Streit unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-10 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Streit unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit

Systematischer Katalog: 
Überblick

Von jeher ist der Kampf gegen die Kinderarbeit in der Welt zentraler Bestandteil der Agitation hiesiger Hilfsorganisationen und sonstiger Vereine aus dem Lager der 3.-Welt-Bewegung.

Sie klagen an, dass in vielen Länder Kinder massenhaft unter schlimmsten Bedingungen und zu absoluten Hungerlöhnen arbeiten müssen, und liefern dabei durchaus Hinweise, wo der Grund des beklagten Skandals zu suchen ist.

Streit unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit

Das alte Rezept gegen Kinderarbeit: Einfach Verbieten!

Von jeher ist der Kampf gegen die Kinderarbeit in der Welt zentraler Bestandteil der Agitation hiesiger Hilfsorganisationen und sonstiger Vereine aus dem Lager der 3.-Welt-Bewegung.

Sie klagen an, dass in vielen Länder Kinder massenhaft unter schlimmsten Bedingungen und zu absoluten Hungerlöhnen arbeiten müssen, und liefern dabei durchaus Hinweise, wo der Grund des beklagten Skandals zu suchen ist:

„Kinder in Entwicklungsländern .... sind als Arbeitskräfte sehr beliebt, weil man sie leicht einschüchtern und ihnen einfach weniger Geld als Erwachsenen geben kann.“ (Thesenpapier „Stopp Kinderarbeit“, http://www.friedensband.de)

So ist es! Kinderarbeit rechnet sich: Für eine Gewinnrechnung, die mit Kosten und Überschuss kalkuliert, für die der niedrige Preis und die ausgiebige Arbeitsleistung der eingekauften Arbeitskräfte daher ein entscheidendes Mittel ist, für die lohnen sich billige, überreichlich verfügbare, wehrlose Kinderarbeiter – und das sogar ganz besonders. Insofern verweist der Skandal der Kinderarbeit, das Elend der minderjährigen Lohnsklaven in den einschlägigen Regionen der Weltwirtschaft auf das skandalöse Prinzip, dem Lohnarbeit überhaupt gehorcht: Billigkeit des Lohns und rücksichtslose Verausgabung der Arbeitskraft sind Bedingung von ‚Beschäftigung‘; die Not, Geld verdienen zu müssen, macht Lohnarbeiter erpressbar; deswegen sind sie mit ihrem beschränkten Einkommen auch ständig auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen. Kinderarbeit ist ein besonders eklatanter Fall der Kalkulation mit rentabler Arbeit.

Die Gegner der Kinderarbeit ziehen allerdings einen ganz anderen Schluss:

„Kinderarbeit ... ist der Grund dafür, dass Kinder und ihre Familien sich immer mehr in den Teufelskreis aus Armut und Unterentwicklung verstricken.“ (www.welthungerhilfe.de) „Kinderarbeit treibt Löhne nach unten..“ (Susan George, zitiert nach Iven Saadi, Das Recht auf Kinderarbeit, taz.de, 20.11.09)

Den Anklägern ist durchaus vertraut, dass Armutslöhne – nicht nur die von Kindern – das Resultat der Konkurrenz sind, die Kapitalisten unter den Lohnabhängigen veranstalten. Aber ausgerechnet das Prinzip der Lohnarbeit, das da zum Zuge kommt, wenn die Mittellosen in der Dritten Welt, Erwachsene wie Kinder, darum konkurrieren, überhaupt und sei es auch zu den brutalsten Bedingungen beschäftigt zu werden, das nehmen sie gar nicht in den Blick. Sie sehen es genau umgekehrt: Die Ausbeutung von Kindern, diese spezielle Abteilung kapitalistischer Anwendung von Arbeitskräften, ist in ihren Augen der Grund allen Elends in den einschlägigen Armenhäusern der Weltwirtschaft. Wenn man diese eine entscheidende Ursache des „Teufelskreises aus Armut und Unterentwicklung“ aus der Welt schafft, dann schafft man deswegen nach ihrem Dafürhalten damit auch generelle Abhilfe für all die elenden Lohnarbeitsverhältnisse, die ihrer Ansicht nach der Kinderarbeit geschuldet sind:

„Wenn es keine billigen Kinderarbeiter mehr auf dem Arbeitsmarkt gibt, können die Eltern bessere Löhne aushandeln.“ (Thesenpapier „Stopp Kinderarbeit“, a.a.O.)

Als hätten mit dem Ausscheiden der Kinder als Konkurrenten um Arbeitsplätze die Millionen beschäftigten und unbeschäftigten Erwachsenen irgendetwas in der Hand und plötzlich eine schlagkräftige Verhandlungsposition den Arbeitsherren gegenüber, um deren Rechnung zu ihren Gunsten zu wenden, werden aus den beklagten ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen schlagartig annehmbare Einkommensgelegenheiten. Auf einmal löst sich der ganze „Teufelskreis“ in Wohlgefallen auf,

„.... reicht das Einkommen für die ganze Familie, und die Kinder können in der Schule für eine bessere Zukunft lernen.“ (Thesenpapier „Stopp Kinderarbeit“, a.a.O.)

So wird mit einen Schlag Lohnarbeit – und das ausgerechnet in den Elendsquartieren des globalen Kapitalismus – zur tauglichen Lebensgrundlage mit Zukunftsperspektiven.

Und wie soll die Kinderarbeit aus der Welt kommen? Ganz einfach: Getreu dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“ haben die Aktivisten von Initiativen wie „Stopp Kinderarbeit“ eine originelle Lösung: Verbieten wir’s doch einfach! Mit diesem dringlichen Antrag wenden sie sich an die Herrschaften in aller Welt:

„Kinder haben das Recht auf eine Kindheit ohne Kinderarbeit, und sie haben das Recht auf Bildung.“ (www.welthungerhilfe.de) „ Alle Regierungen haben die Pflicht, zu gewährleisten, dass sie Kinderarbeit in ihren Staaten nicht erlauben oder zulassen.“ (www.stopchildlabour.eu)

Dabei übersehen die ideellen Rechtsanwälte der Kinder geflissentlich, dass die angesprochenen Regierungen ihre Pflichten ganz anders definieren. Schließlich sind sie es doch, die die kritisierten Zustände regeln und beaufsichtigen; sie sind es, die die Geschäftsinteressen ins Recht setzen, die sich gerne auch der Dienste von Kinderarbeitern bedienen; sie wissen also offensichtlich, was sie an denen haben. Dass Herrschaften der Dritten Welt keine Veranlassung sehen, zur Pflege ihres an überflüssigem Menschenmaterial reichen Volkskörpers gegen die ruinöse Benutzung der jungen Generation einzuschreiten, im Gegenteil Kinderarbeit praktisch als einen unverzichtbaren Standortvorteil ihrer kapitalarmen Länder behandeln, das verbuchen die Gegner der Kinderarbeit schlicht unter „bad governance“. Und die Regierungen der „zivilisierteren“ Länder fordern sie auf, endlich Druck zu machen und anderswo auf das Verbot zu dringen. Dass es internationale Abkommen über das Verbot von Kinderarbeit längst gibt, dass die aber ersichtlich ziemlich folgenlos bleiben, weil die weltoffizielle Ächtung der Kinderarbeit, als ziemlich nebensächliche Front, in den andauernden Streit der Staaten um erlaubte und verbotene Mittel in der internationalen Konkurrenz gehört – das irritiert die Antragsteller ebenfalls nicht in ihrem Glauben an die Politik: Da nehmen die Zuständigen ihre eigentliche, in solchen Abkommen doch schon anerkannte Pflicht nur nicht wirklich ernst.

Mit ihrem Anliegen, zur Lohnarbeit genötigten Kindern in ihrem Elend helfen zu wollen, landen die Gegner der Kinderarbeit also schnurstracks bei der Affirmation der Lohnarbeit; und ihre Kritik an den Verwaltern solcher Verhältnisse endet beim wohlmeinenden Antrag, die sollten mit ihrer Macht entschiedener im menschenfreundlichen Sinne durchgreifen. Das liegt an ihrem festen Willen, in die beklagten Verhältnisse helfend und verbessernd einzugreifen, ohne ihre Gründe angreifen zu müssen. Was sie anklagen, sind „Auswüchse“, Abweichungen von dem, was sie sich, mehr als bescheiden, als ordentliche Verhältnisse für die Armenhäuser in der Staatenwelt vorstellen. Gegen diese „Auswüchse“ wollen sie angehen. Von Standpunkt der Hilfe aus – zuerst für die Kleinen und dann und damit auch für deren Erzeuger – suchen und finden sie deswegen Eingriffsmöglichkeiten, die das globale marktwirtschaftliche Getriebe zum Besseren wenden, und im politischen Garanten dieses Getriebes sehen sie deshalb die passende Adresse, die für eine solche Korrektur geeignet und in die Pflicht zu nehmen wäre.

Das neue Gegenrezept gegen Kinderarbeit: Einfach ordentlich erlauben!

Gegen dieses Programm meldet neuerdings eine Fraktion aus dem Lager der 3.-Welt-Freunde grundsätzlich Bedenken an. Anlässlich des Welttages der arbeitenden Kinder am 09.12.2009 provoziert sie die Öffentlichkeit und ihre eigene Klientel mit der Forderung nach Aufhebung des völkerrechtlich kodifizierten Verbots der Kinderarbeit:

„Das pauschale Verbot von Kinderarbeit beendet die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen nicht... Wir fordern die Aufhebung dieses Verbotes, weil es den Kindern schadet... Durch die internationale Ächtung der Kinderarbeit werden die kleinen ArbeiterInnen in die Illegalität gezwungen... Und dadurch sind sie viel ausbeutbarer... Durch das Verbot sind sie gezwungen in ganz prekären Umständen zu arbeiten.“ (J. Fincke, auf www.pronats.de und im BR 5 – Interview vom 09.12.09)

Ihr Blick auf die einschlägigen Verhältnisse des globalisierten Kapitalismus lehrt diese Gegner der „Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen“, dass ein Verbot nichts nutzt. Sie gehen davon aus, dass die Geschäftswelt dort, wo die blanke Not Kinder zu welchen Konditionen auch immer in die Fänge von Arbeitgebern treibt, – völlig unbeeindruckt von der Rechtslage – auf die Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft so leicht nicht verzichtet; dass mit einer strikten Durchsetzung des Verbots auch gar nicht zu rechnen ist, wo Staatsgewalten die Kinderarbeit als nützlichen Beitrag zur Entwicklung ihres im Weltmaßstab ohnehin viel zu rückständigen Standorts begreifen. Das ist ihnen geläufig: Verbieten und Verhindern, das sind in dieser Welt zwei paar Stiefel. Und wenn wirklich auf Unterlassung gedrungen werden sollte, dann schadet das Verbot nicht den Ausbeutern, sondern denen, deren Ausbeutung unterbunden werden soll; die haben dann nämlich überhaupt keine Einkommensquelle und deshalb kein Überlebensmittel mehr.

„Der ... Ausschluss von Kindern aus der Arbeit ... kann dort, wo das Arbeitseinkommen der Kinder für das Überleben unverzichtbar ist, die Familien in noch größere Not stürzen.“ (M. Liebel, Kinder fordern ein Recht zu arbeiten, http://www.vsp-vernetzt.de)

Sie haben also unter den gegebenen Verhältnissen nur die zwei schlechten Alternativen: sich ausbeuten zu lassen oder gleich völlig zu verelenden; und bei einem noch so beschränkten Eingriff in die herrschenden Geschäftsinteressen zu Gunsten der Hungerleider droht denen nur mehr die zweite zu bleiben. Ein unübersehbarer Hinweis darauf, wie systematisch die Gründe für die Kinderarbeit und ihre Brutalitäten geartet sind, sollte man meinen.

Das sehen die Kritiker, die den Verbotsanträgen ihrer Mitstreiter Idealismus vorwerfen, anders. Sie trennen im Geiste an der inkriminierten kapitalistischen Anwendung der absoluten Armutsbevölkerung, was gar nicht zu trennen ist, und kommen zu dem Befund, dass es nicht die Arbeit ist, die den Kindern zu schaffen macht, sondern die Bedingungen, unter denen sie diese verrichten müssen (M. Liebel, a.a.O.). Damit ist auch der Gegenvorschlag, wie dem Skandal Kinderarbeit beizukommen sei, klar:

„Gemeinsam mit den arbeitenden Kindern und Jugendlichen fordern wir stattdessen kindgerechte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen sowie eine Vereinbarkeit von Schule und Arbeit.“ (J. Fincke, www.pronats.de)

Ausgerechnet den Verhältnissen, denen nach ihrer Auskunft mit Verboten nicht beizukommen ist, verordnen sie nach dem Motto „Weniger ist mehr!“ regulierende Gebote für die Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft, die plötzlich alles zum Guten wenden sollen. Als ob solche Regelungen auf einmal locker zu haben wären und von der Geschäftswelt respektiert würden, wenn man denen ihren Geschäftsumgang nur höchst offiziell erlaubt und hoheitlich mit gewissen Einschränkungen versieht. Die Freunde der „arbeitenden Kinder“ opponieren gegen die „unrealistische“ Vorstellung, Kinderarbeit bräuchte man nur zu untersagen, mit der nicht minder idealistischen Behauptung, ausgerechnet mit der Zulassung von Kinderarbeit verlöre der kapitalistische Zugriff seinen verheerenden Charakter und würde sich ins Gegenteil verkehren: Dann nämlich, so ihr Alternativmodell einer heilen Lohnarbeitswelt , befänden sich

„die Kinder in einer weniger von Armut und dem ‚Diktat des Geldes‘ geprägten Situation“ und hätten infolgedessen „mehr Möglichkeiten, sich eine Arbeit auszusuchen, die ihnen gefällt und ihnen was bringt.“ (M. Liebel, a.a.O.).

Man muss sich eben nur auf die geltenden Geschäftsinteressen konstruktiv einlassen, dann wandelt sich Lohnarbeit – mit ein paar Korrekturen – von „Ausbeutung“ zu einer einzigen Chance, die man nur richtig zu bewirtschaften hat, damit sie den Kleinen in der Welt am Ende sogar „gefällt“ und „was bringt“.

Weil und solange aber die Arbeitsherren denen eine Arbeit in Würde verwehren, sorgt man exemplarisch selber für sie:

„Kooperativen bieten arbeitenden Kindern in den Ländern des Südens einen Rahmen, in dem sie ohne Ausbeutung, selbstbestimmt und sicher arbeiten – und zur Schule gehen können... Für ihre vielfältigen Produkte suchen sie AbnehmerInnen, die einen fairen Preis zahlen... Der Kauf fair gehandelter Produkte aus Kinderhand ist ganz klar als Beitrag zur Stärkung arbeitender Kinder zu sehen.“ (www.pronats.de).

So konstruiert und praktiziert der „Verein zur Unterstützung arbeitender Kinder“ eine Ausnahme von der marktwirtschaftlichen Regel, propagiert diese Ausnahme als Auftakt zum Kippen der Regel und liefert damit der Welt, die danach gar nicht ruft, weil sie so funktioniert wie sie funktioniert: marktwirtschaftlich nämlich, den verlogenen Beweis, dass „es“ mit ein bisschen gutem Willen schon „geht“ – und zwar ohne viel umwerfen zu müssen: Die Erweiterung des Sortiments im Fair-trade-Laden genügt!

*

Natürlich handeln sie sich von der Gegenseite aus den eigenen Reihen den Vorwurf ein, dass gerade ihr Vorschlag den „Realitäten“ keine Rechnung tragen würde, denen eben nur mit Verboten, mit denen aber schon beizukommen wäre. So entschieden, wie beide Fraktionen mit ihren Korrekturvorschlägen an die Adresse der Herrschenden auf die Verhältnissee verbessernd einwirken wollen, mit „realistischen“ Alternativen, die die herrschenden Verhältnissen gar nicht hergeben, in denen sie „wirklich was bewegen“ zu können meinen, so heftig geht deshalb der Streit zwischen ihnen voran, ob Kinderarbeit verboten oder erlaubt gehört.

Ein Angebot zur Güte hält der Streitfall dann aber doch bereit:

„Viele Unternehmen beteiligen sich bereits bei der Bekämpfung von Kinderarbeit. Sie tun das nicht nur aus ethischen, sondern auch aus handfesten betriebswirtschaftlichen Gründen heraus: Unternehmen brauchen gut ausgebildete Arbeitnehmer. Länder, in denen die Bevölkerung noch nicht einmal über elementare Fertigkeiten verfügt, sind keine attraktiven Investitionsstandorte.“ (www.welthungerhilfe.de)

Die richtig verstandenen Profitinteressen sorgen letztlich selbst dafür, dass die Welt schon besser, die Kinderarbeiter weniger und die Lohnarbeit für alle immer attraktiver wird. Am Ende gibt es nichts verlässlich Humaneres als den Kapitalismus selbst! Nur im Verein mit den Mahnern selbstverständlich, die ihm ständig seine wahre Vernunft vor Augen halten müssen: ethisch und betriebswirtschaftlich!


© GegenStandpunkt-Verlag.