Mea Culpa des Papstes

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Leichte Enttäuschung nach dem großen Mea Culpa:
Das Versäumnis des Papstes

Überblick

Der Heilige Vater bekennt „Sünden wider das Evangelium“; Kreuzzüge gegen Ungläubige und andere historische Ausreißer fehlgeleiteter Gotteskinder will auch er heutzutage nicht mehr gutheißen. Die Reaktionen schwanken zwischen Respekt vor dem „Mut“ des Papstes und der bescheuerten Enttäuschung, dass der Heilige Vater nicht mit einer „Generalabrechnung“ eingesteht, dass sich die Kirche unter päpstlicher Führung dauernd in sittliche Sackgassen verirrt habe – mit diesem Geständnis hätte er ja gleich erklären können, dass es nichts als eine Riesendummheit ist, sich das irdische Jammertal als Bewährungsprobe vor dem Jenseits zu verklären.

Leichte Enttäuschung nach dem großen Mea Culpa:
Das Versäumnis des Papstes

Im Rahmen einer Serie von Großevents anlässlich des ‚Heiligen Jahres‘ kündigt der Vatikan das „sensationelle“ Vorhaben des Papstes an, für die in 2000 Jahren akkumulierten Sünden der Kirche öffentlich um Vergebung zu bitten. Abgesehen davon, dass der Papst die ewigen Vorwürfe langsam nicht mehr hören kann und seine Kirche unbelastet und mit „engiftetem Gedächtnis“ ins dritte Jahrtausend führen will, soll diese Werbeaktion tätiger Reue eine neue Evangelisierungsrunde einleiten, die nach dem Sieg über die kommunistische Irrlehre überfällig ist. Die Voraussetzungen für das „historische Schuldbekenntnis“ sind ausgesprochen günstig: Das Timing – Jubiläumsgeburtstag des „Leibes Christi“ – stimmt; die Hoffnungen der Reformkräfte des wahren Katholentums auf eine Runderneuerung der Glaubwürdigkeit ihres Vereins sind groß; nicht minder die Erwartungen der notorischen Lästerer, die wie immer mit ihrer offenen-Posten-Liste in Sachen Kirchenstaat & Amtskirche wedeln; wohl gewogen die Ansprüche der öffentlichen Moralapostel, die sich als Qualitätsmanagementbeauftragte des Gottesglaubens berufen sehen und von dem römischen Globalplayer ein modernes Produktdesign verlangen; und gut vorbereitet natürlich das römische Ministerium für Ideologie und Information: Ratzingers Kaderschmiede von der Glaubenskongregation hat ein 100-Seiten-Paper herausgebracht, das den Gläubigen die nötige Interpretationshilfe gibt, damit sie nicht irrewerden an den Worten des Heiligen Vaters, und das außerdem verhindern soll, dass die „eingefleischten Kirchenhasser“ das päpstliche Mea Culpa für „antichristliche Propaganda“ ausschlachten können. Die knisternde Spannung im Vorfeld des Ereignisses baut sich an der alles entscheidenden Frage auf: Wird Er oder wird Er nicht? – nämlich die ‚Ecclesia militans‘ ausdrücklich als Sünderin bezeichnen, deren Missgriffe ‚auf Befehl von oben‘, ex cathedra, zustande kamen? Da möchte man dabei sein, wenn der Stellvertreter Gottes den „Höhepunkt seines Pontifikats“ mit einem Knalleffekt inszeniert.

Der Pontifex tut sein Bestes. In eindrucksvoller Weise zelebriert er die versprochene Schuld- und Sündenlitanei, wobei sein beklagenswertes Altersgebrechen sich mit der gewohnt unnachahmlichen liturgischen Regie der rkK zu einer Demonstration wahrhafter Demut kombiniert. Er bekennt „Sünden wider das Evangelium“, die gewisse „Söhne und Töchter“ in den vergangenen Jahrhunderten auf sich geladen haben; er vermeidet jeden Vorwurf an den „Vater“ von wegen schlechter Erziehung und bekundet seinen „Schmerz“, dass die eine oder andere nicht rechtzeitig abgetriebene „ungehorsame“ Leibesfrucht auf die vielen „Glieder der Kirche, die durch ihre Heiligkeit strahlen“, einen dunklen Schatten wirft. Er bedauert zutiefst, dass es zur Versündigung gegen die „Einheit des Leibes Christi“ gekommen ist; aber er widersteht auch der Versuchung, mit der populistischen Parole ‚Versöhnen statt Spalten‘ dem grassierenden Fusionsfieber nachzugeben und einen Mega-Merger mit prinzipienlosen Lutheranern zu gründen, denn: „Die Größe einer Firma darf kein Selbstzweck sein“ (Olaf Henkel). Nicht in Ordnung findet der Papst selbstverständlich auch, dass die „Söhne und Töchter“ bei ihrem weltweiten „Dienst an der Wahrheit“ bisweilen die „falschen Methoden“ angewandt haben und unfreundlich zu anderen gottesfürchtigen Molukkenvölkern waren, ja sogar zum „Volk des Bundes“; fachsprachlich ein wenig verklausuliert, lässt er durchblicken, dass auch der „Leib Christi“ nicht umhin kommt, die irdischen Kräfteverhältnisse anzuerkennen, weswegen es an der Zeit ist, auf die „Kraft der Wahrheit selbst“ zu setzen, statt auf „die Logik der Gewalt“. Nein: Kreuzzüge gegen Ungläubige und öffentliche Feuerbestattungen für Abweichler von der Generallinie – diese historischen Ausreißer fehlgeleiteter Kinder Gottes sind heutzutage einfach nicht mehr gutzuheißen. Was natürlich alles andere als eine neue Bescheidenheit ist, sondern das Versprechen, das globale Missions- und Bildungswerk der Kirche, den weltweiten Kampf gegen den „Irrglauben“, im „Geiste der Toleranz“ und unter Achtung der „Menschenwürde“ und des „Völkerrechts“ fortzuführen, also mit „Respekt gegenüber anderen Religionen“ und selbstverständlich unter Wahrung der Richtlinienkompetenz Roms. Und was das ‚schwierige‘ Verhältnis zu den Juden betrifft, die ja den Gottessohn so leichtfertig ans Kreuz genagelt haben, erbittet er vom „Vater“ inständig diplomatischen Beistand, damit in diese traditionell konstruktive Erzfeindschaft „die Milde der Liebe“ eindringen kann. – Nur eines fällt dem obersten Hirten nicht ein: seiner Kirche eine moralische Haftung als Täter(in) zu verpassen. Warum auch? Wo sie doch als „Mutter solidarisch die Schuld ihrer Kinder“ auf sich nimmt.

Die Schäfchen sind hin- und hergerissen zwischen Anerkennung und Ernüchterung. Sie honorieren den „Mut“, mit dem dieser religiöse Fundamentalist sich dem welthistorischen Trend der moralischen Selbstreinigung anschließt, also endlich kapiert, was für Vorteile eine ehrliche Beichte bringt. Sie finden es aufregend, dass die „unfehlbare“ Kirche sich anschickt, von jetzt an „heilig und sündig“ zugleich zu sein. Einige sind freilich doch eher enttäuscht über die „Halbherzigkeit“ des Papstes, der anscheinend gar nicht daran denkt, seiner Kirche diese Dialektik zuzumuten. Als Menschen guten Willens, denen die Technik solcher Heuchelei – wenn nicht von den eigenen Beichtstuhlerfahrungen, dann vom Pilotprojekt deutscher Vergangenheitsbewältigung – vertraut ist, verlangen sie nichts ‚Unmögliches‘, sondern ‚nur‘ ein bisschen mehr Konsequenz bei der Entschuldungsaktion, damit sie die Entschuldigung glaubwürdig finden können: Alternative Kirchenrechtler beklagen, dass zwar den verblichenen Abweichlern verziehen wird, den lebenden dagegen nicht; Frauen können nicht nachvollziehen, weshalb sie für verbrannte Hexen nicht mit weiblichem Priestertum entschädigt werden; Juden sind irritiert, weil das „Versöhnungsangebot“ die „Shoa mit keinem Wort erwähnt“; und soziologisch gebildete Methodiker des Glaubens halten es nicht aus, dass der Papst die „Söhne und Töchter“ an die Schuldfront schickt, obwohl doch erwiesenermaßen die ‚Institution‘ mit ihrer ‚Struktur‘ für all die Sündenfälle verantwortlich ist. Kein umfassendes Geständnis also, nur ein „halbes“ Mea Culpa statt eines „ganzen“ und Grund genug, um die Begeisterung erst einmal zu bremsen.

Da muss man wohl doch mit den Worten des Herrn Jesus sagen: ‚Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‘. Was hätte der Hohe Priester denn sagen sollen, um sogar noch diejenigen zu beeindrucken, die seinem Club der Heiligen gar nicht angehören? Hätte der leibhaftige Stellvertreter Gottes auf Erden sich tatsächlich soziologisch distanziert zu seinem mystischen Club stellen sollen, oder sich aufführen wie ein neuer Manager, der in seiner ‚Organisation‘ mit den Schlampereien seiner Vorgänger aufräumt und einen ‚überfälligen Strukturwandel‘ einleitet? Hätte er, so oder womöglich sogar explizit, das Dogma von der Unfehlbarkeit des irdisch präsenten „Leibes Christi“ mit seinesgleichen an der Spitze widerrufen und damit den ganzen Nimbus zerstören sollen, der den römischen Verein für gute Menschen, die ehrlich und wahrhaftig nach einem sinnstiftendem Oberkommando über ihr armseliges Erdenleben seufzen, so unwiderstehlich macht? Hätte er sich am Ende für das göttliche Gnadeninstitut der Hölle selbst entschuldigen sollen, vor dem die katholische Kirche seit jeher die sündige Menschheit retten will – koste es die Menschheit, was es wolle? Oder anders: Hätte ausgerechnet der Papst sich und seinen Jesuskindern abverlangen sollen, was nicht einmal brave deutsche Nationalisten beim Betrachten ihrer zwölfjährigen ‚Schande‘ hinkriegen? Die tun sich nämlich schon schwer mit der dialektischen Übung, ihre menschennatürliche völkische Identität mit einer Absage an ein kleines Stück Geschichte ihrer Nation auf moralischen Hochglanz zu bringen. Und da hätte der Chef eines übernatürlichen Vereins ohne Zwangsmitgliedschaft die pilgervölkische Identität seiner Schäflein mit dem Bekenntnis durcheinander bringen sollen, unter Roms Führung wäre man eigentlich dauernd in sittliche Sackgassen hineingepilgert? Da hätte er weiß Gott gleich reinen Tisch machen und verkündigen können, dass alles nicht so blutig ernst gemeint ist, was seine Kirche seit 2 Jahrtausenden lehrt; dass es nichts als eine jahrhundertelang elaborierte und kunstvoll durchkonstruierte Riesendummheit ist, sich das irdische Jammertal mit Verfehlungen gegen einen rach- und eifersüchtigen Gott zu ‚erklären‘ und auf die Milde, Gnade und Belohnung im Jenseits zu hoffen; kurz: dass Religion ein Quatsch ist, den man lassen sollte.

Sicher, das hätte der absolute ‚Höhepunkt‘ seines Pontifikats werden können. Und die Welt hätte ganz nebenbei endlich einmal den Unterschied zwischen einer Selbstkritik und einer Entschuldigung erfahren. Eben deswegen wäre ein solcher „Dienst an der Wahrheit“ aber ganz gewiss nicht bloß den Gläubigen entschieden zu weit gegangen. Den aufgeklärten Lästerern selber wäre es alles andere als recht gewesen, hätte die römische Volkskirche zu Beginn des dritten Jahrtausends ihr ganzes schönes Angebot an den modernen Menschen, sich als schuldiger Knecht zu imaginieren und auf eine Haltung zutiefst geduldigen Gehorsams festzulegen, ersatzlos aus dem Verkehr gezogen. Denn dass ein anständiges Volk ohne Orientierung nicht auskommt: das ist noch dem gottlosesten unter den freiheitlichen Volkserziehern im christlichen Abendland sonnenklar.

Insofern hat der Papst gut daran getan, die hoch gesteckten Erwartungen zu enttäuschen und die ökumenische Landnahme der einzig wahren Kirche mit der von ihm eingeführten Tradition der weltweiten Erdküssungen fortzusetzen – gerade und erst recht in dem von Ungläubigen besetzten ‚Heiligen Land‘. Mit seiner ‚Pilgerreise‘ ist der virtuell-leibhaftige Gottessohn nämlich an die Originalschauplätze seines Wirkens vor 2000 Jahren zurückgekehrt, hat „noch einmal mit uns auf der Erde die Geburt, den Tod und die Wiederauferstehung durchlaufen“ und jedenfalls unmissverständlich seinen großherzigen Anspruch demonstriert, die Menschheit geistlich unter seinem Hirtenstab zu versammeln, was letztlich auch den rechtmäßigen weltlichen Obrigkeiten nur Recht sein kann. Spätestens da sind denn auch die Zeremonienmeister der Öffentlichkeit wieder tief beeindruckt und verzeihen dem Pontifex alle verpassten Gelegenheiten für ein Schuldbekenntnis, dem ihrem anspruchsvollen Geschmack nach garantiert keiner die Anerkennung versagen kann.


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