Unwort Gotteskrieger

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-02 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

„Gotteskrieger“ – das „Unwort des Jahres“ 2001:
Unworte bereiten Untaten den Boden“
(Bundespräsident Rau in seiner Berliner Rede, Mai 2000)

Überblick

Sprachaufpasser können es nicht durchgehen lassen, dass sich unsere Feinde mit dem kulturell besonders wertvollen Attribut „Gott“ schmücken dürfen und unsere Medien dies in laxer Sprachhaltung und „ohne jede kritische Distanz“ mitmachen.

„Gotteskrieger“ – das „Unwort des Jahres“ 2001:
Unworte bereiten Untaten den Boden“
(Bundespräsident Rau in seiner Berliner Rede, Mai 2000)

– und das darf nicht sein in unserem Gemeinwesen. Zwar hat unser Bundespräsident da mit der Reihenfolge von Wort und Tat irgendwie was durcheinander gebracht, aber für die unabhängige Jury der „sprachkritischen Aktion“ ist das seit elf Jahren eine ganz vernünftige Arbeitsgrundlage, und so hat sie sich vorgenommen, das Böse aus unserem guten Lexikon auszusortieren und an den öffentlichen Pranger zu stellen – sie wählt das „Unwort des Jahres“:

„Gesucht werden Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen.“ (Medienmitteilung vom 22.1.)

Wer erinnert sich nicht mit Schrecken ans Jahr 1997, auf Platz 1 Wohlstandsmüll, die „Umschreibung arbeitsunwilliger wie arbeitsunfähiger Menschen“: Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger als sozialen, weil unnützen Müll zu behandeln, ist zwar wahrscheinlich keine große Untat, aber sie am Ende auch noch als solchen zu bezeichnen, das ist „grob unangemessen“ und widerspricht endgültig der Menschenwürde. Und 1998, dem Ärztepräsidenten rutscht als Kommentar zu den gesundheitspolitischen Sparplänen der Regierung heraus, sie würde damit ein sozialverträgliches Frühableben (auch Platz 1) der alten Kranken fördern – wo bleibt da bitte der gebotene sprachliche Anstand und damit die einzig angemessene Formulierung, dass bei uns alles ‚im Interesse der Patienten‘ reformiert wird? Und erst recht das Kriegsjahr 1999 – von Haus aus eine harte Prüfung für die Sittlichkeit der Sprache: Unsere NATO-Militärs warfen zwar Bomben ab, die – was man so hörte – kaum eine Menschenwürde verletzten, weil sie im Dienste der Menschenrechte unterwegs waren, kreierten aber, wenn mal was daneben ging, das Unwort Kollateralschaden! Spricht man – bitte schön – so über jugoslawische Bombenopfer, die zwar – leider! – als notwendige Nebenwirkung des Kriegs gegen Milosevic einkalkuliert waren und anfielen, die aber doch darüber nicht das Recht auf einen öffentlichen Nachruf mit humaner Wortwahl verlieren durften? Militärisch 1-, aber sprachlicher Ausdruck Note 6!

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„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ (Joh. 1, 1-3)

Dass der 11. September auch seinen Schatten auf die Sprache und die 11. Wahl des „Unwortes des Jahres“ werfen würde, stand zu erwarten. Dass dieses Mal ein Wort aussortiert werden muss, das nicht einmal so richtig dem öffentlichen Anstand widerspricht, ist den „schrecklichen Ereignissen“ und ihrer sprachpolitischen Bewältigung angemessen.

2001 also auf Platz 1:

„Zum Unwort des Jahres 2001 ist die Benennung der Taliban- und Al-Kaida-Terroristen als Gotteskrieger gewählt worden. Dieses Wort ist weder als Selbstbezeichnung noch als Fremdbezeichnung durch deutsche Medien hinzunehmen; denn kein Glaube an einen Gott, gleich welcher Religion, kann einen Krieg oder gar (!) Terroranschläge rechtfertigen. Vor allem der Wortgebrauch in akustischen Medien lässt oft jede kritische Distanz zum pseudo(!)religiösen Anspruch dieses Unworts vermissen.“ (Medienmitteilung vom 22.1.02)

Gut, gleich nach den Anschlägen in New York haben unsere Politiker und ihre kritischen Helfer aus Funk und Fernsehen sprachethisch das Menschenmögliche getan und die Terroristen „sachlich angemessen“ als „kranke Hirne“ und „Wahnsinnige“ bezeichnet. Und dass solche Terroristen, die auf „uns“, also die Zivilisation, Anschläge verüben, überhaupt kein Recht haben, sich auf den Herrgott in ihren Taten zu berufen, also auch pseudoreligiös sind, versteht sich von selbst. Nur wir dürfen nämlich erstens politisch und sprachlich korrekt einen Krieg rechtfertigen, und wissen zweitens, wo Gott und sein Wort in einem menschenwürdigen Staat hingehören, in den Wertehimmel nämlich. Das alles mag in jüngster Zeit in der deutschen Sprachgemeinschaft im Prinzip richtig ’rübergekommen sein, trotzdem, reicht denn das? Vielleicht hat ja nie jemand von uns „Gotteskrieger“ als Kompliment an die Terroristen aufgefasst, aber als Sprachaufpasser kann man es nicht durchgehen lassen, dass sich unsere Feinde mit dem kulturell besonders wertvollen Attribut „Gott“ schmücken dürfen und unsere Medien dies in laxer Sprachhaltung und „ohne jede kritische Distanz“ mitmachen – anstatt nach einem Begriff zu suchen, der in seinem Grund- und Bestimmungswort gleich für unsere ganze religionspolitische Feindbildpflege bürgt. Wehret diesen Anfängen!

Und weil wir Deutsche uns an Kriegen nur noch ganz überlegt und sprachkompetent vermittelt, ohne jeden Fanatismus, beteiligen, müssen wir – gerechterweise – auch unseren obersten Bündnispartner rügen:

„Die von der Unwort-Jury auf Platz 2 gesetzte Umschreibung der militärischen Vergeltung als Kreuzzug (Urheber US-Präsident Bush) enthält eine ähnliche pseudoreligiöse Verbrämung von kriegerischen Maßnahmen. Insbesondere weckt das Wort eine fatale historische Erinnerung an Kriegszüge im Namen des Kreuzes, die sich gegen den Islam richteten.“ (a.a.O.)

Diese Amerikaner! Wo bleibt das religiöse Geschichtsbewusstsein? Zwar haben wir im Westen gerade heute die Definitionshoheit darüber, wer die Religion wo und wie in seiner Staatsmoral tragen darf, aber die Zeiten, als wir im Namen der Religion Kriege führten, sind doch wirklich vorbei. Muss der Präsident jetzt uns und die Welt an diese finsteren Zeiten erinnern? Oder müssen wir den US-Präsidenten jetzt daran erinnern, dass er durch seine überlegene Staatsmacht dazu befugt ist, ganz nüchtern im Namen der westlichen Zivilisation Afghanistan in jenes Mittelalter zurückzubomben, das wir längst hinter uns haben? Kreuzzug als Bezeichnung für einen modernen weltweiten Feldzug – nicht zu entschuldigen für einen freiheitlichen Führer, auch nicht im Moment der ersten Gefühlsaufwallung (Platz 2)!

Bleibt nur noch nachzutragen, dass Topterrorist als „extrem verharmlosende Benennung von Osama bin Laden“ nicht hinzunehmen ist (Platz 3). Wenn wir schon Topmanager, Topmodels oder Topsportler einfach deswegen Klasse finden, weil sie Erfolg haben, dann darf man diese „positiv gemeinte Aura“ doch dem Bösen schlechthin nicht zubilligen, auch wenn es im Grundwort immerhin noch benannt ist!

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Bei aller berechtigten Kritik unserer Sprachpolizei – wir vermissen ein wenig das Positive, so eine Art „Wort des Jahres“ für das gelungenste Sprachdenkmal unseres öffentlichen Lebens. Wie wär’s z. B. mit internationale Verantwortung? Das weckt keine fatalen Erinnerungen, enthält keine pseudoreligiöse Verbrämung und schließt, wenn man es richtig verwendet, jeden Missbrauch aus.


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