Arbeitsämter werden Job-Center

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-04 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

F. Gerster wird dem Fortgang einer guten Sache geopfert:
Der Umbau von Arbeitsämtern zu Job-Centern – Von der sozialen Betreuung der Arbeitslosen zum Dienst am Kunden

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Der Staat hat mit den Hartz-Gesetzen viel getan, um die Arbeitslosen zu verbilligen, aber die Erfolge bei der Verringerung der Arbeitslosigkeit lassen immer noch zu wünschen übrig. Daraus zieht die Politik den Schluss, dass die Reformen noch nicht konsequent genug voran getrieben worden sind. Deren Inhalt: weitere Verbilligung des Lohns für deutsche Unternehmer und die Sozialkassen. Dafür wird der Arbeitslose zum Kunden seiner Agentur befördert und Gerster an die Luft.

F. Gerster wird dem Fortgang einer guten Sache geopfert:
Der Umbau von Arbeitsämtern zu Job-Centern – Von der sozialen Betreuung der Arbeitslosen zum Dienst am Kunden

Zwei Monate herrscht Aufregung um den Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit. Mangelhafte Beachtung irgendwelcher Verfahrensvorschriften im Verkehr mit Unternehmensberatern heißt der Vorwurf, der dann am Ende sitzt. Leute im Vorstand der Agentur, die ihren Vorsitzenden loswerden wollen, ringen sich mit letztlich überzeugender Mehrheit zu dem Schluss durch, dass der gehen muss, weil es nämlich dann, wenn man einen Skandal um den BA-Chef Gerster aufwirft und lange genug breittritt, über kurz oder lang außer der Entfernung des Chefs einfach keine andere Möglichkeit gibt, die BA aus den negativen Schlagzeilen herauszubringen. (Clever, Mitglied des Verwaltungsrats). Das ist nur logisch in einer demokratischen Öffentlichkeit, allerdings auch nur in der. Keinesfalls logisch, sondern ein Denkfehler ist es nämlich, wenn bei der Beurteilung der Machenschaften eines führenden Managers sogleich Partei ergriffen wird für gute Schlagzeilen der Agentur, der er vorsteht. Das mag für einen Wirtschaftsminister in Ordnung gehen, der sich den Laden in Nürnberg ja für seine Zwecke eingerichtet hat. Der kann dann, wenn er sein Vorhaben durch Gersters Wirken gut auf den Weg gebracht sieht, schon der Auffassung sein: Er hat hervorragende Arbeit geleistet. Danach aber, ob der Mann das dicke Lob seines obersten Dienstherrn wirklich verdient hat, sollte man besser nicht fragen – weil sich dann nämlich am Inhalt seiner ‚hervorragenden Arbeit‘ ein ziemlich bescheuertes Interesse zu schaffen macht: Daran, dass einer wie Gerster an seinem Platz möglichst auch noch formvollendet alles richtig macht; dass er, falls er es nicht tut, einem anderen Platz macht, der es besser tut als er – so oder so also daran, dass den Zwecken gescheit gedient wird, die in Gersters Agentur institutionalisiert sind. Die werden als selbstverständlich abgehakt, keiner Befassung mehr für wert befunden und einfach nur gutgeheißen, wenn eine ehemalige Bundesbehörde auf ihrem Weg zur modernen Agentur nur noch ins Gerede kommt, weil am arroganten Führungsstil ihres Chefs Anstoß genommen wird. Und was ist schon ein Fatzke als Vorsitzender im Vorstand – gegen den praktizierten Zynismus, der in einer ganzen Bundesagentur Alltagsroutine ist!

Denn deren Programm ist so schlicht wie brutal: Sie hat einfach alle Maßnahmen zur Verbilligung des Heeres der Arbeitslosen durchzusetzen, die mit den Gesetzen zur Umsetzung der Agenda 2010 beschlossen worden sind.

„Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“

zur Rettung des Sozialstaats wurden mit den Ideen des Herrn Hartz dem Publikum versprochen, und in der Tat: Erfolge beim Umgang mit Arbeitslosen, die sich in einer Senkung des nationalen Lohnniveaus bilanzieren, können diese Instrumente der neuen Arbeitsmarktpolitik durchaus für sich verbuchen. Mit der Erfindung des modernen Selbstausbeutungsinstituts einer Ich-AG; mit dem erleichterten Zugriff auf Lohnarbeiter, die sich für die großzügig gewährte Chance, per Mini-Job irgendwie über die Runden zu kommen, bei ihren Anwendern durch deren Entlastung von Beiträgen zur Sozialversicherung revanchieren; mit dem Sonderangebot der von arbeitsrechtlichen Beschäftigungshindernissen befreiten Leiharbeiter, die von Personal Service Agenturen verschoben werden: Mit all dem hat der Sozialstaat einiges getan für die umfassende Verbilligung der Lohnarbeit. Freilich: Zu mehr Beschäftigung hat der staatlich herbeiregulierte Zugriff auf billige Arbeitskraft nicht geführt. Dass dieses Angebot bei der erlesenen Mannschaft, von der die Menschheit mit dem kostbaren Gut eines Arbeitsplatzes beglückt wird, nicht verfangen hat und aus dem staatlichen Ideal, durch Lohnsenkungen und Maßnahmen einer rechtlichen Deregulierung mehr Arbeitskraft des Landes zu den Stätten ihrer rentablen Anwendung hinzubugsieren, nichts geworden ist, zeigt sachlich genommen nur eines: Mit wie viel weniger Einsatz von Arbeitskraft Kapitalisten inzwischen wie viel mehr Kapital umschlagen. Die im Standort politisch Verantwortlichen interpretieren den Befund etwas anders. Wenn sich die angepeilte Entlastung des Arbeitsmarktes, die der Nation wieder zu mehr Wachstum und dem Sozialstaat zu volleren Kassen verhelfen soll, nicht einstellt, wenn trotz aller ihrer wohlmeinenden Maßnahmen zum Wegräumen von monetären wie rechtlichen Beschäftigungshindernissen Kapitalisten die Reize einer wohlfeilen Arbeitskraft nicht für sich ausnutzen wollen, dann ziehen die regierenden Retter des Sozialstaats daraus und aus ihren nach wie vor leeren sozialen Kassen nur einen Schluss: Dann waren sie offenbar noch immer nicht konsequent genug und geben immer noch zuviel Geld zur Finanzierung von Nicht-Arbeit statt – wirkungsorientiert – für Beschäftigung aus. Also heißt es, endlich die Devise ernst zu nehmen, die Hartz in seiner Weitsicht auch schon erfunden hat:

Auch ohne Arbeitsplatz: Arbeitsfähig ist der Mensch allemal!

Wenn das Angebot an Arbeit noch immer so stark von der Nachfrage nach ihr abweicht, dann haben es offenbar die für eine erfolgreiche „Arbeitsvermittlung“ bislang noch nützlich befundenen Maßnahmen nicht gebracht. Insbesondere die Auffassung, Arbeitslose wären als – ein im Prinzip doch brauchbares – Angebot für ihre Nachfrager zu erhalten und durch Maßnahmen der Fort- und Weiterbildung auch so brauchbar zu machen, dass sie wieder für ihre kapitalistischen Anwender interessant und darüber produktiv werden, war – die Zahlen beweisen das ja – ein kostspieliger Irrtum. Und so lautet der Beschluss: Der Zielrichtung der neuen Maßnahmen entsprechend ist eine Qualifizierung von Arbeitnehmern oder die Durchführung von Praktika künftig nicht mehr zwingend notwendig. (Eckpunkte der Koalitionsgruppe zu den Arbeitsmarktreformgesetzen) Wenn man sie mitsamt den Qualifikationen, die sie jetzt schon haben, schon nicht brauchen kann: Wozu soll man Leute, die offensichtlich zu nichts nutze sind, dann noch qualifizieren?! Zumal sie ja die eine Qualifikation zweifellos haben, auf die es für ein Angebot ankommt, das schlicht und ergreifend einfach nur Arbeitskraft heißt: Arbeits- und beschäftigungsfähig, also zum Arbeiten qualifiziert, sind sie allemal! Ihren verantwortlichen Betreuern jedenfalls reicht diese ihre Qualifikation vollkommen aus. Sie gehen davon aus, dass einer, der fähig für ‚Beschäftigung‘ ist, schon auch eine finden wird, die ihn ernährt und den Sozialstaat entlastet. Die neuen „Maßnahmen“, mit denen die Agentur des Staates ihre arbeitslose Klientel betreut, machen jedenfalls diesen neuen Standpunkt der „modernen Arbeitsmarktpolitik“ deutlich:

Mit „Fortbildungsmaßnahmen“, die den Zweck der Schikane gar nicht verhehlen, mit der Einbestellung zu „Vermittlungsgesprächen“ sooft und solange, bis der Betreffende sie endlich zwei Mal versäumt hat und damit sein Bezugsrecht auf Arbeitslosengeld verwirkt, entlastet der Staat sich und seine Agentur erstens von den Pflichten, die in seinem Umgang mit den proletarischen Dienstkräften ohne Beschäftigung bislang galten. Die Auffassung, denen wären Lohnersatzleistungen zu gewähren, bis sie einen Interessenten an ihrer Arbeitskraft finden und durch regelmäßigen Broterwerb wieder auf ‚eigenen Füßen‘ stehen, hat sich überlebt, die unter dem Stichwort von ‚Bildung‘ und ‚Vermittlung‘ weiter laufenden Maßnahmen machen für die Betroffenen vor allem eines zwingend notwendig: Die Sorte Eigeninitiative an den Tag zu legen, die sie in dem Hürdenlauf über die Runden kommen lässt, zu dem die staatlichen Job-Center ihre Betreuung innerhalb der gesetzlich vorgesehen Fristen ausgestalten. Mit der Lebenstüchtigkeit, die ihnen ihr sozialer Staat als Zusatz-Qualifikation zum Sich-Durchwursteln durch die Nöte ihres Alltags abverlangt, können sie sich dann zweitens an den Standpunkt gewöhnen, der ihnen ab sofort durchs weitere Leben zu verhelfen hat: Im Grunde sind sie ja nur deswegen arbeitslos, weil ihnen bisher eine staatliche Behörde alles dazu Erforderliche abgenommen hat, sich selbst erfolgreich um Arbeit zu kümmern. Wer noch irgendwie über Arbeitsvermögen verfügt, hat ab sofort darin seine Erwerbsquelle zu entdecken – und in der Bundesagentur für Arbeit eine Hilfsorganisation, die ihn darin unterstützt. Die trennt sich von dem Standpunkt, dass eine von Lohnzahlungen abhängige Existenz gegen die Risiken versichert sein soll, die beim Ausbleiben ihrer Erwerbstätigkeit unweigerlich drohen. Ein Lohnabhängiger ohne einen, der ihn beschäftigt, ist kein Sozialfall mehr, der von einem Amt betreut und durchgefüttert wird, bis er wieder Verwendung findet, sondern eine erwerbsfähige Person, der eine Agentur den Weg bis hinein ins Internet weist, wie sie aus ihren Chancen das Beste für sich macht. Denn aus einer Arbeitskraft auch ohne ihren kapitalistischen Nachfrager eine Quelle eigenen Einkommens zu drechseln: Das geht durchaus.

Auch ohne Lohn: Irgendetwas verdienen kann jeder!

Arbeitskraft als Qualifikation, sich eigenständig um ihre Verwertung zu kümmern als Beruf: Der Sozialstaat meint es vollkommen ernst mit diesem Witz und macht sich daran, mitten im Kapitalismus das Suchen nach „Beschäftigung“, für die es keinen kapitalistischen Bedarf gibt, verbindlich als Berufsbild zu etablieren. Die politische Agenda sieht für die Bundesagentur für Arbeit die Aufgabe vor, das im Sozialgesetzbuch II niedergelegte, neue sozialfürsorgliche Prinzip mit in die Tat umzusetzen, das auf dem Grundgedanken aufbaut, dass jeder Mensch grundsätzlich selbst dafür verantwortlich ist, seinen Bedarf und den Bedarf seiner Angehörigen zu sichern. Nur soweit er dazu nicht in der Lage ist, hat der Staat die entsprechende Verantwortung. In diesem Fall ist dem Betroffenen und den mit ihnen in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Angehörigen ein der Würde des Menschen entsprechendes Leben zu ermöglichen und der Lebensunterhalt im Rahmen des soziokulturellen Existenzminimums zu sichern. (Begründung des Vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt) Was für ein schöner Grundgedanke: Es wird gar nicht bestritten, dass, wer keine Arbeit hat, auch keinen Lohn verdient und damit keine Mittel hat, für seinen und seiner Angehörigen Bedarf zu sorgen. Aber das ist keinesfalls mehr Grund, sich seiner wie bisher sozialpflegerisch anzunehmen. Die Fähigkeit zu arbeiten hat er ja, also ist er wohl auch dazu fähig, für sich selbst aufzukommen, grundsätzlich. Jedenfalls hat einer mit seiner Arbeitsfähigkeit hinzukriegen, was er nach staatlichem Willen mit ihr hinkriegen soll – allein darauf, dass er es tut, erstreckt sich noch die Verantwortung des Staates und seine soziale Fürsorgepflicht. Mit dieser Maxime bezieht der Staat sich neu auf den proletarischen Bodensatz, der sich in Gestalt einer auf Dauer erwerbslosen Überbevölkerung in seiner Gesellschaft angesammelt hat und den er in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und unterschiedlichen Elendsniveaus sozialstaatlich organisiert und verwaltet. Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe heißt die gesetzgeberische Vorgabe, für die sich die Bundesagentur dann nützlich zu machen hat, indem sie sich der höchst innovativen sozialstaatlichen Kreatur eines erwerbsfähigen Hilfebedürftigen annimmt. Vertreter dieser Spezies aus der Gattung der Lohnarbeiter sind einmal diejenigen, die bislang noch mit Überbrückungshilfen in dem Sammelbecken verwahrt werden, in das Kapitalisten ihre nicht mehr benötigten Arbeitskräfte abschieben und aus dem sie sich bei Bedarf wieder bedienen. Sie werden mit dem ‚Anreiz‘ belohnt, dass sie von einem eventuellen Zuverdienst zur staatlichen Hilfe glatt etwas behalten dürfen, die Hilfe nicht gleich im selben Maß gestrichen wird, in dem sie über sie hinaus verdienen und sie sich so mit ihrer Arbeit tatsächlich über das Sozialhilfeniveau hinausarbeiten können. Und damit sie die ihnen großzügig gewährte Chance, sich mit eigener Arbeit besser stellen zu können als einer, der nur von Sozialhilfe lebt, keinesfalls als Angebot missverstehen, es sich in einem Leben mit etwas Arbeit und staatlichen Zuschüssen auf Dauer gemütlich zu machen, wird ihnen mit ‚Sanktionen‘ zu verstehen gegeben, wie die ‚fördernden Anreize‘ gemeint sind: Die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit wird nicht nur über Anreize gefördert, sondern auch mit Hilfe von Sanktionen gefordert. Bei Ablehnung einer zumutbaren Erwerbstätigkeit oder Eingliederungsmaßnahme sowie bei fehlender Eigeninitiative wird die Leistung in einem ersten (!) Schritt in Höhe von 30 von Hundert der Regelleistung gekürzt. Irgendeinen Job, irgendeinen Dienst gegen irgendein Entgelt anzunehmen: Das wird man doch noch erwarten können von einem, der ein einziger Kostgänger des Gemeinwesens ist – und deswegen gefälligst mit eigener Arbeit dafür zu sorgen hat, dass er die Allgemeinheit von den sozialen Kosten entlastet, die er ihr aufbürdet! Gleiches gilt für alle, die sich in Bezug auf die Nachgefragtheit ihres Arbeitsvermögens definitiv als überflüssig erwiesen haben, mit fein bemessenen Almosen von kommunaler Sozialhilfe am Wegsterben gehindert und von allzu störenden Übergängen in schlechte Sitten abgehalten werden sollen: Erwerbsfähig auch als Obdachloser, also „grundsätzlich für sich selbst verantwortlich“ ist, wer mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig sein kann oder darf oder innerhalb von sechs Monaten diese Voraussetzungen erfüllen wird. Bei der Bestimmung der Erwerbsfähigkeit ist es unerheblich, ob eine Erwerbstätigkeit vorübergehend unzumutbar ist. 3 Stunden täglich für irgendetwas verwendbar zu sein: Soviel Erwerbsfähigkeit ist noch jedem zumutbar, der Betteln gehen oder im Sozialamt Schlange stehen kann, also ist ihm auch zuzumuten, aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und wenn der Arbeitsmarkt die nötigen 3-Stunden-pro-Tag-Stellen gerade nicht im Angebot hat, dann schafft die Agentur für Arbeit Arbeitsgelegenheiten im Sozialrechtsverhältnis, für die eine angemessene Mehraufwandsentschädigung gezahlt wird. Arbeiten geht immer, auch ohne Lohn, und das geht auch noch ganz ohne Arbeitsdienst. Als ehrenamtliche Tätigkeit im Sozialbereich zum Beispiel, wobei man für den Mehraufwand auch noch entschädigt wird. Angemessen selbstverständlich, denn wenn der Sozialstaat sich neu auf die von ihm geschaffenen Elendstypen bezieht, tut er es haargenau so, wie es der Würde des Menschen entspricht. Wenn er seine Hilfe für die, die keine Mittel zum Leben mehr haben, ausdrücklich unter die Bedingung stellt, mit ihr allenfalls eine aktivierende Grundsicherung für Erwerbsfähige zu liefern, erniedrigt er wirklich keinen mehr zum bloßen Empfänger sozialer Almosen. Mensch bleibt Mensch, auch im Rahmen des soziokulturellen Existenzminimums. Auch im neuen Soziotop des Elends, das da geschaffen wird, darf die Autonomie des Subjekts nicht angetastet werden und haben die Bedürftigen stets ihre eigenen Kräfte und Mittel zu mobilisieren, um staatliche Leistungen soweit wie möglich überflüssig zu machen. Aus eigenen Kräften und durch eigene Erwerbstätigkeit sollen sie Einkommen erzielen, sich nützlich machen mit derselben Arbeitskraft, die als Ware gerade keinen Abnehmer findet, und der Staat weiß auch schon, wie sie dies können: Mit Ich-AG, Mini-Job, Leiharbeit und ähnlichen freiheitlichen Errungenschaften hat er ja der kapitalistisch nicht gebrauchten Arbeitskraft eine Welt voller Chancen eröffnet, auf eigene Faust mit einem selbstorganisierten Erwerbsleben loszulegen. Chancen dieser Art gab und gibt es im Kapitalismus ja durchaus, und die wurden und werden auch von nicht wenigen genutzt. Mit Schwarz- und Gelegenheitsarbeit auf Baustellen, in Großmärkten oder sonst wo, mit einer Arbeitskraft zum Spottpreis, die sie stunden- oder tageweise anbieten und oft genug auch noch damit niemanden finden, der sie brauchen kann: So schlagen sich hierzulande schon ohne „moderne Arbeitsmarktpolitik“ massenweise Leute durchs Leben – und mit dieser Politik sollen es nach dem Willen des Staates noch viel mehr werden, die genau dies tun. Freilich: In die berühmte Schattenwirtschaft und Schwarzarbeitorganisierte vor allem – soll niemand abgedrängt werden, die lässt der Staat von seinen beschäftigungslosen Zöllnern bekämpfen. Aber der vom Kapitalismus erzeugte und staatlich organisierte Pauperismus, der dort herrscht: Der gilt nicht mehr als ‚Ausnahmefall‘ von der Regel eines einigermaßen konsolidierten marktwirtschaftlichen Erwerbslebens, mit dem einer so eben über die Runden kommt. Das Elend von Tagelöhnern und Gelegenheitsarbeitern erfährt seine höchst offizielle Anerkennung als eines der vielen soziokulturellen Milieus, die eine pluralistische Gesellschaft, die der Eigeninitiative ihrer Mitglieder keine Vorschriften macht, für diese parat hält, und die vielen Wege, auf denen es zustande kommt, firmieren zusammengenommen als neues, selbstverständlich steuer- und sozialversicherungspflichtiges Lebens- und Erwerbsmodell, das auch noch 5 Millionen Arbeitslosen als Perspektive winkt. ‚Working Poor‘, die Kombination von Arbeit, von der feststeht, dass sie ihren Mann nicht ernährt, mit der sittlichen Anerkennung der aus ihr resultierenden Armut, die ja Ergebnis einer höchst redlichen, weil eigenständigen Lebensführung ist: Das ist die neue Berufsform, die die sozialstaatlichen Reformer für die Arbeitslosen in ihrem Register für in jeder Hinsicht angemessen halten.

Auch arbeits- und mittellos: Als „Kunde“ hat man sein gutes Recht – darauf, bei einer Agentur nach Arbeit nachzufragen!

Der Sozialstaat belässt es nicht bei der Drangsalierung der Arbeitslosen und ihrer praktischen Degradierung zu Kreaturen, die ihren Lebensunterhalt durch 3-stündige Erwerbsfähigkeit pro Tag zu bestreiten haben: Er verpasst dieser Modernisierung seiner alten sozialen Sicherungssysteme auch das ihr auf den Leib geschneiderte Ethos. Er wandelt die Behörde, die als Arbeitsamt in verschiedenen Formen für die Betreuung der Arbeitslosen zuständig war, in eine Agentur um, und das ist keine bloße Namensänderung. Der neue Name benennt nämlich die neue Maxime des sozialstaatlichen Umgangs mit den erwerbsfähigen Erwerbslosen, und die läuft darauf hinaus, alles, was bislang unter dem großen Dach des Arbeitsamtes an Verwaltung und Vermittlung der arbeitslosen Klientel untergebracht war, vom Gesichtspunkt einer sozialstaatlichen Versorgung abzutrennen und es als quasi kommerzielles Dienstleistungsangebot zu installieren. Ein ganzer Behördenapparat wird auf die Richtlinie eingeschworen – und praktisch auf sie eingestellt –, sich in Sachen Arbeit und deren Vermittlung an die Verfahren zu halten, mit denen sich der ehrenwerte Berufsstand des Maklers in der Abteilung Grund & Boden schon mit Erfolg um das Zusammenfinden von Angebot und Nachfrage verdient macht. Neben diesem Apparat sollen auch private Vermittler mit derselben Dienstleistung verdienen dürfen, die darüber zustande kommt, dass man die Opfer des kapitalistischen Lohnarbeits- und Erpressungsverhältnisses zu Nachfragern nach dem einen Angebot umdefiniert, mit dem man sie – wenn sie ordentlich mitmachen – eventuell noch befriedigen könnte, irgendwie. Wo zu dem Pech, sich als Lohnarbeiter verdingen zu müssen, noch das Pech dazukommt, dies nicht mehr zu können, fehlt dem Betreffenden im Lichte dieser modernisierten sozialstaatlichen Sicht eben nur eines: Die Arbeit, die er nicht hat. Das ist kein ‚soziales Problem‘ mehr, nichts, wofür man in Staat und Gesellschaft irgendetwas oder irgendwen verantwortlich machen könnte, sondern eben sein höchstspezielles Problem. Wie die Armut von der Pohwerteh, so kommt die Arbeitslosigkeit davon, dass einer nicht arbeiten tut, und in dem Bedürfnis, das wieder zu können, wird der Arbeitslose dann gnadenlos bedient. So wird er zum arbeitsuchenden Kunden, ist kein Sozialfall mehr, dem seine Klassenlage zum Verhängnis geworden ist, sondern ein vollwertiger demokratischer Bürger, der in dem Bedürfnis, auf das der Sozialstaat ihn reduziert, dann aber auch so etwas von anerkannt wird, dass alle seine Ansprüche an eine sozialstaatliche Rundum-Versorgung damit abgegolten sind. Die Agentur nimmt ihre Klientel als Verkörperung von Erwerbsfähigkeit, Repräsentanten eines Willens, dessen Inhalt einfach nur ‚Arbeit!‘ ist, und sortiert sie nach ihrer Marktfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit durch. Von Agenten, die sich an Leistungsvorgaben, Durchlaufquoten und ähnlichen schicken Methoden einer modernen privatwirtschaftlichen Betriebsführung orientieren, werden die Arbeitslosen beraten und betreut. Zum Perspektivenwechsel bezüglich ihrer Ansprüche an eine neue Erwerbstätigkeit hält man sie freundlich an und überzeugt sie in Eingliederungsvereinbarungen davon, dass es für sie einfach das Beste ist, jede Arbeit ohne Bedingungen anzunehmen, und so gilt endlich auch für den menschlichen Abfall der Marktwirtschaft der goldene Grundsatz, dass für sein Schicksal jeder selbst verantwortlich ist: Der Sozialstaat spricht sich gegenüber allen Versorgungsansprüchen von Leuten frei, die in dieser feinen kapitalistischen Produktionsweise gründlich unter die Räder kommen – und eröffnet ihnen, die sich endlich nicht mehr als minderwertige ‚Sozialfälle‘ beleidigen lassen müssen, den gigantischen Freiheitsraum, sich einzig und allein um die Arbeit kümmern zu können, die ihnen zum Lebensunterhalt fehlt. Als eigenverantwortliche Herren und Meister ihres Lebensschicksals können sie zu dessen Bewältigung die Dienste einer Agentur in Anspruch nehmen, die ihnen ihr fürsorglicher Staat eigens dafür eingerichtet hat, damit sie genau dies tun: Auch dann noch, wenn sie mit ihrer Karriere eines Lohnarbeiters definitiv am Ende angelangt sind, bleiben sie auf die Maxime verpflichtet, wonach sich ihr ganzes Lebensglück an der großartigen Chance zu bemessen hat, einen Interessenten an der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft zu finden. Und auch wenn an der Gleichung in dieser Maxime einfach gar nichts mehr stimmt, sie weder von der Arbeit, die sie ohne Erfolg anbieten, noch von der, die ihnen ihr sozialer Staat in Gestalt ihrer Erwerbsfähigkeit ersatzweise als Lebensmittel dekretiert, leben können: Auch dann noch sollen sie auf die einzige Perspektive festgelegt bleiben, die Leute wie sie nun einmal haben – und auch noch nach dem endgültigen Scheitern aller ihrer lausigen Berechnungen unverdrossen weiter an der Arbeit als dem Mittel ihres Fortkommens festhalten!

Dafür tut dann glatt auch noch die öffentliche Diskussion um die Frage das Ihre, ob ein Dr. F. Gerster nun der richtige Mann an der Spitze dieser Agentur ist oder nicht, denn:

Mit Gerster und ohne ihn erst recht: Die nützlichen Dienste einer Bundesagentur für Arbeit für ihre Kunden stehen außer Frage!

Ob es nun Gewerkschaftsvertreter waren, die sich an den Methoden des modernen Managers an der Spitze gestört haben, ob der Mann der Unternehmerbank im Verwaltungsrat nicht getaugt hat, ob er wegen seiner politischen Ambitionen der rot-grünen Regierung unbequem wurde oder ob es ein gefundenes Fressen für die schwarz-gelbe Opposition war, eine führende Figur auf des Kanzlers wichtigster Baustelle abzuschießen: Es ist scheißegal. Fragen dieser Art lenken den Blick zielstrebig von der Befassung damit ab, was Zweck dieser Agentur und Inhalt ihrer Tätigkeit ist – und ebenso zielstrebig auf die Frage hin, durch welche Besetzung ihrer Führungsspitze das alles noch besser hinzubekommen sein könnte, wovon man im einzelnen gar nichts wissen möchte. Und so kann sich die demokratische Öffentlichkeit auch noch diesen Irrsinn als ihre Leistung zuschreiben: Der Staat entsorgt seine lästigen Arbeitslosen in einer Agentur, auf dass ihnen – egal wie, Hauptsache mit Arbeit und aus eigener Kraft – zum soziokulturellen Leben – egal, in welchem Elend das dann vonstatten geht – verholfen wird. Und zusammen mit allen anderen zerbricht sich die wirkliche wie potentielle Kundschaft dieser Agentur interessiert den Kopf darüber, wer bei diesem Großprojekt des sozialstaatlichen Zynismus an erster Stelle steht und hauptverantwortlich die Feder führt!


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