Papst verdammt Kapitalismus!

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-14 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Viel Kopfschütteln unter den journalistischen Spin-Doctors unseres Wirtschaftssystems
Papst verdammt Kapitalismus!

Systematischer Katalog: 
Überblick

Neulich im Sommer vergangenen Jahres erntete der Papst großen Beifall der hiesigen Öffentlichkeit dafür, dass er das Elend der Flüchtlinge anprangerte und von den politischen Verantwortungsträgern mehr praktizierte Mitmenschlichkeit einforderte. Seitdem hat Franziskus nichts von dem Elan, Politik und Gesellschaft zu beeinflussen (Beise, SZ, 30.11.13) verloren. Wie es ihm als Stellvertreter seines allmächtigen Herrn aufgetragen ist, guckt er in die Welt, um zu urteilen, was eine Frucht des Gottesreiches sein kann, und auch, was dem Plan Gottes schadet. (Evangelii Gaudium, Apostolisches Schreiben des Heiligen Vaters, veröffentlicht am 24.11.13) Diesmal trifft sein heiliger Zorn eine nicht gerade unbedeutende Sphäre des gesellschaftlichen Lebens, die kapitalistische Geldwirtschaft, was ihm jetzt allerdings weniger Applaus als vielmehr eine ziemlich deutliche Abfuhr aus deutschen Redaktionsstuben einbringt.

Viel Kopfschütteln unter den journalistischen Spin-Doctors unseres Wirtschaftssystems
Papst verdammt Kapitalismus!

Neulich im Sommer vergangenen Jahres erntete der Papst großen Beifall der hiesigen Öffentlichkeit dafür, dass er das Elend der Flüchtlinge anprangerte und von den politischen Verantwortungsträgern mehr praktizierte Mitmenschlichkeit einforderte. Seitdem hat Franziskus nichts von dem Elan, Politik und Gesellschaft zu beeinflussen (Beise, SZ, 30.11.13) verloren. Wie es ihm als Stellvertreter seines allmächtigen Herrn aufgetragen ist, guckt er in die Welt, um zu urteilen, was eine Frucht des Gottesreiches sein kann, und auch, was dem Plan Gottes schadet. (Evangelii Gaudium, Apostolisches Schreiben des Heiligen Vaters, veröffentlicht am 24.11.13) Diesmal trifft sein heiliger Zorn eine nicht gerade unbedeutende Sphäre des gesellschaftlichen Lebens, die kapitalistische Geldwirtschaft, was ihm jetzt allerdings weniger Applaus als vielmehr eine ziemlich deutliche Abfuhr aus deutschen Redaktionsstuben einbringt. Diese verdankt sich der Radikalität, mit der der Papst auf den Kapitalismus losgeht und ihn verurteilt:

„Ebenso wie das Gebot ,du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ,Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit. Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.“ (Ebd.)

Ausdrücklich betont der Papst, dass sich all diese skandalösen Zustände dem hiesigen wirtschaftlichen System verdanken, eben genau der weltweit gültigen kapitalistischen Art privater Geldvermehrung und ihrer Rechnungsweise. Niemand soll es überhören – darauf legt der Mann Gottes großen Wert – dass diese Wirtschaft tötet! Und in diesem Urteil will er sich von niemandem beirren lassen, schon gar nicht von wissenschaftlichen Apologeten des ,Marktes‘, von deren schönfärberischen Ideologien über das herrschende Wirtschaftssystem er gar nichts hält:

„In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die ,Überlauf‘-Theorien (trickle-down theories), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems.“ (Ebd.)

So viel zur Sache und ihrer ideologischen Beschönigung. Was den Papst allerdings noch mehr umtreibt als das Elend und seine ,systematischen‘ Ursachen, ist die flächendeckende Indolenz dieser Lage gegenüber, die er allenthalben konstatieren muss. Mit dem kleinen Themenwechsel ist er bei seinem eigentlichen hauptberuflichen Anliegen: der moralischen Gesinnung der Menschheit.

„Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, oder um sich für dieses egoistische Ideal begeistern zu können, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, … noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fernliegende Verantwortung, die uns nichts angeht. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und wir verlieren die Ruhe, wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben, während alle diese wegen fehlender Möglichkeiten unterdrückten Leben uns wie ein bloßes Schauspiel erscheinen, das uns in keiner Weise erschüttert…“ (Ebd.)

Natürlich entsteht Armut nicht dadurch, dass sie dauernd ignoriert wird: Gleichgültigkeit gegenüber einem Besitzlosen macht diesen ja nicht zum Bettler. Ebenso wenig entsteht Armut deshalb, weil die Menschheit nur noch Kauf und Konsum im Sinn hätte – wie erzeugte auch eine solche Kultur ihr gerades Gegenteil, den massenhaften Ausschluss vom Genuss? Und schon gleich nicht erklärt sich Armut daraus, dass ihr Anblick keinen mehr erschüttert. Aber das alles interessiert den Papst auch gar nicht. Der Hauptskandal der Armut liegt für ihn sowieso in fehlender Abhilfe und in der Gleichgültigkeit derer, die nichts dagegen tun. Die einzige Frage, die ihn angesichts dessen umtreibt, ist folgerichtig die nach dem Ursprung dieser Gesinnung. Und die ist dem Stellvertreter Gottes wirklich gar kein Rätsel; die unfehlbare Antwort dazu hat er nämlich längst parat:

„Einer der Gründe dieser Situation liegt in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vorherrschaft über uns und über unsere Gesellschaften. Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.“ (Ebd.)

Wer in der Welt die Menschlichkeit vermisst, für den stellen sich auch komplizierte Sachverhalte glasklar dar. Für den sind Ökonomie und Finanzkrisen Indikatoren für die flächendeckende Manifestation einer Leugnung des Vorrangs des Menschen! Und wer die Figuren dieser Verhältnisse daraufhin prüft, ob sie die richtige Haltung zum Elend einnehmen, für den sind vom Banker bis zum Bettler alle gleich, ein einziges ,Wir alle‘, dessen Mitglieder sich nur noch in ihrer praktizierten Moral unterscheiden. In einem gedanklichen Dreisprung ist so der Kapitalismus erstens als moralische Verfehlung, diese zweitens als Selbstverfehlung des Menschen, und die wiederum drittens als Verstoß gegen nichts Geringeres als den Allerhöchsten dechiffriert:

„Hinter dieser Haltung verbergen sich die Ablehnung der Ethik und die Ablehnung Gottes.“ (Ebd.)

So stellt ein Papst die Welt vom Kopf auf die Füße: Nicht durch Gewalt gültig gemachte Interessen, nicht der Inhalt und die Logik einer Reichtumsproduktion, die für den Reichtum in Privathand auf der einen und für den Ausschluss von diesem Reichtum auf der anderen Seite sorgt, sind es, die die Verhältnisse bestimmen. Die verdanken sich stattdessen ganz der (Nicht-)Betätigung von Werten, die als ideelle, eigentliche Handlungsanweisungen für den Menschen absolute Gültigkeit beanspruchen. Also muss sich genau eines ändern: die Gottvergessenheit, was automatisch auch dem Geld wieder seine einzig richtige Rolle zuweist – nämlich die, Mittel fürs Gute zu sein:

„Das Geld muss dienen und nicht regieren! Der Papst liebt alle, Reiche und Arme, doch im Namen Christi hat er die Pflicht daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müssen. Ich ermahne euch zur uneigennützigen Solidarität und zu einer Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen.“ (Ebd.)

Wer als Christ in die kapitalistische Welt mit ihren Finanzpalästen und Hungertoten blickt, der entdeckt in der großen moralischen ,Wir‘-Gemeinschaft eine sehr nützliche Zweiklassengesellschaft, bestehend aus denjenigen, die haben, und denjenigen, die brauchen. Aus dem gesellschaftlich erzeugten Gegensatz von Arm und Reich wird ein wunderbares Ergänzungsverhältnis: Die Armen eröffnen den Reichen die Chance, sich durch helfende Nächstenliebe als uneigennützig solidarische Instrumente Gottes zu bewähren. Und das Schöne dabei ist, dass im Grunde niemand von dem Genuss ausgeschlossen wird, den Armen [zu] helfen. Denn die entscheidende Beitrittsvoraussetzung zu dieser Heilsarmee besteht ja weniger in dem Umfang des Besitzstands als vielmehr in der Größe der Tugendhaftigkeit des Besitzers; von daher kommt nicht nur das Dienstpersonal der Wirtschaft, das aber schon mal auf alle Fälle, in den christlichen Genuss, gewissenhaft seine materialistische Einstellung hinterfragen zu dürfen. Und wenn sich die Handlanger und Profiteure des eben noch ,mörderischen‘ Kapitalismus barmherzig zu ihren Opfern neigen und ihnen ein paar Almosen hinwerfen, dann hat das Reich Christi auf Erden schon so gut wie Einzug gehalten…

Hilfe für die Armen, uneigennützige Solidarität, eine Ethik zugunsten des Menschen: Wenn die menschliche Gesellschaft ein einziger Ruf nach tätiger Nächstenliebe ist, dann produziert ihre Ökonomie offenbar lauter Not. Nur dann erwächst das unsinnige Bedürfnis, die Verhältnisse um eine ihrem Wirken entgegengesetzte Tugendleistung ihrer Insassen zu ergänzen, die wie selbstverständlich von laufend produzierter Armut ausgeht. Aber nicht zuletzt dafür gibt es ja Religion, und dazu ist ein religiöser Führer da: Um den billigen Idealismus, den die Welt der kapitalistischen Sachzwänge sich gönnt, in den Rang eines Höchstwerts zu erheben, dessen Verehrung alle realen Übel zwar nicht wirklich korrigiert, aber ziemlich bedeutungslos erscheinen lässt.

*

Dass ihr Kapitalismus ein System der Unmoral ist, das wollen manche Journalisten nicht auf ihm sitzen lassen. Es ist eben auch nicht irgendwer, der hier weltöffentlich unser Wirtschaftssystem so grundsätzlich kritisiert:

„Der Papst mag keine Legionen haben und auch keinen 300-Mrd.-Euro-Haushalt. Aber er hat eine natürliche Autorität, dieser Papst ganz besonders. Der Papst rockt die Welt.“ (Beise, SZ, 30.11.13)

Als jemand, der einen tieferen Sinn und höheren Zweck des mit Gegensätzen und Elend nicht zu knapp gesegneten Weltgeschehens verkündet; der Trost spendet und die Menschheit immer wieder ans Gute gemahnt; der für eine Weltsicht agitiert, in der der Mensch sich als Stäubchen und als Diener des Willens eines höheren Herrn begreift: als solcher genießt der Papst bei aufgeklärten ,westlichen‘ Journalisten einen guten Ruf; deshalb verschaffen sie ihm ja eine kon-struktiv-kritisch bis wohlwollend kommentierte Medienpräsenz. Aber wenn er seinen ,natürlichen‘ Einfluss als moralische Instanz auf die Urteile der Menschen für eine derart verächtliche Meinung vom Kapitalismus missbraucht, dann fordert der Mann Gottes deutsche Wirtschaftsredaktionen zu essayistischen Höchstleistungen heraus:

„Der Papst irrt. Man muss ihm widersprechen. Denn Franziskus leistet einem Irrtum Vorschub… Er führt Menschen in die Irre… Er bedient Ressentiments rund um den Globus… Man muss konzedieren: Er steht damit nicht alleine, er trifft den Zeitgeist… Kritiker an den hierzulande ,herrschenden Verhältnissen‘ fühlen sich höchstrichterlich bestätigt. Das Leben ist ungerecht in Deutschland, ,die Wirtschaft‘ beutet die Menschen aus? Klar, sagt sogar der Papst!“ (Ebd.)

Noch ehe der Journalist irgendwie den Irrtum des Papstes thematisiert oder gar nachweist, verurteilt er ihn wegen der Wirkung, die er ihm nachsagt und die er nicht leiden kann: Der Papst gibt denen recht, die dagegen sind, und bestärkt ihre Ablehnung, von der Beise nur eins mitteilt, nämlich dass er selbst sie als Zeitgeist verachtet. Für den intellektuellen Aufklärer, der die Menschheit vor einem Irrtum bewahren will, macht sich ein Moralapostel nämlich unmöglich, wenn er mit seinen Wortmeldungen keinen Beitrag zu dem parteilich-positiven Image des Kapitalismus ist, das in der eigenen Redaktion gepflegt wird. Daran vergeht sich der Papst: Er sucht sich den falschen Gegner aus und verstellt den Blick auf die positive Kraft des Kapitalismus!

Das ist aber nicht nur wegen der fatalen Wirkung, sondern auch theoretisch verkehrt:

„Der Papst mit seinem Generalangriff auf das ,herrschende System‘ differenziert nicht.“ (Ebd.)

Das versteht sich für den SZ-Redakteur offenbar von selbst: Eine Weltbetrachtung, die sich vor unlauterer Verallgemeinerung hütet, kommt notwendigerweise zu der Einsicht, dass diese Welt, bei allen Defiziten, die beste ist, die dem Menschen bisher eingefallen ist. Mit genau diesem Wirtschaftssystem, das wir in Deutschland zurecht soziale Marktwirtschaft nennen. (Ebd.) Das Beratschlagen der Menschheit, welche gesellschaftlichen Verhältnisse ihr wohl am besten täten, das mit dem großartigen Einfall endet, dass es Kapitalisten braucht, die nach Kräften ihr Eigentum vermehren, und Lohnarbeiter, die sich mit viel Arbeit und wenig Lohn bescheiden müssen, hat zwar nie stattgefunden. Auch ist mit keinem Wort gesagt, warum und inwiefern dieses Wirtschaftssystem gut ist, wenn man bekennt, dass es nicht ganz ,perfekt‘ ist. Aber dafür ist umso deutlicher klargestellt, wie vorbehaltlos man für es Partei ergreifen muss. Die Defizite des Systems räumt man nämlich ein, um sie ohne weiteres Argument wieder auszuräumen, für belanglos zu erklären und umso bedingungsloser auf der Berechtigung des eigenen positiven Urteils zu beharren – an solch subtil-methodischer Art der Differenzierung lässt es der Papst in jeder Hinsicht fehlen:

„Drei Wörter: ,Diese Wirtschaft tötet‘, härter geht das nicht. Falscher auch nicht. Bei allem Respekt: Der frühere Erzbischof von Buenos Aires lässt sich offensichtlich von seinen Erfahrungen in Lateinamerika leiten, aber er benennt das nicht. Er kritisiert ,das herrschende Wirtschaftssystem‘, aber wenn er schreibt: ‚Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht ,Ausgebeutete‘, sondern ,Müll‘, ,Abfall“‚ dann erinnert das an die Zustände in Argentinien nach dem Ende der Militärdiktatur; man könnte auch an manchen afrikanischen Staat denken oder an Russland nach dem Ende des Sowjetstaates. Aber es erfasst nicht den Kern des weltweit ,herrschenden Systems‘.“ (Ebd.)

Die drastisch moralischen Bilder und Etikettierungen – die Wirtschaft tötet, macht Menschen zu Ausgeschlossenen, behandelt sie als Müll, Abfall –, mit denen der Papst sehr passend zu seiner Diagnose die ,Entmenschlichung‘ dieser Wirtschaftsweise brandmarkt, kommen Herrn Beise gerade recht: Da kann es sich nur um hemmungslose Übertreibungen und realitätsferne gedankliche Entgleisungen, aber nie und nimmer um eine Kennzeichnung der ,Realität‘ handeln, jedenfalls nicht der unseren, denn solche moralischen Invektiven ,passen‘ bestenfalls anderswo. Man versteht ja, dass die persönlichen Erfahrungen Franziskus so betroffen machen; aber das Verständnis endet spätestens beim unsauberen methodischen Arbeiten: Der Papst benennt nicht, was ihm der deutsche Journalist als verständlichen Grund unterschiebt, dass er nämlich allein aus der argentinischen Froschperspektive heraus predigt, also allenfalls Meinungen von eng begrenzter Reichweite zum Besten gibt. So muss der Journalist daran erinnern, dass das globale System hierzulande über einen unverwüstlich guten Ruf verfügt und die Mängel, die sich um den herum ganz locker in mindestens drei von fünf Kontinenten finden lassen, als ganz und gar untypische Ausnahmefälle einzuordnen sind: ,Randerscheinungen‘ eben und deshalb gefälligts abzuhaken.

Die Wirtschaftsredaktion der FAZ steuert auch noch ein sachdienliches Argument zur wahren Lage des globalen Kapitalismus bei:

„Auch jenseits aller Deutungsfragen ist zu prüfen, ob sich die Thesen des Papstes empirisch überhaupt halten lassen. Seine Behauptung etwa, ,während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit‘, greift zu kurz. Anders als es der Papst nahe legt, ist die Zahl der sehr armen Menschen einer aktuellen Studie der Weltbank zufolge in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 700 Millionen Menschen auf 1,2 Milliarden gesunken… Das Milleniumsziel, die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, bis 2015 zu halbieren, ist laut Weltbank-Präsident Jim Yong Kim fünf Jahre früher erreicht worden… Verantwortlich dafür sind allen Zahlen zufolge vor allem China und Indien – Länder, die seit den siebziger Jahren zunehmend marktwirtschaftliche Prinzipien einführten und so die Zahl der Hungertoten drastisch reduzierten… Der Volkswirt Norbert Berthold von der Universität Würzburg etwa kommt in seiner Studie ,Wie ungleich ist die Welt?‘ zum Ergebnis, ,dass im neuen Jahrtausend die Ungleichheit deutlich abgenommen hat‘.“ (Christoph Schäfer, FAZ, 29.11.13)

Da ist der FAZ wirklich eine glanzvolle empirische Widerlegung der päpstlichen Thesen gelungen: Wie kann man bei nur noch 1,2 Milliarden sehr armer Menschen überhaupt noch von ,Armut‘ reden, die sich angeblich auch noch vom Wohlstand immer weiter entfernt? Wo entdeckt ein Papst da bloß soziale Ungleichheit und wie kommt er auf das Hirngespinst, dass sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt [sehen]; ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg? Wenn ein fast schon übermenschlich anmutendes Milleniumsziel das Plansoll sogar frühzeitig übererfüllt, jeden Zweiten der zahllosen Hungerleider auf einen statistischen Tagelohn von – man höre und staune! – mindestens 1,25 Dollar zu hieven, darf man doch wirklich nicht mehr von Armut, sondern muss von dem grandiosen Fortschritt reden, den der Kapitalismus erzeugt, dessen Prinzipien inzwischen auch hunderte Millionen Inder und Chinesen in ihren Elendsvierteln immer satter machen.

So sieht der eine in der Armut eine bloße Randerscheinung, während sie bei dem anderen auf übersichtliche 1,2 Mrd. zurechtgestutzt ist.

Die Sichtweise des Papstes hingegen ist so oder so ignorant – bei uns zuhause ist nämlich sowieso alles anders:

„In Deutschland beispielsweise, um damit anzufangen, sieht die Welt anders aus. Auch wenn es manche Kritiker nicht wahrhaben wollen, geht es dem Land vergleichsweise gut. Noch nie waren so viele Menschen in Arbeit… Es ist wahr: Nicht jeder arbeitende Mensch kann von seiner Hände Arbeit leben, immer mehr Löhne liegen unter dem Existenzminimum, immer mehr Arbeitsverhältnisse sind ,prekär‘. Aber doch nicht, weil böse Bosse das so wollen, sondern weil die alternde Industriegesellschaft Deutschland in einem immer härteren Wettbewerb gegen die aufstrebenden Nationen besonders aus Asien sich mühsamer als früher nur behaupten kann. Um diese Menschen kümmert sich der Staat, er stockt Einkommen auf (und will nun sogar einen allgemeinen Mindestlohn einführen)… Altersarmut ist kein Massenphänomen.“ (Beise, SZ, 30.11.13)

Ja, das ist sie, die entscheidende Differenz, die zeigt, zu welch humanistischem Fortschritt der Kapitalismus in der Lage ist, dass auch der Liebe Gott eigentlich nur applaudieren kann: An auserwählten Standorten müssen die lohnarbeitenden Insassen nicht massenhaft verhungern, sondern dürfen ein Leben lang für staatlich garantierte Mindestlöhne kapitalistischen Reichtum mehren! Auch diese arbeiterparadiesischen Zustände á la Deutschland sind zwar nur sehr bedingt ,paradiesisch‘ – aber doch nicht, weil der Teufel in die Bosse gefahren wäre. Es ist schlicht so, dass der nun einmal weltweit herrschende Wettbewerb eben seinen Tribut fordert. Wenn der schöne Weltmarkt gar kein sich arbeitsteilig ergänzendes Verhältnis von nationalen Standorten ist, sondern in einem rücksichtslos geführten staatlichen Konkurrenzkampf um die nationale Aneignung von Geldreichtum besteht, der in den Nationen zu einem Dauertest und -angriff auf Löhne und Arbeitsverhältnisse führt, also laufend die Lebensumstände infrage stellt, dann ist das nicht kritikabel, sondern Sachzwang. Von einem moralischen Defizit kann mithin nicht die Rede sein; schon gar nicht bei den Verantwortlichen: So lässt der Journalist aus der päpstlichen Systemkritik die Luft raus.

So sehr es gilt, zwischen Moral und ökonomischen Sachnotwendigkeiten zu differenzieren, so sehr gilt es andererseits, moralische Verurteilungen an der richtigen Stelle einzusetzen, nämlich zum Freispruch für die Marktwirtschaft, die sich immerzu an der sittlichen Erziehung der politisch Herrschenden und der Wohlfahrt aller abarbeitet, wenn in ihr das kapitalistische Getriebe vorankommt und dessen ordentliches Wachstum alleingültige Staatsräson ist:

„Heute geht es der Bevölkerung in vielen Staaten der Welt besser als vor 20 Jahren. Wo das nicht der Fall ist, zerstört nicht der Markt die Menschen, sondern es sind Korruption, Eigensinn, Cliquenwirtschaft. Weltweit sieht man, dass Systeme mit einer funktionierenden Marktwirtschaft, die nach Gesetz und Recht organisiert sind, Marktmissbrauch bekämpfen, Korruption ahnden und sozial abfedern, Wachstum und Wohlstand befördern…“ (Ebd.)

Wenn Herr Beise in die Welt blickt, dann sieht er eben immerzu nichts anderes als sein eigenes positives Urteil über diese Wirtschaftsweise: kritikable Zustände verdanken sich nie und nimmer dem Zweck der Kapitalvermehrung, sondern dessen Missbrauch; denn wenn sie funktionieren, diese Systeme, dann halten sie ja höchst erfolgreich ihre eigenen schlechten Wirkungen und Symptome in Schach! Nur Verheerendes aber richtet an, wer vom Dogma der allein seligmachenden kapitalistischen Bereicherung abfällt:

„…während bisher alle Versuche, aus diesem System auszubrechen und zum Beispiel eine wohlmeinende, steuernde Wirtschaft zu organisieren, in Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Armut endeten.“ (Ebd.)

An welche Versuche der Journalist auch immer gedacht haben mag – Klosterleben, Subsistenzwirtschaft oder israelische Kibbuzim: Denunziert wird ein System damit, dass man ihm eine weltverbessernde Absicht nachsagt, um eine abgrundtief schlechte Realität als notwendige Konsequenz eines solchen somit nur scheinbar menschenfreundlichen Ansinnens zu behaupten: Eine wohlmeinende Wirtschaft vergewaltigt die Menschen! Für den Wirtschaftsexperten Beise gibt es eben kein größeres Verbrechen, als soziale Gesichtspunkte zur Richtschnur der Ökonomie zu erheben. Gottseidank tut der Kapitalismus inzwischen weltweit sein humanes Werk, was sich an den Zahlen der FAZ-Statistik ja deutlich ablesen lässt.

Seltsam nur, dass diese beste aller möglichen Welten die Einsicht in ihre Güte und Vortrefflichkeit ausgerechnet bei den von ihr Beglückten so gar nicht von selbst hervorzurufen vermag:

„Der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf … hat darauf hingewiesen, dass Marktwirtschaft Akzeptanz braucht, dass sie auf den Zusammenhalt der Gesellschaft angewiesen ist. Um diese Akzeptanz muss man ringen – sinnvollerweise aber ausgehend von einem klaren Bekenntnis zur Marktwirtschaft. Dieses wiederum lässt der Papst in seinem Brandbrief vermissen.“ (Ebd.)

Sehr logisch: Das schlagendste Argument für die Zustimmung zu einem System besteht darin, dass das System Zustimmung braucht. Und weil die Insassen diese aus unerfindlichen Gründen nicht automatisch abliefern, stehen moralische Autoritäten in der Pflicht, Parteilichkeit zu stiften. Also dürfen sie vor und bei jedem Argumentieren an ihrer eigenen bedingungslosen Parteilichkeit auch nicht den geringsten Zweifel lassen. Diese Pflicht bleibt der Papst Herrn Beise bislang zwar schuldig – aber vielleicht entdeckt der Mann Gottes seine eigentliche Mission ja noch:

„Am Ende spricht eben doch der Theologe, nicht der Ökonom. Die Kunst wäre es, diese Welten zusammenzubringen. Diesem Papst ist zuzutrauen, dass das noch kommt.“ (Ebd.)

Das wäre so recht nach dem Geschmack eines Wirtschafts-Intellektuellen: Das Papsttum als die amtliche Niederlassung der höheren göttlichen Ordnung betätigt sich für die „Süddeutsche“ als Propagandainstanz des Kapitalismus auf Erden und legt die Regeln der Marktwirtschaft den Christgläubigen als ultima ratio und höchstes Gebot ihres Herrn ans Herz. Ein Stellvertreter Gottes, der seine christlichen Werte dem Kapitalismus pauschal hinterherschmeißt!

*

Gottseidank gibt es gleich im Nebenzimmer derselben Redaktionsstube auch einen wohlgesonnenen intellektuellen Leser des päpstlichen Schreibens. Der versteht seinen Papst gleich so, wie ihn der Kollege von der Wirtschaft gerne hätte – als wohlmeinende moralische Belehrung und Bereicherung, die diesem System dient und gut ansteht:

„Der Papst hat recht… Im Vatikan sitzt nicht Fidel Castro. Es sitzt dort auch nicht ein wiedergeborener Karl Marx. Es betet dort kein Kommunist, sondern ein Katholik – ein Mann des Evangeliums. Er nimmt dieses Evangelium so ernst, dass es all denen blümerant wird, die es bisher als theologisches Poesiealbum betrachtet haben… Er betrachtet die Welt nicht mit den Augen derer, die in Zürich, Düsseldorf oder New York groß geworden sind, Volks- und Betriebswirtschaft studiert haben und dann in einen Bankturm eingezogen sind, um von dort aus die Welt mit Finanzinstrumenten zu vermessen. Franziskus leitet nicht das Münchner Ifo-Institut und nicht die Weltbank, sondern die Weltkirche. Sein Apostolisches Lehrschreiben, das bei den Freunden des Kapitalismus so viel Kritik erfahren hat, ist auch nicht die Bewerbung für den Chefposten der US-Notenbank. Es ist die kirchliche Regierungserklärung eines Papstes, der aus eigener Anschauung weiß, was ein entfesselter Kapitalismus anrichtet, wie er Menschen und Länder in den Abgrund stürzt… Franziskus meint nicht die soziale Marktwirtschaft, er meint den radikalen Kapitalismus… Der Kapitalismus ist nicht per se gut, und seine Schwächen sind nicht nur die menschlichen Schwächen seiner Manager, sondern strukturelle Schwächen. Das ist die Botschaft des Papstes. Sie ist nicht neu, Franziskus denkt und schreibt das nur weniger wattiert, als es seine Vorgänger taten.“ (Heribert Prantl, SZ, 07.12.13)

Eine schöne Ehrenrettung des Papstes: Prantl weiß genau, was der Papst wirklich meint. Er entdeckt am Mann der Religion dieselbe aberwitzige Logik einer Kapitalismus-Befürwortung, die er selber und andere Journalisten auch schätzen und öffentlich pflegen: Man unterscheidet und trennt damit an den herrschenden Zuständen zwischen gar nicht drastisch genug auszumalenden ,Entartungen‘ und den positiven Kräften und Instanzen im System, allen voran der Staat, die beauftragt und geeignet sind, die kritikablen Elemente in ,Ordnung‘ zu bringen. Dass der Kapitalismus das Zeug dazu hat, Menschen und Länder in den Abgrund zu reißen, je entfesselter und radikaler er zum Zuge kommt, muss man einfach andersherum buchstabieren: Die ,Einhegung‘ seiner lebensfeindlichen Prinzipien durch eben die Staatsgewalt, die ihn in Kraft setzt und hält, bringt plötzlich das Bestmögliche an gesellschaftlichen Verhältnissen hervor, was überhaupt denkbar ist! Man muss nur die radikale Schadensbilanz zu ,Schwächen‘ und ,Mängeln‘ eines ,nicht per se‘ schlechten, also – die ,Mängel‘ einmal wegdefiniert – im Prinzip dann ,letztlich‘ doch ,guten Systems‘ herunterdefinieren; und schon zeugt die Notwendigkeit seiner ,Verbesserung‘ von seiner unbedingten Verbesserungs-Würdigkeit.

Übers Problematisieren des schlechten zum guten Kapitalismus gelangen: Wer sich vom Gottesmann diese Sorte moralischer Apologetik des kapitalistischen Wirtschaftens erwartet, der muss ihm nach Prantls Geschmack dann aber auch zugestehen, dass es dafür eine gewisse religiös-kritische Distanz braucht. Der Papst muss dann auch mal die ,Auswüchse‘ des Kapitalismus frank und frei in Grund und Boden verdammen und mit drastischen Worten mehr praktizierte Moral im kapitalistischen Getriebe anmahnen dürfen, damit deutlich wird, dass nur die zivilisierte Fassung kapitalistischer Bereicherung moralisch gesehen in Ordnung geht – auch wenn sich das immer nur so schwer und ausnahmsweise verwirklichen lässt!


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