VW sichert deutsche Arbeitsplätze

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

VW sichert deutsche Arbeitsplätze – demnächst sogar regelmäßig samstags und zum Normaltarif

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„Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals“ (Marx): VW gestaltet seine Produktion rentabler, indem die Firma einen Tag pro Woche länger arbeiten lässt. Die Rentabilität wird noch zusätzlich erhöht, wenn – wie VW dies verlangt – für die künftig regelmäßig anstehenden Samstags-Schichten der ehemals gezahlte Zuschlag entfällt.

VW sichert deutsche Arbeitsplätze – demnächst sogar regelmäßig samstags und zum Normaltarif

Einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zur Lage auf dem Weltmarkt für Automobile ist zu entnehmen, wozu es die kapitalistische Marktwirtschaft unter anderem auch bringt. Etwa 20 Mio. Autos sollen es gegenwärtig sein, die mangels zahlungskräftiger Nachfrage unverkäuflich sind, Kenner des Marktes rechnen aus ihnen eine 40%ige Überkapazität in der Autobranche heraus, mit steigender Tendenz. Von einer bevorstehenden globalen Autokrise ist die Rede, weil nach den Zusammenbrüchen in der asiatischen Krisenregion auch die Marktaussichten in den USA einen Rückgang der Geschäfte erwarten lassen. Doch ein tüchtiges Autounternehmen entdeckt in dieser Lage, die manchen Konkurrenten zur Stillegung seiner Anlagen zwingt, eine ausgezeichnete Geschäftsgelegenheit für sich. Zwei Tage später meldet dasselbe Blatt:

„Die Volkswagen-AG will zur Sicherung der Arbeitsplätze und der Wettbewerbsfähigkeit in den sechs deutschen Werken den Samstag zu einem normalen Arbeitstag ohne Zuschläge machen. … Ziel sei, möglichst an sechs Tagen mit drei Schichten zu arbeiten. VW könne bei entsprechender Ausnutzung aller 38 Werke bei vier Arbeitstagen vier Millionen, bei fünf Tagen fünf Millionen und bei sechs Tagen sechs Millionen Autos bauen.“ (SZ, 5.10.)

‚Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals‘ heißt bei Marx nüchtern die Methode, mit der VW seinen Konkurrenten zeigt, wo auf dem Weltmarkt für Autos Kapazität zuviel ist und wo nicht. In seinen Fabriken und an seinen Maschinen gedenkt das Unternehmen demnächst einfach noch mehr von den Arbeitskräften zu mobilisieren, über die es verfügt. Wie ein Chef des Unternehmens es vorrechnet, bringt ein wöchentlicher Arbeitstag zusätzlich dem Unternehmen innerhalb eines Geschäftsjahres eine Million Autos mehr, ohne eine einzige zusätzliche Investition zu tätigen. Der Hauptposten des konstanten Kapitals der Firma, in den 38 Werken und ihren sündhaft teuren Arbeitsplätzen vergegenständlicht, wirft schlicht darüber mehr Profit ab, daß die Anlagen vermehrt produktiv ausgenutzt werden: Der längere Einsatz der rentablen Arbeit macht sie noch ein wenig rentabler. Diesen bequem zu erlangenden Vorteil, schlicht durch vermehrten Zugriff auf menschliche Arbeitskraft Masse wie Rate des Profits seines Kapitals zu erhöhen, übersetzt die Leitung des Unternehmens in die aktuelle Lesart des ewigen Sachzwangs Wettbewerbsfähigkeit, und die ist es dann, die demnächst nicht nur – wie jetzt noch – ausnahmsweise, sondern generell das Arbeiten auch samstags gebietet. Mit einer Ausbeutung seiner Arbeitskräfte, die zwischen zwei Sonntagen allein noch an der Zahl der rechnerisch möglichen Arbeitsstunden und Werktage ihre Schranke findet, will sich VW seinen Erfolg auf den Weltmärkten sichern. Daß es darüber die weltweit vorhandene Überkapazität schlagartig um eine Million weiterer Autos erhöht, ist genau der Witz der Sache, weil unter der die Konkurrenz zu leiden hat.

Damit die Einführung eines weiteren Normalarbeitstages die für den Profit des Unternehmens erfreulichen Wirkungen nicht schmälert, hat die Arbeit am Samstag freilich auch noch unter einem anderen Gesichtspunkt normal zu werden. Die bisher übliche Ausdehnung der Arbeitszeit auf den Samstag hat das Unternehmen bislang mit Zuschlägen zum Normallohn entgolten. Jetzt, wo der Profit der Firma die samstägliche Mehrarbeit als Regelfall verlangt, ist sie auch bloß noch nach den Tarifen zu entlohnen, die für die regelmäßige Arbeitszeit gelten. Wie auf die Mehrarbeit seiner Lohnabhängigen selbst, so hat das Unternehmen zur Sicherung seiner Wettbewerbsfähigkeit auch auf deren Verbilligung ein absolutes Recht, und weiß dafür auch einen ungemein schlagenden Grund: Für ein Samstagsauto zahlt der Kunde ja nicht mehr als für ein Mittwochs- oder Montagsauto (ebd.).

Die Verfügungsmacht über Arbeitskräfte, die von ihnen frei gehandhabte Festlegung von Arbeits- und Lebenszeit der vom Lohn Abhängigen ist das Geschäftsmittel kapitalistischer Unternehmen. Wenn ihnen die Aussicht auf vermehrten Gewinn winkt, machen sie von ihrer Verfügung entsprechenden Gebrauch, und wenn VW mit seinen Autos mehr verdienen will, kommandiert es seine 100000 Arbeiter im Standort Deutschland einfach auch noch samstags zum rund um die Uhr rotierenden Schichtbetrieb.

Die offiziellen Vertreter der Belegschaft – Gewerkschaft und Gesamtbetriebsrat – lehnen den Abbau der Zuschläge strikt ab (ebd.). Da sie ansonsten aber nichts ablehnen, sie im Gegenteil vor allem bedingungslos für sichere Arbeitsplätze sind, zollen sie auch allen gegebenen Bedingungen Anerkennung, von denen nach Auskunft ihres Vorstands der internationale Konkurrenzerfolg der Firma nun einmal abhängt. Dieser geht daher ganz beruhigt von der erfolgreichen Durchsetzung des neuen Lohn- und Leistungsverhältnisses bei VW aus: Ich glaube, bevor Autos an Standorte außerhalb Deutschlands verlagert werden, wird man alle Register ziehen, um Kosten einzusparen. Wir kämpfen ja nicht gegeneinander, sondern miteinander für die Sicherung von Arbeitsplätzen (ebd.). Noch ein Vorteil, wenn man neben der Arbeitszeit der Belegschaft auch noch über „Co-Management von Betriebsräten“ verfügt.


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