Boris Jelzin

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Boris Nikolajewitsch Jelzin
Eine Seele, groß wie Russland

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Das außergewöhnliche Lebenswerk des Boris Jelzin: Mit patriotischer Liebe hat er erst die Sowjetunion und dann das von Verkrustungen befreite Russland in Grund und Boden regiert.

Boris Nikolajewitsch Jelzin
Eine Seele, groß wie Rußland

An ihm verliert die Welt einen bedeutenden Menschen und außergewöhnlichen Politiker. Mit nie erlahmender Tatkraft begabt, ist es ihm gelungen, den Gegenstand seiner patriotischen Liebe, erst die Sowjetunion und dann das befreite Rußland, in Schutt und Asche zu legen. Mit der ihm angeborenen Sympathie für einfache Menschen hat er es vermocht, das russische Volk von seiner Sorge um Lohn und Arbeit, wie von einem irgendwie geregelten Auskommen zu befreien. Heute ist der russische Alltagsmensch diesen mühseligen Teil seines Lebens los und kann sich seiner Freizeit widmen.

Kraft der Amtsbefugnis, die ihm ein Gesetz auf den Leib zugeschnitten hatte, hat der Präsident Rußlands sein Land in Grund und Boden regiert. Für die russische Gesellschaft, die gerade den Anschluß an die Weltgeschichte suchte, von der sie sich jahrzehntelang abgekapselt hatte, war er der rechte Mann zur rechten Zeit; ein Glücksfall eben.

Für die außergewöhnliche Aufgabe, einen durch und durch verkrusteten Kommunismus an die Gegenwart heranzuführen, wußte sich Jelzin mehr als andere durch persönliche Tatkraft und Charakterstärke befähigt. Kaum hatten sich die ersten Erfolge von Marktwirtschaft und Demokratie im Lande bemerkbar gemacht, erhoben sich schon ringsum zweifelnde Stimmen, die nur den Verlust bisheriger Lebensgewohnheiten betränten. Nicht so Boris Nikolajewitsch: Das ohnmächtige Jammern weinerlicher Kreaturen ist nicht sein Naturell. Scharfsichtiger als die meisten seiner Landsleute entgeht ihm keineswegs, daß mit der anhebenden Perestrojka einiges in die Brüche geht; mit dem ihm angeborenem Optimismus erblickt er im Chaos die neue Ordnung, die auf ihn wartet. Während andere noch rätseln, kennt Jelzin den Grund der Misere. Die Unfähigkeit seiner politischen Mitstreiter – gepaart mit Charakterschwäche – bringt das Land um den verdienten Erfolg. Ohne falsche Bescheidenheit zu heucheln, weiß er sich zum Garanten des historisch Gebotenen berufen. Sein Kommando ist Rußlands Größe. So reformiert er das Land, indem er die Staatsmacht in eigene Hand nimmt, um sie nicht wieder loszulassen.

Früh vollendet

Über die Hälfte seines Lebens verbringt Boris Nikolajewitsch als Parteifunktionär in der Provinz, begraben unter der Pflicht, den Dienst am Volk nicht zu gestalten, sondern bloß zu organisieren; eine Tätigkeit, die seine besonderen persönlichen Fähigkeiten nicht recht zur Geltung bringt und allenfalls mit einem langsamen Aufstieg innerhalb der Nomenklatura vergütet wird. Noch ist er Opfer verknöcherter Verhältnisse, die Privatinitiative, Führungsqualität und die bedeutende Rolle der Person unterdrücken.

Als seine Vorgesetzten die Perestrojka ausrufen, meldet er sich gleich zur Stelle, begeisterungsfähig, wie er ist. Daß von oberster Staatsstelle der Kampf gegen ein Übermaß von Staatlichkeit und Bevormundung der Massen ausgerufen wird, trifft sich mit seinen persönlichen Neigungen, denn der Staat und seine Macht waren ihm schon immer verdächtig. Die Radikalität, mit der Gorbatschow die bisher allmächtige Partei und ihr Wirken ins Gerede bringt, um sie zu neuen Kommandohöhen zu führen, kommt Jelzins Selbstbewußtsein zupaß: „Seht her, ich, Boris Nikolajewitsch, bin aus anderem Holz als die vergreisten Bonzen!“ Zu diesem Hinweis weiß er sich berechtigt, weil er schneller als andere alle politischen Fehler und empörende Gemeinheiten der Vergangenheit durchschaut, die er bei seinem Marsch durch die Parteiinstitutionen ja selber erlebt hat. Mit diesen Fehlern hält er sich nicht auf, das wäre bloß Kurpfuscherei. Er fühlt sich als Willens- und Tatmensch herausgefordert. Die anstehende Sisyphusarbeit übersteigt zwar die Willenskraft eines Einzelnen, selbst wenn er Jelzin heißt; aber der weiß um seine persönliche Fähigkeit, den Willen anderer zu kommandieren. Kraft dieses Vorbilds läßt sich die Leistungsbereitschaft vieler anderer stimulieren.

Aus Moskau ergeht Glasnost übers Land, der Partei-Befehl ans Volk, sich nichts mehr von der Partei und deren Funktionären gefallen zu lassen, damit sich ein höheres Gehorsamsband zwischen oben und unten knüpft. Es leuchtet Boris Nikolajewitsch unmittelbar ein, durch eine breit angelegte Diffamierungskampagne die Produktion anzukurbeln. Damit das glückt, ist er als erster vor allen anderen Parteikollegen zur Stelle, um die eingehenden Beschwerden entgegenzunehmen. So spricht der unsortierte Volksunmut auf alle Fälle für ihn. Für ihn spricht auch, daß er persönlich das Aufräumen mit allen Schuldigen in die Hand nimmt. Deren Zahl steht irgendwie im proportionalen Verhältnis zur Unmenge der vorgebrachten Beschwerden, so daß nach jeder Korrektur in seinem Machtbereich jede Menge wichtiger wie unwichtiger Posten neu besetzt sind – mit Leuten, die ihr Amt dem edlen Geber verdanken.

Bald schon ist der Jelzin-Stil erfunden und im Land gerühmt, an dem das Volk den Unterschied zwischen ihm und denen, die er elitäre Amtsträger der Nomenklatura schimpft, klar erkennen kann. Mitten im aufreibenden Amtsgeschäft gönnt sich Jelzin ein erholsames Bad in der Menge, läßt seine Dienst-Limousine in der Garage und mischt sich in der U-Bahn unters Volk. Er besucht einfache Menschen bei der Arbeit, die damals die meisten noch haben; kennt also deren Sorgen. Er ist leutselig und mit vollem Herzen dabei, was ein bezeichnendes Licht auf die Halbherzigkeit anderer Amtsträger wirft, die überfälligen Reformen anzupacken. Das kommt an: Volk und Führung, seit Lenin der Auffassung, es müsse nicht nur in Worten, sondern in Taten gehandelt werden, sind beeindruckt von der Konsequenz, mit der Boris Nikolajewitsch den Kampf gegen Verknöcherung und Bürokratie aufnimmt, indem er sich einen ihm ergebenen Apparat schafft.

Sein unermüdlicher Einsatz empfiehlt ihn für höhere Aufgaben. Anders als der landläufige Typus des Parteibürokraten drückt sich Jelzin vor keiner ihm persönlich übertragenen Verantwortung und folgt dem Ruf nach Moskau. Mit dem Bürgermeisteramt wächst seine Energie, das für notwendig Erkannte durchzusetzen. Schon wieder, jetzt aber an höherer Stelle, verbindet er Pflicht und Neigung: „Willst du einen Mißstand beheben, setz den Zuständigen ab!“. Sein untrügliches Unterscheidungsvermögen läßt ihn Freund und Feind des sich im Land vollziehenden Umwandlungsprozesses klar auseinanderhalten: Sein Reformwille richtet sich gegen alle, die sich seinen persönlichen Anordnungen nicht umstandslos unterordnen. Auch entgeht ihm nicht, daß Gorbatschow mehr und mehr lächerlich und peinlich wirkt, wenn er Partei und Volk zur Reform ermahnt und sich darüber beschwert, daß seine Worte so richtig nirgendwo ankommen; und er ist ehrlich genug, diesen Eindruck nicht für sich zu behalten. Bei allem gebotenen Respekt vor dem Mann, der im Ausland als Vater des neuen Rußlands gilt, kommt Jelzin nicht um die Einsicht herum, daß einer sich an die Spitze setzen muß, um die Perestrojka zu retten; da nötig, auch gegen ihren Erfinder.

Erwünschte und weniger erwartete Folgen der Initiativen des Moskauer Oberbürgermeisters stellen sich ein. Moskauer Bürger, die jahrzehntelang einer alles erdrückenden Ordnung ausgesetzt waren, erleben, daß es sich auch ohne tägliche Heizung gut leben läßt und ziehen – ganz gesundheitsbewußt – den Gang durch städtische Grünanlagen dem Warten auf Verkehrsmittel vor, die unpünktlich oder überhaupt nicht fahren. Andererseits wird Boris Nikolajewitsch seine durch persönliche Tatkraft erworbene Popularität beim Volk von vielen seiner Berufskollegen nicht gegönnt. Die Partei, um deren neues Aussehen sich Jelzin unermüdlich kümmert, macht ihn schlecht; in ihr bildet sich eine – schon wieder rückwärts gewandte – Koalition des Neids. Wer sich nicht vom Lob und Tadel der Partei abhängig macht, sondern geradlinig seinen Kurs verfolgt, gilt als einer, der sich auf Kosten der Partei profilieren will. Dieses Unverständnis, mit dem sich die Partei nicht hinter, sondern gegen ihre aufrechteste Persönlichkeit stellt, bringt Boris Nikolajewitsch einen herben Rückschlag ein. Er muß sich vorübergehend der Macht der immer noch vorhandenen kommunistischen Beharrungskräfte beugen.

Schicksalsschläge härten bekanntlich den Charakter. Mit dem durch seine Absetzung geschärften Gespür für die allseitigen Mißstände im Land, weiß Jelzin den entscheidenden Grund ausfindig zu machen, warum es mit ihm und dem russischen Volk nicht vorangeht. Der liegt in der Herrschaft der Partei, die schließlich selbst verkündet hat, daß es mit ihr so nicht weitergehen kann und sich jetzt weigert, diesem Bekenntnis gerecht zu werden und zugunsten Jelzins zurückzutreten. Schon wieder wahrer Mann des Volkes setzt er das neu Gelernte in die Tat um und verteidigt die russischen Menschen vor der Allmacht der Partei, die ihnen die Luft nimmt.

Das Glück des Tüchtigen bleibt ihm treu. Die Partei, die um neue Glaubwürdigkeit ringt, indem sie sich ausgiebig schlecht macht, gibt Jelzin nach kurzer Auszeit erneut Gelegenheit, seine diesbezügliche Fähigkeit unter Beweis zu stellen. Er wird Bauminister und baut theoretisch und praktisch den Parteiapparat weiter ab. Schon wieder gelingt ihm, die allseits geachtete Perestrojka-Moral gegen deren erfolglose Veranstalter zu mobilisieren und einen Teil der Apparatschiks von sich zu überzeugen. Eine Mehrheit der Volksdeputierten wählt ihn zum Chef der Russischen Föderation. Es glückt ihm damit eine wegweisende Neuerung: Ein endlich von den Fesseln der Parteidogmatik befreites Amt zu schaffen, das dann sachgerecht an seine Person fällt.

Von der neuen Plattform aus pflegt er eine Offenheit im Umgang mit seinen Landsleuten, die deutlich von der Öffentlichkeitsarbeit absticht, die graue und vergreiste Funktionäre ihrem Publikum bislang zugemutet hatten. Jetzt ist Schluß mit dem widerlichen Personenkult, mit der das Personal der Vergangenheit ewig auf ihrem dem Volk erbrachten Dienst herumreitet. Dagegen ist neue Glaubwürdigkeit angesagt, die sich persönlich erarbeitet werden muß. Dabei kommt Boris Nikolajewitsch sein bereits bewährtes Erfolgsrezept zur Hilfe. Er, und er allein, öffnet dem Volk die Augen über das flotte Leben der Parteibonzen mit den zu großen Dienstwohnungen und Luxuswägen. Er dagegen pflegt schon wieder den engen Kontakt mit den Massen: Er fährt in der Menge vor, drängt seine Leibgarde beiseite und leiht noch dem letzten Mütterchen und ihrer Bitte: „Hilf uns, Väterchen Boris!“ sein Gehör. Als treuer Anhänger seiner Anhänger versteht er die Botschaft und gibt sie weiter: „Seht her, Rußland braucht mich!“ Den bislang nur durch so matte Sensationen wie Ernterekorden verwöhnten Sowjetmenschen verschafft Jelzin höchstpersönlich menschlich ergreifende Neuigkeiten, deren sie so lange entbehren mußten. Ein beschwingter nächtlicher Spaziergang am Fluß mit nachfolgendem unfreiwilligen Bad im Wasser enthüllt sich als infamer Anschlag des KGB, der mit der Person Jelzins auch gleich noch die ganze angebrochene neue Zeit ersäufen will.

Über dem Menschlichen kommen die Amtspflichten nicht zu kurz. In Ergänzung einer dringlichen Bitte Gorbatschows, die Bürger der Union sollten sich doch für deren weiteren Zusammenhalt aussprechen – den hat der Fortschritt der Perestrojka schon weit überholt –, tritt Jelzin für ein Zusatzbegehren ein. Das russische Volk soll sich zum Unionswunsch auch noch einen künftigen Präsidenten Rußlands bestellen, dessen allererste Befugnis darin besteht, sich von einer übergeordneten Zentrale nichts mehr sagen zu lassen. Das gute Volk tut ihm den Gefallen und wählt sich danach einen Präsidenten. Schon wieder fällt ein Amt an seinen Erfinder. Als die Partei dann wieder einmal zusammentritt, um einen neuen Plan zur Bemeisterung der aufgetretenen Schwierigkeiten der Perestrojka zu verabschieden, schließt er für sich diese unnötige Debatte ab und verläßt demonstrativ die Partei.

Heimlich studiert Boris Nikolajewitsch nächtelang die Geheimwissenschaft der Politischen Ökonomie. Nach gründlicher Lektüre kommt er zum Schluß, daß die Marktwirtschaft deswegen unabdingbar ist, weil sie das einzige Heilmittel gegen die Macht der ewigen Bremser und des schwerfälligen Apparates darstellt. Deswegen muß sie anstelle der überholten Partei unbedingt her. So plant Boris Nikolajewitsch intensiv die Abschaffung der Planwirtschaft. Während Gorbatschow von seinem Ministerpräsidenten noch einen Plan für den reglementierten Übergang zur Marktwirtschaft verfertigen läßt, bestellt sich Jelzin neue Kräfte, die dokumentieren dürfen, wie dringlich ihm diese Umstellung ist. Sie versprechen, die Marktwirtschaft und damit ihren Erfolg in 500 oder gar bloß in 100 Tagen zu gewährleisten. So zeigt man es den Halbherzigen!

Erbschaftsstreitigkeiten

Allerdings gibt es immer noch Michail Gorbatschow. Der legt unablässig den vielen Völkern die Union als ihre gemeinsame Heimat ans Herz. Im immer noch sowjetisch genannten Reich ist nämlich das von ihm angeregte Beschwerdewesen über alte Unsitten auf gleichgesinnte schöpferische Neuerer gestoßen, die im einst und immer noch gepflegten Internationalismus der Völkerschaften den schlimmsten Zwang aus alter Vergangenheit erkannt haben. Schon wird in Armenien, in Aserbaidschan und im Baltikum geschossen, die ersten Toten fallen an. Der Unionschef erteilt sich etliche Notstandsvollmachten, um den krachenden Laden zusammen- und sich als den Ansprechpartner des Westens im Amt zu halten.

Für Boris Nikolajewitsch ein Fall von starrsinniger Stagnation. Er dagegen unterstützt den fälligen Fortschritt, verteidigt das Selbstbestimmungsrecht der Völker und spricht den baltischen Republiken das Recht auf Unabhängigkeit zu. Jetzt begreift auch der Westen, was er an Jelzin hat.

Als profunder Historiker weiß Boris Nikolajewitsch natürlich, daß nicht der Überfluß, sondern die Not der geborene Entwicklungshelfer alles Neuen ist. Er feuert in Rußland die ersten großen Bergarbeiterstreiks an, in denen die Kumpel auf einen gewissen Widerspruch zwischen ihrem Lohn und dem jetzt marktwirtschaftlich in allen Läden eingekehrten Warenüberfluß hinweisen. Von der rückwärts gewandten Suche nach Gründen hält der Verfechter der russischen Marktwirtschaft wenig, umso mehr aber von einer zündenden Vision. Er verspricht den Bergarbeitern, ihre Kohle künftig selbst verkaufen und vermarkten zu dürfen. Das tun sie bis auf den heutigen Tag und fahren nicht schlecht damit, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute; ein schöner Beweis für Jelzins Entdeckung, daß Marktwirtschaft der beste Sozialismus ist.

Das bißchen Chaos, das sich unter seiner Regentschaft inzwischen eingestellt hat, nimmt Boris Nikolajewitsch tatkräftig in die Hand. Zum Beispiel bei der nächsten Gelegenheit. Ein Notstandskomitee tritt an die Öffentlichkeit, läßt ein paar Regimenter aufmarschieren, fleht das Volk um Rettung an und bittet Gorbatschow um Hilfe. Diesem Notstand stellt sich Jelzin ganz allein auf einem Panzer entgegen, nur unterstützt von einigen Eliteeinheiten, bei denen der Befehl zu russischer Loyalität angekommen ist. Das Volk steht hinter seinem Präsidenten und wartet den Ausgang in der heimeligen Wohnung ab, deren Miete damals noch erschwinglich ist. So verteidigt Jelzin den Sitz der Volksdeputierten gegen ein paar brandgefährliche Putschisten, die bis zum letzten Blutstropfen die Union verteidigen wollen, dann aber nach drei Tagen freiwillig aufgeben. Er kann nicht wissen, daß ihm schon beim nächsten Anlaß auferlegt ist, das Weiße Haus und seine Inwohner beschießen zu lassen, auch wenn es alte bewährte Mitstreiter wie Chasbulatow und Ruzkoj trifft. Mit den Zeiten ändern sich eben auch die Sitten.

Jelzin befreit Gorbatschow aus seiner Ferienhaft, führt ihn nach Moskau zurück und dem Parlament vor. Dort darf er – „Lesen Sie vor, Michail Sergejewitsch!“ – die Auflösung der KPD verkünden. Nachdem die KPD erledigt ist, steht nur noch die Streichung des Kürzels SU an, um Jelzins Reformeifer ganz ungebremst zum Zug kommen zu lassen. Seine zögerlichen Mitbürger, die eben noch mit überwältigender Mehrheit für den Fortbestand der Union gestimmt haben, packt er bei ihrer wahren Natur. Ohne Scheu vor bewährten Traditionen erinnert er sie daran, daß die anderen vielen Völker schon immer an den großen Leistungen des russischen Volkes nur schmarotzt haben. Und den außerhalb Rußlands um sich greifenden Nationalismus ermuntert er in seinem gerechten Werk. So schmiedet er – eben gar nicht bornierter Russe – ein festes Bündnis zwischen den Völkern, die sich den Zwangsverband, dem sie unterworfen waren, nicht mehr gefallen lassen. Mit dem untrüglichen Instinkt für das einzig Richtige gibt er allen recht und rettet so das Beste aus alter Zeit, den Internationalismus der Völker, die es sich jetzt durch heftige Absetzung voneinander miteinander gemütlich machen, hinüber in die neue. So nimmt die GUS Gestalt an und die höhere Gemeinschaft befreit alle Beteiligten von bisherigen Lasten wie der drückenden Abhängigkeit, den Aufstieg der nationalen Ökonomie beschränkt durch ausländische Zulieferungen sehen zu müssen. Nach dem grundsoliden politischen Motto: Was auseinander fällt, hat zusammen zu arbeiten, nimmt Jelzin diese Zusammenarbeit in die Hand und bietet den neuen nationalen Heimaten Schutz und Gewähr unter dem Dach der größten Republik an.

Der nationale Ertrag für das von Boris Nikolajewitsch befreite Rußland kann sich sehen lassen: Swerdlowsk darf sich wieder Jekaterinenburg nennen, Leningrad kehrt nach Petersburg zurück. Die neue Zeit macht sich mit Zarenuniformen, Kosakenkluft und Popenweihrauch breit. Dazu die Präsenz und die russischen Manieren des guten Zaren, der eine Runde ausgibt und seinem Volk leutselig auf den Arsch klopft, wenn ihm danach ist. In seiner Stiftung kann sich Gorbatschow ganz seinen wissenschaftlichen Neigungen widmen. Nicht nur in Rußland, sondern republikübergreifend bürgert sich ethnisches Gemetzel allerorten ein, was beweist, wie schwierig und anspruchsvoll die Aufgabe ist, eine neue Heimat zu finden; der wird sich deshalb ausschließlich gewidmet.

Stille Einfalt, edle Größe

Unter energischem Zugriff des Präsidenten hat Rußland den Übergang zum Markt bis auf geringe Kleinigkeiten geschafft; die meisten Anfangsschwierigkeiten haben sich wie ganz von selbst erledigt. Der Privatisierung steht keine Produktion mehr im Weg und die Umrechnerei des sozialistischen Lohns auf hartes Geld hat sich erfreulich einfach gestaltet. Man muß sie nur anpacken, dann lassen sich auch weltgeschichtlich noch nie gesehene Aufgaben bewältigen.

Der Markt ist an allen Kaufhäusern Moskaus und Petersburgs, an McDonalds und Dior zu erkennen. Wer nicht dazu kommt, diesen Luxus zu besichtigen, wird mit Fernsehwerbung vom Feinsten entschädigt. Das Warenangebot der neuen nationalen Ökonomie leistet Verzicht auf die vielen unnützen Produkte aus den maroden Staatsbetrieben und eröffnet neue Handelssphären, wie Waffenschmuggel und Drogenhandel. Die Umschulung von Akademikerinnen zu Prostituierten wird ein großer Erfolg, ebenso wie die Umerziehung des Volkes, das in Billionen Rubel zu rechnen lernt – nicht ausgezahlter Löhne, Gehälter und Renten. Bisher von der Außenwelt abgeschnittene Russen lernen Zypern und Marbella kennen; andere Russen entdecken neu das einfache Landleben für sich.

Das alles stimmt den Präsidenten zufrieden; es ist schließlich sein Lebenswerk. Aus alten Zeiten weiß der Präsident, daß nicht die Produktionsverhältnisse, sondern die Produktivkräfte den ökonomischen Fortschritt voranbringen und stellt seinen Landsleuten, die sich des öfteren nichts kaufen können, den wirklichen Reichtum des Landes, das unerschöpfliche Potential Rußlands vor Augen. Um Rußland auf diese seine Lebensquelle zurückzuführen, läßt er auch das kleinste Detail nicht aus den Augen, um es noch zu verbessern.

Dennoch schlägt ihm Unverständnis entgegen – ausgerechnet von Leuten, die es besser wissen müßten. Das Parlament will seine Vollmachten beschneiden, einige möchten ihn sogar wegen Unfähigkeit absetzen; ausgerechnet ihn, der aus der Absetzung unfähiger Staatsbeamte sein politisches Markenzeichen gemacht hat! Er muß den Parlamentssitz beschießen lassen. Vom niedergeschlagenen Putsch seiner unionswütigen Gegner hat Jelzin gelernt, daß auch ein Putsch gelernt sein will, um ihn erfolgreich durchzuführen. Nach der Verjagung dieser Unwürdigen bestellt sich Jelzin, demokratisch gefestigt, eine Neuwahl, die dann auch ansteht. Das Land braucht ein besseres Parlament, das konstruktiv mit ihm zusammenarbeitet und ihm die nötigen Präsidialvollmachten unterschreibt. Nach kurzer Zeit steht schon wieder eine Neuwahl an zur Verbesserung des noch immer nicht vollkommen durchgedrungenen demokratischen Klimas. Und dann muß schon wieder ein Präsident gewählt werden, um die Reste verderblicher Doppelherrschaft endgültig zu beseitigen. Von Boris Nikolajewitsch ausgelobt, fällt das Amt schon wieder an ihn.

Das bringt freilich auch einige Unruhe in den Laden, den Boris Nikolajewitsch so trefflich organisiert hat. Andere wie zuerst Schirinowski und dann Sjuganow nehmen die Gelegenheit wahr, sich ans Volk anzuwanzen und fehlendes Recht und fehlende Ordnung im Reich anzumahnen – ein Hohn auf die Ordnung, die der Präsident verbürgt! Vor der Präsidentenwahl muß Jelzin den neuen Freund Lebed herzlich umarmen, um ihn erst nach gewonnener Stichwahl wieder loszulassen und zu verabschieden. Gäbe es nicht das befreundete Ausland, das seiner Person Zuspruch tut und ihm seinen Wahlkampf finanziert, müßte Boris Nikolajewitsch ob des immer noch nostalgisch angehauchten Gemüts seiner Landsleute schier verzweifeln.

Rußland ist ans Ziel seiner neuen Staatlichkeit gelangt: Jelzin regiert mit Vollmachten, die, vom Präsidenten ausgestellt, auf seinen Namen lauten. Und Boris Nikolajewitsch wäre nicht der Demokrat und Reformpolitiker, als den ihn der Westen schätzt, wenn er sich dieser Herausforderung entziehen würde.

Schon hat sich unter dem entschiedenen Regieren Jelzins die Sorge erübrigt, ob der Umbau des russischen Staats und seiner Gesellschaft gelingt. Was jetzt noch zu tun bleibt, ist der tägliche Umbau der Regierungsmannschaft. Das braucht das neue Rußland, und Boris Nikolajewitsch macht dies zu seiner Chef-Sache. Wo es an russischer Staatsgewalt fehlt, springt der Präsident ein und ersetzt sie.

Damit Volk und staatliches Dienstpersonal im täglichen Wirrwarr nicht den Überblick verlieren, ist Boris Nikolajewitsch zur Stelle. Rußland braucht zündende Befehle, er gibt sie. Vor allem dekretiert er, daß ab jetzt Geld verdient und Gewinne gemacht werden. Den Zustand, daß irgendwo kein Geld zustandekommt, läßt er nicht gelten; er verbietet ihn. Wo eventuell Geld fehlt, beschafft er es persönlich, indem er seine Untergebenen anweist, es zu finden. Der Präsident ist sich nicht zu schade, auch die kleinsten Selbstverständlichkeiten wie das Gebot, Löhne und Renten auszuzahlen, von oberster Stelle aus zu erlassen. Rußland hat den Befehl nötig, daß allen Befehlen gehorcht wird: Boris Nikolajewitsch erläßt seinen berühmtesten Ukas, daß ab sofort seine sämtlichen Ukasse zu befolgen sind. Da diesen aufs Papier gebrachten und im Land vervielfältigten Einsichten füglich niemand widersprechen kann, bringt Jelzin das Stilmittel der Wiederholung in Anschlag und unterzeichnet täglich – selbst noch auf dem Krankenlager – die geschliffenen Botschaften, deren sein Reich bedarf.

Rußland, literarisch bekannt als Land der schwermütigen Einzelgänger, braucht Anleitung, um zum ebenso tief in der russischen Seele versenkten Gemeinschaftssinn zu finden. Jelzin gibt sie, indem er die Föderalsubjekte zum Zusammenhalt als ihrem eigenen Interesse ermahnt: „Nehmt euch soviel Macht, wie ihr wollt!“ Die fortschrittlichsten Neuerer im Land, wie der Tschetschenenführer Dudajew und andere Völkervertreter nehmen den Rat gern zu Herzen. Auch die ordentlichste Gesellschaft bedarf einer festen Hand; Boris Nikolajewitsch gewährt sie. Der Wille des Präsidenten, immer auf das gerade aktuell Nötige gerichtet, schafft klare Verhältnisse: Mal schickt er wahlwirksam Lastwagen mit Rubelscheinen durchs Land, dann wieder widmet er sich der Inflationsbekämpfung, die das Auszahlen von Geldern verbietet.

Rußland braucht treu ergebene Staatsdiener. Boris Nikolajewitsch allein weiß sie im Kreis seiner Freunde und Trinkkumpane zu finden. Die demokratische Öffentlichkeit, die in Rußland Einzug gefunden hat, mag sich nicht mit der eher trockenen Materie der Politik begnügen und wünscht persönliche Einblicke ins Treiben der Politiker; der Präsident versorgt sie mit dem Stoff von Korruption und Vetternwirtschaft, die spannendere Anteilnahme am politischen Geschehen erzeugen. Die Zeiten langweiliger Kreml-Astrologie sind abgelaufen.

Rußlands Armee, deren Soldaten ein fast vergessenes Leben führen, braucht die Reform an Haupt und Gliedern. Boris Nikolajewitsch reformiert sie und stellt sich eine Privatarmee auf. Das russische Volk wünscht soziale Rücksichtnahme, Jelzin verköstigt die Mitglieder dieser Leibgarde aus seiner Privatschatulle. Daß die ruhmreiche Rote Armee, die ihren Feind verloren hat, friedlich verrottet, läßt ihn nicht ruhen: Er ordnet ein Stahlgewitter in Tschetschenien an. Dafür scheut der Präsident keine Opfer, die andere erbringen.

Rußlands wirtschaftliches Wachstum hat Geld nötig; der Präsident druckt es. Vor allem ist die Reformökonomie auf überzeugendes Führungspersonal angewiesen; Jelzin ruft die neue Klasse der bisnessmen ins Leben und steuert aus engster Umgebung Mitglieder bei. So kommt über dem Geschäftlichen auch das Menschliche nicht zu kurz: Jelzin organisiert eine verschworene Bande, die den anhebenden Reichtum gerecht auf ihre Taschen verteilt. Diese florierende Wirtschaft wirft dann auch die Kosten für die dem Land nötige Wiederwahl Jelzins ab.

Die ordentliche Führung der Staatsfinanzen samt Wirtschaftsaufschwung und Mittelstandsförderung nimmt Jelzin selbst in die Hand. Von den Krediten, die er in der Welt locker macht, geht jetzt keiner mehr an ihm vorbei – was ihm den abwegigen Vorwurf einbrachte, er betrachte den Staatshaushalt als seine Privatschatulle. Um nicht auszutrocknen, braucht die Staatskasse einen Schluck Wodka-Steuer. Selbst zur Lösung dieses Problems weist Boris Nikolajewitsch den richtigen Weg und ist seinem Volk beim Genuß dieses gesunden Wässerchens ein Vorbild. So bleibt noch die letzte Kleinigkeit durch die persönliche Tatkraft des Präsidenten nicht unerledigt: Seinen Russen ist das ökologische Gewissen noch fremd; Jelzin schafft Abhilfe und organisiert reinigende Umweltkatastrophen.

Der russischen Gesellschaft wurde in früheren Zeiten jede kritische Meinung vorenthalten, jetzt bedarf sie dringlich sachlicher Information. Der Präsident informiert sie flächendeckend: Boris, Boris auf allen Kanälen! So gelangt Glasnost glücklich ans verdiente Ende und mit der Sache verliert sich auch der Name.

Jetzt ist das befreite Rußland weltoffen, weil Boris Nikolajewitsch Duz-Freunde in aller Welt hat. Die nehmen dem Präsidenten einiges von seiner schweren Amtsbürde ab. Sie unterstützen ihn bei der Aufgabe, immerzu allein den Beweis antreten zu müssen, daß Rußland ohne seinen Präsidenten verloren ist, indem sie öffentlich erklären, in Rußland keinen besseren Statthalter auftreiben zu können. Auch ohne russische Bürger zu sein, müssen sie ebenso wie diese anerkennen, daß der Präsident Rußland ist. In der Unterstützung seiner Person helfen sie dem russischen Volk, sich von der Last noch vorhandener Reste alter Mißwirtschaft und überflüssiger Rüstungspracht zu befreien.

So ist der Glaube nicht nur in Rußland wahr geworden, daß nur die Persönlichkeit Boris Nikolajewitschs das große künftige Rußland vertritt – ausgerechnet jetzt geht es mit ihm bergab. Ausgerechnet jetzt, wo die Früchte seines persönlichen Wirkens fürs Vaterland so glänzend aufgegangen sind, daß sein weiterer persönlicher Einsatz an Dringlichkeit nur zugenommen hat.


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