Nachruf auf Rudolf Augstein

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-02 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Nachruf auf Rudolf Augstein
Die personifizierte Methode demokratischer Kritik: nörgelnd, konstruktiv, staatstreu

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Was zeichnet einen Durchblicker wie den verstorbenen Spiegel-Herausgeber aus, der die „kritisch“ kontrollierten Politiker so zufrieden hinterlässt, das sie ihm für „sein Lebenswerk“ nur danken können? Vom Kampf Augsteins für eine machtvolle Nachkriegsdemokratie („Sturmgeschütz“); seine Sorge um eine stramme Wehrbereitschaft („Spiegel-Affäre“); seine „Skandal“-Geschichten nebst nachfolgenden Politikerrücktritten, damit nur erfolgreiche Typen Verantwortung haben; seine patriotische Hetze gegen niveaulose Staatsmänner („Birne“); und schließlich sein Stolz auf die friedliche Inbesitznahme der DDR, die für ihn „Kritik“ hinfällig gemacht hat.

Nachruf auf Rudolf Augstein
Die personifizierte Methode demokratischer Kritik: nörgelnd, konstruktiv, staatstreu

Parteiübergreifend ehrt die Führung der Nation „die Verdienste“ des Toten „um das Vaterland“. „Der Spiegel ist das Synonym für die Macht der Vierten Gewalt, für Pressefreiheit und unabhängigen Journalismus“ (Fischer), „Augstein war ein Verteidiger der Freiheit“ (Merkel), „hat die Politik unseres Landes mitgestaltet“ (Rau), „Deutschland ist ärmer geworden, mir wird er fehlen“ (Schröder) usw. Auch wenn sie sich bei der Wahrnehmung ihrer politischen Handlungsfreiheit für gewöhnlich gar nicht kontrollieren lassen: Unisono erweisen die Befehlsinhaber der Gewalten Nr. 1-3 einem Journalisten die Ehre, der es mit seinem Wirken zu so etwas wie einem Kontrollorgan für die Ausübung der Regierungsgeschäfte gebracht hat. Und wenn auch keineswegs alle von ihnen dem Chef eines Blattes, nach dessen „Enthüllungen“ so „manche Köpfe rollten“, in aufrichtiger Sympathie zugetan sein können: Der Respekt, den sie ihm erweisen, ist insoweit ehrlich, als er einem gilt, der mit seiner „kritischen Meinungsbildung“ über die Politik und ihre Macher glatt eine demokratische Institution geworden ist. Freilich: Dass deutsche Politik jemals von Hamburger Redaktionsstuben aus „mitgestaltet“ worden wäre und Politiker, die sich von niemandem etwas sagen lassen, bei Herrn A. wegen seiner „Sprachgewalt“ eine Ausnahme gemacht hätten – das geht schon aufs Konto der bei Grabreden nun einmal unerlässlichen Übertreibungssucht. Doch auch wenn die beschworene „Macht“ dieses „Nachrichtenmagazins“ auf der nie gekündigten Reihenfolge von politischer Tat und journalistischer Würdigung beruht: Eine Größe in der öffentlichen Meinungsbildung, die Politiker kaum ignorieren können, ist der Spiegel schon. Auch wenn – oder besser: gerade weil – sich das Blatt die Maßstäbe der kritischen Prüfung der Politik bei denen abholt, an die sie dann angelegt werden, hat der Spiegel es zu einer öffentlichen Instanz gebracht, die mit darüber entscheidet, ob Politiker zu Recht den Erfolg für sich beanspruchen dürfen, mit dem sie gewohnheitsmäßig renommieren. Dieses Quidproquo als die Methode demokratischen Kritisierens in Deutschland maßgeblich etabliert zu haben, ist das Verdienst Augsteins und seines „investigativen Journalismus“, das macht aus Kritik jene wichtige Funktion der hiesigen politischen Meinungsbildung, von der die Lobredner am Grab nicht müde werden Großartiges zu vermelden. „Spiegel-Leser wissen mehr“ – sicherlich. Was aber wissen sie eigentlich? Was zeichnet einen Durchblick aus, der die kritisch Kontrollierten nach 55 Jahren „schonungsloser Kritik“ dermaßen zufrieden hinterlässt, dass sie seinem Erfinder einfach nur für „sein Lebenswerk danken“?

Der Aufstieg des Spiegel vom „zersetzenden Schmutzblatt“ zur moralischen Institution

Sturmgeschütz der Demokratie nennt der junge A. das Blatt, das ihm die Briten zwecks Einschwörung der Trizonesier auf ihre Frontstaatzukunft gegen den roten Osten schenken, und lässt keinen Zweifel, dass er die Lizenz im Sinne Deutschlands zu nutzen gedenkt. Demokratie versteht er umstandslos und goldrichtig als Chiffre für die Gelegenheit, aus den Resten von Staatsgebiet und Staatsvolk eine Nation zu zimmern, aus der wieder etwas wird. Was, das steht für einen fest, „den zeitlebens die Macht faszinierte – ihre Träume und ihre Verheerungen, ihr Wahn und ihre Erfolge –, der sich leidenschaftlich den Glanz- und Horrorfiguren des 19. Jahrhunderts zuwandte“ (Spiegel 46/02): Eine Macht eben, die dem bescheidenen Ideal gelungener Staatsführung nahe kommt, ihre Träume nationaler Größe und Herrlichkeit auch durchzusetzen statt in verheerenden Niederlagen zu vergeigen. Den Horror schlechthin hat Hitler, „die Verkörperung des Bösen“, über Land und Leute gebracht: den Weltkrieg verloren, der Sauhund. Das macht Augstein zum erklärten Antifaschisten. Die verächtliche Rede vom „GröFaZ“ ist sein erstes „Sturmgeschütz“: feldherrnmäßig eine Null; Wahnsinn, so einen Krieg anzufangen; nie wieder! Die unsägliche Kritik, das Staatsprogramm des 3. Reiches zur Untat eines „verbrecherischen Psychopathen“ zu erklären, der ein zerbombtes und geschrumpftes Deutschland hinterlässt – und zu allem Überfluss mit der Judenvernichtung eine üble „Erblast“ –, macht ihn vorwärts denkend zum kritischen Nationalisten, der am Wie der Aufstiegsperspektive West-Deutschlands zweifelt. Die Sorge, aus seinem von Gnaden der Alliierten belassenen, aber amputierten Heimatland könne schon wieder nichts Rechtes werden, führt seine Feder: Er schreibt weitsichtig „gegen den Hochmut der demontagewütigen Besatzungsmächte“, die zu viel Gerät abschleppen, das für den Aufbau eines späteren Exportweltmeisters nützlich sein könnte; „gegen korrupte Politiker“, die er verdächtigt, deutsche Souveränität für ein Linsengericht zu verscherbeln; „gegen Adenauers einseitige Westbindung“, den er mit der SPD „Kanzler der Alliierten“ schimpft, der nationale Interessen nur ausverkauft. Als überzeugter Antikommunist anerkennt Augstein letztlich aber auch, dass ein aufgerüstetes „Bollwerk der Freiheit“ die alternativlose Staatsräson ist, um die aufstrebende Wirtschaftsmacht BRD und die Villen der Arbeiter im Tessin vor dem Zugriff des Iwan zu retten. So verlegt er sich fortan darauf, der Republik, mit deren kapitalistisch-demokratischer Eigentumsordnung er sturzzufrieden ist, im Namen von Verfassung und Amtseid auf die Finger zu schauen: Mehren unsere Führer den Nutzen der Nation und wenden sie Schaden vom Volke ab? Entsprechen sie dabei dem Bild des gemeinwohlfördernden statt selbstsüchtigen Politikers, und vor allem: Kleckern sie braune Flecken auf die weiße Weste der grundguten Nation, zu deren Wäsche sich das Blatt verpflichtet fühlt? Mit solch ätzenden Fragen produziert der „investigative Journalismus“ des Spiegel Skandale: „1950 werden im Haus des Kieler Ex-Agrarministers Erich Arp Fleischbüchsen gefunden“, die er dem darbenden Volk wegfrisst; dann wird „der enge Kanzlerberater Hans Globke als Kommentator der Nürnberger Rassengesetze entlarvt“; „1959 beginnen Enthüllungen über Unregelmäßigkeiten bei der Beschaffung des Starfighters“, der – man stelle sich vor: schweineteuer und nutzlos! – serienweise abstürzt statt zu funktionieren. Seine Reporter schnüffeln nach Fällen schwer wiegenden Missbrauchs der Macht, die Augstein so „fasziniert“, dass er ihr Personal dauernd in den „Schmutz“ ziehen, sprich: den sachgerechten und sauberen Gebrauch der Macht anmahnen muss.

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Mit dieser Tour geht er den Herrschenden der Bonner Nachkriegsrepublik kräftig auf die Nerven. Als der Spiegel 1962 behauptet, die Bundeswehr sei nur bedingt abwehrbereit!, ist das Maß voll: Adenauer wittert einen „Abgrund von Landesverrat“, Strauß lässt Augstein verhaften. Die Staatsmacht hält die zutiefst patriotische, vom Ideal unbedingter Abwehrbereitschaft vorgetragene Enthüllung einer unzureichenden Kampfkraft der Bundeswehr für alles andere als vaterlandsliebend; in öffentlichen Sorgen um die Verteidigungsfähigkeit der Nation entdeckt sie keine Förderung des Verteidigungswillens, den sie ihrem Volk verordnet, sondern Zersetzung. Dass das „Schmutzblatt“ keine Staatsgeheimnisse verrät, sondern seine bekümmerte Frage publik macht, ob der Russe tatsächlich binnen 7 Tagen am Rhein steht (eine Frage, aus der in der Sache übrigens nur eins folgt: die Bundeswehr vom „Stolperdraht“ gegen die Rote Armee auf „Vorneverteidigung“ umzurüsten): Diese Produktivkraft kritischer Parteilichkeit für die Moral des zivilen Fußvolks wissen der Kanzler und der Verteidigungsminister nicht zu schätzen; und weil sie den Vaterlandsverrat juristisch nicht nachweisen können, geht die „Spiegel-Affäre“ als Ende der Ära Adenauer in die Geschichte ein. Umgekehrt begründet der Skandal um das Skandalblatt den Aufstieg des Spiegel zur Institution: Er verkörpert die Freiheit der Presse zu konstruktiver Kritik. Man darf die Politik an ihren eigenen Erfolgs- und Legitimationsmaßstäben messen, wohlmeinende Enthüllungsstorys über Versager an der Macht sind erlaubt und erwünscht, als politmoralisches Aufsichtsorgan der Staatsgeschäfte erhält die „Vierte Gewalt“ ihr festes Plätzchen in der aufgeklärten Post-Adenauer-Republik.

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So schreibt der Spiegel und Augstein in ihm, fortan unzensiert, Jahrgang für Jahrgang mit Geschichten voll, die den ungemeinen Nutzen des Skandals für die Demokratie unter Beweis stellen. „Das Deutsche Nachrichtenmagazin“ deckt Verfassungsbrüche und private Entgleisungen auf, überführt bestechliche Verantwortungsträger, stellt Flaschen im Amt an den Pranger und unterhält das lesende Volk mit allem nötigen Detailwissen: Damit bewahrt es die Nation vor dem Größten Anzunehmenden Unfall – untaugliches Führungspersonal! Die Erfolgsbilanz in Nr. 46/2002: „Rückzug Strauß in die bayerische Landespolitik (1962)“. „Rücktritt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Wienand 1974“ (Geld von „dubioser Flugfirma“). „Spiegel-Bericht über illegalen Lauschangriff auf Atommanager Traube 1977“ (Rücktritt Innenminister Maihofer, FDP). „Stuttgarter Ministerpräsident Filbinger (CDU) war Marinerichter im 3. Reich“ (Rücktritt 1978). 1980 erneut „FJS als Bundeskanzler verhindert“. „1981 löst der Spiegel die Parteispendenaffäre aus: verdeckte Spenden des Flick-Konzerns in Höhe von mehr als 25 Millionen Mark an Politiker wie Kohl und Graf Lambsdorff. Flick-Manager von Brauchitsch 1987 wegen Steuerhinterziehung durch Spenden verurteilt“. „Neue-Heimat-Chef Vietor und andere Manager: jahrelang auf Kosten des Gewerkschaftsunternehmens bereichert“ (1982, dann Pleite und natürlich: Rücktritte). 1987, ganz großes Jahr: „Barschel-Affäre“ (Rücktritt, Badewanne). 1991 „Traumschiff-Affäre“ um Stuttgarter Ministerpräsidenten Späth (Rücktritt). 1992: „Einkaufswagenchip-Affäre um angeheirateten Vetter von Wirtschaftsminister Möllemann“ (Rücktritt). 1993: Engholm (gelogen), Streibl (bei Mittelstandsförderung an „Amigos“ geraten), Steinkühler (unsauber bereichert), 3 Rücktritte. Die Eintönigkeit von Skandal und Bewältigung hat Methode: Wer immerzu unsaubere Praktiken beim Staatmachen und Wirtschaftsfördern anklagt, für den ist dieser Staat und die von ihm geschützte Herrschaft des Eigentums in Ordnung; wer die fehlende Glaubwürdigkeit der Politik und ihrer Charaktermasken betränt, für den ist diese Nation und deren Führung alles andere als ein Skandal, vielmehr geistige Heimat; wer an den Taten der Herrschenden nichts als deren unrechtmäßige Finanzierung kritisiert, stellt Zwecken & Mitteln der Macht den brutalstmöglichen Persilschein aus und agitiert seine Leser für diesen Standpunkt der Antikritik. Denn dieser Standpunkt weckt Neugier auf Skandale ganz eigener Art. Die Politik mag beschließen und anrichten, was sie will, der Spiegel fragt, wie sie zustande kommt: Halten sich ihre Akteure beim Gesetze machen, Lohn kürzen oder Waffen exportieren an Recht und Sitte? Das ist interessant. Wer hat mit wem gekungelt, wer wen in welchem Hinterzimmer geschmiert oder befingert? Das ist spannend. Sex and Crime für Staatsbürger mit Abitur: Aus der Schlüssellochperspektive der selbst ernannten demokratischen Hygienepolizei verbreiten Augsteins Redakteure ihre Gleichsetzung von Wissen und Bescheid wissen, darüber was „hinter den Kulissen“ läuft. Abgeklärt wie mitfiebernd bedienen sie die Moral vom „schmutzigen Geschäft“ der Politik: Jeder „Intrigantenstadl“, jeder „Genosse Filz“, jede „Vetternwirtschaft in Bonn“ (und wie die Titelgeschichten alle heißen) beschwört und schürt die Sorge um saubere = gelungene Politik. So konstruktiv ist der Informations-Wahn des Spiegel nämlich alle Mal: „Gut informierte Kreise“, die aus dem Nähkästchen der in der Demokratie alltäglichen Verquickung von Geld und Macht plaudern, firmieren als Zeugen der Anklage, charakterlose Politiker setzten hochwichtige und ehrenwerte Projekte der Nation in den Sand; also ist das patriotische Fahndungsinteresse auch befriedigt, wenn die beschuldigten Figuren abtreten. Einstweilen zumindest; denn es gehört zum Prinzip des negativen demokratischen Personenkults, dass seine Pfleger den Zustand ihrer geliebten Führungsriege nie schwarz genug sehen können: Wohl 1000 Politikern hat das Blatt jede „Führungspersönlichkeit“ abgesprochen, „farbloses Mittelmaß“ und Abgründe von „Inkompetenz“ aufgetan, bald jedem Kanzler den härtesten aller Vorwürfe erteilt, nicht zu regieren („Aussitzer Kohl“), in Bonn, dann in Berlin 2 x jährlich „Szenen aus dem Tollhaus“ oder „rot-grünes Chaos“ entdeckt und regelmäßig zwischendurch zu Protokoll geben müssen, dass die gesamte „politische Klasse“ aus lauter Flaschen besteht. Die Regierenden verweigern den Regierten das Recht, Erfolg versprechend, anständig und in Würde regiert zu werden: Im Namen des mündigen Untertanen bedient der Spiegel diese hohe Spielart staatsbürgerlicher Unzufriedenheit.

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Dabei achtet das Magazin, das ja kein Schundblatt mit 4 Buchstaben ist, sehr auf die geistigen Bedürfnisse der Kundschaft, die es sich herangezogen hat. Der Spiegel liefert patriotische Hetze mit Niveau – und dazu zählt unbedingt die epische Ausbreitung seines nie zufrieden zu stellenden Leidens am Ungeist der Macht. Wie jeder scharfzüngige Leitartikler seufzt auch ein Augstein nach Häuptlingen, die das Recht der Nation auf Erfolg in die Hand nehmen, aber das ist ihm zu wenig: Geradezu „leidenschaftlich“ verbreitet er die Botschaft, dass stets Kleingeisterei und Provinzialismus von Staatenlenkern die Geschicke des Landes vergeigen. Die Ausstattung des Herrschaftspersonals mit Grips = Führungsqualität hält er für die Erfolgsbedingung nationalen Regierens: Er propagiert die Überhöhung von Macht in Verantwortung; die Kunst des Herrschens, in die er das Regieren des Volkes genauso wie das Führen von Kriegen verfabelt, will er mit Attributen von Glanz und Genius versehen wissen. Dafür hat Rudolf Augstein zeitlebens gekämpft (was im Spiegel-Layout wahrscheinlich so aussähe): Er

  • verhöhnt Adenauer für seinen geringen Wortschatz, reißt die ersten Lübke-Witze und leidet entsetzlich an „Birne“ Kohl, weil dieser „Elefant im Porzellanladen“ so wenig das Anrecht des deutschen Bürgers auf silberlockige Schöngeister im Amt erfüllt;
  • bringt seine Hassliebe zu De Gaulle und Mitterand zu Papier, weil er die Franzosen für „ihr fabelhaftes Personal“ bewundert, das leider der falschen Nation vorsteht;
  • schreibt einen Wälzer über Fluch und Segen Friedrich des Großen und seiner Schlachtenbilanz („Insgesamt 16 Siege und 7 Niederlagen, pas trop mal“), weil er den guten „Kern der preußischen Tugenden“, Ordnungssinn und Strammstehen, für die Demokratie retten möchte;
  • schreibt noch ein Buch „Jesus Menschensohn“, weil der Freidenker in der Mission des bekennenden Atheisten unterwegs ist;
  • bittet philosophische Schwergewichte von Heidegger bis Jünger zu ehrerbietigen Spiegel-Gesprächen, weil er von dem Auftrag beseelt ist, den guten Kern ihres reaktionären Geistes für die Kulturnation Deutschland zu rehabilitieren;
  • zieht als FDP-Mitglied von der Vierten kurzzeitig in die Hallen der Ersten Gewalt, weil er der flachköpfigen Bande im Bundestag einmal zeigen will, wie der personifizierte Fortschrittsgeist die Macht befruchtet.

Augstein und sein Spiegel verstehen und präsentieren sich als Angebot an gehobene Nationalisten, die ihre Kollegen Bild-Leser als ‚dumpfe, manipulierbare‘, stets zu ‚Kadavergehorsam‘ aufgelegte ‚Masse‘ verachten = als das negative Abziehbild dessen, was sie an sich Klasse finden: allen Erfolgsansprüchen und Problemlagen ihrer Nation aufgeschlossene Citoyens, die sich – politically voll correct – zum Vaterland nicht wegen autoritärem Staat, schnöder D-Mark, Beckenbauer oder Dieter Bohlen bekennen. Sondern aus freien Stücken, wegen politischem Diskurs, liberalen Werten, Arno Schmidt, Grönemeyer oder so – ohne dabei natürlich das Wichtige zu vergessen. Dass das „Boot voll ist“ und endlich gescheit durchgegriffen gehört gegen Asylanten und andere Ausländer, wissen zwar schon alle. Spiegel-Leser aber wissen dazu noch, dass das Pack „gefährlich fremd“ ist und ein „Scheitern der multikulturellen Gesellschaft droht.“

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Zum Laufbahnende ist der Apostel patriotischer Schwarzseherei dann zuversichtlicher geworden. Er ändert seine Meinung, weil er seinem Urteilsmaßstab treu bleibt: Diesen dialektischen Grundsatz demokratischer Kritik erklärt „der Alte“ – kurz nach der deutschen Wende, die auch seinen Wendepunkt markiert – „im Gespräch mit jungen Spiegel-Redakteurinnen und -Redakteuren“:

Spiegel: ‚Sturmgeschütz der Demokratie‘ hat der junge Rudolf Augstein sein Blatt einst genannt. Beim Lesen Ihrer Kommentare entsteht mitunter der Eindruck, dass Sie heute nur noch mit der Schrotflinte schießen.
Augstein: Entschuldigen Sie mal, Sturmgeschütze sind doch nur in Zeiten angebracht, wo es etwas zu stürmen gibt. Das ist heute nicht mehr der Fall.
Spiegel: Wie bitte?
Augstein: Das Land ist im Kern gesund. Mit den Problemen, die wir haben, können wir langfristig wohl fertig werden. Wenn wir denken, wir könnten es nicht, werden wir zu Recht als wehleidig gescholten.“ (44/93)

A., das kritische Korrektiv der Macht, der von sich im patriotischen „wir“ redet, spricht aus, was es heißt, Politik vom Standpunkt der nationalen Identität zu beurteilen: Deutschland und er sind so untrennbar verbunden, dass er denkt und fühlt, je nach dem, wie es um die Nation gerade steht. Meckern und Mahnen sind erste Bürgerpflicht, wo „es“ für Deutschland „etwas“ zu erstürmen gibt: die „Erblast“ des verlorenen Krieges überwinden, als Wehr- und Wirtschaftsmacht „wieder wer“ werden, die „Schandmauer“ schleifen, die Ulbricht mitten durch Augsteins Seele gebaut hatte. So lange war Kritik nötig. Jetzt, wo die BRD die Sonderprämie ihrer NATO-Treue einfahren und die DDR kassieren darf, passen ätzende Kommentare über eine minderbemittelte Nation nicht mehr in die Landschaft, also in den Papierkorb damit. Die gewonnene Größe Deutschlands macht Kritik hinfällig. Der Herausgeber lebt öffentlich vor, wie ein nationales Gemüt funktioniert: 40 leidvolle Jahre der Zugehörigkeit zu einer unvollständigen Nation schlagen unmittelbar in Stolz um, wenn „die kaum noch geglaubte Einheit“ doch noch „kommt“. Den Anschluss von Land und Leuten des falschen Staates an den einzig richtigen begreift ein Augstein konsequent als Leistung seiner Regenten, deren Allerdümmstem er nun eine Eins mit Sternchen erteilt: „Glückwunsch, Kanzler!“, Geburtsfehler der Teilung abgestellt, fabelhafte historische Tat. Die selben Herren, die ihre Sache nie richtig machen konnten, weil und solange der Staat nicht fertig war, machen jetzt, die Birne aus Oggersheim vorneweg, alles richtig, indem sie ihre Macht über ganz Deutschland ausdehnen. Nun kann und soll die Nation ihre Interessen durchsetzen und ihre Fahne in die Höhe halten – nie mehr wehleidig, endlich kann der vereinigte Rudolf so aufrecht gehen wie der Franzos’:

„Wir können nicht darauf verzichten, unsere nationalen Interessen wahrzunehmen, wenn alle anderen das auch tun. Wir müssen uns doch wehren dürfen gegen diesen dauernden Verdacht, wir wollten hier noch irgendetwas erobern. Wir wollen nichts erobern. Wir verteidigen unsere Besitzstände. Das tun die anderen auch. Wir dürfen uns aber nie erlauben, das zu tun, was die Franzosen tun.“ (44/93)

Endlich normal! Daraus leitet Augstein, der die Konkurrenz imperialistischer Nationen auf ein kindgerechtes ‚Ich-hau-dich-weil-du-mich-haust und das ist legitim!‘ herunterbringt, das Recht Deutschlands ab, zu tun, was es tut: seine Interessen wahrzunehmen – künftig aber mit astreinem Gewissen. In diesem Sinne wird der Spiegel genauso flaggenmäßig eingerahmt wie Bild, wird die polit-moralische Chiffre für deutsche Bescheidenheit als „Fessel“ für den auswärtigen Tatendrangs der Nation ausrangiert – „als Handlungsanweisung taugt das Gedenken an Auschwitz nicht“ (12/90) – und wird ein Abweichler wie Grass, der die „Wiedervereinigung“ ablehnt, im Spiegel-Gespräch darüber belehrt, dass die Zeiten notorischer Unzufriedenheit mit der Nation passé sind.

Freilich nur, wenn deren Chefs vor dem Auge des großdeutschen Benimmwächters bestehen und die Chance neuer Weltgeltung nicht fahrlässig verspielen. Nach viel „Dilettantismus“ in den 90ern („Kohl, der seine Chance packte und die Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten so bravourös vorantrieb, hat die Aufgabe nicht gesehen, die danach kam.“ 18/92) erfährt heute die rot-grüne Führung, deren nationalistischer Antiamerikanismus Augstein als Aufbegehren „wider die Hybris der Supermacht“ gefällt, im letzten Kommentar seines Lebens („Die Präventiv-Kriegstreiber“) viel Lob. Ob Schröders ‚Nein‘ zum Irak-Krieg der USA „uns“ in der Konkurrenz der Weltmächte, Augsteins weisem Schulterklopfen sei Dank, letztlich Erfolg oder Elend beschert: Dies zu erleben, war dem Mann mit dem schwarz-rot-goldenen Herzen leider nicht mehr vergönnt.


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