Menschheitskatastrophe Klimawandel

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Menschheitskatastrophe Klimawandel
Was das Klima so alles von „uns“ verlangt

Systematischer Katalog: 
Überblick

Die berufsmäßigen Volksaufklärer in Sachen Umweltbewusstsein von der FAZ bis zum Spiegel, die nicht gerade im Verdacht stehen, auf die Kassandrarufe unverbesserlicher Öko-Weltverbesserer zu hören, rufen unter Titeln wie: „Vor uns die Sintflut“, „Achtung Weltuntergang – Wege aus der Treibhausfalle“ zum Kampf gegen das Verdrängen des „drängendsten Umweltproblems unserer Zeit“ auf.

Menschheitskatastrophe Klimawandel
Was das Klima so alles von „uns“ verlangt

0. Der Weckruf

Die berufsmäßigen Volksaufklärer in Sachen Umweltbewusstsein von der FAZ bis zum Spiegel, die nicht gerade im Verdacht stehen, auf die Kassandrarufe unverbesserlicher Öko-Weltverbesserer zu hören, rufen unter Titeln wie: Vor uns die Sintflut (FAZ, 25.11.06), Achtung Weltuntergang – Wege aus der Treibhausfalle (Spiegel, Nr. 45/2006) zum Kampf gegen das Verdrängen des drängendsten Umweltproblems unserer Zeit auf. Der Weckruf dafür ertönte bereits Ende letzten Jahres aus London:

„Kein Ökoromantiker und kein Maschinenstürmer, sondern Sir Nicholas Stern, der frühere Vizepräsident der Weltbank, der Wirtschaftsberater der britischen Regierung, Verfasser einer Studie, die auf Erkenntnissen der besten Klimaforscher beruht, die je an Universitäten ausgebildet wurden“ (FAZ, ebd.), „hat komplexe physikalische Prozesse in eine Einheit umgerechnet, mit der die Menschen täglich umgehen: Geld“ und dem „Schrecken des Klimawandels ein Preisschild aufgeklebt“... „5,5 Billionen Euro könnte es kosten, wenn die Menschheit weiterhin so gewaltige Mengen von Klimagasen in die Atmosphäre pumpt.“ (Spiegel, ebd.)

Diese erschreckende Bilanz einer drohenden Menschheitskatastrophe sowie die jüngste Botschaft des UN-Weltklimabeirats IPCC (Intergovernmental Panel of Climate Change), dass der Klimawandel längst Realität ist und – falls nicht gegengesteuert wird – so schlimm ausfällt, wie seit 20 Jahren auf allen Weltklimakonferenzen befürchtet, machen öffentlich Furore. Und die Stellungnahmen der Politik, die von einer menschheitsbedrohenden Herausforderung spricht und das Kämpfen für das Weltklima (Merkel) ganz oben auf ihre Agenda setzt, heizen die Treibhausdebatte mit neuer Schärfe an. Die Argumente in dieser Debatte sind die folgenden:

1. „Der Mensch“ heizt die Atmosphäre auf – eine Katastrophe!

Jetzt ist das Klima bis ins Jahr 2100 wissenschaftlich durchkalkuliert und zur politischen Herausforderung erklärt, und damit ist es gewissermaßen amtlich: Auf der Erde wird es immer wärmer. Daran ist nicht mehr zu deuteln. Genauso wenig wie an den dramatischen Folgen: Die Wetterextreme, Überschwemmungen, Dürren usw. werden zunehmen und damit auch das soziale Elend auf dem Globus, Hunger und Flüchtlingsströme – letzteres darf sich der vernünftig aufgeklärte, mit naturwissenschaftlichem Grundwissen versorgte Zeitgenosse gleich auch noch als natürliche Wirkung eines CO2-bedingten Treibhauseffekts erklären! Dafür muss er bloß aus der ihm vertrauten sozialen Welt, in der die Menschen täglich mit Geld umgehen, die Geldökonomie und deren Sachnotwendigkeiten ausblenden, die auch schon ohne Klimaerwärmung dafür sorgen, dass z.B. ganz Schwarzafrika den Status eines Armenhauses und „leidgeprüften Hungerkontinents“ in der globalen Marktwirtschaft nicht los wird.

Was die Herkunft dieses naturwissenschaftlich bestens erforschten Treibhauseffekts angeht, hat man sich – nach jahrelangem Leugnen – mittlerweile ja weitgehend darauf geeinigt, dass die konstatierte Klimaerwärmung nicht mehr (allein) mit natürlichen Schwankungen zu erklären ist, sondern anthropogene Einflüsse für sie (mit-)verantwortlich sind. Wenn man einfach mal von den wirtschaftlichen und politischen Interessen, ihren Subjekten und deren Kalkulationen absieht, die z.B. in der nationalen Energieversorgung den Einsatz reichlich fossiler Energieträger als bislang konkurrenzlos billige Energiequelle für das Wachstum eines gewinnträchtigen nationalen Wirtschaftslebens und die freigiebige Nutzung der Atmosphäre als eine kostenlose Abgasdeponie für Kohlendioxid und andere ungesunde Emissionen gebieten, dann bleibt als Befund und knallharte Kritik stehen: Der industrialisierte Mensch sorgt mit seinem rücksichtslosen Verbrauch von Energie, erzeugt aus viel zu kohlenstoffhaltigen Energieträgern, für einen verheerenden Einfluss auf das Erdklima; was sich jederzeit schön anschaulich in Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf mal Bevölkerung illustrieren lässt. Ursächlich soll das kapitalistische Wachstum also weder mit den sozialen Folgen des Klimawandels noch mit diesem selber etwas zu schaffen haben. Was den Grund der Erderwärmung anbelangt, wird er irgendwo, eher unbestimmt, im stets problematischen Verhältnis von Mensch und Natur lokalisiert: Der Mensch hat erstmals selbst an den globalen Thermostaten gedreht und sich damit in Bedrängnis gebracht. (tagesschau.de, Dossier: Klimawandel)

Kaum aber wendet sich unsere besorgte Öffentlichkeit mit der Frage: „Was kommt da auf uns zu?“ den Folgen dieser Erderwärmung zu, hat sie nur noch die herrschende Wirtschaftsweise im Kopf und denkt nur noch in den Bahnen ihrer Rechnungsarten. Die Folgen der Erderwärmung werden für sie überhaupt erst so richtig greifbar, wenn man ihnen ein Preisschild aufklebt. Die Dringlichkeit des Problems, die Notwendigkeit, dass die Weltgemeinschaft beim Klimawandel endlich vom Reden zum Handeln umschaltet (Spiegel ebd.), ergibt sich für sie daraus, dass dieser Wandel in den Bilanzen kapitalistischer Unternehmen, der Wirtschaft und des Staates mächtig zu Buche zu schlagen droht. Wie ernst das globale Umweltproblem zu nehmen ist, das erschließt sich dem umweltbewussten Zeitgeist über die schlüssige Beantwortung der Gretchenfrage unseres Systems:

2. „Wie teuer wird der Klimawandel?“ (Spiegel)

Kaum ist ein jeder von Spiegel und FAZ und auf allen Fernsehkanälen in den grellsten Farben darüber aufgeklärt und davon betroffen gemacht, was für katastrophale Wirkungen der Klimawandel auf die gesamte Menschheit, besonders auf die Ärmsten der Armen und auf die globale Flora und Fauna hat, soll sich der aufgeschreckte Leser und Zuschauer im nächsten Atemzug fragen, was das jetzt eigentlich bedeutet und was damit an wirklich Bedrohlichem auf „uns“ zukommt – auf die westlichen „Wohlstandsburgen“ im allgemeinen, und auf den Standort D im besonderen. Und was genau ist jetzt das Schlimme und der „Schrecken“ an der „hausgemachten“ Menschheitsbedrohung, an den global ruinierten Lebensbedingungen, der kaputten Natur? Um einmal ganz unten auf der Stufenleiter der Schadensmeldungen anzufangen: Aufgrund zu milder Winter drohen z.B. manche liebgewonnenen Ski- und sonstige Urlaubsvergnügungen auszufallen. Und das heißt nach Lage der Dinge, dass wir befürchten müssen: Strand weg, Schnee weg – Job weg? (Berlin Mitte, 1.2.07). Der Kommerz einer Tourismusindustrie und die daran hängenden Arbeitsplätze sind betroffen, ein Stück nationales Wirtschaftswachstum wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn bei uns laut OECD-Studie nur noch zwei Wintersportorte übrig bleiben. Und nicht nur dort, sondern weltweit leidet das Geschäft ganz gewaltig unter zu heißen Sommern, schmelzenden Gletschern und Meeresübersäuerung! Das ist das Drängende am drängendsten Umweltproblem unserer Zeit: Die Klimazerstörung kostet Geld, viel Geld, sie kommt „unsere“ Volkswirtschaften und ihr Wachstum in Zukunft teuer zu stehen. Die ganze Sorge gilt letztlich dem Umstand, dass die kapitalistische Reichtumsvermehrung Schaden nimmt – also genau der Zweck, für den Mensch und Natur rund um den Globus dienstbar und haftbar gemacht und in ruinöser Weise benutzt werden. Sie ist das schützenswerte Opfer, wenn der weltumspannende Kapitalismus mit seinen ungesunden Emissionen jetzt auch noch die Atmosphäre versaut. In diesem Sinne wird die Menschheit aufgerüttelt, und dafür hat Sir Nicholas seine schwindelerregenden Zahlen hochrechnen lassen – mit Hilfe der Versicherungsmathematik und durch die naturwissenschaftliche crème de la crème, die es anscheinend logisch und wissenschaftlich treffend findet, komplexe physikalische Prozesse in ganz handliche, volkswirtschaftlich relevante Schadensgrößen zu übersetzen: Auf 5,5 Billionen Euro, auf eine Fünf mit 12 Nullen, auf sage und schreibe bis zu 20 % ihrer gesamten Wirtschaftskraft (Spiegel) beläuft sich der maßgebliche Schaden durch den Klimawandel. Verheerend. Größtes Marktversagen, das es je gab! Diese drohende Superrezession hält doch keine anständig funktionierende freie Marktwirtschaft mehr aus! So lautet der kritische Einwand gegen das ökologische Zerstörungswerk, das diese Marktwirtschaft anrichtet.

3. Klimaschutz rettet Wachstum und stiftet Geschäft!

So schlecht sind die Nachrichten freilich gar nicht, wenn man die Sache nur konsequent marktwirtschaftlich durchrechnet und zu Ende denkt. Das besorgte Publikum darf erstens darauf hoffen, dass dort, wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst: Der maßgebliche Teil der Menschheit, der die bedrohte Wirtschaftskraft kommandiert und von ihr profitiert, wird der Expertise des britischen Nationalökonomen zufolge nämlich in Zukunft kaum mehr umhin können, dem Klimaschutz einen höheren Rang in seinen Wachstumsrechnungen einzuräumen als bisher – aus purem Eigennutz. Denn: Die Kosten des Nicht-Handelns sind erheblich höher als die für einen effektiven Klimaschutz. Und zweitens: Klimaschutz kostet, vernünftig dosiert, weniger, als man glaubt, und rechnet sich fürs Geschäft mehr, als man denkt:

„Stern macht ganz nüchtern eine Kosten –Nutzen-Rechnung auf: Investitionen von einem Prozent der Weltwirtschaftskraft jährlich würden bereits reichen, um das Schlimmste noch abzuwenden ... Der Erde werde ein Hitzeschock um fünf Grad Celsius oder gar noch mehr erspart. Stattdessen komme sie mit einer Erwärmung um zwei oder drei Grad davon. Wer auch das verhindern will, dem explodieren die Kosten ...“

Nüchtern geschäftsmäßig stellt sich also die Frage, wie viel an Rettung des Weltklimas überhaupt sein muss. Das ist einerseits eine Frage der sicher absehbaren Folgekosten – und was heißt da schon ‚sicher‘, solange diese Kosten nicht tatsächlich eingetreten sind und sich ein Wirtschaftssubjekt für sie haftbar hat machen lassen! Dem stehen andererseits die Kosten möglicher Klimaschutzmaßnahmen entgegen. Wie viel an Rettung in unserem feinen Wirtschaftssystem überhaupt geht, das bemisst sich also selbstverständlich daran, ob sich der Aufwand für den Klimaschutz volkswirtschaftlich rechnet: Die Verhinderung der ökologischen Schäden, die das freie Marktwirtschaften stiftet, ist nach der gültigen Rechnungsweise eine Kostenbelastung, die sich natürlich durch einen Nutzen zu rechtfertigen hat. Klimaschutz hat das Bruttosozialprodukt zu schützen und darf sich deshalb keinesfalls zur „Kostenexplosion“ für „die Wirtschaft“ auswachsen. Das ist sofort die erste Sorge, kaum hat sich die Sorge zu Wort gemeldet, der Menschheit könnte eine Katastrophe von globalem Ausmaß ins Haus stehen! Das Schlimmste noch abzuwenden – mehr Schutz für das Weltklima lässt sich realistischerweise aus dieser vernünftigsten Art zu wirtschaften nicht herausoptimieren und mehr will der Herr Umweltökonom ihren Veranstaltern auch nicht zumuten. Ihr Maß hat die Klimarettung darin, was für unsere Volkswirtschaften und ihr globales Bruttosozialprodukt das Optimum ist. Wenn ein Prozent Weltwirtschaftskraft bereits reicht, um dem Klimawandel seine Schrecken zu nehmen, nämlich den von Stern hochgerechneten Schaden von bis zu 20 % an Weltwirtschaftskraft zu verhindern, dann darf man damit auch in ökologischer Hinsicht die Katastrophe für abgewendet erachten. Der Weltkapitalismus kann mit schlappen zwei oder drei Grad Erderwärmung ganz gut leben, also sind auch die globale Fauna und Flora und die Menschheit mit solch einem Treibhaus gut bedient. Im Großen und Ganzen sind dann alle noch mal davongekommen – bis auf ein paar Millionen Hungerleider, die der nüchtern rechnende Umweltökonom, dessen Diktion so wohltuend frei von moralinsaurer Untergangsrhetorik ist (Spiegel), keineswegs vergessen hat: Mit 40 bis 60 Millionen zusätzlichen Opfern allein in Afrika rechnet Stern bei einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad. (Stern laut Spiegel, 45/2006) Sie haben bloß das Pech, dass ihr Schaden so recht nicht in Geld bezifferbar ist, in der Kosten-Nutzen-Rechnung des Ökonomen deswegen keine Berücksichtigung finden kann, und deswegen fallen sie schon mal gleich hinten runter.

Dafür erfrieren in den „Wohlstandsburgen“ New York, Paris und Moskau vielleicht ein paar Obdachlose weniger. Überhaupt wäre es ganz verkehrt, nur die negativen Seiten des Klimawandels zu sehen. Wenn man so eine drohende Klimakatastrophe nur konsequent marktwirtschaftlich durchdenkt, dann tun sich nämlich auch ganz neue Chancen auf, und da kriegt unser volkswirtschaftliche Klimaexperte leuchtende Augen:

„Dies ist seine frohe Botschaft. Die Investitionen in den Klimaschutz betrachtet er als riesiges Subventionsprogramm. Es werde die Wirtschaft zur neuen, grünen Blüte treiben. ‚Die Märkte für klimaschonende Technik könnten 2050 schon 550 Milliarden Dollar groß sein‘, frohlockt Stern.“ (Spiegel, 45/2006)

Wo zum Wohle der Menschheit in die Säuberung der Atmosphäre kostenoptimiert „investiert“ werden soll, kommt natürlich auch die private Bereicherung am Klimaschutz nicht zu kurz. Klimaschutz ist überhaupt als Investition zu betrachten, die sich rentieren muss. Und die sich rentiert, wenn man nur rechtzeitig die Initiative ergreift. Das ist überhaupt das Geilste an den klimatischen Veränderungen, die auf uns zukommen: dass darin ein riesiges Geschäftspotenzial steckt, das es mit einem technologiegetriebenen Umsteuern zu erobern gilt. Wenn sich der Staat mit seiner wirtschaftsfördernden und steuernden Macht dahinterklemmt, darf man darauf hoffen, dass die Frage: Können Industriebosse und Ingenieure die Erde retten? (Spiegel ebd.) positiv zu beantworten sein wird. In dieser Hinsicht sehen FAZ und Co. die Welt im allgemeinen und unsere Republik im besonderen jedenfalls auf gutem Wege: Etwas ist in Bewegung gekommen... Liegt es etwa daran, dass sich beim Klimaschutz Ökonomie und Ökologie plötzlich nicht mehr gegenseitig ausschließen? (ebd.) Es scheint so! Man muss sich eben nur konsequent auf den Standpunkt stellen, dass Ökologie gar nichts anderes ist und nichts anderes zu sein hat als ein Derivat von kapitalistischer Ökonomie.

4. Was tun? „Die Wege aus der Treibhausfalle“

Die deutsche Kanzlerin und EU-Ratspräsidentin nimmt sich die Warnung ihres „wissenschaftlichen Beirats zu globalen Umweltveränderungen“ (WBGU) bezüglich der dramatischen Folgen eines ungebremsten Klimawandels zu Herzen und schreibt sich in etwa deren Empfehlung auf die europäischen Fahnen: Nicht mehr als zwei Grad Erderwärmung (Angela Merkel), so lautet inzwischen hochoffiziell das – nach allgemeiner Lesart fast schon wieder zu – ehrgeizige Klimaschutzziel der EU. Die langfristig angepeilte Stabilisierung der Erderwärmung durch eine entsprechende Stabilisierung der Treibhausgaskonzentration unterhalb von 450 ppm CO2 eq bis zum Ende des Jahrhunderts erfordert eine globale Energiewende, die weg von den fossilen und hin zu erneuerbaren Energieträgern führt, eine zügige Nutzung der hohen Effizienzpotenziale und eine Weiterentwicklung des Kyotoprotokolls, um wirksame Anreize für die Energiewende zu setzen. (WBGU).

Damit kommt die deutsche Amtsführung für globalen Klimaschutz zur Sache und spricht Klartext: Wo im „Pakt“ zur Weltenrettung Kampf gegen den Klimawandel und gegen das klimaschädliche CO2 draufsteht, steckt in der Hauptsache – stinknormale Energiepolitik mitsamt den ihr eigenen weitreichenden imperialistischen Implikationen drin. Die muss hinsichtlich ihrer wesentlichen Zielsetzungen überhaupt nicht groß „umdenken“, um für die Bekämpfung der Erderwärmung gerüstet zu sein: Sicher und billig muss der „Energiehunger“ eines weltwirtschaftsmächtigen Kapitalstandorts mitsamt seinem Verkehrswesen und seinen angeschlossenen Privathaushalten zu stillen sein, und aus diesem politischen Versorgungsauftrag muss sich ein lohnendes und grenzüberschreitendes Geschäft, das den nationalen Wachstumsbilanzen zugutekommt, machen lassen: erstens für die staatlich gestifteten Versorgungsoligopolisten Eon & Co., die europaweit den Energiemarkt dominieren sollen, und zweitens für die um diese European Versorgungschampions außen herum gebaute Ausrüstungsindustrie, die mit feiner Energietechnologie made in Germany Geld verdienen will. Gemäß diesen Notwendigkeiten war bislang die „Karbonisierung“ der nationalen Energieversorgung politisch angesagt. Man hat auf „kohlenstoffbasierte Brennstoffe“, Kohle, Erdöl und Erdgas, als konkurrenzlos billige und in jeder erwünschten Menge verfügbar zu machende Energieträger gesetzt. Und man hat diese genau so verschwenderisch verbraucht und – was den Ausstoß der am Ende auch noch das Klima schädigenden Verbrennungsgase betrifft – rücksichtslos eingesetzt, wie es eine dem Kriterium der Rentabilität folgende Energieproduktion, ein den Erfordernissen moderner Massen-Mobilität und Just-in-time-Produktion genügendes kapitalistisches Verkehrswesen und eine unter dem Vorzeichen des Privateigentums stattfindende Immobilienbewirtschaftung geboten haben. Und genau diese Imperative, die der Grund für das allseits beklagte und „bedrohliche“ Klimaproblem sind, verlangen jetzt ein Umsteuern. Unsere Energiepolitiker stufen den nachhaltigen Zugriff auf billige fossile Energiequellen als zunehmend problematisch und nicht mehr gesichert ein: Aufstrebende weltwirtschaftliche Mächte mit ihrem „ungebremsten Energiehunger“ machen „uns“ mit ihrem Geldreichtum und ihrer gewachsenen politischen Macht weltweit Konkurrenz beim Zugriff auf die fossilen Lebensadern des Wirtschaftswachstum. Neue Energiemächte nutzen ihren Öl- und Gasreichtum, der uns zu Gebote zu stehen hat, zu ihrem ökonomischen und politischen Vorteil aus. Das ist für uns ein unerträglicher Fall von Abhängigkeit. Und die amerikanische Supermacht tut ein Übriges mit ihrem dauerhaften Antiterrorkrieg und ihrer strategischen Oberaufsicht über den Ölreichtum der Welt, der keinen Feinden Amerikas zugutekommen soll, dass fossilierte Biomasse – ganz jenseits ihrer natürlichen Erschöpfung – knapp und teuer bleibt und unser Zugriff auf sie politisch instabil wird. Für diesen verschärften Verteilungskampf um die fossile Energie wollen Europas Weltwirtschaftsmächte erfolgreich gerüstet sein und dafür können sie gar nicht früh genug auf Alternativen setzen. Und das Schöne daran ist: Diese aus imperialistischer Vernunft gebotene Abkehr von der „Kohlenstoffwirtschaft“ ist im Idealfall – wenn die maßgebliche kapitalistische Welt das drängendste globale Umweltproblem genauso sieht und bei der Energiewende mitzieht – gleichbedeutend mit der verlangten Minderung des Treibhausgasausstoßes, die den Klimawandel bremsen soll! Insofern ist die „Herkulesaufgabe“ deutscher Klima-Kanzlerschaft deckungsgleich mit einer Energiepolitik, die dem Kapitalismus des Exportweltmeisters eine in jeder Hinsicht „zukunftsfeste“ und wachstumsdienliche Energieversorgung sichert und dem darauf fußenden großen Geschäft rund um die Energie mit der effizienteren Nutzung alter und der Nutzbarmachung ganz neuer Energiequellen neue Wachstumsmärkte aufschließt.

Ins Auge gefasst werden im einzelnen folgende Maßnahmen und Initiativen:

a) CO2-Killer Atomkraft?!

Unter dem Eindruck des „Klimagaus“ kommt in der Atomausstiegsrepublik eine altbewährte Energiequelle, die perspektivisch auf Restlaufzeit gestellt ist, als erneuerbar ins Visier. Unter Anleitung der obersten Schutzbeauftragten des Erdklimas darf sich die Menschheit am Atomstandort D auf die Klimafreundlichkeit seiner 17 Reaktoren besinnen: Wer bis zum Jahr 2020 aus der Kernenergie aussteigen will, der muss auch sagen, wie er in den Kohlendioxidausstieg einsteigen will. (Angela Merkel) Die Nation der „historischen Atomwende“ kriegt somit von oben eine neue Ausstiegsdebatte verpasst. Und in der großen Koalition verschärft sich die Auseinandersetzung um die Haltbarkeit des rot-grünen Atomkonsens. Der Sache nach streitet sie darüber, welchen Stellenwert, kurz- und langfristig, die Atomkraft im Energiemix der nationalen Energieversorgung haben soll – als einerseits unverzichtbare, weil unschlagbar billige und weitgehend heimische, andererseits mit einem nationalen „Restrisiko“ behaftete Energiequelle; und das wiederum alles angesichts der in jeder Hinsicht dauerhaft „zugespitzten Lage“ auf „unseren“ Energierohstoffmärkten. Die Atomwirtschaft verlangt aus übersichtlichen Gründen eine Verlängerung der Restlaufzeiten für ihre Meiler im allgemeinen und eine nicht genehmigungspflichtige und jederzeit mögliche Übertragung von Reststrommengen von neuen auf alte AKWs im besonderen, damit wenigstens in dieser Legislaturperiode keine der hoch rentablen nuklearen Stromfabriken abgeschaltet werden muss; und sie rechtfertigt ihre Profitmacherei mit dem Dienst, den die Atomkraft an der Menschheitsrettung leistet: Klimaschutz: Ohne Kernkraft gelingt nicht. Eine Titanic-reife Werbung! Ein jeder weiß, dass „die Atomlobby“ länger an ihren abgeschriebenen Reaktoren – „Gelddruckmaschinen“ hießen die mal – verdienen will. Aber wir wollen doch sachlich und ideologiefrei bleiben, und da muss man sagen: Die „Risikotechnologie“ ist garantiert kohlendioxidfrei, also in jedem Fall risikomindernd fürs gefährdete Weltklima. Im Zeitalter der Klimakatastrophe hat der systemgemäße Öko-Zynismus Hochkonjunktur und leuchtet allenthalben ein. Mit und ohne Fragezeichen – Atomreaktoren als Klimaschutzprogramm!

Nur, und das ist die handfeste politische Seite an diesem Zynismus: So wird in der europäischen wie deutschen Klimaschutzpolitik im Zeitalter des Kyotoprotokolls tatsächlich gerechnet. Nicht dass in der Ausstiegsrepublik das politische Bedürfnis nach einer Revision der „weltweit einmaligen“ Atomwende ausgerechnet aus Gründen des Klimaschutzes erwachsen würde. In weiten Kreisen der Politik – und nicht nur in der christlichen Union – ist man schon länger oder war man schon immer der festen Überzeugung, dass es unverantwortlich ist, aus den „Risiken der Kernkraftnutzung“ aussteigen zu wollen – bei dem enormen nationalen Nutzen, den diese „unerschöpfliche Energiequelle“ in den deutschen Atomfabriken herbeispaltet! AKWs werden zwar nicht deswegen in Betrieb genommen und länger am Laufen gehalten, um der Nation Klimaschutz zu produzieren. Ein nationaler Besitzstand ist aber ein Atomprogramm mit seinen Reaktoren durchaus auch aus klimapolitischer Sicht. Die Nuklearindustrie wird klimapolitisch verbucht, und mit ihrem diesbezüglichen Kollateralnutzen wird in der Welt der Kyoto-Klimaschutzdiplomatie Politik getrieben: Die klimapolitische Gratisgabe der strahlenden Abteilung der nationalen Energieerzeugung wird hochgerechnet zu einem eingesparten Treibhausgasausstoß, der in etwa der Emission des gesamten deutschen Verkehrswesens entspricht. Und dieser nicht getätigte CO2-Ausstoß würde mit dem Atomausstieg wegfallen. Nicht auszudenken, was damit auf den Klimaschutzvorreiter zu käme! Wenn man an anderer Stelle dann die klimaschädlichen Emissionen um denselben Betrag reduzieren müsste, wären dafür enorme Kosten zu veranschlagen! Auf diese Tour wird einem jeden der nationale Klimaschaden eines Atomausstiegs vorgerechnet und eindringlich vor Augen geführt. Wenn das kein guter Grund ist, sich wegen der Menschheitskatastrophe schön langsam mit dem Ausstieg aus dem „Einstieg in den Atomausstieg“ anzufreunden!

Für die Klima-Kanzlerin und ihre Union ist der jedenfalls keine Frage. Und für sie trifft es sich, dass man heute mit zusätzlichen klimapolitischen Argumenten forcieren kann, was der eigenen Überzeugung nach aus energiepolitischen Gründen schon längst nottut: Deutschland vom Schaden einer von Rot-Grün auf Restlaufbetrieb gesetzten Atomenergienutzung zu befreien. Der rote Koalitionspartner hingegen will – trotz aller Aufweichungstendenzen – auf keinen Fall den Teufel mit dem Beelzebub (Gabriel) ausgetrieben wissen und schon gleich nicht das rotgrüne ökologische Jahrhundertwerk zum Vorteil der Union im Kampf gegen die drohende Jahrhundertkatastrophe opfern. Die SPD setzt sich dafür ein, dass für Atomkraft zu streiten kein Gewinnerthema (SPD-Chef Beck) wird für die Union, und sie hat dafür der aufgeschreckten Menschheit stichhaltige Gründe anzubieten: Sooo klimafreundlich ist die emissionsarme Atomenergie auch wieder nicht, wenn man ihre gesamte CO2-Bilanz, von der Uranerzeugung bis zur ungelösten Endlagerfrage, betrachtet! Weltweit führt die saubere Kernkraft sowieso ein „Nischendasein“, ist also keine „wirkliche Lösung“, um den globalen Treibgasausstoß wirksam zu bekämpfen; und in jedem Fall ist sie nicht nachhaltig, keine Zukunftstechnologie, weil Uran genauso erschöpflich und in politisch instabilen Händen ist wie Öl und Gas; (SPD und die Grünen) Außerdem: ein nukleares Unfallrisiko bleibt(SPD-Chef Beck) ...

b) Grüne Ölfelder und andere regenerative Energien

Eindeutig Zukunft hat dagegen die Erzeugung „regenerativer Energie“ aus Wind, Sonne und vor allem aus der Biomasse nachwachsender „Energiepflanzen“, die als klimaschonend gilt, weil ihre Produktion der Atmosphäre erst einmal an CO2 entzieht, was ihr bei der Verbrennung dann wieder zugeführt wird. Mit dieser „ökologischen Wende“, die deutsche und EU-Energiepolitiker schon länger im Standortprogramm haben, will man in einer vitalen Frage entscheidend vorankommen, und es trifft sich, dass das, was unter dem nationalen Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit geboten ist, auch dem bedrohten Klima gut bekommt:

„Revolution mit Sonne und Wind .. .das ehrgeizigste Projekt, das die EU je angeschoben hat. Die industrielle Revolution zur Bekämpfung des Klimawandels und der Befreiung Europas aus der totalen Abhängigkeit von Öl und Gas ... Neben der Erhöhung der Energieeffizienz ist die Nutzung erneuerbarer Energien praktisch der einzige Weg, um unsere zunehmende Abhängigkeit von importierten Kohlenwasserstoffen zu verringern.“ (Energiekommissar Piebalgs in SZ, 30.1.07) „Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energieträgern soll von derzeit 15 Prozent auf 34 Prozent zulegen. Der Anteil von Biokraftstoffen am Verbrauch von Diesel und Benzin soll bis 2020 zehn Prozent betragen.“ (ebd.)

Jede dritte Kilowattstunde muss bis 2020 „grünen Ursprungs“ sein und der Sprit zunehmend Bio-Fuel enthalten, damit in Zukunft der dickste Kapitalstandort der Welt und seine rohstoffarme Wirtschaftsvormacht in der sicheren und wettbewerbsfähigen Versorgung mit reichlich Treibstoff weniger angreifbar ist. Und genau diese Umstellung der Energieversorgung hat auch das Klima zu seiner Rettung bestellt. So lassen sich glatt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und dürfen wir uns einmal mehr als Vorreiter beim Klimaschutz präsentieren. Wenn der Ami dasselbe tut, ist es natürlich ganz was anderes. Er ist ja auch der globale Klimasünder Nr.1 und bei dem gilt:

„Ethanol aus Mais und Präriegras zu subventionieren, dient vorrangig dem Ziel, unabhängiger zu werden von Ölimporten aus dem Nahen Osten. Klimaschutz ist dabei eher willkommenes Abfallprodukt denn klares Ziel.“ (SZ, 4.2.07)

Wir hingegen rüsten – das „klare Ziel“ im Kampf gegen den Klimawandel immer vor Augen – den bedrohten Globus perspektivisch zum Standort für moderne Windmühlen, Sonnensegel und vor allem zur „grünen Ölquelle“ um. Und FAZ & Co. liefern einem jeden schon mal einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie es unter der geretteten Atmosphäre ausschaut, wenn Ölmultis die Welt als neue Energierohstoffquelle ihres Geschäfts mit Bio-Treibstoff taxieren und sie in „unserem“ Rettungsauftrag als Plantagen für Palmöl, Mais und „Energiepflanzen“ der höheren Art in Beschlag nehmen. Die BRD ist dafür ja schon wieder viel zu klein und das Land des Exportweltmeisters viel zu kostbar, um als Nutzfläche eines bioenergetischen Selbstversorgers herzuhalten. Also hat der energiepolitische Aufbruchswille Europas für die armen Länder, die in der globalen Konkurrenz um kapitalistisches Wachstum in Grund und Boden gewirtschaftet sind, eine neue ökonomische Überlebenschance im Angebot: Sie dürfen als Standort von reichlich Chlorophyll fungieren, der für Europas klimaneutralen Energie- und Spritbedarf das CO2 der Luft in ausnutzbare Pflanzenenergie überführt. Dafür werden die zweite und dritte Welt und ihre klimatisch so wichtigen restlichen Urwälder nach allen Regeln vernünftigen marktwirtschaftlichen Wirtschaftens brandgerodet, umgepflügt, mit Pestiziden vollgepumpt und überdüngt. Schließlich sollen auch noch sehr hohe Erträge bei niedrigen Kosten herausgewirtschaftet werden, damit Bio-Fuel langsam zu vergleichbaren Kosten wie Fossil-Fuel verfügbar ist. Und wo Mais als Grundnahrungsmittel der Ethanolbranche immer wertvoller wird, wird er nach den Gesetzen der freien Marktwirtschaft für die Menschheit in Mexiko und anderswo als Grundrohstoff der Nationalspeise Tortilla u.ä. bereits heute schon unerschwinglich, so dass unsere öffentlichen Menschheitsretter sorgenvoll fragen müssen: Hungern, damit andere fahren können? (Spiegel, 8/2007) Es wäre ja noch schöner, wenn es bei der Eroberung und Zurichtung aller Herren Länder zur klimaschonenden Energiequelle auf einmal menschenfreundlicher zuginge als sonst und nicht dieselbe geschäftsdienliche Rücksichtslosigkeit und Bedenkenlosigkeit im Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen geboten wäre, nur weil inzwischen Rettung des Globus und Verhinderung der Menschheitskatastrophe angesagt ist.

Was die CO2-Bilanz dieses grünen „Umsteuerns“ angeht, gibt es im Übrigen auch schon erste Berechnungen: Die könnte negativ ausfallen, falls nicht frühzeitig umgesteuert wird – auf die nächste Generation nachwachsender Rohstoffe. Und wenn das mit der neuen Karriere zum Standort für verheizbare Biomasse dann doch nicht hinhaut, ist die arme Entwicklungswelt noch längst nicht verloren und abgeschrieben. Mit ihrem Status als CO2-Senke im System der Kyoto-Klimarettung ist sie dann immer noch für was Nützliches gut: Die „Klimasünder“ der ersten Welt beteiligen sich an Entwicklungshilfeprojekten zur Wiederaufforstung des brandgerodeten Regenwalds und verschaffen sich so kostengünstig im Gegenzug dieses „Ablasshandels“ zusätzlich benötigte CO2-Verschmutzungsrechte.

c) Wir brauchen eine Effizienz-Revolution

Es soll zwar plausibel klingen, was der Umweltminister sagt, dass die umweltfreundlichste Kilowattstunde die ist, die nicht verbraucht wird (Gabriel); und wenn man sich naiv stellt, scheint auch einiges für seinen Vorschlag zu sprechen,

„durch Innovationen und modernste Technik mehr Kilometer Fahrleistung pro Liter Sprit, aus jedem Kubikmeter Gas mehr Raumwärme und mehr Nutzen aus jeder Kilowattstunde Strom herauszuholen, um weniger Kohle, Öl und Gas zu verbrauchen“ (ebd.).

Aber wir leben nun mal in einem Wirtschaftssystem, in dem Ressourcenschonung und Ressourcenverschwendung in einem harten Kostenvergleich zueinander stehen, und deswegen braucht es etwas mehr als nur technologische Vernunft, wenn mehr Energie-Effizienz zu ihrem Recht kommen soll. Der Einsatz der wunderbarsten Technik rechnet sich nur, wenn sie mehr Energiekosten spart als ihre Anschaffung kostet. Je billiger die Energie, desto verschwenderischer der Umgang mit ihr und umso unwirtschaftlicher die Anschaffung energiesparender Technik – das ist nun einmal Gesetz im vernünftigsten aller Wirtschaftssysteme! Konkurrenzlos billig aber soll die Energie sein und bleiben – das verlangt die Vernunft des Standorthüters. Wenn sich gleichzeitig auch noch die Produktion all dieser Energiespar-Wunder lohnen soll, weil sie sonst gar nicht erst stattfindet, dann ist klar: Auch hier ist der Staat mit seiner wirtschaftsfördernden und steuernden Macht gefordert, damit aus der angesagten klimaförderlichen Effizienz-Revolution etwas wird – ein Riesengeschäft nämlich.

5. „Umsteuern!“ – auf „eine Riesenexportchance“

Wo es in der nationalen Energieversorgung darum geht, dass sie nicht nur sicher und billig, sondern überdies auch noch ein lohnendes Geschäft zu sein hat, geht es selbstverständlich auch bei der klimaschonenden Energiewende genau darum. Auf dem neuen Zukunftsmarkt für Umwelt- und Klimatechnologien soll Deutschland mit neuer Kraftwerkstechnik, mit Vergasungs- und Verstromungstechnik für Biomasse, mit dem kohlendioxidfreien Kohlekraftwerk, mit neuen Generationen von Verbrennungsmotoren, Heizungsanlagen und sonstiger energiesparender Technik mindestens ganz vorne mitmischen, möglichst zum Marktführer werden und sich als solcher behaupten. Wer sonst könnte auch die große Verantwortung schultern, im Namen und hehren Auftrag der Klimarettung die ökonomischen Leitmärkte des 21. Jahrhunderts (Klimaschutzengel Gabriel) zu besetzen? Logischerweise ist das dem amtierenden Exportweltmeister vorbehalten. Das jedenfalls hat der oberste sozialdemokratische Menschheitsretter und Schutzbeauftragte deutscher Arbeitsplätze eindeutig dem Weltklimareport entnommen:

„Beck forderte als Reaktion auf den Weltklimareport mehr Investitionen in klimafreundliche Technik. Es muss darum gehen, bessere Technologien zu entwickeln, Geld in die Hand zu nehmen für die Forschung und auf Innovation zu setzen. Deutschland hat hier eine große Verantwortung und eine Riesenexportchance. Deutsche Solar-, Wind-, Wasser- und Kraftwerkstechnologie könne überall auf der Welt für weniger Schadstoffausstoß sorgen. Das schafft Arbeitsplätze und ist gut für die Menschen in unserem Land.“ (SPD-Vorsitzender Beck am 3.2.07)

Das ist doch mal eine schöne Auskunft über die anvisierte Aufgaben- und Nutzenverteilung im globalen Gemeinschaftswerk zur Säuberung der Atmosphäre von Treibhausgasen: Deutschland ist für’s Auftun und Wahrnehmen einer Riesenexportchance und damit für die Bereicherung am globalen Klimaschutz zuständig; die Chinesen und Inder sollen uns dafür die feine emissionsarme Ware abkaufen, deren Reinigungskraft schließlich erst wirksam werden kann, wenn sie sich global entfalten kann – und schon haben das Weltklima und deutsche Arbeitsplätze gut lachen. Mit einer „Hightech-Strategie“ diese doppelte Dividende zu realisieren (Gabriel) und für „uns“ deren ökonomische Hälfte zu sichern: Darum geht’s bei der Weltenrettung!

Damit es zu dieser Riesenexportchance kommt und die Industriebosse Europas und vor allem die seiner Wirtschaftsvormacht Innovations- und Technologieführerschaft (ebd.) erlangen; damit sie die herbeizusteuernden neuen Leitmärkte für unschlagbare und weltweit nachgefragte Konkurrenzmittel in Sachen rentabler und klimafreundlicher Energieerzeugung und -ausnutzung von Anfang an beherrschen und so auf ihnen kräftig verdienen können, muss der Staat erst einmal richtig Geld in die Hand nehmen und die einschlägigen Unternehmungen rentabel machen. Schließlich ist auch die „dritte industrielle Revolution“ kein profitabler Selbstläufer. Klimaschutz ist ein großangelegtes staatliches Geschäftsförderungsprogramm. Die gebeutelte Bauwirtschaft kriegt unter dem Motto: Wir müssen Effizienzweltmeister werden (bmu) ein Sonder-Konjunkturprogramm spendiert: Mit der staatlichen Förderung der Altbausanierung lassen sich so die von der Rettung des Klimas her verlangten schnellen Erfolge in der Energieeinsparung realisieren. Aber vor allem muss mit milliardenschweren staatlichen Rahmenforschungs- und Subventionsprogrammen der erfinderische Geschäftssinn deutscher Kraftwerks- und Maschinenbauer angestachelt werden; und zwar so lange, bis es die Wunderwerke deutscher Ingenieurskunst wie das kohlendioxidfreie Kohlekraftwerk endlich zur Marktreife gebracht haben. Mit der Wirtschaftlichkeit der CO2-Abscheidung in solchen Kraftwerken hapert es derzeit z.B. noch, weswegen die Aussöhnung der Ökonomie mit der Ökologie da noch länger auf sich warten lassen muss, wie unsere physikalisch vorbelastete Kanzlerin zu berichten weiß:

„Man muss wissen: Durch eine CO2-Abscheidung erniedrigt sich der Wirkungsgrad der Kohlekraftwerke. Genau an dem Punkt muss geforscht werden.“ (Angela Merkel)

Auf dem Feld Solar, Wind und Kraftwärmekopplung ist der Standort D schon sehr viel weiter und dank der längst laufenden und mit einem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) herbeisubventionierten ökologischen Energiewende bereits Geschäfts-Weltmeister auf den einschlägigen Märkten. Diesen Konkurrenzvorsprung gilt es entschieden auszubauen und für die Eroberung des erst noch – in ganz anderer Größenordnung als bisher – politisch zu stiftenden Weltmarkts für grüne Energiegeschäftsartikel auszunutzen. In dieser Hinsicht – die sich auch als bange Geschäftssorge standortbewusster Klimaschützer ausdrücken lässt: Wann werden die erneuerbaren Energien endlich rentabel? (Spiegel) – sind die weltweit explodierenden Öl- und Gaspreise geradezu ein Segen, weil sie als Triebfeder des technischen Fortschritts (SZ) wirken.

Damit der Markt für emissionsarme Ware richtig in Schwung kommt, wird politischerseits zusätzlich das Instrumentarium der Steuergesetzgebung und der Grenzwertfestlegung mobilisiert. Mit ihm will man auf dem heimischen Standort vor allem die private Kaufkraft von Kraftfahrzeug- und Hausbesitzern dorthin lenken, wo die Wirtschaft sie mit immer neuen Generationen von noch energie- und damit kostensparenderen Gerätschaften abholen kann. Was „die Wirtschaft“ selbst anbelangt, gilt weiterhin der Grundsatz, dass möglichst alles unterbleiben soll, was sie beschränkt oder mit Kosten belastet – was dem Einsatz besagten Instrumentariums freilich ein wenig entgegensteht. Aber die politische Vernunft ist ja erfinderisch. Sie hat sich längst die Frage vorgelegt, wie sich mittels Steuern und Grenzwerten ein selbsttätig wirkender wohltuender Sachzwang herbeiregieren lässt, der die CO2-emittierende Geschäftswelt nicht behindert, sondern in einer ihr zuträglichen, der Idee nach sogar geschäftsfördernden Weise auf eine Minderung ihres CO2-Ausstoßes gemäß den Kyoto-Vorgaben hinstimuliert. Und dabei sind die Architekten des Kyoto-Klimaschutzprotokolls, die EU und ihr klimaschützerischer Vorreiter, auf einen typisch marktwirtschaftlichen – unisono als ökologischen Königsweg gepriesenen – Irrsinn verfallen, der mittlerweile glatt praktiziert wird:

„Einerseits könnten drakonische Steuern auf Kohlendioxid erhoben werden. Die intelligentere Lösung in den Augen vieler Forscher aber besteht darin, das Klimasaldo nicht mit dem Instrumentarium der Politik, sondern mit dem des Kapitalismus abzutragen: Der Trick: Kohlendioxid wird kurzerhand zu einem Wirtschaftsgut erklärt, so wie Weizen, Autos oder Turnschuhe. Es wird umgeschlagen auf dem Markt, der mit Emissionen handelt.“ (Spiegel, 45/2006)

Wenn in unserem sauvernünftigen Wirtschaftssystem Nahrungsmittel und andere Gebrauchsgüter auch schon nur als Wirtschaftsgüter für nützlich befunden werden und zählen, mit denen sich Geld verdienen lässt, dann kann man umgekehrt natürlich auch Abgas-Gutscheine „kurzerhand“ zu einer handelbaren Ware erklären. Der Staat stiftet dafür die Voraussetzungen, indem er seine Geschäftswelt mit CO2-Verschmutzungsrechten ausstattet, die an einer Emissionsbörse gehandelt werden können. Das Intelligente an dieser „intelligenten Lösung“, die er damit auf den Weg bringt, besteht nach allgemeiner Auffassung darin, dass er nicht mit dem „Instrumentarium der Politik“ doch wieder nur beschränkend und kostenträchtig in den wunderbaren Gang der Wirtschaft eingreift, sondern das kapitalistische Interesse seiner Geschäftswelt als Instrument dafür einspannt, dass es sich in Zukunft klimaschonender betätigt: Klimasünder können sich an der Einsparung von kostenlos zugeteilten Emissionszertifikaten bereichern, weil sich für andere industrielle Luftverschmutzer der Zukauf zusätzlicher Verschmutzungsrechte für ihre Emissionsbedürfnisse mehr rechnet als eine Emissionsminderung. Damit diese Kalkulation vermehrt zugunsten einer Umstellung der Produktion auf kohlendioxidarme Technik ausfällt, müsste der Verschmutzungspreis pro Tonne CO2-Ausstoß freilich genügend hoch liegen. An der dafür nötigen Knappheit an vermarktungsfähigen Emissionszertifikaten mangelt es zur Zeit noch, weil Europas Standorthüter bei der Erstausstattung ihrer nationalen Geschäftswelten mit Verschmutzungslizenzen sehr großzügig gewesen sind. Ihre eigenen industriellen Klimasünder wollten sie nämlich verständlicherweise mehr auf der Seite des Angebots angesiedelt wissen denn auf der Seite der kostenwirksamen Nachfrage auf dem european emission market. Unisono haben die europäischen Standorthüter im Zuge des Emissionshandels, mit dem der Absicht nach eigentlich das europäische „Klimadefizit“ abgebaut werden sollte, ihre Wirtschaft mit Rücksicht auf deren Geschäftemacherei so üppig mit kostenlosen Verschmutzungsrechten zugeschüttet, dass inzwischen der europäische Emissionsrechtemarkt zur Stimulierung von Treibhausgasminderung dank dieser staatlichen Überversorgung restlos zusammengebrochen ist.[1] Aber ein Anfang ist damit gemacht.

6. Deutschland macht den Vorreiter beim Klimaschutz – in Europa und mit Europa in der Welt

Der Industrie klimapolitisch begründete Vorgaben zu machen und Ziele zu setzen, macht für unsere Standorthüter nur Sinn, wenn es international verbindlich geschieht. Angeblich deswegen, weil das Klima ja auch keine Grenzen kennt und Deutschland bzw. Europa die Welt beim besten Willen nicht alleine mit einem technologiegetriebenen Umsteuern retten kann:

„Globale Bedrohung – globale Verantwortung. Europa kann nicht allein den Klimaschutz für die Welt übernehmen ... 85 % der gesamten CO2-Emissionen entstehen woanders.“ (Merkel)

Bei der Wahrheit ist man dann schön langsam, wenn man dazu noch folgendes berücksichtigt:

„Die sehr hohen Investitionen für neue Technologien rechtfertigen sich nur, wenn man davon ausgeht, dass sie auch woanders nachgefragt werden.“ (Regierungserklärung der Bundeskanzlerin zum EU-Frühjahrsgipfel, 1.3.2007)

Die deutsche Kanzlerin redet da in einer unpassend zurückhaltenden Weise über den letzten fälligen Schritt in einem überaus anspruchsvollen Programm. Das läuft unter dem Namen Klimaschutz und hat – nochmal der Reihe nach – erstens eine energiepolitische Wende zum Inhalt, mit der ihre Nation ihren sehr hochgesetzten Anspruch auf Versorgungssicherheit in einer Welt imperialistischer Konkurrenz durchzusetzen gedenkt; was einschließt, dass sie im Zuge der Durchsetzung dieses Anspruchs selber jede Menge Gegensätze aufrührt – zwischen allen möglichen Lieferländern und zwischen sich und ihren Konkurrenten usw. Diese energiepolitische Wende soll zweitens ein Bombengeschäft für Deutschland werden; und damit sie das wird, sollen sich deutsche Unternehmen auf dem Feld der Energietechnologie mit staatlicher Förderung einen möglichst uneinholbaren technologischen Vorsprung erarbeiten, und der Rest der Welt soll ihnen – möglichst exklusiv – ihre technologisch spitzenmäßige Ware abkaufen. Und drittens – da eben ist unsere Kanzlerin viel zu zurückhaltend in ihrer Ausdrucksweise: Man geht nicht davon aus, dass die mit staatlichen Mitteln hochgezüchteten Spitzenprodukte deutscher Technologie-Unternehmen woanders nachgefragt werden, sondern ist entschlossen, für die entsprechende Nachfrage zu sorgen, indem man den Rest der Welt auf verbindliche, einzuhaltende CO2-Klimaschutz-Vorgaben festlegt.

Das erklärt, warum es sich Deutschland nicht nehmen lässt, den „Vorreiter“ beim Klimaschutz zu machen. In ihrer Rolle als EU- Ratspräsidentin ergreift die deutsche Kanzlerin die Initiative, um zum einen die Mitgliedsstaaten Europas energiepolitisch zu einen und auf CO2-Reduktionskurs und -linie zu bringen und auf der anderen Seite mit Europa und seinem ganzen politischen Einfluss die maßgebliche „Weltgemeinschaft“ verbindlich auf die „grüne“ Energiewende festzulegen, genauer gesagt auf einen Post-Kyoto-Prozess mit seinen ehrgeizigen und verpflichtend ausgehandelten CO2-Reduktionszielen und auf seine hochintelligente Säuberungsmethode, besagten Emissionshandel, der weltweit Schule machen soll.

a) auf europäischer Ebene:

Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft legt den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf das Vorhaben, Europas Mitglieder bindend auf das von der Kommission schon seit längerem vorgeschlagene energiepolitische Aufbruchsprogramm auszurichten. Und sie rührt damit sofort ziemlich heikle Standortfragen auf. Zwar besteht unter Europas Standorthütern grundsätzlich Einigkeit darin, dass es eine gemeinsame Energiepolitik braucht: Die EU muss weniger angreifbar und „erpressbar“ werden in Sachen Öl und Gas; man ist sich auch einig darin, dass Europa Alternativen zur fossilen Energie entwickeln muss und seine Staaten als zusammengenommen weltweit größter Nachfrager nach dieser Sorte Energieträger künftig koordinierter auftreten müssen, damit sie ihre Marktmacht gegenüber den Öl- und Gaslieferanten besser ausspielen können. Von der Europäischen Kommission hineinregieren in ihre Energiepolitik lassen sich die standortbewussten Nationen Europas deswegen aber noch lange nicht. Diesbezüglich will jedes Land schon immer noch selber entscheiden, welcher Energiemix ihm am besten bekommt; z.B. danach, zu welchen Bedingungen und zu welchem Preis es seiner Wirtschaft samt angeschlossenem Verkehrswesen den nötigen Treibstoff verschaffen kann und wie ein „Umsteuern“ in den nationalen Bilanzen zu Buche schlagen würde. Jedes Land will sich da als Sonderfall gewürdigt wissen: Die Grande Nation z.B. will mit ihrem überreichlichen Atomstrom ganz Europa gewinnbringend versorgen und nicht mit deutscher Technik auf einmal Biomasse verstromen lassen. Die neuen Mitglieder beharren darauf, dass erneuerbare Energien sehr teuer sind und strikte Ziele ihre junge Industrie überfordern würden. Und Klima-Vorreiter Deutschland will nicht nur unverdrossen weiterhin auf den Ausbau der heimischen Braunkohle setzen. Auf seinem Standort beheimatet es außerdem die wuchtigste Autoindustrie Europas und für die beansprucht es selbstverständlich Rücksichten beim Aufstellen von Klimaschutzzielen. Darin unterscheidet sich unsere Vorreiternation gar nicht groß vom Standpunkt des größten Klimagefährders: „China will einen angemessenen Beitrag zur Verminderung von Treibhausgasen leisten, jedoch keinesfalls sein Wirtschaftswachstum gefährden.“ (SZ, 4.2.07) Klimaschutzziele müssen unschädlich umzusetzen sein für die nationale Profitmacherei. Besser noch ist es, wenn sich die Festlegung solcher Ziele durchsetzen lässt, aus denen sich ein nationaler Konkurrenzvorteil gegenüber anderen Wirtschaftsstandorten ableiten lässt; mit denen also die Konkurrenznationen schlechter zurechtkommen. Das ist logischerweise eine Frage, wer sich mit seinen Vorstellungen durchsetzen kann, also eine Machtfrage. Und da kann nicht einfach ein „griechischer“ (!) EU-Kommissar, von dessen Nation nicht bekannt ist, dass sie eine Autoindustrie hat (deutscher Wirtschaftsminister Glos), ausgerechnet dem Klimaschutzvorreiter und seiner Schlüsselindustrie geschäftsschädigende Abgasnormen für spritfressende, aber sehr gewinnträchtige Edelkarossen auferlegen wollen. Dem Kronjuwel der europäischen Industrie (dt. Industriekommissar Verheugen) die Richtlinien, auf die sich die deutschen Autobauer mit einer seit 10 Jahren gültigen freiwilligen Selbstverpflichtung festgelegt haben, als tatsächlich einzuhaltende Vorschriften aufs Auge drücken zu wollen – wo kommen wir denn da hin! Deutsche Autobauer sind schließlich keine Sozialhilfestation (Audi-Chef), sondern Wirtschaftsunternehmen, die hier und heute nachhaltig Shareholdervalue und Rendite vermehren müssen. Also muss auch die europäische Klima-Chefin in ihrer Eigenschaft als verantwortungsbewusste deutsche Standortkanzlerin mit aller Härte intervenieren und der deutsche Wirtschaftsminister muss unter dem Motto: Man kann nicht jedem Zoodirektor die gleiche Menge Futter je Tier zuteilen ohne Rücksicht darauf, ob er Mäuse oder Elefanten zu füttern hat (Glos), auf einem Mehr an klimaschädlicher Emission aus Deutschlands Auspuffrohren bestehen. Die EU-Ratspräsidentin aus Deutschland kämpft auf dem EU-Klimagipfel im März um jedes Gramm mehr an CO2-Ausstoß für ihre Schlüsselindustrie und lässt sich von der Kommission den Ausbau des Kreisverkehrs in ihrem Land, das Angebot von Ökofahrkursen, die deutsche Verkehrsleitführung, den Ausbau des Bio-Diesel-Tankstellennetzes usw. als spritverbrauchs-, also kohlendioxidsenkende Klimaschutzmaßnahmen anerkennen – damit die CO2-Grenzwerte, die sie in Europa als verbindlich durchsetzen will, im Gegenzug niedriger ausfallen können. Schließlich sollen die ja als Sachzwang wirksam werden, der die anderen Staaten Europas dazu nötigt, sich energiepolitisch so umzustellen, dass sie ohne unsere hervorragende Technologie nicht mehr auskommen.

Den Mitteilungen der hiesigen Öffentlichkeit zufolge ist es angesichts all dieser Streitfragen überhaupt nur dem unglaublichen Verhandlungsgeschick unserer Kanzlerin zu verdanken, dass auf dem Gipfel – unter ihrem Vorsitz, wie man nicht oft genug betonen kann! – doch noch ein Kompromiss erzielt werden konnte. Wie auch immer, geeinigt hat man sich jedenfalls auf Folgendes: Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Primärenergieerzeugung soll bis zum Jahr 2020 im Euroland verbindlich auf 20 % Prozent ansteigen. Um denselben schönen Prozentsatz soll die Energieeffizienz verbessert und der Treibhausgasausstoß abgesenkt werden. Damit ist nach offizieller Redeweise die globale Energiewende im Dienste der Menschheit eingeläutet, und ein klares Signal an alle Investoren in der europäischen Energiewirtschaft (Gabriel) gesetzt. Und sofort ist die nächste Streitfrage auf dem Tisch, welche Formen des Lastenausgleichs und der Lastenverteilung zwischen den europäischen Nationen es hinsichtlich der grünen Klimarettung geben soll. Strittig ist insbesondere, wie sich der in die Tat umzusetzende Ausbau der „grünen“ Energien, auf den man sich nunmehr ja verpflichtet hat, mit den bereits ausgebauten, d.h. den jeweils vorhandenen Energiequellen verrechnen lässt, für die schon wieder jede Nation das Prädikat „emissionsarm“ anerkannt bekommen will. Frankreich z.B. will die Kohlendioxidreinheit seiner atomaren Stromproduktion als Beitrag zur Entkopplung des CO2-Ausstoß vom Wirtschaftswachstum gewürdigt und seine AKWs auf den geforderten Ausbau der erneuerbaren Energien angerechnet wissen, wodurch es mit der Erfüllung der vertraglich vereinbarten Klimaschutzziele, was seinen Part anbelangt, schon ein gutes Stück weiter wäre usw.

So bleiben lauter offene Fragen, die auf der Grundlage des ausgehandelten Kompromisses in späteren Verhandlungen geklärt werden müssen und die für die von unserer Kanzlerin so begeisterte Öffentlichkeit den Glanz des historischen Ereignisses doch ein wenig trüben: Da waren den Mitgliedsstaaten Europas am Ende ihre nationalen Interessen doch wieder einmal wichtiger als die große Perspektive, für die sich Deutschland mit seiner Kanzlerin stark gemacht hat!

b) im Post-Kyoto-Prozess:

In aller Entschiedenheit wollen die europäischen Klimavorkämpfer dafür sorgen, dass auch ihre weltwirtschaftlichen Konkurrenten klimafreundlicher wirtschaften und ihr Wirtschaftswachstum mit Technik made in Europe, speziell in Germany, vom fossilen Energieverbrauch entkoppeln. Deshalb beauftragen sie sich dazu, den Kampf für eine Weiterentwicklung des 2012 auslaufenden Kyotoprotokolls voranzutreiben, und wollen die Verhinderung der Klimakatastrophe auf dem nächsten G-8 – und Weltklimagipfel zur Chefsache machen. Erklärtermaßen ist das eine politische Machtfrage ersten Ranges: Ob es nämlich Europa mit seiner deutschen Vormacht gelingt, die ökonomischen und politischen Widersacher, allen voran China und die USA, von der Notwendigkeit einer verantwortlichen Energiepolitik zu überzeugen, (Außenminister Steinmeier) d.h. sie in die europäische globale Abgasordnung „einzubinden“ und auf deren Reduktionsziele festzulegen und das amerikanische Klimaschutz-Gegenmodell einer unverbindlichen globalen Fördergemeinde für „klimafreundliche Technologien“ scheitern zu lassen. Die hierzulande gerne als die dicksten Einheizer der Menschheit titulierten Amis haben sich seinerzeit ja bereits vor der Ratifizierung des Klimaschutzprotokolls aus dem Kyotoprozess zurückgezogen – mit dem dezenten Hinweis, dass die Weltmacht USA keine Klimakonvention unterschreibt, die nicht definitiv aus ihrer Feder stammt. Alles andere untergräbt die amerikanische Souveränität und schadet der amerikanischen Wirtschaft. Dass die ehrgeizigen Initiatoren des Kyoto-Protokolls, die Europäer, dessen völkerrechtliche Inkraftsetzung – welche verlangt, dass 55 % der Vertragsstaaten unterzeichnen – dann doch noch durchgebracht haben, dafür war der andere Großverschmutzer, China, im Kyoto-I-Verhandlungsprozess enorm wichtig. Es hat sich als Fürsprecher der Gruppe G77, die mehr als 130 Entwicklungs- und Schwellenländer vereint, betätigt und im Gegenzug für seine Unterstützung bei der Ratifizierung den Status eines Entwicklungslandes und damit eine Befreiung von CO2-Minderungen, wie sie das Kyoto-Regime verlangt, zugestanden bekommen.[2]

Weil es diese Konkurrenz zu entscheiden gilt; damit sich die Staaten der Welt immer mehr und am Ende geschlossen dem von Europa initiierten Kyoto-Regime mit seinen Verschmutzungsrechten unterordnen; um sie da hineinzubugsieren, macht die EU einer Staatenwelt von berechnenden Klimasündern, die hinsichtlich der Rettung des Weltklimas abwägen, was eine vereinbarte CO2-Reduktion die Nation kostet und was das Mitmachen im Kyoto-Prozess umgekehrt in der Standortkonkurrenz einbringt, erst einmal ein einseitiges hochprozentiges Führungsangebot: Ganz unabhängig vom Ausgang der Post-Kyotoverhandlungen legt man sich selber vorauseilend auf eine Verminderung der Treibhausgasemissionen um 20 % (bezogen auf das Referenzjahr 1990) bis zum Jahr 2020 fest; und man verspricht außerdem, nochmals 10 % draufzulegen, falls andere Länder „mitziehen“. Es werden also nicht Klimaschutz-Richtlinien vereinbart, sondern Europa macht den Vorreiter und legt in der Rolle Richtlinien fest. Die gelten damit zwar noch nicht allgemein und verbindlich für alle, aber es gibt sie in dieser Form schon mal. Und daran wird dann weiter-, d.h. darauf hingearbeitet, dass sich der Rest der Staatenwelt darauf verpflichten lässt; es gilt Schwellenländer wie China zu überzeugen usw. usf.

Dabei vertraut und setzt Europa zum einen darauf, dass seine Konkurrenten die Lage hinsichtlich des Zugriffs auf fossile Energie ähnlich prekär sehen und mit ihrer Versorgungssicherheit ähnliche Probleme haben. Das europäische „Angebot“ an sie lautet der Sache nach: Die Abhängigkeit von Öl und Gas in der Energieversorgung gegen die technologische Abhängigkeit von Europas zukunftsfähiger Energietechnik einzutauschen. Zum anderen soll das, was auf Initiative von Europa schon mal in Gang gebracht wird, eine Art Sogwirkung entfalten: In dem Maße, in dem maßgebliche Wirtschaftsmächte sich energiepolitisch auf die Kyoto-Normen umstellen, bei sich die Energieerzeugung aus kohlenstoffarmen Energieträgern sowie energiesparende Technik zum Standard machen und auf deren Einhaltung bestehen, sehen sich diejenigen, die nicht mitmachen wollen im Kyoto-Prozess, von Märkten ausgeschlossen und geraten mit ihrer nationalen Energieversorgung ins Hintertreffen. Und es gibt ja auch noch direktere Wege, Überzeugungsarbeit zu leisten. Frankreichs scheidender Präsident ventiliert z.B. ganz unverbindlich schon mal den Vorschlag, die Kohleimporte aus Nicht-Kyotostaaten in den europäischen Wirtschaftsraum mit Strafzöllen zu belegen...

Deshalb will die Europäische Union unbedingt mit gutem Beispiel vorangehen beim Setzen von Maßstäben, was die Reduktion von CO2-Emissionen betrifft. Dessen unbeschadet ist sie selbst noch weit davon entfernt, auch nur annähernd ihre 8 %-ige Reduktionsverpflichtung aus dem letzten Kyoto-Protokoll zu erfüllen. Warum dies der Fall ist, ist kein großes Geheimnis. Nicht nur in China gilt nach wie vor der Zusammenhang: Je mehr Wirtschaftswachstum, desto mehr CO2-Ausstoß. Und die Wirtschaft boomt ja derzeit in Europa. Wenn aber das Voranmachen mit CO2-Reduktions-Vorschriften als Methode wirksam sein soll, anderen das Nachziehen nahezulegen, dann hängt der Erfolg dieser Methode eben auch ein wenig daran, dass man diese Vorschriften bei sich durchsetzt. Also verstärkt die Europäische Union und die mit der Umsetzung des Kyotoprotokolls betraute Europäische Kommission ihre Anstrengungen, die Einhaltung der Minderungsziele bis zum Jahr 2012 doch noch hinzukriegen. Sie verschärft die nationalen Allokationspläne (NAP’s), welche die Ausstattung der nationalen Geschäftswelt mit Verschmutzungsrechten regeln, und bezieht bislang noch ausgesparte nationale Emissionssektoren wie Handel, Haushalt und Verkehr gleichfalls in die Regelung verbindlicher Emissionsminderungen mit ein. Schließlich müssen Europa und seine umweltpolitische Führungsmacht den Beweis antreten, dass sie die Macht und den Willen haben, einem von ihnen maßgeblich initiierten und gegen den Willen der Weltführungsmacht verbindlich gemachten Klimaschutzabkommen – und das heißt immerhin: einem Bestandteil der Geschäftsordnung des globalen Konkurrierens – zum Erfolg zu verhelfen und es um- und durchzusetzen: Deutschland muss sich seiner Verantwortung und Vorbildfunktion gerade beim Klimaschutz bewusst werden ... wenn Deutschland sich querstellt, macht die ganze Welt nicht mit. Dann können wir alle einpacken. Ich appelliere hier an das Verantwortungsgefühl aller Deutschen. (EU Umweltkommissar Dimas, BamS, 4.2.07) Kyoto muss erfüllt werden, damit die EU und ihr Vorbild sich nicht gleich wieder blamieren, kaum dass Europas Weltwirtschaftsmächte in einer Frage der globalen Geschäftsordnung zu neuen imperialistischen Ufern aufgebrochen sind. Europa verfehlt seine Klimaschutzziele? Wer in aller Staatenwelt soll denn dann in dieser Frage die EU als Führungsmacht noch ernst nehmen!

Zumal ja die Hauptkonkurrenzmacht in der Hinsicht auch nicht schläft. Wir zitieren aus einer Anhörung im US-Senat am 9.5.2007:

„We have paid a high price over many decades – and not just financially – to secure the lifeblood of our economy ... We are no longer simply asking what it takes to secure oil from foreign sources. The hearings we held, and the cold hard facts they illuminated, have begun to change the debate. We are asking new questions: how do we move away from oil, how and how soon can we develop the alternative technologies that can loosen the grip of oil on our economy and our foreign policy? How, in short, can we achieve real energy security? This morning, we have the chance to change another, very closely related debate – how we talk, how we think about climate change.“ [3]

Nicht auszudenken, wenn wahr wird, was Amerikas Hightech-Schlüsselfirmen wie General Electric, DuPont, Alcoa und Duke Energy neuerdings von ihrer Regierung verlangen, nämlich dass Amerika sich an die Spitze der Umweltbewegung setzen soll, (FAZ, 24.1.07) und die führende Weltwirtschaftsmacht mit einem neuen Apolloprogramm in Sachen emissionsarmer Technik der globalen Verschmutzungswelt ein zugkräftiges Gegenangebot entwickelt: Noch haben besonders die Deutschen Wettbewerbsvorteile in der Umwelttechnik und bei energiesparender Produktion, aber diese Vorteile können schnell verloren gehen. (SZ, 22.1.07) Die Zeit zum Handeln drängt also.

7. Arrangements mit und Spekulationen auf eingetretene Wirkungen der Erderwärmung

Jenseits dessen, dass es in der Klimafrage um eine Konkurrenzfrage globaler Energiepolitik und damit um eine imperialistische Frage erster Güte geht, hat der mit dem Zustand des Weltklimas praktisch befasste, maßgebliche Teil der Menschheit noch ein paar volkswirtschaftliche Rechnungen laufen, deren typisch systemgemäßer Zynismus auch kaum zu übertreffen ist: Man geht abgebrüht davon aus, dass man die Naturbedingungen im globalen Maßstab endgültig versaut hat, dass es da in dem Sinne nichts mehr zu verhindern oder zu retten gibt, und geht dazu über, sich nur noch über den zweckmäßigsten Umgang mit dem eingetretenen Wandel und seinen Folgen Gedanken zu machen; wobei die Kriterien der Zweckmäßigkeit selbstverständlich wieder nur die systemgemäßen kapitalistischen sind:

„Lange Zeit war unter Politikern, Umweltschützern und Klimaforschern nur eine Antwort auf die globale Erwärmung erlaubt, den CO2-Ausstoß radikal zu senken. ..mittlerweile sagen sie ... die Menschheit müsse sich mit der Klimaveränderung arrangieren. Denn verhindern kann die Folgen der Erderwärmung ohnehin niemand mehr. Die Herausforderung ist es, die Kosten der Veränderung zu minimieren“ (Spiegel, 45/06)

Dafür unterhält eine Nation wie die unsere eine Heerschar an regierungsberatenden Klimafolgenspezialisten und Klimaschutzökonomen. Die rechnen und kartieren den nationalen Standort auf seine regional unterschiedliche Schadensbetroffenheit durch, planen vorausschauend das fällige Arrangement mit den Folgen des Klimawandels und optimieren dieses im Hinblick auf eine Minimierung der nationalen Anpassungskosten hin. Da gilt es, was z.B. die vermehrt zu erwartenden Sturmfluten angeht, natürlich abzuwägen, welche Gebiete man aufgeben und wo umgesiedelt werden kann – Tenor: Das wird bitter für die Betroffenen (Klimaforscher Stock) – oder ob nicht doch gepanzerte Deiche und die Erhöhung der Deichkronen vorzuziehen sind. Was das Vorbereiten auf die steigende Hitze angeht, hat sich die Forschergemeinde darauf verständigt, dass dafür keine größeren Anpassungskosten in Rechnung zu stellen sind, weil in unseren Breiten Hitzetote doch eher die Kälte der Gesellschaft aufzeigen (Klimaforscher Grassl), als dass sie den Klimawandelfolgen zuzurechnen wären.

Auf der anderen Seite, und das ist ja das Schöne am marktwirtschaftlichen System: Wo Verlierer und Betroffene anfallen, wo Schadensrisiken zu verbuchen sind, eröffnen sich logischerweise, nämlich einfach reziprok neue Geschäftschancen für Katastrophengewinnler. Und auch da ist längst alles durchkalkuliert und hochgerechnet: Die krisengeschüttelte Bauwirtschaft, die Dämme baut und Häuser isoliert, darf sich genauso zu den Profiteuren zählen wie die Tourismusbranche an der Nord- und Ostsee, die künftig dem hitzegeplagten Bayern Touristen weglockt (FAZ, 15.3.07), und allen voran gehört dazu natürlich die Versicherungsbranche. Was gibt es für die florierende deutsche Versicherungswirtschaft, die zudem die ganze kapitalistische Welt rückversichert, denn Besseres als die Prognose von sehr wahrscheinlichen Wetterextremen, Überflutungen und Stürmen infolge des Klimawandels?! Die Branche hat sich jedenfalls längst mit der drohenden Menschheitskatastrophe als einem gigantischen Geschäftsfall „arrangiert“, erhöht dafür heute schon die Versicherungsprämien und minimiert ihr Geschäftsrisiko durch Ausgabe von sog. Katastrophenanleihen. Der Markt für diese Anleihen wie überhaupt der ganze Finanzmarkt für Klimawandelzertifikate und Umweltfonds, die in Trinkwasserhersteller, Wasseraufbereiter und Entsalzer investieren (FAZ, 17.3.07), boomt. Schließlich wollen auch risikofreudige Spekulanten frühzeitig Gutes tun und Geld verdienen mit dem Klimawandel. (UBS research focus 1/07) Die Hightech-Firmen mit der entsprechenden Technologie verfügen somit schon mal über die nötige Liquidität, um den künftigen weltweiten und absehbarerweise anwachsenden Bedarf nach Surrogaten für vernichtete Lebensbedingungen zu befriedigen; z. B. nach agrarischen Nutzpflanzen, die gentechnisch resistent gemacht sind gegenüber den Folgen kapitalistischer Umweltzerstörung und die auch noch unter ruinierten Lebensbedingungen sprießen.

Vielleicht die wichtigste Chance aus dem Klimawandel: Dank Erderwärmung muss die klimaschädigende „Kohlenstoffwirtschaft“, auf die der globale Kapitalismus in seiner Energieversorgung nach allgemeiner Auskunft trotz allem Umsteuern noch lange nicht verzichten kann, so schnell nicht um ein Versiegen ihres fossilen Rohstoffs fürchten:

„Es klingt paradox, aber der Klimawandel könnte dazu beitragen, dass die Menschheit noch eine Weile länger Energie aus fossilen Rohstoffen beziehen kann. Wärmere Temperaturen erleichtern die Förderung von Gas und Öl in der Arktis. Steigende Energiepreise machen den Abbau auch ökonomisch interessant.“ (tagesschau.de.Dossier: klimawandel)

Längst ist die Konkurrenz um die Nutzung und den Zugriff auf das künftig eisfreie Rohstofflager Polarmeer und die neuen Nordwest- Schifffahrtspassagen entbrannt:

„Das Polarmeer weckt Begehrlichkeiten ... bei den fünf Anrainerstaaten Kanada, Dänemark, USA, Norwegen und Russland. Es geht um Schifffahrtswege, Fischgründe und Energiereserven am Meeresgrund. Nach Schätzungen des Geologischen Dienstes der USA liegt ein Viertel der weltweiten Erdöl- und Erdgasreserven am Grund des Polarmeeres.“ (ebd.)

So cool und zynisch wird die betroffen gemachte Menschheit wiederum mit dem Realismus der maßgeblichen Interessen und Kalkulationen vertraut gemacht, die sich an den Klimawandel knüpfen!

8. Für das Klima kann „jeder einzelne von uns“ „was tun“

Der moralische Überschuss, der notwendigerweise entsteht, wenn ein Volk von mehrheitlich sturzbraven Bürgern mit der Kunde vertraut gemacht wird, dass der Menschheit eine Klimakatastrophe ins Haus steht und „wir“ dagegen unbedingt und dringend etwas tun müssen, wird aufgefangen und in Bahnen gelenkt, in denen er sich betätigen kann.

Eine Heerschar öffentlicher und politischer Meinungsbildner leitet den von ihr selber in Aufregung versetzten Zeitgenossen dazu an, das „Wir“, dem er sich als materiell und/oder moralisch betroffene Figur zurechnet, umstandslos gleichzusetzen mit dem nationalen Wir, dem seine Regierung vorsteht. Und wenn er diese Gleichsetzung ganz selbstverständlich vollzieht, kann er nichts mehr verkehrt machen. Die Regierung kann sich dann jeder Menge Rückhalt im umweltbewusst gemachten Volk gewiss sein. Ihr energiepolitisches Aufbruchsprogramm wird als ein unbezweifelbar gutes Werk verstanden – die Taten der Regierung stehen einfach eins zu eins für die gute Absicht, die ihre Untertanen hegen. Das gilt auch für die imperialistischen Implikationen dieses Programms: Dass es Deutschland ist, das dazu berufen ist, die gute Tat zu vollbringen, indem es sich zuständig erklärt für die Weltenrettung, versteht sich von selbst. Im Zeichen des sterbenden Planeten schart man sich hinter den klimafreundlichen Energie-Imperialismus seiner Regierung und nickt bei jedem Kommentar, der dem politischen Schutzbeauftragten des Erdklimas, unserer Klima-Kanzlerin, ein lautes „Vorwärts“ zuruft in dem Bemühen, die Regierungen anderer Herren Länder auf unseren Kurs zu bringen. Ganz ohne jede Prüfung der tatsächlichen Verhältnisse wissen „wir“ selbstverständlich auch ganz genau, wer die größten Klimasünder sind: China und Amerika.

Im Inneren wird derweil eine Klimaleitkultur eingeführt, die nach reger Beteiligung ruft. Die wachgerüttelte Menschheit kommt um eine ausführliche Runde Volkserziehung hinsichtlich ihres „Lifestyle“ nicht herum. Sie darf sich als ein einig Volk von größeren oder kleineren, unbewussten oder vorsätzlichen, in jedem Fall aber schon wieder als ein großes „Wir“ von „Klimasündern“ begreifen, und jeder darf den Kampf gegen den Klimakiller CO2 zu seiner persönlichen Sache machen. Unter öffentlich rechtlicher Fachanleitung kriegt jeder ein Kohlendioxidauge antrainiert bzw. eine Kohlendioxidbrille aufgesetzt und einen kostenlosen Grundkurs im Umrechnen von Flug-Ananas und Seychellenticket in so und so viel Tonnen Treibhausgas verpasst, damit er als verantwortungsbewusster Bürger all die „versteckten“ CO2-Quellen in seinem Alltag aufspüren kann, die zusammengezählt und national hochgerechnet den ganz offensichtlichen Verschmutzungsquellen fast schon gleichzustellen sind. Wer von gewissen wirtschaftlichen oder politischen Interessen wissen will, die „uns“ die Suppe einbrocken, wird offensiv zurückgewiesen – nach dem Motto: Jeder muss bei sich anfangen und vor der eigenen Haustüre kehren, bevor er das Maul aufreißt. Die drohende Menschheitskatastrophe ist somit zu allererst einmal als das Produkt der ökologisch rücksichtslosen Lebensart von uns allen zu betrachten. Wo Verantwortung in Kritik umzuschlagen droht, ist Einhalt geboten. Jeder Autofahrer soll sich schämen, wer auf die Autoindustrie deutet, liegt verkehrt. Als Seychellentourist soll man fürs Klima spenden, die Flugunternehmen mit einer Kerosin-Steuer zu belasten, wäre der falsche Weg.

Wo so ein jeder Zeitgenosse als sein Charakteristikum eine durchwegs verbesserungsbedürftige Energiebilanz mit sich herumschleppt, lässt sich logischerweise auch mit kleinen Beiträgen im Alltag jede Menge tun und große Wirkung (ZDF, 22.3.07) in der Klimarettung erzielen:

„Jeder Mensch kann, wenn er morgens vor die Tür tritt, Entscheidungen treffen, die weit über alle Klimaschutzverträge der Regierungen hinausgehen, er kann sich für Verhaltensweisen und Produkte entscheiden, die den Ausstoß an Treibhausgasen reduzieren. Das Wirtschaftsleben ist längst differenziert genug, um mit einem umweltbewussten Leben nicht in das Jutetaschenzeitalter zurückkatapultiert zu werden.“ (FAZ, 3.2.07)

Mit solchen Allmachtsphantasien hinsichtlich der klimaschützerischen Macht des Menschen als Verbraucher – von der laut FAZ Regierungen nur träumen können! – wird ausgerechnet die Figur mit ihren Bedürfnissen, die Anhängsel und Erfüllungsgehilfe des Kommerzes ist, zum maßgeblichen Subjekt und Auftraggeber erkoren, der mit seinem privaten Konsum die klimaschädliche Weise der Produktion seiner Gebrauchsgüter selbstverständlich mitbestellt hat. Die Reduktion von Treibhausgasen hat deswegen auch nicht in der Produktion anzufangen, sondern im Kopf des Verbrauchers, der sich machtvoll entscheidet für – den heimischen Kommerz, für Ware aus deutschen Landen und für Heimaturlaub. Bei „uns“ ist ja sowieso immer alles am Gesündesten!

Zum Nulltarif ist der Genuss ohne Klimareue freilich nicht zu haben. Die Vertreibung aus dem fossilen Energieparadies (SZ, 10/11.3.07), das Wohlfühlklima (ebd.) haben ihren Preis. Das muss die Menschheit, die in den Klimaschutz als Lifestyle reingequatscht werden soll, auch noch kapieren. Der Lifestyle-Mensch soll zahlen, sich zusammenreißen, als verantwortungsvoller Verbraucher den CO2-Beipackzettel und Klimapass studieren. Er soll sich aus seinem Billig-Flug ein CO2-Gewissen machen, und wenn er das gemacht hat, kann er es längst auch schon über das Spendenportal „atmosfair“ mit einer Spende für Aufforstungen in der dritten Welt abarbeiten. Er wird dementsprechend Tag und Nacht belämmert. Am Ende sogar noch mit Umfragen über die Wirkungen all dieser Agitation aufs betroffen gemachte Volksgemüt. Und? Sie haben ergeben: Einschränkungen sind saupopulär im Volk, wenn es nur dem Klima dient. (Spiegel online, 4.3.07)

Bis es so weit ist, liegt der Nutzen von soviel Verzichtsbereitschaft im Volk auf jeden Fall schon mal darin, dass sie unseren politischen Klimaschützern das Geschäft erleichtert. Die sind schließlich für die Einhaltung nationaler Klimaschutzziele verantwortlich und haben deswegen konkrete Vorstellungen davon, was jeder von uns zur Klimarettung tun kann. Als Gerätekäufer, Autofahrer, Wohnungseigentümer etc. wird jeder Privatmensch in die Pflicht genommen. Mit klassischem Ordnungsrecht, mit gesetzlichen Vorschriften zur Wärmedämmung, zur Heizungsrenovierung und und und ... läßt sich noch manches tun dafür, dass Kyoto doch noch gelingt. Und wenn unter dem unanfechtbaren guten Titel „Klima“ einfach nur das staatliche Abkassieren vorankommt, ist das ja auch nicht schlecht.

9. Vom demokratischen Nutzen der Klimafrage

Last but not least. Für die demokratische Hochkultur im Lande soll die mit neuer Schärfe geführte Treibhausdebatte auch nicht ganz umsonst gewesen sein: Mit Klimaschutz lassen sich Wahlen gewinnen! (Spiegel Nr.45/2006) Vor zwei Jahren hieß es: Jobs, Jobs, Jobs. Jetzt heißt es: Klima, Klima, Klima! (FAS, 4.3.07) In den Parteizentralen jedenfalls wird mit Hochdruck an der Bewältigung des programmatischen Klimadefizits gearbeitet – Ich muss zugeben, wir haben das Thema unterschätzt (CSU-Generalsekretär Söder) –, um den moralischen Überschuss im Volksgemüt auch noch auf die entsprechenden Mühlen der demokratischen Machtkonkurrenz zu leiten. Jetzt soll also der aufgewühlte demokratische Untertan seine politischen Herrschaftsköpfe auch noch danach beurteilen und sein wählerisches Vertrauen an sie auch noch danach zuteilen, ob sie als Klimaretter glaubwürdig sind. Ihre Zustimmung zum Herrschaftspersonal darf die Volksgemeinschaft dann daran bemessen,

– ob der jeweiligen Figur Entschlossenheit und Tatkraft bei der Durchsetzung der fälligen Einschränkungen im Dienste der Klimarettung zuzutrauen sind und ob sie dabei auch keine Konsequenz vermissen lässt: Verbote für Verbraucher – Freibrief für die Industrie? (berlin mitte, 22.3.07);

– ob all die Gabriels und Merkels selber mit gutem Beispiel vorangehen, ihren „Klimakiller Dienstwagen“ schleunigst auf deutschen Hybridmotor umstellen lassen und ihre private und dienstliche CO2-Reisebilanz auch wirklich ausgleichen;

– und vor allem: ob unsere politischen Machthaber es schaffen, sich international Respekt zu verschaffen und gegen die größten Klimasünder durchzusetzen. Womit das Volk am Ende dann doch wieder sehr sachgerecht urteilt!

[1] Die Einpreisung der kostenlos zugeteilten Zertifikate hat dafür umso besser geklappt. Unsere Versorgungsoligopolisten Eon und Konsorten konnten in der ersten Handelsperiode „zu Lasten Europas Stromverbraucher“ schon mal 12 Mrd. Euro Extragewinn abkassieren und so ihre Kriegskasse für Endesa- und sonstige Akquisitionen kräftig aufstocken.

[2] Mit dieser „Wettbewerbsverzerrung“ wollen die Europäer jetzt allerdings Schluss gemacht sehen.

[3] Man beachte, wer da aus der Sicht des Amerikaners wen im Griff hat: Das aus foreign sources stammende Öl die amerikanische Ökonomie und die amerikanische Außenpolitik!


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