Attentat auf Zoran Djindjic

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-03 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Zoran Djindjic
Unser Mann in Belgrad: Verstorben bei der Ausübung seiner Amtspflichten gegenüber Europa

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Nach dem Attentat auf den serbischen Ministerpräsidenten werden sich die Verfasser der Nachrufe schnell darin einig, dass der Ermordete zunächst eine gute Nachrede verdient, weil er es uns im Prinzip recht gemacht hat, wofür sie die Stichworte „Demokratie“, „friedlicher Machtwechsel“ und „Reform“ bei der Hand haben. Dann muss sich der Verstorbene doch noch eine schlechte Nachrede gefallen lassen: Wäre er zu Lebzeiten nur ebenso energisch vorgegangen, hätte er sich und uns seinen Tod auch ersparen können.

Zoran Djindjic
Unser Mann in Belgrad: Verstorben bei der Ausübung seiner Amtspflichten gegenüber Europa

Nach dem Attentat auf den serbischen Ministerpräsidenten werden sich die Verfasser der Nachrufe schnell darin einig, dass der Ermordete zunächst eine gute Nachrede verdient, weil er es uns im Prinzip recht gemacht hat, wofür sie die Stichworte Demokratie, friedlicher Machtwechsel und Reform bei der Hand haben. Ebenso einig ist man sich allerdings im vernichtenden Urteil über das Staatswesen, das er regiert hat:

Serbien befindet sich im Griff organisierter Verbrecher, deren Wirkungskreis weit in die staatlichen Stellen hineinreicht. (SZ, 13.03.) Der größte Widerstand gegen Djindjic … resultierte aus der unbewältigten Vergangenheit des alten Regimes und dem nie vollzogenen Bruch mit dem Herrschaftssystem von Slobodan Milosevic… die Tentakel des Milosevic-Regimes haben noch immer die Gesellschaft des neuen Serbien im Griff. (FAZ, 13.03.03)

Und nach einem Monat Ausnahmezustand, den sich die Djindjic-Nachfolger genehmigen, um ordentlich hinzulangen, muss sich der Verstorbene dann doch noch eine schlechte Nachrede gefallen lassen: Wäre er zu Lebzeiten nur ebenso energisch vorgegangen, hätte er sich und uns seinen Tod auch ersparen können. Diese Lesart, nach der dem geschätzten Toten gewisse Reformversäumnisse angelastet werden müssen, spricht zwar auch nur für die Anspruchshaltung der Siegermächte. Aber die definieren nun einmal den verbindlichen Standpunkt, nach dem Serbien gar nichts anderes übrig bleibt, als aus der Niederlage seine neue Staatsraison zu verfertigen. Und dabei kann man ja wohl ein bisschen Eifer und Tempo verlangen. Das nennt sich dann ‚Reformen‘, und daran hat sich der Verstorbene versucht, mit dem bekannten Ausgang.

1.

An die Macht kommt Djindjic nach der Kapitulation Serbiens im Kosovo-Krieg und übt seitdem als serbischer Ministerpräsident ein Amt aus, dessen politischer Auftrag im wesentlichen von den Siegermächten erteilt wird: Sie möchten die Kapitulation im Inneren nachvollzogen sehen, bestehen darauf, dass die alte Führung aus dem politischen Leben herausgesäubert und das alte System erledigt wird, um den „großserbischen Nationalismus“ auszurotten, der sich angemaßt hatte, eine Balkan-Ordnung nach seinem Gusto zu zimmern. Für dieses Programm haben die Nato-Mächte eigens den Gerichtshof in Den Haag installiert, der die Repräsentanten der alten Staatsraison als Kriegsverbrecher verfolgt. Und an der Bereitwilligkeit zur Kooperation mit diesem Tribunal, was die Bedienung der in Den Haag angelegten Fahndungslisten, die Auslieferung der einschlägigen serbischen Politfiguren und belastenden Aktenmaterials betrifft, werden seitdem die demokratische Reife und Kreditwürdigkeit der Belgrader Politik bemessen. Der entscheidende Ansatzpunkt zur Förderung dieser Kooperationsbereitschaft besteht schließlich in der ökonomischen Not der Nation, die durch Embargo und Krieg verwüstet und für ihre Eingliederung in die marktwirtschaftliche Welt ganz auf den Kredit und das politische Wohlwollen ihrer vormaligen Kriegsgegner angewiesen ist.

Nun ist es nicht ganz selbstverständlich für eine Nation, nach einem verlorenen Krieg die eigene Führung als Kriegsverbrecher zu verurteilen, gemeinhin neigen Nationen eher dazu, ihre Niederlage dem Feind und Sieger übel zu nehmen – falls sie nicht von einer Besatzungsmacht beaufsichtigt und dementsprechend umerzogen werden. Insofern ist in Serbien, das seine Umerziehung selbst zu erledigen hat, schon so etwas wie ein Umsturz nötig, um den Nato-Auftrag zu erfüllen. Dafür stellt sich D. zur Verfügung. In den Kriegsjahren hat er das Kräfteverhältnis studiert und dem die Überzeugung entnommen, dass aus seiner Nation nur im Anschluss an Europa jemals wieder etwas werden kann; und er scheut auch nicht davor zurück, sich bei der Durchsetzung dieser Linie gegen seine weniger einsichtigen Landsleute die Finger schmutzig zu machen: Er zimmert ein Parteienbündnis mit dem Rechtsprofessor Kostunica an der Spitze, der als patriotisches Aushängeschild für die Wahlen fungiert, D. selber ist für den serbischen Wählergeschmack ein bisschen zu intim mit Nato-Politikern geworden. Er definiert das Wahlergebnis als Betrug, sorgt für öffentliche Aufläufe vor dem Parlament, die den Volkswillen symbolisieren, und trifft ein Arrangement mit den Vertretern des Apparats, die über die entscheidenden Gewaltmittel verfügen. Eben jene Spezialeinheit der Polizei, aus deren Kreisen die späteren Attentäter stammen, kann er dazu bewegen, ihre Schutzfunktion für die noch im Amt befindlichen Staatsrepräsentanten einzustellen und auf die Seite der Opposition überzulaufen. Dass dafür gewisse Zusagen erforderlich waren, versteht sich von selbst.

„Lange Zeit hielten sich außerdem Gerüchte, Djindjic toleriere einige der Mafiabosse, weil sie ihm in der Zeit des Milosevic-Sturzes geholfen und ihn geschützt hätten. ‚Damals musste man Freunde sowohl im Paradies als auch in der Hölle haben‘, wurde einmal der Regierungschef zitiert.“ (Im Würgegriff der Mafia – Auftragsmorde sind serbischer Alltag. Köln, 12.3.2003, DW-radio. Die Mutation von Polizei- und Armeefunktionären zu „Mafiabossen“ gehört auch zu den Phänomenen, die die westliche Betreuung des jugoslawischen Zerfalls zustandegebracht hat, dazu später.)

Die Aufsichtsmächte begrüßen zwar den prowestlichen Machtwechsel, heben aber deswegen noch lange nicht alle gegen Serbien verhängten Sanktionen auf: Mit einem Prozess gegen Milosevic unter serbischer Hoheit, dem Verfahren, auf das sich die Milosevic-Opposition mit Mühe hat einigen können, sind die Siegermächte nämlich nicht einverstanden, die kunstfertige Aburteilung des Ober-Kriegsverbrechers wollen sie schon ihrer Hoheit vorbehalten. D. entscheidet sich ein weiteres Mal für die Rolle als Exekutor der Siegermächte nach innen – auch gegen diejenigen, mit deren Hilfe er an die Macht gekommen ist. Er kippt den Konsens des Parteienbündnisses, ignoriert ein Verfassungsgerichtsurteil und den Präsidenten Kostunica, der immerzu auf der nationalen Gesetzeslage herumreitet, und liefert Milosevic in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an das Haager Tribunal aus. Dafür braucht er schon wieder die polizeiliche Sondertruppe.

Die Streitfrage, wieviel Selbstbehauptung sich Serbien gegenüber den Siegermächten (nicht) leisten kann und darf, bleibt dem Regierungsbündnis erhalten, und zu viel mehr als zu diesem Streit ist es auch gar nicht gekommen. Was D.s Linie, Serbien unter allen Bedingungen in Europa wieder hoffähig zu machen, an Aufgaben zu bewältigen hat, ist daran abzulesen, dass jetzt zwar Milosevic in Den Haag sitzt, aber Rest-Jugoslawien schon wieder einen Präsidenten hat, der in Europa Nationalist geschimpft wird, aber sich zu Hause größter Beliebtheit erfreut. Deshalb muss sich D. auch umgekehrt gegen das schlechte Bild, das der Präsident und seine Partei vor dem heimischen Publikum von ihm zeichnen, einiges einfallen lassen, um seinen Machterhalt zu sichern, u.a. Abgeordnete von dessen Partei aus dem Parlament werfen, um ihnen das Maul zu stopfen.

Das Staatsleben wird immer wieder mit Auslieferungs-Forderungen des Tribunals befasst. Wenn so eine Rechtsinstanz einmal in Gang gesetzt ist, hört sie offenbar so schnell nicht auf. Es gibt die offizielle Fahndungsliste, an deren Spitze Karadzic und Mladic stehen; es gibt eine geheime, auf deren Grundlage ein paar serbische Amtsträger im Ausland eingefangen worden sind, und es gibt die jeweils neuen Auslieferungsanträge aufgrund der gerichtlichen Ermittlungsarbeit, weil Kriegsverbrecher ja auch meistens weniger als Einzeltäter in Erscheinung treten. Bei der gewissenhaften Arbeit des Haager Tribunals ist auch gar kein Ende abzusehen. Die Sondertruppe braucht D. jedenfalls noch mehrmals.

2.

Und was bringt ihm das von Seiten der Siegermächte ein?

Außer dem wiederholten Versprechen von Kredit und einer in der Ferne liegenden Aussicht auf die Heranführung an Europa so gut wie nichts. Für die positive Seite seiner Berechnungen, dass sich die Bereitschaft zur Unterwerfung in Gestalt von Investitionen und Hilfsgeldern für den Wiederaufbau auszahlen sollte, haben die Aufsichtsmächte wenig übrig bzw. stellen immer wieder neue Bedingungen, die Serbien erst einmal erfüllt haben muss, bevor Gelder fließen können. Das fängt an mit dem versprochenen Kopfgeld für Milosevic – D.: Wir versuchen hier, das Land zu reformieren und trotz der Nato-Bombardierung prowestlichen Kurs zu propagieren – und in Brüssel … wird gebremst. … Als ich Oppositioneller war, hatte uns die Europäische Union drei Milliarden Mark in Cash für den Sturz von Milosevic versprochen. Wo sind die? (Der Spiegel, 29/2001) – und ist mit der Bindung amerikanischer Kredite an die Auslieferung von Karadzic und Mladic immer noch nicht zu Ende. Dass der serbische Premier aus seiner Frustration darüber kein Geheimnis gemacht, bei Gelegenheit auch einmal Auskunft über die europäischen Sitten im Umgang mit ausländischer Opposition gegeben hat, vergilt ihm die NZZ noch im Nachruf mit der gehässigen Bemerkung, dass er für seine demokratischen Dienste aber auch immer noch eigens hätte bezahlt werden wollen. Geld stinkt eben nur bei denen, die es nicht haben.

Einen irgendwie gearteten Wiederaufbau kann D. bei seiner Regierungsarbeit nicht vorweisen. Über eigene ökonomische Mittel verfügt die serbische Regierung kaum mehr, der ehemalige jugoslawische Wirtschaftsraum ist auf das serbische Kernland geschrumpft, der Rest der Industrie und Infrastruktur durch die Nato-Bombardierungen schwer beschädigt. Der Kosovo steht unter UN-Verwaltung, und Montenegro tut alles, um sich von Serbien abzutrennen. Diese durch Krieg und Embargo weitgehend ruinierte Nationalökonomie wird nun auf Europa ausgerichtet. D.h. die europäischen Betreuer verordnen gemeinsam mit den serbischen Vollstreckern die definitive Abkehr von jeder Sorte staatlich organisierter Wirtschaft und fordern stattdessen eine Kopie der Sorte Reichtumsproduktion, der Europa seine Macht verdankt – das allerdings, ohne dass in Serbien die elementare und entscheidende Bedingung dafür, genügend privater Geldreichtum, genügend Kapital, anzutreffen wäre. Mit diesen Direktiven wird das Land daher alternativlos auf eine Ökonomie festgelegt, die vollständig von auswärtiger Benutzung abhängt – und da melden sich weder nennenswerte private noch staatliche Interessenten. Ein positives westliches Interesse an einem Wiederaufbau Serbiens zwecks ökonomischer Benutzung gibt es nicht; wenn von Wiederaufbau die Rede war, hat das keine andere Bedeutung als die diplomatische Aufforderung zu Wohlverhalten, das sich – irgendwann einmal – sicher lohnen würde. Ein sachlicher Wiederaufbau kommt deshalb auch nur in marginalem Umfang zustande – da, wo Europa auf nutzbare Verkehrswege Wert legt. Ansonsten befinden die Vertreter Europas, wenig beeindruckt von den Kriegsfolgen und den Überlebensfragen der verwahrlosten Bevölkerung, nichts dringlicher als eine Generalrevision des rest-jugoslawischen Gesetzesapparats; eine ‚Beratende Task-Force EU-BRJ‘ arbeitet einen diesbezüglichen Forderungskatalog durch, von der Liberalisierung der Strompreise bis zum Konkursrecht, von veterinärmedizinischen Vorschriften bis zu den rechtlichen Grundlagen für das Geschäft ausländischer Banken. Auf dem Gebiet sind immer wieder Vorleistungen der serbischen Staatsmacher fällig, damit Europa auch weiterhin den guten Willen zur Annäherung erkennen kann. Auch wenn die meisten dieser Reformen mangels eines ökonomischen Substrats, an dem sich der Staatswille regelnd betätigen könnte, mehr im Status von Absichtserklärungen verbleiben, das Prinzip der Verwüstung des Landes wird damit bekräftigt: Denn das wird damit ja immerhin festgeschrieben, dass an Alternativen zu dieser elenden Ausgabe einer Marktwirtschaft nicht einmal gedacht werden darf, dass die Umwidmung des noch vorhandenen Inventars zum Material einer kapitalistischen Bewirtschaftung auch dann unumstößlich in Kraft bleiben muss, wenn diese ausbleibt.

3.

Von dem versprochenen Nutzen, mit dem Djindjic seinem Volk die Kooperation mit dem Westen nahe bringen will, kommt nichts zustande. Das und auch die daraus folgenden Probleme der Machterhaltung sind den westlichen Auftraggebern reichlich egal. Andere Entwicklungen der serbischen Nachkriegswirtschaft dann wiederum gar nicht; gebieterisch werden auch noch andere Reformen angemahnt: der Kampf gegen die sogenannte Mafia.

Was sich wie die Banalität anhört, dass ein Staat seine Verbrecherwelt in Schach hält, ist in dem Fall nicht ganz einfach zu haben. Immerhin handelt es sich bei dieser Mafia um Methoden des Überlebens und der Geldbeschaffung, wie sie sich unter der Bedingung einer ruinierten Nationalökonomie einstellen: Die Schmuggelgeschäfte aus den Zeiten des Embargos, mit Sprit, Waffen, Zigaretten, Drogen und Frauen, werden heute natürlich von denselben Figuren betrieben, die damit damals schon reich geworden sind, benötigen damals wie heute eine gewaltsame Absicherung und werden deshalb zum Teil auch gleich aus den Reihen der staatlichen Gewaltapparate heraus betrieben. Und umgekehrt können die Politiker auf dieses Bandenwesen, das sich aus ehemaligen oder noch amtierenden Milizionären, Polizisten, Geheimdienstleuten rekrutiert, auch nicht so ohne weiteres verzichten, weil sie als Geldquelle oder als Kampftruppe darauf zurückzugreifen pflegen – schließlich müssen sie sich ja auch die Mittel für ihre Wahl- und Machtkämpfe irgendwo besorgen, und eine Parteienfinanzierung wirft der serbische Staatshaushalt nun beim besten Willen nicht ab.

Zu viel mehr als zu dieser Szene hat es der Kapitalismus in Serbien mangels Kapital bisher nicht gebracht. Aber da wissen die Betreuer genau zu unterscheiden: Sie sehen nicht den mindesten Grund, vom Prinzip der privaten Bereicherung als Grundlage der ökonomischen Zukunft Serbiens Abstand zu nehmen, auch wenn privater Reichtum im wesentlichen nur auf diese anrüchige Weise zustande kommt; die serbische Regierung ist und bleibt darauf festgelegt, das Land nach den gültigen kapitalistischen Rechnungsweisen zu bewirtschaften. Das Missfallen des interessierten Auslands erregt diese Geschäftswelt aber unter rechtsstaatlichen und politischen Definitionen: ein Sumpf aus Kriegsverbrechern und Mafia und ein einziges Versäumnis der Regierung, diesen Sumpf auszutrocknen – auch wenn sie, was durchaus auch bekannt ist, irgendwie an dem beteiligt ist.

Zum Ausmisten dieses Augiasstalls wird D. immer wieder aufgerufen, kann sich aber an dieser Front des Machtkampfs, mit dem er beauftragt ist, nicht mehr beweisen. Nachdem er im letzten Jahr die Sondereinheit zum Verhaften von Figuren losschickt, die anschließend nach Den Haag ausgeliefert werden, fühlen sich seine Schergen betrogen und blockieren aus Protest die Autobahn nach Belgrad. Sie haben nämlich guten Grund zu der Annahme, demnächst selber auf solchen Listen aufzutauchen, schreiben Anfang dieses Jahres einen diesbezüglichen Offenen Brief an den Regierungschef und schlagen dann zu.

Das Kunststück, das die Siegermächte in Auftrag gegeben haben – selbstverwaltete Buße und Reue für die misslungene nationale Durchsetzung, das freiwillige Zurückstutzen aller Staatsambitionen auf die pflegeleichte Version eines Kleinstaats unter anderen, die Säuberung des Staatsapparats von allen Repräsentanten und Funktionären, die sich von ihrer alten Sache nicht verabschieden wollen – hat also nicht ganz reibungslos geklappt: Einen Machtkampf gegen die „alten Kräfte“ im Staat zu eröffnen auf der Grundlage von Machtmitteln, die man sich aus eben den alten Kräften des Staatsapparats besorgen muss, um nach Erledigung ihrer Aufgabe diese Kräfte selber ans Messer zu liefern – die Mission hat Djindjic nicht überlebt.

4.

Mit seinem gewaltsamen Ableben hat D. dem vom Westen beantragten Reformwerk aber einen letzten Dienst erwiesen: Er liefert seinen Nachfolgern einen guten Grund, den Ausnahmezustand zu verhängen und sich damit alle Freiheiten für ein größeres Aufräumen zu verschaffen.

Wie den Verlautbarungen der Nachfolger zu entnehmen ist, die so ziemlich alle konkurrierenden politischen Mannschaften in Serbien, von Milosevic über Seselj bis hin zu Kostunica bzw. dessen Beratern, in den Verdacht stellen, das Attentat in Auftrag gegeben zu haben, erscheint denen die Einrichtung einer Parteienkonkurrenz als ziemliches Hindernis für das, was in Serbien als Regierungsarbeit verlangt ist. So setzen sie den von D. eröffneten Machtkampf fort, rücken alle politischen Gegner in die Nähe des organisierten Verbrechens, um ihnen mindestens ihren guten Ruf zu nehmen. Umgekehrt wird dann, wenn die Politiker belieben, die Tätergruppe etwas enger einzugrenzen, deren Verbrechen auf die Beeinflussung der gesamten Politik inkl. der Öffentlichkeit ausgeweitet:

„Die Ermordung von Ministerpräsident Zoran Djindjic stellt einen Versuch dieser Gruppe dar, den laufenden Kampf gegen das organisierte Verbrechen zum Stillstand zu bringen, und bei jedem einzelnen von ihnen, der Verhaftung zu entgehen. Ein Verstecken unter dem Mantel des Patriotismus, die Herstellung von Verbindungen zu den staatlichen Organisationen, die Bestechung von Journalisten und Analysten sowie öffentliche Angriffe auf die serbische Regierung und insbesondere den Ministerpräsidenten – all dies sind die Mittel, die diese Gruppe seit der Verhaftung der für die Morde auf der Ibar-Magistrale verantwortlichen Personen einsetzt.“ (Regierung macht Unterweltgruppe „Zemun Clan“ für Attentat auf Djindjic verantwortlich, Belgrad, 12.3.2003, Rundfunk und Fernsehen Serbiens)

Schließlich ist auch eine Öffentlichkeit eine lästige Angelegenheit, wenn der Auftrag von seiten der imperialistischen Mächte, den die Regierung erfüllen möchte, in der nationalen Optik einfach immer wie Verrat am serbischen Volk aussieht:

„Eine der strategischen Maßnahmen dieser kriminellen Gruppe war Medienarbeit. Sie haben Medien als Instrument gesehen, um die Regierung als verräterisch, den Ministerpräsidenten als kriminell und sie selbst als Patrioten darzustellen… Und diese Strategie zeigte Wirkung: Immer wieder wurden über die Presse Berichte über angebliche Kontakte von Regierungsmitgliedern – unter anderem auch von Zoran Djindjic – mit der Mafia verbreitet. Zugleich streuten sie ständig Gerüchte über bevorstehende Massenverhaftungen mutmaßlicher Kriegsverbrecher. Diese Gerüchte nahm die konservativ-nationalistische Opposition zum willkommenen Anlass, der Regierung Verrat am serbischen Volk vorzuwerfen.“ (Spielball der Mafia und Politik – Serbische Medien in Zeiten des Ausnahmezustandes. Köln, den 11.4.2003, DW-radio)

Niemand soll mehr Gehör finden mit dem Vorwurf, die serbische Regierung betreibe Landesverrat, wenn sie den Vorgaben aus Brüssel und Washington nachkommt. So wird die weitere Demontage des früheren jugoslawischen Präsidenten Kostunica und seiner nach Wahlprognosen leider in Serbien immer noch viel zu beliebten Partei zu einer Hauptstoßrichtung des Ausnahmezustands. Ein paar Zeitungen werden dichtgemacht, über Parteienverbote wird nachgedacht. Personal mit falschen Loyalitäten wird aus Justiz und Armee herausgeworfen, die Einheit für Sondereinsätze aufgelöst. Daneben verschafft die Regierung ihrem verschärften Handlungsbedarf die rechtsstaatliche Legitimation, indem sie sich diverse Gesetze genehmigt, die die staatliche Handlungsfreiheit im Umgang mit Verdächtigen auch nach Beendigung des Ausnahmezustands fortschreiben. Das Gesetz über die Zusammenarbeit mit Den Haag wird von seinen bisherigen einschränkenden Klauseln befreit und die nationale Justiz mit 5 Großprozessen bedacht, bei denen es neben dem Djindjic-Attentat um 4 weitere politische Morde aus der jüngeren Vergangenheit gehen soll – nachdem die Regierung nun die Justiz auf Linie bringt, werden da sicherlich neue Maßstäbe für deren wirksame Bewältigung gesetzt.

Für ihren Eifer erhält die serbische Regierung einhelligen Beifall aus den entscheidenden Hauptstädten, und dafür fließt jetzt sogar Geld.

„Powell erklärte, er sei nach Serbien gekommen, um nach dem Mord an Djindjic kräftige Unterstützung der USA zu demonstrieren. Er hob hervor, er sei begeistert, wie stark sich die serbische Regierung den Reformen widme und dass sie aggressive Aktionen gegen Kriminelle gestartet habe.“ (US-Außenminister Colin Powell in Belgrad. 3.4.2003, B92)

Die USA genehmigen den Nachfolgestaaten endlich den Zugriff auf die bis dahin gesperrten Auslandskonten des alten Jugoslawien, Heidemarie Wieczorek-Zeul verspricht schon beim Begräbnis deutsche Kredite und „Technologietransfer“ – Polizeiausbildung ist schließlich eine deutsche Spezialität in der Entwicklungshilfe –, und Europa verspricht Djindjics Nachfolgern in die Hand, dass sie nicht allein gelassen werden. In Brüssel passt man weiter auf sie auf:

„In der vergangenen Woche wurde in Belgrad ein mutiger Mann erschossen, weil er entschlossen war, die finsteren Kräfte des organisierten Verbrechens und des politischen Extremismus in seinem Land zu bekämpfen. …Die Europäische Kommission wird alles in ihren Kräften Stehende tun, um zu gewährleisten, dass Belgrad nicht vom Pfad der Demokratie und Stabilität abkehrt. Wir dürfen nicht erlauben, dass durch ein Verbrechen die Uhr zurückgedreht wird zu schlimmen, vergangenen Zeiten. Da Serbien und Montenegro die EU-Mitgliedschaft ausdrücklich in Aussicht gestellt wurde, können wir Europäer sehr viel dazu beitragen, dass Belgrad nicht vom Kurs abkommt. Das Ziel einer Zukunft mit mehr Wohlstand innerhalb der EU, einer umfangreichen Finanzhilfe und einer sehr engen Unterstützung beim Aufbau tragfähiger Strukturen geben den Reformkräften bessere Voraussetzungen für die Entfaltung.“ (Romano Prodi und Chris Patten in der SZ, 18.03.)

Stabilität ist nämlich ein kostbares Gut; dass die Bedingungen, die man Serbien auf seinem Weg nach Europa verordnet, diesem Gut nicht übermäßig förderlich sind, dessen ist man sich in Brüssel offensichtlich bewusst. „Mehr Wohlstand“ winkt den Reformkräften zwar wieder erst in der Zukunft, aber darum, dass Belgrad nicht vom Kurs abweicht, kümmert sich Europa jetzt schon.


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