Wahlen in Frankreich

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-02 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Aus unserer Reihe: „Wählen ist verkehrt!“ Heute: Frankreich
Wie der Wähler erst mal alles falsch und dann wieder alles gut gemacht hat

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Überblick

Die Franzosen bringen den Rechtsradikalen Le Pen in die Stichwahl. Danach lassen sie sich die Alternative „Le Pen oder Frankreich“ einleuchten und wählen nicht Le Pen, sondern Chirac.

Aus unserer Reihe: Wählen ist verkehrt! Heute: Frankreich
Wie der Wähler erst mal alles falsch und dann wieder alles gut gemacht hat

Was war der Franzosenwahlkampf ein Langweiler! Profis des guten demokratischen Geschmacks belieben das Arrangement jeder Wahl – entschieden wird über das Personal der Macht, Zwecke und Instrumente des Regierens stehen fest – für derart selbstverständlich und darum nebensächlich zu halten, dass sie ihr Augenmerk ganz der „Figur“ widmen, die die Bewerber vor dem Publikum machen, das sie nach eben diesem Maßstab als mehr oder minder „vertrauenswürdig“ beurteilen soll. So war zu hören, dass die Alternative zwischen dem „verbrauchten Chirac“ und dem „steifen Jospin“, auf die sich das Sortiment der Kandidaten am Ende reduzieren wird, extrem anöden muss: Keine Vielfalt, programmatischer Einheitsbrei, null Stimmung – einheimische und auswärtige Wertungsrichter vermissen in der politischen B-Note das Entzücken, in das so ein zünftiger Ermächtigungszirkus das wahlberechtigte Volk versetzen müsste. Das sind Sorgen.

Dann der Schock! Nicht der sozialistische Regierungschef, sondern der Rechtsradikale Le Pen erreicht die Stichwahl gegen den Staatspräsidenten – und die Alternative hat das „wahlmüde“ Stimmvieh jetzt aber vom Hocker, sprich: an die Urne zu treiben: Logischerweise dürfte es am kommenden Sonntag keinen einzigen Nichtwähler geben (Libération, 29.4.). Logischerweise? Hundertprozentig, wenn man der Logik der nationalen Verantwortung folgt, nach der am Kreuz des Wählers nun weit mehr hängt als üblich: Nicht bloß einer Partei und einem Führer den Blankoscheck ausstellen, mit Wählern wie Nichtwählern das zu machen, was die Notwendigkeiten einer mächtigen kapitalistischen Nation gebieten, sondern Frankreich retten! Wovor? Vor der „Ergreifung“ der Macht durch einen „Rechtspopulisten“, dem dieses wertvolle Gut partout nicht zusteht; der eine „andere Republik“ will, was die eine adelt, mit der die Franzosen bestens bedient sind; dessen Wahl die „Ehre Frankreichs beschmutzen“, seine „Stellung in der Welt gefährden“ und „Europa beschädigen“ würde – alles unabweisliche Gründe, für die amtierende Staatsräson zu votieren, die in diesen schweren Tagen mit der Person des Präsidenten zusammen fällt.

1. Wahlgang

Le CHOC titeln die Zeitungen am Tag danach. Wie konnte es dazu kommen? Eine Frage, die bei Chirac/Jospin kein Mensch gestellt hätte; und das nicht bloß, weil die Demoskopen irrten: Die zu ermächtigen, ist total normal, ein Kreuz für Le Pen dagegen Hirnriss. Also präziser gefragt: Wie konnte passieren, was nicht passieren durfte? Diese Unterstellung ist die geistig-moralische Richtschnur der Diagnosen, die europäische Demokraten anlässlich des „Unfassbaren“ stellen und in denen sie vor allem über eines Auskunft geben: Welche Äußerung von nationalistischem Verstand auf ihr Verständnis rechnen kann und welche nicht. Die ausführliche Erklärung der SZ, für die Schuldspruch und Ursachenforschung dasselbe ist:

„Mit dem furchtbaren Erfolg des Rechts-Rechtsaußen Jean-Marie Le Pen hat Frankreich seine demokratische Unschuld verloren. Wann haben je die Wähler eines großen demokratischen Landes so irrational gestimmt; seit fast einer Woche suchen sie selber nach Erklärungen.“ (26.4.)

Der Analytiker findet sie auf beiden Seiten des politischen Spektrums:

„Da sind die Wähler der Linksradikalen, die sich nun an den Kopf fassen. Sie haben trotzkistisch gewählt, ohne Trotzkisten zu sein, sie haben in ihrer Mehrheit der Regierung Jospin eins auswischen wollen und so als launische Linke einen aufrechten Sozialisten gestürzt. Der hatte gewiss taktische Fehler begangen, indem er sich zu sehr auf die Mitte kaprizierte, aber zu Fall gebracht haben ihn jene Linksradikalen, die sich den Luxus des Rechthabens leisten, wie immer die Wahl ausgeht. Diese Parteien, die nach Mitgliedern über den Status einer Sekte nicht hinauskommen, verhöhnen die Sozialisten, die sich den Mühen der Kompromisse und den Strapazen der Regierungsmühle ausgesetzt haben. Sie wollen einen anderen Staat, sogar einen anderen als ihre Wähler. Nachdem die Trotzkisten mit ihren zusammengenommen 10 Prozent der Stimmen Jospins Niederlage besiegelt haben, gehen sie auf die Straße, um sich nun als hehre Antifaschisten gegen Le Pen aufzuspielen. (…) Nur weil das linke Lager zersplittert war, konnte Chirac vorne liegen.“

Könnte es sein, dass die Leute, die Jospin nicht wählten, dafür ihre Gründe hatten? Worin immer sie bestehen – vielleicht haben sie bloß gemeint, der hat kein Herz für kleine Leute, verrät Arbeiterinteressen, ist auch nicht besser als Chirac: Sie gelten nicht. Die fehlenden 2% auf Le Pen hätten sie ihm einfach geben müssen. Vielleicht, weil seine Regierung weniger arbeiterfeindlich war als eine konservative? Der Nachweis wird erst gar nicht bemüht. Warum dann? Weil er sie regiert hat. Sicher, linke Franzosen mögen von einer sozialistischen Politik frustriert sein, die Lkw-Fahrer, Hafenarbeiter, Bauern und Arbeitslose genau so durch die Mühle „nackter“ Profitwirtschaft dreht, den Sozialstaat „abbaut“ und Krieg führt, wie sie das den Gaullisten jederzeit zutrauen: Ein Grund, ihrem Jospin den Dank für die „Strapazen der Regierungsmühle“ zu verweigern, den anständige Bürger ihren Herren schulden, ist das nicht. Erst recht gehört es sich für Linke nicht, einem sozialistischen Regierungschef die Zustimmung zu verweigern, wo der sich doch so viel Mühe gibt, seine gar nicht sozialistische Politik als „Kompromiss“, mit wem auch immer, darzustellen. Wer den Stimmzettel mit einem „Denkzettel“ verwechselt, über den er seiner Herrschaft Wünsche für eine bessere Welt zusendet, leistet sich einen Luxus, der nur erlaubt ist, wenn nichts daraus folgt, und hat, wenn es darauf ankommt, den Witz der Wahl verpasst: Abstimmen heißt Zustimmen.

Leute, die aus Ärger über staatstragende Sozis Vereine wählen, die gar nicht an die Macht dieses Staates wollen, missachten ihre erste Bürgerpflicht, die aus Wahlrecht und Meinungsfreiheit folgt: Auch in Frankreich muss Kritik „sagen, wie es besser gehen soll“; wer keine Vorschläge zur alternativen Gestaltung des bescheiden „es“ genannten Kapitalismus und Imperialismus macht, disqualifiziert sich selbst. Anlässlich linker Kreuze am falschen Fleck wird hochoffiziell die sozialkundliche Illusion dementiert, mit seiner Stimme könne der kleine Mann etwas „bewegen“; kaum bewegt er sich ein wenig außerhalb des geordneten „Verfassungsbogens“, besteht die Nation trocken auf dem Zweck der Wahl: Die Stimme des Volks ist das Mittel zur Ermächtigung der Staatsräson; sonst ist Wählen verkehrt. Was die Beachtung der zielführenden Ortsangabe „Mitte“ einschließt: Im Zentrum der Macht sitzt die Einheit der Demokraten; dort hat das Volk, vom dem sie ausgeht, sie auch wieder hinzutun. Umgekehrt bringt der Scherz, den Wählern trotzkistischer „Sekten“ sei egal, „wie die Wahl ausgeht“, den Skandal auf den Punkt: Wie die Wahl für Frankreich ausgeht, ist ihnen wurst; das bringt dem „zersplitterten“, ideell aber linken „Lager“ den Vorwurf ein, es versage in seiner patriotischen Verantwortung, die Nation vor ihrer faschistischen Alternative zu bewahren.

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„Auf der anderen Seite des Spektrums haben die Le-Pen-Wähler ihrerseits die Herrschenden gestraft. Weil ihre Malaise niemand ernst nahm, ist ihnen keine andere Gegenwehr eingefallen. Denn die Tendenz der politischen Klasse war es, entweder anderer Leute Verhältnisse schönzureden, oder die untragbaren Zustände zu konstatieren und danach zur Tagesordnung überzugehen. Sie und ihre Nutznießer sind nicht betroffen, auch die Bürgermeister der Problemzonen wohnen in den beaux quartiers, den feinen Vierteln. Dort brennen keine Autos und da funktionieren die Fahrstühle. Die oberen Einkommensklassen haben keine Ahnung, wie die Menschen in den Vorstädten leben, die sich eine Wohnung in der Stadt nicht mehr leisten können. So sind die Menschen auf einen Demagogen hereingefallen.“

Interessant, wie viel Verständnis Demokraten für Wahlentscheidungen haben, die sie gar nicht billigen. Was auch immer Le-Pen-Wähler geritten hat – der Mann bietet eine starke Hand für kleine Leute, vertritt französische Interessen, ist kein feiner Pinkel aus Paris: Deren Beweggründe gelten. Das kommt daher, wie geläufig Wahlforschern ein politisiertes Denken ist, das in einem finsteren Mietshaus den Wunsch nach einem rechtsradikalen Präsidenten fasst; eine andere „Gegenwehr“ würde ihnen auch nicht einfallen. Die Schlüsse, die der Insasse verkommener Vorstädte aus seiner Lage zieht, sind Demokraten so vertraut, dass sie ihnen glatt eine Art Zwangsläufigkeit attestieren. Dabei folgt aus einem Leben in Armut und Dreck nur dann eine Politisierung, und zwar nach rechts, wenn die Leute gebildet genug sind, die nationalistische Schuldfrage zu stellen und in ihrem Sinn fündig zu werden.

Dann allerdings stehen kaputte Aufzüge auch umstandslos für die Sünden einer fettleibigen Elite, die nicht merkt, wie das treu dienende Volk darbt, und nur dann ist das Begehr nach einem Führer, der die Not rechtschaffener Franzosen wenigstens ernst nimmt, die Antwort. Wenn materiell minderbemittelte, moralisch aber vollwertige Mitglieder der Volksgemeinschaft sich unverdient „an den Rand geschoben“ sehen, dann spendet die Aussicht, einen „von ihresgleichen“ über sich setzen zu können, Trost. Für Le Pen spricht, dass er „aus einfachen Verhältnissen kommt“ und „kein Lackaffe“ ist: Den Proletkult als Ermächtigungsargument verstehen Demokraten voll und ganz. Sie sehen auch, dass in den Elendsvierteln von Marseille und Calais die Probleme der Immigration unerträglich werden (SZ): Logisch, dass Autos brennen, weil der Staat Leute reinlässt, die ausweislich Pass & Hautfarbe nicht ins „Boot“ gehören und anständigen Eingeborenen ihre Ferraris anzünden. Verständlich, dass Bürger ihr Recht auf Beschäftigung zu jedem Preis anmelden, das doch „Franzosen zuerst“ zusteht. Schlimme Zeiten, wo Dahergelaufene aus dem Maghreb Arbeit haben und unsere Bürgermeister das zulassen. Nur normal also, dass rechte „Protestwähler“ die Folgen der Klassengesellschaft, die lohnabhängigen In- und Ausländern zu schaffen macht, in das Werk vaterlandsloser Kapitalisten und korrupter Politiker übersetzen.

All die furchtbar falschen, für Patrioten aber furchtbar folgerichtigen Ideen verstehen Demokraten; sie denken selber so und kennen nur den Maßstab der Kritik, dass ein Land verkehrt regiert wird. An der Logik und Gedankenwelt von Le-Pen-Wählern entdecken sie keinen Fehler – außer einem: Dass die damit, mit ihrem beleidigten Nationalismus, dem Falschen nachlaufen. Was daran plötzlich verkehrter sein soll, wenn sie mit ihrem Wunsch nach starker & gerechter Führung auf einen „Demagogen hereinfallen“, als dem in dieser Hinsicht absolut gleich lautenden Angebot Chiracs oder Jospins zu vertrauen, ist einerseits unerfindlich, wird andererseits aber auch deutlich gesagt: Die Konsequenz ist es, die stört.

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Denn eine solche Äußerung des Nationalismus von unten macht einen Konkurrenten stark, der die traditionelle, somit bewährte und quasi natürliche Konstellation der 5. Republik durcheinander bringt: Konservative und Sozialisten machen das Amt nicht unter sich aus; so weit sind sie einig: Das ist schlecht für Frankreich. Ausgerechnet der Politiker erreicht die Endausscheidung, der sich als einzig senkrechte Adresse nationalistischer Unzufriedenheit aufstellt und als Vertreter einer patriotischen Systemfrage geriert: So als wären die Stichworte seines Wahlkampfs – Europa böse, Immigranten erst recht böse, Frankreich und Franzosen zuerst! – auch schon eine komplett abweichende Staatsräson, tun die als „Pariser Mafia“ denunzierten Verwalter der Republik ihm glatt den Gefallen, seine Sprüche ernst zu nehmen, und holzen auf gleicher Ebene zurück: Der Mann ist ein Feind der Nation, der den Weg und die Werte, überhaupt alles verachtet, was Frankreich groß gemacht hat und auszeichnet. Im ganzen Land wird die Alternative Chirac oder Le Pen zur Schicksalsfrage aufbereitet: Wollt Ihr diese Republik oder den anderen Staat, den autoritären, rassistischen, nationalistischen und antieuropäischen? Mit dieser moralischen Frontstellung ist ebenso demokratisch-verlogen als auch sonnenklar ausgedrückt, worin die Korrektur zu bestehen hat, durch die das Wahlvolk seinen Lapsus einzig wieder gut machen kann.

2. Wahlgang

Direkt nach dem ersten steht das allein „denkbare“, weil polithygienisch geforderte Resultat des zweiten fest: Mindestens 80:20 sind schnell als Endergebnis ermittelt, nach dem sich das Volk seines Anfalls von „Irrationalismus“ nicht mehr schämen müsste. Der Appell an die staatsbürgerliche Ratio bedarf nur weniger Worte: Alle wählen. Alle wählen Chirac. Alle verhindern Le Pen. Drangsale des Wählergewissens werden dabei nicht verschwiegen, sondern offensiv aufgegriffen: Nein, man muss „Chirac, le sac“, wie der Volksmund ihn nennt, nicht mögen, um ihn zu wählen; es genügt völlig, die Republik zu lieben und dies am 5. Mai frei, gleich und geheim vorzuzeigen. Um die zum Showdown zwischen wohnlicher Republik und faschistischer Gefahr aufgeblasene Entscheidung zu seiner Herzensangelegenheit zu machen, hat der Wähler eine Prüfung, welche Alternative mit Le Pen oder Chirac in der Sache zur Wahl steht, allerdings tunlichst zu unterlassen.

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Der Rechtsradikale Le Pen stellt sich im Wahlkampf als Alternative auf, der etwas mehr vor hat, als ‚nichts anders, aber vieles besser zu machen‘. Als treuer und zu Höherem berufener Diener seines Vaterlandes sieht er die Nation in einem verheerenden Zustand und nennt auch dessen Grund. Linke und rechte Parteien, die er ausnahmslos als „politische Klasse“ und „Bande“ bezeichnet, haben das Land durch „Misswirtschaft“ zugrunde gerichtet und ihre Mission vergeigt: „La Grande Nation“ zu ihr gebührender Größe zu führen. Der Befund weist den Weg seiner Behebung: Also braucht es einen Führer, der den Saustall aufräumt. Er hetzt gegen Arbeitsmarkt- und Ausländerpolitik als Verschleuderung der nationalen Ressource Volk, das durch die Duldung unbefugter „sans-papiers“ und den Einlass „minderwertiger Ethnien“ darum betrogen wird, was ihm qua seiner Identitätspapiere zusteht; ihre Vorrechte und ihre Ehre will Le Pen den Franzosen „zurückgeben“. Er beklagt den „Ausverkauf französischer Interessen“ an eine internationale „Bande“ namens Europa und singt öffentlich Kolonialistenlieder; im Falle seines Sieges will er den Euro wieder durch den Franc ersetzen und Frankreich „aus allen europäischen Verträgen herauslösen“. Zu Macht, Reichtum & Ruhm soll es auf anderen Wegen kommen. Le Pen spricht und polemisiert als der Staatsmann, der er ist: Seine Bilanz der Lage der Nation kopiert den Standpunkt des nationalen Rechts auf Erfolg, radikalisiert ihn aber auch. Sein Vorwurf des Irrwegs, auf den die 5. Republik Frankreich mit ihrem unerträglichen „Multikulti“, dem unsäglichen Euro und ihrer bloß vermeintlichen Führungsrolle in Europa hingeführt hätte, tanzt alle Mal aus der Reihe der üblichen Parteienkonkurrenz: Von dem will er die Nation weg führen.

Wegen dieser Parolen haben ihn seine Konkurrenten einen Rechtspopulisten getauft. Das Etikett transportiert die Kritik, Le Pen male den Zustand Frankreichs extra schwarz, um darauf sein trübes Süppchen zu kochen, und bleibe vor allem die Erklärung schuldig, wie er der Nation stattdessen – ohne nützliche Farbige und den starken Euro, außerhalb und gegen Europa – den Erfolg verschaffen wolle, der ihr nach Ansicht auch und gerade seiner Kritiker unbedingt zusteht. Das scharfe Schwert immanenter Kritik eines Rechtsradikalen, der ein großer Führer sein will und doch nur ein „Schaumschläger“ ist – wüstes Geschrei und kein Erfolgsrezept dahinter! –, bringt zweierlei zum Vorschein: Erstens den Maßstab, nur verdienten Agenten französischer Staatsmacht à la Chirac und Jospin gebühre das Monopol, dem Volk zu sagen, wo’s lang geht. Damit zweitens, wie schwer die es Le Pen machen, sie rechts zu überholen: Sie selber führen ihren Wahlkampf mit der Frage, wer den unzufriedenen Nationalismus der Franzosen ködert und einfängt, in ihrem Jargon: besetzt.

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Die etablierten Parteien lassen es in Sachen Nationalismus an nichts fehlen: Das war die Parole, um deren glaubwürdigste Verkörperung die Favoriten Chirac und Jospin eiferten; und das nicht erst als „Antwort“ auf die Gefahr Le Pen. Was ihre Taten in Amt und Würden angeht, die sie dem ungebetenen Rivalen von rechts draußen voraus haben – 1. Argument –, so stellten sie heraus: Der aktuelle imperialistische Weg Frankreichs führt, gegenteiligen Gerüchten zum Trotz, nicht zum Niedergang seiner Wirtschafts- und Militärmacht, sondern bedient dessen Standort- und Weltmachtansprüche; er hat sich im Prinzip als – 2. Argument – Erfolgsweg bewährt. „Das beherrschende Thema des Wahlkampfs“ fasst die Botschaft patriotisch bewusstseinsbildend zusammen: Innere Sicherheit. Die zu gewährleisten, begreifen die Regierenden als vornehme Pflicht, an deren Erfüllung sie sich vom Volk messen lassen wollen. Auf Dank ist ihre Versicherung berechnet, man könne „als Franzose“ auch nachts auf die Straße gehen, ohne gleich von dunkelhäutigen und/oder ungewaschenen Gestalten überfallen zu werden; den Populismus Le Pens, kein Eingeborener könne sich in „seinen“ Städten mehr heimisch fühlen, kontern sie mit dessen Umkehrung: Rundum aufgehoben – 3. Argument – kann sich das Volk in seiner Heimat fühlen, an welchen sozialen Ort einen das Dasein als Franzose auch verschlagen hat. „Seine“ Staatsgewalt passt auf ihn auf, was nicht als Drohung, sondern als Service zu verstehen ist: Lohnarbeitende und arbeitslose Inländer in den Vorstädten, die sich an Eigentum und Sitte halten, als auch Ausländer, die nützliche Dienste am Standort Frankreich ableisten, stehen unter der schützenden Hand der französischen Obrigkeit, haben sich in den von ihr bewachten Lebensverhältnissen ordentlich zu benehmen und ihr Elend friedlich zu teilen; sollte der Staat versäumt haben, ihnen dabei zu helfen, werden Gesetzgeber, Drogenfahndung und Fremdenpolizei das selbstverständlich mit aller nötigen Konsequenz nachholen… Erste Maßnahmen in diesem Sinne ergreift Chirac unmittelbar nach der Wahl mit der Ernennung einer neuen Regierung, die sich vorrangig um Kriminalitätsbekämpfung und Ruhe an den „Sozialen Brennpunkten“ zu kümmern hat: So führt er den Beweis, dass der Staatspräsident kein bloßer Populist ist, der vom Abräumen des Gesindels nur spricht statt den Franzosen zu geben, was sie verdienen.

So ist die Konkurrenz der Staatsmänner eine um die Befugnis, den Nationalismus als Berufungsinstanz aller Notwendigkeiten der Staatsräson zu beschlagnahmen. Populismus ist die unzulässige Besetzung dieses Rechts auf Legitimation der Herrschaft „im Namen des Volkes“, dessen Missbrauch für eigene Machtinteressen (die in dem Fall „schnöde“ heißen und nur „die niederen Instinkte“ des verehrten Volkes ansprechen). Wem also das Recht auf rechte Stimmen gebührt – das ist die Substanz dessen, was es in Runde 1 zwischen Chirac, Jospin und Le Pen zu entscheiden gab und nun eben als Alternative Chirac oder Le Pen zur Wahl steht. Das sagt so allerdings keiner.

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Das gesamte gute Frankreich, bis auf die unverbesserlichen Le-Pen-Wähler und Linksradikalen „endlich wachgerüttelt“, ruft sich zur Entscheidung in einem Tableau von Alternativen auf, das an Absurdität kaum zu überbieten ist: Eigentlich ginge es um die Wahl Ausländerfreundlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit, aufwärts mit oder Austritt aus Europa, Demokratie oder Faschismus, Sein oder Nichtsein der Nation. Als ob das die Differenz zwischen Chirac und Le Pen wäre, bzw. umgekehrt: Wenn sie das wäre, stünde sie niemals zur Wahl.

– Die Gründe des Staatspräsidenten, in der Legende von ‚Republik oder Verderben‘ den Part des Retters zu geben, sind aus seiner Position nur zu klar. Er ergreift die für einen Politiker selten gute Gelegenheit, die Befragung des Volkes, von wem es lieber regiert werden möchte, als den puren Akt der Akklamation seiner Herrschaft aufzuführen und abzurufen, der eine Wahl immer ist, in der kollektiven Ablehnung der nationalen Katastrophe Le Pen aber explizit gefordert wird. Mit dem Aufpusten der Führerwahl zur Entscheidung über Bestand oder Untergang Frankreichs reklamiert Chirac sein Monopol auf die Stimmen aller Nationalisten. Dafür stilisiert er seinen Herausforderer zur bodenlosen Fundamentalattacke auf alles Wahre und Schöne, beschwört „die Gefahr für Frankreichs Seele, seinen Zusammenhalt, seine Stellung in Europa und der Welt“, zeigt sich als Führer einer Nation, die „die Werte der bürgerlichen Revolution und die Menschenrechte verteidigt“, und fasst sein Wahlprogramm in 6 treffende Worte: „Vive la France. Vive la République“. Wie überflüssig eine rechte Alternative ist, erklärt der Präsident mit Verweis auf den prinzipiell befriedigenden Status Quo der Nation; dafür, mehr daraus zu machen, verlangt er den Schulterschluss von Staat und Volk. „Es gibt mehr Einendes als Trennendes zwischen den Franzosen“: Weit blickend lobt er seine Citoyens, dass sie blöd genug sind, stolze Franzosen zu sein; dafür liebt er sie: „Frankreich braucht Sie, meine lieben Landsleute. Ich brauche Sie.“

– Die Entscheidung der französischen Linken, sich in diese Alternative einzukaufen, bedarf einer eigenen Leistung. Bis auf die trotzkistische „Lutte Ouvrière“, die ihre 6,3% Wähler auch nicht im 2. Gang für Jospin aufgerufen hätte und nun keinen Grund sieht, das selbe für Chirac zu tun, treten die Regierungsparteien Sozialisten, Kommunisten und Grüne, dazu Gewerkschaften, Intellektuelle und Gutmenschen sowie kickende und singende Nationalidole von Zinédine Zidane bis Juliette Gréco für die Wahl des Präsidenten ein. In der Sache ohne Wenn und Aber, in der Begründung mit 1000 Bedenken: Denn einfach so zur Kenntnis nehmen, zur Bejahung welcher Alternative und Bevollmächtigung welcher Politik sie ihre Anhänger mobilisieren, wollen die neuen Wahlhelfer Chiracs auch wieder nicht. Zwar rufen über 1 Million Menschen auf den Mai-Demonstrationen „Rettet Frankreich!“ und spendieren ihrer Nation, wie sie geht und steht, den denkbar abstraktesten Freispruch für alles, was sie mit ihren Bürgern und auf der Welt anstellt und noch vorhat; und dieser bedingungslosen Loyalitätserklärung soll der staatsbürgerliche Treuebeweis folgen: „Auf zur Wahl!“ Stets aber beteuern sie, dass das nicht gemeint wäre, wenn sie die Marseillaise schmettern und Trikoloren schwingen: Nicht für Frankreich, wie es ist, und auch nicht für Chirac, den Sack, würden sie eintreten, sondern für die Republik, wie sie sein könnte, demonstrieren sie, also auch für das bessere, antifaschistische Frankreich. Nicht eben zerknirscht erzählen sie, wissentlich ein „Übel“ zu wählen, aber natürlich „das kleinere“; und damit das Kunststück gelingt, Chirac zu wählen, aber eigentlich doch nicht, inszenieren sie das schlechte Gewissen zur guten republikanischen Tat: Gummihandschuhe und Nasenklammern sollen mit in die Kabine, wo vorm Ankreuzen die Faust geballt wird. So bleibt die linke Seele beim rechts Wählen unbefleckt, und aus der Not wird eine Tugend: Wer sonst als die Linke ist berufen, „den Faschismus zu stoppen“? Aufrechte Demokraten gehören auf die Straße und kämpfen gegen das Menetekel „Le Pen“: Indem sie zur Wahl Chiracs aufrufen, bewahren sie das Land vor dem Größten anzunehmenden Unfall, den sie sich vorstellen können. „Chirac ist unser Gegner, Le Pen unser Feind“; der Präsident ist nicht ihr Typ, aber der andere wäre die „Wiederkehr von Vichy“. So verhindern auch französische Linke alle Jahre wieder die Gräuel des anklopfenden Faschismus bzw. vaterlandsfeindlicher Verräterregimes und ziehen vor der real existierenden Demokratie den Hut.

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Das Wahlergebnis fällt im Sinne der gestellten Alternative aus. Das ausländerfreundliche, internationalistische, menschenwürdige Frankreich wird mit 82:18 vor Rassismus, Nationalismus und Barbarei und damit für das demokratische Europa gerettet.

Indes ist die demokratische Kultur schon wieder einen Schritt weiter. Chirac mag „das beste Ergebnis aller Zeiten“ erzielt haben, eine grandiose Ermächtigung sei das aber nicht, dies qualifiziere ihn eher „zum schwächsten aller Präsidenten“. Wie das? Lässt der Freibrief fürs Regieren, den das Volk seinem alten/ neuen Chef zweifellos ausgestellt hat, noch Wünsche offen? Offenbar, denn die Sorge zielt über die Wahl hinaus bereits auf die nächste: Kommt der Wähler, das wankelmütige Wesen, auf die Bedingtheit seiner Zustimmung für Chirac zurück, belohnt das Volk womöglich die patriotische Glanztat der Linken mit einem Sieg bei den Parlamentswahlen und zwingt den Staatspräsidenten erneut zur umständlichen „cohabitation“? Wie hält der Präsident es aus, wenn seine schöne Ermächtigung nicht zur unangefochtenen Machtausübung führt? So spannend kann Demokratie sein.


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