenmaterial regiert wird. Worin die genau besteht, vermag die Statistik zwar nicht zu sagen. Dafür ermittelt sie im vorliegenden Fall bis auf zwei Stellen hinter dem Komma exakt, wie wahrscheinlich und unwahrscheinlich die preisgekrönten Fiktionen von der Gesetzmäßigkeit des Finanzmarktverhaltens sind – noch etwas, was der Zeitung für die klugen Köpfe total einleuchtet. Denn: So unterschiedlich die drei Forscher sind, ihre Arbeit kreist um dieselbe Frage: Was treibt Finanzmärkte an? – dass die Frage überhaupt aufgeworfen wird, leuchtet klugen Köpfen am allermeisten ein. Die Suche danach, was die Finanzmärkte antreibt, ist schon das überzeugende Ergebnis.

Die Widersprüchlichkeit der gekürten Theorien irritiert manchen Kommentator auch bei der FAZ, für das Blatt Anlass, den Lesern zu erklären, warum es auf solche Widersprüche nicht ankommt:

„Viele Laien halten die Vorgänge an den Finanzmärkten für wenig durchschaubar und potentiell gefährlich; die Teilnehmer an diesen Märkten schätzen sie als übergeschnappt bis größenwahnsinnig ein. Die Forschung zeigt nun aber, dass es keiner Verschwörungstheorien bedarf und sich Finanzmärkte nachvollziehbar analysieren lassen. Dennoch ist noch viel zu tun: Die Finanzmarktforschung bleibt eine große Baustelle.
Die Schwedische Akademie zeichnet in diesem Jahr Ökonomen aus, die sich mit der Preisbildung an Finanzmärkten befassen. Hier existiert in der Fachwelt aber auch nach vier Jahrzehnten Forschung keine Einigkeit darüber, welche Bedeutung Marktunvollkommenheiten und verhaltenswissenschaftliche Analysen einnehmen sollen. Die Akademie hat in dieser Frage keine Entscheidung treffen wollen und mit Eugene Fama einen Vertreter der Theorie effizienter Märkte ebenso zum Preisträger gekürt wie mit Robert Shiller einen Vertreter der Ansicht, dass Finanzmärkte weitaus weniger effizient funktionieren. In Shillers Welt gibt es immer wieder Spekulationsblasen, Fama lehnt schon den Begriff ab.“

Die „große Baustelle“, auf der Shiller und Co. herumwerkeln, vermag keinen Verdacht zu provozieren, dass es womöglich um die Erkenntnisqualität in diesem Metier gar nicht gut bestellt ist. Die mögen die gegensätzlichsten Thesen vertreten – ob’s stimmt oder nicht, spielt keine große Rolle, denn „keine Einigkeit“ beim Modelle-Konstruieren verträgt sich bestens mit dem Dienst, dem Finanzgeschäft den Glanz der Wissenschaftlichkeit zukommen zu lassen. „Laien“, die sich ihrer tatsächlichen oder auch nur ideellen Betroffenheit durch die Finanzmärkte wegen empört zeigen, können sich sicher sein, dass das, was die Spekulanten im Allgemeinen treiben, nicht „gefährlich“, undurchschaubar oder gar wahnwitzig ist, sondern schwer in Ordnung geht. Weil die „Vorgänge auf den Finanzmärkten“ nachvollziehbar sind und sich analysieren lassen, haben sie Anerkennung verdient; dass „der Finanzmarkt“ Theorien zugänglich ist – wie widersprüchlich und mangelhaft die auch sein mögen –, adelt ihn als Sphäre wirtschaftlicher Vernunft, so dass der „Laie“ sich seine Aufregung zur Finanzkrise getrost schenken kann.

Wo die Erklärbarkeit zum schlagenden ‚Beweis‘ für die ökonomische Rationalität der Finanzmärkte wird, fällt die Erkenntnis der Finanzmarktökonomen unmittelbar mit der Rechtfertigung ihres Erkenntnisobjekts in eins. Genau dafür hat die schwedische Nationalbank diesen speziellen Nobelpreis erfunden.


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