Demokratie zum Abgewöhnen

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-06 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Demokratie zum Abgewöhnen:
Kandidatenkür in Frankreich und England – Aufklärung über die einzig maßgebliche politische Sachfrage bei der Wahl

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Überblick

In Frankreich und in England wird gewählt. In Deutschland halten Auslandskorrespondenten das Publikum auf dem Laufenden und berichten darüber, wie in diesen beiden Ländern Politiker ums „Vertrauen ihrer Wähler werben“. Irgendeine Sorte Distanz gegenüber den Kriterien, an denen sich Erfolg oder Misserfolg dieser Werbungsbemühungen bemisst, lassen sie in ihren Berichten gar nicht erst aufkommen – und klären so unfreiwillig doch darüber auf, was bei der demokratischen Wahlwerbung die Hauptsache ist: die Glaubwürdigkeit der Politiker, also die Herrscherqualitäten der Führungsfiguren.

Demokratie zum Abgewöhnen
Kandidatenkür in Frankreich und England – Aufklärung über die einzig maßgebliche politische Sachfrage bei der Wahl

In Frankreich möchte die sozialistische Oppositionspartei unbedingt den nächsten Präsidenten der Republik stellen. Wie es sich gehört, profiliert sie sich als politische Alternative zur amtierenden Regierung mit Vorstellungen, wie sie dasselbe, was die tut, noch viel besser zu erledigen wüsste, wäre sie denn an der Macht. Vor allem aber mit dem Spitzenkandidaten, der sie dorthin führen soll, sucht sie ihren Erfolg beim Wähler, sodass dessen Kür für sie zur politischen Hauptsache wird, die sie als Erstes zu erledigen hat.

In England möchte die Regierungspartei unbedingt weiter an der Macht bleiben und dasselbe, was sie bisher unter ihrem Premier tat, genauso weiter tun. Allerdings mit einem neuen Chef an der Spitze, so dass sich auch dort alles um die Frage dreht, wer ins Rennen um die Nachfolge eines verbrauchten Regierungschefs geschickt wird.

In Deutschland halten Auslandskorrespondenten das Publikum auf dem Laufenden und berichten darüber, wie in diesen beiden Ländern Politiker ums Vertrauen ihrer Wähler werben. Irgendeine Sorte Distanz gegenüber den Kriterien, an denen sich Erfolg oder Misserfolg dieser Werbungsbemühungen bemisst, lassen sie in ihren Berichten gar nicht erst aufkommen. Das hat zwar den erheblichen Nachteil, dass man aus denen kein einziges Urteil darüber erfährt, was bei einem demokratischen Wahlverfahren Sache ist. Manchmal hat die unbefangen vor sich hin erzählende Parteilichkeit für die Demokratie, ihre Führer und die Wahlen, die sie zu solchen machen, aber auch den Vorteil, dass sie den unglaublichen Irrsinn offen legt, auf dem die vornehmste Errungenschaft der Demokratie basiert – und so unfreiwillig doch darüber aufklärt, was bei der demokratischen Wahlwerbung die Hauptsache ist.

Menschlichkeit …

Die Partei, die in Frankreich gegen die amtierende Regierungspartei und deren mutmaßlichen Spitzenmann Sarkozy antritt, hat mehrere Spitzenkandidaten im Angebot. Den eigenen Vorsitzenden zuerst, dann eine Reihe bewährter politischer Kräfte (SZ, 21.9.06; die folgenden Zitate ebd.): Einen ehemaligen Premier, ehemalige Minister, sogar einen, der schon mal als Präsidentschaftskandidat angetreten, dabei aber grandios gescheitert war. Vor allem aber hat diese Partei den Stern der französischen Linken in ihren Reihen: Frau S. Royal, die Lebensgefährtin des Vorsitzenden, und wieso die es zum Star gebracht hat, ist dem Korrespondenten der ‚Süddeutschen‘ überhaupt kein Rätsel: Sie hat einen look, und der geht so: Bei jedem Auftritt trägt sie ein anderes Outfit, immer modisch, aber nie gewagt. Aha. Madame gefällt dem Herrn also – und das ist glatt schon ein Argument für das Objekt, das sein Auge erfreut. Modisch so zu gefallen, dass kaum mehr auffällt, wie sehr man unbedingt gefallen will; von sich derart perfekt und immerzu die Aura der schönen Gestalt zu verströmen, dass der Rest der Welt sich vor einem leibhaftigen Sinnbild weiblicher Anmut auf den Bauch legen möchte: Diese Masche macht die Frau zum ‚Star‘, und wenn eine in der Politik sich ähnlich gekonnt aufs Styling zur unwiderstehlichen Puppe versteht, dann macht das aus ihr für den Geschmack von professionellen Beobachtern der Demokratie auch schon eine ganz besondere Politikerinkeine Frau in der französischen Politik lächelt feenhafter als Ségolène, neben ihr wirken alle Männer, Hollande eingeschlossen, grau und gewöhnlich. Denn natürlich lässt sich der Schreiber der ‚Süddeutschen‘ da von keiner Naturschönheit blenden. Dem ist bestens bekannt, dass sich da eine politische Karrieristin zum schieren Ausbund von Weiblichkeit stilisiert. Der weiß schon, dass ihr grundloses Dauerlächeln pure Grimasse ist, ebenso aufs erfolgreiche Ankommen als umwerfende weibliche Erscheinung berechnet wie die Haute Couture, mit der sie als vollkommenes Elfenwesen daherkommt. Aber dass all diese Techniken der Selbst-Darstellung bei dieser Frau so schwer zu durchschauen sind, dass man kaum ahnt, wie schwer die Leichtigkeit erarbeitet ist, die einem da entgegenschwebt – die gewusste und als solche auch durchschaute Selbstinszenierung mithin, die man gleichwohl als ziemlich perfekt gelungen genießen mag: Das ist das erste Argument, das in der Demokratie einen Politiker zum für sich einnehmenden Menschen macht, dem man jeden Gebrauchtwagen abkauft – im Falle dieser Frau jedenfalls, die sich die Vorbildlichkeit in Sachen weiblicher Erscheinung als den Wesenszug ausgesucht hat, mit dem sie Eindruck machen will.

Der Auslandskorrespondent der FAZ hingegen mag dem englischen Bewerber um die Nachfolge des amtierenden Premiers bei der schweren Erarbeitung der Leichtigkeit eines gewinnenden Wesens nur bedingt Erfolg bescheinigen:

„‚Projekt Gordon‘, so nennen Berater und Freunde gewisse Anstrengungen des vergangenen Jahres, aus dem drögen, ungefüge wirkenden Schatzkanzler einen neuen Mann zu machen. Die Zähne sind heller geworden und die Haare dunkler, die Anzüge sind besser gearbeitet. Die Schlipse wechseln keck in verschiedenen Pastellfarben. Er knabbert nicht mehr an den Fingernägeln, wenn Leute zusehen. Nur den Tick mit dem Unterkiefer hat man ihm noch nicht abtrainieren können. Am Satzende schießt das Kinn immer noch rechthaberisch nach vorn.“ (FAZ, 28.9.)

Immerhin klären auch hier die ‚gewissen Anstrengungen‘, von denen im Tonfall allergrößter Selbstverständlichkeit berichtet wird, darüber auf, was das für ein Menschenschlag ist, der sich zur Politik berufen weiß. Der setzt einfach alles daran, sich so zurechtzumachen, dass er beim Publikum als gewinnender Charakter ankommt. Klappt das bei einem dieser Typen einmal nicht wie gewünscht, entschließt der sich augenblicklich zur Runderneuerung seines Profils und macht aus sich kurzerhand einen ‚neuen Mann‘. Dazu hat er ‚Berater und Freunde‘, die mit Ratschlägen zur Seite stehen, welche mutmaßlich weniger gefallenden Gewohnheiten er sich besser ab-, welche mehr Strahlkraft versprechende Maske er sich stattdessen lieber antrainieren soll. Das macht er dann, und mit diesen Tricks und Touren der professionellen Selbstverstellung, die einfach nur von einer extrem ekelhaften Charakterlosigkeit zeugen, eckt so ein Charakter in der demokratischen Öffentlichkeit überhaupt nicht an. Im Gegenteil: Negativ fällt er bloß dadurch auf, dass manche von deren Profis meinen, für ihren Geschmack hätte er noch viel zu wenig an sich gearbeitet, um sich erfolgreich zu vermitteln!

Kompetenz …

Selbstverständlich behalten unsere Auslandskorrespondenten die Kandidatenkür in Frankreich und England auch unter dem Gesichtspunkt im Auge, welche politischen Sachthemen da zur Debatte stehen. Der Sachverständige fürs französische Nachbarland weiß zum Beispiel über die Kandidatin Royal zu vermelden:

„Sie steht, mehr als die meisten Genossen, für die Familie. Lange hat sie sich nur den weichen Themen gestellt. Zu Fragen der Weltpolitik äußert sie sich selten, nicht zu Nahost, nicht zum Terrorismus. Ihre Freunde weisen darauf hin, dass sie eben nicht vorgibt, auf allen Gebieten beschlagen zu sein. Wer nur ihren Charme erlebt, vergisst, dass die Waffen einer Frau in der Politik nicht ausreichen. Sie pflegt das Image, über den Parteien zu stehen. Sie spricht nie von Sozialisten, immer nur von den Franzosen. Manchmal kann sie auch kalt sein, kalt wie eine Hundeschnauze, und dann gefriert der Charme, den die Menschen vom Bildschirm kennen.“ (SZ, ebd.)

Was in der Demokratie beim Regieren politisch Sache ist, kann man bei der Erörterung der politischen Sachthemen und ihrer Rolle beim Meinungsbildungsprozess der Wähler also getrost vergessen. Politik besteht erstens aus Themen, die ein Kenner anhand der Kriterien ‚hart‘ oder ‚weich‘ zu unterscheiden versteht; zweitens aus Fragen, die es so gibt; drittens aber und vor allem aus der einen entscheidenden Frage, wie denn die schöne Madame, die es an die Spitze der politischen Verfügungsgewalt über ihre Franzosen drängt, so zu allem steht, was es da an Fragen und Themen gibt. Allerdings hat der Berichterstatter auch da nicht im mindesten vor, ins Detail zu gehen und seinen Lesern auch nur irgendwie zur Kenntnis zu bringen, was eine Frau, die für die Familie steht, überhaupt ist und tut und was sie denn so alles an Überzeugendem von sich gibt, wenn sie mit ihren traditionellen Werten ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Er will selbst auch gar keine Antwort auf die „Fragen“ verlangen, zu denen sich sein Star nicht äußert, vermisst also weder da noch dort Aufklärung über die politischen Argumente und Beweggründe der Frau Kandidatin: Ein „Thema“ ist für ihn so gut wie die eine andere „Frage“, nämlich bloß der Stoff, an dem die Dame sich dem Wahlpublikum gegenüber als Figur in Szene setzt, die unbedingt Vertrauen in ihre politische Kompetenz verdient. Und die Waffen einer Frau in der Politik reichen auch dabei erstaunlich weit. Der gelungene Eindruck, den die schöne Gestalt fürs Auge macht, taugt wie von selbst dazu, für die Person als Argument ihrer Berufung zum Regieren zu wirken, jedenfalls hat der Herr Korrespondent auch in dieser Hinsicht nur wieder Zufriedenstellendes zu vermelden über die Performance der Frau Präsidentschaftskandidatin. Sie schwebt nicht nur schön daher, sondern tut dies auch über den Parteien, lässt sich also das Image des Volks-Repräsentanten nicht durch die Niederungen des Gezerres um irgendwelche partikulare Interessen, ‚sozialistische‘ gar, ankratzen. Um die Vertretung von Interessen geht es ihr freilich schon auch, und da ist eine so charmante Dame wie sie nicht zufällig auf alles politisch ‚Weiche‘ spezialisiert: Die kann einfach nur deswegen herrschen wollen, weil sie gute Werke für die Menschen vollbringen will! An den Techniken, mit denen sich dieses Frauenzimmer unter Berufung auf alle Werte der sittlich-volksgemeinschaftlichen Verbundenheit zum Vorbild derselben Tugenden hinzustilisieren versteht, die dem Volk eigen sind, um sich so als Garantieinstanz für dessen Sicherheit zurechtzulügen, findet der Korrespondent absolut nichts auszusetzen, im Gegenteil: Er lobt das Resultat der perfiden Bauernfängerei und konstatiert mit Respekt, dass Frau Royal sich mit Erfolg bei den Müttern und Frauen Frankreichs als ein einziges Sicherheitsversprechen für die Zukunft zu präsentieren versteht. Die miesen rhetorischen und schauspielerischen Tricks, mit denen sie bei denselben Leuten, über die sie regieren möchte, das Gefühl weckt, Macht ausschließlich im Geiste purer Verantwortlichkeit auszuüben, auf dass die Bürger in ihr und den Werken ihrer Regierungskunst das eigene Lebensschicksal gut aufgehoben wissen und es prompt auch ihrer Verfügungsgewalt unterstellen mögen: Einem Sachverständigen für demokratische Überzeugungsarbeit sind sie einzig Anlass, das Geschick unbedingt positiv zu würdigen, mit dem die Frau den Eindruck erweckt, eine ganz besondere und ganz besonders warmherzige Großdame des nationalen Ganzen zu sein – was ihr eben dadurch so gut gelingt, dass sie den Menschen so charmant kommt, diese Menschen also gar nicht erst mit irgendetwas Sachlichem irritiert, sondern sie unmittelbar am kollektiven Herzen packt und als Franzosen anspricht. Dass der Charakter, den sie sich anschminkt, nicht nur enorm fraulich-menschlich ist, sondern als dieser Ausweis unanfechtbar guter Gesinnung auch perfekt zu dem grundsätzlich menschenfreundlichen Amt passt, in das sie gewählt werden will, ist also das zweite Argument, das für sie spricht. Daher nimmt die Attitüde der holden Weiblichkeit auch überhaupt nicht Schaden, wenn sich die bezaubernde Fee kalt wie eine Hundeschnauze gibt und zeigt, wie gut sie sich auch in der Untugend der Niedertracht zu bewähren weiß: Sie versteht sich eben auf beides perfekt, auf den Charme, auf den es ankommt, um anzukommen, und auf die nötige Härte und Gnadenlosigkeit, die im politischen Geschäft zur Durchsetzung nötig ist, damit in dem dann endlich der Charme regieren kann, und auf beides versteht sie sich dermaßen gekonnt, dass ihr Erfolg beim Publikum für eine sachverständige demokratische Beurteilung jedes Urteil darüber erübrigt, womit er erzielt wird.

Was die Befassung mit den politischen Sachthemen in England betrifft, so konzentriert sich das Interesse hierzulande ganz auf die Rede, mit der sich der eine auf dem Labour-Parteitag als Nachfolger des anderen zu empfehlen sucht:

„Jedenfalls soll er ausgiebig über diese Rede gebrütet haben. (…) Er muss gewusst haben, dass seine zukünftigen Zuhörer einander wochenlang versichert haben, das werde seine ‚große Rede‘ sein, die ‚wichtigste Rede seines Lebens‘, die ‚ganz andere Rede‘, die eine zögernde Partei mit sich reißen und mit dem Genossen Gordon wieder versöhnen müsse.“ (FAZ, ebd.)

In den folgenden vier Spalten des Artikels findet der Inhalt dieser Rede mit keinem Wort Erwähnung, und doch erfährt der Leser alles, was er über sie wissen muss. Wichtig sind solche ‚großen Reden‘ auf Parteitagen in der demokratischen Beurteilung nämlich ausschließlich für das Prüfkriterium, ob dem Redner sein Vorhaben gelingt und er seinen Haufen mit seiner Selbstinszenierung als einer zum Führen berufenen Natur überzeugen kann, er also mit seinem Auftritt die Leute hat erfolgreich mitnehmen können, wie es so bezeichnend heißt. Und da hat dem Mr. Brown und seinem rechthaberischen Unterkiefer der Noch-Premier Blair die Show gestohlen: mit einer der bemerkenswertesten Reden der Parteigeschichte, wie man erfahren darf, wobei auch an dieser Rede das für Demokraten Bemerkenswerteste wiederum nicht im Gesagten liegt. Es besteht in der Zeitdauer, in der nach ihrem Ende die Gefolgschaft ihrem Führer huldigte: Die Zuhörer klatschten 13 Minuten lang, ein Rekord. Selbst Frau Thatchers Bestzeit bei den Konservativen waren 7,15 Minuten gewesen – von den lächerlichen 23 Sekunden Beifallsorgie ganz zu schweigen, zu denen es Herr Goebbels in seiner Bestzeit gebracht hatte.

Führungsqualität …

Mit der Dauer der Ovationen, mit der ein Kandidat den anderen in den Schatten stellt, ist dessen politische Kompetenz für Demokraten überzeugend bewiesen. Wenn er von seiner Partei schon mit mehr Zuspruch als der andere bedacht wird, sind auch sie von ihm zutiefst beeindruckt und dann ist der Mann auch für sie der Favorit im Wettstreit um das Führungsamt – vielleicht sollte Tony noch eine bisschen länger bleiben? Nach so einem Beifall? (FAZ, ebd.) Vielleicht aber auch nicht, denn bei der Sorte Konkurrenz, die da zwischen dem Premier und seinem Nachfolger in spe ausgetragen wird, verbieten sich voreilige Empfehlungen. Demokraten jedenfalls wissen bestens darüber Bescheid, wie in Parteien Macht- und Führungsfragen aufgeworfen, durchgezogen und letztlich entschieden werden. Locker erzählen sie einem, mit welchen Intrigen und perfiden Nachreden es einer hinkriegt, einen amtierenden Premier erst in der Öffentlichkeit, dann beim Wahlvolk und darüber natürlich auch bei der eigenen Partei als irgendwie verbraucht erscheinen zu lassen; mit welchen intriganten Schachzügen dieser Premier seinerseits umgekehrt versucht, seinen ehemaligen Intimus in jeder erdenklichen Hinsicht schlecht zu machen. Wie in dieser feinen Regierungsform von den Führungsleuten gelogen und geheuchelt wird, dass es kracht – der beste Premier, den das Land je hatte (der Schatzkanzler über den, den er gerade aus dem Amt kegeln will), ohne ihn wären die drei letzten Wahlsiege nicht möglich gewesen (der Premier über den, den er für seine drei Siege eigens ins zweite Glied gedrängt hat). Wie man da Strippen zieht, Seilschaften knüpft und Hausmächte hinter sich bringt, einen Putsch einfädelt oder umgekehrt den Rivalen in den Ruch eines Königsmörders bringt: Über all diese, den von Demokraten sonst hochgehaltenen Maßstäben moralisch untadeligen Betragens absolut nicht entsprechenden Techniken der parteiinternen Konkurrenz weiß man Bescheid – und hakt sie als allergrößte Selbstverständlichkeit ab. Alle sonstigen moralischen Maßstäbe und Prüfkriterien, an denen man die politischen Führer daraufhin überprüft, ob sie dem vortrefflichen Bild auch gemäß sind, das sie von sich verbreiten, bleiben dabei selbstverständlich intakt: Wenn ein Staatschef bei einem sexuellen Übergriff erwischt wird oder eine Ministerin ihre Haushaltshilfe schwarz bezahlt, kann das beiden schon die Karriere kosten. Doch alle üblen Machenschaften, mit denen die Damen und Herren da gegeneinander ihre politische Karriere befördern, werfen überhaupt kein schlechtes Licht auf sie – und schon gleich nicht auf eine Regierungsform, in der sich die Auswahl des Führungspersonals über erfolgreiches Intrigieren und Denunzieren vollzieht. Diese miesen Touren machen auf Demokraten grundsätzlich nur positiv Eindruck, denn wer es hinkriegt, sich mit ihnen seine Konkurrenten wirksam vom Hals zu schaffen, hat es auch verdient, an der Spitze zu stehen. Der hat sich mit Erfolg als Charaktermaske der Macht bewährt, die er ausüben will, indem er unter Beweis stellt, dass er nicht nur sich gegen andere durchsetzen will, sondern sich auch entsprechend durchzusetzen versteht. Und wer beim wählenden Publikum mit dem Versprechen um Vertrauen wirbt, die Nation erfolgreich führen zu wollen, für den ist das erfolgreiche Ausmanövrieren seiner parteiinternen Konkurrenz und das Vertrauen, das sein Haufen daraufhin in seinen Sieg setzt, schon wieder nur ein einziger Ausweis seiner Berufung zum Führen. Dieser Zirkel des Erfolgs bei der Vertrauenswerbung: der Erfolg, der noch mehr Erfolg begründet – das ist das dritte und schlagendste Argument, das in der Demokratie für einen Kandidaten spricht, daher auch das überragende Prüfkriterium, an dem die Kandidaten in den Ausscheidungsrennen um die Besetzung der höchsten Ämter gemessen werden. Tief beeindruckt berichtet der Auslandskorrespondent der SZ, wie die charmante Madame, die in Frankreich Präsident werden will, einen Konkurrenten nach dem anderen zu erledigen versteht. Wie sie den einen mit der in Aussicht gestellten Beförderung seines Drangs nach Macht und Einfluss zum Fürsprecher der eigenen Kandidatur umdreht, den anderen in einer Weise ins Abseits schiebt, dass sich seine bisherige parteiinterne Hausmacht nach einem neuen Favoriten umzusehen beginnt, und zwar demonstrativ genug, damit der Mann irgendwann dann doch seine Chancenlosigkeit gegen das Intrigennetz der zuckersüßen Fee einsieht und aufgibt. In den Augen des politischen Beobachters qualifiziert exakt dies die Frau enorm für allerhöchste Führungsfragen: Am Schluss durchzusetzen hat sie sich nämlich gegen einen, der als Chef des französischen Geheimdienstes wie kein anderer Zugriff auf die ‚Quellen‘ und ‚Erkenntnisse‘ hat, die in einer Schlammschlacht im Wahlkampf – da ist sich der Korrespondent ganz sicher – von ganz besonderer Bedeutung für die erfolgreiche Vertrauenswerbung beim Wähler sind.

… zusammengenommen: Glaubwürdigkeit des Politikers

Die Kunst, sich selbst zum vorbildlichen Menschen wie du und ich und zum überzeugenden Sympathieträger zu stilisieren; das gepflegte Image, als diese gewinnende Persönlichkeit wie von selbst die politische Kompetenz zur Machtausübung zu besitzen und von denen, über die man kommandieren will, für die überzeugend vorgebrachte Lüge mit grenzenlosem Vertrauen beschenkt zu werden, für sie garantiert nur Gutes im Sinn zu haben; und im Vorfeld der großen Entscheidung des Kampfes ums höchste Staatsamt die Demonstration von Entschlossenheit, die in Gestalt erfolgreich erledigter Konkurrenten zu besichtigen ist: Dermaßen absurd unsachliche Kriterien der Beurteilung demokratischer Politik sind keineswegs bloß ein Spleen durchgeknallter Zeitungsschreiber. Was diese berichten und ihre Blätter dann ja auch als das Wesentliche abdrucken, was es über die benachbarten Demokratien zu berichten gibt, ist die Hauptsache, um die es dort wie in jeder Demokratie bei der Wählerwerbung geht: Aus nichts anderem als aus diesen verrückten Maßstäben der öffentlichen Politikbeurteilung setzt sich die Substanz dessen zusammen, was demokratische Politiker glaubwürdig macht, auf nichts anderes als auf diese ihre Glaubwürdigkeit kommt es an, wollen sie gewählt werden – und beides stellt dieser Herrschaftsform, die sich dafür rühmt, dass in ihr ‚die Gewalt vom Volk ausgeht‘, kein besonders gutes Zeugnis aus. Denn diese Eigenschaft, von der so viel abhängt, erwirbt sich einer, der – wer’s nicht glauben will, ziehe ein Wörterbuch zu Rate – Leute glauben macht, was er ihnen erzählt, ihnen etwas einzureden, sie also hinters Licht zu führen sucht und zu dem hinzumanipulieren, was er von ihnen will: Ihren Vertrauensbeweis in Form ihrer Wahlstimme. Darauf kommt es im demokratischen Wahlverfahren an, und dazu tut ein Politiker dann auch alles Nötige: Er präpariert an sich die Charaktermerkmale heraus, die aus ihm einen Typus Mensch machen, der grundsätzlich Vertrauen verdient, jedenfalls mehr als die Konkurrenten im Wettbewerb um die Wählergunst, die dasselbe tun; er kommt dem Publikum als perfekter Volksvertreter, als Mensch, der in Sachen Moral und Sittlichkeit sowieso ein einziges Vorbild ist, vor allem aber auch als nicht minder menschlicher Herrscher garantiert nur im Interesse aller anderen seines Amtes waltet, letztlich also dazu berufen ist, einer unverbrüchlichen Schicksalsgemeinschaft von Volk und Führung Ausdruck zu verleihen; er lässt sich heraushängen, bei wie vielen, für die er politisch Verantwortung tragen will, er schon erfolgreich angekommen ist und Vertrauen geschafft hat, weil nichts mehr Vertrauen schafft als die Demonstration, dass man es schon hat; er stellt die eigene Vortrefflichkeit und Eignung zur Führung der Volksgemeinschaft unter Beweis, indem er bedingungslos an seinen Sieg glaubt und so schon wieder die Wähler glauben macht, dass er ein Siegertyp ist und den Sieg verdient – und im Erfolg all dieser Techniken, das Votum des Publikums auf sich zu vereinen, bilanziert sie sich dann, die politische Glaubwürdigkeit eines Kandidaten.

Absurder und sachfremder können all diese Eignungs- und Ausscheidungskriterien, an denen sich in der Demokratie die höchsten nationalen Personal- und Machtfragen entscheiden, einfach nicht sein, denkt man nur für einen Moment an die politische Substanz der Agenda, die in Demokratien tagaus, tagein abgewickelt wird: Die dreht sich schon um die Mehrung von Macht und Reichtum der Nation und nicht um Rocklängen und Nägelkauen! Und doch sind diese Kriterien genau so, in ihrer Abseitigkeit und ausgesprochenen Blödsinnigkeit der Sache genau angemessen, die mit ihnen zur Entscheidung gebracht werden soll, mehr noch: anders als mit derart abartigen Maßstäben der Glaubwürdigkeitsstiftung und -findung lässt sich eine demokratische Wahl gar nicht veranstalten. In der wird eben nicht darüber befunden, wozu sich da einer ermächtigen lassen will: Das steht mit dem Amt, um dessen Besetzung es geht, längst unverrückbar fest. Mit wem das Amt besetzt werden soll, ist die Frage, um die sich alles dreht und über deren Ausgang das Volk mehrheitlich zu befinden hat, und diese Mehrheit findet sich schlicht und ergreifend darüber ein, dass die Bürger eben einen der zur Auswahl stehenden Typen – am glaubwürdigsten finden: Die Kriterien des pur geschmäcklerischen Befindens darüber, wem man eher mehr oder eher weniger Glauben schenken mag, dienen in ihrer Willkür und Lächerlichkeit allen Ernstes der Beurteilung von Herrschaftsqualitäten einer politischen Führerfigur! Darauf, den entsprechenden Geschmack des Publikums zu treffen, ist die politische Selbstdarstellungskunst der Kandidaten berechnet, die sich zur Wahl stellen, diese Laune des Publikums erfolgreich zu einem Votum für sich zu manipulieren, ist das Ideal aller politischen Überzeugungsarbeit in der Demokratie. In diesen jenseits aller sachlichen Beurteilung und vernünftigen Überlegung angesiedelten Kriterien der erfolgreichen Werbung um Vertrauen und, an deren Ende, in der geballten Irrationalität eines moralischen Geschmacksurteils, das einem guten Herrscher den Zuspruch erteilt, liegt die jeder Ratio spottende Rationalität dieser freiheitlichen Herrschaftsform. Sich nach eigenem Geschmack den, der es führen soll, auszusuchen: Das ist die Freiheit, die das Volk tatsächlich hat und die ihm die Demokratie auch abverlangt – denn was wäre ein Führer schon ohne die Leute, die ihm hinterherlaufen?! Also wird das Volk eingespannt für die Selektion des optimalen Führers; es soll im Verfahren der Wahl dem, den es dafür hält, mehrheitlich den Zuschlag erteilen – und ihn damit zur politischen Herrschaft ermächtigen, der es dann bis zum periodisch vorgesehenen Erneuerungsdatum des Führungspersonals in der Sicherheit Gefolgschaft leisten darf, vom garantiert besten regiert zu werden.


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