OECD: Eine Milliarde Menschen leiden an Hunger

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-09 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Geld oder Leben – Schlaglichter auf das marktwirtschaftliche Verhältnis von Ökonomie und Versorgung.
Über den „Agrarausblick 2009“ der OECD wird berichtet: „Eine Milliarde Menschen leiden an Hunger“

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 
Überblick

Lebensmittel werden immer reichlicher hergestellt, und „dennoch“ wächst die Lebensmittelknappheit. Genug Nahrungsmittel wären für die Hungernden schon da; das einzige, was ihnen fehlt, ist der „Zugang“ – dass damit das Geld gemeint ist, ist jedem so klar, dass man es gar nicht explizit aussprechen muss. So zeigt sich, dass Geldverdienen und nicht Versorgung der ausschließliche Zweck der Herstellung von Bedarfsgütern ist; marktwirtschaftliche Armut, Hunger und Elend verdanken sich allein dieser Zweckbestimmung der Produktion. Um sie aus der Welt zu schaffen, muss folglich der herrschende Produktionszweck, das private Geldverdienen, durch eine planmäßige Versorgung der Leute mit Dingen ihres Bedarfs ersetzt werden. Oder?

Geld oder Leben – Schlaglichter auf das marktwirtschaftliche Verhältnis von Ökonomie und Versorgung.
Über den „Agrarausblick 2009“ der OECD wird berichtet: Eine Milliarde Menschen leiden an Hunger

„In den Entwicklungsländern werden dem Landwirtschaftsausblick zufolge zwar künftig mehr landwirtschaftliche Güter hergestellt, gehandelt und verbraucht. Lebensmittelknappheit und Hunger seien aber dennoch ein zunehmendes Problem. Weltweit litten eine Milliarde Menschen Hunger. Langfristig bestehe weniger die Gefahr, dass es nicht genug Nahrungsmittel gebe, sondern dass die Armen nicht ausreichend Zugang dazu hätten. Deshalb müsse die Armut verringert werden und die Wirtschaft wachsen – dazu könne in Entwicklungsländern die Landwirtschaft beitragen.“ (wirtschaft. t-online.de, 17.6.09)

Lebensmittel werden immer reichlicher hergestellt, und dennoch wächst die Lebensmittelknappheit. Genug Nahrungsmittel wären für die Hungernden schon da; das einzige, was ihnen fehlt, ist der Zugang – dass damit das Geld gemeint ist, ist jedem so klar, dass man es gar nicht explizit aussprechen muss. So zeigt sich, dass Geldverdienen und nicht Versorgung der ausschließliche Zweck der Herstellung von Bedarfsgütern ist; marktwirtschaftliche Armut, Hunger und Elend verdanken sich allein dieser Zweckbestimmung der Produktion. Um sie aus der Welt zu schaffen, muss folglich der herrschende Produktionszweck, das private Geldverdienen, durch eine planmäßige Versorgung der Leute mit Dingen ihres Bedarfs ersetzt werden. Oder?

Der marktwirtschaftliche Sachverstand denkt anders: Wenn schon alles nur gegen Geld zu haben ist – die Lebensmittelknappheit zahlungsunfähiger Menschen gilt ihm als selbstverständlichste Grundtatsache allen Wirtschaftens –, dann brauchen die Armen nichts anderes als Geld. Nur fehlendes Geld verhindert, dass die produzierten Güter dorthin gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht werden; sobald es da ist, ermöglicht es den Zugang. Wenn Hunger in Geldmangel übersetzt ist, dann heißt das erste Bedürfnis der Armen: eine erfolgreichere Geldwirtschaft muss her! Erst einmal müssen mehr Geschäfte laufen, bevor sich der elende Teil der Menschheit Hoffnung machen kann. Milliarden hungernder Menschen beweisen, wie unverzichtbar ein in Geld bilanziertes Wirtschaftswachstum ist.

Was die Sache mit dem Hunger selbst angeht, so kennt die für ihre Effizienz und Menschengemäßheit berühmte soziale Marktwirtschaft nur eine Perspektive: Hungernde finden, wenn überhaupt, dadurch Zugang zu ihren Nahrungsmitteln, dass sie daran beteiligt werden, landwirtschaftliche Produkte zu Geschäftsartikeln zu machen und dorthin zu bringen, wo die Zahlungsfähigkeit beheimatet ist, weil sie nur so die Chance haben, sich ein Geld zu verdienen, mit dem sie sich dann wieder Nahrungsmittel kaufen können. Etwas anderes als eine Förderung der Geldakkumulation kann man nicht für sie tun.

So wird sich marktwirtschaftlich mit Fragen des Lebens und Überlebens befasst. Für den professionellen Blick beginnt und endet Ökonomie beim Geld, er kennt kein anderes Bedürfnis und kein anderes Produkt als das Geld, keine andere Frage und kein anderes Problemlösungsmittel. Egal wo er anfängt, er endet bei seinem ewigen Mantra vom Wirtschaftswachstum, das unverzichtbar ist.

Dafür steht exemplarisch noch eine weitere, hier in ganzer Länge wiedergegebene Sumpfblüte des Wirtschaftsressorts, in der am Fall der jüngsten südostasiatischen Naturkatastrophen erneut zur Anschauung kommt, in welchem Verhältnis das, was „die Wirtschaft“ genannt wird, zum Überleben der Leute steht.

„Asiens schwarze Tage
Es waren schwarze Tage für die aufstrebenden Länder Südostasiens: verheerende Regenstürme auf den Philippinen, Kambodscha und Vietnam, mehrere Erdbeben in Indonesien, und zuvor hatte ein Tsunami die Insel Samoa getroffen. Die Zahl der Toten dürfte sich auf mehrere tausend belaufen. Die Wirtschaft aber bleibt von all diesen Katastrophen fast unberührt. Denn anders als etwa von der Dürre in Indien sind von den Naturkatastrophen nur einige arme Landstriche betroffen. Deren Desaster aber berühren das Wachstum der Länder kaum. ‚Die wirtschaftlichen Auswirkungen verblassen hinter der menschlichen Tragik‘, fasst der Internationale Währungsfonds nach dem Taifun ‚Ketsana‘ auf den Philippinen zu Beginn vergangener Woche die Lage zusammen.“

Überlebens- und Versorgungsprobleme der Leute und das, was „die Wirtschaft“ heißt, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Was ein menschliches Desaster ökonomisch heißt, ist erstmal die Frage.

Im gegebenen Fall lässt die menschliche Tragik die wirtschaftlichen Auswirkungen verblassen. Menschlich ist das Geschehen natürlich schrecklich – Wirtschaftsredakteure sind ja keine Unmenschen –, aber rein sachlich, nach der wirtschaftlichen Seite gesehen, ist es gar nicht so schlimm. Die massive Vernichtung von Leben und Lebensgrundlagen ist zwar eine Katastrophe, aber keine ökonomische. Im Gegenteil:

„‚Ich denke nicht, dass diese gleichzeitigen Schocks Asiens Wiederaufschwung durcheinanderbringen werden. Über einen längeren Zeitraum spürt man kaum einen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt‘, sagt Leong Wie Ho, Volkswirt für die Region bei Barclays Capital in Singapur. Im Gegenteil: In der Regel steigen nach den Katastrophen die Aktien von Bauunternehmen und Zementherstellern, da mit einem raschen, oft besseren Wiederaufbau gerechnet wird. Auch die nun von den Erdbeben betroffenen indonesischen Gebiete West-Sumatra, Bengkulu und Jambi stehen für weniger als 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des Inselstaates. Dort gibt es relativ wenig Industrie, die wichtigste Infrastruktur wie Straßen oder Brücken rund um Padang ist unzerstört.“

Womit hat man es – einfach mal nüchtern marktwirtschaftlich betrachtet – bei massenhaften Zerstörungen zu tun? Erstens mit guten Geschäftsaussichten für Bauwirtschaft und Spekulation.

In den südostasiatischen Katastrophengebieten steht dem noch nicht mal ein wirtschaftlicher Schaden gegenüber, da nur Lebensgrundlagen, nicht aber Betriebe und Infrastruktur oder sonst was fürs Geldverdienen Relevantes vernichtet wurden.

„Die Vereinten Nationen sprachen Ende vergangener Woche mit Blick auf diesen Teil Asiens von einem ‚Erdteil der Desaster‘. ‚Noch nie haben wohl so viele Naturkatastrophen eine Region in so kurzer Zeit heimgesucht‘, sagte die stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen, Noeleen Heyzer. Die Rückversicherung Münchener Rück hat ermittelt, dass die Zahl der Naturkatastrophen wie Erdbeben, Stürme, Fluten und Hitzewellen mit Feuersbrünsten sich in Asien zwischen 1980 und 2007 mehr als verdreifacht habe. Die Versicherung weist deutlich auf Zusammenhänge mit dem Klimawandel hin. Die Verluste durch diese Katastrophen summierten sich allein 2007 auf rund 40 Milliarden Dollar. In schlechteren Jahren, wie etwa 2004 nach dem Tsunami, haben sie auch schon das Doppelte erreicht. Dennoch: Nur ein Bruchteil in Höhe von vielleicht 2 oder 3 Milliarden Dollar der Gesamtsumme ist in den armen asiatischen Ländern versichert.“

Zweitens gibt es also auch einen Sektor Ökonomie, den menschliche Nöte und Katastrophen nicht kalt lassen, weil er davon betroffen ist. Im Versicherungssektor verblasst keine Geldrechnung hinter der menschlichen Tragik, im Gegenteil: jede menschliche Tragik hat ihren exakten Preis, mit dem sie sich in den Bilanzen niederschlägt. Rein ökonomisch betrachtet sind Katastrophen eine Frage der Assekuranz.

Insofern war die aktuelle menschliche Katastrophe geradezu ein Schnäppchen. Weil keiner versichert war, ist auch hier kein nennenswerter ökonomischer Schaden entstanden.

„Das heißt, dass die Menschen auf ihren Schäden sitzenbleiben. Damit fehlt ihnen Kaufkraft. Deshalb verkündete die philippinische Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo am Samstagnachmittag ein einjähriges Rückzahlungsmoratorium für staatliche Kredite an Haushalte in den betroffenen Gebieten. Auch Gebühren für Überweisungen aus dem Ausland sollen erlassen werden. So solle eine zusätzliche Kaufkraft von 32 Milliarden Pesos (466 Millionen Euro) freigesetzt werden.“

Drittens also sind auch unversicherte arme Menschen wirtschaftlich nicht ganz und gar bedeutungslos. So wenig die Lebensmittelabteilung dafür da ist, Leute mit Lebensmitteln zu versorgen – da hätte sie was zu tun! –, so wenig verschmäht sie die kleine Zahlungsfähigkeit, um ihre Produkte zu Geld zu machen.

Im vorliegenden Fall entspricht die entfallene Kaufkraft ungefähr der Höhe der von der Regierung erhobenen Überweisungsgebühren und ist insofern problemlos kompensierbar, so dass auch hier der Wirtschaft keine Einbußen entstehen. In Sachen Kaufkraft lässt sich sogar ein erfreuliches Resümee ziehen:

„‚In der Regel gleichen die Gelder für die direkte Hilfe und den anschließenden Wiederaufbau die Schäden mehr als aus. Bei aller Tragik der Opfer können solche Katastrophen sich damit gesamtwirtschaftlich sogar positiv auswirken‘, sagt Leong.
Zu den hohen Todeszahlen der Region – die im Übrigen ebenfalls die Assekuranz praktisch nicht belasten, da sich hier eh niemand eine Lebensversicherung leisten kann – führt vor allem die miserable Qualität der neueren Bauten. Es ist typisch, dass meist ältere Häuser, teilweise noch aus Holz gezimmert, stehenbleiben. Die Neubauten seit den achtziger Jahren, oft mehrstöckige Betonskelette, fallen indes wie Kartenhäuser in sich zusammen. Die besondere Tragik dabei: In der Regel wurden im Aufschwung die Schulen, die Krankenhäuser, die Einkaufszentren, die Verwaltungsgebäude errichtet. Und in ihnen halten sich tagsüber die meisten Menschen auf. So kam es auch im chinesischen Sichuan zu überdurchschnittlich vielen Kindern als Opfer: Ihre Schulen waren in unverantwortlicher Weise hochgezogen worden.
Oft spielt schon beim Grundstückskauf oder Bau Bestechung eine große Rolle. Dann werden die Bauten über Nacht auf obskur erworbenem Boden errichtet, um Fakten zu schaffen. In China brach jüngst eine Brücke ein, weil der Bauunternehmer den Stahl, der den ‚Stahlbeton‘ hätte ausmachen sollen, einzeln weiterverkauft hatte.“ (FAZ, 4.10.)

 Der Bausektor leistet schon seit dreißig Jahren seinen Beitrag zum Wirtschaftswachstum in Südostasien. Tragischerweise gab und gibt es unter den Bauunternehmern auch solche, die bloß darauf schauen, mit Bauaufträgen möglichst viel Geld zu verdienen. Chinesen, kommunistische!


© GegenStandpunkt-Verlag.