Tsunami in Südostasien

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-05 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Lehren aus einer Naturkatastrophe

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Das bisher zweitstärkste gemessene Erdbeben der Neuzeit mit nachfolgenden Flutwellen im Indischen Ozean verwüstet am 2. Weihnachtstag 2004 weite Teile der Küste Südostasiens. Sobald den berufenen Staatenlenkern damit etwas hinreichend Wichtiges auf ihre Tagesordnung gerät, leben in den Hauptstädten der „1. Welt“ schlagartig sämtliche imperialistischen Berechnungen auf, die dort ohnehin andauernd angestellt werden. Irgendetwas erschüttert die Staatenwelt, und sofort wird durchkalkuliert: Was ist daraus zu machen? Was lässt sich da politisch gewinnen.

Lehren aus einer Naturkatastrophe

I.

Das bisher zweitstärkste gemessene Erdbeben der Neuzeit mit nachfolgenden Flutwellen im Indischen Ozean verwüstet am 2. Weihnachtstag 2004 weite Teile der Küste Südostasiens, über zweihunderttausend Menschen sterben, mindestens genau so viele sind schwer verletzt, Millionen sind obdachlos, ohne Trinkwasser- und Lebensmittelversorgung; Seuchen drohen. Spontan empfinden, denken, agieren alle, wie es aussieht sogar die maßgeblichen Instanzen der imperialistischen Staatenwelt, so, als hätte sie ein Anflug von Vernunft gepackt. Allen ist klar, alle sind entschieden: Was es braucht, um mit dem Chaos fertig zu werden, ist koordinierte, zentral geplante Hilfe. Keiner glaubt, dass die segensreichen Kräfte des Marktes, die in der florierenden Marktwirtschaft doch angeblich alles so trefflich regeln, das probate Mittel wären, um mit der Not und den Verwüstungen fertig zu werden. Angebot und Nachfrage haben Pause; Zahlungsfähigkeit spielt keine Rolle; Klassenschranken sind irrelevant, beim Helfen darf man keine Unterschiede machen; alles andere wäre menschlich verwerflich. Unanständig wäre es ebenso, in der Stunde der Not den sonst alles entscheidenden Unterschied zwischen eigenen und fremden Staatsbürgern praktisch geltend zu machen. Es geht allein darum, in einer abgestimmten weltweiten Aktion tatkräftig zuzupacken. Deshalb wird auch, außer auf technische Hilfswerke aller Art, aufs Militär zurückgegriffen – die Institution, in der auch im Reich des freien Kapitalismus nach Plan gewirtschaftet wird; mit Vorratshaltung für den weltweiten Einsatz menschlicher Tatkraft und materieller Ressourcen auch unter widrigsten Bedingungen… Selbst der „Kanzler der Bosse“, der im eigenen Land eine Massenarbeitslosigkeit verwaltet und diesen Notstand kaltlächelnd durch „mehr Markt“ und rentablere Ausbeutung beheben will, zeigt sich in seiner Neujahrsansprache einsichtig: „Unbürokratisch“ soll geholfen werden – nämlich ohne die Mühlen der Bürokratie, die sonst dafür sorgt, dass alles Wirtschaften und Arbeiten und jedes Stück Versorgung nach dem Recht und den Gesetzen des Eigentums und seiner kapitalistischen Vermehrung und zum Nutzen der öffentlichen Gewalt abläuft: Gescheite Organisation ist gefragt, eine ‚Bürokratie‘ ohne die üblichen ökonomischen Berechnungen und ohne die gewohnten Rangeleien um Zuständigkeiten; jeder Staat, jedes Land, jede Stadt, jede Schule sollen Verantwortung übernehmen für notleidende Partner in den Krisengebieten; der Bürger soll weder sparen noch konsumieren noch überhaupt an die Konjunktur denken, sondern uneigennützig helfen und spenden… Alles, wovon sonst alles abhängt und worum sich sonst alles dreht: Profit, Schuldenbedienung, Handel, Kommerz, die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Standorts…, wird für fehl am Platz erklärt – eine ganze Neujahrsrede lang.

II.

Was fast wie ein weltweiter Anfall von Vernunft sogar bei den Zuständigen und Mächtigen aussieht, wird im nächsten Moment – spätestens in Phase 2 nach dem erstem Erschrecken über das Ausmaß der Zerstörungen und die Leichenberge – von den professionellen Kennern und Auskennern der bürgerlichen Welt selber sachkundig und kritisch in seine tatsächlich gültigen Bestandteile zerlegt. Jede womöglich vorhandene Täuschung über die wohlmeinenden Absichten und menschenfreundlichen Zwecke, die die maßgeblichen Akteure der Weltpolitik verfolgen, wird ausgeräumt. Aufgeklärte Journalisten klären unnachsichtig auf über die staatlichen Berechnungen hinter all der Grenzen übergreifenden Wohltätigkeit – wie immer besonders gern über diejenigen auswärtiger Souveräne, aber auch im eigenen Staatswesen kommt so leicht keiner der staatlichen Wohltäter und Krisenmanager unentlarvt davon:

  • Grundsätzlich geht es allen Nationen bzw. deren Machern darum, vor der ominösen Instanz namens Weltöffentlichkeit gut dazustehen: Am Nachmittag drängten sich alsdann über 250 Delegierte, einschliesslich einer grossen Zahl von Ministern…, in die … Konferenz zur Koordination der Soforthilfe… Es war eine medienwirksame Schau zur allseitigen politischen Bekundung von Solidarität und Hilfsbereitschaft. (NZZ, 12.1.05) Die Hilfe für die Flutopfer in Asien ist zunehmend eitel und selbstgefällig. Sie gibt sich protzig und dröhnt, statt leise und selbstlos daherzukommen. Und sie ist – ungeachtet aller hehren Ziele – auch gesteuert von einem politischen Eigeninteresse. (SZ, 7.1.)
  • Dabei geht es keineswegs nur um ein ideelles „Punkte-Sammeln“, um einen guten Eindruck vor wem auch immer, sondern um handfeste Interessen, um Geschäftliches und um politischen Einfluss: Allerdings sollte man sich von der Welle der Solidarität nicht täuschen lassen. Auch die Hilfe folgt eigenen, nicht immer feinen Gesetzen. Selbst Katastrophen haben viel mit Ökonomie und Politik zu tun. Hätte der Tsunami eine Region getroffen, die touristisch, wirtschaftlich und strategisch weniger interessant ist als Süd- und Südostasien, dann wäre das Engagement der USA und Europas wohl wesentlich geringer ausgefallen. (Handelsblatt, 7.1.) Längst konkurrieren die Spender um den politischen Einfluss, der mit der Verteilung des Geldes einhergeht. (SZ, 7.1.)
  • Derartige Interessen und unfeine Kalkulationen werden nach- und nebeneinander allen Beteiligten vorgerechnet. Am ausführlichsten den USA: Die internationalen Rettungsmaßnahmen haben in Asien militärische Bewegungen in Gang gesetzt, die zuweilen an Invasionen erinnern. … Dabei leiten die Helfer in Uniform nicht nur humanitäre Motive. Zu den Ländern, die mit ihrem Rettungseinsatz auch politische Ziele verfolgen, gehört … Amerika. (FAZ, 4.1.05) In Amerika gilt die Tsunami-Katastrophe als Gelegenheit, das Bild Amerikas in der Welt zu verbessern. Vor allem durch Hilfe für Indonesien, das bevölkerungsreichste muslimische Land, könnte der Eindruck des Irak-Kriegs korrigiert werden. (FAZ, 3.1.) Hilfsaktion poliert US-Image in Asien auf. Außerdem spielt Indonesien beim Kampf gegen den globalen Terror eine wichtige Rolle, und die USA würden das Land dafür gerne stärker einspannen. US-Außenminister Colin Powell nennt die Hilfsaktion daher auch ‚eine Investition in unsere nationale Sicherheit‘. (Handelsblatt, 5.1.) Und nicht nur das:
  • Anlässlich der US-Initiative, zusammen mit Indien, Japan und Australien eine „Kerngruppe“ hilfsbereiter Staaten zu gründen, kommt in der restlichen Staatenwelt gleich die kritisch-besorgte Erinnerung an eine gewisse andere „Koalition der Willigen“ auf und damit die entscheidende Dauerfrage der Weltpolitik der letzten Jahre: Machen die USA mal wieder ihre Weltordnungsmacht an allen anderen wichtigen Mächten vorbei geltend? Gelingt es ihnen auch in unabweisbaren humanitären Fragen, die UNO als Subjekt auszubooten? Bush hat in den letzten Tagen auch gezeigt, dass er Amerikas Beistand als willkommenes Mittel sieht, seine außenpolitische Agenda voranzutreiben. Dazu gehört die weitere Diskreditierung der Vereinten Nationen… Es ist bezeichnend, dass Bush auch für die Koordinierung der Hilfsmaßnahmen eine Koalition der Willigen nach Art des Militärbündnisses im Irak zusammenschmiedete. (SZ, 5.1.) Die USA setzten sich zunächst großspurig an die Spitze einer Krisengruppe, ehe Außenminister Powell in Jakarta in einer glücklichen Eingebung die Dienste seines Landes den Vereinten Nationen unterstellte. (SZ, 7.1.)
  • Frankreich, dessen Führung den Amerika-Kritikern die Stichworte liefert, kommt aber auch nicht besser weg – zumindest nicht bei den Eidgenossen: Das beständige Pochen in Paris auf die der Uno zukommende Führungsrolle verriet französische Befürchtungen über eine dominierende Rolle Amerikas bei der Hilfsaktion. Präsident Bushs Ankündigung einer multinationalen Hilfskoalition … provozierte offenbar ähnliche Abwehrreflexe auf französischer Seite wie die Irak-Krise. Zudem verwies der Innenminister darauf, dass Frankreich angesichts des besonderen Umfangs seines Engagements die Rolle eines Koordinators für die gesamte Hilfe aus der Europäischen Union zukomme. Indem Frankreich die internationalen Gremien wie die Uno zusammen mit seinem eigenen Beitrag in den Vordergrund rückt, will es sich offenbar wieder einmal gegen die amerikanische ‚Hypermacht‘ profilieren. (NZZ, 4.1.)
  • Worum es der indischen Regierung geht, wenn sie angebotene Hilfe ablehnt und ihrerseits Hilfe für betroffene Nachbarn mobilisiert, ist aufmerksamen Kennern der Szene gleich klar: Auch beim Wiederaufbau geht es um Politik und Geld. Indien und Thailand lehnen fremde Hilfe ab – sie wollen sich nicht vom Westen abhängig machen und ihre Entwicklung selbst steuern. (Handelsblatt, 7.1.) Indien unterstreicht mit der Fluthilfe seinen Anspruch als Regionalmacht. Indien habe seine Truppen nach Sri Lanka geschickt, noch bevor sie in den indischen Notstandsgebieten aktiv wurden, bemerkte am Montag spitz die Zeitung ‚Sudar Oli‘ aus Colombo und nannte den Grund gleich mit: ‚Weil es nicht wollte, daß andere Mächte einen Fuß in seinen Hinterhof setzen.‘ (FAZ, 4.1.) Auch die Hilfsanstrengungen anderer Länder zeigen geopolitische Kraftlinien im strategisch wichtigen Indischen Ozean auf: … ‚Indien sucht das Image einer glaubwürdigen Regionalmacht‘ … signalisiert die mit den USA koordinierte Hilfe Indiens den Beginn intensiverer Zusammenarbeit … mit Amerika. (Handelsblatt, 5.1.)
  • Bei Japan ist schon gleich alles klar: Die japanischen Bemühungen fallen in eine Zeit, da die Regierung – ähnlich wie die deutsche – um eine größere Rolle in der Weltpolitik bemüht ist. … Die Flutkatastrophe bietet Koizumi nun wieder eine Gelegenheit, den Willen seines Landes zu größerer Verantwortung zum Ausdruck zu bringen. Ausdrücklich wies er darauf hin, daß … auch eine Entsendung von Flugzeugen und Schiffen der Selbstverteidigungsstreitkräfte erwogen werden. (FAZ, 3.1.)
  • Im Fall China weiß man dementsprechend genauso Bescheid: Nicht nur Japan ist großzügig. China stellt ebenfalls 60 Millionen Dollar zur Verfügung. Das ist ein stattlicher Betrag für ein Entwicklungsland… Auch hier dürfte … das Bestreben mitschwingen, eine hervorgehobene Rolle in der Heimatregion zu beanspruchen. (FAZ, 3.1.) Auch Peking versucht mit Hilfsaktionen Punkte in der Region zu sammeln. (Handelsblatt, 5.1.) Das Erdbeben markiert einen strategischen Wandel: … Zum ersten Mal hat China angesichts eines weltweiten Dramas wie jeder westliche Staat und nicht wie die anderen Entwicklungsländer reagiert. Peking verbirgt nicht seine weltweiten Ansprüche und lädt sich ganz unzweideutig selbst in das Konzert der Nationen ein. …die Rivalität mit den USA (hat) schon begonnen. (Figaro, zitiert in SZ, 8.1.)
  • Nicht einmal Deutschland kommt ohne Aufdeckung seiner weltpolitischen Berechnungen davon, auch wenn deren „Entlarvung“, soweit von Seiten deutscher Kommentatoren vorgenommen, vergleichsweise wohlmeinend ausfällt: Gerade eine Jahrhundertkatastrophe birgt die Gefahr, dass sich hinter einer Wand von Leid und Elend neues Unrecht entwickelt. Sei es, dass aus dem Unglück eigennütziges politisches Kapital geschlagen wird, sei es, dass sich ein Wettbewerb entwickelt um den Status des besten, großzügigsten, mitfühlendsten Helfers. Leider hat die in der Tat beeindruckende Hilfe auch aus Deutschland diesen Beigeschmack bekommen: Hierzulande kann einen fast schon der Verdacht beschleichen, dass die Welle ausschließlich Urlauber an deutschen Stränden verschlungen hätte, oder dass über die Zukunft Südostasiens jetzt im Kanzleramt entschieden würde. (SZ, 7.1.) Die Bundesregierung sendet mit der weltweit größten Hilfe eines einzelnen Landes auch Signale aus. Deutschland setzt auf eine multilaterale Welt. … Deutschland wünscht funktionsfähige Vereinte Nationen. Auch Schröders Bemerkung, humanitäre Hilfe sei Teil eines ‚erweiterten Sicherheitsbegriffs‘, richtete sich an Washington: Wer dem Terror das Wasser abgraben will, darf nicht nur aufs Militär setzen. (Kölner Stadt-Anzeiger, zitiert in FAZ, 7.1.)

Und so weiter. Die innenpolitischen, wahlkampftaktischen Berechnungen, die die politisch Zuständigen mit ihrem Engagement verbinden, lässt man denen – je nach parteipolitischer Sym- oder Antipathie unterschiedlich akzentuiert – auch nicht durchgehen.

  • Die einen gönnen der Exekutive ihren Bonus, aus dessen Schäbigkeit sie weiter gar kein Geheimnis machen: Euro-Millionen aus Deutschland, wo immer irgendwo gerade Wahlkampf ist und wo ein Kanzler aus eigener Erfahrung weiß, dass sein Einsatz als beherzter Flut-Helfer nicht nur den Betroffenen hilft. Gegen die perfekte Verbindung von Moral und Politik ist nichts zu machen. Gerhard Schröder ist nicht Rupert Neudeck. Gute Politiker und gute Menschen sind nicht dasselbe. Aber gute Politiker wissen, wann es Zeit ist zu sagen, dass es nicht um Politik geht, sondern nur noch ums ‚bewiesene Maß der Mitmenschlichkeit‘. (FR, 6.1.)
  • Andere grämen sich eher über Rückenwind für die Falschen und finden giftigere Töne: (Der Kanzler) verkörpert jetzt, schon wieder dank einer Flut, als quasi-präsidialer Integrator Stimmungen und Empfindungen, die über das alltägliche Gezänk hinausgreifen. Tatsächlich ermöglicht die Katastrophe im Indischen Ozean Schröder, ausgerechnet in der Startphase von Hartz IV, für die ihm politisch schweres Wasser vorausgesagt war, als Kanzler der Herzen in Erscheinung zu treten. Auch Fischer hat davon gut. … Für die Opposition ist es schwer, dagegen anzukommen, denn dagegen kann sie nicht, will sie auch nicht sein. (FAZ, 3.1.) Die Union weiß jetzt wieder, warum sie 2002 eine Bundestagswahl verloren hat. Ohnmächtig kann sie dem Bundeskanzler zusehen, der vor dem Bildhintergrund einer Menschheitskatastrophe entschlossen ins Ungefähre blickt. (FAZ, 12.1.)
  • Nach dem gleichen Muster wird in Schweden die Ungeschicklichkeit der schwedischen Außenministerin, in England das Versäumnis des Premiers durchgenommen – die beiden kommen nicht rechtzeitig aus ihrem Weihnachtsurlaub zurück zum nationalen Krisenstab! –; in Österreich nimmt sich eine besorgte Öffentlichkeit mitten in der größten Naturkatastrophe der Neuzeit die Zeit, herauszufinden und gnadenlos aufzudecken, dass der Finanzminister trotz Flutwelle in seinem Luxusressort auf den Malediven sitzen geblieben ist, die dortige Regierung bei ihren Notstands-Einsätzen gar nicht, wie von ihm behauptet, beraten, sondern mehr gestört hat und zu allem Überfluss der Lauda-Air noch nicht einmal den vollen Flugpreis gezahlt hat…

Kritisch begutachtet werden aber nicht nur die doppelbödigen Absichten der Regierenden; auch politökonomische Zusammenhänge kommen zur Sprache:

  • Schon das Ausmaß der Katastrophe selbst ist nicht bloß geotektonisch zu erklären: Der Hinweis, dass es sich bei den von der jetzigen Katastrophe Getroffenen ganz überwiegend um arme Länder handelt, liefert auch eine Begründung für das Ausmaß des Schadens, doch alles andere als eine Entschuldigung. Denn die These, Arm stirbt eben früher und schneller, trifft schließlich nicht nur auf besonders spektakuläre Fälle, sondern auf das gesamte Problemspektrum der Dritten Welt zu. (Handelsblatt, 28.12.04) Dabei ist das Muster derartiger Katastrophen stets ähnlich. Sie reißen vor allem diejenigen ins Verderben, die ohnehin schon Tag um Tag ums Überleben kämpfen müssen. Ja, es hat auch Touristen getroffen. Doch nichts in der Welt macht so verletzlich wie die Armut. Dabei geht es auch anders; bei den Kommunisten z.B.: Auch arme Länder können im Katastrophenschutz viel leisten, wenn sie den politischen Willen dazu aufbringen. Beispiel Kuba: Dort funktionierte die Evakuierung vor dem jüngsten Hurrikan mindestens ebenso gut wie in den USA. (SZ, 28.12.)
  • Den Reichtum der Reichen trifft es dagegen erheblich weniger: Nach Einschätzung von Experten werden sich die Belastungen für die Rückversicherer in Grenzen halten. ‚Es trifft wirklich nur die Ärmsten der Armen, die nur selten versichert sind‘, sagte ein Analyst. (SZ, 28.12.) Einig sind sich Volkswirte darüber, dass die wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe geringer ausfallen werden als die der SARS-Krise im Jahr 2003. Denn die am stärksten betroffenen Regionen in Indien, Sri Lanka und Indonesien sind extrem arm und spielen volkswirtschaftlich kaum eine Rolle. (Handelsblatt, 4.1.)
  • Auch in der Tourismusbranche verteilen sich die Schäden höchst unterschiedlich auf Kapital und Knechtsarbeit vor Ort: Studien zeigen, dass der größte Teil der Reiseausgaben – in manchen Entwicklungsländern bis zu 90 Prozent – in den Händen der ausländischen Reiseunternehmen bleibt und/oder für Importe aufgewendet werden muss… Den Reibach machen in erster Linie ausländische Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Hotelketten. Die Brosamen vom Tisch der Reichen teilen sich dann Hotelangestellte, Fischer, Kleinbauern, fliegende Händler und die Huren in den Bars und Bordellen von Phuket. So lebt tatsächlich jeder in seiner Welt vom Tourismus. (FR, 5.1.) Dass Europas Reise-Industrie – ganz im Gegensatz zu den Lohnarbeitern in ihren exotischen Dependancen – praktisch keine Einbußen erleidet, berichten alle Wirtschaftsredaktionen.
  • Ob auf der andern Seite die Hilfe viel hilft, erscheint höchst zweifelhaft. Denn erstens weiß der erfahrene Berichterstatter, dass nur ein Bruchteil überhaupt ankommt: Grosse Ernüchterung brachte … die … Bilanz über die laufenden Hilfsprogramme. … nur ein Beispiel: Nach dem Erdbeben, das die historische iranische Altstadt von Bam weitgehend zerstört hatte, wurde über eine Milliarde Dollar an Unterstützung versprochen; bis heute ist davon ein Betrag tatsächlich ausbezahlt worden, der nicht einmal 2 Prozent der Gesamtsumme erreicht. (NZZ, 12.1.) Zweitens weiß man von den zuständigen Politikern, dass sie ihre Großzügigkeit an der einen Stelle mit Kürzungen anderer Hilfs-Budgets „gegen zu finanzieren“ pflegen: Es ist zu befürchten, dass die Katastrophe den weltweiten Kampf gegen die Armut eher bremsen denn beschleunigen wird. … die Flut im Indischen Ozean ist ein doppeltes Desaster, weil sie nicht nur Millionen Asiaten in akute Not gestürzt hat, sondern weil dies andernorts zu gefährlichen Engpässen in der Hilfe führen wird, besonders in den Elendsgebieten südlich der Sahara. Der Beistand für die Flutopfer bindet Milliarden Dollar und viele Experten, die dort nun fehlen. … Es ist verständlich, wenn die Welt nun auf die Opfer in Asien blickt. Doch die große Intensivstation liegt südlich der Sahara. (SZ, 4.1.)
  • Überhaupt erscheinen die Maßstäbe in mancher Hinsicht ziemlich verschoben: Afrika erlebt wöchentlich einen Tsunami, und das wird noch nicht einmal weiter registriert. Die Bundesregierung sollte nicht vergessen, dass es leider noch viele andere Krisengebiete gibt: Im Kongo haben jahrelang alle vier Monate so viele Menschen ihr Leben verloren wie bei dem Tsunami. In Bangladesch sind im Jahr 1991 140.000 Menschen durch eine Flut gestorben – wo war da das Kabinett? Die Vereinten Nationen haben empfohlen, 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts in Entwicklungshilfe zu stecken. Davon ist Deutschland mit derzeit 0,3 Prozent weit entfernt. (Nürnberger Zeitung, 7.1.)
  • Zum Thema ‚ungleiche Verteilung‘ gibt es auch noch Grundsätzlicheres anzumerken: Eines hat die Spendenbereitschaft der wohlhabenden Länder, die ja nicht ihr letztes Hemd geben, überdeutlich gezeigt: Wie obszön ungleich Wohlstand und Elend auf der Welt verteilt sind. (SZ, 8.1.) Und nicht nur die Verteilung, auch die Verwendung des Reichtums ist kritikabel: So kommt ein inakzeptabler Kontrast ans Tageslicht: Zwischen der hervorragenden Organisationsmaschinerie, die die reichen Länder in Gang setzen, wenn sie entscheiden, einen Krieg zu führen, und der Armut in der Art, mit der sie einer globalen Naturkatastrophe begegnen, die mehr als 150.000 Tote gefordert hat, darunter viele aus dem Westen. (La Repubblica, zitiert in SZ, 4.1.)
  • Nach Lage der kapitalistischen Dinge ist im Übrigen Vorsicht geboten, wenn Gläubigernationen großzügig werden: Schuldenerlass oder auch schon Zahlungsaufschub, wie ihn Mitglieder des ‚Pariser Clubs‘ für die am schwersten getroffenen Länder planen, können mehr schaden als nützen. Zwar rückt schon ein Blick auf die Kreditverbindlichkeiten dieser Staaten die Dimensionen zurecht: Zwei Milliarden Dollar sind, verglichen mit früheren Spendenaktionen, tatsächlich ein Sprung nach vorn. In Relation zu 131 Milliarden Dollar, mit denen beispielsweise Indonesien bei den Industrienationen verschuldet ist, wird jedoch deutlich, wie schnell die Hilfe durch Zinsen wieder zurückerstattet wird. Mit einer Senkung dieser Last könnten die G-7-Staaten … weit mehr leisten. (Thüringer Allgemeine, zitiert in FAZ, 7.1.) Jedoch: Schuldenmoratorium stößt in Asien auf wenig Gegenliebe. Die von der Katastrophe betroffenen Länder fürchten eine Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit und ein Eingreifen des IWF; Indien, Thailand und Malaysia lehnen die Offerte daher ab, und auch der indonesische Außenminister kennt seine Gläubigerbanken: ‚Allen guten Vorsätzen zum Trotz haben wir Sorge, daß unser Kreditzinsniveau durch einen Aufschub gefährdet werden könnte‘, sagte Wirajuda. (FAZ, 14.1.)

III.

Die Profis der öffentlichen Meinung kennen sich aus – und im Großen und Ganzen haben sie recht: So ist sie tatsächlich beieinander, die politische Welt, in der sie so gerne ihr „Wächteramt“ ausüben. Es ist ja auch gar nicht zu übersehen: Sobald den berufenen Staatenlenkern etwas hinreichend Wichtiges auf ihre Tagesordnung gerät, es kann sein was will, leben in den Hauptstädten der „1. Welt“ schlagartig sämtliche imperialistischen Berechnungen auf, die dort ohnehin andauernd angestellt werden. Irgendetwas erschüttert die Staatenwelt, und sofort wird durchkalkuliert: Was ist daraus zu machen? Was lässt sich da politisch gewinnen – erstens vor Ort, wo der gewohnte Gang der Dinge durcheinander gerät, bei den betroffenen Staaten; zweitens in der Konkurrenz mit den Kollegen, die sich mit ihren Machtmitteln auch gleich zu berechnendem Eingreifen herausgefordert finden? Von wegen, irgendein zuständiger Machthaber hätte, vom großen Notfall im Indischen Ozean beeindruckt, auch nur eine Sekunde lang „umgedacht“. Der Entschluss zur Nothilfe wird nach genau denselben Kriterien getroffen, die Hilfe selbst nach Maßgabe genau derselben ausgreifenden Interessen abgewickelt, wie noch jede Exportvereinbarung, jede Entwicklungs-„Zusammenarbeit“, überhaupt jede der ansonsten üblichen zwischenstaatlichen Freundlichkeiten und Erpressungen: als Einflussnahme auf die Willensbildung der regierenden Instanzen, deren Länder von der Katastrophe betroffen sind und die sich insofern, geschwächt oder jedenfalls in Schwierigkeiten, besonders leicht beeinflussbar zeigen könnten – so eine gute Gelegenheit darf ein verantwortungsbewusster Weltpolitiker auf keinen Fall ungenutzt verstreichen lassen; und selbstverständlich zugleich auf der höheren, entscheidenden Ebene der imperialistischen Konkurrenz als Initiative im permanenten Ringen mit den gleichermaßen engagierten „Partnern“ um Federführung bei der Formulierung und Praktizierung einer „gemeinsamen“ Politik, um einen gewichtigen Platz in der Oberliga der global aktiven Ordnungsmächte. Genau darin besteht der entscheidende, nämlich der ganze politische Inhalt der Hilfe, die die dazu fähigen Staaten den Tsunami-Opfern leisten: Sie ist nicht mehr und nicht weniger als ein Instrument genau der Welt(rang)ordnungspolitik, um die es in der maßgeblichen Staatenwelt ohnehin ununterbrochen geht. Sie mag kein besonders machtvoller Hebel sein – ein Investitionsschutzabkommen hat ohne Zweifel ein größeres Gewicht als eine hergeschenkte Wasseraufbereitungsanlage, und eine echte Waffenbrüderschaft mit all ihren schönen politischen Konsequenzen wird nicht gleich daraus, wenn die Bundeswehr in einem von der großen Welle noch zusätzlich verwüsteten Bürgerkriegsgebiet ein Notlazarett aufstellt, und nicht einmal dann, wenn ein regulärer Flugzeugträger der USA mit seinen Kampfhubschraubern Trinkwasser und Nahrungsmittel ausliefert. Für das Austesten der Kooperationsbereitschaft auswärtiger Herrschaften jedoch, für erste oder neue Schritte hin zu politischen Allianzen, die man unterhält und pflegt, um in Streitfragen der substanzielleren Art, von der nächsten WTO-Runde bis zur Regelung von Staatsschulden und von der Machtverteilung in der Uno bis zur Formierung von Fronten im globalen ‚Anti-Terror-Krieg‘, voranzukommen, und, wichtiger noch als alles andere, für das mühsame Dauergeschäft, das politische Kräfteverhältnis zu den konkurrierenden Global-Strategen weiterzuentwickeln, die einander sowieso ständig belauern: Dafür bietet eine Katastrophe so großen Ausmaßes und in einer so interessanten Weltgegend allemal eine, sogar ganz unverhofft eine ganz ausgezeichnete Gelegenheit, für die die Zuständigen sich bei Mutter Natur bedanken können. Auch Lektionen hält das Großereignis bereit, von denen nicht nur irgendwelche schießwütigen Knallköpfe in Frankfurter Redaktionsstuben überzeugt sind, dass Europas Regierungen sie beherzigen sollten; dort bringt man die Sache nur unbeschönigt auf den Punkt:

„Um zur größten internationalen Rettungsaktion der Geschichte einen nennenswerten logistischen Beitrag zu leisten, fehlen Europa, die Kraft, die Präsenz, das Material. Wirksame Hilfe leisten nicht die Netten, sondern die Starken, nicht Versorgungsschiffe, sondern Flugzeugträger. Der Startschuß zum Großeinsatz fiel nicht in Brüssel, sondern in Washington.“ „Für Europa wird das nicht die letzte Erfahrung mit schleichendem Bedeutungsverlust sein. … werktags herrschen längst wieder die Gesetze der alten Macht- und Gleichgewichtspolitik. Respekt und Handlungsfreiheit verschafft sich, wer schnell entscheiden kann und über die entsprechenden Mittel verfügt. … Wenn die große Naturkatastrophe fast ohne Zutun der Europäer gemeistert werden kann, kann man auch auf anderen Gebieten auf sie verzichten. Das besorgniserregend zu finden ist kein deplazierter Chauvinismus.“ (FAZ, 6.1.)

Und wenn es Militarismus ist, beim Blick auf die Welt in Flugzeugträgern zu denken, so ist der in der Welt von heute jedenfalls nicht deplatziert. Das haben sicher auch die amtierenden Profis in Berlin mitgekriegt, die andererseits auch ohne derart schweres Gerät in der Tsunami-Katastrophe die Chance sehen und wahrnehmen, in ihrem Mehrfrontenkampf um Einfluss in Ostasien, um politische Bevormundung der EU, um Fortschritte in Richtung auf mehr weltpolitische Gleichrangigkeit mit den USA und um eine bedeutende Rolle in der Uno ein Stückchen weiterzukommen.

Dass die Demokratie diesem imperialistischen Zynismus den Irrwitz ihres allgegenwärtigen kritisch vergleichenden Personenkults hinzufügt: Auch darin liegt die Weltöffentlichkeit, die jede entsprechende Regung sorgfältig registriert und als Sieg oder Niederlage nach Punkten bewertet, nicht verkehrt. Auch da ändert sich nichts, und niemand „denkt um“: Für demokratische Politiker, die ohnehin alles, was sie tun, auf Effekt hin durchkalkulieren, ist eine Katastrophe – je näher sie ihr Volk angeht und je größer sie ist, um so mehr – eine Gelegenheit, die sie besser nicht verpassen sollten, und eine Herausforderung, der sie sich unbedingt gewachsen zeigen müssen: sichtbar „Verantwortung“ zu übernehmen, Tatkraft zu beweisen, ihre Wichtigkeit und, mehr noch, die allseitige Anerkennung ihrer Wichtigkeit zu demonstrieren; und das so, dass sie dabei noch glaubwürdig und repräsentativ für ihre Nation als selbstlose Helfer eine gute Figur machen. Das ist wahre Führerschaft in der Stunde der Not. Damit Eindruck zu machen, ist das – von einer demokratischen Opposition nur in ohnmächtigem Neid hinzunehmende – Privileg der Exekutive; ein grottenschlechter Demokrat, der als gewählter Machthaber ein gewaltiges Unglück nicht als Gratisgabe für seinen immerwährenden und für jeden gerade anstehenden offiziellen Wahlkampf zu nutzen wüsste. Kanzler Schröder nebst Vize Fischer jedenfalls beherrschen ihr Metier. Der Chef nutzt die Gunst der Stunde und weist jeden denkbaren Anspruch, er sollte zum Jahresbeginn seine Agenda 2010, Hartz IV, die Massenarbeitslosigkeit und dergleichen mehr mal plausibel rechtfertigen, mit einer knappen Bemerkung in seiner Neujahrsansprache – ‚geht alles so weiter!‘ – weit von sich: Was sind schon solche kleinen Drangsale neben der großen Wasserkatastrophe!

Den Nerv ihres wunderbaren marktwirtschaftlichen Systems trifft die erregte Weltöffentlichkeit ebenso genau, wenn sie die ökonomischen Berechnungen wiedergibt, die sich mit dem Unglück, der Hilfe und dem fälligen Wiederaufbau der verwüsteten Gegenden verbinden. Es ist wirklich so, dass „die Weltwirtschaft“ über die Katastrophe ebenso wie über das materielle Elend, das sie nach sich zieht, mit einem Achselzucken hinweggeht, weil „das Wachstum“ dadurch so gut wie gar nicht beeinträchtigt wird. Nicht einmal das Versicherungsgewerbe muss größere Zahlungen fürchten, weil in den betroffenen Elendsgegenden sowohl die versicherten Schäden als auch die „Versicherungsdichte“ überhaupt sehr gering sind; um so größer sind die Chancen fürs Neugeschäft mit potenteren Kunden, die der Tsunami „sensibilisiert“ hat. Auch die Tourismuskonzerne erleiden keine Einbußen: Sie haben sowieso schon alle Natur-Attraktionen auf dem Globus in eine Konkurrenz um Billigangebote für ihr Geschäft mit den kompensatorischen Luxusbedürfnissen halbwegs zahlungsfähiger Massen sowie einer äußerst zahlungsfähigen Elite einbezogen und verdienen an den Umbuchungen, die sie anzubieten haben. Der Wiederaufbau wird das nächste Großgeschäft; auf die dafür spendierte Zahlungsfähigkeit freuen sich schon die Multis der Bau- und Ausstattungsbranche; anschließend kann dann wieder jede Menge Korruption entlarvt werden. Und so viel steht sowieso fest: Das Programm „Wiederaufbau“ ist wörtlich zu nehmen – etwas anderes als die Wiederherstellung der Armut in den „abgelegenen“ Gegenden, der einträglichen Benutzungsverhältnisse in den Tourismusgebieten, alles ungefähr haargenau so, wie es vorher war, findet nicht statt. An den Zuständen hat es ja schon vorher keine wirksame Kritik gegeben, im Vergleich zum Elend nach der Katastrophe sehen sie erst recht ganz prima aus und sind erst recht das Non-plus-ultra für die Betroffenen. Etwas Besseres als das Privileg, für ganz wenig Lohn den Touristen ihren Dreck wegzuräumen, hat die freie Weltwirtschaft den Eingeborenen der „Traumstrände“ rund um den Indischen Ozean jedenfalls auch in Zukunft nicht anzubieten – umgekehrt: So viel Ausbeutung soll dann schon wieder sein!

IV.

Bei der Unterrichtung des Publikums über den Umgang der Nationen, die sich fürs Weltgeschehen zuständig wissen, mit den Folgen der großen Welle im Indischen Ozean wird wirklich nichts verschwiegen; keine der schäbigen Berechnungen, die die Profis der Weltherrschaft und des Weltgeschäfts anstellen, bleibt im Verborgenen; von der Imagepflege des US-Präsidenten im volkreichsten islamischen Land der Welt bis zu den Leiden der Angela Merkel am Imponiergehabe des deutschen Kanzlers, von den zynischen Einschätzungen zur Frage der Kreditwürdigkeit betroffener Länder durch professionelle Rating-Agenturen bis zu den Lebensverhältnissen der geschädigten Leute wird über jede Gemeinheit und jeden Unsinn aufgeklärt. Und trotzdem: Daneben bleibt unverwüstlich die frohe Botschaft in Kraft, der Welt ginge es hier doch mal wirklich, wenigstens auch, um ehrliches und vernünftiges Helfen. Von ihren tadelnden Anmerkungen zu den alles beherrschenden politischen Berechnungen finden die kritischen Meinungsmacher immer wieder hin zu Komplimenten an die Staatenwelt, die anlässlich einer Weltkatastrophe zeigt, was an Mitgefühl und Hilfsbereitschaft in ihr steckt.

Der logische Kunstgriff, mit dem sie dieses ideologische Kunststück hinkriegen, funktioniert so: Um all ihre aufklärerischen Berichte setzen sie gewissermaßen eine große Klammer, richten ihren Blick davon weg auf den positiven Effekt, der immerhin und trotz allem zustande kommt, und stellen sich und ihrem Publikum implizit oder sogar ausdrücklich die hochgradig absurde Frage, ob „man“ denn tatsächlich bloß wegen der namhaft gemachten gemeinen Berechnungen der Macher das Helfen hätte lassen sollen. Mit der Frage ist die Antwort schon klar: natürlich nicht. Und mit dieser Antwort ist alles, was sie selber an Klarstellungen vorgebracht haben, in seiner Bedeutung relativiert und beiseite geschoben. Nichts ist zurückgenommen: Vieles, was im Zeichen der Hilfe mit der Katastrophe angestellt wird, ist nicht fein. Aber im Interesse dessen, dass überhaupt geholfen wird, muss „man“ das in Kauf nehmen; bei aller Kritik darf man nicht einfach gegen die Kalküle der Macher und Machthaber sein, wenn doch klar ist, dass ohne solche Kalküle gar keine Hilfe in Gang käme und mit ihnen doch immerhin ein ganz ansehnlicher Einsatz.

Nun sind zwei Dinge in der Tat nicht zu bezweifeln. Erstens versteht es sich von selbst, dass man Menschen, denen durchaus zu helfen ist, nicht zugrunde gehen lässt; und jeder Euro oder Dollar, der in den Händen eines hilfsbedürftigen Singhalesen oder Indonesiers landet, ist dort auf alle Fälle besser aufgehoben als im Staatshaushalt einer imperialistischen Nation – auch wenn besorgte Haushaltspolitiker in Berlin und anderswo daran so ihre Zweifel haben und sich auch durch den Überschwang allgemeiner Hilfsbereitschaft nicht lange davon abhalten lassen, diese anzumelden.

Weniger selbstverständlich ist das Zweite, aber auch das steht fest: In der demokratisch-marktwirtschaftlich geordneten modernen Welt kann man wirklich nicht damit rechnen, dass Hilfe geleistet wird, einfach weil sie nötig und das Nötige vorhanden ist; es sind tatsächlich lauter imperialistische Staatsinteressen und kapitalistische Vorteilsrechnungen, nach denen auch und sogar in einer denkbar dringenden Notlage darüber befunden und entschieden wird, ob und wie Hilfe stattfindet. Doch wieso soll diese peinliche Sachlage ein schlagender Grund dafür sein, sie zu akzeptieren und die Kritik daran hintan zu stellen? Wenn nicht einmal das Selbstverständliche sich von selbst versteht, sondern alles erst durch die Mühle genau der Einfluss-, Beherrschungs- und Konkurrenzinteressen gedreht wird, die auch sonst über die Verteilung von Glanz und Elend auf dem Globus entscheiden; wenn noch jeder Rettungseinsatz zur Machtfrage wird: Spricht das denn für die herrschenden Interessen, die alles zu einer Machtfrage machen? Ist das nicht vielleicht eher ein Argument gegen die Welt, in der solche „Zusammenhänge“ herrschen?

Für die Weltöffentlichkeit, die sich mit ihrer geballten Sachkenntnis der Tsunami-Katastrophe annimmt, ist die Antwort klar: Wenn es „nun einmal“ so ist, dass alles, was auf der Welt passiert, von den maßgeblichen Staaten in ihre Konkurrenzmanöver eingeordnet und dafür funktionalisiert wird, dann begründet das keine Kritik, weder an der Konkurrenz noch an den Staaten, die alles darunter subsumieren; Kritik daran macht einfach keinen Sinn. Stattdessen sind konstruktive Bedenken geboten: kritische Einwände, die auf eine bessere, menschenfreundlichere Handhabung all der zynischen Vorteilsrechnungen kommerzieller wie weltpolitischer Art zielen, von denen alles abhängt. So sind alle Erläuterungen zum Weltenlauf gemeint, die dem Publikum geboten werden. Im härtesten Fall fassen sie sich deswegen in dem Zweifel zusammen, ob die ganze Angelegenheit bei den amtierenden Machthabern, über deren Berechnungen man so gut Bescheid weiß und so ungeschminkt Bericht erstattet, wohl in guten Händen sind. Skepsis ist erlaubt, ob inmitten aller Berechnung noch genügend echte Hilfsbereitschaft unterwegs ist und ob, wenn es mit der schon nicht weit her ist, trotzdem der Effekt stimmt. Für den Befund, dass eine besonders große Not Politiker dazu bewegt, glatt auch noch mit ihrer Befehlsgewalt über die Nothilfe Politik zu machen, gilt auf alle Fälle die umgekehrte Lesart: An der Nothilfe zeigt sich die Unentbehrlichkeit politischer Befehlsgewalt; und damit verbietet sich jede Kritik daran. Staaten handeln nie uneigennützig, so die Kommentatorin der Tagesthemen vom NDR, und das ist auch nicht verwerflich, sondern dermaßen normal und das Normale dermaßen in Ordnung, dass man schon deswegen gar keine Lust mehr haben soll, auch nur nachzufragen, worauf dieser Eigennutz sich eigentlich richtet und was die maßgeblichen Staaten so alles anrichten, wenn sie handeln. Im Zweifelsfall soll man es halten wie die Opfer, empfiehlt die Redaktion der Frankfurter Rundschau:

„Vor allem aber ein Argument entzieht der Kritik den Grund. Millionen Menschen, die dringend auf Hilfe und auf Zukunft warten, fragen nicht, ob das Trinkwasser aus ihrer neuen Aufbereitungsanlage mit persönlichen oder politisch-strategischen Hintergedanken fließt.“ (FR, 6.1.)

und deswegen hat ein anständiger Bürger sich auch nicht dafür zu interessieren, was mit einer Welt los ist, in der sogar die Bereitstellung von Trinkwasser Gegenstand „politisch-strategischer“ Interessen ist. Stattdessen darf und soll er sich an rührenden Geschichten darüber erbauen, in wie große Not da manch eine/r geraten und wie wunderbar die Hilfe angekommen ist – im Einzelfall, beim ganz konkreten Menschen. Wer darüber nicht alles Nörgeln vergisst, der ist einfach kein guter Mensch!

V.

Die wichtigste moralische Lehre aus der Katastrophe wie aus der Besichtigung aller Kalkulationen, die den Umgang damit bestimmen, ist also das Verbot, an dem immerwährenden „eigennützigen“ Konkurrenzkampf der Staaten herumzukritisieren – auch wenn es gar nicht um Kritik in dem Sinn geht, von der die öffentlich wirkenden Moralkritiker und ideellen Motivationstrainer der bürgerlichen Welt ohnehin nichts halten, sondern bloß um die systematische Schäbigkeitsvermutung der Journaille (FR, 6.1.05), die in der Stunde der Not ihr Recht verloren hat. Dezidiert unkritisch sollen alle zusammenhalten, die Völker mit ihren politischen Häuptlingen ganz einig und einfach mal rundherum dafür sein. Und das derart agitierte Publikum, die demokratische Massenbasis der imperialistisch engagierten Staaten, lässt sich in der Tat nicht lumpen. Zuerst ist es – teilweise wenigstens – nur erschrocken, entsetzt, hilfsbereit; es vergisst kurzfristig – es sind ja ohnehin gerade „die Feiertage“ – seinen Hauptberuf, sich ums Geldverdienen und die nationale Leitkultur zu kümmern. Doch innerhalb kürzester Zeit schlägt die spontane Reaktion in eine polit-moralisch brauchbare Geisteshaltung um.

  • Aus dem Erschrecken über die große Welle, deren Horror sich jeder leicht vorstellen kann, wird unter dem Eindruck einer begeisterten Bildberichterstattung ein Interesse an der Sensation, das über das natürliche Verfallsdatum jeder spontanen Betroffenheit hinaus mit immer neuen, immer besseren Schreckensbildern genährt sein will und auch emsig bedient wird. Die Katastrophe offenbart ihren überwältigenden Unterhaltungswert; sie gerät zum Genussmittel für ein Publikum, das natürlich keineswegs nur „schaulustig“ ist:
  • Aus dem Impuls zu helfen wird eine gute Tat, die der anständige Zeitgenosse, den der normale Horror des globalisierten Kapitalismus nicht mehr irritiert, sich und seinem Gewissen schuldig ist und die ihm, auch ohne dass er es darauf abgesehen hat und ob er will oder nicht, eine sehr befriedigende Vergütung einbringt: Er befindet sich mittendrin in einer großen Gemeinschaftsveranstaltung, deren moralische Schönheit die Tsunami-Opfer unwiderleglich bezeugen. Kein Unterhaltungskünstler, kein Volksmusikdirektor, der seinen fälligen Auftritt nicht in ein Spenden-Happening umdeklariert. Kein prominenter Sportler, der nicht seinen Erfolg in den Dienst der guten Sache stellt. Die ganze Nation bleibt mittags einen Moment lang stehen und erlebt, wie sich so ein Kollektivismus anfühlt. Sogar die Wahlkämpfer im Norden der Republik schweigen eine volle Minute oder sammeln Geld – was zweifelsohne besser ist als jeder Satz, der ihnen einfällt, und jeder Euro, den sie sonst in ihre Propaganda stecken würden; leider ist es dann doch nichts anderes als eine kleine Investition in ihre Selbstdarstellung. Die Wirtschaft hilft auch, und die beteiligten Firmen melden dem Handelsblatt ihren Beitrag. Bei der Opel-AG verbrüdern sich mitten im Kampf um Massenentlassungen Manager und Belegschaft und tun was zusammen. Für volle zwei Wochen wird Spenden zum aktuell gültigen Kriterium menschlichen Anstands, dem auch die übergroße Mehrheit genügen möchte, die noch nicht einmal über eine nennenswerte Steuerschuld verfügt, die sie mit der Spendenquittung mindern könnte. Die fernreiselustige Minderheit ist moralisch noch besser dran: Wenn Tourismusunternehmen für ihre exotischen Angebote mit dem Argument werben, gerade die geschädigten Kellner und Bardamen an den Stränden des Indischen Ozeans bräuchten jetzt Besucher, denen sie die Füße küssen können, und der sorgenzerfurchte Außenminister nicht umhin kann, dem zuzustimmen, dann fühlen Sex- wie Tauchtouristen sich nicht verarscht, sondern ergreifen die Gelegenheit, dem dicken Ex-Bundeskanzler nachzueifern, der die Flutwelle auf Sri Lanka ausgesessen und damit, wofür auch immer, ein Zeichen gesetzt hat: Sie widmen ihr Jahresvergnügen den Überlebenden des 26.12., reisen um die halbe Welt, nur um an die ein Trinkgeld los zu werden, und genießen außer billiger Exotik die Gratisgabe eines guten Gewissens.
  • Bei so viel von sich selbst ergriffener kollektiver Güte findet – außer ein paar neidischen Miesmachern von der christlichen Opposition – auch niemand was dabei, niemand fühlt sich mit seinem bisschen Mitleid zynisch funktionalisiert oder auch nur missverstanden, im Gegenteil, alle Welt ist geschmeichelt, wenn der Kanzler sein Volk für seine Spendenbereitschaft lobt, sich bei seinen Deutschen bedankt und per Dementi auch noch ausdrücklich klarstellt wofür: Natürlich, selbstverständlich geht es kein bisschen um einen Wettlauf der Nationen; es ist nur einfach so, dass „wir“ Spenden-Weltmeister sind – Bild: Wir sind Spitze! –, stolz auf „uns“ sein können und der Rest der Welt sich eine dicke Scheibe von „unserer“ zivilen Weltverbesserungsgesinnung abschneiden sollte. Das geschmeichelte Volk bleibt seinem Kanzler nichts schuldig: Es verzeiht ihm manches, womit er sich phasenweise unbeliebt gemacht hat. Wo Volk und Führung sich in tief empfundener Betroffenheit und in ihrem eindrucksvollen kollektiven Auftritt auf der moralischen Weltbühne gerade so einig sind, da fänden es selbst die Betroffenen, von den aktuell nicht Betroffenen ganz zu schweigen, absolut kleinlich, aus Alg II, einer neu programmierten verschärften Altersarmut und verteuerter Medizin ein großes Theater zu machen und dem Veranstalter sein nationales Verelendungswerk übel zu nehmen.

Wo vor einem so großen Unglück erschauert wird, an dem man keinem der üblichen Verdächtigen so recht die Schuld geben kann, da kommen am Ende auch noch die Profis des frommen Blödsinns auf ihre Kosten. Wenn muslimische Prediger in Indonesien ihren Schäflein erzählen, die Welle wäre Allahs Strafe für religiöse Pflichtvergessenheit, müssen die globalen Freiheitswächter zwar sehr genau hinhören, ob da womöglich antiamerikanische Untertöne laut werden; wenn nur zu funktionalem Gehorsam gemahnt wird, geht die Sache in Ordnung. Im christlichen Abendland kann sowieso nichts schief gehen, wenn Kirchen- und Sektenprediger den Jammer der Hinterbliebenen hernehmen, um mit der Sinnfrage nach Sinnsuchern zu angeln. Aufgeklärte Heidenmenschen lassen sich eher von den Metaphysikern der Bild-Zeitung mit der Frage erschrecken: Platzt die Erde?, konstatieren vielleicht auch zusammen mit dem ARD-Reporter vor Ort einen Terrorakt der Natur, empfinden mal wieder ein paar besinnliche Momente lang Ehrfurcht vor der Natur, die die Menschen nur als Zaungäste auf einer äußerst dünnen Erdkruste duldet, und halten das für einen ebenso tiefen wie kritischen Gedanken. So lernt die ideell betroffene Menschheit wieder mal Bescheidenheit, während ihre politischen Häupter so unverschämt wie immer den Nutzen ihrer imperialistischen Staatsmacht mehren.


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