Sport und Nationalismus

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Michael Schumacher vergeigt WM-Titel
Erfolg und Moral beim Autorennen

Überblick

Schumacher verletzt die Ehre von Patrioten.

Michael Schumacher vergeigt WM-Titel
Erfolg und Moral beim Autorennen

Am 26. Oktober verursacht im südspanischen Jerez de la Frontera der deutsche Spitzenangestellte eines italienischen Automobilkonzerns mit seinem Dienstwagen einen selbstverschuldeten Unfall. Michael Sch., der nach eigenen Angaben nichts Böses ahnend auf der Mittelspur fuhr, als ihn plötzlich „von rechts ein blaues Auto“ überholte, übersteht die Kollision zwar unverletzt, nimmt jedoch nicht unbeträchtlichen Schaden an seiner Reputation. Mit ihm leidet die deutsche Autofahrer- und Sportnation. Als gäbe es nichts Interessanteres als Autos, die im Kreis fahren; als gäbe es nichts Wichtigeres als dem Wettkampf junger Männer in ihren rasenden High-Tech-Kisten beizuwohnen, die an einem Renntag Benzin verbrauchen und Blechschäden produzieren, die dem Gegenwert vieler warmer Mahlzeiten entsprechen; als gäbe es in seinem Leben nichts Entscheidenderes als gelungene Überholmanöver und gebrochene Randaufhängungen, fiebert der Fan in Deutschland, Kanada und Italien mit „seinen“ Helden. Und in der Tat: Es gibt nichts Interessanteres und Wichtigeres in der Welt. Zumindest nicht in dieser Welt; zumindest nicht, was die nationale Stimmung betrifft. Deshalb wird ein Autounfall auf der Rennstrecke bei Jerez zur bewegenden Affäre. Verletzt wurde zwar niemand. Nur die Ehre von Patrioten. Aber was heißt da schon „nur“!

Denn der von seinen Freunden vertraulich „Schumi“ gerufene Mann aus Kerpen hatte bis gerade eben noch die Position einer Kultfigur des deutschen Rennsports inne: war anerkanntes Sportidol, dem man Erfolg wünscht, das Idol ist, weil es Erfolg hat – von dem man Erfolg aber auch fordert. Und genau daran hat Michael Schumacher es fehlen lassen in jener schrecklichen 48. Runde im „Großen Preis von Europa“, als er – eben erfolglos – versuchte, seinen nur einen Punkt hinter ihm liegenden Rivalen von der Strecke zu bugsieren. Das macht dieselbe Aktion, die ihm 1994 in Adelaide noch den WM-Titel einbrachte, heute zur hinterlistigen Kurven-Karambolage (SZ) und läßt Schumacher vom makellosen Helden zum Vollblut-Trottel avancieren. (Der Micha is’ so doof wie dat Kinn lang is’. Ein Mitglied der Kerpener Fangemeinde, zitiert nach SZ)

Fans sind anspruchsvolle Geschöpfe. Gewinnen allein reicht unter Umständen nicht ganz – „schön gewonnen“ soll nach Möglichkeit auch noch werden. Aber halt nur wenn’s irgendwie geht, denn andererseits heilt so ein Sieg auch manche Kratzer auf dem Image. Immerhin hatte sich ja auch bis jetzt nur noch der anno 94 leidtragende Damon Hill an den wahren Charakter von Michael Schumacher erinnert. Bis jetzt! Denn auch wenn bei nachgewiesenem Erfolg schon mal auf den „anständigen Gewinner“ verzichtet werden kann – der unanständige Verlierer ist in jedem Falle worst case und disqualifiziert den ganzen Menschen. „Besessen“ leitartikelt die FAZ:

„Plötzlich war das gewohnte Bild des netten Jungen von nebenan dahin. Zum Vorschein kam ein vom Erfolg besessener Mann, der in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch ist.“ (FAZ 27.10.97)

Ein vom Ehrgeiz zerfressener Hinterhältling eignet sich nun mal so schlecht zum nationalen Vorbild, vor allem, wie gesagt, wenn er damit keinen Funken Erfolg hat. Daß jemandem der Zweck die Mittel heiligt, hätte auch ein Kompliment sein können, gibt unter den gegebenen Umständen aber Anlaß zu bösen Worten. Mit Schumi müssen wir alle uns ein bißchen schämen:

„Viele, die mit den Bräuchen im Formel-1-Zirkus vertraut sind, werden moralische Entrüstung kaum verstehen… Schließlich geht es um Geld und Geltung, geht es um Marktanteile in einem Geschäft, in dem Unternehmen sich aufwendig engagieren. Da vergißt man, einen Triumph vor Augen, schon einmal die Gebote der Fairneß. Und wer nicht altmodisch am Einhalten von Spielregeln hängt, kann selbst mit Vorfällen wie in Jerez leben.“ (ebenda)

Können wir natürlich nicht! Geld, Geschäft und Marktanteile mögen ja ansonsten ziemlich unschlagbare Argumente sein, dem Mann des Sports und seiner Gemeinde hat es um Höheres zu gehen: um einen sauberen deutschen Sieg, von einem sauberen Deutschen eingefahren, der Ehre einlegt für seine Nation, indem er die Konkurrenten anderer Nationen fair und formvollendet aus dem Rennen wirft, auf den man also mit Recht stolz sein kann. Wer hingegen mit schmutzigen Tricks zu siegen sucht, verliert und sich danach noch obendrein uneinsichtig gebärdet, tut genau das Gegenteil: er blamiert seine Nation und braucht sich deshalb nicht zu wundern, wenn ihn hinterher keiner mehr mag. So einer Kreatur gönnt man keinen Erfolg:

„Doch selbst wenn es in seinem Sinne geklappt hätte – glaubt Schumacher allen Ernstes, ihm wäre zu solch einem Titelgewinn applaudiert worden? Ist er so betriebsblind?“ (SZ 28.10.97)

Applaudiert? Wir?? Wahrlich eine heiße Frage, die gottseidank nicht beantwortet werden muß. Im Angesicht der unehrenhaften Niederlage ist jedenfalls klar, daß sich mit so einem Erfolg nichts hätte anfangen lassen. Die deutsche Sportnation bleibt mit sich im Reinen, indem sie eines ihrer Idole – zumindest vorläufig – vom Sockel stürzt.


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