Prekariat, kein Proletariat

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-06 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Zwei Wochen ‚Unterschicht‘-Debatte:
Die demokratische Öffentlichkeit definiert an den Subproletariern herum

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„Es gibt keine arme Klasse, kein Proletariat mehr, das sich kämpferisch zusammenschließen könnte. Den Armen von heute fehlt das Sprachrohr, das einst für die Arbeiterklasse die Gewerk-schaft war; ihnen fehlt der Stolz, das Selbstbewusstsein, das Zusammengehörigkeitsgefühl; jeder ist für sich allein – relativ arm dran.“

Zwei Wochen ‚Unterschicht‘-Debatte:
Die demokratische Öffentlichkeit definiert an den Subproletariern herum

Alle paar Jahre wird sie hierzulande neu entdeckt: die „neue Armut“, die „soziale Frage“ oder eben – wie neulich anlässlich einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung – das „abgehängte Prekariat“. Acht Prozent der hiesigen Bevölkerung gehören nach den derzeit aktuellen sozialwissenschaftlichen Berechnungen dazu.

Wie immer anlässlich einer solchen Entdeckung sind Zeitungen und Fernsehen ein paar Tage lang voll von Berichten über Varianten des hierzulande üblichen Elends. Und es ist schon interessant, was da alles zur Sprache kommt über „unsere Wohlstandsgesellschaft“. Ein Beispiel für viele:

„Armut heute hat viele Gesichter: Da ist der arbeitslose Akademiker; da ist der Gelegenheitsarbeiter oder der wegrationalisierte Facharbeiter oder die alleinerziehende Mutter, die den Sprung ins Berufsleben nicht mehr schafft; da sind die immer zu kurz Gekommenen am Rande der Gesellschaft; da ist der Diplomingenieur, dem bescheinigt wurde, zu alt zu sein, und der nun als Langzeitarbeitsloser auf die Armutsgrenze zurückgefallen ist; da ist die Supermarkt-Kassiererin auf Stundenbasis; da der überflüssig gewordene Bankangestellte, der sein Haus verloren hat und nun vom Arbeitslosengeld II lebt; da sind die zweihunderttausend geduldeten Ausländer, die nicht arbeiten dürfen und in einem rundum ungesicherten Status leben müssen; da sind Hunderttausende, ja Millionen der abgehängten Ostdeutschen, die nach der Wende den Weg in die neue Gesellschaft nicht gefunden haben; und da sind die Einwanderer, die nicht aus ihrem Ghetto herauskommen. Diese relativ Armen haben wenig gemeinsam.“ (Heribert Prantl, SZ, 18.10.06)

Der „Absturz in die Armut“ lauert in einer modernen Marktwirtschaft offensichtlich immer und überall; kaum eine gesellschaftliche Gruppe kann sich davor sicher fühlen. Die Garantie für ein halbwegs gesichertes lebenslanges Auskommen ist für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in dieser „besten aller Gesellschaftsformen“ in „einem der reichsten Länder der Erde“ einfach nicht zu haben, und zwar ganz unabhängig von ihren Bemühungen und Fähigkeiten. Ein vernichtendes Urteil über diesen marktwirtschaftlich-demokratischen Laden, der flächendeckend für so viel Armut bei ganz verschiedenen Leuten sorgt – sollte man denken: Wo man hinsieht, lauter „Einzelschicksale“, die zumindest eines gemeinsam haben: einen guten Grund, dieser Gesellschaft den Kampf anzusagen. Allerdings:

„Es gibt keine arme Klasse, kein Proletariat mehr, das sich kämpferisch zusammenschließen könnte. Den Armen von heute fehlt das Sprachrohr, das einst für die Arbeiterklasse die Gewerkschaft war; ihnen fehlt der Stolz, das Selbstbewusstsein, das Zusammengehörigkeitsgefühl; jeder ist für sich allein – relativ arm dran.“ (ebd.)

Ob der „armen Klasse“ ihr einstiger „Stolz“ von Nutzen war, ihr „Zusammengehörigkeitsgefühl“ ihr viel weiter geholfen hat, ist mehr als zweifelhaft. Heute jedenfalls ist die Lage der Armen doppelt peinlich: Weit und breit rührt sich keine Gegenwehr gegen erbärmliche Verhältnisse. Und das ausgerechnet deswegen, weil die Ursache ihrer desolaten Situation so flächendeckend verbreitet ist und so demoralisierend wirkt:

„Massenarbeitslosigkeit hat die Menschen kleinlaut und unsicher gemacht; sie nimmt ihnen den Stolz, den Arbeiter damals hatten, als sie noch Proletarier hießen und an Marx und Engels glaubten. Damals riefen sie selbstbewusst den Klassenkampf aus, gründeten Gewerkschaften und Sozialdemokratie … um sich so gegen die demoralisierenden Folgen des Kapitalismus zu wappnen. Das war einmal.“ (ebd.)

Und muss unbedingt wieder sein – sollte man meinen; denn dabei darf es doch nicht bleiben, dass ausgerechnet eine elende Lage, ein einziger Grund für kämpferische Gegenwehr, den Betroffenen jeden Schneid abkauft. Höchste Zeit, das zu ändern – jedoch: Genau das geht nicht. Denn – so die schlaue Erkenntnis, die nicht nur Herrn Prantl von der SZ gekommen ist und mit deren Kundgabe sich auf einmal ein Ton der Entwarnung in das trübselige Sittengemälde einschleicht –: Die Lage der Armen ist ausgerechnet deswegen so trostlos, weil ihr Grund entfallen ist:

„Den alten Gegensatz von Kapital und Arbeit, der das Industriezeitalter gekennzeichnet hat, gibt es nicht mehr, weil es immer weniger klassische, auf die Herstellung von Gütern ausgerichtete Arbeit gibt.“ (ebd.)

Das ist schon gelungen: Da macht niemand anders als das Kapital massenhaft Arbeitskräfte überflüssig, lässt ihnen zum großen Teil noch nicht einmal mehr die Hoffnung, nur vorübergehend als „Reservearmee“ zu fungieren, sondern erklärt seinen nationalen Standort für ökonomisch um etliche Millionen – und die Welt insgesamt um einige Milliarden Zeitgenossen – „übervölkert“, und der Schöngeist von der SZ sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Nirgends ein „Gegensatz von Kapital und Arbeit“ – und das ausgerechnet deswegen, weil das Kapital es mit seinem gegensätzlichen Verhältnis zu seiner Quelle so enorm weit gebracht hat: Es beutet die „auf die Herstellung von Gütern ausgerichtete Arbeit“ immer effektiver aus, weil es sie gnadenlos auf die Herstellung von Profit „ausrichtet“; es macht Profit und wächst mit relativ oder sogar absolut weniger ausgebeutetem Personal, erspart mit seinen industriellen Fortschritten also nicht etwa seinen Dienstkräften Arbeitsmühe und Arbeitszeit, sondern sich Arbeitskosten; es sorgt folglich mit seiner Bereicherung immer von Neuem für Verelendung auf der anderen Seite. Nichts anderes hat es übrigens auch schon in dem von Prantl beschworenen „Industriezeitalter“ getan, als das Hin und Her zwischen „Attraktion“ und „Repulsion“ von Arbeitermassen erst einmal dafür gesorgt hat, die gesamte Gesellschaft mit ihrem seinerzeit noch überwiegenden Anteil einer vorkapitalistisch herumkrebsenden Landbevölkerung und ihren wohl abgegrenzten bürgerlichen Ständen überhaupt unter den modernen politökonomischen „Gegensatz von Kapital und Arbeit“ zu subsumieren, die „Herstellung von Gütern“ und überhaupt jede gesellschaftliche Tätigkeit der Kommandomacht des kapitalistisch eingesetzten Geldes zu unterwerfen. Dieser ‚Prozess‘ ist mit dem Ende des „Industriezeitalters“ an sein Ziel gelangt: Was der Rechtsgelehrte der Süddeutschen Zeitung für den Wegfall der Geschäftsgrundlage des alten Gegensatzes von Kapital und Arbeit hält, ist nichts anderes als dessen Vollendung. Übrigens auch in der Hinsicht, dass keine Weltgegend mehr davon ausgenommen bleibt.

Prantls Journalisten-Kollegen von der Wirtschaftsredaktion ist das auch ganz geläufig, ebenso wie der Zusammenhang zwischen kapitalistischer Fortentwicklung der „Industriearbeit“ und proletarischen Verelendungskarrieren:

„Die neue soziale Lage hat in erster Linie ökonomische und nicht politische Gründe. Technischer Fortschritt und Globalisierung haben überall in den alten Industrienationen Millionen von hochwertigen Arbeitsplätzen gekostet…Es ist daher kein Zufall, dass sich unter den sozial Ausgeschlossenen besonders viele Männer finden, die früher in Industriebetrieben ein Auskommen gefunden hätten.“ (Nikolaus Piper, SZ, 17.10.)

Ein klares Wort – und ein verheerender Befund über den weltweiten Siegeszug der freien Marktwirtschaft: Technischer Fortschritt und internationales ökonomisches Zusammenwirken bedeuten für die tätige Menschheit an ihren hochwertigen Arbeitsplätzen nie und nimmer Erleichterung ihrer Arbeit und Verbesserung ihrer Lebensumstände, sondern äußerste Verschärfung der Konkurrenz um einen Arbeitsplatz, Entlassungen und Streichung des Lebensunterhalts der Wegrationalisierten. Die Methoden des kapitalistischen Wachstums schaden den Menschen – übrigens nicht bloß den Männern, nicht bloß in den alten Industrienationen, den benutzten Lohnabhängigen zwar anders, aber nicht weniger als den nicht mehr benutzten und denen auf „hochwertigen“ ebenso wie auf „minderwertigen“ Arbeitsplätzen: Vor dem politökonomischen Schicksal, das ganz dem „Gegensatz von Kapital und Arbeit“ eigen ist, nämlich von den Herren der Arbeitsplätze für zu teuer befunden, entbehrlich gemacht und wegrationalisiert zu werden, war auch manch besserer Angestellter noch nie sicher und bleiben in der kapitalistisch perfektionierten Weltmarktwirtschaft von heute erst recht Leute nicht bewahrt, die meinen, „in Industriebetrieben ein Auskommen gefunden“ zu haben.

*

Das „abgehängte Prekariat“, das für ein paar Wochen im Oktober für Debatten sorgt, ist nichts anderes als Subproletariat: nicht die Klasse selbst, sondern ihr vom Kapital überflüssig gemachter, für unbrauchbar befundener, aussortierter Teil, ihr „totes Gewicht“, ein notwendiges Ergebnis der kapitalistischen Benutzung der Lohnarbeit. Aber davon will niemand etwas wissen. Sämtliche Diskussionsbeiträge in Sachen „abgehängtes Prekariat“ interessieren sich heftig für das Sub-, entweder ganz ohne Bezug zum Proletariat oder im Sinne des Dementis, dass bei soviel Sub- von einem Proletariat doch gar nicht die Rede sein könne. Entdeckt hat man eine Summe individueller „Problemfälle“, die dadurch als besonderes Kollektiv definiert sind, dass sie aus der gesellschaftlichen Ordnung herausfallen – „Exklusion“ heißt das neue Schlagwort.

Abstrahiert ist damit von dem gar nicht einladenden Inhalt des gesellschaftlichen Zusammenhangs, aus dem eine so beträchtliche Menge von Gesellschaftsmitgliedern „exkludiert“ ist: Dass sie irgendwie nicht „dazu gehören“, soll das entscheidende Kennzeichen ihrer Lage sein. Abstrahiert ist von den politökonomischen Gründen und dem banalen materiellen Inhalt ihres „prekären“ Status: Armut wird gewürdigt als hinderliche Bedingung für das, was eigentlich sein sollte, nämlich: „dazu zu gehören“ zum Zusammenhang der Nicht-Abgehängten. Insofern verrät das Schlagwort schon, was „man“ von den „Abgehängten“ will und deswegen über sie wissen will: Das Gemeinwesen mag zwar eine Menge Leute „exkludieren“, aber die kann es deswegen nicht einfach sich selbst überlassen, um die muss es sich kümmern – ideell zumindest, damit die „Inkludierten“ wissen, woran sie mit dem gesellschaftlichen Abschaum sind. Denn diese Typen sind ja nicht aus der Welt; sie lungern an den Rändern der besseren Gesellschaft herum; mit ihnen muss gerechnet werden: Womit ist da also zu rechnen? Ist mit denen in und trotz ihrer „prekären“ Lebenslage noch etwas anzufangen? Wie stehen sie selber zu ihrer „Exklusion“, und wie kann man sie ans umfassende nationale Miteinander wieder „anhängen“? Sind sie als „Ausgeschlossene“ überhaupt noch zu etwas nütze, und wie ließe sich das aus ihnen herausholen?

Ganz im Sinne dieser Fragestellung geht schon die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Ausgangspunkt der ganzen Debatte, an die Sache heran. Hier ist das Erkenntnisinteresse recht übersichtlich: Die SPD sucht nach Wählern; und das keineswegs nur oder in erster Linie unter den „Abgehängten“. Vom gesamten Wahlvolk will sie sich ein Bild machen, damit sie mit ihrer Werbung zielgenau landen kann. Verschiedene Lebenslagen, Armut inklusive, interessieren als Bedingungen für politisch brauchbare Einstellungen.

„Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung diente dem Zweck, der SPD Aufschluss über ihr Wählerpotential zu geben. Dazu wurden mehr als 3000 Menschen nach dem Zufallsprinzip ausgesucht und nach ihrer persönlichen Situation befragt. Auf diese Art wurden neun ‚politische Typen‘ identifiziert und einem ‚politischen Milieu‘ zugeordnet.“ (Handelsblatt, 18.10.)

Das Ergebnis lässt sich vorführen als Kuchendiagramm, das rechts oben mit den „Leistungsindividualisten“ anfängt; von da schraubt es sich über die „etablierten Leistungsträger“, die „kritischen Bildungseliten“, das „engagierte Bürgertum“, die „zufriedenen Aufsteiger“ langsam nach unten und links oben hin zu der „bedrohten Arbeiternehmermitte“, den „selbstgenügsamen Traditionalisten“, dann kommen schon ziemlich nah am gesellschaftlichen Abfall die „autoritätsorientierten Geringqualifizierten“, gefolgt vom „abgehängten Prekariat“, der untersten Unterschicht der Gesellschaft – die man nicht so nennen sollte, doch dazu später. Einfallsreiche Soziologen können die Sache selbstverständlich auch komplexer darstellen: Im Koordinatensystem aufgetragen – Abszisse: Alter; Ordinate: Schichtzugehörigkeit –, ergibt sich ein Schaubild von verschiedenfarbigen Schichten-Clustern, die nahtlos ineinander übergehen und für zusätzliche Erkenntnisse sorgen. Etwa die, dass die „kritische Bildungselite“ dazu neigt, mit zunehmendem Alter den Übergang zum „engagierten Bürgertum“ oder zu den „etablierten Leistungsträgern“ zu machen; das „abgehängte Prekariat“ dagegen, je älter es wird, zu den „autoritätsorientierten Geringqualifizierten“ tendiert. Wie auch immer man die Sache darstellt, es herrscht Einigkeit darin, dass es für den untersten Bodensatz der Gesellschaft schlecht ausschaut in Sachen „Durchlässigkeit“ zu den höheren Gruppen-Rängen. Für diesen Bodensatz haben Sozialwissenschaftler, die vermutlich in der „kritischen Bildungselite“ zu Hause sind, nicht nur einfach ihr neues Fremdwort „Prekariat“ spendiert, sondern damit auch schon eine ganze Theorie: Es handelt sich dabei um vereinzelte, verängstigte Menschen ohne Perspektiveneine Bevölkerungsgruppe von 8 Prozent, die sich auf der Verliererseite sieht, ohne berufliche Sicherheit, mit großen Zukunftssorgen.

Und die haben nicht bloß Probleme, die sind ein Problem. Erstens für die SPD auf ihrer Suche nach Wählerschichten. Zweitens eventuell einmal für die staatliche Ordnungsmacht, obwohl sie eigentlich, abgesehen von ein paar vernachlässigten Kindern, keine besonderen Probleme machen. Beides ist aber nicht der Grund, weshalb sich die nationale Öffentlichkeit zwei Oktoberwochen lang so heftig mit ihnen befasst. Die sieht sich aus gegebenem Anlass gedrängt, sich angesichts der wachsenden Armut im Land und unübersehbarer Folgen im zivilen Alltagsleben einmal Rechenschaft darüber abzulegen, wie es mittlerweile mit den „Randbezirken der Gesellschaft“ steht: ob ihre demokratisch-marktwirtschaftliche Welt noch in Ordnung oder „die Lage“ schon ein bisschen ernst ist. Deswegen fällt ihren Meinungsführern gleich Klassenkampf mitsamt nachfolgendem Dementi ein: „Insoweit keine Gefahr!“ heißt die erste Botschaft. Doch auch wenn in Sachen Klassengesellschaft und Klassenbewusstsein Entwarnung gegeben werden kann: Acht Prozent „abgehängte Prekarier“ sind nicht nur ein gesellschaftlicher Makel fürs demokratisch gebildete Gemüt. Acht Prozent „von Verwahrlosung Bedrohte“, die „nicht mehr dazu gehören“; ja vielleicht „überhaupt nicht mehr dazu gehören wollen“, geben unter politologischen Gesichtspunkten schon Anlass für Sorgen.

„Die einzige Partei, welche die neuen Armen heutzutage bilden, ist die Partei der Nichtwähler; sie wird immer größer, hat aber keine politische Kraft. Es ist zu befürchten, dass sie exakt deswegen destruktive Energie entwickelt – weil nämlich Demokratie nicht mehr gut funktionieren kann, wenn ein immer größerer Teil der Gesellschaft nicht mehr dabei mitmacht. Eine Zwei-Drittel Demokratie ist eine Gefahr für den inneren Frieden.“ (Heribert Prantl, a.a.O.)

Angesichts von Millionen Unterschichtlern fragt sich die besorgte passiv wählbare Oberschicht, ob sie da wohl noch Wähler abholen kann. Und der intellektuelle Überbau wälzt das Problem, wie es überhaupt um die Akzeptanz unserer Demokratie steht. Denn dass dieses hervorragende Gemeinwesen die Akklamation seiner Bürger unbedingt verdient, das steht ja wohl fraglos fest. Die drängende Frage lautet also: Wie lassen sich diese Problemfälle mit den prekären Lebensverhältnissen, die Deutschlands moderner Kapitalismus ihnen einbrockt, gescheit versöhnen? Wie verhindert man, dass an den „Rändern der Gesellschaft“ die politische Moral, der Wille zum Mitmachen abbröckelt, auch wenn es für die Leute materiell gar nichts gibt, wobei sie „mitmachen“ könnten?

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Von dem Interesse an Rezepten dafür, wie die „Abgehängten“ sich eventuell wieder „anhängen“ und für Demokratie und demokratische Parteien gewinnen lassen, sind die Diagnosen geleitet, mit denen sich die freie Öffentlichkeit ganz pluralistisch über die verwahrlosten Teile der Gesellschaft hermacht und Ursachenforschung betreibt. In diesem Sinn wird untersucht, wo eigentlich das „Prekäre“ an den „prekären Lebensverhältnissen“ der „Unterschicht“ liegt, und erstmal heftig an der „Unterschicht“ heruminterpretiert: Was sind das überhaupt für Leute, die man da vor sich hat?

Sind die überhaupt wirklich arm in dem Sinn? fragt sich z.B. – nicht nur – die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Oktober und widmet dem Dementi immerhin eine ganze Seite:

„Aber eines ist dieses neue Prekariat gewiss nicht: arm. Die Statistik belegt, dass der Anteil der Armen – das sind jene, die nach einer ziemlich fragwürdigen Definition weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben – hierzulande bereits vor 15 Jahren bei über 11 Prozent der Bevölkerung gelegen hat. Heute liegt er nicht sehr viel höher. Im Gegenteil: Gerade nach den Hartz-Reformen, die jetzt für die Entstehung der neuen Unterschicht verantwortlich gemacht wurden, stellen sich viele Sozialhilfeempfänger sogar besser als vor der Reform…Was als Symbol gnadenlosen Sozialabbaus gefürchtet wird, ist in Wirklichkeit ein großzügiger Ausbau des Sozialstaats geworden. Noch mehr Geld, wie es die Ex-Gewerkschafterin Ursula Engelen-Kefer jetzt fordert, würde also kaum etwas an der Depression des abgehängten Prekariats ändern.“

Ein gelungener Beweis: Weil – statistisch bewiesen! – die Armut hierzulande kein neues Phänomen ist, kann von Armut nicht die Rede sein. Und weil die Verwaltung der Armut Geld kostet, ohne sie zu senken, hilft mehr Geld auch nichts. Was würde stattdessen helfen? Der Mann von der SZ, der die Tatsache einer gewissen Verelendung anerkennt und ihren Grund so eindeutig in den Methoden des kapitalistischen Wachstums ausgemacht hat, weiß Rat:

„Vor allem aber ist die wachsende Unterschicht eine wirtschaftspolitische Frage. Das beste Mittel gegen Armut und sozialen Ausschluss sind sichere Arbeitsplätze. Und die liefert nicht der Staat, sondern eine dynamische Wirtschaft. Wachstum beseitigt nicht automatisch die sozialen Probleme, die in Jahrzehnten gewachsen sind. Aber es schafft die Grundlage, von der aus die Armut mit Aussicht auf Erfolg zu bekämpfen ist.“ (Nikolaus Piper, a.a.O.)

Klar: Wenn kapitalistisches Wachstum durch „Globalisierung“ und „technischen Fortschritt“ Armut schafft, dann ist mehr Wachstum die einzige Chance, die die Armen haben … Man sieht: Mit dem Klassenbewusstsein des modernen Proletariats mag es nicht weit her sein, das der Gegenseite ist voll intakt. Denn so schlicht funktioniert der bourgeoise Klassenstandpunkt: Der Nutzen des Kapitals ist (mindestens drei Gleichheitszeichen!) identisch mit allgemeiner Wohlfahrt, weil von seinem Erfolg einfach alles abhängt! Geld zur Armutsbekämpfung gehört folglich in die Förderung von „technischem Fortschritt“ und „Globalisierung“ gesteckt und auf gar keinen Fall in die Hände einer Sozialpolitik, die es bloß unproduktiv an die Armen verschenkt.

Womit die Ursachenanalyse wieder bei den Hartz-Reformen und der interessanten Frage wäre: Ist womöglich Hartz IV schuld am neuen Prekariat? Die Antwort lautet einerseits: Nie und nimmer – dieses rotgrüne Wunderwerk hat bloß aufgedeckt, wie viel Armut es hierzulande sowieso schon gibt. Meint jedenfalls Ex-Ministerin Künast und findet weiter gar nichts dabei einzugestehen, was für ein menschenfreundliches Gemeinwesen sie sieben Jahre lang mitregiert hat. Andere, und zwar zwei ziemlich unterschiedliche andere Richtungen der politischen Armutsforschung meinen hingegen: Ja, Hartz IV ist schuld! Vertreter der nationalen „Linken“ – von der Links-Partei bis zum Arbeitnehmer-Flügel der C-Parteien – beklagen „Armut per Gesetz“, bestehen also auf der Lebenslüge jeder Sozialpolitik im Kapitalismus, es läge an ihr, ob es im Kapitalismus Armut gibt; der sozialstaatliche Umgang mit der proletarischen Verelendung, nämlich ein allzu sparsames und rücksichtsloses Betreuungswesen, wäre deren Grund; als hätte der Sozialstaat überhaupt eine andere Aufgabe, als das Elend der Klassengesellschaft zu verwalten und zur betreuten Verelendungskarriere auszugestalten. „Neoliberale“ Hartz-IV-Gegner haben dagegen das bauernschlaue „Argument“ gesellschaftsfähig gemacht, das sozialstaatliche Almosenwesen würde Armut erzeugen, weil und insofern es den Betroffenen überhaupt erst die Möglichkeit verschafft, ihr Elend durchzustehen; so würden die Leute nämlich dazu verführt, ohne Arbeit zu überleben, ja geradezu genötigt, sich in ihrer Armut einzurichten.

Immerhin plädieren diese radikalen rechten Sozialstaatskritiker nicht umstandslos dafür, zur Armutsbekämpfung die Armen abzuschaffen. Stattdessen bereichern sie die öffentliche Debatte um eine sozialpsychologische Theorie der staatlich induzierten Ungleichheit der Menschen, an der die schon zitierte FASoZ vom 22.10. viel Gefallen findet. Unter der interessanten Überschrift Deutschland ist eine Klassengesellschaft. Schuld trägt der Wohlfahrtsstaat, der die Ungleichheit verfestigt erinnert sie an die „Arbeitslosen von Marienthal“ in der Steiermark, die schon seit 1932 als Beleg dafür durch die soziologische Literatur geistern, dass Armut im Wesentlichen als psychologische Kategorie zu verstehen ist, und bringt diese alte Weisheit auf den neuesten Stand:

„Sogar die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat inzwischen festgestellt, dass nirgendwo so viel Geld vom Staat umverteilt wird wie in Deutschland. Wie kommt es, dass die Ergebnisse doch zugleich so deprimierend sind? Der Hamburger Soziologe Heinz Bude vermutet, dass das mit der fehlenden ‚sozialen Mobilität‘ hierzulande zu tun hat. Das deckt sich mit Ergebnissen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach mehr als die Hälfte jener Menschen, die schon 1995 zur Unterschicht zählten, auch heute noch darin verharrt. Bude hat jetzt am Hamburger Institut für Sozialforschung über die Ergebnisse einer großangelegten Unterschichtenbefragung berichtet. Die Menschen erzählen, sie seien rasch überfordert, fühlten sich ‚ausgeschlossen vom Ganzen der Gesellschaft‘ und hätten das Vertrauen in die Zukunft verloren. ‚Der deutsche Wohlfahrtsstaat erkauft Versorgungsansprüche mit Teilhabesperren‘, sagt Bude. Einfacher formuliert: Der Verteilungsstaat stellt jene, die aus der Gesellschaft herausfallen, mit Geld still und entmündigt sie – trotz bester Absicht. Es sind die langen Sozialhilfekarrieren, die auf Dauer jeden Gedanken daran töten, es könnte auch einmal ein anderes Leben geben. Und das staatlich festgelegte Anspruchsniveau erstickt Antrieb und Selbständigkeit. ‚Wer zwar in günstigen Verhältnissen lebt, dies aber nicht auch so sieht und von Zukunftsängsten geplagt wird, empfindet sich trotz günstiger Gegenwartslage eher als sozial ausgeschlossen‘, sagt der Soziologe Bude dazu. Und lässt sich das auch nur schwer wieder ausreden.“

Ob die „Gegenwartslage“ eventuell so „günstig“ gar nicht ist, wenn die ‚Begünstigten‘ ihr Ende ab- und für ihre Zukunft schwarz sehen? Ob die diagnostizierten „Teilhabesperren“ wirklich an zu hohen „Versorgungsansprüchen“ liegen, die der Staat verschenkt, oder nicht vielmehr an den Härten einer staatlich regulierten freien Konkurrenz, die bisweilen auch mit öffentlicher Unterstützung nicht zu bewältigen sind? Ob die Armen der Gesellschaft sich nicht eher durch zu wenig als durch zu viel Geld vom Sozialamt „vom Ganzen der Gesellschaft ausgeschlossen“ „fühlen“? Und ob die Dauerhaftigkeit der Armut an der fehlenden „sozialen Mobilität“ liegt oder schuld ist oder beides? Fest steht jedenfalls, dass Arme sich ihre trostlose Lage „nur schwer wieder ausreden“ lassen; und damit dürfte endgültig bewiesen sein, dass „Unterschicht“ im Wesentlichen eine Einstellungs- und Charakterfrage ist. In dem Punkt können auch sozial engagierte Empiriker den Theoretikern der erstickten Selbstständigkeit nur Recht geben:

„Stadtentwickler Rupprecht erzählt. Seine Erfahrung: ‚Arbeitslosigkeit macht krank.‘ Viele hätten schon seit Jahren nicht mehr richtig gearbeitet, keinen regelmäßigen Tagesablauf mehr, keine festen Strukturen. ‚Viele könnten gar nicht mehr acht Stunden pro Tag arbeiten. Ihr Wille ist da, aber es geht einfach nicht.‘ … Birgit Wessel kümmert sich seit 15 Jahren. ‚es ist so schwierig mit dem Wollen‘, beschreibt sie die Lage. Wollen allein genügt nicht. Wer lange raus ist, lange arbeitslos, traut sich nicht mehr. ‚Das Selbstbewusstsein ist als erstes im Eimer.‘“ (Frankfurter Rundschau, 26.10.)

Konsens herrscht zwischen rechten und linken Armutsanalytikern also in dem einen Hauptpunkt: Erst die subjektive Einstellung der Betroffenen zu ihrer Lage macht diese Lage so richtig „prekär“. Wenn die Leute nicht bloß „abgehängt“ sind, sondern sich auch „abgehängt fühlen“, dann droht die Depression, ein allgemeines „Sich-hängen-lassen“ und am Ende die Verwahrlosung. Und damit zeichnet sich immerhin ab, was gegen die Armut zu tun ist. Wenn charakterliche Deformation der Grund dafür ist, dass so viele Leute nicht bloß arm werden – was offenbar irgendwie jedem mal passieren kann –, sondern auch arm bleiben, dann hilft dagegen die Formung von Wille und Charakter. Das Rezept gegen fehlende soziale Mobilität ist Mobilmachung der Betroffenen. Und weil der „soziale Aufstieg“ – wenn er denn stattfindet – mit guten Zeugnissen gepflastert ist, tut überhaupt und vor allem Bildung Not – Beweis: Je weniger Bildung, umso größer die Gefahr im „Prekariat“ zu landen. Dass akademische Bildung vor Verelendungskarrieren nicht schützt, war zwar einer der Belege dafür, wie vielfältig – also ganz und gar nicht klassenspezifisch – dieses ominöse „Prekariat“ zusammengesetzt ist. Aber trotzdem: Bildung ist immer gut, um mentale Fehlbildungen zu korrigieren.

Oder, noch besser: zu verhindern. Deswegen sollte Bildung so früh wie möglich einsetzen – womit die besorgte Öffentlichkeit bei ihrem aktuellen Lieblingsthema angelangt wäre: bei der frühkindlichen Förderung und überhaupt dem großen Anliegen Kinder und Familie. Denn gerade der Nachwuchs darf nicht verwahrlosen, sondern braucht Anstand und den unverwüstlichen Willen, sich in der Gemeinschaft nützlich zu machen – oder zumindest nicht unangenehm aufzufallen …

*

Und weil man es den Leuten dabei nicht unnötig schwer machen soll, darf man sie nicht als „Unterschicht“ titulieren, wie das neulich der SPD-Vorsitzende Beck getan hat. Obwohl der Mann das überhaupt nicht böse gemeint hat. Eigentlich wollte er nur mitteilen, dass die SPD auch nach den neuesten Forschungsergebnissen weiter die „Partei der Leistungsträger“ ist, also ganz in der Tradition seines Vorgängers Schröder steht, der die Sozis vom Ruch, „Partei der sozial Schwachen“ zu sein, befreit hat. Daneben hat er noch darauf hingewiesen, dass es eine wachsende Anzahl solcher Menschen gäbe, „die manche Unterschicht nennen“, die man als Wählerpotenzial auch nicht aus den Augen verlieren sollte. Aber nicht nur die parteipolitische Konkurrenz, auch etliche seiner führenden Mit-Sozis finden diese Wortwahl nicht gelungen. Und schon hat das Land für mindestens eine Woche die schönste Meta-Sozialdebatte: Darf man die Unterschicht Unterschicht nennen? Eher nicht, meint eine große Fraktion der nationalen Verantwortungsträger. Denn wo bleiben unser demokratischen Grundüberzeugungen und Werte, wenn die Oberschicht der Nation ihrer Unterschicht ganz unbefangen deren elenden Status vorbuchstabiert? So eine öffentliche „Stigmatisierung“ führt nur zur „Spaltung unserer Gesellschaft“ – und das „dürfen wir nicht zulassen“, gibt Franz Müntefering in einem Tagesthemen-Interview zu Protokoll. Wobei nicht so ganz zu entscheiden ist, ob er sich mehr um die Underdogs – von denen sich sowieso keiner beschwert hat – und deren Wählerstimme sorgt oder mehr um das intakte Selbstbild der Gesellschaft, die er mitregiert und als zuständiger Minister in allerlei politisch definierte soziale Schichten und Randgruppen auseinandersortiert. Auf alle Fälle kennt gerade er als führendes Mitglied einer Volkspartei nur ein einig Volk von Bürgern – umso einiger, je härter seine Politik es spaltet.

Die Forschungsarbeiten der Friedrich-Ebert-Stiftung sind also nicht umsonst. Erstens wissen die regierenden Herrschaften nun aufs Prozent genau, wie hoch der elende Bodensatz ihrer Gesellschaft aktuell zu veranschlagen ist. Und zweitens erweisen sie dem mit einer netten Sprachregelungsdebatte ihren Respekt nach dem Motto: „Don’t mention the Unterschicht – die Leute haben es schwer genug!“


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