Strafrecht und Sexualmord

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Sexualmörder: Wieder strafrechtliche Normalfälle

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Abweichend von der bislang geübten Rechtspraxis erklären zwei Gerichte Sexualmörder für voll zurechnungsfähig. Wenn sie in den Beweggründen von Lustmördern keinen ‚menschlichen Defekt‘, sondern einen voll funktions- und lebenstüchtigen Willen sehen, der die ihm gezogenen Grenzen überschritten hat, dann gehen sie offenbar davon aus, dass sich das Motiv von Kinderschändern im Vergleich zu dem, das unbescholtene Bürger bei ihren sexuellen Vergnügungen leitet, so ‚abnorm‘ nicht mehr ausnimmt. Und da täuschen sie sich nicht.

Sexualmörder: Wieder strafrechtliche Normalfälle

In zwei Prozessen werden die des Sexualmords an kleinen Kindern überführten und geständigen Täter abweichend von der in solchen Fällen bislang geübten Rechtspraxis für voll zurechnungsfähig erklärt und zu lebenslänglichen Gefängnisstrafen verurteilt. In einem der Fälle lehnt das Gericht den Antrag des Kinderschänders, im Gefängnis einer psychologischen Therapie zugeführt zu werden, mit der Begründung ab, sein Wunsch verdanke sich der durchsichtigen Berechnung, möglichst bald wieder freizukommen.

Wenn die Justiz bei Delikten dieser Art psychologische Gutachter zu Rate zieht, gesteht sie gewissermaßen ein, daß sie mit ihrem Latein am Ende ist. Dieses beschränkt sich auf die paragraphengerechte Klärung der Schuldfrage: Die Justiz hat Rechtsverstöße festzustellen und zu prüfen, ob der Täter den Rechtsverstoß gewollt hat. Zur Schuld gehört der Vorsatz zur Rechtsverletzung, also ein Täter, der sich dem Recht unterworfen weiß: Der Kundenkreis der Strafjustiz sind Rechtssubjekte, die sich in der von der Justiz beaufsichtigten Welt konkurrierender Privatinteressen bewegen und sich dabei berechnend über die Grenzen des Erlaubten hinwegsetzen. Nur unter diesem Gesichtspunkt interessieren sich Juristen für Beweggründe. Sie wollen das Moment von Berechnung herausarbeiten, das die Schwere der Schuld begründet, für die der Täter verantwortlich zu machen ist. Und eben das ist der Punkt, an dem für die Justiz – wenigstens bislang – die perverse Lust am Kinderschänden in anderer Weise aus dem Rahmen fällt als das gewöhnliche Verbrechen. Sie hat es mit kapitalen Straftaten zu tun, tut sich aber schwer, die Täter unters Recht zu subsumieren. Deren Umtriebe lassen jedes Moment von Berechnung vermissen, das ihr von ihrer sonstigen Klientel her vertraut ist und auf das die Schuldfrage berechnet ist. Dieser Verstoß gegen alle Sitte und Moral, auf deren Boden der sonstige Mord und Totschlag stattfindet, macht das Verhalten der Psychoverbrecher für die Justiz so „unbegreiflich“, daß sie an ihnen ausnahmsweise einmal einen anderen Unterschied geltend macht als den von erlaubt/verboten bzw. schuldig/unschuldig. Sie sieht in diesen Typen klinisch zu erklärende Ausnahmen, keine rechtsfähigen Subjekte, sondern defekte Menschen, auf die die juristische Frage nach der Schuld im Grunde nicht paßt. Daher hat die Justiz solche Täter für unzurechnungsfähig und schuldunfähig erklärt und ihnen die Gnade widerfahren lassen, sie nicht in Gefängnissen, sondern in geschlossenen Anstalten wegzusperren.

Davon rücken die beiden Gerichte in ihrer Rechtsprechung ab. Sie wollen auch die Taten von Lustmördern auf die Quelle zurückführen, die vom Standpunkt des Strafrechts aus allein maßgeblich ist und zählt: Nicht von einer abartigen oder krankhaften Veranlagung ihrer Täter gehen sie aus, sondern von einem bösen Willen, der sie zur Tat verleitet habe und dessentwegen sie der vollen Härte des Gesetzes zu unterziehen seien. Ganz aus dem Herzen sprechen sie damit einerseits mit Sicherheit dem Volkszorn. Die Bürger in ihrer Moral sehen in den Kinderschändern ja unmittelbar und ausschließlich den Inbegriff des Bösen, halten daher immer dafür, diese „Monster“ möglichst ganz aus dem Verkehr zu ziehen. Ihr Bedürfnis nach einer gescheiten Rache wird vom Recht zwar auch jetzt noch nicht so bedient, wie sie es gerne hätten – Rübe ab! und so. Aber Maximalstrafen passen schon viel besser in ihr moralisches Weltbild als die Vorstellung von Kindermördern, die in Töpferkursen gesundgepflegt werden. Die andere – und eigentlich interessante – Seite des neu entdeckten Bösen im Kinderschänder liegt in der Anerkennung, die das Recht damit auch dem Willen des Täters widerfahren läßt. Der ist nämlich zu entnehmen, daß für das Strafrecht das Schänden von Kindern gar nicht mehr so weit weg ist von der Welt der normalen Bürger, mit der es in seiner alltäglichen Routine befaßt ist. Wenn es in sexuellen Übergriffen mit Todesfolge allein noch das Kapitalverbrechen für beachtlich hält, das die Perversen an Kindern begehen, erkennt es in den Beweggründen von Lustmördern eben nicht mehr einen Abgrund, sondern – wie in allen seinen normalen Rechtsfällen auch – einen voll funktions- und lebenstüchtigen Willen, der die ihm gezogenen Grenzen überschritten hat. Den belangt es wegen der Rechtswidrigkeit seiner Tat – und grenzt so den Mord zwecks Lustgewinn von allen anderen willentlichen Betätigungen ab, die unbescholtene Bürger bei ihrer sexuellen Vergnügungsstiftung inzwischen so an den Tag legen. Offenbar geht das Recht davon aus, daß die allgemeine Motivlage von Kinderschändern sich im Vergleich zu diesen so unbegreiflich gar nicht mehr ausnimmt. Und da täuscht es sich nicht.

Denn besieht man sich die Schritte, die einer hinter sich hat, der in der Vergewaltigung von Kindern sein Vergnügen findet, stößt man auf dem bürgerlichen Individuum vertraute, gesellschaftlich respektable und auch überhaupt nicht strafbare Quellen dieses Lustempfindens. Daß sexuelle Befriedigung erstens im Leben furchtbar wichtig ist und die Person zweitens darauf ein Recht hat, ist eine höchst geläufige Auffassung unter allen anständigen Bürgern. Daß mit der Verweigerung dieses Rechts sich die ganze Persönlichkeit selbst infragegestellt und gedemütigt sieht, leuchtet ihnen drittens schon aus eigener Erfahrung ein. Viertens wissen sie, daß es deswegen darauf ankommt, sich für das andere Geschlecht möglichst so unwiderstehlich zu machen, daß man es auf sich verpflichtet und dabei selbst souverän bleibt: Der liebe Partner soll es sein, der ohne einen selbst nicht leben kann, weil man einfach ein unglaublich toller Hecht ist. Davon kündet auch die Angeberei mit den Eroberungen, die man vorzuweisen hat, und mit der Anzahl derer, die eine/einer an jedem Finger der Hand haben könnte, wenn sie/er nur wollte. Solange diese nette Begeisterung füreinander zwischen geschlechtsreifen Erwachsenen stattfindet, findet fünftens keiner etwas dabei, daß der sexuelle Genuß schon nicht mehr im geschlechtlichen Objekt der Begierde gesucht wird, sondern in der Macht, die die eine Seite ausübt, und in der Abhängigkeit der anderen, die sie genießt. Das ist so normal, daß inzwischen nicht wenige die spielerische Inszenierung des sexuellen Machtspiels als Lustquelle schätzen und für ihre Psychologie auch außerhalb der heimischen Folterkammern Anerkennung verlangen: Auch Leder und Latex, Sado und Maso wollen sehr ernst genommen, öffentlich begutachtet und in Talk-Shows diskutiert werden. Neben manch anderer Raffinesse gelten die schöpferischen Nachstellungen des Verhältnisses von Herrschaft & Knechtschaft in ziemlich weiten Kreisen mittlerweile als eine respektable Form der sexuellen Selbstverwirklichung von ganz freien Personen. Nicht unnormal ist es deshalb sechstens, daß manche Interessenten sich für ihre Lust gleich ein Objekt aussuchen, das den Selbstgenuß der Überlegenheit garantiert, ein Objekt also, vor dem man sich nicht blamieren kann und von dem Abweisung weder zu fürchten noch zu respektieren ist: Der kommerzielle Markt für Kinderpornographie und Kinderprostitution ist – wie man nicht nur aus Belgien und dem Internet erfährt – ziemlich groß. Daß es dann – siebtens – auch Leute gibt, die außerhalb der Sphäre von Kauf und Verkauf über ein Kind herfallen, es entweder unmittelbar durch den Gebrauch umbringen, den sie von ihm machen, oder zu dem Zweck, nicht entdeckt zu werden, ist der Sache nach notwendig.

Für das Recht offenbar auch, weswegen es sich eben dazu veranlaßt sieht, eine Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem zu ziehen. Wenn bei der sexuellen Selbstverwirklichung das Rechtsgut Leben auf der Strecke bleibt; wenn dabei – eine Stufe vorher – die Altersschwelle zur freien Rechtsperson ignoriert und sich an Kindern vergangen wird: Dann hört für das Recht der Spaß beim Umgang der Geschlechter miteinander auf. Auf die allerletzten Blüten des ganzen Sumpfes, in dem die Bürger ihren Lüsten nachgehen, bezieht es sich als Taten, die aus dem rechtlich geduldeten Rahmen fallen – und wegen dieser Perversion werden die Täter dann belangt.

In welcher Abartigkeit auch immer also alle anderen ihr Vergnügen an dieser Front suchen und finden: Solange sie sich dabei ans Erlaubte halten, sind und bleiben sie ganz normal. Viel Spaß.


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