Noam Chomsky in Köln: Kleine Studie zur Debattenkultur

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-11 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Noam Chomsky in Köln: Kleine Studie zur Debattenkultur

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Wenn Noam Chomsky vor großem Publikum in der Kölner Universität einen Vortrag über „die jüngsten Entwicklungen der globalen Weltordnung hält“, ist es sich die Süddeutsche Zeitung bzw. sind es sich Bestandteile ihrer Feuilletonredaktion anscheinend schuldig, die Veranstaltung dieses antiimperialistischen Denkers madig zu machen. Jedenfalls schlägt ihre Redakteurin sogleich den entsprechenden Tonfall an. Ihr ist von vornherein klar, dass „man“ Chomsky in dem Sinn nicht „hören“, sondern „erleben“ will, weil das, was er „zur politischen Weltlage“ zu sagen hatte, „das kannte man schon aus seinen Büchern.“ (SZ, 10. 6.) Na, dann. Dann erklären wir künftig eben alles für langweilig und uninteressant, was einer schon mal zu Papier gebracht oder in ein Mikrophon gesprochen hat, und merken uns für den vorliegenden Fall, dass es allenfalls ein unkritischer Fankult sein kann, der die Massen in die Veranstaltungen dieses „politischen Großkritikers“ treibt. Und was hatte der Mann nun zu sagen?

Noam Chomsky in Köln: Kleine Studie zur Debattenkultur

Wenn Noam Chomsky vor großem Publikum in der Kölner Universität einen Vortrag über die jüngsten Entwicklungen der globalen Weltordnung hält, ist es sich die Süddeutsche Zeitung bzw. sind es sich Bestandteile ihrer Feuilletonredaktion anscheinend schuldig, die Veranstaltung dieses antiimperialistischen Denkers madig zu machen. Jedenfalls schlägt ihre Redakteurin sogleich den entsprechenden Tonfall an. Ihr ist von vornherein klar, dass man Chomsky in dem Sinn nicht hören, sondern erleben will, weil das, was er zur politischen Weltlage zu sagen hatte, das kannte man schon aus seinen Büchern. (SZ, 10. 6.) Na, dann. Dann erklären wir künftig eben alles für langweilig und uninteressant, was einer schon mal zu Papier gebracht oder in ein Mikrophon gesprochen hat, und merken uns für den vorliegenden Fall, dass es allenfalls ein unkritischer Fankult sein kann, der die Massen in die Veranstaltungen dieses politischen Großkritikers treibt. Und was hatte der Mann nun zu sagen?

„Seit der Monroe-Doktrin von 1823, erklärte er zu Beginn seiner Rede, betrachteten die Vereinigten Staaten die Welt als politische und wirtschaftliche Verfügungsmasse, den eigenen Interessen untergeordnet oder doch unterzuordnen.“

Nun könnte man sich ja fragen, ob an diesem Urteil über die amerikanische Politik etwas dran ist. Das aber ist nicht Sache der SZ-Redakteurin, die nämlich fortfährt:

„Diese Sicht lieferte Chomsky das Koordinatensystem, auf dem er die wichtigsten Daten der politischen Kriminalgeschichte Amerikas absteckte, von der Absetzung des iranischen Präsidenten Mosadegh 1953 bis zum Einmarsch im Irak ein halbes Jahrhundert später.“

Ihre Erläuterungen betreffen gar nicht die Sache, über die Chomsky redet, sondern das Verfahren, nach dem er sich angeblich eine historische Weltsicht zusammenstrickt. Demzufolge ist Chomsky nicht etwa über seine Auseinandersetzung mit der amerikanischen Politik zu besagtem Urteil gelangt. Vielmehr ist es genau umgekehrt, nämlich so, dass hier ein besonders vorurteilsbeladener Mensch, der, aus welchen Gründen auch immer, überall nur Verbrechen Amerikas sehen will, seine Sicht der Dinge an die Geschichte Amerikas heranträgt, auf sie anwendet, nämlich wie ein Koordinatensystem den historischen Ereignissen überstülpt. Den Vortrag so zu nehmen hat den Vorteil, dass das Vorgetragene dann als Aussage über die Wirklichkeit überhaupt nicht mehr zu würdigen und ernstzunehmen ist, sondern stattdessen als Ausdruck der Eigenart des Referenten besprochen werden kann. Und daran, dass man den Vortrag so nimmt, ist unserer Kommentatorin offenbar gelegen. Jedenfalls argumentiert sie dafür und fährt extra zu dem Zweck mit ihrem Hintergrundwissen auf, dass es sich bei dem Großkritiker ja auch noch um einen berühmten Linguisten handelt. Das gehört zwar in diesem Fall erklärtermaßen nicht zur Sache – wie gesagt, der Vortrag sollte von Weltpolitik handeln, und Chomsky selber hat mehrmals in seiner Karriere erklärt, dass seine Erkenntnisse auf dem Feld der Linguistik nichts mit seinem politischen Urteil zu tun haben (das wäre, nebenbei betrachtet, ja auch noch schöner!). Aber wenn man bedenkt, dass er als Linguist mit seiner generativen Transformationsgrammatik auch schon den Schlüssel für die Sprachfähigkeit des Menschen liefern wollte, dann fällt (es) nicht schwer, diesen Ansatz auf Chomskys politisches Weltbild zu übertragen.

Nämlich so, dass man ihn auch auf dem Feld der politischen Kritik als einen Denker dingfest macht, der, um was auch immer es geht, jedenfalls mit einem Schlüssel auf die Welt losgeht:

„Auch hier setzt er eine Grundannahme: die Außenpolitik der USA ist die Wurzel aller Übel weltweit. Ändert sich diese Politik, steht es auch um die Welt als Ganze besser.“

Der Großkritiker ist damit durchschaut: So einer ist das also! Ein engstirniger Denker, der meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben – was besonders ins Auge sticht, wenn man, wie die Dame von der SZ es selbstverständlich tut, seine politische Kritik auch noch für jeden erkennbar extra doof in einer moralischen Gleichung zusammenfasst. Und so ist dann alles bestens vorbereitet, um die eigentlichen Schwächen von Noam Chomskys politischer Polemik aufzudecken. Es ist nämlich so:

„Die Gleichung mag in vielen, sehr vielen Teilen zutreffen. Ihr Problem ist, dass sie nicht restlos aufgeht.“

Das ist natürlich ein Hammer! Sollten Chomsky die wenigen, vermutlich sehr kleinen Teile entgangen sein, die nicht unter seine Gleichung passen? Unserer SZ-Redakteurin sind sie jedenfalls nicht entgangen, und damit steht das Problem deutlich vor uns, das eine Weltsicht in sich birgt, die einfach nur festhält, dass Amerika irgendwie immer schon im eigenen nationalen Interesse die Welt unterjocht hat. Die Redakteurin redet auch da nicht über die Dinge, die ihr in Chomskys Weltsicht unter die Räder zu kommen scheinen. Sie behauptet nur, insinuiert, dass er es sich zu einfach macht. Und geht von da aus – nachdem sie ihn herablassend dennoch als einen bedeutenden politischen Autor und als intellektuelle Galionsfigur der Linken gewürdigt hat – lieber dazu über, ihm weise Ratschläge zu erteilen:

„Seine Aufgabe wäre es allerdings gewesen, die entsprechenden Positionen pragmatisch zu formulieren – also inklusive jener Gebrochenheit und unaufhebbaren Vorläufigkeit, mit der jede Politik und politische Programmatik leben muss. Die aber ließ er immer wieder vermissen, so auch jetzt in Köln.“

Sie an seiner Stelle hätte der Bewegung aufs Banner geschrieben: ‚Macht es euch nicht zu einfach!‘, ‚Lest mehr Popper!‘, ‚Die Rettung liegt in der Skepsis!‘ Zwar mag sie Linke gar nicht übermäßig, dafür kennt sie sich umso mehr darin aus, was denen gut zu Gesicht stünde: Mehr Selbstzweifel und Bescheidenheit. Wenn man sie als Galionsfigur der Linken berufen hätte, hätte sie da ihre Aufgabe gesehen! Was aber macht Chomsky die ganzen Jahre? Fehlanzeige! So also geht Kritik: man vermisst einfach das, was man gern gehört hätte – im Falle der Linken ein Bekenntnis zur Relativität der eigenen Position –, und fertig ist das Argument.

Ein solches Versäumnis rächt sich natürlich. In Köln konnte man das z.B. daran sehen, dass Chomsky einfach nicht zu haben war für eine Verurteilung des Iran:

„Wie er die Hoffnungen von Teilen der Welt auf das Atomprogramm gutheißen könne, wo doch dort eine Regierung im Amt sei, die nicht davor zurückschrecke, politisch missliebige Bürger im Zweifelsfall zu ermorden, wollte ein Zuschauer wissen. Ja, antwortete Chomsky, die iranische Führung sei furchtbar, ohne jeden Zweifel. Aber was, fragte er schulterzuckend zurück, solle man tun, wie sie beeinflussen? Zudem gebe es auch andere schlimme Regime, das saudische etwa. Dieses werde vom Westen nur darum nicht kritisiert, weil dieser die guten Beziehungen nicht aufs Spiel setzen wolle. Hier bedient sich Chomsky einer Logik, die der von ihm monierten Logik des Westens auf unheimliche Weise ähnlich ist.“

Offenbar ist dem Kritiker des amerikanischen Imperialismus in seiner Veranstaltung wieder einmal die Gretchenfrage gestellt worden: Bist du etwa für die Feinde Amerikas? Und offenbar hat es ihm nichts genützt, dies zu dementieren. Es war ja auch etwas anderes verlangt: ein Bekenntnis zu der höheren Verantwortung gegenüber den malträtierten Menschen im Iran und anderswo, in deren Namen der Westen mit den USA vorneweg sich für den Rest der Welt zuständig erklären, Weltpolitik treiben und sich in dem Zuge auch das Recht herausnehmen, ihnen nicht genehme Regime zu erledigen. Wer seine Unterschrift unter diesen imperialistischen Rechtstitel verweigert, wird als Zyniker entlarvt, als ein Mensch, den das Wohl der Menschen unberührt lässt. Dem nützt dann auch kein Fingerzeig darauf mehr, dass die Sorge um das Wohl der Menschen eine imperialistische Heuchelei und nicht der wahre Standpunkt amerikanischer Weltpolitik ist. So als würde er sich dieser Heuchelei befleißigen, wird er der Doppelmoral geziehen – und so sein Recht auf Kritik moralisch erledigt.

Einem Kritiker des amerikanischen Imperialismus dessen unbedingten Rechtsstandpunkt entgegenzuschleudern: das verträgt sich natürlich bestens mit der Predigt von Selbstzweifel und Selbstbescheidenheit! Wahrlich gelungen, wie die Vertreterin eines universellen Einmischungsrechts an Linken – gleich auch noch generell – die Tugend der Bescheidenheit vermisst –

„Chomsky pflegt einen Willen, wie er auf Seiten der Linken immer häufiger anzutreffen ist: den zur absoluten Gewissheit, zum Königsweg der Politik, der alle Alternativen als Irrweg, als direkten Pfad ins gesellschaftliche waste land erscheinen lässt“ –

und von dem amerikanischen Gastredner die kostbarsten Errungenschaften politischer Vernunft mit Füßen getreten sieht: den Zweifel, das Zögern, das Abwägen.


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