Uranmunition

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-01 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Uranmunition: Ein Lehrstück in demokratischem Zynismus

Überblick

Der Verdacht, dass die radioaktive Munition den „sauberen Krieg“ gegen Serbien doch nicht so „sauber“ durchziehen ließ, dass er nur auf Seiten des Feindes Leichen und Schäden verursacht hat, sorgt zunächst in der Nato für Aufregung und Schuldzuweisungen an die Adresse der USA, dann aber vor allem für die Klarstellung, dass das deutsche Verteidigungsministerium auf jeden Fall alles im Griff hat: die Erledigung des Zwists mit den USA, die richtige Einschätzung der munitionsbedingten Risiken für die eigene Truppe, die künftige Verwendung von noch saubererer Munition…

Uranmunition: Ein Lehrstück in demokratischem Zynismus

Munition vom Typ der DU-Geschosse (depleted uranium) ist ins Gerede gekommen. Auf den sowohl im Golfkrieg wie auch jüngst im Kosovo in Größenordnungen von 10 bis 300 Tonnen verschossenen Produkten moderner Munitionstechnologie lastet ein eigentümlicher Verdacht: Sie scheinen die Gesundheit zu gefährden. Gemeint ist natürlich nicht die Gesundheit derjenigen, die das Pech hatten, sich dort aufzuhalten, wo die berühmten „chirurgischen Schläge“ der Nato unter Einsatz dieses Munitionstyps niedergegangen sind. Wer sich im Umkreis eines Panzer befindet, der von einem solchen Geschoss getroffen wird, überlebt dies in der Regel ohnehin nicht. Dafür bürgt die militärisch hochgeschätzte „hohe kinetische Energie und Durchschlagskraft“ der mit abgereichertem Uran ummantelten Munition. Dass darüber hinaus beim Aufprall Uranoxide entstehen, die sich in Form von hochgiftigem und schwach radioaktivem Staub am getroffenen Objekt und in dessen Umgebung niederschlagen und noch Jahre später eingeatmet oder über die Nahrung aufgenommen werden können, ist auch hinlänglich bekannt. Meldungen über die drastisch gestiegene Krebsrate in den von der Nato „befriedeten“ Teilen Bosniens und Klagen der serbischen Regierung über die Kontaminierung ihres Landes sind nicht neu, bislang aber unfehlbar unter dem Stichwort „verleumderische Anti-Nato-Hetze von Milosevic“ einsortiert und abgelegt worden. Nun aber zählen einige europäische Staaten, allen voran Italien, bei ihren Soldaten, die im Balkan stationiert waren, etwas mehr Leukämiefälle, als sie für eben üblich halten – und das gibt der Sache ein etwas anderes Gesicht: Haben die Nato-Streitkräfte durch den Einsatz der DU-Munition im Kosovo etwa nicht lediglich den Landstrich verseucht, sondern auch „die eigenen Soldaten dem Strahlentod ausgesetzt?“

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht drauf

Es ist nicht eben sachgerecht, Krieg und seine Mittel unter dem Gesichtspunkt möglicher Spätfolgen für die Gesundheit der Kriegshandwerker zu betrachten. Schließlich pflegen Kriege unter Herstellung von Opfern – und zwar nicht unbedingt nur auf der gegnerischen Seite – geführt zu werden. Mit Verlusten beim eigenen Personal wird kalkulierend umgegangen – sowohl in der Kriegsstrategie, als auch bei der Entwicklung und Wahl der Waffen. Im Vordergrund steht die Effizienz des Kriegsmittels und dessen tödliche Wirkung auf den Feind. Etwaige unerwünschte Nebenwirkungen auf die eigene Truppe können medizinisch zweckmäßigerweise nach dem „Großversuch“ im Krieg am lebenden Objekt studiert werden.

Die Auffassung vom Krieg als Schlacht zwischen Gegnern, die um den Sieg ringen und dabei ihre notwendig anfallenden Verluste bilanzieren, ist aber offenbar mit dem Kosovo-Krieg etwas außer Gebrauch gekommen. Dessen imperialistisches Erfolgsideal – null Schäden an eigenen Soldaten und Geräten bei optimaler Vernichtung feindlicher Potenzen – ist bekanntermaßen fast vollständig wahr geworden. Nicht zuletzt das hat diesem Waffengang den unwidersprechlichen Charakter eines – bis auf einige leidige „Kollateralschäden“ – rundum „sauberen Krieges“ eingetragen. Garantiert einseitig, überlegen und darum verlustfrei geführt, schafft Krieg nur Opfer anderswo.

Und jetzt? Ein „Sieg ohne Blut“, ja – nicht aber ohne Blutkrebs? „Kann man sich vorstellen, dass demokratisch gewählte Regierungen waffentechnische Entscheidungen fällen, die ihre Soldaten in Gefahr bringen?“ (FAZ, 8.1.01) Was man sich bei Milosevic mühelos vorstellen kann, den man ja ganz unbefangen für die Nato-induzierte Kontaminierung seiner Leute verantwortlich macht – angesichts praktizierter Rücksichtslosigkeit freiheitlicher oberster Kriegsherren ihrem eigenen Menschenmaterial gegenüber will die bürgerliche Vorstellungskraft offenbar erst einmal vollständig versagen. Als zweites drängt sich ihr ein Verdacht auf: Hat dort am Ende jemand aus den Reihen der Verantwortungsträger „versagt“?

Über Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Verteidigungsminister

Noch bevor sich die deutsche Öffentlichkeit auf „die Annahme, dass es ein Kosovo-Syndrom tatsächlich gibt“ (SZ, 9.1.), festlegen lassen will, weiß sie, was zu fordern ist: „lückenlose Aufklärung“.

Becquerel müssen gemessen, Gutachten eingeholt, Streitkräfte reihenuntersucht – und natürlich „Zahlen veröffentlicht“ werden. „Vor Hysterie muss gewarnt“ werden – und auch vor denjenigen, die auf der Strahlungsquelle Balkan versuchen, ihr alt-pazifistisches Süppchen zu kochen. Dafür „taugt“ das Thema schon mal nicht, „ganz besonders nicht, um endlich die Frevelhaftigkeit des Kosovo-Krieges zu belegen.“ Den lassen wir uns garantiert nicht vermiesen, selbst wenn wir im Zuge der „Aufklärung“ lernen müssten, dass es „den sauberen Konflikt“ nun eben leider doch nicht gibt. Oder dass es ihn nur insoweit gibt, als die Verantwortlichen nachweisen können, „dass weder auf deutscher Seite Versäumnisse vorliegen, noch in der Allianz sorglos oder gar zynisch gehandelt wurde.“ (Tagesspiegel, 9.1.)

Ein Adressat für den Vorwurf mangelnder „Fürsorgepflicht“ gegenüber dem Wohl des Soldaten ist dann allerdings schon gefunden, und es beginnt „der politische Teil der Uran-Debatte“. (SZ, 9.1.) Haben die USA etwa die Uran-Munition eingesetzt, „ohne ihre Partner zu informieren“? Sind die europäischen Bündnisarmeen also in „eine pervertierte Form“ des friendly fire gelaufen, ohne über die Gefahren aufgeklärt worden zu sein? In Gestalt erkrankter Soldaten sieht man die Rechte als Bündnispartner verletzt. Die nationalistische Sorge, ob der große Bruder in „selbstherrlicher Manier“ über die Köpfe seiner Verbündeten hinweg europäische Landser schädigt, kommt dabei auch ohne jeden eigenen deutschen Leukämiefall aus. DU-Granaten auf deutschen Truppenübungsplätzen, ob nun mit oder ohne „Versehen“ abgeschossen, erfüllen den gleichen Dienst. Und wie steht es überhaupt um unser Besatzungsregime im Kosovo? Haben uns die USA da etwa einen kontaminierten Aufsichtsfall hinterlassen? So kommt dann auch die Einwohnerschaft vor Ort wieder zu späten Ehren. Unter dem Blickwinkel möglicher Risiken für Leib und Leben der Besatzer dienen ihre verseuchten Lebensumstände durchaus als Illustration. Wie wenig sich doch ein modernes Schlachtfeld als Trinkwasserreservoir eignet! Nehmen die USA wenigstens jetzt „die Sorgen der Verbündeten ernst“? Können sie die „Zweifel“, oder alternativ die Lagerbestände an Uran-Munition „ausräumen“? Oder „müssen die Europäer ihre Kriege künftig allein führen“? Bei dieser kühnen Frage wird dem SZ-Autor gleich vorsorglich selber schlecht und er schickt ein bedenkliches „die sicherheitspolitischen Folgen wären enorm.“ (SZ, 9.1.) hinterher. Soviel Antiamerikanismus war nun auch wieder nicht gemeint.

Aber es bleibt doch genügend übrig, um an die Regierung die Anfrage zu richten, ob sie ihrer Pflicht, deutsche Interessen im Bündnis zu vertreten und dabei Gehör zu finden, ausreichend nachgekommen ist. Entsprechend fallen die Antworten aus dem Verteidigungsministerium aus: Erstens besteht keine Gefahr; zweitens haben wir sie im Griff. Der strahlende Staub ist zwar vorhanden, aber völlig risikolos, vor allem dann, wenn man ihn nicht einatmet, und unsere Jungs tragen Atemschutzmasken, die sie nicht brauchen, weil noch in jedem Flugzeug die Strahlungsbelastung höher ist. Es gibt kein medizinisches Gutachten, das ein Strahlenrisiko zwingend belegt, also kann man es ausschließen. Es gibt in den deutschen Streitkräften keine Fälle von Leukämie, und sie werden alle untersucht. Außerdem fährt der Verteidigungsminister zum Truppenbesuch in den Kosovo, was ja wohl beweist, wie sehr ihm seine Jungs am Herzen liegen. Die hervorragenden militärischen Eigenschaften der Uran-Munition können nicht in Abrede gestellt werden, haben sie doch dazu beigetragen, „dass der Krieg schneller beendet worden sei“. Im übrigen macht sich Scharping für die Verwendung von Wolfram-Munition stark, die ebenso tödlich ist, aber – weil garantiert „strahlungsfrei“ – eine echt umwelt- und verbraucherfreundliche „Alternative“ bietet. Die „Informationspolitik“ der Amerikaner allerdings, die „lässt zu wünschen übrig“. Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir „machen Druck“.

Die Politik beweist ihrer aufgeregten Öffentlichkeit, wie sehr sie „Herr der Lage“ ist – ein unfehlbares Mittel in der Demokratie, um jedes Getöse auch einmal wieder zu Ende zu bringen. Da wird der US-Botschafter „protokollwidrig“ vor den deutschen Verteidigungsminister zitiert, um unter Beweis zu stellen, wie nachdrücklich der „wichtige Bündnispartner BRD“ auf Berücksichtigung dringt. Was in Washington „Sprachlosigkeit“ auslöst, kann seine beruhigende Wirkung auf in Aufruhr befindliche nationalistische Gemüter in deutschen Landen nicht verfehlen. Immerhin ist klargestellt, dass „hinter unserem Rücken“ nichts passieren darf. Von einigen EU-Staaten, allen voran Deutschland und Italien, wird ein „Moratorium zur Verwendung von Uran-Munition“ eingebracht: Bis zur „endgültigen Aufklärung“ soll die Nato auf die panzerbrechenden Geschosse, die sich momentan sowieso gar nicht im Einsatz befinden, „verzichten“. Auch wenn dieses Moratorium dann vom Nato-Rat abgelehnt wird, weil „Verzicht“ schon so etwas Ähnliches wäre wie „das Eingeständnis, dass man zu unachtsam gewesen sei“, so ist doch wenigstens „das Wesentliche“ erreicht:. „Die Informationspolitik des Bündnisses“ soll „verbessert“ werden. Europa „fordert absolute Transparenz“ und „die Nato hat nichts zu verbergen“.

Um die verseuchten Länder und Landser kehrt erst einmal wieder Ruhe ein. Was letztere betrifft, kann man sich mit dem Versprechen beruhigen, dass unsere Jungs garantiert nur mit dem Besten schießen, was zu haben ist. Überlegenheit auf dem Schlachtfeld fördert die Gesundheit.


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