Österreichs Briefbomber

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Felix Austria: Der Briefbomber ist „keiner von uns“!

Überblick

Der anständige österreichische Nationalismus exkommuniziert einen Gesinnungsgenossen, der mit ausländerfeindlichen Attentaten zu weit geht und dem Ansehen der Nation schadet.

Felix Austria: Der Briefbomber ist „keiner von uns“!

Die Bajuwarische Befreiungsarmee, auf deren Konto eine Vielzahl von Briefbombenattentaten mit Toten und Verletzten gehen, entpuppt sich als ein psychopathischer Einzeltäter. Der ist nun in Gewahrsam, und in Österreich herrscht allgemeine Erleichterung. Das ist erstaunlich.

Die Erleichterung gilt nämlich einem Verdacht, der die Österreicher angelegentlich der an Ausländer und der Ausländerfreundlichkeit bezichtigte Inländer adressierten Sprengstoffbriefe recht heftig umtrieb: Gut möglich, daß der Absender aus unserer Mitte kommt; gar nicht so unwahrscheinlich, daß ein ganzer Haufen unserer lieben Mitmenschen mit Rat, Tat und Sympathie dahinter steckt; und schon gleich ziemlich sicher, daß in Sachen geistiger Urheberschaft die Kreise ziemlich weit ins öffentliche politische Leben hinein zu ziehen sind. Kaum ist der Täter gefaßt und als gemeingefährlicher Spinner enttarnt, vergißt diese liebe Gemeinschaft, daß sie sich bis gestern noch selbst für die Gefahr gehalten hat, sie selbst sich wegen des Umstands, daß ihr Ausländerfeindschaft irgendwie zum natürlichen Bestandteil ihres Alltagslebens geworden ist, einiges zugetraut hat. Kaum ist der verrückte Herr Fuchs eingesperrt, will sich keiner mehr erinnern, daß er die letzten drei Jahre seinem Nachbarn den Übergang vom gewöhnlichen Lästern über Tschuschn und andere zum handgreiflichen Vollzug gut – und gerne – zugetraut hat. Kaum ist die größte Herausforderung des österreichischen Rechtsstaates seit 1945 mit der Verhaftung dieses Mannes bewältigt, machen sich Regierung, Parteien, Justiz und Medien daran, den Schatten zu bewältigen, der auf die Nation immerhin doch hätte fallen können, hätten sich ihr eigenen Verdächtigungen nicht so elegant ad acta legen lassen:

„Gott sei Dank war der Bombenterror nach menschlichem Ermessen die Tat eines verrückten Einzeltäters. Der Ruf Österreichs im Ausland hätte sehr gelitten, wenn es wieder braune Flecken gegeben hätte“ (Wiener Altbürgermeister und Bombenopfer Helmut Zilk).

Der Dank geht an die goldrichtige Adresse. Denn der um Flecken so besorgte Vertreter des offiziellen Österreich weiß gar nicht, wie recht er mit dem Verdacht hat, den er nunmehr aus dem Verkehr ziehen darf. Mörderischer Rassismus ist nämlich überhaupt keine Frage der Anzahl der Missetäter – nur Einzeltäter oder doch Gruppe –, auch nicht eine Frage des Etiketts – nur bajuwarisch oder doch braun –, sondern erklärt sich aus der Gesinnung, die da zur Tat schreitet. Und die ist ebenfalls kein gleichermaßen rätselhaftes wie vereinzeltes Phänomen, sondern das Werk einer gelungenen öffentlichen Volkserziehung und daher recht weit verbreitet.

Typen wie der Austria-Bomber sind aufmerksame und sehr gelehrige Zeitgenossen. Von ihren Politikern hören sie, daß sie sich ihr Vaterland als ein volles Boot vorzustellen haben, in dem für Fremde einfach kein Platz mehr ist. Für Asylanten, Wirtschaftsflüchtlinge und ähnliche Wesen schon gleich nicht, so daß sie darüber aufgeklärt sind, daß es sich bei denen um eine Flut handelt, von der ihre schöne Republik überschwemmt wird. Daraus ziehen sie den ersten Schluß in die richtige Richtung und sind auf ihren lila Paß unglaublich stolz. Sie halten sich angesichts der Überfremdung allerorten, auf die sie von den Volkserziehern ihrer demokratischen Parteien hingewiesen werden, für so etwas wie die verschworene Schiffsmannschaft im Boot Österreich. Als Mitglieder einer Schicksalsgemeinschaft, die dieses Transitland zu Füßen der Alpen vor Ausländern zu schützen hat, grenzen sie sich von denen dann nicht nur miet- und sonstwie rechtlich, sondern auch moralisch-geistig ab – und verachten sie gebührend. Wenn so gut erzogene Volksgenossen dann entdecken müssen, daß in Österreich trotzdem und noch immer Ausländer herumlaufen, dann ziehen sie ihren zweiten Schluß. Sie werden nicht in ihrer Ideologie der verschworenen Volksgemeinschaft irre, sondern an den verantwortlichen Stellen, die nicht so durchgreifen, wie es sich gehört. Offenbar wird höheren Ortes die Rückführung in die Heimatländer – eine politische Praxis übrigens, bei der der Rechtsstaat mehr Ausländern zu Leibe rückt, als alle rechtsradikalen Fremdenhasser im deutschsprachigen Raum zusammen das je hinkriegen könnten – gar nicht ernsthaft und entschlossen betrieben.

Bloß den dritten Schluß zieht dann – offenbar – doch nur eine verschwindende Minderheit der anständigen österreichischen Bürger. Den nämlich, daß angesichts der Lage wohl private – und auch praktisch wirksame – Amtshilfe vonnöten ist. Und kaum kommt die dann von solchen wie dem Herrn Fuchs, wollen sich alle anderen ehrbaren Österreicher in dem überhaupt nicht mehr wiedererkennen können. Zwar halten auch sie es nicht gut aus, wenn sie auf der Straße, im Wirtshaus und auf dem Arbeitsamt immer noch welche von denen treffen, die doch eigentlich längst weg sein sollten, und denken sich selbstverständlich auch, daß das doch wohl nicht wahr sein darf. Die Tat aber, die aus ihrer eigenen Gesinnung ziemlich locker folgt, finden sie dann ganz und gar unverständlich bis verrückt. Die Anwesenheit von Slowenen, Türken und Zigeunern schreiben sie zwar selber dem Wirken von schlappen Politikern zu. Aber wenn einer dann gegen diese Nicht-Österreicher und ihre unpatriotischen Sympathisanten im eigenen Land vorgeht, dann kann nie und nimmer österreichischer Nationalismus die Bastelanleitung gewesen sein, nach der die Bomben zur Bestrafung der Tschuschenrepublik gebaut wurden: Herr Fuchs hat seine eigene Ideologie (Sika, Chef der österreichischen Exekutive). Die hat er freilich. Fragt sich nur, woher.

Im Geiste dieser Gewißheit wird der Attentäter Zug um Zug aus der Gemeinschaft exkommuniziert, und mit ihm auch alle kritischen Wortmeldungen, die es sich mit dem braunen Geist in Österreich nicht ganz so einfach machen wollten:

„Das linkslinke ‚profil‘ versucht weiterhin zu behaupten, Fuchs, das ‚Bombenhirn‘, sei kein Einzelgänger. Wo dieses rotfaschistische Magazin auch immer jemanden aufzutreiben vermag, der bereit ist anzudeuten, dieses ‚Bombenhirn‘ sei Teil einer rechtsextremen Verschwörung gegen Österreich, holt man ihn sofort nach Wien.“ (Kronenzeitung)

Wieder ganz unter sich und mit sich im Reinen, fühlen sich die Österreicher dann entsprechend erleichtert. Fuchs ist dummerweise zwar einer von ihnen. Aber genau besehen ist sein Paß das einzige, was an ihm für Österreicher, wie sie im allgemeinen so sind und denken, typisch ist. Vielleicht kommt ja auch noch der Nachweis, daß es ein Ausländer war, der dem Mann aus Gralla seine Ideologie eingeflüstert hat.


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