Pol Pot ist tot

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Pol Pot tot und verbrannt:
Der letzte Betrug des „Steinzeit-Kommunismus“

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Zeitgemäße Feindbildpflege: Kriminalisierung des Kommunismus, personifiziert durch einen ‚Massenmörder‘, der sich der juristischen Ahndung seiner Verbrechen entzogen hat.

Pol Pot tot und verbrannt
Der letzte Betrug des „Steinzeit-Kommunismus“

Betrogen hat er nämlich die freie Welt um ihr gutes Recht auf eine regelgerechte juristische Abrechnung mit einem in jeder Hinsicht mustergültigen Systemfeind: stirbt das Scheusal (Bild, 18.4.98) einfach an Herztod irgendwo im kambodschanischen Dschungel, entzieht sich durch Verbrennung einer letzten Genanalyse und verhindert so die gerechte Sühne für ungezählte Verbrechen, die auf Wunsch der USA ein internationaler UN-Strafgerichtshof an Pol Pot vollstrecken sollte.

Die Art „Vergangenheitsbewältigung“ hat nämlich Konjunktur, seit der Staatskommunismus sowjetischen Typs in seinen verschiedensten Macharten der Vergangenheit angehört: Das siegreiche demokratische System, würdig vertreten durch seine amerikanische „Supermacht“ und viele gleichgesinnte Untermächte, hält Gericht über den Feind von neulich, der sich keinen Respekt mehr erzwingen kann; moralisch sowieso, aber auch juristisch, wo es geht und Effekt verspricht.

Wer wäre dafür besser geeignet gewesen als ein Pol Pot, Chef der Roten Khmer, Massenmörder, Schlächter und Monster? Hunderttausende Tote (irgendwie setzt sich die Zahl von 2 Millionen durch) klagen an; und auf der Anklagebank der personifizierte Wahn einer kommunistischen Gleichheit, der Urheber des mörderischen Massenexperiments zur Erzeugung des neuen Menschen (NZZ, 18.4.), die leibhaftige Todsünde also gegen die nicht länger bestreitbare Tatsache, daß kapitalistische Ungleichheit das einzig Vernünftige ist und an dem Menschen, der dazu paßt, nichts verändert werden darf.

Der Mann ist tot; und so wird der Prozeß – leider bloß – virtuell geführt, in Form von Leitartikeln und Kommentaren aus den Produktionsstätten des freiheitlichen Meinungspluralismus. Die sind selbstverständlich fair und ausgewogen und verschweigen nicht, wessen Sache der Schlächter von Kampuchea eigentlich betrieben hat:

„Die Intervention der USA in Kambodscha ermöglichte den Sieg der Roten Khmer, die von den Chinesen unterstützt wurden; US-Präsident Reagan benützte Pol Pot, um die Vietnamesen in Kambodscha zu schwächen. Und die UN anerkannten das Regime Pol Pots als legitime Vertretung des geschundenen Landes.“ (NZZ, 18.4.98)

Pol Pot – ein nützlicher Idiot der amerikanischen Kriegsführung? Die Opfer seiner Herrschaft – Unkosten einer strategischen Kalkulation? Das wollte man dann doch nicht gesagt haben. Die zusammenfassende Lehre lautet dann vielmehr so:

„Die grausame Schreckensherrschaft bleibt ungesühnt, moralische Werte wurden machtpolitischer Strategie untergeordnet.“ (Ebd.)

Das muß man den Amerikanern im Rückblick auch deutlich ankreiden. Denn nur dieser rückblickende Vorwurf stellt hinreichend klar,

  • daß globale „Machtpolitik“ nur dann in Ordnung geht, wenn sie sich an den Imperativen globaler Strafverfolgung orientiert;
  • daß die Sünde der USA eben darin besteht, hier zeitweise nicht konsequent genug gewesen zu sein, den verschiedenen kommunistischen Verbrechern vielmehr aus Berechnung noch andere Qualitäten als die des Straftäters zuerkannt zu haben; und
  • daß es mit dieser Inkonsequenz nunmehr vorbei zu sein hat.

Was den Kommunismus angeht, so darf man sich den kriminalistischen Blick auf dieses System nicht mehr durch die Erinnerung verstellen lassen, daß sogar die Staaten, die den großen Kreuzzug dagegen angeführt haben, keine Probleme damit hatten, unterhalb der generellen Feindschaft ziemlich normale Beziehungen zu „roten Regimen“ zu unterhalten. Das Urteil „Kommunismus = Massenmord“ duldet keine Relativierung. Damit erledigt sich auch umgekehrt jede Nachfrage, was an Pol Pots „Massenmorden“ – der brutalen Vertreibung der kambodschanischen Stadtbevölkerung aufs Land, der gewalttätigen Subsumtion der gesamten städtischen Einwohnerschaft unter das Verdikt, daß in den Metropolen die Kriegsgewinnler sitzen, während das Land vor die Hunde geht – und all seinen grausamen Konsequenzen eigentlich „kommunistisch“ gewesen sein soll. Wer es noch genauer wissen will, darf sich die Sache als „Steinzeitkommunismus“ vorstellen; sollte dabei allerdings weniger an amerikanische Generäle denken, die explizit das Ziel verfolgt haben, diese kommunismusgefährdete Region „in die Steinzeit zurückzubomben“; sondern den schönen Atavismus als durchaus passende Kennzeichnung des ostasiatischen Kommunismus empfinden – dann stimmt die Lage wieder.

Was die Weltpolitik überhaupt angeht, so wird auch an diesem Fall deutlich, wie sie heute gemacht und beurteilt gehört: Die Menschheit wird mit allen möglichen Verhältnisbeziehungen zwischen politischer Strategie auf der einen und einer höheren Moralität auf der anderen Seite gefüttert, bis das Quidproquo zwischen Politik und Strafrecht endgültig sitzt. Der prüfende Blick in die Vergangenheit offenbart dann regelmäßig – und das macht ja auch seinen Reiz aus –, daß sich die Verantwortlichen der Weltpolitik keineswegs immer an den Maßstäben der Moral orientierten, von der sie heute so unbedingt bewegt sind. Damit steht auch schon der Auftrag fest, der in Zukunft ihre Politik zu leiten hat: Je heftiger die „Sünden“ der Vergangenheit, desto dringlicher die Verpflichtung, in Zukunft endlich wirklich dafür Sorge zu tragen, daß in der Welt die politischen Anstandsregeln auch gelten, die sie erlassen haben; daß wirklich jeder zur Rechenschaft gezogen wird, der sich nicht an sie hält; und zwar keineswegs bloß symbolisch vor Tribunalen und womöglich nur noch postum, sondern erstens unverzüglich, zweitens bedingungslos und drittens natürlich praktisch, mit Hilfe der Gewalt, die ja eigens dazu da ist, für die guten Sitten der Völkergemeinschaft zu sorgen.


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