China erbt Hongkong

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Vom Herrschaftswechsel zur Statusfrage
Hongkong: Der besondere Fall eines exterritorialen Finanzplatzes unter chinesischer Hoheit

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 
Überblick

Was China geerbt hat: ein Hort des internationalen Finanzkapitals / Die Folgen der Erbschaft: zwei Gelder unter Chinas Hoheit, eine ungeklärte Statusfrage und ein Kampf ums Vertrauen der Spekulanten / Eine letzte Besonderheit: Das unkalkulierbare politische Risiko

Vom Herrschaftswechsel zur Statusfrage
Hongkong: Der besondere Fall eines exterritorialen Finanzplatzes unter chinesischer Hoheit

Vor einem Dreivierteljahr ist die „Kronkolonie“ Hongkong in den Besitz Chinas übergegangen und hat seitdem die Stellung einer Sonderregion mit eigener innerer Hoheit, eigenem Finanzwesen, eigenem Geld. Großbritannien hat nämlich darauf gedrungen und China hat sich darauf verpflichten lassen, die unter britischer Hoheit zustande gekommenen Gegebenheiten auch nach der Übergabe an China für 50 Jahre beizubehalten. Gedacht war dabei weniger an die von Großbritannien vor der Übergabe noch schnell eingerichteten „demokratischen Rechte“, sondern vor allem an den Wirtschaftsstandort Hongkong. Zwar wurden gewisse Zweifel geäußert, ob China willens sei, diese Grundsätze, wie ausgemacht, zu respektieren. Die engagierte Geschäftswelt aber spekulierte an der Hongkonger Börse „wie verrückt“ auf neue Geschäftschancen. Ein paar Monate später ging es im Zuge der Börsenturbulenzen in Südostasien auch in Hongkong mit den Kursen gehörig abwärts. Der „sichere Hafen“ Hongkong gilt seitdem tendenziell als gefährdet, das Schicksal des Hongkongdollar als einigermaßen ungewiß.

Dieses Auf und Ab an der Hongkonger Börse signalisiert – wie immer – den wechselnden Stand von Vertrauen und Mißtrauen in die künftige Geschäftsentwicklung. In diesem Fall betrifft das allerdings die grundsätzliche Frage nach dem neuen Status des Finanzplatzes Hongkong. Mit der zuständigen Staatsgewalt hat sich nämlich doch einiges geändert, für Hongkong, für China und für die Internationale der Finanzer.

Was China geerbt hat: ein Hort des internationalen Finanzkapitals

Was China in Besitz genommen hat, ist ein Wirtschaftsstandort besonderer Art: Nicht bloß Ausgangspunkt von Waren „made in Hongkong“ und bedeutendes Handelszentrum, sondern „siebtgrößter Finanzplatz der Welt“, „fünftgrößter Devisenmarkt der Welt mit täglichem Umsatz von ca. 90 Mrd. US$, weltweit sechstgrößter Markt für derivate Finanzprodukte“. Hongkong gehört zu den paar Zentren, an denen das Finanzkapital seine Milliardengeschäfte abwickelt, an denen sich Angebot und Nachfrage nach Kredit samt all den höheren Sorten von Spekulationsgeschäften konzentrieren, die zu einem ordentlichen kapitalistischen Wachstum dazugehören. Kurz: Hongkong, das ist vor allem ein Sammel- und Umschlagplatz internationalen Kredits.

Seine Stellung beruht nicht darauf, daß sich hier wie an den führenden Bankplätzen in Amerika, Europa oder Japan zunächst das Finanzkapital einer kapitalistischen Nation konzentriert, die als Standort in den Weltmarkt einbezogen und auf ihm erfolgreich tätig ist. Die Milliarden, die sich in Hongkongs Banken sammeln, die täglich gewechselt, ausgeliehen, in Aktien und Immobilien angelegt oder anderswohin transferiert werden, stammen nicht aus den Kapitalerträgen eines erfolgreichen nationalen Wirtschaftswachstums; sie dienen nicht dem Kreditbedarf einer nationalen Geschäftswelt, die am Standort produziert und verdient und von ihm aus über die Grenzen hinaus auf den Weltmarkt drängt; und über ihn regeln deshalb internationale Anleger auch nicht in erster Linie ihr „Engagement“ in lohnende Unternehmungen am dazugehörigen Standort. Die eigentliche Basis, die dieser „reichsten Stadt der Welt“ ihr Wachstum beschert, ist das Finanzkapital aus den potenten kapitalistischen Nationen, das von hier aus seine Anlagen in der gesamten Region tätigt. Hongkong ist nämlich auch nicht die Bankenzentrale eines emerging market, über die auswärtiges Geldkapital auf das Entstehen florierender kapitalistischer Geschäfte in einem Land spekuliert, das sich als Angebot an Finanzkapitalisten aus aller Welt präsentiert, um ein nationales Wachstum erst zustande zu bringen.[1] Die ehemalige Kronkolonie mit ihren Finanz„dienstleistungen“ ist nämlich nach beiden Seiten hin international: Was sich dort versammelt, ist von vornherein die Internationale der Anleger und das Objekt ihrer Begierde ist nicht die durch staatliche Hoheit verbürgte Finanzkraft und Wachstumsgarantie eines einzelnen Landes; Geschäftsgegenstand ist ganz Südostasien: In Hongkong ist ein Großteil des Kreditgeschäfts mit alten wie neuen Tigern beheimatet, dort wird also auf das Wachstum in dieser Gegend des Weltmarkts insgesamt spekuliert, über diesen Finanzplatz sichern „internationale Großanleger“ ihre „frei vagabundierenden Spekulationsgelder“ gegen die besonderen Risiken in den jeweiligen nationalen Geschäftssphären ab, in denen sie sich „engagieren“. Das ist die eine Seite.

Die andere ist, daß dieser Banken- und Börsenplatz ein eigenes Spekulationsobjekt zu bieten hat – China mit seinem kapitalistischen Entwicklungsprogramm. Was dem Finanzplatz Hongkong vornehmlich seine jahrelangen Wachstumsraten beschert hat, ist der – seit 1978 zum offiziellen Staatsprogramm gewordene – Wille Chinas, seine Ökonomie weltmarktreif zu machen, und die für zukunftsorientierte Börsenprofis sich daran heftende Vorstellung, welche Geschäftschancen nach Masse und Rate sich damit tendenziell eröffnen. China gilt eben – oder galt jedenfalls unbestritten bis zu den aktuellen Einbrüchen in Südostasien – als letzter noch aufzuteilender gewaltiger Wachstumsmarkt. Auf dem Umweg über diesen Finanzplatz, der bis vor kurzem außerhalb der Grenzen Chinas lag, vermittelten sich die Kreditbedürfnisse Chinas mit den Anlegerinteressen des internationalen Kapitals. Und beide Seiten hatten ihre speziellen Gründe für diesen Umweg.

Die Anleger wollten sich China möglichst unbehelligt von den politischen Gegensätzen und Bedenken auf chinesischer wie westlicher Seite erschließen. Sie wollten sich gleichzeitig gegen die Unsicherheiten wappnen, die im Aufbruch des vormals antiimperialistischen Vorkämpfers in die Weltwirtschaft eingeschlossen waren. Das betraf einmal die politische Vertrauensfrage, zunächst wegen der generellen Unsicherheit über Ausmaß und Haltbarkeit der chinesischen Wende – China war eben nicht eingebunden in die westliche Welt- und Wertegemeinschaft und ist es ja bis heute nicht recht –, dann wegen des chinesischen Willens, sich die Kontrolle über Art und Ausmaß seiner kapitalistischen Erschließung vorzubehalten. Das betraf zweitens die Unfähigkeit, den Anlegern im Land genügend lohnende Wiederverwendung ihrer in und mit China gemachten Gewinne und ein nationales Geld für deren sichere Aufbewahrung zu bieten. Für beides bot Hongkong besondere Voraussetzungen: Erstens existierte dort ein Geschäfts- und Bankenwesen mit Zugangsmöglichkeiten zu China, während in China selber dafür keine kapitalistisch vertrauenswürdigen Adressen vorhanden waren. Zweitens konnte man in Hongkong Geldkapital außerhalb der chinesischen Hoheit aufbewahren und zugleich unmittelbar wiederanlagefähig – im chinesischen Hinterland, aber auch sonst in der Region – erhalten.

China pflegte seinerseits Sonderbeziehungen zu Hongkong. Schon das kommunistische China wickelte über Hongkong, also getrennt von seiner eigenen Ökonomie, seinen unerläßlichen Handel mit dem feindlichen Westen ab. Nach 1978 wuchs der kapitalistische Vorposten vor Chinas Haustür dann – von seinen sonstigen Geschäftsfunktionen abgesehen[2] – in die Rolle einer Vermittlungsstelle für den Kredit hinein, den China für seine auf Weltmarktproduktion ausgerichteten Sonderzonen brauchte. China hatte dort nämlich Kredit. In Hongkong saßen kapitalkräftige Interessenten mit schon existierenden Geschäftsbeziehungen zum chinesischen Hinterland, aber auch zum Weltmarkt; dort gab es die Finanzmittel für die chinesischen Unternehmen, um Produktionstechnologien und „Know how“ zu erwerben. Und Hongkong bot als Kapitalstandort, der aus den politischen Gegensätzen ausgenommen und im übrigen ganz auf Chinas Duldung angewiesen war, die Möglichkeit für China, mit ausländischem Kapital ins Geschäft zu kommen, ohne durch die ja nicht geringen politischen Vorbehalte des Westens unmittelbar beschränkt zu werden und ohne die Hoheit über das nationale Wirtschaftsleben aus der Hand zu geben. Über Hongkong mobilisierte China daher internationales Geldkapital für seinen kapitalistischen Aufbau, indem es sein Staatseigentum in Objekte für auswärtige Anleger verwandelte.[3] Chinas Unternehmen und der Staat, der hinter ihnen stand, entwickelten sich darüber zu immer wichtigeren Bankkunden. Dort wurden umgekehrt zum nicht geringen Teil die chinesischen Deviseneinkünfte angelegt, dort münzte also China seine Erfolge bei der Kapitalisierung in Teilhabe am schon entwickelten Kapitalismus auswärts um. Unternehmungen der Volksrepublik wurden darüber zum größten Investor, chinesische Banken zur zweitgrößten Bankengruppe und schließlich die Bank of China selber mitentscheidende Instanz auf dem Bankenplatz. Hongkong war also die erste Auslandsadresse und geriet darüber mehr und mehr auch in die Rolle einer chinesischen Auslandspräsenz.[4]

Voraussetzung für diese Rolle Hongkongs als Börsenplatz, von dem aus Anlagen in die ganze Region getätigt werden und an dem sich Geldüberschüsse aus der ganzen Region sammeln, von dem aus China erschlossen wird und auf den man Gewinne aus dem Chinageschäft transferiert, war der besondere Status, den die Kronkolonie unter der britischen Hoheit und mit Chinas Mitwirkung innehatte: der Status einer exterritorialen Stätte kapitalistischen Geschäfts.[5] Hongkong war Freihafen und Finanzplatz mit eigener Steuer- und Geldhoheit, befreit von britischer Bankgesetzgebung und -aufsicht, ganz ausgerichtet auf die Geschäftsfreiheiten internationaler Anleger, befreit von nationalen Standortvorbehalten und -beschränkungen, aber ausgestattet mit dem Schutz einer führenden westlichen Macht und mit chinesischen Bestandsgarantien – ohne politische Duldung Chinas, ohne Lebensmittel, Wasser und anderes aus dem Hinterland hätte Hongkong gar nicht überleben können.

Seinen Niederschlag gefunden hat dieser Sonderstatus in einem eigenen, eigentümlichen Kreditgeld, dem Hongkongdollar. Bei diesem Anlagemittel des Finanzplatzes handelt es sich nämlich nicht um das Kreditgeld eines Staates, mit dem er seine Gesellschaft ausstattet, auf dessen Gebrauch er sie qua seiner Hoheit in den Grenzen seiner Gewalt festlegt und das er im eigenen Interesse laufend vermehrt. Der Hongkongdollar ist eine eigene Geldware, eingerichtet nur dafür, immerzu auswärtiges Kapital anzuziehen, und das sieht man ihm auch an.[6] Er kommt nicht unter der Regie staatlicher Geldhoheit und nach deren Maßgaben und Finanzbedürfnissen in die Welt. Das hat seine gute Seite, weil diesem Geld die Last staatlicher Faux frais erspart bleibt. Dieses Kreditgeld regelt sich frei von politischer Dazwischenkunft, ohne einen Staat, der sich laufend nach seinen Bedürfnissen am geschaffenen Reichtum bedient, um ihm zu dienen; und der laufend mit seinen Schulden die Materie vermehrt, welche ihre Geldqualität erst noch im geschäftlichen Gebrauch und schließlich und unwiderruflich dort beweisen muß, wo nur noch ihre Tauglichkeit als Geschäftsmittel und nicht mehr die verpflichtende Gewalt des Staates zählt, im internationalen Vergleich der Gelder. Der Hongkongdollar kommt durch den Finanzplatz selber, gleich nur in der Funktion eines Kreditmittels für Privatgeschäfte, also überhaupt nur für das erfolgreiche Bestehen im internationalen Vergleich in die Welt; ganz ohne staatliche Verschuldungspraxis rein nach dem Bedarf, den die laufenden und die Aussichten auf künftige Kreditgeschäfte mit sich bringen. Das hat aber auch die andere Seite, daß ihm die Wucht eines nationalen Kredits fehlt, hinter dem eine Nation mit ihrer ganzen kapitalistischen Leistungsfähigkeit steht. Seine Attraktivität resultiert nicht aus den Anstrengungen nationaler Standortpolitik und den mit staatlichem Kredit immerzu beförderten Leistungen einer Ökonomie, die sich dieses Kredits für ihre Geschäfte bedient. Wie er nachgefragt wird, was er also wert ist, hängt von vornherein ganz an seiner internationalen Verwendung, an der bewiesenen Fähigkeit, daß sich mit ihm Standortbedingungen anderswo ausnutzen lassen. Seine Geldqualität liegt allein in der Gewähr, die er Anlegern bietet, ihren Reichtum in der ganzen Region lohnend anlegen und zugleich jenseits nationaler Anlagesphären festhalten zu können. Als Materie für „global players“ hat er deshalb auch seine besonderen Garantien; seine Verläßlichkeit als Aufbewahrungsmittel beruht nicht auf den währungspolitischen Versprechen einer leistungsfähigen Nation, den Wert ihres nationalen Geschäftsmittels im internationalen Vergleich zu erhalten. Die Sorge um seine Stabilität ist das Werk einer Ausgabebehörde, die selber keine staatliche Kreditmacht repräsentiert; das Vertrauen der Adressaten in die Wertbeständigkeit ihres Kreditzeichens wird durch den Bezug auf das oberste Weltgeld, die feste Umtauschgarantie gegen Dollar, erhalten und dadurch untermauert, daß die politische Verwaltung des Finanzplatzes die bei ihr eingelaufenen Devisen wie einen Staatsschatz handhabt. Die Erfolge des Finanzplatzes kommen ihm also unmittelbar als „Sicherheit“ seines Geschäftsmittels zugute.

Mit diesen Eigenarten war der Hongkongdollar die passende Geldware, um beide Seiten zu vermitteln: das internationale Finanzkapital und die kapitalbedürftigen regionalen Staaten, vor allem aber den Westen und das in den kapitalistischen Weltmarkt aufgebrochene China. So existierte Hongkong als ein erfolgreicher imperialistischer Sonderfall.

Die Folgen der Erbschaft: zwei Gelder unter Chinas Hoheit, eine ungeklärte Statusfrage und ein Kampf ums Vertrauen der Spekulanten

Mit der Übergabe an China ist das alles erst einmal im Prinzip hinfällig. Soviel steht nämlich fest: Die Gewähr, die der Hongkongdollar darstellte, insbesondere an China zu verdienen und sich dabei zugleich gegen das Risiko China zu versichern, ist angegriffen, wenn der exterritoriale Charakter Hongkongs sich erledigt und der Finanzplatz einem Staat, und dazu noch einer nach den Maßstäben des weltweit agierenden Kapitals so problematischen Hoheit wie der chinesischen zugeschlagen wird. China wird damit ja Herr über einen Haufen internationalen Kredit, den es in den Augen der Finanzwelt selber nicht „verdient“ und der sich aus gutem Grund außerhalb Chinas versammelt hatte. Also ist Unsicherheit über die Zukunft des Finanzplatzes unvermeidlich.

Zweifel wollten die an der Staatsaktion Beteiligten durch die einvernehmliche Regelung der Besitzstandsfrage – immerhin eine Machtfrage allerersten Ranges, die mit dem Heranrücken des Fälligkeitstermins immer dringlicher wurde – gerade ausräumen; Großbritannien, weil der versammelte Kredit des Westens dort auf dem Spiel stand; China, weil es sich diesen Kredit weiterhin erhalten wollte.[7] Großbritannien hat sich entgegen seiner ursprünglichen Vorstellung von einer künftig geteilten Zuständigkeit deshalb mit dem Verlust Hongkongs abgefunden, aber auf Garantien für den Finanzplatz bestanden. China seinerseits hat zwar auf voller Souveränität bestanden, sich aber darauf eingelassen, die Beendigung von „Kolonialismus und Imperialismus“ auf dem von ihm beanspruchten Territorium wie ein einziges Dementi eines Wechsels zu gestalten: Gemäß Übergabevertrag ist Hongkong ein „Sonderverwaltungsgebiet“ mit eigener Lokalregierung und eigenen Exekutiv- und Legislativbefugnissen; Eigentumsverhältnisse und Wirtschaftsordnung bleiben in Kraft; es gibt weiterhin den Hongkongdollar; Hongkongs Devisenreserven sind dafür reserviert, den Hongkongdollar zu stützen; die chinesische Zentralbank ist ihrerseits angehalten, falls nötig, mit eigenen Devisenreserven einzuspringen. Beide Seiten haben sich also in dem Bemühen getroffen, den Herrschaftswechsel so zu organisieren, daß sich außer der zuständigen Obrigkeit nichts Wesentliches ändert.

Dabei ist dieser Wechsel die alles entscheidende Änderung. Es ist ja gar nicht zu übersehen, daß alles, was an den alten Sonderstatus des Finanzplatzes gemahnt, unter der neuen Hoheit ganz neu organisiert wird, also ihr Werk – und damit eben auch Produkt ihrer Berechnungen ist: Es ist Peking, das jetzt als Garant für die Haltbarkeit des Geldes auftritt; unter seiner Regie und in Absprache mit ihm waltet jetzt die „autonome“ Hongkonger Währungsbehörde; gemäß seinen politischen Vorgaben und Vorhaben werden jetzt in Hongkong Geschäfte gemacht. Das ändert erstens den Charakter des Finanzplatzes und zweitens den des Geldes, mit dem dort gewirtschaftet wird, grundlegend.

Hongkong ist nun der Finanzplatz Chinas, und also solcher wird er auch genutzt: als Hebel seiner beschleunigten Kapitalisierung. Das geschieht ganz „marktkonform“: Der Staat stattet seine Unternehmen, die er für geeignet hält, entsprechend aus, damit die Börse zugreift; er sorgt über den Kredit, den er seinen Banken und Betrieben gewährt, dafür, daß sie massenhaft in Hongkong Fuß fassen und Einfluß gewinnen. Das alles nimmt sich wie eine bloße Vermehrung der bisherigen schon gewohnten Beziehungen chinesischer Betriebe zur Hongkonger Börse aus, ist aber mehr. China wirkt als politischer Monopolist in die Börse hinein, zwar nach deren Gesetzen, aber eben mit dem Privileg, das ein zuständiger Staat mit seiner Hoheit dort allemal besitzt, wenn er in Gestalt seiner Betriebe und Banken als Kreditnehmer und -geber auftritt, und ohne die bisherigen Bedenken, der Staat würde damit ein Stück Entscheidungsfreiheit aus der Hand geben. Jetzt gehen nicht mehr bloß chinesische Betriebe an die Hongkonger Börse, sondern dort organisiert der Staat seine Entwicklungsinteressen als besonders lohnendes Angebot. Bei entscheidenden Bereichen für einen nationalen Standortaufbau wie Telekommunikation, Flugverkehr usw. setzt China verstärkt darauf, sich über Hongkong internationaler Multis als Entwicklungshelfer zu bedienen, die nationale Anstrengungen in Staatsregie überflüssig machen sollen.[8] Umgekehrt finden Chinas Kapitalismusplaner in Hongkonger Börsennotierungen die unbestechliche Bewertung vor, was ihr Inventar eigentlich, eben nach den einschlägigen kapitalistischen Maßstäben, gilt, und lassen sich das als heilsamen Sachzwang für ihre Staatsbetriebe einleuchten: Demnächst soll das Öffnungsprogramm auch eine Reihe von „maroden“ Staatsbetrieben erfassen und sie der neuen Rechnungsweise unterstellen.[9] Vor allem aber zählt jetzt das Wachstum des Finanzplatzes als Teil der chinesischen Reichtumsbilanz, als dessen bevorzugter Teil sogar, der den gültigen Wert der nationalen Anstrengungen und den Kredit, den sie genießen, mißt. Hongkong repräsentiert also jetzt Chinas internationalen Kredit.

Eben deshalb hat China dem Börsenplatz auch das Recht verbrieft, ganz nach den freien Erwägungen der Spekulanten die Angebote prüfen und wahrnehmen zu dürfen – eben genau so und genau so frei wie bisher. Das ist an sich so außergewöhnlich wieder nicht, weil freier Geldtransfer, niedrige Steuern und ähnliches zu den Ausstattungen eines Finanzplatzes gehören, die Börsenprofis und Großkunden international nun einmal erwarten, bevor sie sich überhaupt an die Prüfung der Angebote machen. Außergewöhnlich ist, daß diese Freiheit wie ein förmlicher Verzicht des Staates daherkommt: wie die Bewahrung der Exterritorialität unter chinesischer Hoheit. Das liegt erstens daran, daß China das Mißtrauen der internationalen Anleger in seine ökonomischen Fähigkeiten und seine politische Verläßlichkeit mitbedacht hat; es will und muß sich ja nicht erst Kapital erschließen, sondern nimmt ein voll entwickeltes Zentrum des Weltfinanzkapitals mit seinen etablierten Ansprüchen unter seine Regie und will es dadurch auf keinen Fall als solches beschädigen. Das liegt zweitens daran, daß dieses Stück fertiger Kapitalismus zu den sonstigen, noch gar nicht soweit gediehenen oder ausdrücklich noch ganz anders organisierten Teilen der chinesischen Ökonomie ins Verhältnis gesetzt werden muß.

Mit dem Herrschaftswechsel ist auch der Hongkongdollar, ob er will oder nicht, chinesisches Geld. Er ist das Hauptinstrument, mit dem China seine kapitalistische Produktion voran bringt; Wirtschaftserfolge, die seinen Wert begründen, sind chinesische; die Erträge, die seine Verwendung als nach wie vor internationales Finanzmittel einspielt, sind Teil des Staatsschatzes von China; und er ist Objekt seiner staatlichen Währungspflege. Kurz: Die internationale Begutachtung und Nachfrage gilt nun einem Geschöpf chinesischer Geldhoheit. Wie diese Hoheit wahrgenommen wird, ist eine andere, aber eben Chinas Sache. Die fällt allerdings seltsam genug aus. Der chinesische Staat hat seine neue Geldhoheit nämlich wie ein einziges Versprechen staatlicher Zurückhaltung bei ihrer Ausübung organisiert. Er hat dem Hongkongdollar mit allen möglichen Bestimmungen und Vorkehrungen den Charakter eines von seiner Verfügung als Staatskredit getrennten Geldes verliehen und sein Verhältnis zu diesem Geld so organisiert, wie wenn er allen Ernstes extern zu ihm stünde – eben nicht als eine an ihrer Geldmacht interessierte Staatsgewalt, sondern nur als eine für die Garantie eines selbständigen Geschäftsmittels zuständige Herrschaftsinstanz. Dieses Geld wird von der zuständigen Obrigkeit behandelt, als ob es ihrer Verfügung entzogen wäre; sie verspricht, sich seiner „bloß“ nach den Gepflogenheiten der Börse zu bedienen, nur als ein, wenn auch bevorzugter, aber eben bloßer Teil der geschäftlichen Nachfrage und des geschäftlichen Angebots am Finanzplatz aufzutreten. Der Glaubwürdigkeit dieses Versprechens dienen die ganzen geldpolitischen Absonderlichkeiten, die aussehen, wie wenn Bewährtes beibehalten würde, aber – als chinesische Einrichtung – etwas ganz Neues und überhaupt nicht ‚Altbewährtes‘ sind: das Institut einer gesonderten Währungsbehörde mit einem eigenen an den Hongkongdollar gebundenen Teil des Staatsschatzes, die Umdefinition der sonstigen staatlichen Devisenbestände zu einer zusätzlichen Reserve für die „Hongkonger“ Devisenreserven; die Delegation von Staatsbankfunktionen – Ausgabe der Banknoten, geldpolitische Kompetenzen, Währungspflege – an das Gremium Hongkonger Großbanken. Die zuständige chinesische Hoheit organisiert mit der Übernahme bisheriger Regelungen unter ihre Regie und lauter neu geschaffenen Zusatzgarantien also die Fiktion, der Hongkongdollar sei weiterhin ein Geld, hinter dem bloß geschäftliche Interessen stünden und gar nicht der Staat mit seinen hoheitlichen Verwendungsansprüchen. Denn sie will mit ihrer Übernahme eines Stücks Weltkredit auch seine ungebrochene internationale Anerkennung miterben. Als Teil chinesischer Bilanz und Instrument seiner Herrschaft soll dieses Geld haargenau so international nachgefragt und erfolgreich genutzt sein wie bisher. Deshalb machen sich die neuen Herren über dieses Geld für den Beweis stark, daß es auch als chinesisches – nach wie vor und mehr denn je – das Vertrauen der Anleger verdient. Mit lauter Sondergarantien wollen sie ihrer neuen Währung die bisherige Reputation einer frei verfügbaren sowie sicheren Geschäftsmaterie bewahren – als ob sich Chinas Kreditwürdigkeit als ein besonders lohnendes Objekt internationaler Anleger durch eine gekonnte Organisation seines Geldwesens bewahren und beweisen ließe.

Damit hat sich China allerdings etwas nicht gerade Alltägliches eingerichtet – die staatliche Hoheit über zwei Gelder: den Hongkongdollar als eine eigene Außenhandelswährung und den Yuan als eine davon unabhängige eigene Binnenwährung. Was gewöhnlich die zwei Seiten eines nationalen Geldes ausmacht – nach innen ist es vom Staat in die Welt gesetzter, für seine Ökonomie automatisch gültiger, eben: Staats-Kredit, nach außen steht es in einem Vergleich als internationales Geschäftsmittel, auf den Finanzmärkten wird es in dieser Eigenschaft begutachtet und bewertet, in seinem Wert werden also ökonomischer Erfolg wie Mißerfolg der Nation bilanziert, und in dem Maße verfügt dann auch der Staat mit seiner Geldhoheit über eine wirkliche ökonomische Macht – das fällt für China in das Verhältnis zweier Währungen auseinander: Was vorher herrschaftlich getrennt existierte, das soll jetzt nach dem Willen Chinas als zwei Abteilungen seines Staatskredits gesondert existieren und jeweils seine nützlichen Dienste tun:

– Auf der einen Seite ein international gültiges, von den Anlegern frei bewertetes Finanzmittel, vorgesehen für die guten internationalen Geschäfte, ausgestattet dafür mit besonderen Haltbarkeitsgarantien, das in Hongkong und von Hongkong aus nach ganz China hinein fungieren soll. Dieses Geld soll mit einem verläßlichen onus weltweiter Anerkennung versehen und vom inneren chinesischen Geldwesen unbehelligt und unbeschädigt bleiben; diesem Teil des nationalen Geldwesens bleibt die Freiheit der Bewegung nach geschäftlichen Kriterien reserviert; in dieses Geld soll unmittelbar und ausschließlich Reichtum von außen fließen; und seine Erträge sollen in Form eines eignen Schatzes getrennt festgehalten werden und so soll es China verläßlich internationalen Kredit zuspielen.

– Auf der anderen Seite eine zweite nationale Geldmaterie, hinter der nur die Geldhoheit des Staates steht, deren Gültigkeit auf seinen Hoheitsbereich beschränkt bleibt, die nicht über die Grenzen seiner Geldhoheit hinaus als Geschäftsmittel gehandelt und verglichen wird. Dieses Geld soll das „chinesische“ Geld sein, in dem sich der Staat offiziell verschuldet; das er als Instrument handhabt, um im Inneren Dienste seiner Gesellschaft zu mobilisieren; das aber gleichfalls lauter Geschäfte in China in Gang bringt, weil Anleger es außerhalb Hongkongs in China benutzen müssen. Diesem Teil seines nationalen Geldwesens reserviert er die Rolle seines Staatskredits, so als ob es nicht dem Vergleich als Geschäftsmittel unterläge, weil er es nicht zur frei handelbaren Materie erklärt hat.

Mit dieser Verdoppelung seines nationalen Geldwesens versucht China, den Maßstab des Geschäfts anzuerkennen, der in den in Hongkong versammelten Kapitalmassen etabliert ist, sich seiner zu bedienen und sich zugleich die hoheitliche Freiheit zu bewahren, sein Geld zur Förderung und Kontrolle der kapitalistischen Entwicklung seines Landes einzusetzen. Dabei gehen die Zuständigen in Peking wie selbstverständlich davon aus, daß sie damit keinesfalls ein problematisches, und schon gar nicht ein unmögliches Konkurrenzverhältnis zwischen beiden Abteilungen ihres nationalen Geldwesens installiert haben: zwischen einem Geld, das zum Maß und Zweck seines Reichtums erhoben ist, aber nicht für die ganze Gesellschaft und nicht als letztes Maß und Ausweis seiner Verschuldung gelten soll, und einem Geld, das seine Geldhoheit repräsentiert, also solches aber nicht Ausgangs- und Endpunkt internationaler Anleger, insoweit gültiger Reichtum nur in China ist. Ganz im Gegenteil: Irgendwie sollen die beiden Gelder nebeneinander existieren, sich einander „annähern“, indem der Renminbi immer solider und dem Hongkongdollar gleichwertig wird, und irgendwann einmal, ungefähr nach 50 Jahren sollen sie „zusammenwachsen“. Eine etwas gewagte Konstruktion. China traut sich zu und tritt an zu beweisen, daß das geht und Hongkong seinen bisherigen Sonderstatus weiterhin voll und ganz verdient.

Viel neuer Stoff für die in Hongkong versammelte Finanzwelt also, die den neuen Zuständen wie immer begriffslos die Signale und Daten ablauscht, worauf sie setzen soll, und den neuen Bestimmungen des Finanzplatzes entsprechend hinterherspekuliert. Dabei sind allerdings ein paar Klarstellungen ergangen, daß die kapitalkräftigen Adressaten den Finanzplatz Hongkong jetzt neu, als ihre Chinabörse eben, bewerten; die Krise hat ihren Teil zu diesen Klarstellungen beigetragen.

Zunächst haben die Anleger abgewogen, ob die neue chinesische Hoheit das Geschäft eher befördert oder ob sie einseitig oder gar schädlich Einfluß auf die Börse nimmt.[10] Sie haben also den chinesischen Staat in der neuen Rolle einer übergeordneten Instanz, die über Börsenkonditionen und Angebote entscheidet, als das Spekulationsobjekt abgewogen, das jetzt in Hongkong zu bewerten ansteht. Es wurde kräftig darauf spekuliert, daß mit der neuen Zuständigkeit das Angebot China nur lohnender werden kann, und chinesischen Aktien einen Boom beschert. Noch bevor sich so etwas wie Routine im neuen Zuständigkeitsverhältnis hätte einstellen können, ist dann von rein ökonomischer Seite Besorgnis über den künftigen Gang der Geschäfte in Hongkong aufgekommen – durch die Börsenturbulenzen anderswo: Hongkong geriet „in den Sog der Krise“. Die Spekulanten haben unter den Vorzeichen der Krise die Frage aufgeworfen, ob und wieweit der Finanzplatz im Besitz Chinas als Ausnahmefall einer regionalen Krisenversicherung taugt. Das zeichnet ihn aus. Die Zweifel bezüglich dieser neuen Rolle sind damit allerdings auch in der Welt. Denn in der einen Funktion, als Anlageplatz für die ganze Region der „aufstrebenden asiatischen Märkte“, ist er Betroffener von deren Einbruch. Also ist jetzt die alles entscheidende Frage, was er in seiner Rolle als Zentrum des finanzkapitalistischen Zugriffs auf China leistet und ob er nicht in dieser Funktion eine Sonderbewertung verdient. Diese Prüfung fiel fürs erste nicht so positiv aus, weil die geschädigten Anleger auf dem Sprung sind, auch ihr Vertrauen in den „riesigen Wachstumsmarkt“ China zu relativieren und dessen begrenzten Charakter ins Auge zu fassen, mag er sich auch – verglichen mit den „emerging markets“ – allein schon durch seine Masse auszeichnen.[11] Prompt stand auch der Hongkongdollar in seiner Qualität einer internationalen Anlagewährung mit besonderen Sicherheiten in Frage. Wieder war China gefragt – und beargwöhnt: diesmal als zuständige Garantieadresse für die „Verteidigung des Hongkongdollar“. Ziemlich haltlos wurde hin und her erwogen, ob China nicht eigentlich, um konkurrenzfähig zu bleiben, seine innere Währung abwerten müßte, nachdem die Gelder seiner Nachbarn abgewertet haben; ob es sich dies andererseits wegen der unweigerlich negativen Folgen auf den Hongkongdollar überhaupt leisten könne, also im eigenen Interesse dazu gezwungen sei, so lang es geht, den Renminbi und damit auch den Hongkongdollar stabil zu halten. Die Vorstellung, daß es sich beim Hongkongdollar noch um eine reine Geschäftsmaterie handelt, haben die Spekulanten also schnell begraben; er wird jetzt als Sondergeld Chinas behandelt, und es wird nach der Glaubwürdigkeit Chinas als Hüter dieses Geldes gefragt. Die Fiktion zweier Gelder, die China jetzt unter seiner Hoheit betreut, haben sie allerdings nicht aus dem Verkehr gezogen, sondern bestätigt und einseitig verlängert: Dadurch daß der Staat den Umgang mit seinem inneren, der Spekulation entzogenen Geld nicht an seinen Konkurrenzbedürfnissen, sondern ganz an den Bedürfnissen der Spekulanten nach einem als ihrem Geschäftsmittel brauchbaren Hongkongdollar ausrichtet, soll China ihnen irgendwie die Haltbarkeit seines äußeren Geldes garantieren, gegen das sie gerade spekulieren. Die aufgeregte Prüfung, ob China das vermag, ist letztlich schon wieder nichts anderes als die Frage nach den Leistungen Chinas fürs internationale Geschäft unter Krisenbedingungen, allerdings so verquer und verkompliziert gestellt, wie es zur Konstruktion des Finanzplatzes unter chinesischer Hoheit paßt.

Und genau so hat China sie aufgenommen: Es hat sich zu seiner Rolle als Währungshüter des Hongkongdollar bekannt und seine Entschlossenheit und Fähigkeit demonstriert, sie nach Kräften auszufüllen:[12] Mit der Erhaltung der entscheidenden Qualität des nun ihnen unterstehenden Kreditgelds, der Dollargleichheit, wollen Chinas Zuständige den ökonomischen Sonderstatus Hongkongs und damit die besondere Kreditwürdigkeit Chinas beweisen und bewahren, auf die sie und ihre Wirtschaft fest rechnen. Hongkong und der Hongkongdollar sollen von der Krise ausgenommen bleiben – also nicht zum Geld Chinas mit begrenztem Wert herabgestuft werden.

Eine letzte Besonderheit: Das unkalkulierbare politische Risiko

Wegen des vordringlichen Problems, was China für die Hauptmacher der Weltwirtschaft unter Krisenbedingungen ökonomisch zu leisten imstande ist, ist die andere, die weltpolitische Seite Hongkongs etwas aus dem Blick geraten. Auf dem Prüfstand steht China ja auch noch und vor allem in den Augen amerikanischer Weltaufsicht als ein weltpolitischer Problemfall: Es pocht auf seine Selbständigkeit, ist nicht eingebunden in ein amerikanisch inspiriertes Bündnissystem und ordnet sich schon gleich nicht amerikanischen Definitionen seiner Rolle unter, die alle auf Beschränkung hinauslaufen. Die Öffnung zum Weltmarkt hat daran nichts geändert, sondern eher die nationale Zwecksetzung erkennen lassen, sich darüber machtvoller ins Weltgeschehen einzubringen. Zwar hat sich die ursprüngliche Befürchtung, China könnte den kapitalistischen Weg auch wieder verlassen, ziemlich verflüchtigt; die Sorge wegen Chinas nationalem Weg, der auf alles andere als Unterordnung unter amerikanische Hegemonie zielt, aber überhaupt nicht. Kurz: Chinas Übergang zum Kapitalismus ist ziemlich das Gegenteil des welthistorischen Glücksfalls einer weitgehenden Selbstentmachtung, den Rußland mit seinem Systemwechsel dem Westen beschert hat. Deshalb ist und bleibt China ein Stör- und potentieller Konfliktfall, und die Drohung einer Bestreitung der Anerkennung ist laufend präsent. Jedesmal, wenn die ‚System‘frage aufgeworfen wird, von der China selbst sich längst verabschiedet hat, werden die prinzipiellen Vorbehalte Amerikas angemeldet – und jedesmal verwahrt sich China genauso prinzipiell dagegen. Das ökonomische Interesse an China kreuzt sich also ständig mit grundsätzlichen strategischen Bedenken gegen China.

Die Normalität eines nun chinesischen Hongkong, zu der alle Seiten übergegangen sind, ist für diesen Finanzplatz deshalb mit einem besonderen politischen Risiko behaftet. Er ist mehr denn je darauf angewiesen, daß die politischen Gegensätze den Benutzungsinteressen untergeordnet bleiben. Das hat die Hongkonger Geschäftswelt beim Herrschaftswechsel amerikakritisch zu Protokoll gegeben: „You want to know what would be a good American policy toward Hongkong? This may sound simplistic, but try it: Leave us alone.“ Und daran erinnert aus der umgekehrten Sicht die Süddeutsche Zeitung, wenn sie anläßlich der Kreditkrise im Wirtschaftsteil das Problem aufwirft, ob die China zugedachte Rolle eines ökonomischen Gegengewichts gegen die entwerteten „Tiger“-Ökonomien die westliche Welt nicht politisch zur Ohnmacht zu verdammen droht.

[1] Vgl. dazu den Artikel: „Thailand – das Auf und Ab eines ‚emerging market‘ und seine Grundlagen in der weltweiten Überakkumulation“ in GegenStandpunkt 4-97, S.161!

[2] Zu Maos Zeiten hat sich China dieses imperialistischen Vorpostens als sein „Tor zum Weltmarkt“ für den vom inneren ökonomischen Leben getrennten Handel mit seinen Feinden bedient – über Hongkong kam China selbst mit den USA und Taiwan ins Geschäft, umgekehrt beteiligten sich über Hongkonger Tochterfirmen auch amerikanisches und taiwanesisches Kapital immer schon am Chinageschäft. Seit Chinas Öffnung und der Einrichtung kapitalistischer Sonderwirtschaftszonen hat Hongkong dann die Rolle eines kapitalistischen Entwicklungsmotors für China übernommen: Der Handel unterlag nicht wie der Chinas politischen Beschränkungen und „Antidumping“-Zöllen; umgekehrt genossen Hongkonger Betriebe in China besondere Freiheiten. Hongkongs Unternehmer mit ihrer „Chinaerfahrung“ haben nicht zufällig als Vorreiter im Ringen mit den lokalen und übergeordneten Behörden ausgetestet, was in China geht; sie haben dabei ihrerseits den chinesischen Entscheidungsstellen klargemacht, was alles gegeben sein muß, damit Geschäfte gehen. Inzwischen laufen über Hongkong 80% der chinesischen Exporte und in der Sonderwirtschaftszone Shenzen arbeiten 5 Millionen Billigarbeitskräfte für Hongkonger Unternehmen. 80% der Direktinvestitionen in Shenzen und 60% in ganz China stammen aus Hongkong. Dank dieser segensreichen Kooperation ist der Südosten Chinas Hauptregion in Sachen kapitalistischer Fortschritt. Umgekehrt ist China darüber die bevorzugte Geschäftssphäre Hongkongs geworden, der Ersatz für den fehlenden eigenen Wirtschaftsraum, in dem sich Kapital zu Sonderbedingungen anlegen kann. Die Erfolge von Handel, Produktion, Kredit und Immobilienspekulation sind an den Bilanzen Hongkongs abzulesen und an den Lebensumständen der Massen in der „reichsten Stadt der Welt“ – von ihrem chinesischen Hinterland ganz abgesehen – zu besichtigen.

[3] Hongkongs Spezialität sind die „Red Chips“ und „H-Shares“ – Aktien von Firmen aus der Volksrepublik.

[4] Der Umweg über Hongkong war für Chinas Reformer eine Seite des berechnenden Umgangs mit ihrer Lage als noch-nicht-kapitalistisches Land: daß ihnen im eigenen Land weitgehend Gelegenheit und Mittel für das kapitalistische Wachstum fehlten, auf das es ihnen ankam. Die andere Seite war die Handhabung ihrer nationalen Geldhoheit. Der eigenen Währung haben sie den Test, was sie im internationalen Vergleich mit anderen Geldern an Nachfrage auf sich zu ziehen vermag, also als Geschäftsmittel internationaler Anleger wert ist, erst einmal nicht zugetraut. Deshalb haben sie ihm diesen Beweis auch nicht zugemutet. Sie wollten sich mit ihrem Staatskredit nämlich nicht vom – zu erwartenden – negativen Urteil der auswärtigen Finanzmärkte abhängig machen. Der Renminbi ist nicht frei konvertibel, die Devisenverwendung ist im Innern streng reglementiert, auswärtigen Anlegern aber wird der freie Umtausch des Yuan zu staatlich festgelegten Kursen garantiert, damit sie sich seiner bedienen. Statt sein nationales Geld zum Spekulationsgegenstand zu machen, um die Qualität seiner Staatsschulden als brauchbarem Geld bestätigen, oder aber eben auch nicht bestätigen zu lassen, hat China seinen Zugang zu internationalem Kredit anders, über Hongkong, geregelt. Nicht sein Geld, sondern seine Unternehmen hat es dort zum internationalen Angebot gemacht und bewerten lassen und so für seine nationale Entwicklung Kapital mobilisiert.

[5] Großbritannien hat die Kronkolonie Hongkong von vornherein als Handelsstützpunkt und Warenumschlagplatz – ursprünglich im Interesse der englischen Welthandelsmacht – eingerichtet und nicht wie normale Kolonien, um andere Nationen von der Benutzung eines Territoriums auszuschließen.

[6] Die Banknotenausgabe wird durch die drei großen Hongkonger Banken geregelt, seit 1993 unter Hinzuziehung der Bank of China zu einer formellen Währungsbehörde, der Hong Kong Monetary Authority, zusammengeschlossen. Seit der Währungskrise im Zuge der Übergabeverhandlungen 1983 ist der Hongkongdollar in einem festen Verhältnis an die amerikanische Währung gebunden. Die Banknotenausgabe ist am Umfang der Hongkonger Devisenreserven in US-Dollar ausgerichtet. Die Devisenschätze sind dafür reserviert, die Haltbarkeit des Hongkongdollar zu beglaubigen und ansonsten den Banken zur freien Verfügung zu stehen. Die Kosten der Standortverwaltung waren vergleichsweise gering, so daß die als „Haushalt Hongkongs“ firmierende öffentliche Bilanz trotz niedriger Steuersätze notorisch positiv ausfiel und keine Schulden verbuchte.

[7] Nicht zuletzt auf Betreiben von Wirtschaftskreisen, die langfristig Sicherheit wollten, nahm Großbritannien schon Anfang der 80er Jahre die Verhandlungen auf. Dazu kam das politische Interesse, Chinas „Öffnung“ voranzutreiben und das Land für die Eindämmung der Sowjetunion zu funktionalisieren.

[8] Cable & Wireless verkauft auf ‚Signale‘ Pekings hin ein Aktienpaket der Hongkong Telecom an China Telecom. Für das Interesse, Investitionsentscheidungen solcher Firmen im nationalen Sinne zu beeinflussen, muß der Staat allerdings erst einmal Kredit aufbringen, an dem es ihm fehlt: Offen ist allerdings noch, wie China Telecom die rund 45 Mrd. HK-$ beschaffen will, die es für eine Aufstockung des Anteils auf 30% benötigen würde. Dafür verdient ein britische Firma nicht bloß 45 Mrd., sondern verschafft sich einen Startvorteil beim Einstieg in den chinesischen Telekom-Markt. (NZZ 11.6.97) Das ist keinesfalls die bei der Übergabe immer wieder beschworene „chinesische Korruption“!

[9] Zentralbankchef Dai, „ein Repräsentant der neuen Führungsschicht Chinas“: Überdies haben die Staatsbetriebe eine miserable Buchhaltungspraktik und enorme zusätzliche Kosten durch soziale Aufgaben wie Renten und Wohnungen, die unterhalten werden müssen… Die Staatsfirmen müssen halt im Markt bestehen, und wenn sie das nicht schaffen, in den Bankrott gehen. (HB 9.9.97) – so sein Kommentar zu einem neuen Bankengesetz, das die Kreditvergabe der Staatsbanken strenger reglementieren soll. Daß bei dieser „Reform“ vermehrt mit Arbeitslosen und Mittellosen zu rechnen ist, ist der Preis des Fortschritts, der hier seinen Fortgang nimmt. Bei seiner Regelung verlassen sich die „Reformer“ ganz auf die „schöpferische Kraft der Massen“ und ihre politische Gewalt.

[10] Eingekleidet wurde das in die Besorgnis, China könne sich des Reichtums Hongkongs bemächtigen und die Börse für seine politischen Unternehmungen zweckentfremden, statt der fälligen ‚politischen Förderung‘ könne die bekannte chinesische ‚Korruption‘ um sich greifen. Befürchtungen wurden laut, Peking könnte Druck auf Hongkonger Ausgabebanken ausüben, Hongkongdollar für den Ankauf chinesischer Staatsschuldscheine zu drucken. Wie lange wird die Pekinger Führung ihre Gier nach dem Hongkong-Schatz bezähmen können? … Darf die neue Sonderzone ihre Devisenreserven weiterhin frei nach Rendite-Gesichtspunkten anlegen, oder verlangt der chinesische ‚Patriotismus‘ weniger günstige Kapitalanlagen im Mutterland? (SZ 30.6.97) Die Bevorzugung festlandschinesischer Finanzinstitute ist mit Hongkongs gutem Ruf als internationaler Finanzplatz unvereinbar. (NZZ 25.4.97)

[11] Auch in Hongkong fielen daher die Kurse, insbesondere die chinesischer Unternehmen; die erste Investmentadresse am Ort mit besten Geschäftsverbindungen von und nach China ging in Konkurs; China mußte die geplante Einführung neuer Unternehmen erst einmal aufgeben; und nach dem Fall der Börsenwerte griff das Mißtrauen der Anleger auf das lokale Geschäftsmittel selber über. Der Hongkong Dollar geriet „unter Spekulationsdruck“. Jetzt entdeckten die Kenner der Materie, die einerseits den Vorzug Chinas zu schätzen wissen, sich nicht vollständig der internationalen Spekulation geöffnet zu haben – vielleicht kann man darauf jetzt spekulieren! –, andererseits in China selber lauter verkappte „krisenhafte Phänomene“: eine „hausgemachte Bankenkrise“, „undurchsichtige Bilanzen“, „verhinderte Bankrotte“ von Staatsbetrieben usw.; das macht die Spekulation leider ziemlich problematisch und entlarvt die „Red chips“ als „reine Spekulationspapiere“. (HB 8.1.98)

[12] Aus Hongkong und Peking verlautete unentwegt, keinesfalls die Parität des Renminbi und des Hongkongdollar aufgeben zu wollen; mit dem Einsatz von Hongkonger Devisenreserven, mit drastischen Zinserhöhungen, die den Kurssturz an der Hongkonger Börse forcierten, und mit dem vorläufigen Festhalten am Kurs des Renminbi wurde um das Vertrauen der Spekulanten gerungen.


© GegenStandpunkt-Verlag.