Neujahrsansprache 2011: So mag Merkel ihr Volk

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-11 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Neujahrsansprache 2011:
So mag Merkel ihr Volk

Überblick

Zum Silvesterabend spricht die Kanzlerin auf allen Kanälen und sagt, was sie, veränderten Umständen angepasst, alle Jahre sagt, und was auch alle ihre Vorgänger im Amt immer gesagt haben. Manche Wahrheiten gewinnen eben durch Wiederholung.

Neujahrsansprache 2011:
So mag Merkel ihr Volk

Zum Silvesterabend spricht die Kanzlerin auf allen Kanälen und sagt, was sie, veränderten Umständen angepasst, alle Jahre sagt, und was auch alle ihre Vorgänger im Amt immer gesagt haben. Manche Wahrheiten gewinnen eben durch Wiederholung.

Bilanz und Ehrung

„Deutschland hat die Krise wie kaum ein anderes Land gemeistert. Was wir uns vorgenommen hatten, das haben wir auch geschafft: Wir sind sogar gestärkt aus der Krise herausgekommen. Gemeinsam haben wir Enormes geleistet. Wir haben erfahren, was möglich ist. Das ist wichtig, denn wir Deutschen sind uns unserer Stärken selbst nicht immer bewusst.“

Die Rednerin spricht ihr Publikum als Deutsche an, deren Interesse zum Jahreswechsel – na was wohl? – Deutschland gilt. Am Festtag, an dem „wir“ nur ans große „Wir“ denken, gehört sich Freude darüber, dass „Wir“ die Krise bewältigt haben. Ganz falsch wäre da kleinliches Nachrechnen, wer eigentlich die Krise produziert hat, wen sie wie getroffen und wer von ihrer Überwindung was zu erwarten hat. „Wir“ haben es geschafft, besser als andere Länder. Darauf dürfen „Wir“ mal so richtig stolz sein, gerade weil diese Kunst der Selbstbeglückwünschung zur Staatsangehörigkeit nach dem Geschmack der Kanzlerin bei ihren Deutschen immer noch unterentwickelt ist: „Wir“ stehen stärker da als vor der Krise, „Wir“ haben zusammengehalten, „Wir“ sind etwas ganz Besonderes. Damit wir noch stolzer auf uns werden, sagt uns die Kanzlerin, wie stolz sie auf „uns“ ist:

„Und das ist vor allem Ihr Verdienst, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Deutschland ist so erfolgreich, weil Sie Tag für Tag Ihre Arbeit machen. Sie sind früh morgens auf den Beinen. Sie arbeiten im Schichtdienst, an Sonn- und Feiertagen. Sie kümmern sich um Aufträge und um Ihre Mitarbeiter. Sie meistern Ihren Alltag, wie schwer er oft auch sein mag.“

Das ist nobel. Nicht die Regierung hat die Krise überwunden, sondern „Sie, liebe Mitbürger“. Und wodurch? Dadurch dass Sie sich – in Zeiten der Krise und überhaupt – jeden Scheiß gefallen lassen, den die Regierung und die Wirtschaft Ihnen reindrücken. Natürlich wählt die Kanzlerin für dieses Lob angemessenere Worte; aber auch die verheimlichen nichts: Frühaufsteher, Schicht- und Feiertagsarbeiter und andere, die „einen schweren Alltag“ auszuhalten haben, ein Menschenschlag also, der in die eher verachteten unteren Ränge der Berufshierarchie gehört, wird am Silvesterabend repräsentativ für alle Deutschen. Das macht den Deutschen aus, dass er sich so reinhängt und „seine Arbeit macht“, wie diese Typen, die daran früher oder später zugrunde gehen. Natürlich weiß die Kanzlerin, dass die geschätzten Schichtarbeiter andere Leute sind als diejenigen, die sich „um Aufträge und Mitarbeiter kümmern“, also darum, dass die Leute der ersten Kategorie spuren; aber das macht ihre Zufriedenheit nur größer: Als Volksgenossen sind sie alle gleich und der Erfolg des Vaterlandes lebt davon, dass beide Kategorien Deutsche ihre jeweilige Arbeit machen.

Die Kanzlerin ehrt die Regierten für das Ertragen all der Belastungen und Zumutungen, die sie ihnen im Interesse des kapitalistischen Nationalerfolgs verordnet hat. Und sie macht ihnen die Freude, ihr opportunistisches Aushalten und Sich-Gefallen-Lassen als freiwillige, aus Engagement und Verantwortung erbrachte Leistung für Deutschland auszudrücken; und für diesen Einsatz bedankt sie sich bei den Menschen, über die sie Macht ausübt. So verbeugt sich eine Kanzlerin vorm Volk; – tief, wie sich nur verbeugen kann, wer hoch über ihm steht: Mit der Ehre, die sie ihrem Publikum erweist, definiert sie ihm vor, wie sie es haben will.

Ist sie noch nicht voll verstanden worden? Frau Merkel jedenfalls legt nach und verstärkt ihre Botschaft mit Bildern aus dem Repertoire, mit dem die Mächtigen dem Volk ganz nah zu sein vermögen:

„Unsere Fußball-Nationalmannschaft hat in Südafrika ganz wunderbar genau die Tugenden gezeigt, die uns stark machen: Fleiß und Disziplin, Ideenreichtum und Technik auf höchstem Niveau.“

Oder will sie nur den Blick auf die anderen Auswärtsspiele lenken, die deutsche Mannschaften mit deutschen Tugenden zu bestehen haben? Ihrer vor allem ist am Festtag ehrend zu gedenken.

„Wir Deutsche nehmen unsere Verantwortung wahr – auch wenn sie manchmal sehr schwer ist. Unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan mussten in diesem Jahr den Tod von neun Kameraden verkraften.“

Richtig, „Wir“ sind im Krieg. Junge Leute, die keinen besseren Beruf gefunden haben, schießen und werden erschossen. Auch ihren Tod lobt die Kanzlerin als freiwillig erbrachtes Opfer, für das sie den Dank des Vaterlands abstattet. Und dann schafft sie es am heikelsten Punkt der Rede, das unpersönlichste vorstellbare Verhältnis – das der Oberbefehlshaberin zum Menschenmaterial, das sie ins Feld schickt – als persönlichste und anrührende Herzensangelegenheit der Chefin auszudrücken; wie der liebe Gott im Lied von den vielen Sternlein kennt sie ihre geopferten Jungs alle und hat sie lieb.

„Auch wenn kein Wort von mir das Leid der Familien und Freunde der Gefallenen tatsächlich mildern kann, will ich von Herzen sagen: Ich vergesse sie nicht. Auch die körperlich und seelisch Verwundeten vergesse ich nicht. Ich hoffe so sehr, dass sie rasch wieder gesund werden können. Die Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan haben mir erzählt, dass viele Menschen, auch ganz unbekannte, ihnen zu Weihnachten Briefe und Päckchen geschickt haben. Sie haben mich ausdrücklich darum gebeten, Ihnen dafür zu danken. Das tue ich hiermit sehr, sehr gerne.“ Da können alle Deutschen mal hören, wie vorbildlich sich ein paar nationale Fanatiker unter ihnen verhalten haben, und sich ein Beispiel nehmen.

Ausblick und Ermunterung

Dem Zuhörer ist klar, dass so unvermeidlich wie auf Silvester der 1. Januar, dem besinnlichen Rückblick der Ausblick auf „vor uns liegende Aufgaben“ folgt.

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, so wie wir mit Hoffnung in die Zukunft blicken, so tun das auch die Menschen in anderen Teilen der Welt. Auch sie haben Vorstellungen davon, wie sich ihr Land entwickeln soll. Damit fordern sie auch uns Deutsche heraus, nicht stehen zu bleiben.“

Da ist den Redeschreibern doch noch eine rhetorische Überraschung gelungen: Hatten die Deutschen gerade noch vernommen, dass sie etwas ganz Besonderes sind, besser als andere, wenn es gilt, Krisen zu bewältigen, wird ihnen nun die Einsicht zugemutet, dass die Menschen anderswo auch so blöd sind wie sie und ihre persönlichen Ansprüche und Hoffnungen bereitwillig der Entwicklung ihres Staates unterordnen. Dass sie sich in so überwältigend großer Gesellschaft befinden, sollen die Deutschen aber nicht als Gelegenheit zur Verbrüderung verstehen, sondern als Grund zur Sorge: Dass andere Völker auch leben und vorwärts kommen wollen, „fordert uns Deutsche heraus“. Unser berechtigter Stolz darf „uns“ nicht dazu verführen, stehen zu bleiben und „uns“ auf dem Erreichten auszuruhen. In der besten Stimmung des Jahres und mit dem Sektglas in der Hand, erinnert die Kanzlerin ihre Bürger schnell mal an die Unverträglichkeit der kapitalistischen Staaten und setzt darauf, dass sie schon richtig verstanden wird: Wenn der Erfolg anderer Volkswirtschaften den deutschen gefährdet, dann müssen „Wir“ eben besser und billiger sein als die und deren Erfolg kaputt machen, damit der deutsche nicht leidet.

„Dafür brauchen wir Sie: die Menschen, die etwas besser machen wollen, die sagen: Geht nicht, gibt’s nicht, die eine Idee haben und den Mut, sie auch umzusetzen.“

Für den Konkurrenzerfolg der Wirtschaft werden die Arbeitskräfte hergenommen, gebraucht; zur Feier des Tages beschwört die Kanzlerin ihre Angewiesenheit auf die, die sie kommandiert: Wir brauchen Sie – und bitten höflich um engagierten Einsatz.

Das ist dann die Losung für das neue Jahr und die Zuschauer wissen, dass es im Interesse der nationalen Sache mit dem „schweren Alltag“ weiter gehen wird wie im alten. Dafür gibt’s nächstes Silvester dann wieder Dankesworte. Zum Schluss wünscht die Kanzlerin den lieben Mitbürgern, was ein gutes Volk wirklich braucht, nämlich alles, was hart macht: Gesundheit, Kraft, Zufriedenheit und Gottes Segen.


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