Ursachenforschung Rechtsextremismus

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Rechtsextremismus: Öffentliche Ursachenforschung und ihre Therapievorschläge
Wie man fehlgeleitete Schafe auf den Weg der demokratischen Tugend zurückführt

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Brandanschläge auf Asylantenheime veranlassen die „anständige“ Öffentlichkeit zu der Frage „wie es dazu kommen konnte“. In ihrer sozialpädagogischen Nichtbefassung mit den Ereignissen erfindet sie eine Reihe gesellschaftlicher Versäumnisse „Schlechte soziale Bedingungen“, „Anspruchsdenken“, „Fehlende Frustrationstoleranz“…, deren Maßstab allemal die Herstellung von Führung, Zucht und Ordnung ist. Eine Kritik rechten Gedankenguts ist diese verständnisvolle Aufzählung „ungünstiger Umstände“ damit wahrlich nicht.

Rechtsextremismus: Die öffentliche Ursachenforschung und ihre Therapievorschläge
Wie man fehlgeleitete Schafe auf den Weg der demokratischen Tugend zurückführt

Angesichts des Terrors von Hoyerswerda, Rostock und Mölln legte sich der Teil Deutschlands, der gerne der „anständige“ genannt wird, eine selbstkritische Frage vor: Wie konnte passieren, was nach offizieller Lesart „nie wieder“ hätte passieren dürfen?

Alle fragen: Haben nicht vielleicht wir den Boden bereitet? Die Regierenden? Die Medienexperten? Die Lehrerinnen? Die Kulturschaffenden? Ein Anfall von Einsicht, die Inhalte der mehr als 40jährigen politischen Erziehung durch die öffentlichen Institutionen dieser Republik könnten der Sumpf sein, auf dem nationalistische „Auswüchse“ gedeihen, ist damit allerdings nicht ausgebrochen. Im Gegenteil: Die Debatte folgte der keineswegs abgesprochenen, dafür umso eindeutigeren Vorgabe, ein Versäumnis der „Gesellschaft“ dahingehend zu konstatieren, ihre Mitglieder führungs- und damit hilflos der „Verführung von rechts“ ausgesetzt zu haben. Eine unüberhörbar pädagogische Absicht diktiert die Liste der Befunde, deren Schlagworte inzwischen jeder halbwegs gebildete Deutsche aufsagen kann:

Arbeitslosigkeit, Plattenbauweise, Zukunftsangst, der Verlust alter Werte und Normen, Konsumorientierung, Orientierungslosigkeit und/oder das Versagen von Familie und Schule“ sind schuld und führen, bei entsprechender „Ich-Schwäche“, mit nahezu tödlicher Sicherheit in den Abgrund des Rechtsradikalismus.

Ein Grundmuster der Diagnose sticht – bei aller Disparatheit – sofort ins Auge: die Umstandslosigkeit nämlich, mit der die Frage nach den Gründen der zunehmenden Attraktivität rechter Parolen mit der Angabe von Umständen beantwortet wird, unter denen aufrechte Demokraten es zwar verwerflich, aber auch verständlich finden, daß jüngere und ältere Deutsche „in Versuchung geraten“ können, zur Benzinflasche gegen Ausländer zu greifen. So wenig die bebilderten Ursachen einer Überprüfung standhalten – warum und inwiefern sollten miserable Lebensverhältnisse, Materialismus, Langeweile oder antiautoritäre Erziehung ausgerechnet und quasi zwangsläufig rechtsextremes Gedankengut begünstigen? –, so aufschlußreich ist das Sündenregister in ganz anderer Hinsicht. Es gewährt tiefen Einblick in die Maßstäbe demokratischer Verurteilung rechter Privatgewalt und deutet an, wie man den neonazistischen „Rattenfängern“ das Wasser abzugraben gedenkt: Mit ihren eigenen Waffen.

„Ungünstige soziale Bedingungen“

Was immer wissenschaftliche Untersuchungen an „sozialen Einflußfaktoren“ zitieren – von der berüchtigten „Arbeitslosigkeit“, die schon vor 60 Jahren die Faschisten an die Macht gebracht haben soll, bis zur „Wohnungsnot“ in realkapitalistischem Beton und exsozialistischen Plattenbauten –, der aufgestellte Zusammenhang ist a) der Sache nach verlogen und b) stets zynisch gemeint:

a) Aus der Tatsache der dauerhaften Existenzunsicherheit, die den Lohnabhängigen aus der Anbindung ihrer Ernährungsmöglichkeiten an den Arbeitskräftebedarf des Kapitals erwächst, sowie aus dem Überangebot an zu teuren, zu kleinen und zu trostlosen Wohnungen, mit denen das Privateigentum an Grund und Boden das deutsche Volk und seine ausländischen Gäste segnet, folgt – überhaupt nichts.

Keine Kommunisten, keine mündigen Bürger und keine Nazis. Erst durch einen Schluß, den sie aus ihrer Lage ziehen, unterscheiden sie sich politisch: Arbeiter und Arbeitslose, die auf ihrem Interesse als Klasse bestehen, werden zu Gegnern des kapitalistischen Systems und der Staatsgewalt, die es beschützt; Arbeiter und Arbeitslose, die sich der Botschaft der Herrschenden anschließen, ihre Lohnabhängigkeit als Chance zu nehmen, meckern über die ungerechte Zuteilung dieser Chance, verhalten sich also insgesamt eher unauffällig; Arbeiter und Arbeitslose, die ihre Lage in die Verletzung eines Rechts umdeuten, das ihnen als Deutschen zustünde, aber von Staats wegen vorenthalten wird, werden aus dieser Einstellung heraus zuweilen handgreiflich: gegen die angeblich bevorzugten „Schmarotzer“ und gegen ihre Obrigkeit, die sie nicht zu viel, sondern zu lasch regiert.

b) Da Typ 1 derzeit so gut wie ausgestorben ist, Typ 2 als der demokratische Idealfall gilt, ist Typ 3 das Problem. Wer diesen Staatsbürgern freilich das besorgte Kompliment macht, ihre bescheidene materielle Situation „treibe“ sie direkt in die Fangarme der Rechtsradikalen, der gesteht ein, daß er weder ihre Lage kritisieren will noch ihren erznationalistischen Gedanken, von ihrer Führung entschlossene Maßnahmen zur „Lösung des Ausländerproblems“ zu verlangen, sondern ausschließlich die politische Flagge, unter der sie ihn austoben. An arbeitslosen Ghettobewohnern, die CDU, SPD oder Bündnis ’90/Grüne wählen, stört ihn nämlich gar nichts.

Die Kritik, die sich dieser „ökonomistische Ansatz“ (1) in jüngster Zeit dennoch eingefangen hat:

„Die wirtschaftlich angespannte Lage reicht als Erklärungsmuster nicht mehr aus“ (1),

gilt denn auch gar nicht der Erklärung selbst, sondern deren vermeintlicher Konsequenz: Wenn wir sagen, soziale Not führt zu…, dann müßten wir Schönhuber-Sympathisanten ja womöglich mit Arbeitsplätzchen und Villen im Tessin in den Schoß der Demokratie zurückholen – und das geht natürlich nicht.

Da macht sich der umgekehrte Befund doch schon viel besser: Nicht, weil die Leute zu wenig haben, sondern weil sie zu viel wollen, werden sie rechtsradikal:

„Anspruchsdenken“

Ob auf (elder)statesmanmäßig:

„Die Gefahr ist groß, daß junge Menschen, die in einem Klima von Anspruchsdenken, Nicht-gefordert-Werden und Bindungslosigkeit heranwachsen, der Verführung von Populisten und radikalen Schwätzern widerstandslos erliegen“ (Helmut Schmidt and friends, 2);

ob auf links-alternativ:

„Der moderne Spießer kann nicht glauben, daß es sein Anspruchsdenken, sein Schnorren beim Staat, seine kabarettistische Einstellung zu allen Werten und Institutionen sind, die anfangen, der Republik die Luft abzuschneiden“ (taz, 3)

– allenthalben der selbe Gedanke: Ausgerechnet Materialismus, westlicher Wohlstands-Chauvinismus (Spiegel, 4), auf partikularen Interessen bestehen, seinen Besitzstand wahren wollen (und wie die vorwurfsvollen Ersatzformeln noch lauten), sollen untrügliche Kennzeichen rechter Gesinnung sein! Haben die Autoren solcher Sätze keine Ahnung davon, daß „Materialismus“ keine Asylantenhütten anzündet, aber die Inhaber gewisser anderer Paläste in ganz andere Schwierigkeiten bringen würde? Welche „partikularen“ Parolen außer „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ haben sie in den Live-Übertragungen aus Rostock wohl gehört? Welche „Besitzstände“ verteidigen Lohn- und Sozialhilfeempfänger mit Zähnen und Klauen, wenn sie im Namen diverser „nationaler Notstände“ weniger kriegen, aber mehr bezahlen müssen?

Es scheint eher so, als seien die Wertehüter in den deutschen Redaktionsstuben durch die Nichtexistenz wirklicher Opposition gegen die stattfindende Politik dermaßen verwöhnt, daß sie den für demokratische Köpfe immer einleuchtenden Denunziationstitel „Anspruchsdenken“ schlankweg auf den rechten Bürgerprotest übertragen. Was zwar sachlich absurd, aber nützlich für die Forderung ist, wegen der die „Diagnose: Konsumorientierung“ überhaupt nur gestellt wurde: Rechts gewendete Nationalisten, die man kurzerhand als Kostgänger der Nation beschimpft, sollen sich am Riemen reißen!

Welch instrumentelles Verhältnis die professionellen Begutachter deutschen Volksbewußtseins zu ihren Befunden einnehmen, dazu bekennt sich das nächste Stichwort

„Fehlende Frustrationstoleranz“

noch ein Stück klarer. Es kommt nämlich ausschließlich so zustande, daß der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Und der geht so:

„Hearing der Bundesregierung zu Rechtsextremismus und Gewalttätigkeit in Deutschland“. Ein bekannter Schreibtischtäter, der den Bürgern dieser Republik kraft seines Amtes schon so manches „Problem“ beschert hat, gibt seine „Analyse“ der Lage der Menschen im gewachsenen Deutschland zu Protokoll:

„Die Probleme resultieren aus einer von den Jugendlichen so empfundenen Verschlechterung der eigenen persönlichen Verhältnisse“ (Gerster, CDU/CSU, 1).

Das Echo aus der wissenschaftlichen Ecke läßt nicht lange auf sich warten:

„Die Ursachenforscher Micha Brumlik und Eike Hennig machten darauf aufmerksam, daß ein allgemeiner Wandel der Werte und Wahrnehmungen in den vergangenen Jahren den rechten Gewaltausbruch bewirkt haben müsse. Nach Ansicht von Hennig spielt das Motiv einer subjektiven Unzufriedenheit eine besondere Rolle: ‚Zufriedene sind auch in der Unterschicht nicht rechts, aber Unzufriedene in höheren Schichten sind es‘.“ (4)

Kann man deutlicher vorführen, wie Ursachenforschung geht?

1. Die Prämisse: Marktwirtschaft und Demokratie bieten keine Gründe für Unzufriedenheit. Basta. (Das gilt auch für Rechte.)

2. Die Anwendung: Ist jemand dennoch unzufrieden, muß es an ihm, sprich: seinem (überzogenen) „Erwartungshorizont“ an sie liegen – alles eine Frage der Sichtweise!

3. Der Ertrag: Und schon hat man ein „Motiv“ entdeckt: Mutwillige Nörgelei, zu deutsch: „mangelnde Frustrationstoleranz“.

4. Die Logik: Auch Rechte werden von denkenden Demokraten nicht widerlegt, sondern zurechtgewiesen. Sie lassen die Tugend der rosaroten Brille vermissen!

5. Der empirische Beweis: Es gibt wohlerzogene Unterschichtler – die haben nix, sind aber sturzzufrieden mit ihrem „Schicksal“; und es gibt Zahnärzte bei den Republikanern!

6. Der Vorteil dieser Logik: Sie ist vollkommen gleichgültig gegen den Inhalt der Unzufriedenheit. Ob die Leute nach mehr Knete oder nach mehr Staat verlangen – ein nicht ganz unwesentlicher Unterschied –, eingebildete Kranke und Unruhestifter sind sie alle:

„ÖTV-Mitglieder scheinen die eigenen Sprüche von der existentiellen Not mittlerweile zu glauben und leiden an Phantomschmerzen: ‚Die Taschen sind leer, Geld muß her‘“ (3).

Man sieht: Deutsche Bürger sollen, wo immer sie in der sozialen Hierarchie stehen und was immer von ihnen verlangt wird, nicht nur gehorchen – das sowieso! –, sie sollen sich auch gut dabei fühlen. Weil „Gehorsam“ offenbar noch zu sehr nach einem kleinen Gegensatz zwischen Bürger- und Staatswillen klingt, ersetzen anspruchsvolle demokratische Theorien über die geeigneten Tugenden eines gesunden Volkskörpers den Terminus durch ein – allerdings nur für ihre Ohren – netteres Wort: „Zufriedenheit“ ist angesagt. Wer dennoch muckt (egal, in welcher Absicht), leidet an der Un-Fähigkeit, die beschlossenen Opfer für die Nation als Beitrag zu seinem persönlichen Wohlbefinden zu sehen – und darum an „Phantomschmerzen“, die unbedingt geheilt werden müssen.

Der Triumph, ausgerechnet rechten Protest, der doch selber schwer auf „Gehorsam“ und „Disziplin“ steht, mit seinen eigenen Werten anzugiften, läßt sich auch auf die psychologische Tour auskosten:

„Ich-Schwäche“

Ein Beispiel: Beliebtes Material zur Unterrichtseinheit „Rechtsradikalismus“ an westdeutschen Schulen ist der „Brief eines Lehrers an seinen Schüler“, den das WDR-2-„Mittagsmagazin“ auf Anfrage versendet. Leseprobe:

„Lieber Skinhead! Ich will Dir in ganz einfachen Worten was sagen, damit Du mich auch verstehst. Wenn Du einen ‚armen Hund‘ haust, zeigst Du nicht, wie stark Du bist. Du zeigst damit nur Deine Schwäche und Blödheit. Dein Problem ist, daß Du in einer Vorstadt rumgammelst, ohne große Lust zur Mitarbeit, jede Arbeit für Dich gleich ‚Scheißarbeit‘ ist (Und wer verrichtet diese Drecksarbeit in Deinem Großdeutschland?). Aber stark wird nun mal keiner, der (auch noch 20, 30 oder 40 gegen 2) ein paar ‚Kanacken‘ verdrischt. Benutz mal Dein Gehirn, nicht den Knüppel! In Deinem rasierten Schädel ist nämlich Gehirn…“ (5)

In ihrer pädagogischen Einfühlsamkeit bringt diese liebevolle Anmache eines totalen Blödmanns die Elemente demokratischer Überzeugungsstrategie gegen rechts kindgerecht auf den Begriff:

Es mag ja sein, daß 13-18jährige Kids sich beim „Kanacken-Klatschen“ stark vorkommen; es mag auch sein, daß sie „Mein Kampf“ nicht gelesen haben und das Wahlprogramm der DVU nicht kennen – die Behauptung, sie gingen wegen des angestrebten „Stärke“-Gefühls auf Asylanten los, wird dadurch nicht richtiger. Bloß bequemer!

Man tut einfach so, als sei es vollkommen gleich, ob sich jugendliche Stärkebeweise in der Disco betätigen oder gegen Dunkelhäutige, die dermaßen publikumswirksam zum nationalen „Problem Nr.1“ erklärt wurden, daß die Botschaft selbst bei „politisch nicht interessierten“ Jugendlichen angekommen ist; man tut einfach so, als hätten diese deutschen Jungs und Mädels nichts im Hirn, wenn sie „stattdessen“ ihre Baseballknüppel gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Scheinasylanten“ schwingen, die UNS Maloche und Buden wegnehmen; man trennt den Inhalt ihres Denkens einfach ab (dabei braucht ein Skin viel mehr als dieses „WIR“ wirklich nicht im Kopf zu haben; das aber kräftig!) und übrig bleibt bloß pubertäres „Rumgröhlen“ – kurz: man kritisiert nicht ihren Nationalismus, sondern blamiert ihre Ehre!

Und zwar – wie raffiniert! – mit Vorwürfen, die jeden „rasierten Schädel“ erblassen lassen sollen, wenn er sich als das Abbild jener „Eigenschaften“ erkennt, die er verachtet: Selber Schwächling, feige Sau!

Ganz im Sinne dieser Art Ursachenforschung ist es darum, daß die öffentliche Diskussion sich mittlerweile auf

„Orientierungslosigkeit“

als den „treffendsten“ Begriff für die Kennzeichnung der „Wurzeln des Rechtsradikalismus“ verständigt hat:

„Hauptverantwortlich für die politische Radikalisierung ist die zunehmende Vereinzelung, die der Heranwachsende in der heutigen Gesellschaft erfährt. Arbeitswelt, Familie, Sozialmilieu – nichts scheint mehr dem Jugendlichen eine klare Orientierung geben zu können“ (1).
„Überall, wo sich in durchkapitalisierten Industriegesellschaften die Normen, Werte und Zugehörigkeiten auflösen, suchen sie sich neue Identitäten, die ihnen keiner nehmen kann: Rasse, Hautfarbe, Nation“ (Heitmeyer, 6)

Es ist ja nun wirklich nicht so, als ließe die „Orientierung“ von Ausländerfeinden in puncto Herkunft, Inhalt und Methoden an „Klarheit“ irgendetwas zu wünschen übrig – und dennoch: So gut wie jeder Aufsatz zum Thema „Rechtsextremismus“ versteigt sich zu der „wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis“, daß es ganz gewiß nicht die nationalistischen und rassistischen Inhalte der Rechten sind, die ihre Anhänger gut finden und zur Tat schreiten lassen:

„Der Weg von Jugendlichen in das fremdenfeindliche und rechtsextremistische Terrain verläuft in erster Linie nicht über die der Attraktivität rechter Parolen und Ideologien, sondern über ihre im Alltag entstandene Gewaltakzeptanz.“ (Heitmeyer, 7)
„Die jugendlichen Gewalttäter gegen Asylbewerber besitzen weder eine rechtsradikale Ideologie noch sind sie von wirklichem Fremdenhaß getrieben“ (J. Fest, 8).

Da können rechte Demonstranten bei ihren Aufmärschen noch so viele Strophen der Nationalhymne singen und Deutschlandfahnen schwenken; da können Jugendliche im Suff noch so viele Asylantenheime und Ausländerwohnungen überfallen (übrigens: zu besoffen sind sie offenbar nicht, um nicht zu wissen, an welchem Objekt sie ihre „Gewaltakzeptanz“ abreagieren wollen!) – stets lautet der Befund: Politisch ist das nicht. „Fremdenhaß“? – Keine Spur! „Rasse, Hautfarbe, Nation“? – Bloße „Ersatz“-Befriedigungen für Hohlköpfe und normenlos aufgewachsene Jugendliche!

Absurd? Sicher. Es gehört schon eine gehörige Portion Ignoranz dazu, die Aufmärsche der deutschfanatischen Idioten von jedem nationalistischen „Hintergrund“ zu reinigen – aber vielleicht war genau dies ja die Absicht?! Wer nämlich „Orientierungslosigkeit“ sagt, der schätzt diesen bescheuerten theoretischen Befund für den Standpunkt, den er transportiert:

„Orientierungslosigkeit“ als Defekt, der nach Reparatur durch „Orientierung“ schreit – das ist die moderne Formulierung für die alte Lüge, (insbesondere der junge) Mensch habe ein Bedürfnis nach Unterordnung, die „Gesellschaft“ müsse ihm darum klar und deutlich sagen, „wo’s lang geht“.

„Orientierungslosigkeit“ – das drückt die Bewunderung von Demokraten für die Faszination aus, die rechte Ideologien auf die deutsche Jugend ausüben, und formuliert den erzieherischen Auftrag: Das müssen wir auch hinkriegen!

„Orientierungslosigkeit“ – das ist darum haargenau die passende Sprachregelung für die Diagnose: Enttäuschte und beleidigte Nationalisten sind fehlgeleitete Schafe, die zur Stammherde zurückgeführt müssen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: durch mehr Führung!

„Orientierungslosigkeit“ als das Einheits-Motto bundesdeutscher Ursachenforschung – damit ist nicht nur der Standpunkt durchgesetzt, die alltäglichen Umstände des Lebens im Kapitalismus – „Arbeit, Familie, Sozialmilieu“ – ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der – vermeintlichen bzw. gewünschten – Wirkungen zu beurteilen, die sie auf staatsbürgerliches Wohlverhalten ausüben (sollen). Bemerkenswert ist auch, wie – in einer Zeit, wo Marx so „tot“ ist wie nur was – gerade linke Theoretiker sich darauf verstehen, die nationale Debatte ums mißratene Volk mit ihren alten „marxistischen Kategorien“ zu bereichern:

„Es treten riesige Desintegrationsprozesse auf, die menschlichen Bindungen kommen viel zu kurz und das Kosten-Nutzen-Kalkül wird bestimmend. Die Arbeit ist zunehmend entfremdet, instrumentalistische Arbeitsorientierungen wie ‚Hauptsache Kohle‘, ‚Hauptsache Arbeit‘, ‚Hauptsache Aufstieg‘ dominieren“ (Heitmeyer, 6, 7).

* Bei „entfremdeter Arbeit“ denkt dieser Ex-Linke endgültig nicht mehr an das Eigentum, das die Lohnarbeit kommandiert; er will auch nichts mehr davon wissen, daß das „Kosten-Nutzen-Kalkül“ sehr einseitig von den Rechnungen des Kapitals bestimmt wird; und wo er früher der Lohnarbeit vorwarf, dem Menschen keinen Sinn zu vermitteln, legt er das „Kosten-Nutzen-Kalkül“ heute dem „entfremdet Arbeitenden“ zur Last: Dessen „instrumentalistische“ Geiermentalität, beim Schaffen an Lohn und Aufstieg zu denken, vereitele das Zustandekommen jenes Gemeinschaftsgefühls, das sich unweigerlich einstellen müßte, wenn das Schaffen im rechten Geist abliefe. Nämlich im Geiste des Verzichts auf eigene Berechnungen und Zwecke, der Hingebung an die geschaffene Ware. Wer so arbeitet, praktiziert die Gesinnung, auf die eine demokratische Gesellschaft bei ihren Mitgliedern ein Recht hat. So könnte Arbeit die Schule der Nation sein. – Es ist schon interessant, mit welcher Offenheit ehemals Linke sich zur rechtsreaktionären Quintessenz ihrer ehemaligen Kapitalismuskritik bekennen, sobald sie das gute Gewissen haben, damit „gegen rechts“ zu „kämpfen“, und vom Ethos beseelt sind, ihrer Staatsmacht beizuspringen!

* Auch beim „Menschlichen“ denkt der kritische Pädagoge sogleich an „Bindungen“; keine Spur mehr von dem einstmaligen und ja gar nicht so falschen Verdacht, die bürgerliche Familie sei als Geburtshelfer des „autoritären Charakters“ eines strammen Staatsbürgers auszumachen; heute wird die „sozialisierende Wirkung“ dieser Einrichtung wiederentdeckt – und vermißt:

„Woran sollen sich die Kids denn orientieren? Die Pinnwand in der Küche ist oft nur noch die einzige Kommunikationsmöglichkeit in einer Familie in der Industriegesellschaft. Gewalt ist dann der Preis für diese Art von Zivilisation mit ihrem Aufsteiger- und Gewinnermythos“ (6).

Zurück zur Natur! „Kommunikation“ hat dort stattzufinden, wo die biologische Abhängigkeit und die staatlich verhängte Rechtslage für die richtigen „Strukturen“ sorgen. Dann geschieht sie nämlich im rechten Geist und tränkt dem Nachwuchs demokratische Geisteshaltung und Lebenseinstellung ein wie die Muttermilch. – An dieser Idylle gemessen, ist der „Funktionsverlust der Familie“ in der Tat eine schreckliche Vorstellung: wert(e)- und orientierungslos irrt der Jugendliche in der Küche umher – und muß stattdessen auf die Straße zum „Ausländer-Klatschen“… (Nebenbei bemerkt: Wenn man schon so großen Wert auf die korrigierende Funktion der Familie legt – dann dürfen die Eltern den Kids aber auch nichts Verkehrtes über die Ausländer und keine Geschichten vom „zu vollen Boot“ erzählen! Am Ende hören die Kleinen noch drauf.)

Und weil die verzogene deutsche Jugend ein Recht auf Orientierung hat, hat die Intelligentia zuguterletzt unter dem Motto

„Versagen der Gesellschaft“

eine erhitzte Talkshow darüber angezettelt, wer die Saubande auf dem Gewissen hat.

Dem Erfindungsreichtum sind dabei einerseits keine Grenzen gesetzt; allerdings haben nur solche Einfälle eine Chance, berühmt zu werden, die darauf bestehen, daß Nazis nur dann erfolgreich sein können, wenn die Demokratie den Menschen zu viel Freiheit läßt und damit ein unverzeihliches „Vakuum“ in den Köpfen schafft. An dem ideellen Auftrag, den BRD-Staat vor seinen rechten Abfallprodukten zu retten, indem man sie überflüssig macht, werden alle gesellschaftlichen Gruppen sehr umstandslos von den demokratischen Ursachenforschern gemessen – egal, ob sie solches jemals vorhatten. Und an diesem Auftrag haben sich, wie man hört, in den letzten 40 Jahren so ziemlich alle schwer versündigt – sogar die DDR!

West

* Die „Spitzen der Politik“ haben versagt, weil sie durch ihre Desorientiertheit einen ungerichteten Massenprotest zugelassen haben (Mommsen, 9), statt ihm mit einem flotten „Asylkompromiß“ von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen.

* Die Medien haben versagt, weil es „seit langem kein Tabu mehr gibt, das demjenigen, der es bricht, nicht rasche Prominenz und Einschaltquoten verbürgte. Jetzt zeigen sich die gleichen Leute fassungslos, die sich nicht genugtun konnten, die Verletzung aller Gesittungsnormen als Ausdruck progressiver Gesinnung zu feiern. Wenn Hitler, der radikalste Tabuzerstörer, tatsächlich das letzte Tabu dieser Gesellschaft war, konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis es fiel“ (8).

Eine echte Spitzenleistung des geistigen Abwehrkampfes gegen rechts: Erst stilisiert man den GröFaZ zum radikalsten Gegner aller Normen und Werte (nach bestem Vorbild übrigens: „Man lehnte alles ab: die Nation, das Vaterland, die Autorität des Gesetzes, die Schule, die Religion, die Moral; es gab rein gar nichts, was so nicht in den Kot einer entsetzlichen Tiefe gezogen wurde“, Hitler über deutsche Arbeiter, „Mein Kampf“, S. 41) – und schon erscheinen die Ideale von Anstand, Bescheidenheit & Opferbereitschaft als die passende Antwort auf die neuen Hitlers!

* Die modernen Erzieher haben versagt, weil unsere Erziehung eine Spezies hervorgebracht hat, die konsumorientiert und gewalttätig ist und bei rechtsradikalen Gruppen offensichtlich vieles geboten bekommt, was wir ihnen nicht bieten konnten und wollten: Gemeinschaftsgefühl, Autorität und ein festes Normengefüge (NRW-Grünen Abgeordnete Beate Scheffler, 10). Daß so mancher über die Früchtchen erschrickt, die er zu „guten Menschen“ machen wollte, mag sein; daß deswegen ausgerechnet antiautoritäre Erziehung Begeisterung für knackige Gemeinschaften und zackige Autoritäten produziert haben soll – das glaubt auch nur, wer Gehorsam für eine Art Instinkt der „Spezies Mensch“ hält, der „durch die besten emanzipatorischen Absichten“ zwar zeitweise unterdrückt, aber niemals ausgerottet werden kann.

* Die Künstler haben versagt, weil sie lieber die „Freiheit über den Wolken“ als die Nation besungen und damit den „Böhsen Onkelz“ das Thema überlassen haben (8).

* Und die Linken sowieso, weil sie ein gestörtes Verhältnis zur Nation, speziell zur deutschen, haben und in altem Denken befangene Altlinke nicht zugeben wollten, daß Nation eine Heimat sein kann (Kowalsky, 11). Daß es womöglich gute Gründe dafür gibt, daß „vaterlandslose Gesellen“ die Taten der Nation und nationalistisches Denken kritisieren statt mit deren schwarzen, braunen, grünen und roten Anbetern zu konkurrieren, erweist sich heute schon deshalb als ein einziges Verbrechen, weil es „alt“ und nochmal „alt“ ist.

Ost

Vor allem aber hat die „Gesellschaft der DDR“ versagt.

Was man schon daran sieht, daß auf dem Gelände der ehemaligen „Ostzone“ besonders viele Neonazis wüten. Der hergestellte Zusammenhang – dann ist die neufaschistische Gesinnung seiner Ex-Untertanen eine weitere „Erblast“, die auf das Kerbholz von Honecker geht – ist zwar weder zwingend noch besonders logisch, macht aber nichts: Der Fingerzeig auf rechtsrandalierende Ossis dient eh nur einer weiteren Abrechnung mit dem Sozialismus, der „uns“ keine ganz pflegeleichten Volksgenossen hinterlassen hat. „Honeckers Rache“ sozusagen, die westdeutsche Ursachenforscher gleich dreifach entdecken:

* Versagt hat die DDR erstens durch ihre „Repression“. Denn: Wer Repression sät, erntet „autoritäre Charaktere“ (Maaz, 12). Diese 369. Neuauflage von der automatischen Fortpflanzung eines Unterdrückungsmechanismusses – wer oben gedeckelt wird, muß seine dadurch erzeugten „Aggressionen“ nach unten weiterleiten und geht auf „Minderheiten“ und sonstige Vietnamesen los – wird durch einen intimen Kenner des Zoni-„Gefühlsstaus“ als Kronzeugen zwar nicht glaubwürdiger – doch eines bringt diese Anklage des DDR-„Unrechtsregimes“, dem man „Repression“ als Herrschaftszweck nachsagt, schon zustande: die verachtungsvolle Entschuldigung unserer eingemeindeten Brüder und Schwestern, die (wg. Stasi, Knechtung in VEBs, erzwungenen Jubelaufmärschen, etc.) als immer noch manipulierbare Marionetten gar nicht anders können, als ihr heutiges libertinäres Kurzarbeiterdasein durch Fremdenhaß zu „sublimieren“. Als ob die Jungs ihre Baseballschläger nicht aus freien deutschen Stücken schwingen würden!

Aber sei’s drum: Wegen des ideologischen Nährwerts – die Menschennatur möchte ausschließlich demokratisch domestiziert werden – findet Maaz’ These von zu viel „Repression“ genausoviel Beifall wie Frau Schefflers gegenteilige Behauptung, zu wenig „Daumen drauf“ habe die rechtsradikalen Umtriebe zu verantworten.

*  Ein zweites Mal – perfiderweise – durch ihren Abgang! Nix mehr „Repression“, nix mehr Halt: „Mit dem Zusammenbruch des autoritären Repressionssystems der DDR, dem sich alle unterordneten, rutschte auch der Halt plötzlich weg(5) und hinterließ dem neuen Großdeutschland die Erblast eines kapitalismusuntauglichen Gesindels, das die Fähigkeit, den mit solchen neuartigen Konflikten verbundenen Streß zu ertragen, in der DDR nicht gelernt hatte (Sturzbecher/Dietrich, 13; zwei DDR-Soziologen, die den Grundkurs „Frustrationstoleranz“ mit Pauken und Trompeten bestanden haben).

* Und drittens durch in der DDR „verordneten Antifaschismus“ (11). Das ist irre: Ausgerechnet diejenigen, deren gesammelte Theorien mit dem Ideal antreten, die gesamtdeutsche Bevölkerung gegen die „Verführer“ von rechtsaußen resistent zu machen, ohne ein einziges deutschnationales Argument der Faschisten anzugreifen, spielen sich als Richter über den DDR-Antifa auf, der schon deshalb kein „echter“ gewesen sein kann, weil er „von oben“ kam.

Das vorwurfsvolle „von oben!“ steht aber sowieso für einen ganz anderen Einwand: Der DDR-Antifaschismus paßt den westdeutschen Rechtsnachfolgern des 3. Reiches nicht und hat ihnen noch nie gepaßt, weil sich damit der gegnerische Staat auf deutschem Boden ein moralisch unanfechtbares Gütesiegel zugelegt hat. Nachdem es diesen Staat nicht mehr gibt, ist das Monopol der Demokratie auf die Ehre des Abscheus gegen Hitler & Co unbestritten. Also kann der Staats-Antifaschismus der DDR überhaupt nie ein richtiger gewesen sein, einfach weil es der des falschen Staates war. Und an den Bürgern merkt man’s dann.

Was durchaus auch als Resümee geeignet ist:

Wer Antifaschismus „verordnet“, erzeugt nur Faschos? Dann verordnen wir ihnen doch gleich durch „geistige Führung“ eine hochanständige Heimat- und Untertanengesinnung, die das bedingungslose Mitmachen in der Nation gewährleistet – und heraus kommen ideale Demokraten!

Der Sumpf:

  • (1) Das Parlament, „Rechtsextremismus aus Orientierungslosigkeit?“, 15.1.93
  • (2) Schmidt/Dönhoff/Thierse et al.: „Manifest, Weil das Land sich ändern muß“, November 1992
  • (3) Reinhard Loske/Bernd Ulrich: „Die Spießer sind wir“, in: taz, 21.12.92
  • (4) Spiegel 2/93: „Experten erforschen Skinheads“
  • (5) WDR-2-Mittagsmagazin: „Brief an einen Skinhead“, 31.10.92
  • (6) SZ-Interview mit Wilhelm Heitmeyer: „Jugend sucht Identität“, 30.12.92
  • (7) Heitmeyer: „Gesellschaftliche Desintegrationsprozesse als Ursache von fremdenfeindlicher Gewalt und politischer Paralysierung“, in: Beilage zu DAS PARLAMENT
  • (8) Joachim Fest, „Das letzte Tabu“, FAZ 30.1.93
  • (9) Mommsen, Frankfurter Rundschau, 1.2.93
  • (10) Spiegel 4/93 : „Linke Lehrer, rechte Schüler“
  • (11) Wolfgang Kowalsky, „Anti-Rechtsextremismusstrategien der Linken auf dem Prüfstand“, in: Beilage zu DAS PARLAMENT
  • (12) Hans-Joachim Maaz, „Gewalt in Deutschland – Eine psychologische Analyse“, ebd.
  • (13) Sturzbecher/Dietrich, „Jugendliche in Brandenburg, Signale einer unverstandenen Generation“, ebd.

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