Die PISA-Studie

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-02 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Immer Ärger mit dem „Humankapital“ der Nation
Die PISA-Studie – Was für ein Schock!

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Die „PISA“-Studie, bringt es an den Tag: Deutsche Schüler liegen sowohl in ihrer „Lesekompetenz“ als auch in Mathematik und Naturwissenschaften „deutlich unter dem Durchschnitt der Industrienationen“. „Reputation und Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland“ sind in Gefahr. Passend und gerecht zugleich organisiert das Schulsystem der Republik die Verteilung der „jungen Menschen“ auf die unterschiedlichen Klassen – und reproduziert dabei sogar mit einiger Treffsicherheit ihre Herkunft aus ihrer jeweiligen Klasse.

Immer Ärger mit dem „Humankapital“ der Nation
Die PISA-Studie – Was für ein Schock!

Oh Schmach und Schande. Das „Programme for International Student Assessment“, kurz „PISA“, bringt es an den Tag: Deutsche Schüler liegen sowohl in ihrer „Lesekompetenz“ als auch in Mathematik und Naturwissenschaften „deutlich unter dem Durchschnitt der Industrienationen“. Im Vergleich von 32 Ländern landet Deutschland nur auf den Plätzen 22 bis 25 – also weit abgeschlagen von allen Medaillenrängen. Beim Rechnen schafft es nur ein knappes Viertel der Schüler, „eine einfache Prozentaufgabe“ zu lösen. Das untere Viertel quält sich erfolglos mit „einfachsten Grundschul-Aufgaben“ ab, wäre also nicht in der Lage, mit „typischen Aufgaben der Handwerkskammer bei der Bewerbung für eine Lehrstelle“ fertig zu werden. Ähnlich schlecht sieht es bei den Naturwissenschaften aus. Beim Lesen erbringen deutsche Schüler „Spitzenwerte“ – in der Zahl derer, die gegen Ende ihrer Schulkarriere nicht einmal „Lesekompetenzstufe I“ erreicht haben, also faktisch Analphabeten sind. Selbst bei den oberen 10% der „guten Leser“ belegt Deutschland nur einen Mittelplatz. „Besonders schlecht schneiden deutsche Schüler ab, wenn sie über einen Text nachdenken und ihn bewerten sollen“. (SZ, 5.12.) Und das beim Volk der „Dichter und Denker“!

Wenigstens darüber sind sich nun alle einig: Die „beschämend schlechten“ Leistungen des deutschen Nachwuchses im internationalen Vergleich – „schlechter noch als Polen und die russische Föderation“, nur „knapp besser als Mexiko und Brasilien“ – sind ein Skandal. Dabei zeigen sich Schulträger, Lehrer und all die anderen ideellen wie wirklichen Bildungsbeauftragten der Nation „keineswegs überrascht“ davon, dass viele deutsche Schüler über keine nennenswerten Fähigkeiten in den Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens verfügen. Der Listenplatz so „weit am unteren Ende“ der Skala sorgt allerdings für Aufregung: „Uns“ müsste doch ein internationaler Spitzenplatz zustehen – „uns“, nicht den Finnen. Verhängt ein internationaler Schulleistungs-Test über den Ertrag deutscher Schulen die Abschlussnote „Ungenügend“, steht demnach weit Höheres auf dem Spiel als „nur“ die Ausstattung der Jugend mit vernünftiger Bildung: „Reputation und Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland“ (Möllemann) sind in Gefahr.

Eine verräterische Sorge. Sie gibt nämlich eine erste Auskunft darüber, wofür Bildung und Erziehung in einer modernen Kulturnation gut sind und von Staats wegen veranstaltet werden: In all ihrer nationalen Betroffenheit sehen die Freunde der Volksbildung aus Kulturministerien und Feuilleton im Arsenal der kleineren und größeren ABC-Schützen nicht mehr und nicht weniger als eine nationale Ressource, bei deren Aufrüstung mit den nötigsten intellektuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Staat nichts anbrennen lassen darf, um in der Konkurrenz der „Standorte“ um Macht und Reichtum Erfolg zu haben. Zwar ist mit den Rechen- und Lesekünsten von Hauptschülern so unmittelbar kein Stich zu machen. Doch wenn es daran vergleichsweise fehlt, und das flächendeckend, dann liegt da nach allgemeiner Einschätzung doch ein Defizit vor, ein Konkurrenznachteil von zwar unbestimmter, deswegen aber auch unabsehbarer Tragweite. Auch wenn der Nachwuchs der Nation für deren weltmarktwirtschaftlichen Konkurrenzkampf noch nicht einmal vollzählig gebraucht wird: Bereitstehen soll er schon, fit und willig für jeden Gebrauch, flexibel einsetzbar und pünktlich, mit all den Fertigkeiten ausgestattet, von denen dann der Arbeitgeber nach seinem Bedarf so selektiv Gebrauch machen darf und machen soll, wie er es braucht – was er nicht benötigt, mag dann getrost zugrunde gehen. Darauf jedenfalls hat die rechenkundige Wirtschaftselite der Nation ein Anrecht. Und deswegen nennt Arbeitgeberpräsident Hundt es „für eine führende Industrienation einen Skandal“, wenn, wie die PISA-Studie zeigt, ein knappes Viertel der Schüler durch hoffnungsloses Unwissen seine Benutzbarkeit gefährdet.

Andererseits sind solche Beschwerden doch auch wieder einigermaßen ungerecht. Denn sie treffen nur den einen Teil des staatlichen „Bildungsauftrags“ – eben das berechtigte Interesse der arbeitgebenden Elite an einem zeitgemäß nutzbaren Menschenmaterial. Zur allgemeinen Volksbildung gehört aber ein genauso gewichtiger zweiter Auftrag: die Vorsortierung des gesellschaftlichen Nachwuchses; genauer: die Herstellung von Unterschieden an den jungen Leuten, die für deren gerechte und passende Verteilung auf die verschiedenen Stufen in der gegebenen Hierarchie der Berufe sorgen. Die Auslese, die für den Arbeitsmarkt getroffen wird, findet vor ihm statt, und zwar über die unterschiedliche Zuteilung von Bildung nach dem ebenso funktionalen wie gerechten Grundsatz: Wer länger braucht, kriegt weniger Zeit zum Lernen; wer nicht planmäßig mitkommt oder mitmacht, kriegt nicht umso mehr, sondern umso weniger Unterricht. Die Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten intellektueller Art geschieht nämlich im Hinblick auf Prüfungen, die ausdrücklich so angelegt sind, dass sie eine gewisse Quote von „Versagern“ hervorbringen, die alsdann von weiterer Ausbildung ausgeschlossen werden. Der Bildungskanon fungiert als Stoff, mit dessen Hilfe die Selektion und die „Weichenstellung“ vorgenommen wird, auf die sich dann der Arbeitsmarkt mit seinem differenzierten Bedarf so nutzbringend bezieht. Und das bis hinunter zur Rekrutierung des Personals für die Abteilung Lumpenproletariat. Wenn nämlich das Wochenblatt fürs gebildete Publikum, Die Zeit, anlässlich der PISA-Studie bemerkt, dass „für manche Erstklässler die spätere Langzeitarbeitslosigkeit in der postindustriellen Gesellschaft bereits beschlossene Sache ist“, dann mögen die letzten Idealisten der marktwirtschaftlichen Menschensortierung das zwar so verstehen, als ließe sich durch emsiges Lernen die Entstehung von Langzeitarbeitslosigkeit überhaupt vermeiden; Tatsache ist aber – und so meint es das schlaue Blatt in seinem abgeklärten affirmativen Zynismus wohl auch –, dass diese Sorte Elend einem gehörigen Prozentsatz der Gesellschaft auf alle Fälle blüht – und dass die Schulkarriere bloß mit darüber entscheidet, wen es trifft. Die von den ersten Schulklassen an konsequent praktizierte Trennung zwischen „den Guten“ und dem großen Rest bringt neben einer „Elite“ und einem größeren Teil von „Nicht-Elite“ eben auch alle Mal einen gehörigen Schwung von definitiven Schulversagern hervor, die schon damit für ihr restliches Leben ziemlich abgeschrieben sind.

Die Ergebnisse und eingetretenen Erfolge dieser schulischen Sortierungs-Bemühungen werden gerade durch die PISA-Studie eindrucksvoll bestätigt: 22% der Schüler verrotten „auf der untersten Niveaustufe“ – ungefähr haargenau der Anteil, den das Subproletariat in „unserer postindustriellen Bildungsgesellschaft“ ausmacht. So passend und gerecht zugleich organisiert das Schulsystem der Republik die Verteilung der „jungen Menschen“ auf die unterschiedlichen Klassen – und reproduziert dabei sogar mit einiger Treffsicherheit ihre Herkunft aus ihrer jeweiligen Klasse: „Mehr als in anderen Ländern besteht in Deutschland ein straffer Zusammenhang zwischen sozialer Stellung der Familien und schulischen Leistungen.“ (SZ, 5.12.) Die Nachkommenschaft der unteren wie der oberen Schichten landet also nach ihrer Teilnahme an den öffentlichen Bildungsveranstaltungen wieder dort, wo sie herkommt – und es gibt immer noch Leute, die sich darüber wundern. Als wäre mit den Praktiken der effektivst möglichen Auslese nicht zugleich auch schon klar, dass schulischer Erfolg der Kinder zu einem Gutteil davon abhängt, wie viel an Zeit, Geld und „Erfolgsorientierung“ ihre Familien dafür aufzuwenden vermögen, wie produktiv also im Sinne der Selektion durch Prüfungen ihre Drangsalierung durch ihre Eltern – Gen? Umwelt? – ausfällt. Und wenn sich schon der Staat ein Sparprogramm in seinem Bildungswesen verordnet und seinen einstmals selbstverordneten Auftrag, für „gleiche Bildungschancen“ und ein paar Arbeiterkinder an den Universitäten zu sorgen, ersatzlos zugunsten von „gezielter Förderung von Spitzenbegabungen“ und kostengünstiger Abwicklung für den Rest gestrichen hat, dann gilt der Maßstab des Geldes eben auch ungebremst für die Schulerfolge der lieben Kleinen. Bildung ist eine Klassenfrage – das deckt die PISA-Studie ganz nebenher wieder einmal auf.

Und das geniert im modernen Klassenstaat, Marke BRD, im Grunde auch niemanden mehr; ein paar alte hartgesottene GEWler vielleicht ausgenommen. Wenn es in der besten aller Welten für einen nicht unbeachtlichen Prozentsatz der Bevölkerung den Status des gesellschaftlichen Abschaums gibt, dann spricht das heutzutage nicht gegen diese Welt. Es spricht bloß trotz allem nicht unbedingt für ein Bildungswesen, das einen Großteil seiner Absolventen noch nicht einmal dazu befähigt, den Konkurrenzkampf um Auf- oder Abstieg in der Welt der Lohnarbeit überhaupt so richtig aufzunehmen. Das entscheidende Urteil über Brauchbarkeit oder Unbrauchbarkeit des nachwachsenden Menschenmaterials sollte dann doch „der Arbeitsmarkt“ treffen; so brauchbar sollten die Jugendlichen also auf alle Fälle sein, dass die Arbeitgeber die uneingeschränkte freie Auswahl haben. Was sich übrigens, ohne dass auch nur irgendetwas anderes gemeint wäre, auch so ausdrücken lässt: Jeder Einzelne soll seine Chance haben, das Optimum an Erwerbsfähigkeit aus sich heraus zu holen und im Berufsalltag seinen gerechten Platz zu finden. So buchstabiert sich „Ressource“ menschenfreundlich.

Schließlich gibt es oberhalb der herrschenden Brauchbarkeits- und Sortierungsgesichtspunkte noch ein höheres Recht auf Bildung, aus dem der dritte Teil des öffentlichen Auftrags an ein nationales Schulsystem folgt: Einem modernen Kulturstaat ist daran gelegen, seinem Volk und dessen Jugend die Grundausstattung eines anständigen Staatsbürgers mit auf den Lebensweg zu geben. Recht viel an Bildung braucht es – der nicht aussterben wollenden, idealistischen Verwechslung von Volksbildung mit einem gebildeten Volk zum Trotz – dafür zwar nicht. Aber ein einigermaßen anstelliger Umgang mit Formularen, Wahlzetteln und der Lektüre der Bild-Zeitung, eine solide „Verankerung in der abendländischen Wertegemeinschaft“ und das Wissen, wo die persönliche Freiheit endet und dass man Gewalt nur in staatlichem Auftrag anwenden darf – mit so viel geistigem Rüstzeug soll ein nützliches Volk schon versehen sein. So gänzlich ohne alle Fertigkeiten im Umgang mit der Sprache aller Deutschen, dass es am Ende dafür nicht mehr reicht, darf ein zuverlässiger Nationalist nun eben auch nicht sein: So viel Lesekompetenz muss sein. Und in dieser Hinsicht gibt die massenhafte geistige Verelendung der Jungmannschaft dem Herrn über Erziehung und Ausbildung Anlass zu einer gelinden Besorgnis; nämlich: wie gut und wie zuverlässig sich mit einem – nicht nur im internationalen Vergleich – derart großen „Sumpf“ an Bildungsdefiziten Staat machen lässt. Diese Sorge wird dadurch noch verschärft, dass sich das jugendliche Lumpenproletariat zu einem ansehnlich großen Teil aus Nicht-Deutschen zusammensetzt, an deren nationaler Zuverlässigkeit ohnehin schon sehr prinzipielle Zweifel bestehen. Da braucht der Bundespräsident „kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass wir es in den kommenden Jahren mit noch größeren Integrationsproblemen zu tun bekommen, wenn wir die Kindergärten und Grundschulen nicht so umgestalten und ausstatten, dass sie ihren Beitrag zu einer gelungenen Integration leisten können“ (Rau am 10.1.). Sonst wächst der Nation nämlich am Ende eine Fünfte Kolonne aus lauter ebenso nutz- wie heimatlosen Gesellen heran, deren nationaler Gesinnung man überhaupt nicht mehr über den Weg trauen kann.

So bewegt der „Schock“ der PISA-Studie dann doch einiges. Eine Bildungskonferenz der Kultusminister unterbreitet ein „Sofort-Programm“; und was da gefordert wird, fordern die zahlreichen sonstigen Experten in ihren Leitartikeln und Leserbriefen auch: Die Schüler sollen früher das Lernen anfangen oder auch früher damit wieder aufhören oder auch beides; die Schulen haben „zu viel Wissen vermittelt“ oder auch chronisch „die Schüler unterfordert“, in jedem Falle aber „die Vermittlung von Werten vernachlässigt“; die Lehrer haben versagt und „leseschwache Schüler“ zwar aussortiert, nicht aber „erkannt“ und gehören „weitergebildet“; die Eltern haben versagt und ihren Kindern „bildgebende Medien“ statt „Lesekompetenz“ vermittelt und gehören „entlastet“; die „deutschen Schüler sind zu doof“, verweigern das „Lesen in der Freizeit“ und bevorzugen „Gameboy statt Goethe“ – da hat der ganze „Harry Potter“ nichts genützt; Ganztagsschulen sollen „Begabte besser fördern“, aber auch „Benachteiligungen ausgleichen“; Gesamtschulen, in denen die irreversiblen Weichenstellungen für die künftige Klassenzugehörigkeit nicht schon nach 4 Jahren, sondern erst nach der 10. Klasse gesetzt werden, sollen dem Problem abhelfen; chronischen „Schulschwänzern“, die sich ihrer Bildungspflicht entziehen, sollte mit vermehrtem Einsatz von Schulbullen das Handwerk gelegt werden; und für das Problem des „hohen Ausländeranteils in deutschen Hauptschulen“, der ja der eigentliche Grund des Übels ist, weil er unseren ansonsten so schönen deutschen Durchschnitt versaut, hat Niedersachsens mathematisch gebildeter SPD-Ministerpräsident Gabriel die überzeugende Lösung parat: strikte Begrenzung des Ausländeranteils in den Schulklassen – da hat er den CDU-Koch aus Hessen aber sauber ausgebremst!

Bei der Elite braucht sich der Klassenstaat um seine Volksbildung keine Sorgen zu machen.


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