Papst in Polen

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Der Papst in Polen
Slawenmission heute

Überblick

Mit ihrer Anpassung der Nation an westliche Ansprüche hat sich die polnische Regierung tatsächlich Sympathien des Papstes verscherzt.

Der Papst in Polen
Slawenmission heute

Der Heilige Vater ist wieder einmal in seine fromme Heimat gereist. Dort schlägt er öffentlich Töne an, die sich in einer Zeit, da Sozialkritik hauptsächlich an zu hohen Löhnen geübt wird, eher ungewöhnlich ausnehmen:

„Während einer Messe vor 300000 Gläubigen geißelte Papst Johannes Paul II. die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im heutigen Polen. Die Praxis, Arbeitnehmer lediglich zeitweise und ohne soziale Sicherung anzustellen, setzte er mit ‚Ausbeutung‘ gleich.“ (SZ 3.6.97)

Ausgerastet und in Kapitalismuskritik abgeglitten ist er aber dann doch nicht. Seine Vorwürfe gelten nämlich nicht der Ausbeutung in dem systematischen Sinn, sondern der Regierung in Warschau. So wendet sich denn auch der päpstliche Zorn gleich in der nächsten Messe gegen Konsumdenken und die Dominanz einer ‚liberalen Ideologie‘, die zu einer ‚Gesellschaft der zügellosen Freiheit‘ führe. (Handelsblatt 3.6.) Ob es den Polen zu schlecht oder zu gut geht, ist ja wirklich nicht der Punkt – den polnischen Papst verdrießt etwas ganz anderes:

„Eine gewisse Abwendung von der Kirche in seiner geliebten Heimat macht ihm zu schaffen.“ (Neue Zürcher Zeitung 9.6.)

Die päpstliche Kritik an der Marktwirtschaft ist spiritueller Natur, er vermißt den rechten geistigen Nährboden. In der Hinsicht war sogar im alten System die Welt in gewisser Weise noch in Ordnung:

„Im früheren System habe die Kirche dem Menschen einen Freiraum geschaffen, in dem Individuum und Nation ihre Rechte verteidigen konnten. Diese Leistung habe allgemeine Anerkennung gefunden; heute habe der Mensch die Kirche zur Ausübung seiner Freiheit nicht mehr nötig.“ (NZZ 9.6.97)

So hatte sich der Papst die Freiheit in Polen nicht vorgestellt. Wo der Kirche einmal die glückliche Rolle zugefallen war, mit der Schwarzen Madonna einen nationalen Aufstand gegen das falsche System ideell anführen zu dürfen, da hatte er sich schon ein gewisses Recht auf ein Stück Gottesstaat versprochen. Und nun muß er miterleben, wie heutzutage in Polen nicht Kirchenfürsten, sondern Ex-Kommunisten regieren dürfen und sein Lebenswerk mißbrauchen – ein klarer Fall von „Ausbeutung“. An der fundamentalistischen Verwechslung, nach der der nationale Systemwechsel den Freiheiten eines Christenmenschen und nicht bloß dem freien Verkehr von Waren und Kapital hatte gelten sollen, hält der Heilige Vater fest und ist verstimmt.

Freilich, die vatikanische Diplomatie legt Wert auf ein kooperatives Verhältnis zu den weltlichen Mächten und mag die Demokratie nicht direkt kritisieren, auch wenn in ihr Ex-Kommunisten wählbar sind und für die schlimmsten Dinge parlamentarische Mehrheiten zustandekommen. Deswegen mäßigt sich der Heilige Mann und ermahnt sogar seinen polnischen Episkopat, dem Verdacht auf Demokratiefeindlichkeit und rechtsextreme Neigungen nicht allzuviel Stoff zu verschaffen und seine Herde auch mit moderneren Methoden zusammenzuhalten. Um einen entschiedenen Eingriff in den Parteienstreit um eine neue polnische Verfassung kommt er aber doch nicht herum: Er unterstützt die einheimische Rechte mit der vehementen Forderung, das Abtreibungsverbot grundgesetzlich zu verankern. Abtreiben nämlich, lehrt der Papst, ist heutzutage der wichtigste Kriegsgrund:

„Die Abtreibung sei gegenwärtig die größte Gefahr für den Frieden. ‚Wenn es der Mutter erlaubt ist, das eigene Kind zu töten, was kann uns dann noch davon abhalten, daß wir uns gegenseitig totschlagen?‘“ (FAZ 5.6.)

Am Ende weiß er wirklich keinen Grund, andere Leute einfach leben zu lassen?! Für sein christliches Menschenbild jedenfalls ist der Wille einer Frau, ein Kind nicht auszutragen, Mord an dem, was sie gar nicht erst zustandekommen läßt. Er ist somit Ausdruck, ja geradezu die Quelle jener Killerinstinkte, die für die Menschennatur so typisch sind und von deren freier Betätigung die Menschheit nur durch das segensreiche Wirken einer katholisch normierten Staatsgewalt abzuhalten ist. (Deswegen geht es bekanntermaßen überall dort extrem friedlich zu, wo das Abtreiben noch anständig bestraft wird – im Dritten Reich z.B.)

Unmut erregt das päpstliche Genörgel an der mißverstandenen Freiheit in Polen dann doch noch, weil es als Argument gegen Europa mißverstanden werden kann. Die polnische Politik betreibt nämlich die Anpassung der Nation an die Ansprüche Europas so kompromißlos und schließt jede Alternative dazu so radikal aus, daß die Nation ihr Leiden an den Widrigkeiten des Anschlusses in höhere Sphären verlagert und als eine Art Kulturkampf austrägt. Gerade die heroischen Freiheitskämpfer von vorgestern vermissen bei der Anschlußpolitik die nationale Würde; und die reaktionärsten Protagonisten der Europa-Skepsis lassen sich vom päpstlichen Antiliberalismus ihre Stichworte vorgeben. Eine Einrichtung namens Radio Maryja hetzt in diesem Sinn ausgerechnet gegen den Westen:

„Man solle sich nicht auf den verfaulenden Westen und dessen Sittenlosigkeit bzw. kulturelles Einerlei einlassen. Denn dann drohten ein Übergreifen des Atheismus und ein Verlust der nationalkatholischen Eigenständigkeit Polens.“ (NZZ 23.5.)

Das geht dann doch zu weit; der Katholik muß schließlich, bei allem gerechten patriotischen Glaubenseifer, wissen, wo hienieden die Tugend des Opportunismus anfängt. Also läßt der Vatikan dementieren:

„Ein Mißverständnis verursachten die Äußerungen zum wirtschaftlichen Liberalismus. Wie in seiner Umgebung betont wird, ist Johannes Paul II. von der grundsätzlichen Richtigkeit der liberalen Wirtschaftsordnung überzeugt und hat lediglich vor Auswüchsen gewarnt.“ (NZZ 11.6.)

In diesem Sinne inszenieren die weltlichen und geistlichen Obrigkeiten der freien Welt bei der nächsten Messe dann wieder bestes Einvernehmen. Versammelt sind der deutsche Bundespräsident und die Präsidenten der auserwählten NATO-Kandidaten – ein schönes Sinnbild für die deutsche Führungsmacht, wie sie Polen, Ungarn und Tschechien „zurück nach Europa“ führt. Daneben dürfen der litauische und der ukrainische Präsident Platz nehmen – die beiden Staaten möchte wiederum Polen „zurück nach Europa“ führen, d.h. seinerseits eine grenzüberschreitende Sonderzuständigkeit erobern. Ihnen allen und der gesamten Osterweiterung erteilt der Papst dann seinen christlichen Segen, indem er den 1000. Todestag des hl. Adalbert feiert. Selbiger Bischof von Prag hat sich seinerzeit völkerversöhnend bei der Christianisierung Polens, Böhmens und Ungarns bewährt, so relativ gewaltfrei wie damals üblich,

„stärkte das Bündnis Polens mit dem römischen Kaisertum der sächsischen Ottonen“ und „wurde von den baltischen Pruzzen in Litauen getötet“ (HB 3.6.)

Östlich von Polen gilt es noch viele Völker nach Europa heimzuholen. Da trifft es sich gut, daß die Kirche in ihrem Fundus über reichlich Kreuzritter und andere Slawenmissionare verfügt, um mit präzise standortbezogenen Selig- und Heiligsprechungen die subimperialistische Aufgabe des heutigen Polen hochleben zu lassen. Die Nation wird an ihre besten Traditionen erinnert: So, wie sie gerade neulich im Mittelalter die Völker im Osten aufgemischt und zwangsgetauft hat, genauso hätte sie auch heute wieder eine Europa-Mission. Und zwar eine mit tieferer nationaler Bedeutung; mit ihr käme nämlich der polnische Revanchismus zu seinem Recht. Zart deutet der Papst es an:

„Statt vom alten Polen als einem Staat zweier Nationen – Polen und Litauen – zu sprechen, nannte der Papst ein drittes Staatsvolk. Damit konnten nur die Ukrainer gemeint sein.“ (FAZ 9.6.)

Fürs erste wird vor Ort, an der Grenze zur Ukraine, schon mal der Bernhardiner-Mönch Jan van Dukla, der im Vorkarpatenland und in Lemberg wirkte, heiliggesprochen…. Darüberhinaus hofft der Papst, bald nach Kiew reisen zu können. (FAZ 11.6.)

Das dürfte sich wohltuend auf den Kirchenkampf auswirken, der in der Ukraine ohnehin schon lebhaft unterwegs ist. Und es dürfte auch den ukrainisch-russischen Dialog voranbringen, zu dem die Orthodoxen ihren Teil beitragen. Die anti-russische Linie will schließlich auch auf dem Gebiet des nationalen Glaubens durchgesetzt sein. Wenn Europa den aufgelassenen Ostblock in seine Zuständigkeit überführt und Rußland entmachtet, dürfen die ideellen Titel nicht fehlen: Recht besehen handelt es sich um ein großartiges Werk der Völkerversöhnung im Namen des wahren christlichen Glaubens.

Es mag den Chef des Kirchenstaats zuweilen bitter ankommen, daß sich seine Autorität auf das Gebiet der Werte beschränkt. Aber immerhin darf er Werte repräsentieren, mit denen sich ein ziemlich potentes und ausgreifendes Staatenbündnis die Weihen erteilt.


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