Sahra Wagenknechts Hit: „Freiheit statt Kapitalismus“

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Sahra Wagenknechts Hit
„Freiheit statt Kapitalismus“ – damit der „kreative Sozialismus“ den Kapitalismus wieder auf Vordermann bringt!

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In der Tat, der moderne Kapitalismus ist kein schöner Anblick.

Beste Gewinnlage, steigende Dividenden, immer mehr Millionäre auf der einen Seite; unsichere Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und befristete Jobs, die den Mann nicht ernähren und Aussichten auf eine solide Altersarmut eröffnen, und andere Schönheiten der Berufswelt mehr auf der anderen: Arbeit und Reichtum scheinen sich in diesem Wirtschaftssystem eigentümlich komplementär zu verteilen. Auch vom Bildungswesen hört man wenig Gutes; irgendwie trägt es das Seine dazu bei, dass die Ungebildeten nicht weniger werden. Usw. usf. Und? Warum ist das so? Weil es, erfahren wir, eigentlich gar nicht sein müsste. Denn das soziale Elend, über das Wagenknecht stellvertretend für so viele Klage führt, ist dem Kapitalismus, der es schafft, im Grunde genommen ganz wesensfremd: „Der Kapitalismus versagt nicht nur sozial. Er versagt vor allem vor seinen eigenen Ansprüchen.“

Sahra Wagenknechts Hit
„Freiheit statt Kapitalismus“ – damit der „kreative Sozialismus“ den Kapitalismus wieder auf Vordermann bringt!

Eine Einladung zum Dialog mit „offenen und fairen Marktwirtschaftlern“

In der Tat, der moderne Kapitalismus ist kein schöner Anblick:

„Kein Arbeitsplatz ist mehr sicher, nicht einmal im Wirtschaftsboom, seit es als normal angesehen wird, dass Firmen auch bei bester Gewinnlage tausende Stellen streichen und die Dividenden im Gleichschritt mit der Zahl der Leiharbeiter steigen... Über die Hälfte aller neuen Jobs sind befristet, immer mehr werden so jämmerlich bezahlt, dass man von ihnen nicht leben kann. Wer ein kleines Unternehmen gründet, wird immer öfter vom Kreditgeiz der Banken in die Pleite getrieben... Noch nie gab es in Deutschland so viele Millionäre und noch nie so viele Tafeln und Suppenküchen, vor denen sich in immer größerer Zahl die Ausgestoßenen und Fallengelassenen drängen... Und auch ein sorgenfreier Lebensabend ist nur noch für den gesichert, der reich genug ist, privat Vermögen anzusparen... Die Zahl derer, die die Schule verlassen, ohne je richtig lesen und schreiben gelernt zu haben, und die bei Goethes ‚Faust‘ eher an die geballte Rechte eines Boxers denken, wächst...“ (Vorwort, S.7 ff; alle folgenden Zitate mit Seitenangabe aus: Sahra Wagenknecht, Freiheit statt Kapitalismus, Frankfurt/M, 2011)

Beste Gewinnlage, steigende Dividenden, immer mehr Millionäre auf der einen Seite; unsichere Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und befristete Jobs, die den Mann nicht ernähren und Aussichten auf eine solide Altersarmut eröffnen, und andere Schönheiten der Berufswelt mehr auf der anderen: Arbeit und Reichtum scheinen sich in diesem Wirtschaftssystem eigentümlich komplementär zu verteilen. Auch vom Bildungswesen hört man wenig Gutes; irgendwie trägt es das Seine dazu bei, dass die Ungebildeten nicht weniger werden. Usw. usf. Und? Warum ist das so? Weil es, erfahren wir, eigentlich gar nicht sein müsste. Denn das soziale Elend, über das Wagenknecht stellvertretend für so viele Klage führt, ist dem Kapitalismus, der es schafft, im Grunde genommen ganz wesensfremd: Der Kapitalismus versagt nicht nur sozial. Er versagt vor allem vor seinen eigenen Ansprüchen. (Ebd.) Versagen kann jemand oder etwas nur bei Dingen, die jemand sich vornimmt bzw. für die etwas da ist. Ein Auto versagt nicht, wenn es nicht schwimmt. Ein Kapitalstandort versagt nicht, wenn er Arbeitslose verelenden lässt. Ob eine führende Intellektuelle der Linkspartei versagt, wenn sie das nicht weiß? Oder gehört das gar nicht in ihren selbstgestrickten Aufklärungsplan? Modernes linkes Denken auf der Kommunistischen Plattform hat die Erläuterungen von Marx jedenfalls ersichtlich weit hinter sich gelassen. Es hält sich nicht lange auf mit Einsichten in Grund, Zweck und innere Notwendigkeit dieser seltsamen Sorte Reichtumsproduktion, die ihren Produzenten nicht gut bekommt, sondern kommt mit einem einzigen falschen Urteil zur Sache, genauer: zu einer erschütternden Anklage: Das System der Ausbeutung bleibt die guten Dienste schuldig, für die es irgendeiner wohl erfunden haben muss!

Mit diesem negativen Urteil trennt die Autorin die Phänomene, die ihr am Kapitalismus unangenehm auffallen, von ihm selbst ab, um so nicht den, den es gibt, sondern den eigentlichen, besseren Kapitalismus zu bedenken, und schon stellt sich die nächste verkehrte Frage: Warum bleibt er aus und die Erfüllung aller sozialen Wohlstands- und sonstigen Glücksversprechungen schuldig, die in seiner Natur begründet liegen sollen? Offenbar deswegen, weil es bei ihm wie beim Beton ganz darauf ankommt, was man daraus macht:

„Die Sozialsysteme wurden unter dem Druck mächtiger Wirtschaftslobbys politisch zerschlagen... mächtige Global Players (haben) sich Märkte und Politik unterworfen. Der Privatisierungs- und Liberalisierungsirrsinn hat die Grundversorgung deutlich verschlechtert und teilweise außer Kraft gesetzt... Die weltwirtschaftliche Krise schleppt sich dahin. Unbewältigt. Ungelöst. Die Regierenden haben kein Konzept... Die Regierenden haben keine Ideen mehr, ebenso wenig wie die Ex-Regierenden, die heute mühsam Opposition spielen, obwohl sie sich mit der Regierung in allen wesentlichen Fragen einig sind. Wie oft in niedergehenden Systemen besteht der letzte Ausweg überforderter Politiker in clownesker Realitätsverweigerung... Soll es so wirklich immer weitergehen?“ (Ebd.)

Die beklagenswerten sozialen Verhältnisse rühren also aus dem Umstand her, dass die Regierenden im Land bei ihrer politischen Aufgabe versagt haben, aus dem Kapitalismus die Wohlstandsmaschine für die Menschen zu verfertigen, die mit ihm versprochen ist: Die Macht, die man ihnen eigens zu dem Zweck verliehen hat, haben sie sich entweder wegnehmen lassen oder sich gleich selbst um sie gebracht, weil sie einem Irrsinn verfallen sind. Und was die Verheerungen betrifft, die die Krise des Systems im Leben der Gesellschaft zusätzlich anrichtet, so sind auch die nur ein Verweis auf denselben Mangel höheren Ortes, den die sozialistische Kritikerin ausgemacht hat: In den Kreisen der Regierung weiß man nicht weiter, hat kein Konzept, keine Idee und, Gipfel aller handwerklichen Inkompetenz, steckt den Kopf, über den einem die Krise schon längst gewachsen ist, einfach in den Sand...

Endlich gehört der Kapitalismus gescheit regiert! In diesen staatsbürgerlichen Stoßseufzer nach guter Herrschaft überführt diese Kritikerin alles, woran sie im Namen der Interessen Anstoß nimmt, die in der Klassengesellschaft unter die Räder kommen. Deren Einrichtungen und damit das gesellschaftsbildende Prinzip eines Reichtums, der auf Kosten seiner Produzenten zustande kommt, spricht sie von jeder Kritik ebenso grundsätzlich frei wie eine herrschaftliche Gewalt, die im Privateigentum und seiner erfolgreichen Mehrung ihre Raison hat und eine ganze Gesellschaft zu den dafür funktionellen Diensten zwingt. Mangelndes Geschick beim politischen Management des Kapitalismus, heißt der Einwand, um ein zum Himmel schreiendes Versagen der sozialpolitisch Verantwortlichen zu brandmarken: Dazu erstattet die wirtschaftspolitische Sprecherin der Linken Bericht zur elenden Lage der arbeitenden Klasse in Deutschland. Den Vorwurf mangelnder Ideen und Konzepte wird sie ausgerechnet an die Adresse derer los, die mit ihren Spar-, Bankenrettungs- und sonstigen Programmen eindrucksvoll unter Beweis stellen, wie wenig sie bei der Rettung ihres Systems überfordert sind: Die packen sie über die gnadenlos weiter vorangetriebene Verelendung ihres Volks tatkräftig an. Und dass mit dieser Vordenkerin der Linken keine Absage an das System, sondern wirklich nur ein Geist unterwegs ist, der sich an der Verbesserung der kapitalistischen Welt zu schaffen machen will, sagt sie dann auch noch selbst:

„Ich weiß, für viele Pseudokonservative und Pseudoliberale bin ich der Gottseibeiuns, die finstere Kommunistin, die zurück will in die alte DDR. Ich habe auch deshalb zunehmend gespürt: Es wird Zeit, einen positiven Gegenentwurf zu schreiben, zumindest diesen Entwurf zu beginnen. Es wird Zeit, den typischen FDPlern, die von Ökonomie nicht mehr verstehen als die auswendig gelernten Sprüche aus ihren eigenen Wahlwerbungsprospekten, entgegenzuhalten, wie Marktwirtschaft tatsächlich funktioniert. Und es wird Zeit zu zeigen, wie man, wenn man die originären marktwirtschaftlichen Ideen zu Ende denkt, direkt in den Sozialismus gelangt, einen Sozialismus, der nicht Zentralismus, sondern Leistung und Wettbewerb hochhält.“ (Ebd.)

Nein, da kommt kein kommunistischer Wolf im Schafspelz der ökonomischen Fachautorität daher: Das Wesen, das in dem steckt, bekennt sich ganz ehrlich zu seiner grundguten Natur. Damit die Brüderles und Schäubles der Welt von kompetenter Seite endlich einmal erfahren, wie das Ding funktioniert, das sie regieren: Zu diesem Zweck schreibt die Frau ihr Buch, das soll man ihr glauben und kann man auch. Freilich soll ihr Werk auch anderen etwas geben, kritischen Zeitgenossen zum Beispiel nachvollziehbar machen, wie man die Marktwirtschaft zu Ende denken muss, um bei einem Sozialismus zu landen, der die Ideale der kapitalistischen Konkurrenz preist. Das Angebot haben wir aufgegriffen.

Der Skandal: „Unproduktiver Kapitalismus“! Und warum?

Weil erstens die kapitalistischen Produzenten ihren Auftrag vergessen haben

Was den Kapitalismus in Gestalt seiner realen Wirtschaftstätigkeit betrifft, ist über diesen von seiner linken Kritikerin zu hören, dass die Berufsgruppe, nach der die Produktionsweise heißt, nicht mehr so recht zu wissen scheint, wofür sie eigentlich da ist:

„Vor allem große börsennotierte Unternehmen pflegen seit Jahren ein Geschäftsmodell, das nicht nur den sozialen Zusammenhang der Gesellschaft untergräbt, sondern in zunehmendem Maße auch ihre wirtschaftliche Basis. Nicht genug, dass Rekordprofite mit rücksichtsloser Lohndrückerei einhergehen und Entlassungswellen von steigenden Aktienkursen belohnt werden. Die Weltkonzerne haben sichtlich auch immer weniger Interesse an den Kernaufgaben eines Wirtschaftsunternehmens: an Forschung und Innovation, an langfristigen Investitionen, an höchster Qualität, an den Kundenwünschen...“ (83)

Ein sehr interessantes Geschäftsmodell, das die Autorin da entdeckt hat und das seit Jahren dabei ist, seine eigenen Geschäftsgrundlagen zu unterminieren. Insbesondere den großen Unternehmen soll es dem Vernehmen nach darum gehen, dass das Geld, das sie in Löhne und Arbeitsmittel investieren, mit möglichst viel Profit zu ihnen zurückfließt. Dagegen ist für sie im Prinzip nichts einzuwenden. Dass es dem privaten Eigentum in Unternehmerhand um seine Vermehrung geht, das Produzieren eine Geldanlage ist, die sich zu rentieren hat, geht für sie schon in Ordnung, so ist nun einmal die Welt, in der wir leben: Das entscheidende Motiv der kapitalistischen Produktion ist die Erzielung von Profit. (146) Problematisch wird für die Kritikerin die Sache offenbar dann, wenn Kapitalisten dabei zu weit gehen und ausgerechnet an den Kosten sparen, deren produktive Verausgabung sich für sie doch rentieren soll: Dann gibt es rücksichtslose Lohndrückerei. Dann erwirtschaften sie zwar Rekordprofite, lassen dafür aber die Kernaufgaben liegen, für die Eigentümer von Produktionsmitteln nach Auffassung einer sozialistischen Volkswirtschaftsexpertin vorgesehen sind: Auftragsgemäß sind sie mit nichts weiter befasst als mit der Herstellung von Dingen ..., die das Leben angenehmer und leichter machen sollen (81), haben zur bestmöglichen Befriedigung der vielen Kundenwünsche zu forschen, zu investieren und Höchstleistungen in Sachen Qualität zu erbringen, lauter feine Sachen also, gegen die einer nun wirklich nichts sagen kann – und dann geht es ihnen doch glatt um alles andere als diese, weil nur um ihren Profit. So also ist der Kapitalismus Gegenstand linker Kritik: Der Zweck, um den es ihm ausschließlich geht, wird zu einem neben alle Geschäfte, in denen er exekutiert wird, getretenen Geschäftsmodell verselbständigt, bei dem die Ökonomin all die schönen Zwecke, die sie in den Kapitalismus hineinliest, einfach nicht mehr wiederfindet, und dies ist auch schon der ganze Inhalt dieser Kritik. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses ‚Modell‘ überhand nimmt:

„Statt den Unternehmenserfolg langfristig durch überlegene Produktqualität oder innovative Spitzenleistungen zu sichern, geht es um kurzfristige Rendite, von Quartal zu Quartal. Um diese auf das von den Börsenanalysten erwartete Maximum zu heben, werden leistungsfähige Unternehmen so lange durch die Kostenmangel gedreht, bis von ihnen nur noch ein ausgezehrtes, ideenloses Gebilde übrig bleibt.“ (85) „Statt Neuheiten in einem mühsamen und risikoreichen Prozess selbst zu erfinden, greift man zu, sobald eine vielversprechende Idee am Markt erscheint.“ (89) „Anstelle überlegener Qualität werden Größe und Weltmacht angestrebt, statt zu investieren Unternehmensmonopoly gespielt.“ (9)

Die Frau besichtigt die von ihr geschätzte reale Welt der Wirtschaft, die Abteilung des Kapitalismus also, in der nach ihrem Verständnis wirklich Wert geschaffen wird, und mag sich nicht erklären, warum es in dieser Welt so zugeht, wie sie es aufschreibt. Sie nimmt Notiz von den Gemeinheiten einer Produktionsweise, in der die Produzenten des Werts, um dessen möglichst erfolgreiche Vermehrung in privater Hand sich alles Wirtschaften dreht, als Kosten verbucht werden – nur um das sich dabei folgerichtig einstellende Resultat, die Zerstörung der Lebensgrundlagen von vielen, für äußerst ideenlos zu befinden; weil nämlich die Unternehmer mit der Entlassung ihrer Mitarbeiter vor allem Sachverstand und Professionalität wegsparen (85 f.)! Stur beharrt sie darauf, dass der gute Sinn, den sie in das kapitalistische Investieren hineinlegt, auch die ökonomischen Praktiken der Firmen anzuleiten hätte – und wo immer sie zur Kenntnis nehmen muss, dass sich die private Verfügungsmacht über die Mittel der Produktion nach ihren wohlmeinenden Maßstäben schlicht und ergreifend nicht richtet, diese also weder die entscheidenden Mittel noch die Zwecke des kapitalistischen Geschäfts sind, bekennt sie sich entschlossen zur eigenen interessierten Sicht der Dinge: Mit Oppositionen wie Qualität contra Größe, selbsterfunden versus aufgekauft, lang- im Unterschied zu kurzfristig und der inflationären Verwendung von Konjunktionen, mit denen sich ohne jede nähere Begründung über das Eintreten eines anderen als des von ihr gewünschten Umstands prima Beschwerde führen lässt – anstatt, anstelle, statt... –, weist die Kritikerin den verschiedensten Geschäftstätigkeiten negativ und positiv besetzte Attribute zu und sortiert sie damit in solche, die sie gut findet, und solche, die ihrer Auffassung nach nun wirklich nicht sein müssten.

Weil es ihnen und vielen anderen zweitens nur um „Zockerprofite“ geht

Derart unsachlich geht die Urteilsbildung auch bei anderen Geschäftspraktiken vonstatten, die sich nach dem Geschmack der Autorin gleichfalls viel zu wenig um die menschenfreundlichen produktiven Leistungen verdient machen, für die sie eingerichtet sind. Der Kredit zum Beispiel, mit dem Unternehmen wirtschaften, erfreut sich einer Unterscheidung ganz nach Maßgabe der Wertschätzung, die von ihrer Seite dem Verwender oder Verwendungszweck zuteil wird:

„Statt Maschinenbauer oder Waschmaschinenproduzenten kreditieren die Ackermänner ... lieber andere Banken“ (39), „zum Kerngeschäft gehören Finanzwetten statt Firmenkredite.“ (36)
Sie selbst weiß ganz gut, dass die Banker bei dem von ihr so geschmähten „Investmentbanking“ gar nicht anders rechnen als beim Investment für Hausgeräte: „Die Entscheidung der Großbanken, ihr Geld nicht länger in Fabriken und Kanalbauten zu versenken (...), war wohlkalkuliert (…): Spekulative Finanzwetten sind nicht nur lukrativer, sondern – für die Bank! – auch weniger ‚gefährlich‘ als Firmenkredite.“ (42) Ob groß oder klein: Für jede Bank ist jedes Investment eine Angelegenheit, die sie nach Rendite und Risiko kalkuliert. Aber das spielt bei einer Urteilsbildung ersichtlich keine Rolle, der es um die Verurteilung für unzweckmäßig befundener Geschäfte von Banken geht. Auch auf Seiten ihrer Geschäftspartner aus der Realwirtschaft denkt unsere Kritikerin den ihr bekannten Umstand entschlossen weg, dass die nur dann eine Waschmaschine herstellen, wenn sie mit ihr einen Gewinn erzielen, dessen Höhe den Vergleich zu alternativen Renditen besteht. Dass es ohne anständige Profitrate in dieser Welt keinen einzigen Besen gibt, ist für die wirtschaftspolitische Fachkraft der Linken kein weiteres Aufheben wert. Aber dass Profit glatt auch mit spekulativen Wertpapieren und nicht nur mit Besen und solchem Zeug gemacht wird: Das findet sie nicht in Ordnung. Sie selbst erzählt einem, dass und wie in beiden Sektoren der kapitalistischen Bewirtschaftung des gesellschaftlichen Lebensprozesses dasselbe Prinzip regiert, und will im selben Zug von der gemeinsamen Rechnungsweise von produktiven und Geldkapitalisten nichts wissen. Deren Geschäfte in gute, nämlich mit der Erzeugung von Gebrauchsgegenständen verbundene, und schlechte, die sich einfach nur auf Geldvermehrung kaprizieren, auseinander zu sortieren: Das ist die Leitlinie, die sie bei ihrem Durchgang durch die Phänomenologie des Kapitalismus im Kopf hat und nicht verlässt. Mit der hat sie einen klaren Kompass auch bei ihrer Beurteilung der höheren Formen des Geldvermehrens, die in der Welt der „Realwirtschaft“ gang und gäbe sind. Die Börse zum Beispiel ist für sie eigentlich eine feine Einrichtung, um beim Publikum Geld einzusammeln, damit „zur Finanzierung der Investitionen (in produktiven Unternehmen) beizutragen“ und auf diesem Weg schöne Dinge herzustellen. Aber was muss sie feststellen: „Statt die verfügbaren Ressourcen für Forschung, Neuerungen und Investitionen zu verwenden, wird die Unternehmensführung am kurzfristigen Shareholder-Value ausgerichtet und die Unternehmenssubstanz durch hohe Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe ausgezehrt.“ (109) „Um den Anleger steuersparend mit Cash und Kursgewinnen zu verwöhnen, ... werden per Saldo von den Unternehmen immer mehr Aktien zurückgekauft als neue ausgegeben, eine völlige Pervertierung der Funktion, die die Aktienmärkte eigentlich erfüllen sollten.“ (95 f.)

Wenn der Anleger, weil sich das Investment für ihn zu lohnen verspricht, sein Geld im Unternehmen abliefert und sonst nicht weiter in Erscheinung tritt, gelten ihm zufließende Dividenden und Kursgewinne als gerechte Entlohnung für seinen monetären Beitrag zur Produktion. Kommt allerdings die AG zu dem Schluss, dass sie ihre Fähigkeit, auch in Zukunft Geld einzusammeln, durch eine Kurspflege der Aktie fördert, die ein Investment in sie für Anleger noch lohnender macht, fängt sich die Betätigung der haargenau gleichen Geschäftsinteressen aller Beteiligten aus der linken Ecke statt funktional das Prädikat pervers ein. Auch dieses Übel nimmt überhand, denn:

„Im Grunde lauert die Fratze der Shareholder-Value-Doktrin überall, wo Unternehmen als bloße Anlageobjekte für privates Kapital betrachtet werden... In all diesen Fällen ist der erwartete Profit und nicht der wirtschaftliche Nutzen eines Geschäftsprojekts die entscheidende Größe und Investitionen finden nur statt, wenn sie die angepeilte Zielrendite in Aussicht stellen. In all diesen Fällen ist somit nicht damit zu rechnen, dass mit den wirtschaftlichen Ressourcen sinn- und verantwortungsvoll umgegangen wird.“ (109)

Und was ist, wenn im Kapitalismus Unternehmen nur deswegen als bloße Anlageobjekte betrachtet werden, weil es in dem System gar keine anderen Unternehmen gibt als solche, die eine produktive Anlage privater Eigentümer sind und als solche funktionieren? Wenn der „wirtschaftliche Nutzen eines Geschäftsprojekts“ in gar nichts anderem als dem angestrebten „Profit“ besteht? Wenn dieser Gebrauch wirtschaftlicher Ressourcen, bei dem die Produktion des materiellen Reichtums, von dem die Gesellschaft lebt, das bloße Vehikel zur Vermehrung des abstrakten in Geldgestalt ist, überhaupt nicht nur in diesen Fällen, sondern generell das Prinzip ist, dem alles Produzieren unterliegt? Was macht die linke Theoretikerin damit? Sie bleibt sich treu und stellt sich konsequent ignorant gegenüber allen Tatsachen, von denen sie Notiz nimmt: Echter Wert und damit etwas auch von Sozialisten anzuerkennendes, wirtschaftlich Sinnvolles kommt zustande, wo das Mittel dieses Zwecks, ein feiner Gebrauchswert – der, wie man erfahren hat, das Leben erleichtert – mit im Spiel ist! Die Gier nach Dividende, Zins und Unternehmergewinn ist ein nicht weiter zu beanstandendes Motiv zur Produktion von Waschmaschinen und sonstigen Gerätschaften – wo die nicht in Sicht sind, ist sie ein Renditewahn und als dieser zu verwerfen! Den Profit liest sie als Anreiz- und Belohnungssystem für das Schaffen von Gebrauchswerten und nicht als den Zweck des Kapitals, und wo immer sie bemerkt, dass ihre aparte Lesart nicht zutrifft – wofür die wirkliche Welt ja reichlich Stoff liefert –, wirft sie das den Kapitalisten als Zockerprofit und Perversion ihres eigentlichen Auftrags vor. Es wird schon so sein, dass bestimmte Hedge- und Private-Equity-Fonds mit dem Aufkauf von Firmen eine andere Geschäftsstrategie verfolgen als ein Unternehmer, der mit der Produktion – sagen wir: – eines neuen Panzertyps Geld verdienen will und dafür „Arbeitsplätze schafft.“ Aber wenn beides zu den Dauereinrichtungen einer modernen Marktwirtschaft gehört: Hätte die Aufklärung über dieses System dann nicht über den – womöglich systemnotwendigen! – Unterschied und Zusammenhang der beiden Varianten ein und derselben Rechnung aufzuklären? Frau Wagenknecht schlägt sich stattdessen da, wo ihr Interessengegensätze zwischen Geschäftemachern auffallen, auf die Seite derer, die Sachen machen lassen und dafür Arbeitskräfte benutzen, gegen diejenigen, die direkt den Zweck aller Unternehmerei – aus Geld mehr Geld machen – bewirtschaften und dafür auch schon mal realen Reichtum zerstören. Für diese Parteinahme im ewigen Konkurrenzkampf der Kapitalfraktionen zitiert sie sogar Marx: Im heutigen Kapitalismus gilt uneingeschränkt, was Marx die ‚Herrschaft des Tauschwerts über den Gebrauchswert‘ nennt (144) – nur um dessen Kritik am Prinzip des Kapitalismus in eine an einer angeblichen Entgleisung desselben und in ein Plädoyer für die Dienstbarkeit des Tauschwerts am Gebrauchswert zu verdrehen, wie sie dereinst von der alten liberalen Tradition versprochen wurde: Die Möglichkeit zum Eigentumserwerb sollte den Erfindungsgeist und die Leistungsbereitschaft motivieren und so die Wirtschaft insgesamt voranbringen (ebd.) – glauben Linke heute allen Ernstes an solche abgestandenen apologetischen Spruchweisheiten? Wenn die Autorin gegen die Herrschaft des Kapitalzwecks über die gesellschaftliche Reproduktion polemisiert – maximale Rendite auf das eingesetzte Kapital – egal wie (100) –, ist das kein Urteil über das Kapital, sondern eines über die durchgeknallten Abweichungen von seiner produktiven Pflichterfüllung. Geld, Kredit, Kapital und alle Einrichtungen, die es zum Zweck der Vermehrung des abstrakten Reichtums gibt, erfahren ihre pauschale Rechtfertigung durch die Idee, dass sie im Prinzip nichts anderes sind als dienstbare Mittel für eine Wertproduktion in der Form, in der sich Reichtum anfassen und aufessen lässt; findet der volksfreundliche Idealismus das in der kapitalistischen Welt nicht vor, ist ebendies seine ganze Kritik an ihr. Entsprechend machen die Verantwortlichen und ihr Treiben auch sprachlich eine Metamorphose durch, wenn Wagenknecht von der guten Art erzählt, das Kapital anzuwenden. Dann werden aus Ackermännern und Finanzhaien gemeinschaftsdienliche Kreditversorger, aus Kapitalisten werden Unternehmensführer und aus Dumping-Löhnen wird, immerhin, ein Stück Kaufkraft: Die entgilt den redlichen Produzenten ihre Mühen und fließt ihnen als Gewinn zu, sie ist umgekehrt das gerechte Entgelt für die Produzenten des Reichtums, an dem sie dann als Konsumenten teilhaben dürfen. Das böse Wort von Ausbeutung kommt auch nicht mehr vor, weil es in den Betrieben ja um Forschung, Innovation und Qualität geht und nicht zuletzt um die Befriedigung von Kundenwünschen...

Weil drittens statt dessen die Produktivität des Kreditgewerbes „völlig unverhältnismäßig“ geworden ist

Ihren Ausgangspunkt hat die aktuelle schlechte Verfassung des Kapitalismus in geschäftlichen Umtrieben des Finanzgewerbes, denen sich die Expertin ausgiebig widmet. Was die in Rede stehenden Finessen der modernen Geldschöpfung (67) betrifft, ist sie äußerst fachkundig: Wie es in dem Gewerbe zugeht, in dessen Händen Geld – Liquidität heißt das bei ihr – seine eigene Vermehrung repräsentiert, also mit einer bestimmten Menge Liquidität eine unendliche Menge an Kredit und damit an Schulden geschaffen werden, … also auch eine unendliche Menge an Geldvermögen (68), lässt sich ihrem Bericht durchaus entnehmen. Aus Geld wird mehr Geld – Geldkapital also - einfach dadurch, dass eine Bank einem Kunden Kredit gewährt. (67) Das Geld, mit dem die Banken wirtschaften, besteht, hört man von ihr, aus Spareinlagen ihrer Kunden, aus Krediten am Interbankenmarkt, aus Geld, das sie sich bei der Zentralbank leihen … und zur Kreditvergabe verwenden (ebd.), oder aus den staatlichen Schulden, deren Zustrom schon deswegen nie versiegt, weil ein erheblicher Teil allein dafür vorgesehen ist, Zinszahlungen zu finanzieren (78). Es sind Schulden, die in dieser Welt der Geldvermehrung als Kapital fungieren, und der Frau vom Fach entgeht auch nicht, dass nicht nur Staaten mit ihnen derart zu wirtschaften pflegen: Dieselbe Art der Re-Finanzierung, die Ablösung alter Verpflichtungen aus dem Kreditgeschäft durch das Eingehen neuer, betreiben die Aktivisten des Finanzgewerbes auf ihre eigene Weise. Um solvent zu sein und zu bleiben, brauchen die Banken Liquidität; sind sie liquide, verfügen sie über Solvenz, und zum Bemeistern dieses schönen Zirkels eröffnen sie sich ihr nächstes Geschäftsfeld. Der Risiken, die sie mit ihrer Art von Geldschöpfung begründen, und damit auch der Schranken ihres Kreditgeschäfts pflegen sie sich darüber zu entledigen, dass sie aus ihnen einen eigenen Stoff finanzkapitalistischer Bereicherung verfertigen und mit ihm untereinander Handel treiben:

„Investmentbanking-Abteilungen“ versorgen die Geldhäuser „mit immer neuen ‚Innovationen‘, die ihnen dabei helfen, mit geringstem Liquiditätsbedarf größte Volumina an allen möglichen Papieren zu kaufen, umzustricken und weiterzuverkaufen... Die Banken können sich gegenseitig zu mehr oder minder ‚innovativem‘ Eigenkapital verhelfen, mit diesem Eigenkapital neues Kreditgeld schaffen, mit dem Kreditgeld, wenn nötig, wieder Eigenkapital und so noch mehr Kredit.“ (74)

Die Autorin berichtet, wie die Profis des Gewerbes sich sich auch noch mit Versicherungen gegen die Ausfallrisiken ihrer Geschäfte Handelsartikel und damit eine weitere Sphäre ihrer Geschäftstätigkeit verschaffen, die einzig und allein dadurch, dass sie funktioniert, die Solvenz derer begründet, die in dieser eigenen Welt des Reichtums tätig sind:

„Solange das funktionierte, wurde kein einziger dieser abstrusen Kredite faul. Es gibt auch kaum einen Staat, der zahlungsfähig bliebe, wenn ihm die Refinanzierung alter Kredite … durch neue Kredite versagt bliebe. Das Gleiche gilt für nahezu alle Finanzinstitute und die meisten großen Unternehmen. Der heutige globale Finanzmarkt ist ein großes Schneeballsystem.“ (80)

Sie lässt im übrigen auch keinen Zweifel daran, dass es Reichtum ist, der in dieser Welt vermehrt wird: Bei dem unendlich vielen Kreditgeld, das in diesem kapitalistischen Sektor zirkuliert, handelt es sich schon um dieselbe Materie, mit der im Rest der Marktwirtschaft gewirtschaftet wird: Hier werden (..) nicht nur virtuelle Summen hin- und hergebucht, sondern es entstehen Einkommen. (76) Auch das Prinzip der Geschäftstätigkeit ist hier wie dort dasselbe: Um die Vermehrung von Geld dreht sich alles Wirtschaftsleben im Kapitalismus, in der Welt des Finanzkapitals nur eben anders als in der des gewöhnlichen Erwerbslebens – das Geld, das aus dem virtuellen Off der Festplatten hervorquillt, braucht keine reale Wirtschaftsaktivität, um zu wachsen. Ihm liegen kein realer Kauf und Verkauf irgendeines nützlichen Gutes zugrunde, sondern der Mouseclick eines Bankangestellten. (80) Doch schon mit dieser windschiefen Entgegensetzung von „realer Wirtschaftsaktivität“ und „Mouseclick“ – ebenso wie mit der Denunziation des Finanzgewerbes als „Schneeballsystem“ – kündigt sich an, dass es der Autorin nicht um die Erklärung der absurden Leistungen dieser Branche geht, sondern um die Demonstration ihrer Nichtsnutzigkeit – im Vergleich zu redlicher Güterproduktion – und den „Schluss“ vom fehlenden Nutzen auf die Nichtigkeit der Geldsummen (die schließlich, um das mal zur Sache anzumerken, nur deswegen ganz real aus den Bankcomputern hervorquellen, weil deren virtuelles Off aus lauter Verträgen über Zahlungspflichten besteht, denen staatliche Gewalt weltweit Gültigkeit verschafft). Deswegen kommt die Aufklärung sehr rasch an ein enttäuschendes Ende: Kaum hat die Autorin einem auf ihre Weise nahegebracht, zu welchen produktiven Leistungen der Geldvermehrung es die kapitalistische Marktwirtschaft offenbar auch bringt; kaum ist sie mit der Story fertig, wie vom Leihgeschäft der Banken ausgehend sich eine von ihren materiellen Grundlagen und gegen sie verselbständigte Quelle der Bereicherung auftürmt, reicht sie demonstrativ die komplette Verweigerung nach, sich selbst und ihren Lesern zu erklären, was man da vor sich hat. Sie konfrontiert diese autonome Welt der Geldvermehrung mit dem, was sie im VWL-Studium über die nützlichen Funktionen von Geld und Kredit gelernt hat, und hält alles, was sie aufgeschrieben hat, für volkswirtschaftlich ... natürlich nicht wünschenswert, deswegen auch gleich für ein volkswirtschaftlich komplett sinnloses Spiel (76). Und für ein Spiel hält sie diesen seit drei Jahrzehnten völlig unverhältnismäßig wuchernden Finanzsektor (34), weil dieser Sektor nicht in dem Verhältnis vor sich hin wuchert, in dem sie seinen ganzen Sinn und Zweck sieht: Der ist so hochproblematisch, weil er trotz (oder gerade wegen!) seiner mittlerweile gigantischen Größe seine eigentliche und wichtigste Aufgabe nicht mehr erfüllt: die Ersparnisse der Menschen in halbwegs sinnvolle produktive Verwendungen zu lenken (ebd.).

Wie schon beim Durchgang durch die materielle Welt der Geldvermehrung, bewährt sich auch bei der Betrachtung ihres kreditwirtschaftlichen Überbaus in dieser funktionalistischen Denkstrategie die Technik der selektiven Wahrnehmung, und die gehorcht einer Logik und ist kein physiologischer Defekt. Wer einen Gegenstand mit seiner Funktion identifiziert, drückt eben auch nur seine Zufriedenheit damit aus, dass es ihn gibt und er die nützlichen Dienste verrichtet, die man an ihm schätzt: Ein ganzer Finanzsektor mit allem, was in ihm getrieben wird, ist so mit der Danksagung an seine Adresse auf den Begriff gebracht, eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, nämlich Geld, das irgendwer übrig hat, dorthin zu tun, wo es sinnvolle, weil produktive Verwendung findet. Was in diesem Sektor da eigentlich so schön funktioniert, nach welcher Logik und warum es dies überhaupt tut: Fragen dieser Art haben sich in der Gleichsetzung dieses Wirtschaftens mit Geld mit einem für gemeinnützlich befundenen Zweck, für dessen erfolgreiche Bedienung es einzig da ist, komplett erledigt. Funktioniert er dann nicht so, wie er soll, legt man sich das Eigenleben, das dieser Sektor unverkennbar führt, konsequent als eine einzige Zweckverfehlung zurecht, als Unterlassung der Dienstleistungen, für die er in der eigenen funktionalistischen Vorstellungswelt ja bloß existiert, und diesem zweiten Fehler folgt der dritte gleich hinterher: Was die VWL-Expertin für nicht wünschenswert bzw. sinnlos befindet, hält sie deswegen auch gleich für nicht wirklich. Kaum hat sie einem erzählt, dass es geldwerte Einkommen sind, die in dieser Finanzwelt geschaffen werden, bestreitet sie der Geldvermehrung, die dort stattfindet, Vermehrung von Geld zu sein: Einkommen, die in der Statistik als Wertschöpfung gelten, obwohl ihnen kein einziger Euro geschaffener Wert zugrundeliegt (76), sind wegen dieses ‚obwohl‘, das in der Vorstellungswelt des volkswirtschaftlich Funktionellen und daher Sinnvollen nicht vorkommt, keine wirklichen, sondern virtuelle Einkommen, fiktive Wertschöpfungen und reine Luftbuchungen (82) oder eben Schaum statt Wert, wie die Autorin ihr Kapitel überschreibt. Das kommt davon – um nochmal eine Bemerkung zur Sache anzufügen – dass die Autorin trotz ihrer Marx-Lektüre Geld nicht als gesetzlich geschützte vergegenständlichte Kommandomacht über Güter und Dienstleistungen aller Art kennt, sondern für so etwas wie die abstrakte Fassung des Nutzens dieser Dinge hält. Deswegen hält sie auch die Mehrung des abstrakten Reichtums in Geldform für so etwas wie die – im Kapitalismus nun einmal gegebene – Nebenbedingung der Hauptsache, nämlich Geld in Investitionen, Innovationen und schlussendlich produktives Wachstum zu verwandeln; und folglich erkennt sie im Geld, das sich durch die verschiedensten Formen des Verleihens vermehrt, nicht das rechtsförmige Gewaltverhältnis, das seine Macht über Arbeit und Reichtum der Gesellschaft finanzgewerblich professionell potenziert – und damit den Sinn und Zweck des Geldkapitals in seiner schlagkräftigsten Form –, sondern hält das alles für die Offenbarung einer einzigen Zweckverfehlung. Eine gigantische Separatwelt des abstrakten Reichtums führt ihre Vorstellung praktisch ad absurdum, das Wachstum der Gebrauchswerte wäre es, worum es im Kapitalismus ginge – und sie greift sich demonstrativ an den Kopf und hält für Schaum, für bloß fingierte Geldvermehrung, was da vonstatten geht.

Weil viertens mit dem Kapitalismus zwar etwas ganz anderes versprochen war ...

Zielstrebig landet die eingangs vehement vorgetragene Beschwerde über die Übel des heutigen Kapitalismus bei einem Plädoyer für sämtliche Fundamente dieser Ordnung, nur eben richtig angewandt: statt Größe Qualität, statt kurzfristig langfristig, statt spielen investieren, statt wetten kreditieren, statt raffen schaffen. Als hoffnungslose Idealistin will eine ambitionierte Wirtschaftspolitikerin mit all dem freilich nicht belächelt werden. Sie legt daher gleich zu Beginn ihrer Ausführungen Wert auf die Darlegung, dass die von ihr im weiteren Fortgang vorstellungshalber unterbreitete heile Welt der kapitalistischen Volksversorgung kein weltfremdes Ideal ist. Als Kronzeugen ihres Realismus lässt sie eine Parade marktwirtschaftlicher Ideologen aus drei Jahrhunderten aufmarschieren – von Adam Smith über Joseph A. Schumpeter bis zu Joe Stiglitz und allen voran den Wirtschaftsminister und Nachkriegs-Kanzler Ludwig Erhard. Die Nationalökonomen bestätigen ihre Sicht, denn es ist deren eigene: Wie die moderne Sozialistin verstehen und rechtfertigen auch sie alle Formen und Instrumente des abstrakten kapitalistischen Reichtums als Mittel des konkreten, die Unterwerfung der materiellen Reproduktion unter die Geldvermehrung als raffiniertesten Königsweg der Volksversorgung, die Ausbeutung der Arbeitskräfte als Effizienz der Gebrauchswertproduktion, die Konkurrenz der Eigentümer als optimale Form von Allokation usf. Nur dass sie nicht meinen, all die guten Funktionen der Geldgier gegen die schlechte Realität erst noch einklagen zu müssen. Sie sehen das höhere ökonomische Gesamtwohl durch die Bereicherung der Reichen auf bestem Wege, wenn nicht schon verwirklicht. Und Wagenknecht lässt diese Sicht auch gelten, aber nur für eine – leider, leider – vergangene Epoche: Für sie schien die Bundesrepublik bis zu Beginn der achtziger Jahre auf dem besten Wege, Ludwig Erhards Versprechen einer Wirtschaftsordnung, ‚die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag‘, tatsächlich einzulösen. (27)

1947 versprochen und ein ganzes Arbeitsleben später – zwar nicht eingelöst, aber noch immer auf dem Weg: Das macht einer standhaften Sozialistin die Sache mit unserem Wohlstand keineswegs verdächtig. Je weniger von ihm zu sehen ist, desto gnadenloser besteht sie darauf, dass er doch versprochen war, und wenn sie ihren weltfremden Idealismus gleich am Anfang ihres Werkes beerdigt – im realen Wirtschaftsleben sind alle positiven Ideen der Marktwirtschaft tot (8) –, dann nur, um ihm am Ende wieder Leben einzuhauchen: Ludwig Erhard und der Kapitalismus selbst rufen danach, die schönen Ideale vom Markt zum vorerst letzten Mal zum Leben zu erwecken – jetzt aber endgültig echt wirklich: Erhard reloaded. Wohlstand für alle, nicht irgendwann, sondern jetzt! (347). Den Nachweis, warum der heutige Kapitalismus, die Missbrauchsversion der Marktwirtschaft, und seine Parteigänger in ihren Regierungsämtern an der aktuellen Krisenbewältigung versagen müssen, und wie umgekehrt der einzige Ausweg aus dem Verhängnis geht, führt Wagenknecht mit einer Theorie der Ökonomie, die nichts Geringeres beansprucht als zu erklären, wie Marktwirtschaft tatsächlich funktioniert (12). Heutzutage bemüht der Sozialismus die Theorie zur Rettung der sozialen Ideale des Kapitalismus, und so sieht sie dann auch aus.

... aber fünftens seit Ludwig Erhard gegen alle Regeln des marktwirtschaftlichen Gleichgewichts verstoßen wird

Um die tieferen Gründe der nachlassenden Investitions- und Innovationsdynamik im Kapitalismus (127) zu erfassen, entwirft die Wirtschaftsfachfrau ein Bild davon, wie man sich das Funktionieren einer Volkswirtschaft jenseits aller besonderen Wirtschaftssysteme vorstellen könnte. Das hat zwar den Nachteil, dass man dann von vorneherein gleich gar nicht mehr über den Kapitalismus nachdenkt, den es gibt. Dem steht aber der wissenschaftliche Vorteil gegenüber, ihn als Funktion denken und auf seine Tauglichkeit hin überprüfen zu können, wie gut ihm die Lösung der Aufgabe gelingt, eine Volkswirtschaft in ein Gleichgewicht zu bringen. Diese Aufgabe kennt der Kapitalismus nicht, dafür hat sie die Volkswirtschaftslehre ausschließlich zum Thema, also verhilft zum angepeilten Erkenntnisfortschritt nur ein kleiner volkswirtschaftlicher Exkurs (ebd.):

„Das versteht man, wenn man sich die Volkswirtschaft wie einen großen Kuchen vorstellt. Dieser Kuchen ..., der das Volkseinkommen ausmacht, hat drei große Teile, die wir der Einfachheit halber das Lohnstück, das Staatsstück und das Profitstück nennen wollen. Da die Einkommen wertlos wären, wenn ihnen nicht entsprechende Güter und Leistungen gegenüberstünden, kann man sich die drei Kuchenstücke auch als Bündel solcher Güter und Leistungen vorstellen. In dem Lohnstück befindet sich also alles, wofür der Normalbürger im Jahresverlauf sein Geld ausgibt... In dem zweiten Stück, dem Staatsstück, befindet sich alles, wofür der Staat seine Einnahmen verwendet... Im dritten großen Stück, dem Profitstück, befindet sich alles, was mit ausgeschütteten oder nichtausgeschütteten Gewinnen gekauft wird. Zum einen all jene Luxusgüter, mit denen sich die Oberschicht ihr Leben versüßt, zum anderen die Investitionsgüter.“ (128 f.)

Eigentümlicherweise tauchen in dieser allgemeinen Volkswirtschaft lauter Dinge auf, die nur in einer Marktwirtschaft zu Hause sind: Einkommen, Geld, Lohn und Profit. Immerhin wird so das durch die Interpretation der Wirtschaft als Kuchen schon heftig strapazierte Abstraktionsvermögen nicht gänzlich überfordert. Vor allem aber kann man es sich damit ersparen, diesen ökonomischen Kategorien irgendwie auf den Grund zu gehen: Man kann es getrost als gegeben ansehen und als Selbstverständlichkeit akzeptieren, dass die Hauptsache in jeder Wirtschaft darin besteht, mit Geld zu wirtschaften. Dieses Geld scheint vom Himmel zu fallen und sich nach den Gesetzen der Schwerkraft auf drei Haufen zu verteilen, damit man es zusammenzählen kann, doch hat die Natur dabei offenbar einen Plan gehabt. Die Einkommen in den Abteilungen Lohn, Profit und Staat wären, so hört man, für sich ja ganz wertlos, stünden ihnen nicht Güter und Leistungen gegenüber – und genau das tun sie, und zwar justament so, dass den jeweiligen Geldbesitzern exakt auf den Leib geschneidert gegenübersteht, was sie kaufen, und das ist dann schon äußerst sinnvoll eingerichtet. Jeder bekommt das Seine und für alle ist von Allem alles da, aus den Händen der drei unterschiedlichen Sorten von Geldbesitzern fließt immer genau so viel Geld zu den Waren, wie es Waren gibt, die für ihre speziellen Käufer reserviert sind und zu ihnen fließen, der Kapitalismus ist ein einziger wunderschöner Kreislauf: Das Lohn-, Staats-, Profitstück in Geld kauft das ihm entsprechende Lohn-, Staats-, Profitstück in Kuchenform weg, die Kuchenstücke umgekehrt sammeln die ihnen entsprechenden Geldstücke ein, weil alle Stücke in Geld- und Kuchenform ja nur dazu da und dazu bestimmt sind, mit ihren jeweiligen Entsprechungsstücken den Platz zu tauschen...

Da zeigt die Doktorandin der VWL, was in ihrer Wissenschaft im Allgemeinen und in ihr im Besonderen steckt. In ihrer Disziplin ist es üblich, die Gegenstände der Ökonomie – Ware, Geld, Lohn, Profit – nicht als das zu erläutern, was sie sind, sondern sie als Gegebenheiten zu würdigen, die zum systematischen Gelingen eines großen Gesamtsystems beitragen, als dessen sich ergänzende und wechselseitig füreinander dienstbare Elemente sie umgekehrt definiert sind. So bilden sie das vom Erfinder selbst so bezeichnete Modell, mit dessen Hilfe man sich vorstellen können soll, wie die Wirtschaft als ein System im Gleichgewicht funktioniert. Und so ein Modell lässt sich offenbar auch ganz ohne die in diesem Fach sonst üblichen mathematischen Kompliziertheiten und graphischen Hilfskonstruktionen ausdenken. Ein bescheuertes Bild aus der Vorstellungswelt von Kindern leistet dazu denselben guten Dienst, und so wird man konsequent weiter in die Theorie eines vorstellbaren Optimums auf einem Backblech eingeführt, die einem über die Geheimnisse des Kapitalismus Aufschluss gibt:

„Ob und wie stark der Kuchen wächst, hängt von zwei Faktoren ab. Erstens von den Investitionen, die darüber entscheiden, wie viel Teig in einem Jahr aufs Backblech kommt und wie viel Kuchen also maximal gegessen werden kann. Zum anderen aber haben sich am Jahresende nur die Teile des Kuchens tatsächlich in Einkommen verwandelt, die auch wirklich von irgendwem gegessen wurden. Bleibt etwas übrig, ist die Summe von Lohnstück, Profitstück und Staatsstück kleiner als der gebackene Kuchen, und im nächsten Jahr wird dann wahrscheinlich auch weniger Teig aufs Blech gepackt.“ (129)

Nur wenn alle brav aufessen, was auf den Tisch kommt, aber auch nicht mehr wollen, als da ist, fließt das Geld dahin, wo es her kam und wieder hin soll; dann geht das Karussell weiter und kann wachsen. Die gute Nachricht: „Bei dem Lohnstück und dem Staatsstück bleibt normalerweise kein Krümel übrig“, die Funktionäre dieser Stücke würden zwar gerne mehr ausgeben, doch eine Normal-Beschränkung bei ihren Einkommen leistet dagegen positiven Vorschub. Die schlechte:

„Anders sieht es beim Profitstück aus. Sind die Investitionen hoch ..., wird das Profitstück allein durch diese weitgehend aufgezehrt. Was aber, wenn die Investitionen niedrig sind? Was dann tun mit den endlosen Milliarden, die den Firmeneignern, den Aktionären und Geldvermögensbesitzern so unbarmherzig aufs Konto gepackt werden?“ (Ebd.)

Sie ihnen einfach wegzunehmen, wäre an sich prima: Frau Wagenknecht gerät regelrecht ins Schwärmen bei der Vorstellung, was der Staat da alles für gute Werke tun könnte, von mehr Bildung bis zu besseren Renten, und das auch noch schuldenfrei. Auch Konsumenten würden sich freuen über mehr Kaufkraft, doch leider ist diese überaus plausible Lösung nicht zu haben, denn:

„Es sind die Bezieher von Profiteinkommen, die in einer privaten Wirtschaft über die Investitionen entscheiden, niemand sonst. Und sie entscheiden nicht unter dem Gesichtspunkt, ob die gegenwärtigen Gewinne zur Finanzierung der Investitionen ausreichen, sondern ob die Investitionen in Zukunft die gewünschte Rendite erwarten lassen. Ganz egal, ob es für diese Rendite dann wieder eine sinnvolle Verwendung gibt.“ (132)

Ihrem eigenen Vernehmen nach findet sich also das Wachstum im Kapitalismus als Resultat einer Kalkulation ein, die Eigentümer in Bezug auf die Aussichten der Rentabilität ihrer Investments anstellen: Die Innovationen und Investitionen, die diese Freundin des Wachstums so schätzt, finden statt, damit sie sich für die Investoren lohnen, also auch nur dann, wenn sie dies absehbarerweise tun. Damit bringt sie zwar ein weiters Mal nur den Sinn und Zweck einer Produktionsweise zur Sprache, bei der das Wachsen des stofflichen Reichtums der Gesellschaft daran hängt, dass sich der abstrakte in privater Hand erfolgreich vermehrt – aber auch in diesem Fall nur wieder zu dem Zweck, ihr Interesse an den volkswirtschaftlich so überaus wünschenswerten Effekten dieses Profitstrebens zum Thema zu machen. Sie zerlegt den Zweck des kapitalistischen Investierens und Produzierens in eine positive Bedingung auf der einen Seite, die fürs Zustandekommen des Reichtums verantwortlich ist, den sie allein als wirklich anerkennt, und die dann vorliegt, wenn das Profitstreben privater Unternehmer das Kapital tatsächlich in die wachstumsträchtigsten Bereiche leitet und so dafür sorgt, dass die kapitalistische Ökonomie dynamisch, produktiv, innovativ (134) ist. Und in eine negative Bedingung auf der anderen, die darüber auf die Welt kommt, dass die Profiteuere einfach keine Lust mehr verspüren, mit Investitionen nach mehr Profit zu streben, weil sie von dem schon zu viel haben und es für unwahrscheinlich erachten, dass der sich weiter so gut vermehren lässt:

„Je größer das in den vorhandenen Maschinen und Anlagen investierte Kapital, desto größer sind die sich sich hinter einer bestimmten Zielrendite verbergenden Profite und desto unwahrscheinlicher wird es, dass es für all diese Profite wiederum eine investive Verwendung gibt.“ (135)

Das ist zwar schlimm – hält der Investitionsmotor nicht mehr mit den Profiten Schritt, ist die Dynamik zu Ende –, aber so schlimm auch wiederum nicht, weil die Marktwirtschaft eigens für diesen Fall einen Ersatzmotor eingebaut hat: Dann gibt es entweder eine tiefe Krise, die so viel Kapital vernichtet, dass der Investitionsbedarf wieder hochschnellt. Oder aber auch dieser Motor tut seinen Dienst nicht mehr – und dann wird es doch schlimm:

„Oder die Marktmacht der Unternehmen ist bereits groß genug, um die Entwertung ihres Kapitals zu verhindern. Dann treibt das fortbestehende Streben nach einem großen Profitstück im Volkswirtschaftskuchen die ökonomische Entwicklung nicht mehr an, sondern zieht sie nach unten. Das Profitprinzip ist aus einem Wachstumstreiber zu einem Killer von Wohlstand, Entwicklung und Produktivität geworden.“ (135)

Auch noch der systemeigenen Verrücktheit, der Form des Reichtums seinen Inhalt zu opfern, periodisch stofflichen Reichtum und zusammen mit dem auch seine menschliche Quelle zu entwerten, damit die Geldvermehrung sich wieder rechnet, gewinnt die sozialistische Volkswirtin einen guten Sinn ab: Nichts schöner als eine Krise, weil es ja nicht zuletzt diese Zerstörung bereits investierten Kapitals durch Innovation ist, die für die Restaurierung jener selbsttragenden Investitionsdynamik (ebd.) sorgt, die es Wagenknecht so angetan hat! Leider aber sind der Marktwirtschaft die offenen Märkte abhanden gekommen, auf denen sich Kapitalisten derart ums ewige Wachstum verdient machen könnten. An deren Stelle regiert eine Platzhirschökonomie, deren Agenten sich hartnäckig der Einsicht verschließen, dass eine vorfristige Entwertung ihrer Investitionen (147) doch nur in ihrem ureigenen Interesse ist, und die dank der Größe ihres Vermögens auch die Macht besitzen, sie zu verhindern (135) – und damit will Wagenknecht den Webfehler des zeitgenössischen Kapitalismus erfasst haben: Solange in der Marktwirtschaft alles im Gleichgewicht ist, entpuppt sich das Profitprinzip, von dem sie regiert wird, als ein wahrer Segen. Von ihren reichlichen Investitionen und Innovationen werden die Eigentümer mit immer mehr Profit beschenkt, mit dem sie sich schöne Sachen kaufen, die ihnen das Leben erleichtern, mit dem sie vor allem aber immer mehr von diesen Innovationen und Investitionen tätigen, weil die ihnen ja immer mehr Profit schenken, und darauf kommt es an – das Profitstück muss … immer weiterwachsen. (132) Darum aber, dass dann Schritt für Schritt auch alle anderen Stücke auf dem Kuchenblech der sozialistischen Volkswirtschaftskonditorei weiterwachsen müssen, soll diese schöne Dynamik weiter ihr gutes Werk tun, kümmern sich die Profiteuere einfach nicht. Statt langfristig die Pflege ihrer Erfolgsbedingungen im Auge zu behalten, geht es ihnen möglichst kurzfristig um ihren Erfolg. Dazu senken sie Löhne und sparen sich Steuern, erzeugen damit eine Wirtschaft mit schrumpfendem Lohnstück und Staatsstück (133), berauben sich darüber selbst aller Aussichten, die von ihnen erwünschte Zielrendite für wahrscheinlich zu halten, und lassen deswegen das Investieren einfach bleiben. Das wäre es, was Wagenknecht als Widerspruch des Systems durchschaut haben will, zumindest seiner ersten Hälfte nach: Die Logik des Profitstrebens, das für das schöne Wachstum der Volkswirtschaft sorgt, verlässt die Pfade der volkswirtschaftswissenschaftlichen Logik, nach der allein eine Wirtschaft auf Dauer wachsen kann – der Kapitalismus kann ohne Wachstum nicht funktionieren, er kann aber nur wachsen, wenn dies ausreichend Profite abwirft, und an dieser Stelle tappt er in seine selbstgestellte Falle. (147)

Die zweite Hälfte dieses Systemfehlers des Kapitalismus, eigenmächtig die Proportionen im Volkswirtschaftskuchen zu verschieben, kam oben schon vor: Der gerechten Rache der Marktwirtschaft für die Verletzung ihrer Gleichgewichtsregeln entziehen sich die Kapitalisten schlicht und verschließen sich der volkswirtschaftlich einzig sinnvollen Lösung, nämlich ihr Eigentum auf das vernünftige Maß zu reduzieren, von dem aus sie sich dann wieder mit frischem Mut und vielen innovativen Investitionen an seine Vermehrung machen und die sich selbsttragende Wachstumsdynamik von neuem ankurbeln könnten. Statt dessen halten sie daran fest, dass Profit einfach nur dazu da ist, mehr zu werden, und nachdem sie sich in den Augen der Expertin die Möglichkeit selbst verbaut haben, dies per Wachstum zu tun, verlegen sie sich darauf, dann eben ohne Wachstum zu wachsen. Die Bedingung dieser Möglichkeit ist, man ahnt es schon, eine Welt, in der das nach ihrer Vorstellung ohnehin regelmäßig der Fall ist, die Welt der Geldmaschinen, in der Geld virtuell vermehrt wird:

„Immer mehr Einkommen aus dem Profitstück fließt in einem solchen Umfeld in den virtuellen Kreislauf der Finanzsphäre. Der Finanzmarkt wird so zur Möglichkeit, ohne Umweg über die lästige Güterwelt und ohne reale Käufe und Verkäufe Profiteinkommen zu beziehen. Hier muss also gar niemand mehr Kuchen essen. Vielmehr wird das Profitstück auch deshalb immer voluminöser, weil der Kuchen an dieser Stelle immer größere Blasen schlägt, in denen sich nichts als heiße Luft befindet. Das hier skizzierte Modell trägt den globalen Kapitalismus jetzt seit fast drei Jahrzehnten.“ (133)

In diesem Resümee zahlt sich theoretisch aus, dass die wesentliche Bestimmung des Finanzsektors, die die Autorin geliefert hat, in einer Negation besteht: „ohne Umweg...“, „ohne reale Käufe und Verkäufe...“ Ihre Unwirklichkeit ist von vorneherein der Begriff der Leistungen, die diese Branche mit ihrer auf sich selbst bezogenen Geschäftstätigkeit erbringt – zu dieser Erkenntnis kommt nichts mehr hinzu und braucht auch nichts mehr hinzuzukommen, um dem Finanzkapitalismus der Gegenwart das denkbar schlechteste Zeugnis auszustellen. Als vorläufigen Ertrag der Erläuterungen können wir also festhalten: Passen in der Welt des Kredits Angebot und Nachfrage nicht so zusammen, wie es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, ist zu viel Kredit da und dann schafft das Geld Geldeinkommen in Form einer großen Geldblase. Passen in der Welt der Realwirtschaft die Profite nicht so zu den Investitionen, wie sie passen sollen, ist zu viel Profit da und schafft Profiteinkommen, mit denen die Geldblase noch größer aufgeblasen wird. Während sich bislang der halbwegs gebildete Zeitungsleser die Dezimierung von Geldvermögen in der einen und die Krise in der anderen Welt allenfalls damit erklären konnte, dass diese Blase irgendwann einmal einfach hat platzen müssen – wie man schließlich ja gesehen hat –, weiß er dank Frau cand. Dr. oec. publ. Wagenknecht nun endlich, was in der überhaupt drin war: Nichts als heiße Luft!

Der „kreative Sozialismus“: Wiederbelebung des „Modells der sozialen Marktwirtschaft“

Bei so gut wie jeder Fehlentwicklung, die die Autorin bei ihrem Durchgang durch die Welt des Kapitals diagnostiziert, bleibt sie die Antwort auf die Frage, wie es zu der jeweils hat kommen können, selbstverständlich nicht schuldig. In allen Fällen, die sie zur Sprache bringt, zeichnen Fehler des über den Kapitalismus politisch Regie führenden Aufsichtsorgans dafür verantwortlich, dass es um den so schlecht bestellt ist, und alle diese Fehler fassen sich in ein und demselben zusammen: Die Regierenden sind vom Pfad der volkswirtschaftlichen Vernunft abgewichen und haben zugelassen, dass ihre Wirtschaft dermaßen aus dem ihr einbeschriebenen Gleichgewichtstakt gerät. Bei Banken und anderen Finanzinstituten haben sie mit ihren Deregulierungen einen Verbriefungswahn freigesetzt, ein unreguliertes System von Schattenbanken (45) auf der einen, ein Oligopol von Großbanken (56) auf der anderen Seite geschaffen und mit dem dafür gesorgt, dass Macht statt Markt (55) herrscht. Das neo-liberale Programm (147), das dieselben Regierungen für den Rest der Wirtschaft vorsahen, hat in der zu ähnlichen Verwerfungen bei den Sitten des Wettbewerbs geführt, wie sie in den marktwirtschaftlichen Lehrfibeln stehen. Gleich nach dem Niederreißen aller Schranken für freien Kapitalverkehr und globale Investitionstätigkeit (87) griffen Marktmacht statt Leistung (89), Unternehmen als Cash-Kühe (96), Renditehungrige Familienclans (106) und überhaupt volkswirtschaftlich desaströse Unternehmensführung (107) um sich und haben den Kapitalismus dermaßen pervertiert, dass auch der in der Marktwirtschaft gegen seine Krise eingebaute Korrekturmechanismus nicht mehr funktioniert. Nicht nur, dass Kapitalisten die Gesetze der Marktwirtschaft missachten und sich gegen die Entwertung ihres Vermögens sträuben, die längst fällig ist: Sie halten sich an gar keine Gesetze mehr und kaufen sich die Politik, die ihnen nützt (168) – und das alles haben die rot-grünen und schwarz-gelben Propheten der Liberalisierung fahrlässig geschehen lassen.

Mit nichts von dem, was die derart gescholtenen Politiker mit ihren Gesetzgebungsakten bezweckt haben, befasst die Frau sich. Die absichtsvolle Ignoranz, die sie bei ihrem Durchgang durch den Kapitalismus an den Tag gelegt hat, setzt sie bei der Beurteilung der Werke des politischen Standorthüters fort. Sie will einfach nichts wissen davon, warum und wie der sich um seine Finanzmacht kümmert, weshalb er deswegen so sehr an einem regen Geschäftsleben des Finanzkapitals auf der einen, an Marktmacht und Größe des produktiven Kapitals auf der anderen Seite und da natürlich insbesondere an konkurrenzlos billigen Lohnstückkosten interessiert ist. Mit all dem ist sie mit ihrer Deutung einer Politik, die einzig dem Auftrag verpflichtet ist, die Marktwirtschaft bei ihrer optimalen Gleichgewichtsfindung zu betreuen, von vorneherein fertig, weil mit der wissenschaftlich fundierten Lagedefinition ‚Ungleichgewicht!‘ für sie die politische Inkompetenz feststeht, die in der Republik regiert: Die hat es zu dem ja kommen lassen! Dafür kann sie die aktuelle politische Lage im kapitalistischen Gemeinwesen schon wieder mit einem derart dummen Bild auf den Begriff bringen, dass sie allein dafür von Aladin mit dem Besen verprügelt gehört:

„Es waren die Zauberlehrlinge der neoliberalen Politik, die die multinationalen Monster, mit denen wir es heute zu tun haben, aus der Flasche gelassen haben. Und sie wussten, was sie tun. Zumindest hätten sie es wissen können.“ (171) „In der Folge stehen die Staaten heute unter der Aufsicht der Märkte.“ (175)

Aber man versteht auch so gut, wofür es steht. Die Staatsmacht, der Hebel aller Hebel zur Reparatur, ist noch da. Sie muss nur von endlich kompetenten Könnern und Kennern der Materie übernommen werden. Die muss man machen lassen, damit sie die Wirtschaft wieder unter Aufsicht nehmen und die politische Regelungskompetenz zurückerobern. Solche Leute gibt es, die Partei Die Linke hat sie sogar im Vorstand sitzen. Wähler brauchen nichts weiter zu tun, als der das Kommando über sich zu erteilen. Dann wird der Kapitalismus wieder repariert, alles, was in ihm entgleist ist, wieder ins Lot gebracht, und sie haben keinen Grund mehr, über irgendetwas Beschwerde zu führen.

Der erste Schritt: Den Staat befreien – durch Kapitalvernichtung mit gerechtem Antlitz

Als erstes muss selbstverständlich die Staatsschuldenkrise gelöst werden, und zwar keinesfalls so, wie die Verantwortlichen dies aktuell versuchen, nämlich durch rabiate Streichkonzerte und Totsparen der Fähigkeit zu demokratischer Politikgestaltung. (181) Wie wäre es, wenn die Eurozone zum Zweck, sich der Aufsicht der Märkte zu entledigen, einfach ein einziges großes Streichkonzert gibt und, nur zum Beispiel, die Größenordnung ist nicht so wichtig, 50 oder 75 oder auch 100 Prozent ihrer Altschulden streicht? Das wäre vor allem unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit prima:

„Eine Entschuldung der EU-Staaten wäre vermutlich mit Massenpleiten von Hedge-Fonds und anderen Spekulationsvehikeln verbunden. Das wäre zu begrüßen, denn eine solche Entwicklung würde ihren Teil dazu beitragen, die Vermögensblase bei den Reichsten – nur sie investieren in solche Fonds – zu entwerten.“ (198 f.)

Denn das wäre ja noch schöner, wenn Staatsschulden nur Vermögensbesitzer reicher machten, als sie es ohnehin schon sind. Die haben sich diese Papiere ja nur zu diesem Zweck in ihr Portfolio gelegt, wollen mit ihnen also bloß an jeder sinnvollen Wirtschaftstätigkeit vorbei reich werden – also weg damit, zumal ihr Vermögen ohnehin nur eine Blase ist. Damit ist der Staat seine Schulden los und kann befreit gute Werke tun, Schwimmbäder bauen, für Massenkaufkraft sorgen, freilich aber auch dafür, dass in der Geldwirtschaft das Geld weiter ein Geschäftsartikel bleibt:

„Die Großbanken und Versicherungen allerdings müssten – um unkontrollierte Kettenreaktionen und eine Entwertung der Spargelder zu verhindern – verstaatlicht, rekapitalisiert und restrukturiert werden.“

Verstaatlichen, um das Finanzgewerbe zu retten: Diesem Sozialismus verweigert sich gewiss kein offener Marktwirtschaftler. Blöd dabei ist nur, dass dem Staat mit der Massenpleite seiner größten Gläubiger auch die Investoren flöten gehen, mit deren Geldern er zu wirtschaften pflegt. Aber das macht nichts:

„Die Rekapitalisierung wiederum wäre auf relativ einfache Weise dadurch möglich, dass über eine einmalige Abgabe jene Vermögen haftbar gemacht werden, die ihr Wachstum den Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte verdanken: die Vermögen der oberen Zehntausend... Das ist die Vermögensblase, die der Schuldenblase gegenübersteht... Es träfe nicht die, die gespart, sondern die, die geerbt oder gezockt oder beides haben.“ (Ebd.)

Aus den Vermögenswerten von der Vermögensblase, die man gerade entwertet hat, macht man also einfach eine einmalige Abgabe und schenkt sie den Großbanken, damit die auch weiterhin für Kleinsparer Gutes tun können – in der Tat genial einfach, der moderne Sozialismus!

Der zweite Schritt: Kapitalgröße sorgfältig dosieren – der süße kleine Unternehmer

Vom produktiven Eigentum hat man bislang von der Autorin zweierlei erfahren: Es ist ein wahrer Segen, wenn es sich im Rahmen der Bedingungen des Gleichgewichts betätigt, die für die Dynamik des marktwirtschaftlichen Wachstums sorgen. Es ist andererseits ein Fluch für ebendiese Dynamik, wenn das Eigentum zu groß und darüber zu mächtig wird, und so macht sich der moderne Sozialismus an eine kreative Bereicherung der geltenden Eigentumsordnung. Mehr brauchen die, die keines haben, einfach nicht, was man daran sieht, dass am Eigentum das Eigentum selbst bloß die Nebensache ist:

„In der ersten Unternehmensphase schafft Eigentum tatsächlich noch Identifikation und die Kreativität, Power und meist auch Selbstausbeutung des Eigentümers sind vielfach Basis der Unternehmensentwicklung... Deshalb gilt für einen kreativen Sozialismus: Der echte Unternehmer darf nicht gegängelt und unterdrückt, er muss gefördert und unterstützt werden.“ (334)

Dass Eigentum irgendwie entfernt was mit Ausbeutung zu tun hat, muss einer kreativen Sozialistin die Sache mit ihm ja nicht vermiesen. Unter funktionalem Aspekt lässt sich beides vereinen, ohne dass Ausbeuter und Ausgebeuteter zueinander in Gegensatz stehen müssen. Besonders wirksam ist das Eigentum nämlich für den Zweck seiner Vermehrung, wenn es den Eigentümer auf Gedeih und Verderb mit ihm zusammenschweißt: Am ertragreichsten wirkt es in Personalunion, weil ein Selbstausbeuter ja immer weiß, warum er sich das antut. Kritisch wird die Symbiose von Selbst und Ausbeutung für die Sozialistin erst dann, wenn der Geschäftserfolg ausbleibt. Aber insofern unter sozialistischer Obhut wieder der Markt und nicht die Marktmacht regiert, kommen alle einschlägigen marktwirtschaftlichen Gesundungsprozesse wieder voll zum Zug:

„Natürlich gibt es auch in kleinen und mittleren Unternehmen Missmanagement, Fehlentscheidungen und Knatsch. Nur sind die Folgen ohne größeres volkswirtschaftliches Gewicht. Das betrifft dann 10 oder 20 Beschäftigte (für die das natürlich bitter ist), aber es sind nicht hunderte oder tausende, und in keinem Fall hängt die Investitionsentwicklung ganzer Branchen von den Launen der Eigentümer einzelner Unternehmen ab.“ (313)

Der Schaden hält sich bei den Kleinen also noch in Grenzen, und eine Krokodilsträne für die Betroffenen ist im linken Angebot auch mit drin. Die nötige Schadensbegrenzung durch Redimensionierung des kapitalistisch produktiven Eigentums hat allerdings selber ihre Schranken – auch eine sozialistische FDP-Alternative weiß Bescheid darüber, was es für den geschäftlichen Erfolg in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz gemeinhin braucht:

„Moderne Technologien verlangen in vielen Bereichen ein weit über das Niveau eines Mittelständlers hinausgehendes Kapitalminimum. Unterhalb einer Mindeststückzahl lohnen sich hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht.“ (315)

Größe ist also schon auch eine gute Sache, freilich nur dann, wenn sie auch wirklich gut ist und nicht schon wieder nur dazu taugt, einem Unternehmen die Marktmacht zu verleihen, seine Konkurrenten zu erledigen und nötige Krisen im eigenen Fall einfach nicht stattfinden zu lassen. Dass diese so unschuldig und menschenfreundlich daherkommenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung die Waffen des Unternehmens in seiner Konkurrenz gegen andere sind, sein Erfolg in dieser mit dem Misserfolg eines anderen einhergeht, dessen Ausgaben dann einfach für die Katz’ waren: Diese kapitalistische Logik der Investitionsentwicklung ganzer Branchen hält die Frau für sturzvernünftig, das bucht sie unter der Rubrik kreative Zerstörung (124) zu den oben besprochenen Selbstheilungskräften der Marktwirtschaft ab, die in darin für Dynamik sorgen. Nur fair muss es dabei zugehen. Möge beim Einsatz des Wissens als Vehikel der Kapitalvermehrung wirklich nur immer der Bessere gewinnen: Das ist der wahre olympische Geist, der nach Frau Wagenknechts Geschmack in einer kapitalistischen Konkurrenz zu herrschen hat, und so steht eine Grenzziehung an zwischen dem, was noch als Großunternehmen in gemeinwohldienlichem Auftrag durchgehen kann, und dem, was ein gemeinwohlschädliches, weil den Wettbewerb verzerrendes Monopol ist. Das ist eine ganz schwierige Definitions-, weil nämlich eine wirtschaftspolitische Ermessensfrage, und bei der ist die Balance zwischen oppositioneller Radikalität und regierungsfähiger Seriosität so einfach auch nicht immer zu halten:

„Monopolistische Positionen und öffentliche Güter gehören in jedem Fall in die öffentliche Hand. Schwieriger zu definieren ist die Grenze, ab wann Branchendominanz oder Marktmacht im Bereich kommerzieller Unternehmen nicht mehr mit privatem Eigentum vereinbar ist. Relativ offenkundig ist das bei Wirtschaftsgiganten mit über 10 Milliarden Euro Umsatz oder mehr als 50 000 Beschäftigten.“ (325)

Wie im einzelnen auch immer: Viel frischer Schwung kommt so auf jeden Fall in die Sondergutachten der staatlichen Monopolkommission, so dass schon mal die äußerst produktiv wird.

Der dritte Schritt: Eigentum ordentlich verteilen

Für die Crux der heutigen Wirtschaftsordnung hält die sozialistische Expertin das Problem, was mit dem vielen Geld im Eigentum weniger geschehen soll (132), womit sich das Problem, was mit dem Elend geschieht, das diese Wirtschaftsordnung den vielen beschert, erfreulicherweise gar nicht erst stellt. Dass mit der Produktionsweise des Reichtums auch seine Verteilung geregelt ist, geht für den modernen Sozialismus jedenfalls in Ordnung: Das sind die Verhältnisse, die er keinesfalls ändern möchte. Auf deren Basis sind dann allerdings schon Änderungen denkbar, zum Beispiel folgende:

„Vorgeschlagen wird die Erhebung einer Vermögenssteuer von 5 bis 10 Prozent auf alle Vermögen oberhalb von 1 Million Euro, die im Falle von Betriebsvermögen nicht an den Staat, sondern durch Übertragung entsprechender Unternehmensanteile in stiftungsähnlich organisiertes unveräußerliches Belegschaftseigentum abzugelten ist… Grundsätzlich verändern würde dies die Verhältnisse nicht. Denn die Rendite auf große Vermögen liegt in der Regel bei über 5 Prozent, so dass eine 5-prozentige Besteuerung die Substanz kaum treffen würde.“ (338)

Mehr geht nicht, alles andere wäre sozialistische Enteignung und keinesfalls mehr mit privatem Eigentum vereinbar. Also wird mit modelltheoretisch geschultem Blick in die Welt geschaut und danach gesucht, bei wem man sich schadlos bedienen kann und auch darf, weil er volkswirtschaftlich nicht verdient, was er wirklich verdient:

„Mit Blick auf Produktivität, Innovationsgeist und Leistungsorientierung einer Volkswirtschaft wiederum gibt es nur Gründe, die gegen große Erbschaften sprechen, und keinen einzigen dafür… Vielfach wurden sie selbst bereits ererbt. Und ganz sicher beruhen sie nicht auf einer Leistung der Erben... Erbschaften sollten aus diesen Gründen generell auf 1 Million Euro begrenzt werden. Darunter sollte gar keine Erbschaftssteuer erhoben werden. Alles, was darüber ist, sollte mit einer Steuer von 100 Prozent belastet werden.“ (345)

Vollkommen klar: Je größer die Leistung eines erfolgreichen Unternehmers, desto mehr verbietet es sein gesellschaftsdienlicher Beitrag, ihn am Unternehmen zu hindern, umgekehrt verdirbt es den Erfolg, wenn einer ohne eigene Leistung gleich Kapitalist sein will. Das zu vererbende Kapital gehört deswegen in die Hände derer, die im verwaisten Unternehmen schon bewiesen haben, dass sie ihren Beitrag zu leisten fähig sind, und das in dem Zug geschaffene Belegschaftseigentum bringt das volkswirtschaftlich Nutzbringende dieser Wiedereinführung des Haftungs- und Leistungsprinzips zur vollen Entfaltung:

„Für Belegschaftseigentümer wäre die Strategie, die Unternehmenssubstanz durch kurzfristige Ausschüttungen – in diesem Fall: überhöhte Löhne – zu plündern, so dass die Existenz des Unternehmens in Gefahr gerät, völlig irrational.“ (331)

So überträgt der Sozialismus kreativ auch auf große Betriebe die identitätsstiftende Funktion des Eigentums, die er an den kleinen selbstausbeuterischen Unternehmern zu schätzen gelernt hat. Am oberen Ende der Hierarchie freilich muss die leistungssteigernde Abhängigkeit vom Betrieb auf andere Weise herbeireguliert werden:

„Das Prinzip Haftung spricht übrigens auch gegen überhöhte Managergehälter: Wer so viel verdient, dass er nach wenigen Jahren fürs Leben ausgesorgt hat, der hat natürlich eine wesentlich geringere Motivation, Höchstleistungen zu erbringen, als der, dessen Wohlstand daran hängt, dass das Unternehmen sich auch in Zukunft gut entwickelt“ (330)

– es geht doch nichts über diese geniale Erfindung einer Einrichtung namens Lohnarbeit: Bei der sorgt gerade der geringe Verdienst, den einer sein ganzes Leben erwirbt, ganz von selbst dafür, dass er in seiner Motivation zur Erbringung der Höchstleistungen nie nachlässt, mit denen sich das Unternehmen auch in Zukunft gut entwickelt – auch wenn es beim Management natürlich mehr um Anreiz als um Erpressung mit dem Lebensnotwendigen gehen muss. Auf jeden Fall stellt Wagenknechts moderner Sozialismus so den Kapitalismus vom Kopf auf die Füße: Beim Proletariat sorgt das kollektive Eigentum für Lohnzurückhaltung; in der Elite sorgt vergleichsweise Zurückhaltung beim Verdienst für motivierte Leistung – gerechtergeht es kaum.

*

Das ist er dann, der kreative Sozialismus: Einfach. Produktiv. Gerecht. Für die Superreichen ändert sich viel: Die sterben langsam ab, dann gibt es sie nicht mehr, auch ihre Erben haben nichts zu lachen, was gut ist für den Finanzminister und die Laune aller, die ohnehin nichts erben. Für die Kuchenesser vom Lohnstück ändert sich nicht viel: Sie sterben garantiert nicht aus, es gibt sie ewig weiter und ihren Erben haben sie weiterhin im wesentlichen nur ihr eigenes Schicksal zu hinterlassen. Sie können sich an ihrem Belegschaftseigentum erfreuen, es aber nicht versilbern, freuen sich also ausschließlich darüber, von jetzt geringer verdienenden Managern zu Höchstleistungen geführt zu werden, und sind als Mitinhaber ihres Betriebs nunmehr selbst an der Lohnzurückhaltung interessiert, die sie vorher auch schon an den Tag gelegt haben. Denn von der hängt er nun einmal ab, der Wohlstand, den der Erfinder des Wirtschaftswunders versprochen hat. Das bescheinigt der real existierende Kapitalismus der tiefroten Regierungsalternative im Startloch schon heute. Und exakt das bescheinigt die Vordenkerin dieser Alternative mit ihrer brillanten Analyse, mit der sie Ludwig Erhard beim Wort nimmt (Klappentext), allen ihren Lesern. Dass diese Analyse eine einzige pro-kapitalistische Schönfärberei ist, ekelhaft parteilich für Herrschaft und Marktwirtschaft und wissenschaftlich unter aller Sau, ist bei dem geistigen Ziehvater, der da beim Wort genommen wurde, nur folgerichtig.


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