Obama in Berlin

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-08 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Sternstunden des demokratischen Personenkults – Obama in Berlin
Ein Führer wie gemalt

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Der amerikanische Präsidentschaftskandidat, der demokratische Senator Barack Obama, kommt auf seiner Welttournee nach Stationen in Nahost, Irak und Afghanistan auch nach Berlin. Dort kündigt er einen öffentlichen Redeauftritt an, mit dem er, wie mit der ganzen Reise, sich den amerikanischen Wählern auch als außenpolitisch kompetenter Wahlbewerber vorstellen, also sein außenpolitisches Profil schärfen will.

Sternstunden des demokratischen Personenkults – Obama in Berlin: Ein Führer wie gemalt

Der amerikanische Präsidentschaftskandidat, der demokratische Senator Barack Obama, kommt auf seiner Welttournee nach Stationen in Nahost, Irak und Afghanistan auch nach Berlin. Dort kündigt er einen öffentlichen Redeauftritt an, mit dem er, wie mit der ganzen Reise, sich den amerikanischen Wählern auch als außenpolitisch kompetenter Wahlbewerber vorstellen, also sein außenpolitisches Profil schärfen will.

Natürlich ist er in Deutschland kein Unbekannter. Die öffentliche Berichterstattung sorgt seit langem dafür, dass der Besucher dem Publikum bis ins persönliche Detail vertraut ist: Immerhin ist er der erste farbige Kandidat der US-Geschichte und hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Sein erfolgreicher Kampf gegen seine innerparteilichen Mitbewerber hat die deutsche Öffentlichkeit ebenso bewegt wie die angeblich ganz neuen, die Massen begeisternden Methoden seines bisherigen Erfolges in der politischen Konkurrenz. Nicht weniger als ein ganz neuer Typus von Politiker soll sich da um die Führung der imperialistischen Hauptmacht bewerben, mit einem neuen Politik-Stil, der auf ein ganz neues Amerika hoffen lässt. Den derart großkalibrigen Ankündigungen der Medien entsprechend, ist die Visite tagelang eines der beherrschenden Themen der Titelseiten, und die Rundfunkanstalten übertragen das Ereignis live.

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Die höchst intensive Berichterstattung im Vorfeld ist nicht folgenlos geblieben: Inzwischen besitzt Obama das Vertrauen von 82 % der Deutschen, sein Konkurrent McCain dagegen nur das von 33 % (SZ, 24.7.), und das, obwohl er gar nicht für sie zur Wahl steht. Und jetzt, wo ER tatsächlich kommt, macht die Öffentlichkeit auf allen Kanälen nicht nur die Berliner scharf auf das Ereignis – Er redet nicht, er predigt ... wie ein Erlöser; Barack, Obama uns!; er steht für Frieden – und weiß schon am Tag zuvor, dass uns Obama begeistert (Bild, 24.7.08). Und eine Fanmeile gibt es auch an prominenter Stelle in der Hauptstadt, die dem erwartungsvollen Publikum mit detaillierten Planzeichnungen, einschließlich der Getränkestände, vorgestellt wird, damit es auch zahlreich dorthin finden und den hohen Gast mit dem Messiasfaktor (Spiegel, 11.2.) anbeten kann. 200 000 Besucher und Millionen Fernsehzuschauer wohnen dann dem Ereignis bei, dem ersten Date des Politpopstars mit den Deutschen, – romantisch, intim, einfach geil. (Bild, ebd.) Zeitungen wissen von einer „Menge deutscher Politiker, die sich fragen: Was hat er, was ich nicht habe?, und die ganze Republik diskutiert über die Frage: Wie viel Obama braucht die deutsche Politik? (AZ, 26./27.7.)

Die begeisterten Deutschen – vgl. Obamas Vertrauens-Prozente – nehmen die Frage offenbar so rhetorisch, wie sie gemeint ist. Sie wünschen sich ganz viel Obama für die deutsche Politik, und wenn’s ginge Obama for Kanzler (Plakat bei der Obama-Party, AZ, ebd.)

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Die öffentliche Kampagne, die dem Publikum die Glaubwürdigkeit und das Charisma dieses besonders sympathischen Politikers so nachdrücklich nahe bringt, trifft offenbar auf ein lebhaftes Bedürfnis, von solchen Politikern wie Obama einer ist, regiert zu werden; von Politikern, die zwar – wie alle anderen auch – irgendwie ein Programm haben, aber darüber hinaus das Entscheidende mehr bieten können: Die Herzen weiter Volkskreise fliegen nur denen zu, die sich als vertrauenswürdige Charaktere und persönliche Garanten auch menschlich gelungener Herrschaft darstellen können. Und genau so haben die Deutschen, dank nimmermüder Berichterstattung und sachkundiger Kommentare der demokratischen Öffentlichkeit, ihren Obama kennengelernt. Er ist nämlich einer, wie sie ihn sich schon immer gewünscht haben; einer, der verbürgt, was er ausspricht, ... mit seiner Biografie und den Träumen seines Vaters von einer gerechteren Welt ... (FAZ, 26.7.) Dass man mittels seines Lebenslaufs oder sogar der Träume seines Vaters eigentlich überhaupt nicht den Wahrheitsgehalt dessen verbürgen kann, was man ausspricht, ist da schon eine ganz unpassende Bemerkung, wo es mit den Mitteln journalistischer Lyrik darum geht, dem Kandidaten Obama als Person das schöne Kompliment zu machen, dass er ein Typ ist, dem man eigentlich ganz prinzipiell glauben will, was er sagt, gleich, was er gerade sagt: dass er also glaubwürdig ist, und damit über eine der schönen Eigenschaften verfügt, die sich die Leute öfter von ihren Regierenden wünschen würden. Der Richtlinienkompetenz solcher Amtsträger können sie, haben sie erst einmal eine Politikerpersönlichkeit als Verwirklichung ihres Wunsches nach fraglosem Vertrauen entdeckt, ehrlich und von ganzem Herzen zustimmen. Und dankbar sein für den Dienst am Gemeinwesen, den solche Menschen erbringen. Dass sich der Standpunkt, dass Führung sein soll, leicht in ein umstandslos begeistertes Wohlgefallen an der Figur des gefundenen Führers übersetzt – Dieses strahlende Lachen! Diese klare Sprache! Dieser Optimismus! (Bild, ebd.) –, ist da keine Überraschung: Die dringende Notdurft demokratischer Bürger nach glaubwürdiger Führerschaft gibt Politikern, die ihren Beruf verstehen, viel Gelegenheit, sich als die ersehnte Idealbesetzung anzubieten. Wer das überzeugend schafft, der beweist damit sein Charisma und verdient den Jubel der Massen.

So akkumuliert das Bedürfnis nach guter, glaubwürdiger, im schönsten Fall sogar charismatischer Führung lauter schöne Eigenschaften am Objekt der Begierde: Festzustellen wie sympathisch es ist, ist da die leichteste Übung, auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so leicht aussieht, aus dem gefühlsmäßigen Verhältnis zu jemandem, für den man Sympathie empfindet, dessen ganz persönliche Eigenschaft zu machen; auch Kompetenz oder sogar sexuelle Attraktivität können auf diesem Weg politischen FührerInnen zuwachsen, denen man solches angesichts ihrer geistigen oder physischen Ausstattung kaum zugetraut hätte. Der schöne Erfolg, sich manchmal, wenn man so eine Sternstunde des demokratischen Personenkults miterleben darf, ganz eins zu fühlen mit einer Lichtgestalt vom Kaliber des Ami-Kandidaten, macht dabei die politisch eher triste Lage demokratischer Bürger vergessen, die sonst nichts zu melden haben, außer zu wählen oder es eben zu lassen: Sie sind es immerhin, die als Wähler eine Stellung innehaben, die bei der Auswahl früherer Führer in Deutschland noch der Vorsehung vorbehalten war.

Auch wenn gleiche und geheime Wähler ganz frei sind bei der Auswahl der von den Parteien aufgebotenen Figuren, die sie führen sollen, und bei der Bewertung der überzeugenden Eigenschaften, von denen sie sich begeistern lassen wollen, keinem Zwang unterliegen: Bei diesem Entscheidungsprozess werden sie keine Sekunde allein gelassen. Bekanntlich agiert heutzutage im Lager eines jeden demokratischen Amtsinhabers oder -bewerbers von Rang, und die USA sind da selbstverständlich maßstabsetzend, eine Riesenmaschinerie von Wahlkampfmanagern und Persönlichkeitsstylisten. Die, bestens informiert über die moralische Grundausstattung ihrer Adressaten in politischen und persönlichen Fragen und überzeugt von ihrer professionellen Fähigkeit zur Manipulation, sorgen mit Millionenaufwand dafür, dass über ihre Kundschaft ein erfolgversprechendes Bild in Umlauf kommt und ein entsprechend mieses von der Konkurrenz. Die öffentlichen Medien dienen diesem Bemühen als unverzichtbarer Resonanzraum und geben selbst, wo sie Bedarf dafür sehen, wichtige Themen, zugehörige Sichtweisen und Sprachregelungen vor, die sie schon lange einmal auf der Tagesordnung sehen wollten.

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Haben die Veranstalter der deutschen Öffentlichkeit tatsächlich ein Defizit an entscheidungsstarken, glaub- und verehrungswürdigen Politikern hierzulande ausgemacht? Herrscht wirklich ein Mangel an dieser führungswilligen Spezies am Demokratie-Standort D? Die Grundversorgung mit demokratischen Anführern aller Art scheint eigentlich sichergestellt, ausweislich schon der periodischen, flächendeckend verbreiteten Politbarometer, mit denen die Beliebtheit der Politiker vermessen wird, die es immerhin geben muss, denkt man, um sie messen zu können. Und sowohl in Zeiten von Birne Kohl als auch in denen von Merkel, Beck und Beckstein, denen mancher demokratische Geschmackspapst glaubt, Format absprechen zu müssen, haben die Deutschen stets ihre Entschlossenheit bewiesen, dann eben denen ihre Verehrung zu widmen, an ihnen manch respektablen Charakterzug zu entdecken und sich von ihnen auch einmal im Bierzelt ein wenig begeistern zu lassen.

Dennoch hat es die Medienwelt für nötig befunden, den Volksmassen mit allen Anzeichen des Sensationellen bekannt zu machen, dass da eine ganz besondere Figur zu Besuch kommt, die – gemessen mit den Prüfkriterien „Fitness, Outfit, Erotik, Rhetorik, Marketing und Messias-Faktor“ (Deutsche Spitzenpolitiker im Obama-Check, AZ, ebd.) – alles, was hierzulande unterwegs ist, in den Schatten stellen soll. Dafür hat sie, wie gesagt, eine richtige Kampagne angezettelt: hat das wohlbekannte Bedürfnis staatsbürgerlicher Gemüter nach guter Führung angestachelt, ihm recht gegeben und ihm mit jubelnder Feststimmung die lang nicht erlebte Befriedigung verheißen, die dann, tausendfach berichtet, abgelichtet und abgefilmt, auch wahr geworden sein soll. Ohne diese massive, alle Register ziehende Stimmungsmache, ohne die Erfindung und das Anheizen einer speziell deutschen Obamamania wäre der Zirkus wohl nicht ganz so ausgefallen wie dann aus Berlin berichtet. So allzeit bereit zu schwarz-rot-geilen Partys deutsche Fanmeilenbesucher heutzutage sind: Sich eine derart aufgedrehte nationale Veranstaltung für den US-Kandidaten zu bestellen, darauf wären wohl auch die gut gelaunten Demokraten von Berlin nicht gekommen.

Die Anmacher der deutschen Öffentlichkeit dagegen haben versucht, umsichtig dafür Sorge zu tragen, dass das demokratische Fest keinesfalls unter dem real existierenden deutsch-amerikanischen Verhältnis leidet und im Sinne einer gelungenen Feier stattdessen auf aktive Verdrängung plädiert: Dieser Mann hat die US-Vorwahlen überstanden. Heißt: er ist knallhart! Und er will US-Präsident werden. Heißt: Er wird die Interessen der USA durchsetzen – auch da, wo es uns nicht passt. Aber heute genießen wir das Rendezvous mit einem Obama, wie wir ihn uns gemalt haben. Egal, was er sagen wird – Zehntausende werden ihm zujubeln. (Bild, ebd.) Und selbst Blätter, die sonst mit abgeklärtem Zynismus die Methodik des Stimmenfangs im Allgemeinen und die ausgefeilte amerikanische im Besonderen kommentieren, wollen sich diesmal nichts von einer perfekten Inszenierung, ...vom Popkonzert eines Predigers, typisch amerikanisch erzählen und sich den Zauber Obamas kleinreden lassen. (FAZ, 26.7.)

Dem mainstream der deutschen Öffentlichkeit war anscheinend daran gelegen, das massenhafte Bedürfnis nach Anbetung einer politischen Führerfigur, auch wenn man sie sich ausdrücklich erst gemäß diesem Bedürfnis zurechtlügen – oder eben -malen – muss, ins Recht zu setzen und zusammen mit dem Publikum einmal durchzuexerzieren, wie man Begeisterung für die Politik erzeugt, ganz ohne Kritik und ganz ohne konkrete Inhalte. Allenfalls mit der einzigen Kritik – betrachtet man nur den letzten Auftritt der Bundeskanzlerin vor den Ferien, der glanzlos und nichtssagend ausgefallen sein soll, mit dieser Vollkaskosprache, ... die müde macht und traurig (FAZ, ebd.) –, dass uns ein Obama fehlt! Und mit ihm der perfektionierte amerikanische Kultus der Führung, den einmal ohne jede demokratische Zurückhaltung zu zelebrieren die überparteiliche Figur des US-Kandidaten Gelegenheit gegeben hat; so dass mit dem schönen Angebot zum Feiern an deutsche Demokraten ihnen zugleich der neueste Stand des freiheitlichen Personenkults auf Weltniveau vermittelt werden konnte. FAZ und Bild, Spiegel und selbst professionell distanzierte Ankermänner vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wie K. Kleber bei der ZDF-Live-Reportage, geben sich hingerissen und beglaubigen gerne, dass Demokratie hier wie in den USA immer auch viel grundlose Begeisterung gebrauchen kann. Das wollen die Agenten der vierten Gewalt einmal zu Protokoll geben und anlässlich des Obama-Besuches beispielhaft vorführen. Morgen werden sie wieder das Wirken der Politiker mit ihrer problematisierenden Kritik überziehen. Aber ein demokratisches Gemeinwesen muss wissen, dass es auch noch etwas anderes braucht und die Gelegenheiten dafür wahrnehmen: Hingabe an und Verehrung für seine erwählten Führer, die ihr Volk niemals miss-, sondern garantiert nur wohlwollend gebrauchen, muss man sich nicht schlechtreden lassen! Persönlichkeitskult ist nichts Verwerfliches, wenn er den Richtigen gilt, und ein wenig Abstraktionsvermögen und Selbstbetrug schaden dabei nicht, wenn sie die gute Stimmung fördern! Schließlich kommen sich Volk und Führung nur mit begeisterter, grundloser Zustimmung so richtig nah – yes we can! –, wie es für große Vorhaben des Gemeinwesens manchmal nötig ist. Weshalb es – diese Forderung zu stellen scheuen sich die Betreiber der deutschen Meinungsfreiheit nicht – zu den Pflichten und Fähigkeiten demokratischer Führungspersönlichkeiten zählen sollte, das abstrakte Zutrauen in die Politik und damit die Herrschaft über Willen und Gemüt der Bürgerschaft sicherzustellen, die mancher notwendige ‚change‘ in krisenhaften Zeiten gut brauchen kann.

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Ganz ohne kritische Anmerkungen geht es dann doch nicht ab: Die SZ, wie auch andere Blätter aus dem seriösen Sektor, gibt sich in der Distanz von ein paar Tagen ein wenig ausgenüchtert und bemerkt, dass Massenphänomene in der deutschen Hauptstadt allemal zu unguten Deutungsmöglichkeiten Anlass geben können. Sie fordert von den Bürgern, die begeistert waren von Obama, dem wahlkämpfenden Illusionisten, der viel versprechen kann, aber noch keine Erfolge vorzuweisen hat, sich einen Funken Kritik zu erhalten und dem Phänomen der Verführbarkeit zu widerstehen und liefert gleich ein paar Hinweise darauf, wie sie sich die Rückkehr der kritischen Vernunft in die Politik vorstellen könnte. Aufgeweckte Demokraten sollten sich nur von nachweisbar erfolgreichen Politikern ihre Sehnsucht nach Führung erfüllen lassen: Wenn Obama sich etwa nach vier Jahren Präsidentschaft erneut in Berlin vorstellen würde, wenn er auf die Regelung offener Fragen in Sachen Iran, ... Simbabwe oder Beseitigung von Armut verweisen könnte, wenn also die harte Arbeit getan wäre, der Iran unschädlich gemacht wäre, Simbabwe unter Menschenrechtsherrschaft stünde und die Armut ein wenig langsamer zunähme: Dann wäre nach dem Geschmack der SZ der bessere Zeitpunkt für ein Massenspektakel, und die Redaktion könnte ohne ungute Erinnerungen die Freiwilligkeit und Begeisterung der jubelnden Massen goutieren. (SZ, 26./27.7.08)

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PS.: Eine Bitte an alle Sozialkundelehrer in den Klassenzimmern und Redaktionen der Nation: Könnte man sich in Zukunft beim Thema „politische Verführbarkeit und Manipulation“ nicht vielleicht diese schlechten alten Filmbilder ersparen, mit denen immer gezeigt wird, wie Leni Riefenstahl und Adolf Hitler zusammen mit einem Riesenaufwand auf ihrem Reichsparteitag die damaligen guten Deutschen verführt haben? Wo man doch über genug bunte Bilder in guter Qualität verfügt, auf denen 200 000 heutige gute Deutsche mit ein paar Tagen Medienkampagne und einer abgesperrten Straße mit Würstchenbuden dazu gebracht werden, um Verführung zu betteln!


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