Papst und Pius-Brüder

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-09 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Papst Benedikt XVI. und der Holocaust-Schlamassel
Fundis unter sich

Überblick

Der Papst ist vom Fundamentalismus des frommen Mannes Richard Williamson äußerst angetan – dessen Anmerkungen zur Judenvernichtung ignoriert er – und kann ihm seine Anerkennung nicht verweigern: Auch Seine Heiligkeit ist in Sorge, dass die katholische Kirche zur Kinderparty wird und Beliebigkeit in Sachen Religiosität Einzug hält, anstatt dass die Gemeinde und der ganze Rest der Welt sich neigt vor dem einzig wahren Gott dem Allmächtigen und allem, was ihm heilig ist. Kaum hat der Heilige Vater die Entscheidung getroffen, den verlorenen Sohn und seine Gesinnungsbrüderschaft wieder einzugemeinden, meldet sich mitten aus dem Weinberg des Herrn eine Unzahl katholischer Stimmen, die eine antiliberale Restauration fürchten und die päpstliche Entscheidung problematisieren, als hätten sie die Unfehlbarkeit für sich gepachtet.

Papst Benedikt XVI. und der Holocaust-Schlamassel: Fundis unter sich

1. Ein aufrechter Gläubiger namens Richard Williamson hat bemerkt – und ist so standfest, dass er für seine Kritik sogar die Ächtung durch die Amtskirche in Kauf nimmt –, dass seine Sancta Catholica Ecclesia zu einem Sauhaufen geworden ist, weil nicht mehr anständig gebetet wird und man die Ungläubigen nicht mehr als solche bezeichnen und zu ihrer Bekehrung aufrufen darf.

Ganz besonders stinkt ihm, dass eine Gruppe von Ungläubigen, ausgerechnet die Jesusmörder, nicht als Verstockte gelten, sondern als welche, die sakrosankt und immer irgendwie im Recht sind. Das Argument für ihre Unantastbarkeit ist die massenhafte Vernichtung der Juden vor knapp siebzig Jahren, und diese Logik leuchtet dem guten Mann so sehr ein, dass er messerscharf schließt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Kein einziger Jude ist in einer Gaskammer umgekommen.

2. Der Papst ist vom Fundamentalismus des frommen Mannes äußerst angetan – dessen Anmerkungen zur Judenvernichtung ignoriert er – und kann ihm seine Anerkennung nicht verweigern: Auch Seine Heiligkeit ist in Sorge, dass die katholische Kirche zur Kinderparty wird und Beliebigkeit in Sachen Religiosität Einzug hält, anstatt dass die Gemeinde und der ganze Rest der Welt sich neigt vor dem einzig wahren Gott dem Allmächtigen und allem, was ihm heilig ist.

Kaum hat der Heilige Vater die Entscheidung getroffen, den verlorenen Sohn und seine Gesinnungsbrüderschaft wieder einzugemeinden, meldet sich mitten aus dem Weinberg des Herrn eine Unzahl katholischer Stimmen, die eine antiliberale Restauration fürchten und die päpstliche Entscheidung problematisieren, als hätten sie die Unfehlbarkeit für sich gepachtet.

3. Vor allem aber wird dem Stellvertreter Gottes eine Versündigung am Wert „Holocaust“ zum Vorwurf gemacht. Als Objekt vergangener Vernichtungsversuche hat sich das Auserwählte Volk mitsamt Staat ein Unkritisierbarkeitsgebot verdient – wer sich dagegen vergeht, steht im Verdacht, selbst Juden ausrotten zu wollen –, auf dem es gegenüber allen besteht, wie unfehlbar sie auch sein mögen. Religiöse, völkische und staatliche Vorstände der Hüter dieses Heiligen Grals rasten kollektiv aus: Von wegen, die katholische Kirche hätte sie zu missionieren! Vielmehr hat sie ihre Unterordnung unter die Mission, dass Juden immer und überall zu achten sind, zu beweisen!

4. Mit der Wucht ihres weltlichen Amtes mischt sich die Frau Bundeskanzlerin als oberste Wächterin der deutschen Nationalmoral in den interreligiösen Dialog ein. Mit dem Holocaust-Fauxpas hat der Nachfolger Petri nämlich zugleich den allerheiligsten Beweis für die nachkriegsdeutsche Läuterung entweiht: das Bekenntnis zur Schandtat des NS-Judenmords. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus qualifiziert den Rechtsnachfolger des Verbrecherregimes zu dem Moralapostel des Anti-Antisemitismus, der der Welt die Leviten liest. Ex Cathedra verkündet die Bundeskanzlerin, dass das zivile Dogma, das Deutschland weltweit überwacht, über den päpstlichen Dogmen zu stehen hat.

Die pluralistische Öffentlichkeit ist schockiert über den deutschen Papst, der uns adelte, als wir Papst wurden, und nun unsere moralische Strahlkraft beschädigt: Wie kann es sein, dass ausgerechnet ein deutscher Papst einen Holocaust-Leugner begnadigt? Sie erörtert, ob der Papst ob seiner Entscheidung ent- oder verrückt, schlecht beraten, nicht ganz bei Trost oder böse sei; gelegentlich wird sogar seine Demission gefordert (deren Annahme satzungsgemäß Sache seines Vorgesetzten ist). Insgesamt drängt sich der Öffentlichkeit der bizarre Eindruck auf, der Papst hielte sich für unfehlbar und wähne sich im Besitz der allein selig machenden Wahrheit.

5. Das unfehlbare deutsche Argument, er habe leider von nichts gewusst, wird dem Papst als Ausrede nicht abgenommen. Schließlich kriecht er schweren Herzens ein bisschen zu Kreuze, nicht ohne sich die Belehrung durch die weltliche Macht zu verbitten, und räumt ein, dass die Sache irgendwie scheiße gelaufen ist. Die Absolution erteilt er sich durch die Ankündigung eines Israel-Besuchs.


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