Euro-Einführung

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-99 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die D-Mark geht, der Euro kommt: Wer hat was vom neuen Geld?

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 
Überblick

Die Etablierung einer neuen einheitlichen Geld-Geschäftssphäre für einen größeren Anteil an dem Weltkreditmarkt gegen den Dollar – eine Angelegenheit für Finanzpolitiker und Geldmanager. Warum entwickeln die Massen bei dieser Aktion, die sie praktisch gar nichts angeht einen verrückten Stolz auf die alte – „unsere D-Mark“ – und demnächst auf die neue Währung?!

Die D-Mark geht, der Euro kommt:
Wer hat was vom neuen Geld?

Betont undramatisch, als wär’s ein bloß technischer Akt und die fünfte Stelle hinter dem Komma beim Umrechnungsfaktor das einzig Aufregende, tritt die neue Währung für 11 EU-Länder in Kraft. Immerhin, die Börse feiert; die Frankfurter Banken spendieren ihren Mitbürgern ein kleines Straßenfest mit Schokoladen-Euros; Paris richtet sogar einen festlichen Umzug aus. Am ersten Werktag des neuen Jahres gratuliert sich die europäische Finanzwelt zur gelungenen Umstellung; die Geldhändler in aller Welt benutzen den Euro für ihre Geschäfte und werden dafür gelobt – anscheinend herrscht große Erleichterung darüber, daß das neue Geld von Beginn an und fürs Erste beim globalen Kreditgewerbe Kredit bekommt und seine Einführung nicht zum Anlaß für wüste Spekulationen wird. Wo die Sache sich so gut anläßt, da werden dann auch maßgebliche Stimmen laut – nicht nur aus Frankreich –, die Klartext reden über Sinn und Zweck des Unternehmens: Es geht um die Etablierung einer neuen einheitlichen Geldgeschäftssphäre, die mit ihrer Größe und ihrer damit gegebenen Potenz, Kredit zu schöpfen und damit weltweit Wachstum zu finanzieren, den Dollar-Kreditmarkt überbietet. Die Europäer wollen sich eine Weltwährung von solchem Gewicht schaffen, daß die Geldkapitalisten, die sie benutzen, und auch die Staaten, die sie bei sich einführen, viel größere Stücke vom weltweiten Finanzgeschäft und viel größere Anteile am dadurch zustandekommenden Geldreichtum der Welt als bisher an sich ziehen – auf Kosten des bislang in US-Dollar abgewickelten Geschäfts. Warnungen vor einer „Europhorie“ machen deutlich, was von den engagierten Funktionären des Weltkreditgeschäfts sowieso jeder weiß: daß diese verschärfte Konkurrenz gegen Amerika mit der offiziellen Einführung der neuen Währung noch lange nicht gewonnen, sondern erst richtig eröffnet ist. „Zuversichtlich“ ist man aber schon, mit dem Euro Europas Kredit in der Welt zu stärken und den Nutzen aus dem globalen Geschäftsgang zu Gunsten von „Euroland“ gründlich umverteilen zu können. Jedenfalls bedauert kein Verantwortlicher die zu dreistelligen Millionensummen hochgerechneten Kosten der Umstellung; die unaufgeregte Mitteilung, wieviel man sich die Sache kosten läßt, belegt vielmehr oder soll bezeugen, wie sicher man sich in europäischen Finanzkreisen ist, auf dem dadurch erweiterten Geschäftsfeld in neue kapitalistische Größenordnungen vorzustoßen.

Geldmanager und Finanzpolitiker wissen also, wie es scheint, was sie am Euro haben: einen Anteil am Weltkreditmarkt, der ihre bisherigen Geschäftsanteile entscheidend übersteigt und die Finanzkraft der beteiligten Staaten anschwellen läßt – und wenn schon nicht gleich den erwarteten Anteil, dann immerhin doch eine ordentliche Waffe, um ihn zu erobern: auf Kosten des Dollar-Imperialismus mehr Euro-Imperialismus.

*

Die Massen, die von dem Geld, das sie verdienen, leben müssen und deswegen höchstens mit Sparbuch und Betriebsaktie am globalisierten Kreditgeschäft teilhaben, geht dieser Fortschritt nichts an. In einer Angelegenheit, bei der es um die wirklich wesentlichen Leistungen des Geldes, nämlich als Kreditmittel fürs kapitalistische Geschäftsleben sowie für die staatlichen Gewalten geht, hängt von den Geldinteressen der gewöhnlichen Menschheit gar nichts ab.

Doch Euroland ist demokratisch verfaßt und verfügt über eine wache Öffentlichkeit. Deswegen kriegen auch Leute, die nie in ihrem Leben eine Anleihe zu plazieren haben, alle damit verbundenen Umstellungsprobleme mitgeteilt; sie bekommen Handreichungen, um ihr Gehalt bis zur fünften Kommastelle in Euro umzurechnen. Ideell – und als Frankfurter oder als Hauptstadtbewohner auch persönlich – darf jedermann teilhaben an der erwartungsvollen Stimmung, mit der die Spekulanten dieser Erde ihren neuen Stoff in Empfang nehmen. Aber daß die Leute etwas davon hätten, daß die Mark jetzt Euro heißt und 1 Euro 1,17 Dollar kostet: solche vereinnahmenden Falschmeldungen kommen gar nicht mehr und gar nicht erst auf. Nicht einmal der neulich noch so hochgelobte Vorteil, beim mehrfachen Umtausch einer Geldsumme innerhalb Europas keine Verluste zu erleiden, wird beschworen, stattdessen kundenfreundlich mitgeteilt, daß Banken und Wechselstuben sich ab sofort mit einer kleinen Gebühr für ihren entgangenen Wechselkursvorteil schadlos halten. Das demokratische Euroland verzichtet schlicht und ersatzlos auf die verlogene Agitation, die noch bis vor einem halben Jahr die Öffentlichkeit beschäftigt hat – und zieht auf die Art den Schein aus dem Verkehr, die Schöpfer des neuen Geldes müßten erst einmal die „kleinen Leute“ und die Stammtische von der neuen Recheneinheit überzeugen, damit die Sache losgehen kann, weil es auf deren Bereitschaft zum Mitmachen irgendwie ankäme.

Der Grund dafür ist übrigens sehr einfach: Es gibt, zumindest derzeit, keinen amtierenden und folglich vom folgsamen Volk ernstgenommenen Staatsmann in Euroland, der das neue Geld meint bekämpfen zu müssen. Ansätze in dieser Richtung hat es ja gegeben; auch in der BRD, noch bis in den Wahl-Herbst hinein. Und da ist schon deutlich geworden, wie eine Anti-Euro-Kampagne auszusehen gehabt hätte: Den Massen ihre nationale Währung als Quintessenz ihrer Leistung und entsprechend passendes Objekt ihres Nationalstolzes vor Augen führen; die Vergemeinschaftung der nationalen Gelder als Verschleuderung heimischer Erfolgstüchtigkeit an minderbemittelte Ausländer denunzieren; Fremdenverachtung mit Kennworten wirtschafts-, finanz- und geldpolitischer Kompetenz garnieren, so daß sie ganz sachlich begründet aussieht und trotzdem nicht mißzuverstehen ist – damit läßt sich in einer Demokratie allemal genügend Stimmung machen, um ein solches Umstellungsprojekt in Gefahr zu bringen. Es müssen sich eben bloß genügend kompetente, i.e. in Amt und Würden aufgestiegene Figuren finden, Politiker, die im Sinne der schönen demokratischen Äquivokation „etwas zu sagen haben“, die den Euro ernstlich für ein nationales Unglück halten und entsprechend agitieren gehen. Und das haben die Schröders und Stoibers der Nation ganz entschieden unterlassen – anscheinend hat zuguterletzt auch ihnen eingeleuchtet, daß es keine andere Chance für ihren Staat gibt, zu einer den USA ebenbürtigen Weltwirtschaftsmacht aufzuwachsen, und daß aus dem Euro deswegen ganz einfach ein Erfolg werden muß.

*

An jederzeit mobilisierbarer Anhänglichkeit an die Mark hätte es jedenfalls nicht gefehlt. Mit aller gebotenen Vorsicht ist diese bemerkenswerte Einstellung ja auch durchaus angesprochen worden: Nun hieße es also „Abschied nehmen“; nicht bloß von einer Recheneinheit, sondern von einem guten Stück „nationaler Identität“ – als hätte der berüchtigte „Verfassungspatriotismus“ der Bundesdeutschen hauptsächlich der Verfassung des bundesdeutschen Geldes gegolten –; eine Zumutung vor allem für die Ostdeutschen, die – ganz ohne moralischen Vorwurf gesagt – bei der „Wiedervereinigung“ doch vor allem auf die D-Mark scharf gewesen wären. Mit gleichem Zutrauen solle man nun aber vorurteilsfrei der neuen Währung begegnen… Offenbar ist es tatsächlich so, daß Leute, die gar nicht genug Geld haben, um damit etwas Sachgerechtes, nämlich in Sachen Geldvermehrung anzufangen, als gute Bürger und Patrioten durchaus bereit und in der Lage sind, sich wunder was einzubilden, was sie vom Geld im allgemeinen und von einer „starken“ Währung im besonderen für Vorteile hätten. Diese Haltung hat zwar mit der Euro-Einführung nichts zu tun, verdient in dem Zusammenhang aber mal eine Kritik, wenn schon begeisterte Wirtschaftsjournalisten aus diesem Anlaß die Marxismus-verdächtige Gleichung von Geld und Patriotismus verkünden.

  • Einigen Bürgersinn braucht es in der Tat, um als Angebot zu akzeptieren und zu schätzen, was das marktwirtschaftliche System ohne Volksabstimmung und ohne Alternative seinen Mitgliedern als denkbar selbstverständlichen Sachzwang auferlegt: mit Arbeit Geld zu verdienen. Denn praktisch macht ja jedes schlichte Mitglied die Erfahrung, daß dieser eine und allgemeingültige Sachzwang zwei nicht bloß grundverschiedene, sondern entgegengesetzte und dabei komplementär zusammengehörige Verhältnisse zwischen Geld und Arbeit zum Inhalt hat: Wer schon genug Geld hat, um es geschäftlich zu verwenden, der verdient neues, zusätzliches Geld mit oder aufgrund von Arbeit, die er – resp. ein Management, das das für ihn regelt – verrichten läßt; die Masse der Gesellschaft, die kein Geld und jedenfalls nicht genug für solche Operationen übrig hat, verdient ihr immer gleich aufgebrauchtes Geld mit eigener Arbeit, die sie unter dem Kommando des Geldeigentums resp. seiner Funktionäre und zu dessen Nutzen verrichtet. Die einen verfügen im Geld über die private Macht, Arbeit zu kaufen und mit dem Geschaffenen mehr Geld zu verdienen; die andern werden durch das Geld, das sie nicht haben, aber zum Leben brauchen, auf die Rolle eines käuflichen Produktionsfaktors festgelegt, der nach allen Regeln der Rentabilität, also des größtmöglichen Profits ausgebeutet – oder überflüssig gemacht und liegengelassen wird. Es ist gar nicht zu übersehen, daß das Geld, dieses egalitäre ökonomische Ding, den Leuten ihre jeweilige soziale Identität zudiktiert – der Masse eben den wahrhaftig nicht einträglichen „Beruf“, gegen ein immer gleich wieder ausgegebenes Entgelt das Eigentum von Geldbesitzern zu vermehren oder gleich gar nichts zu haben und zu kriegen. Offenkundig läßt sich das Unübersehbare aber anders sehen; nämlich so, daß das Geld unterschiedslos für alle da wäre, von allen – Firma und „Mitarbeitern“ – gemeinsam verdient würde; der kleine Unterschied, ob man es mit eigener oder fremder Arbeit verdient, kürzt sich da als völlig unerhebliche Randbedingung glatt heraus.
  • Wer die Sache mit dem Geld so konstruktiv und klassenübergreifend gemeinwohlorientiert ansieht, der ist dann auch bereit, einen ganz anderen Unterschied am Geld für viel erheblicher zu halten als den Gegensatz zwischen Profit und Dienst – nämlich den zwischen verschiedenen nationalen Geldsorten. Für die Klassenlage der Massen ist diese Differenz zwar völlig belanglos. Daß das Geld, das in der Marktwirtschaft verdient wird, vom zuständigen Staat in Gestalt gesetzlicher Zahlungsmittel in Verkehr gebracht wird und daher national definiert ist, das ist eine politökonomische Angelegenheit zwischen der Staatsmacht und ihrem nationalen Kreditgewerbe. Letzteres wird auf die Art mit Zahlungsmitteln versorgt, die ihm eine schrankenlose Kreditschöpfung gestatten, was ein immerwährendes kapitalistisches Wachstum in entsprechendem Umfang bewirken soll; die Staatsmacht ihrerseits verfügt darin über die Finanzmittel, mit denen sie ihre Herrschaft nach innen exekutiert und nach außen aktiv wird. Beide Verwendungsweisen der nationalen Währung betreffen die Massen, die dafür arbeiten und vom Verdienten bloß leben müssen, nur in einer Hinsicht: Es potenzieren sich dadurch die Ansprüche an den Überschuß, für den die Ausbeutung des Produktionsfaktors Arbeit geradestehen muß, also die Anforderungen an die Inhaber der „Plätze“, an denen entsprechend rentable Arbeit verrichtet werden muß. Mit ein wenig Bürgersinn betrachtet, sieht freilich auch dieser Aspekt der kapitalistischen Welt ganz anders aus. Die Mehrung der nationalen Währung, ihre Bewährung im Konkurrenzvergleich der nationalen Gelder, die schließlich alle für die Geschäfte des Kapitals „attraktiv“ sein wollen, erscheint dann als Gemeinschaftswerk aller, die mit Arbeit dieses Geld verdienen. Zwar sind es genaugenommen nur die Geldeigentümer und die politischen Machthaber, die im Konkurrenzkampf der Gelder mit einer Gesamtbilanz ihrer Geschäftserfolge und internationalen Durchsetzungsbemühungen konfrontiert werden und in der nationalen Währung nach Maßgabe ihrer „Härte“ über ein Mittel für zukünftige Erfolge in Geschäftsdingen wie Machtfragen verfügen. Aber diese Instanzen stehen mit ihren Interessen für die gesamte Nation. Ein Patriot macht jedenfalls nicht viel davon her, daß Erfolge wie Mißerfolge der nationalen Marktwirtschaft allemal auf seine Kosten gehen. Er identifiziert sich mit seinen „Arbeitgebern“ und seiner Herrschaft, nimmt ideell teil an deren Konkurrenzkämpfen und Erfolgen und hat noch nicht einmal das dumme Gefühl, daß er sich damit fremden Interessen unterwirft, weil die private wie öffentliche Macht, der er unterworfen ist, sich ganz unpersönlich, klassenneutral und egalitär darstellt, als Sache, über die noch jeder sein freies Urteil abgeben kann: im Wert der Währung. Anständige Bürger sind zu einer patriotischen Wertschätzung des Geldes fähig, das ihnen, materiell gesehen, nichts als einen Sachzwang beschert, der ihr Überleben an den Arbeitseinsatz für den Erfolg kreditgewerblich angeheizter Geschäfte und für die Bedürfnisse der Herrschaft bindet, die über sie ausgeübt wird. Am Ende sind sie stolz auf ihre Mark.

Und an solch verrücktem Stolz herrscht hierzulande, wie gesagt, weiß Gott kein Mangel.

*

Doch – wie auch schon gesagt: Kein kompetenter Politiker hat sich dazu durchgerungen, diesen Nationalstolz gegen den Euro zu mobilisieren. Auch in der BRD haben sich „rechte“ wie „linke“ Euro-Skeptiker dem Standpunkt angeschlossen, daß die Gemeinschaftswährung gelingen muß, um Euroland aus seiner Zweitrangigkeit hinter der Weltwirtschaftsmacht USA herauszuholen. „Die Wirtschaft“ ist gleichfalls geschlossen dafür, auf die neue Währung mit ihrem unvergleichlichen Einzugsbereich für Geldangebot und Kreditnachfrage zu setzen. Und wo diese Instanzen für den „Abschied von der D-Mark“ und den Übergang zur neuen Devise sind, da macht auch der patriotische Bürger keine Probleme. Als bloß ideeller Teilhaber der Erfolge und Drangsale „seiner“ nationalen Wirtschaft und „seiner“ Staatsmacht hätte er zwar nie einen Grund gewußt, warum es ein anderes Geld geben sollte. Doch wenn die Nation es beschließt, dann beharrt die Mehrheit, die für Geld arbeitet, auch nicht weiter auf ihrer alten Anhänglichkeit ans angestammte Objekt ihrer materiellen Nöte und patriotischen Begierden. Eher schon läßt sie sich von ihrer demokratischen Öffentlichkeit zum Kennertum in Währungsfragen anleiten – wahrscheinlich erkundigen sich die heftigsten Anhänger der Deutschen Mark demnächst als erste danach, wann man ihnen endlich auch den Gebrauch der neuen Währung gestattet. Und vor allem: ob sie auch fälschungssicher ist…


© GegenStandpunkt-Verlag.