Modernisierung des Flächentarifs

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Fortschritte der Gewerkschaft
Von der „Gegenmacht gegen Unternehmerwillkür“ zur „Modernisierung des Flächentarifs“

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Die IG Chemie baut 10 % Lohnspielraum in ihren Tarifvertrag ein und erntet dafür Lob und Skepsis in den anderen Gewerkschaften.

Fortschritte der Gewerkschaft
Von der „Gegenmacht gegen Unternehmerwillkür“ zur „Modernisierung des Flächentarifs“

Dem politischen Geist der Zeit, wie ihn die großen Volksparteien verkünden, entnimmt auch die Gewerkschaft die große Richtlinie ihrer Politik. In Sachen Fortschrittlichkeit und Reformeifer läßt sie sich nämlich nicht überholen. So hat sie schon beim Rentenproblem, das bekanntlich erstens in der Vielzahl alter und arbeitsunfähiger Menschen besteht und zweitens in deren gutem Leben auf Kosten der jüngeren Generation, noch vor der SPD die regierungsamtliche Erkenntnis nachvollzogen, daß die Rentnerschwemme, der mit demographischen Mitteln nun einmal nicht beizukommen ist, durch eine neue Rentenformel wenigstens verbilligt werden muß. Damit hat sie ihre Flexibilität bewiesen und außerdem die wohlverstandenen Interessen ihrer Mitglieder vertreten, die ohnehin schon immer weniger verdienen. Daß hieran erst recht nichts zu ändern ist, sieht die organisierte proletarische Gegenmacht gegen die Privatmacht des kapitalistischen Eigentums mittlerweile nicht bloß ein. Sie nutzt den Monat, der mit dem Tag der Arbeit beginnt, zu einer Klarstellung darüber, wie sie sich die Gestaltung des nationalen Lohnsystems in der Zukunft überhaupt vorstellt. Nach Angaben ihres Gesamtchefs plant die deutsche Gewerkschaftsbewegung die Modernisierung des Flächentarifvertrags. Dieses traditionsreiche Bollwerk gegen Unternehmerwillkür soll so ausgestaltet werden, daß es alle betriebswirtschaftlich begründeten Verstöße von Arbeitgebern gegen vereinbarte Lohnregelungen von vornherein als Ausnahmen von der Regel regulär genehmigt.

Wie so etwas auf einer ersten Stufe aussehen kann, verdeutlicht sogleich die IG Chemie mit dem Abschluß eines Flächentarifvertrags, der es den Unternehmern anheimstellt, im Falle betrieblichen Bedarfs bis zu 10% weniger Lohn als formell vereinbart zu zahlen. Für den nötigen sozialen Ausgleich sorgt die gleichfalls vertraglich niedergelegte unverbindliche Erwartung der Gewerkschaft, Unternehmen, die im Geld schwimmen, könnten eventuell bei den Löhnen ja auch mal was drauflegen. Auf dieser Basis haben die Arbeitgebervertreter ihre Bedenken gegen die Tradition der starren Regelungen zurückgestellt und der Arbeitnehmervertretung wie bislang die Rolle des Tarifvertragspartners zugestanden – ein Sieg der Gewerkschaft, nicht zuletzt über sich selbst. Von der demokratischen Öffentlichkeit wird die IG Chemie dementsprechend mit Komplimenten für ihren Mut zum Fortschritt bedacht; auch wenn mancher Kommentator zu bedenken gibt, daß dieser Vertrag wohl doch nur ein erster Schritt zur Abschaffung des überkommenen Unsinns von Flächentarifverträgen überhaupt sein könne.

Bei den Kollegen der IG-Metall gibt man sich hingegen zurückhaltend. In der Sache steht man da nämlich selber schon länger an der Spitze der Bewegung: Das gibt es bei uns schon alles (Zwickel) – die Sache mit den 10% freilich noch nicht. Denn mit einer so pauschalen Lizenz zum Lohndrücken wird, so befürchten die Metaller, „dem Mißbrauch Tür und Tor geöffnet“, statt einen sachdienlichen Gebrauch der unternehmerischen Freiheit in der Entlohnungsfrage zu fördern, über den die Gewerkschaft den Überblick behält. Deswegen hält die bekanntermaßen linksradikale IG Metall das Modell der IG-Chemie für so nicht übertragbar.

Wie dann? Man darf sicher sein: Auch Zwickel & Co werden Wege finden, den Flächentarifvertrag dermaßen zu modernisieren, daß sich kein Unternehmer mehr daran zu stören braucht. Denn das ist die Überlebensstrategie der Gewerkschaftsbewegung fürs neue Jahrhundert: Sie arbeitet daran, sich als Garant ihrer eigenen Überflüssigkeit unentbehrlich zu machen.


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