Moderner erster Mai

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-01 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Kampftag der Arbeiterklasse: Love-Parade für Jobs

Überblick

Mit einer Love-Parade für Jobs demonstriert der DGB in moderner und jugendlicher Form für die Erlaubnis zur Arbeit – egal zu welcher Bezahlung und welchen Bedingungen.

Kampftag der Arbeiterklasse: Love-Parade für Jobs

Der DGB hat es schon seit langem kapiert. In Anbetracht von 4 Millionen Arbeitslosen ist ihm klar, dass das große Bedürfnis der Menschheit darin besteht, arbeiten zu dürfen – für andere. Gewisse Gesichtspunkte, die die Beschäftigten vielleicht interessieren könnten, entfallen dabei natürlich. Welchen Nutzen die Arbeit für die Leute hat, unter welchen Bedingungen die Arbeit stattfindet und wie lange der Dienst am fremden Eigentum geleistet werden muss – solche Fragen, die das Interesse von Arbeitern zum Gegenstand machen, hat er sich längst abgeschminkt und auch seinen Mitgliedern erfolgreich ausgetrieben.

Ganz zu schweigen von etwaigen Alternativen zum kapitalistischen Modell Deutschland, die so abseitig nun auch wieder nicht sind. Statt ewig nach mehr Arbeit für alle zu schreien, könnten sogar Gewerkschafter von heute darauf kommen, dass die erreichte Produktivkraft locker dafür ausreichen würde, die Arbeit für alle zu erleichtern und zu reduzieren. Aber das ist für moderne, gewerkschaftliche Arbeitsmanager wiederum zu weltfremd, und passt auch nicht zu ihrem Anliegen, die brachliegenden Arbeitskräfte der Nation zu mobilisieren, genauer gesagt, vom Kapital mobilisieren zu lassen.

Ein großes Nachholbedürfnis bestand aber anscheinend doch noch: dem Schrei nach Arbeit eine moderne Form zu verpassen. Das ist ihm jetzt gelungen. Weil es in unserer heutigen Medienlandschaft so entscheidend ist, gute Ideen und richtige Parolen auch ‚mediengerecht‘ zu präsentieren, verzichtet er in Schwerin auf eine ritualisierte Kundgebung mit Funktionärsreden, roten Fähnchen und Bratwurstduft (SZ, 2.5.), so dass dort prompt das spektakulärste Gewerkschaftsereignis an diesem Tag (DGB) stattfindet, die Job-Parade, ein echtes Mega-Event.

Nicht von gestern ist bereits die Einladung über www.jobparade.de. 20 Sattelschlepper werden aufgestellt, 47 DJs engagiert, die bis zu 30000 Watt starke mannshohe Anlagen bedienen; zum Anheizen der Stimmung geben sich die üblichen Go-go-Girls her. Das turnt an und bringt auf die Straße, nämlich 45000 Jugendliche, die nichts besseres zu tun haben, als bei heißen Rhythmen und dröhnenden Beats auf den Trucks herumzutanzen und so auf ihre Art den Tag der Arbeit zu feiern (Spiegel). Doch bei allem Spaß verliert die Jugend das Wesentliche nicht aus den Augen und stellt ihre Forderungen: „Jugend in Arbeit – jetzt“, „Wir sind die Zukunft! Umfinanzierung jetzt! Wer nicht ausbildet, muss zahlen!“ Auch Kapitalisten sind herzlich eingeladen – als Sponsoren des Umzugs – und zahlen gerne. Als kleine Gegenleistung der Gewerkschaft dürfen sie ihre Werbebotschaften auf den LKWs plazieren, neben den DGB-Parolen.

Die guten Noten für die moderne und jugendliche Form erhält dieser Unsinn natürlich hauptsächlich deswegen, weil auch sein Inhalt stimmt – der Ruf nach Arbeit und die damit verbundene Ermahnung an die Unternehmer, Arbeitsfähige und Arbeitswillige nicht einfach von der Arbeit auszuschließen: Ihre kräftigen Gewinne müssen die Unternehmer endlich auch in neue Arbeitsplätze investieren. (Schulte, DGB 1.5.) Statt wertvolles Humankapital brachzulegen, sollen Deutschlands Kapitalisten ihren Ausbeutungswillen gefälligst umfassender und verantwortungsvoller praktizieren. Sowas kommt an bei der deutschen Öffentlichkeit.

Die Forderung knüpft an eine gute alte Tradition an. Denn so ähnlich hat schon einmal ein großer Freund des deutschen Volkes seinen tiefen Respekt vor der nationalen Arbeiterschaft bekundet und ihr den selbstlosen Dienst an der Nation verordnet. Dafür hat er diesem Dienst die Ehre erwiesen, die ihm gebührt, und den „Tag der Arbeit“ zum nationalen Feiertag erklärt. Womit auch der Kampfauftrag an die Unternehmerschaft und ihre Verantwortung in Sachen Sozialpartnerschaft feststanden: Die Arbeitskraft und der Fleiß des Volkes sind das größte nationale Kapital, das nicht länger brachliegen darf. Der Aufruf ergeht deshalb an alle, durch entschlossene Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung die Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes aus der Welt zu schaffen. (zitiert nach Martin Broszat, Der Staat Hitlers, München 1976)

Auf diese schöne Tradition hat sich der DGB besonnen und demokratisch und modern, wie er ist, den Ruf nach Arbeit in die heutige Spaßkultur eingebaut. So ändern sich Form und Geschmack, die Sache bleibt. Und das ist es, was die Öffentlichkeit honoriert, dass nämlich die ganze Anspruchshaltung des deutschen Proletariats sich auf das Betteln um Beschäftigung reduziert. Damit ist dann auch garantiert, dass für Beschäftigung die Kapitalisten zuständig sind, und die Massenarbeitslosigkeit auch in Zukunft das gesellschaftliche Problem Nr.1 bleibt.


© GegenStandpunkt-Verlag.