Die deutsche EXPO 2000

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die deutsche EXPO 2000:
Von der Schwierigkeit, die Welt auszustellen

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Überblick

Das Verlogene der Veranstaltung besteht in der Umwertung dessen, womit Nationen gegeneinander ihre Konkurrenz auf dem Weltmarkt bestreiten, in Beiträge, die ein Land der Menschheit leistet und zu ihrem Fortschritt beisteuert; lauter moralische Verherrlichungen der Technik sind der eigentliche Gegenstand der Ausstellung, blöd nur, wenn kein Schwein sie bestaunen will!

Die deutsche EXPO 2000:
Von der Schwierigkeit, die Welt auszustellen

Die EXPO hat einen schlechten Ruf. Jetzt, da die Besucherzahlen weit hinter den Erwartungen zurückbleiben, schließen die Feuilletons von der schwachen Nachfrage auf den niedrigen Wert und überhöhten Preis des Produkts. Lustvoll ergehen sie sich in Gehässigkeiten gegen Frau Breuel und ihre lange Erfahrung mit Pleite-Projekten und geißeln die Nähe der Weltausstellung zu infantiler Museumspädagogik, zu Disney-Land und Geisterbahn. Was hätten sie wohl zur Repräsentation des geeinten und doch weltoffenen, des problembewußten und doch heiteren Deutschland zu sagen gehabt, wenn die verkauften Eintrittskarten den Beweis erbracht hätten, dass genau so etwas im In- und Ausland gefällt? Kommentatoren der TAZ reden gar von einer vertanen Chance, der Welt eine wahrhafte Weltausstellung ohne nationale Repräsentationssucht zu bieten; eine, die das Etikett „EXPO neuen Typs“ nicht nur beansprucht, sondern rechtfertigt und in der sich die globale Zivilgesellschaft einmal echt den Problemen der Menschheit zuwendet. Wer eine solche EXPO hätte veranstalten und wer sie hätte anschauen mögen, wissen Leute wohl selbst nicht, die sogar das inter-nationale Ritual der Weltausstellungen zu idealisieren belieben. Dagegen hier ein paar Thesen darüber, was eine Weltausstellung ist, warum sie veranstaltet wird und worin ihr – offenbar abnehmender – Reiz für den Besucher liegt.

1.

Die Weltausstellung geht aus Industrie-Ausstellungen des 19. Jahrhunderts hervor und ist deren Überhöhung: Nationen zeigen, was sie an Verkaufbarem hervorbringen und womit sie auf dem Weltmarkt reüssieren wollen. Allerdings in diesem Fall nicht, um Bestellungen einzusammeln und Geschäfte abzuschließen, wie auf der regulären Hannover-Messe, sondern um ihre technischen Kompetenzen zum Objekt des Staunens und der allgemeinen Anerkennung aufzubereiten. Das Verlogene der Veranstaltung besteht in der Umwertung dessen, womit Nationen gegeneinander ihre Konkurrenz auf dem Weltmarkt bestreiten, in Beiträge, die ein Land der Menschheit leistet und zu ihrem Fortschritt beisteuert – eine Verdrehung freilich, die zu keinem echten Missverständnis führt. Nationen und Firmen, die den technischen Fortschritt bestimmen, wissen ganz gut, dass das zweckfreie Herzeigen und Anschauen eine Vorstufe des Verkaufens ist. Die deutsche Wirtschaft finanziert große Teile des EXPO-Budgets und erwartet sich eine entsprechende Aufmerksamkeit für ihre „Lösungen“ und „Konzepte“.

Die ausstellenden Nationen präsentieren nicht nur ihre technischen Fähigkeiten, sondern dadurch und anlässlich des Ereignisses sich – und zwar als der kollektive Boden von Kultur und Wissenschaft, Leistung und Kreativität. Ausgerechnet die nationalen Gewaltgebilde, die den Globus beherrschen, die Menschen gewissermaßen zwangskollektivieren, spalten und oft genug kriegerisch gegeneinander in Stellung bringen, stellen sich als Hort und Quell der Zivilisation vor. Sie treten neben ihre wirkliche ökonomische und militärische Konkurrenz mit ihren harten Resultaten und veranstalten untereinander eine Art Schönheitswettbewerb um Anerkennung und Sympathie der Erdenbürger. Nicht zufällig ist auch diese absurde Verkehrung des Charakters von Nationen nur die Überhöhung einer Abteilung ihrer wirklichen Konkurrenz: Wenn sie sich mit kulturellen Eigenarten und Traditionen, mit Musik, Bauwerken und Landschaft als Beiträge zum Genuss der Menschheit präsentieren, dann ist das Tourismuswerbung und sieht auch so aus. Die nationale Selbstdarstellung folgt der Logik der Manipulation: Wie muss sich ein Land zeigen, damit es so gesehen wird, wie es gesehen werden will? Sind die Gipsköpfe im deutschen Pavillon – Konrad Adenauer, Willy Brandt und Steffi Graf, Hitlerattentäter Georg Elstner und Unternehmer Robert Bosch, Leipziger Montagsdemonstranten und Satiriker Gerhard Polt – nicht zu staats-nah und auch nicht zu alternativ ausgewählt, sind sie zugleich weltoffen und deutsch genug? Ergibt – Beispiel Schweiz – ein Pavillon, der aus später wiederverwendbaren Naturholzbohlen aufgeschichtet ist und in dem „Ars nova“-Kompositionen auf Alphörnern geblasen werden, ein angemessenes Bild der modernen Eidgenossenschaft – nicht hinterwäldlerisch und doch unverwechselbar? Wie die großen, technisch führenden Nationen halten es auch die armen und kleinen. Auch sie zeigen, was sie haben und können, und tragen mit Tempeln, Folklore und primitiven Werkzeugen das Ihre zu Vielfalt, Kultur und Lebensformen dieser Welt bei. In Ermangelung technischer Spitzenleistungen ist ihre Selbstdarstellung sofort als Werbung für das touristische Geschäft erkennbar, mit dem sie Teil der Weltwirtschaft sind. Auch damit freilich legen sie Ehre ein und ernten Respekt, denn mit ihrem verlogenen Schönheitswettbewerb inszenieren die sehr unterschiedlichen Staaten des Globus über all ihre Bilanzen und Gegensätze hinweg das Bild der „einen Welt“, in der alle Menschen Brüder sind, einander achten und von einander lernen.

2.

Aber was heißt schon lernen? Die Rede ist von einer Ausstellung und nicht von Wissensvermittlung. Sie richtet sich an „breite gesellschaftliche Schichten“, denen man „Interessantes“ bieten und Schwieriges nicht zumuten will. Ganz abgesehen davon, würde „Technologietransfer“ dem ökonomischen Daseinszweck der ausgestellten „Beiträge zum Fortschritt der Menschheit“ widersprechen: Die Lösungen für das 21. Jahrhundert, mit denen im Themenpark eine neue Welt entsteht, sind durch Kopierschutz und Patentrecht der freien Benutzung entzogen und werden den Ländern der Erde und ihren Bewohnern erst gegen Lizenzgebühren und entsprechende Verkaufspreise zugänglich gemacht.

Nur Anschauen ist erlaubt – und natürlich freudiges Wundern darüber, was es alles gibt und was alles geht. Das ist eine seltsame Bekanntschaft, die die Massen mit den aktuellen und zukünftigen technischen Mitteln der Gesellschaft schließen, in der sie leben. Sie unterstellt und unterstreicht deren sowohl theoretische wie praktische Trennung davon. Nur wer von Naturwissenschaft und Technik nichts versteht, steht staunend vis-à-vis, wenn ihm deren Resultate zum Anglotzen geboten werden. Wären die technischen Errungenschaften Mittel, die der Normalbürger in seinem Interesse benutzt und beherrscht, dann würden sie sich ganz gewiss nicht zu Ausstellungsstücken eignen. Wären die Betrachter schließlich Nutznießer und nicht Opfer eines technischen Fortschritts, der nur als Konkurrenzmittel des Kapitals zum Einsatz kommt und nur so viel taugt, wie er Lohnkosten für den Arbeitgeber spart, dann wüssten sie von sich aus, was sie daran haben, und bräuchten sich den „Fortschritt der Menschheit“ nicht bei festlichen Gelegenheiten verherrlichen zu lassen. Die EXPO eröffnet dem Besucher die rein ideelle, staatsbürgerliche Teilhabe am Fortschritt der Naturbeherrschung, deren höherer allgemeiner Nutzen einleuchten soll.

3.

Die Umwertung technischer Konkurrenzmittel zu Elementen eines menschlichen Fortschritts ging lange Zeit von selbst: Man zeigte, was man herstellen konnte, und alles wurde als Möglichkeit neuer Gebrauchswerte gewürdigt und als ein Versprechen auf wachsenden Wohlstand verstanden. Der Eiffelturm (Paris 1889) demonstrierte die Möglichkeiten des Stahlbaus für Verkehrswege und Architektur, das Atomium (Brüssel 1958) feierte die „friedliche Nutzung der Atomkraft“ und stand für die Botschaft, dass die Probleme der Menschheit so gut wie gelöst seien, da man „grenzenlos Energie erzeugen“ könne. Die Wahrheit war das nie: Vor dem Zugang zu neuen Produkten stand immer der Preis, und der Fortschritt der Produktionstechnik hatte, wie gesagt, keinen anderen ökonomischen Nutzen als den, dem Kapital Lohnkosten zu sparen, also den Anteil, den die Lohnarbeiter von ihrem Produkt abkriegen, zu senken. Der wachsende Wohlstand der einen ging stets einher mit der Armut der anderen. Seitdem der Club of Rome (1970) die öffentliche Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass der Kapitalismus seine eigenen natürlichen Grundlagen zerstört, Boden, Luft, Wasser vergiftet und das Klima durcheinanderbringt, wird die Zerstörung des Arbeiters – die „soziale Frage“ – als Problem dieser Gesellschaft endgültig von der grundsätzlicheren „Überlebensfrage“ verdrängt. Die Versündigung gegen naturgegebene „Grenzen des Wachstums“ lastet die seither gültige ökologische Sichtweise nicht der systemkonformen Praxis der „Gewinnmaximierung“ an – es steigert eben den Gewinn, wenn Abgase, Abwässer etc. ohne Kostenaufwand in die Umgebung abgelassen werden –, sondern ausgerechnet der früher offiziellen Technik-Ideologie: Ein unkritischer Fortschrittsglaube und das allgemeine Streben nach Wohlstand soll das Überleben auf dem Planeten untergraben haben. Natürlich haben die kapitalistischen Nationen deswegen von nichts abgelassen. Ein paar Gesetze über Abgasreinigung und höhere Steuern auf fossile Brennstoffe sorgen dafür, dass ansonsten alles weitergehen kann wie bisher. Nur die Technik, die nach wie vor derselben ökonomischen Nutzenabwägung gehorcht, bekommt ein neues, sehr konservatives Ideal verpasst: Nachhaltigkeit. Ihr wird die ehrenvolle Aufgabe zugeschrieben, die kapitalistische Kalkulation mit der notwendigen Rücksicht auf die Bedingungen ihrer Dauerhaftigkeit zu versöhnen und mit neuen Entwicklungen dafür zu sorgen, dass sich an der Profitmacherei nichts ändern muss. So steht heute fest, dass sich die Umweltsünden, für die man eine unreflektierte Technikbegeisterung verantwortlich macht, nur mit noch mehr und besserer Technik heilen lassen; die Folgen des „Wachstumswahns“ früherer Jahrzehnte können nur durch neues Wachstum überwunden werden. Denn die Exponate aus der Dritten Welt will dann doch niemand im Ernst als Lösungen für den Norden akzeptieren, auch wenn sie auf dieser EXPO einen speziellen Ehrenplatz zugewiesen bekommen. An der Tatsache, dass sich mancher Neger mit dem Überleben schwer tut und es dennoch immer wieder probiert, wird nicht nur der Lebensmut bewundert, sondern auch der dazugehörige Einfallsreichtum. Die entsprechenden Anstrengungen liefern schöne Beispiele für eine Technik der Nachhaltigkeit: Brunnen, die nicht tief gebohrt sind und öfters versiegen, stehen nicht mehr nur für technisches Unvermögen, sondern offenbaren eine tiefe Weisheit bezüglich der langfristigen Wirkungen der Wasserentnahme auf den Grundwasserspiegel. Koffer, ja ganze Gebäude, konstruiert aus leeren Cola-Dosen, beweisen Geschick beim Recycling und zeigen, wieviel doch geht, unter Bedingungen, unter denen gar nichts geht.

Wie jede bisherige, bringt auch die deutsche Expo die technischen Fähigkeiten der Industrie weder als die Geschäftsmittel, die sie sind, noch nach ihrer ingenieurswissenschaftlichen Seite vor das Auge des Betrachters, sondern von vornherein im Lichte der aktuellen Gemeinwohl-Ideologie: Mensch – Natur – Technik sollen versöhnt werden, und zwar durch neue Umwelt-Technik, die natürlich „Wir“, die größten „Verbraucher von Umwelt“ auf der nördlichen Hemisphäre, anzubieten haben. Die Wiedergewinnung der „Faszination Technik“ geht heute übers Problembewusstsein.

Die moralische Verherrlichung der Technik ist der eigentliche Gegenstand der Ausstellung; alle Exponate stehen für die Ideologie, die sie feiert. Statt mit der Technik der Energieerzeugung wird der Besucher mit Aufgaben und Möglichkeiten nachhaltiger Energiewirtschaft konfrontiert; statt mit dem Auto mit seinem höheren Sinn: Mobilität, Freiheit, aber nur wenn nicht umweltschädlich – Wasserstoffmotor – und in einem intelligenten Verbund mit anderen Verkehrsträgern – Telematik. Das interessante Projekt, Ideologien, d.h. falsche Erklärungen, zu Objekten umzuformen, die man anglotzen kann, ist realisierbar; es setzt allerdings voraus, dass diese Ideologien den Betrachtern längst bekannt und teuer sind. Andernfalls könnte der Versuch, sie zur Anschauung zu bringen, gar nicht verstanden werden. Insofern ist das Neue und Interessante, was den Besucher auf der EXPO erwartet, ganz bestimmt nichts Neues in dem Sinn, dass er es sich nicht längst so gedacht hätte. Neu ist allenfalls die Verknüpfung einer technik-moralischen Idee mit einem Ausdrucksmittel, das sie versinnbildlicht und dessen Qualität mit dem „Wiedererkennungswert“ steht und fällt. Nicht anders als seinerzeit die Erbauer von Eiffelturm und Atomium dem technischen Fortschritt setzen die Heutigen der – geforderten – Harmonie von Technik und Natur künstlerische Denkmäler. Zu sehen und zu genießen gibt es Symbolisierungen der geläufigen Verantwortungsgesichtspunkte, mit denen heute die Technik begleitet wird: Die Niederländer zeigen ein 40 Meter hohes Gebäude, in dessen Parterre sie eine Küstenlandschaft, in dessen erstem Stock sie einen Wald und in dessen 2. Stockwerk sie eine Blumenwiese angepflanzt haben oder umgekehrt. Norwegen lässt mit ohrenbetäubendem Lärm so viel Wasser aus so großer Höhe herunterfallen wie der größte Wasserfall des Landes, ein Nebenraum, in den der Besucher von da aus geleitet wird, bietet dann absolute Stille. Die Botschaft von der Künstlichkeit der Natur und der Natürlichkeit technischer Machwerke ist, zu Bauwerken geronnen, „begehbar“.

4.

Dabei haben es heutige Ausstellungsmacher nicht leicht, ihr Publikum mit zu Sensationen aufbereiteten Botschaften anzulocken. Die Neugierde der Massen wird anderweitig schon ausgiebig gestillt. Man kann ihnen nichts Neues mehr vor Augen stellen, weil sie alles, was es zu sehen gibt, schon gesehen haben – im Fernsehen. Für ideelle Teilhabe an den Fortschritten der Wissenschaft, an den Wundern der Technik und der Vielfalt der weiten Welt ist gesorgt. 1889 konnte man dem Pariser Publikum mit einem importierten Negerkral noch eine Freude machen. Heute hat so etwas jedes Kind schon gesehen – und zwar authentischer als in dem Kunstkral aus Pappmaché.

Die EXPO stellt sich dieser Herausforderung und bietet ihren Besuchern ein Sinnen-Erlebnis, das ihnen die Glotze nicht bieten kann. Der Tastsinn wird ebenso angesprochen wie das Gehör und manchmal sogar die Nase; mit dem Auge zusammen werden die Sinne von einem Gesamtkunstwerk überwältigt, bei dem es endgültig nicht mehr darauf ankommt, was es zeigt. Das Erlebnis besteht nicht im Kennenlernen einer technischen oder sonstigen Neuigkeit, sondern im kunstvoll komponierten Erlebnis selbst, dem event. Nicht irgendwelche Objekte, sondern deren Präsentation soll sehenswert sein; Installationen heißen diese Objekte; und ihre Komponisten sind ganz zu Recht – Werbeagenturen. Sie beherrschen die gefragte Kunst, Beliebiges – seien es Würstchen, Politiker oder Religionsgemeinschaften – so ins Bild zu setzen, dass sie als sympathische Angebote an den Betrachter erscheinen. Dabei verstehen es die Werbefachleute, der Phantasie des Betrachters nur ja nichts Schwieriges, Ungewohntes und Erklärungsbedürftiges zuzumuten, sie dafür mit Abwechslung und überraschenden Einfällen so sehr zu beschäftigen, dass dessen von viel zu vielen Seiten umworbene Aufmerksamkeit einen Augenblick lang am beabsichtigten Objekt hängen bleibt. Solche Könner haben den deutschen Pavillon eingerichtet und sind stolz darauf, den Besucher in eine 720°-Multimediashow einzubinden: Rund um ihn herum, dazu sowohl über wie unter ihm sind Projektionsebenen angelegt, auf denen Filme laufen. Offenbar ist es weder nötig noch vorgesehen, dass der Betrachter auch nur einen davon verfolgt. Multimedia – die Präsentation ist das eigentliche Objekt der Präsentation.

Eine Kostprobe der wunderbaren Zukunftsvisionen, die mit den groß dimensionierten Videoclips so eingängig „kommuniziert“ werden, bietet die EXPO-Beilage der FAZ (30.5.00), die keine Satire ist. Was die EXPO-Macher zum Thema „Zukunft der Arbeit“ zu sagen haben, lassen sie tanzen, denn die tänzerische Ausdrucksform ist die einzige universelle Sprache. Doch anders als in einem normalen Theater stehen in Hannover die Besucher in der Arena, und das Bühnengeschehen spielt sich auf einem mehrstöckigen Laufsteg rundherum ab. Auf diese Weise wird der Zuschauer in das Theater hineingezogen. Will er der Bühnenhandlung folgen, muss er ständig in Bewegung bleiben – Flexibilität und Mobilität. Ganz persönlich und direkt erlebt man am eigenen Körper, wie sich die Erfordernisse der Arbeit der Zukunft auf den Menschen auswirken. Der blödsinnig dargestellte Fortschritt wird immerhin so weit charakterisiert, dass die Leute in Zukunft ihr Geld unter erschwerten Umständen verdienen werden, dass sie sich nach jedem Zeitvertrag recken und strecken müssen und insgesamt weniger verdienen. Auf Basis dieser feinen „Vision“ bringen sich die zahlenden Expo-Sponsoren ein: In Vor- und Nebenräumen dieser Arena informieren Banken und Versicherungen den Besucher auf modernsten Touchscreen-Monitoren darüber, dass er das Geld, das er nicht hat, von den Banken natürlich nicht bekommt, dass er vielmehr in den Phasen, in denen er Geld verdient, mehr als bisher davon bei ihnen abliefern soll, um sich privat gegen den angekündigten Abstieg zu versichern: Die Berufsbiographien der Zukunft werden stärker geprägt sein von wechselnder Arbeitszeit und -intensität, von Fortbildung, Umschulung und beruflicher Neuorientierung. Deshalb sind neue Strategien der Einkommenssicherung gefragt, die gewährleisten, dass abhängig Beschäftigte ein ausreichendes Einkommen haben! Durch den Fortschritt wir ein ausreichendes – Note 4 – Einkommen zum Problem! Aber getanzt und multimedial präsentiert taugt auch diese feine Botschaft zur Unterhaltung – und zwar in ihrer modernster Form. So ist der Besucher am Fortschritt gleich doppelt beteiligt.

5.

Es langt nicht, dass dieser Käse von wegen Weltgemeinschaft, Wohltätigkeit der Nationen und Nutzen des technischen Fortschritts in Bilder und Symbole gegossen wird. Wenigstens nicht für die gastgebende Nation Sie hat selbst nicht nur die größte Gelegenheit zur schmeichelhaften Selbstdarstellung, die größte Chance, Anerkennung und Sympathie einzusammeln, sie hat auch die größte Pflicht, dabei eine gute Figur zu machen. Noch vor ihren Exponaten demonstriert sie das, wofür diese stehen – Modernität, Leistungsfähigkeit, Weltoffenheit –, durch die Organisation der EXPO selbst. Sie kann es sich leisten, für eine luxuriöse, ideelle Konkurrenz der Nationen Infrastruktur aufzubauen, Geld auszugeben und jede Menge Arbeitskräfte welches verdienen zu lassen. Sie lädt die Staaten der Erde ein, sich auf ihrem Boden zu präsentieren – und ihr erster Erfolg besteht darin, dass sie kommen. Die Anerkennung, die das Land in der Staatenwelt genießt, drückt sich in der Zahl der ausstellenden Nationen aus – also wird freudig registriert, dass in Hannover mehr Nationen antreten als je zuvor. Die große Zahl ist allerdings nur ein schwacher Trost dafür, dass es die größte der Nationen nicht wert findet, sich in Deutschland zu präsentieren. Die USA demonstrieren die Freiheit, den Nutzen der Selbstdarstellung zu kalkulieren, und mögen keine öffentlichen Mittel ausgeben, wenn schon ihre Weltfirmen, die es wissen müssen, Hannover nicht für ein Forum halten, das ihre Werbemillionen rechtfertigt. Ihre Abwesenheit isoliert weniger die USA, eher schon wertet sie die deutsche EXPO ab.

Kommen müssen zweitens die Besucher – auch diese Leistung obliegt der gastgebenden Nation. In den verkauften Eintrittskarten hat sie zunächst Einnahmen, aus denen sie die Kosten der aufwendigen Veranstaltung möglichst weitgehend bestreitet. Die großartige Idealisierung des weltweiten Kapitalismus wird von der Kostenrechnung auf den Boden der Realität zurückgeholt: Gelungen und seinen Aufwand wert ist das Evangelium von Fortschritt und Weltgemeinschaft nur, wenn mit ihm ein Geschäft zu machen ist und Hannover die Modernisierung seiner Infrastruktur als Gewinn aus der EXPO kostenlos einsackt. In der Kosten-Gewinn-Rechnung bilanziert sich zweitens das Gelingen der nationalen Selbstdarstellung in dem höheren Sinn, dass sie den Zuspruch misst, den die Ausstellung von Seiten des – im wesentlichen nationalen – Publikums erfährt: Gefallen die Attraktionen? Werden die Symbole für Aufgaben, Leistungsfähigkeit und Attraktivität Deutschlands „angenommen“? Stiften sie ein nationales Wohlfühlen und gar Stolz? Das alles entscheiden die verkauften Eintrittskarten. Daher die Panik der Veranstalter nach zwei enttäuschenden EXPO-Monaten: Wachsen die Besucherzahlen nicht bald, dann beweist das täglich hochgerechnete Defizit für die zeitungslesende Nation die Unfähigkeit derer, die beauftragt waren, Deutschland zu präsentieren und dabei Ehre einzulegen. Dann verlieren die Deutschen erst recht das Interesse daran, die Welt ausgestellt anzuschauen, und besinnen sich lieber auf ihre Rolle als Steuerzahler, der den unattraktiven Schrott wieder einmal bezahlen muss.


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