Albaner jetzt böse

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-99 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Kosovo: UN-Mitarbeiter fällt ethnischer Säuberung zum Opfer

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Die freie Presse entdeckt als „albanische Aggression“, was sie in den ersten Tagen nach dem Sieg als „Auswuchs“ eines nur zu berechtigten Hasses auf alles Serbische entschuldigte, um Ansprüche, die Albaner aus dem Sieg über die Serben ableiten wollen, ins Unrecht zu setzen.

Kosovo: UN-Mitarbeiter fällt ethnischer Säuberung zum Opfer

„Wie ein Sprecher der internationalen Polizei … mitteilte, wurde ein bulgarischer Zivilangestellter der Vereinten Nationen erschossen, weil er eine Frage nach der Uhrzeit auf Serbisch beantwortete …Die Empörung ist groß, weil das Opfer als Helfer gekommen war. Zum ersten Mal hat es ein tödliches Attentat auf einen Vertreter der internationalen Gemeinschaft gegeben, die im Kosovo für Recht und Ordnung sorgen soll. Doch eine Einzeltat ist dies gewiss nicht. Es ist ein Vorfall in einer langen Serie alltäglich-abscheulicher Verbrechen. Für die verbliebenen Serben und die unglücklichen Roma ist die Lebensgefahr allgegenwärtig. Keine 50000 KFOR-Soldaten, nicht die UN-Polizisten und nicht Heerscharen von Diplomaten haben die albanische Aggression unterbinden können. Vielmehr scheinen die Protektoren vor dem Hass zu kapitulieren, der im Kosovo herrscht. Dieser Hass wird geschürt, denn er bildet das Fundament, auf dem die Radikalen ihre Macht aufbauen. Man müsste also die Moderaten stärken. Doch statt dessen bläst zum Beispiel die US-Außenministerin den UCK-Führer und selbsternannten Regierungschef Thaci zum Staatsmann auf, in dem sie ihn mit ‚Dear Prime Minister‘ anredet.“ (SZ, 13.10.)

Nachdem der Terror der Albaner neben vielen anderen Opfern einen bulgarischen UNO-Funktionär trifft, der sich durch seine heimatliche Zunge verraten hatte, entdeckt die freie Presse als „albanische Aggression“, was sie in den ersten Tagen nach dem Sieg als „Auswuchs“ eines nur zu berechtigten Hasses auf alles Serbische entschuldigte; auf einmal werden die Kämpfer für das Selbstbestimmungsrecht ihres Volkes zu „Verbrechern“, fast, als wolle man im Nachhinein Milosevic Recht geben. Von General Jackson bis in die SZ-Redaktion ist man sich einig, dass „die Albaner auch nicht besser als die Serben sind“. Sie „hassen“ nämlich einfach weiter, ohne dass „die internationale Gemeinschaft“ das bestellt hätte. Selten ist das Ideal der imperialistischen Marionette sinnfälliger gemacht worden: Der kosovoalbanische Sezessionismus und sein Hass auf die ethnische Basis seines Feindes haben sich auf- und zudrehen zu lassen, wie es der „internationalen Gemeinschaft“ passt. Mit antirassistischer Empörung besteht sie auf einer Trennung zwischen dem Auftrag, den sie den Kosovaren erteilt hat, und den Ansprüchen, die diese darauf gründen. Das ist freilich gar nicht so einfach.

Immerhin war es diese „internationale Gemeinschaft“, die den serbischen Kleinkrieg gegen albanische Separatisten als „Unterdrückung der Kosovoalbaner“ definierte, bei der sie „nicht wegsehen durfte“. Die Interventionsmächte haben damit der albanischen Bevölkerungsgruppe im Kosovo die Würde einer Ethnie zuerkannt und zu Verteidigern der mit diesem Status verknüpften Rechte gemacht. Sie haben die Terroristen der UCK zu Vertretern des unterdrückten albanischen Volkstums aufgewertet und das serbische Unrecht gegen dieses in einem monatelangen Luftkrieg bekämpft. Sie haben den Staat, gegen den sich der nationale Aufbruch richtete, aus dem Kosovo vertrieben und damit nicht nur den Flüchtlingen die Rückkehr ermöglicht, sondern ihrer Untergrundarmee das Feld frei gemacht. Die Nato mag noch so oft betont haben, sie sei nicht die Luftwaffe der UCK – sie hat sich als diese betätigt. Das haben die politischen Vertreter der albanischen Sache auch so verstanden: Nie gab es von ihrer Seite Vorwürfe, die Nato habe ihre humanitäre Mission verfehlt und die Zivilbevölkerung nicht vor Vertreibung und Terror geschützt. Sie haben den Krieg als Krieg um den Besitz des Kosovo genommen. Die Opfer der großen Sache gehen für Staatsgründer, wie sie es sein wollen, allemal in Ordnung, wenn am Ende der Sieg als Lohn winkt.

Und das soll nun alles nichts gewesen sein? Der totale Triumph über die Serben, der wahrscheinlich noch den letzten „Moderaten“ besoffen machte, soll für die albanische Sache nichts bedeuten? Thaci und Konsorten sollen die Früchte des Sieges in Form eines Staates Kosovo nicht ernten dürfen? Statt, wie es Siegern zusteht, Serben und Kollaborateure zu jagen, sollen sie mit Mitgliedern der feindlichen Ethnie zusammen auf Polizeistreife gehen? Zur Durchsetzung des Rechts der Bundesrepublik Jugoslawien womöglich, das im Kosovo nach wie vor gelten soll? Die UCK findet sich nicht damit ab, dass ihre nationale Sache der Nato nur als Vorwand und Rechtfertigung einer westlichen Abrechnung mit Jugoslawien gedient hat – und kein bisschen auch Zweck gewesen sein soll. Sie setzt sich gegen ihre Instrumentalisierung zur Wehr, indem sie sich in der noch nicht gefestigten Lage die Macht, die ihr verweigert wird, einfach nimmt und gegen die verkehrten Bevölkerungsteile den Terror ausübt, mit dem Staaten errichtet zu werden pflegen.

Die Nato, die ihren Krieg für ihre Vormundschaft über Südosteuropa geführt und dafür den albanischen Nationalismus angeheizt hat, wird von der UCK herausgefordert und hat zu entscheiden, was sie mit dem Kosovo wirklich anstellen will, über das sie die Hoheit erworben hat. Damit provoziert die UCK ein Eingeständnis: Eigentlich gar nichts! Es gibt keine positive Funktion, die der Westen der Provinz zuschreiben wollte, und auf die dann irgendeine politische Verfassung und Ökonomie aufbauen könnte; vor allem deshalb nicht, weil es innerhalb der großen Kriegsallianz überhaupt keine gemeinsame Auffassung darüber gibt, wie eine Neuordnung des Balkan aussehen und was sie leisten soll. Phrasen gibt es mehr als genug – über ein „multiethnisches Kosovo“, das „zivilgesellschaftlich“ von „moderaten“ Führern regiert werden solle –, aber weit und breit weder ein Angebot, das diese Perspektive den Albanern attraktiv machen könnte, noch eine Macht, die dafür mehr als Beschwerden über „nationalistische Extremisten“ übrig hätte.

Insofern stehen die Chancen für die albanischen Staatsgründungs-Fanatiker gar nicht schlecht: Sie brauchen mit blutigen Beweisen für die Unhaltbarkeit der Lage in ihrem Landstrich bloß fortzufahren, dann wird die Völkergemeinschaft irgendwann schon ein Einsehen haben und sich der wegweisenden Direktive der Lady aus Washington anschließen.


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