Atommacht Indien

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Atommacht Indien
Wie ein ‚Entwicklungsland‘ sich Respekt verschafft

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Wieso Indien mit einer erfolgreichen Atomtestreihe seinen geostrategischen Status verändert; warum es damit die anderen Atommächte provoziert; wie es mit seiner Verfügung über Atomwaffen gegenüber Pakistan Politik macht.

Atommacht Indien
Wie ein ‚Entwicklungsland‘ sich Respekt verschafft

Indien ist die größte Demokratie der Erde, haben wir gelernt. Die Weisheit, daß Atomwaffen den Frieden sichern, hat uns den ganzen Kalten Krieg über begleitet. Und jetzt soll es ein „Fehler“ gewesen sein, daß Indien seine Fähigkeit unter Beweis stellt, Atombomben verschiedener Machart und Größe zu zünden?

„Indien hat es nicht nötig, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert seine Größe durch solche Aktionen zu demonstrieren. Ich denke, daß dies ein furchtbarer Fehler von seiten einer großartigen Nation ist.“ (Bill Clinton, Le Monde 15.5.98)

Diese Heuchelei durchschaut ein indischer Verteidigungsexperte sofort:

„Warum brauchen die USA dann einen nuklearen Schutzschirm? Sind sie nicht ein großes Land? Amerika ist durch zwei Weltmeere geschützt, während Indien als Nachbar einen Atomwaffengegner – China – hat, der 1962 mit uns Krieg führte und der einem anderen Nachbarn dabei half, ein geheimes Atomprogramm zu entwickeln.“ (NZZ 15.5.98)

Bleibt die Frage: Wozu braucht Indien Atomwaffen?

1.

Mit seiner erfolgreichen Atomtestreihe hat Indien sich den Status einer Atommacht verschafft. Es hat gezeigt, was es in Sachen Atomrüstung vermag – die öffentlichen Medien wußten ad hoc aufzuzählen, daß das Plutonium für die Bomben in einer stattlichen Anzahl landeseigener Atomkraftwerke erbrütet und selbst aufbereitet wurde; daß die geschätzte Menge an Plutonium für an die 70 Bomben reichen dürfte; daß einer der Sprengsätze eine Wasserstoffbombe war, wobei das dafür benötigte schwere Wasser auch selbst gewonnen wurde; daß – aller Wahrscheinlichkeit nach – auch Uranium 232 zum Einsatz gekommen sei, das Indien aus eigenen Thorium-Beständen erbrütet; daß es bei den Tests speziell um die Waffenfähigkeit der Sprengsätze ging; daß für den Transport einer Bombe mit geringerer Sprengkraft die erforderlichen Raketen vorhanden seien, und zwar aus eigener Produktion. Indien hat also das Zeug zur Atommacht – und nicht bloß das. Mit der öffentlichen Vorführung seiner Fähigkeiten hat es den Übergang zu deren politischer Anwendung gemacht: Es hat demonstriert, daß es ab sofort entschlossen ist, mit seiner Verfügung über Atomwaffen Politik zu machen. Das ist der entscheidende Schritt, noch bevor irgendetwas darüber entschieden ist, welche Politik es damit vorantreiben will. Das ist der ganze Unterschied zwischen Indien vor der Testserie, als auch schon bekannt war, daß der Staat über die entsprechenden Mittel verfügt, und Indien nach den fünf Explosionen: Weltpolitisch und als strategische Größe steht die Nation völlig anders da.

2.

Und – wie denn? Das Weltblatt aus der Schweiz erläutert die Sache so:

„Auf einmal wird die Milliarden-Nation vom Ausland nicht mehr nur mit schreiender Armut und heiligen Kühen assoziiert, sondern als technologische fortgeschrittene Regionalmacht ernst genommen. Delhi, das seit längerem einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat erhebt, will nun zweifellos zum exklusiven Kreis der fünf anerkannten Atommächte stossen. Dies würde es Indien erlauben, seine Ablehnung des Vertrags über die nukleare Nichtweiterverbreitung sowie des Atomteststopp-Abkommens aufzugeben. Denn die zwei Vertragswerke ermöglichen den Mitgliedern des ‚Atomclubs‘ – im Gegensatz zu den ‚nuklearen Habenichtsen‘ –, an ihrem Atomwaffenprogramm festzuhalten.“ (NZZ 16.5.98)

Staaten mögen sich in vielerlei Hinsicht voneinander unterscheiden – der gewichtigste Unterschied scheint nach wie vor der in der Wucht ihrer Bewaffnung zu sein. Mit Atomwaffen gehört eine Nation zum engsten und exklusivsten Club der Welt, zwingt sich allen Staaten als strategischer Bezugspunkt von eigener Qualität auf – als Schutzmacht, die ihre Interessen selbst absichern kann; als Wirtschaftsnation, die ökonomischen Bedarf repräsentiert und „Entwicklungschancen“ bietet; und nicht zuletzt als Quelle der Proliferation, der Weiterverbreitung von Atomtechnologie, unter den Staaten, die dafür befugt sind, versteht sich –, relativiert alle anderweitigen Unterschiede und Beziehungen. Das forder natürlich die Handelsvertreter anderer Staaten, die ihr weltpolitisches Gewicht aus anderen Quellen beziehen, zu kritischen Reflexionen heraus:

„Gegenwärtig sind die meisten Inder Analphabeten, fast 80% der Bevölkerung besitzt keine Waschgelegenheit und Trinkwasser ist in keinem Teil des Landes sauber. Seit der Unabhängigkeit hat keine indische Regierung die Behebung solcher Mängel zu ihrer Priorität erklärt.
Stattdessen wurden die Ressourcen in große industrielle Projekte und die Verteidigung gelenkt, mit dem Ergebnis, daß Indien jetzt Stahl und Raketen produzieren kann, aber schlecht gerüstet ist, die Ausbreitung von Seuchen wie Amöbenruhr, Hepatitis, Malaria und Tuberkulose zu bekämpfen.“ (IHT 20.5.98)

Stehen einem solchen Land Atomwaffen überhaupt zu? Darf Indien das: sich einfach nicht an die vorschriftsmäßige Reihenfolge halten, zuerst seine Bevölkerung zu ernähren, dann Kloschüsseln zu installieren und Fahrräder zu montieren, und erst wenn diese „Entwicklung“ erfolgreich abgeschlossen ist, zu den höheren Zivilisationsleistungen verfeinerter Waffensysteme zu schreiten? Das Dumme ist nur: Der Staat macht das einfach; er verfährt so brutal mit seinem Volk, wie das zur Brutalität einer Atomwaffenmacht allemal gehört; und er kann das auch: An fehlendem nationalen Reichtum scheitert er mit seinen wirklich wichtigen Beschlüssen nicht.

3.

Indien hat sich also zur Atommacht aufgewertet – und provoziert damit zuallererst die Fünf, die bisher die strategische Ausnahmestellung des Atomwaffenbesitzes für sich reserviert haben. Die sind jetzt zu sechst, ohne sich das neue Club-Mitglied bestellt zu haben. Alle strategischen Beziehungen, die sie mit der „Überzeugungskraft“ ihres höchstkalibrigen Gewaltapparats um sich herum aufgebaut haben, sind durcheinander, seit Indien als neuer Ausgangspunkt solcher Beziehungen in der Welt ist.

Betroffen sind natürlich vor allem die USA, einfach deswegen, weil deren strategische Netze am weitesten gespannt sind: Sie sehen sich als atomare Weltordnungsmacht herausgefordert, sind „verärgert“, beschimpfen ihren Geheimdienst als Schlafmützen, weil sie nichts gemerkt hätten, und meinen damit die Ohnmacht der Nation, den indischen Coup zu verhindern. Denn dadurch sind sie auch noch als Führungsnation der Non-Proliferation desavouiert und sehen diesen Pfeiler ihrer Weltaufsicht gefährdet.

Gelegenheit zu einer ersten Reaktion hat der G8-Gipfel in Birmingham geboten – oder vielleicht war es auch so, wie manche Kommentatoren spekuliert haben: daß die indische Regierung ihren Big Bang genau ins Vorfeld dieses Gipfels gelegt hat, um ein Echo dieses weltentscheidenden Imperialisten-Gremiums zu provozieren, das auf eine Anerkennung der „neugeschaffenen Realitäten“ in Südasien hinausläuft. So etwas ähnliches hat sie jedenfalls erreicht: Die versammelten acht militärischen bzw. „bloß“ zivilen Atommächte haben unter Anleitung des US-Präsidenten schärfstens protestiert – und anschließend „ein Gefühl der Frustration empfunden“ (Tony Blair, IHT 18.5.98). Indien hat Fakten geschaffen – ohne vorher zu fragen –, die bedeuten, daß man diese Nation zukünftig anders in Kalkül ziehen muß als bislang. Es ist eben auch so eine „Abschreckungsmacht“ geworden, die „Frieden garantiert“, also ihren Interessen Nachdruck verleihen und ihnen die nötige Sicherheit garantieren kann. Die „Frustration“, die der G8-Gipfel produziert hat, hat ihren Grund insoweit in der Erkenntnis, daß die vollendeten Tatsachen, die Indien geschaffen hat, wirklich solche sind. Der Ärger gilt der Souveränität dieses Staates, der sich der Abhängigkeit entzogen hat. Indien ist in den nuklearen Club hineingeplatzt, indem es der Welt einen fait accompli präsentiert hat. Keine Sanktionen können diese Entwicklung ungeschehen machen (Ein indischer Professor in: IHT 14.5.98) – schon deswegen nicht, weil die Mächte, die sonst mit Sanktionen Weltpolitik zu machen pflegen oder jedenfalls dazu in der Lage wären, einen gemeinsamen Beschluß in dieser Frage nicht hingekriegt haben. So hat sich in Birmingham die – angeblich „nicht neue“ – Einsicht Bahn gebrochen, „daß wir nicht die Welt kontrollieren können“. (IHT 18.5.98) Beigetragen zu dieser Erkenntnis haben die versammelten Gipfelteilnehmer mit ihren unterschiedlichen Rechnungen in Bezug auf Indien. Jede Nation sieht sich herausgefordert, allerdings auf ganz unterschiedliche Weise:

„Die acht Staats- und Regierungschefs aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada, Japan, Rußland und den USA waren sich bei ihrem Treffen in Birmingham einig, daß die indischen Atomtests einen ‚schweren Rückschlag für die weltweite Stabilität bedeuten.‘ Die G8-Staaten wollen ‚jede Hilfe für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen und ihren Trägersystemen verweigern‘ und ihre Exportkontrollen verstärken. Kohl sagte, außerdem müsse ‚die Reihenfolge klargestellt werden‘. Damit wollte er darauf hinweisen, daß auch nach einem pakistanischen Atomtest die Reaktionen gegen Indien schärfer ausfallen werden. Wirtschaftssanktionen wollten die europäischen Gipfelteilnehmer gegen Indien aber nicht verhängen. Dies würde zu keiner Entspannung der Situation führen, meinte der Gastgeber und britische Premier Tony Blair.“ (SZ 18.5.98)

Damit hat dieses internationale Gremium als erstes deutlich gemacht, daß sich eine souveräne Atommacht nicht als Paria der Staatengemeinschaft ächten läßt, ganz im Gegensatz zur diplomatisch verbreiteten Position, Neu Delhi wäre „in der internationalen Gemeinschaft völlig isoliert“. Es wird im Gegenteil in jeder Hinsicht interessanter als zuvor – nicht zuletzt auch für US-Firmen: „Sanktionen berühren nicht unsere Möglichkeit, Flugzeuge an jedes beliebige Unternehmen in Indien zu verkaufen.“ (IHT 20.5.98), vermeldet der US-Flugzeughersteller Boeing und bekundet damit, daß er auf gute Geschäfte mit einem Land, das Atomraketen bauen kann, ungern verzichten würde.

4.

Seine Nachbarn macht Indien gleich nachdrücklich mit der neuen „geostrategischen Lage“ bekannt, in die es sich versetzt hat. Insbesondere den einen Nachbarstaat, mit dem es sowieso noch lauter offene Rechnungen zu begleichen hat.

„Islamabad sollte den Wechsel in der geostrategischen Lage in der Region und in der Welt realisieren… Indien ist entschlossen, auf feindliche Aktivitäten Pakistans in Kaschmir entschieden zu reagieren.“ (IHT 19.5.98)

Das ist die erste Nutzanwendung, die es aus seinem neue erworbenen Status zieht. Indien warnt Pakistan vor „subversiven Aktivitäten“ in Kaschmir, setzt damit das Ultimatum, dies in Zukunft nicht mehr zu dulden, und eröffnet so eine neue Tagesordnung für diese Region, die zwischen beiden Nation und dazu noch China geteilt und umstritten ist. Ein indischer Kabinettsminister warnte das benachbarte Pakistan davor zu versuchen, einen Aufstand muslimischer Separatisten in Kaschmir zu fördern. (ebd.) Mit anderen Worten: Indien verspricht, ab sofort „zurückzuschießen“. Folgerichtig ernennt die Regierung einen ausgewiesen Nationalisten als neuen Kommandeur des Gebiets; das Wechselspiel von nationaler Aufwiegelung und kalkulierender Mahnung des Regierungschefs zu Besonnenheit geht seinen Gang.

Das ist und so geht angewandte Abschreckungspolitik: Mit der Sicherheit der letzten Waffe werden alle anderen Waffen erst so richtig scharf; läßt der Feind sich unterhalb der „atomaren Schwelle“ mehr denn je unter Druck setzen, weil der Schritt über die „Schwelle“ jederzeit getan werden kann.

5.

Pakistan kann auf diese neue indische Bedrohung nicht adäquat reagieren. Es droht mit eigenen Atombombenversuchen – und muß registrieren, daß an seinen eigenen nuklearen Fähigkeiten, die es so gerne demonstrieren möchte, gerade der Unterschied zu Indien manifest wird. Es ist in den Mitteln nicht autark, selbst wenn es eigenständig atomwaffentaugliches Uran 235 aus Natururan abtrennen kann, und unterliegt der Forderung seiner Freunde nach Zurückhaltung. Pakistan sieht sich vor allem dem Druck der USA ausgesetzt, von dem es sich zwar für unabhängig erklärt, dem es sich faktisch aber nicht verschließt, weil die künftige Kooperation daran hängt.

Die USA ihrerseits müssen ihren pakistanischen Verbündeten einerseits in seinen nuklearen Rüstungsbestrebungen bremsen, wenn sie ihr Non-Proliferation-Regime überhaupt noch retten wollen; dann müssen sie ihm andererseits Sicherheitsgarantien bieten, die Indiens frisch eröffnete atomare Abschreckung mit einer gleichartigen Gegenabschreckung lahmlegen müßten – was auch wieder nicht recht in Frage kommt; und zwar nicht bloß deswegen, weil angeblich mit Pakistan amerikanische Außenpolitiker nur noch Negatives verbinden: Drogenherstellung, Förderung der frauenfeindlichen Taliban in Afghanistan, Unterstützung von Terroristen. (NZZ 16.5.98) – diese negative Charakterisierung des eigenen Schützlings steht für das ganz neue Problem der USA, eine Atomwaffendrohung wirksam abzuwehren, ohne sich zu deren Urheber in einen feindlichen Gegensatz zu setzen.

Da sieht man, was das im Einzelfall bedeutet, daß Indiens Aufstieg zur Atommacht die bewährten strategischen Verhältnisse auf dem Globus durcheinanderbringt.

6.

Es gibt also doch noch Perspektiven für Entwicklungsländer: man wird Atommacht.


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