Massenentlassungen bei BMW

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-08 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Massenentlassungen bei BMW
BMW sorgt sich um seine Kapitalrendite – die Gewerkschaft um die Weihnachtsstimmung

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Ende Dezember kündigt BMW im Rahmen seines „Strategieprogramms“, nach dem bis 2012 sechs Milliarden Euro eingespart werden sollen, eine Massenentlassung von 8000 Beschäftigten an. Schnörkellos gibt die Konzernleitung (FAZ, 22.12.07) darüber Auskunft, was Grund und Zweck der Maßnahme ist: „Wir wollen die Trendwende bei der Profitabilität schaffen“ und teilt – „im Klartext“, damit es jeder versteht – auch gleich mit, dass der erwünschte Trend zu mehr Profit bereits auf gutem Wege ist und genau dieser Erfolg die Entlassungen nötig macht: „Der Grund sei ein ‚Produktivitätsfortschritt von zehn Prozent‘, der heuer im Werk erzielt worden sei. ‚Unser erklärtes Ziel ist es, jedes Jahr um fünf Prozent besser zu werden‘, sagte (BMW-Sprecher) Rebstock. Im Klartext heißt das: Es werden künftig weniger Mitarbeiter gebraucht, um die gleiche Zahl von Autos zu produzieren.“

Massenentlassungen bei BMW
BMW sorgt sich um seine Kapitalrendite – die Gewerkschaft um die Weihnachtsstimmung

Ende Dezember kündigt BMW im Rahmen seines „Strategieprogramms“, nach dem bis 2012 sechs Milliarden Euro eingespart werden sollen, eine Massenentlassung von 8 000 Beschäftigten an. Schnörkellos gibt die Konzernleitung (FAZ, 22.12.07) darüber Auskunft, was Grund und Zweck der Maßnahme ist: Wir wollen die Trendwende bei der Profitabilität schaffen und teilt – im Klartext, damit es jeder versteht – auch gleich mit, dass der erwünschte Trend zu mehr Profit bereits auf gutem Wege ist und genau dieser Erfolg die Entlassungen nötig macht: „Der Grund sei ein ‚Produktivitätsfortschritt von zehn Prozent‘, der heuer im Werk erzielt worden sei. ‚Unser erklärtes Ziel ist es, jedes Jahr um fünf Prozent besser zu werden‘, sagte (BMW-Sprecher) Rebstock. Im Klartext heißt das: Es werden künftig weniger Mitarbeiter gebraucht, um die gleiche Zahl von Autos zu produzieren.“ (SZ, 22./23.12.)

Mit größter Selbstverständlichkeit werden hier Grundrechnungsarten des kapitalistischen Wirtschaftens präsentiert: Mehr Profitabilität heißt – selbstverständlich! – mehr Produktivität. Und mehr Produktivität bedeutet – natürlich! – weniger Mitarbeiter. Die quasi interesselose Gesetzmäßigkeit dieses kleinen Gleichungssystems mag zwar für den Lebensunterhalt der nicht mehr gebrauchten Mitarbeiter katastrophale Folgen haben; sachlich gilt der dargelegte Zusammenhang offenbar als allgemein anerkannt und so überzeugend, dass man ihn ohne einen Anflug von Peinlichkeit öffentlich verkünden kann. Man kann die Gleichungen von hinten nach vorne lesen oder auch im Kreis – stets kommt das Passende heraus: Wer künftig weniger Mitarbeiter brauchen will, muss produktiver werden; und umgekehrt ist in der wunderbaren Welt der kapitalistischen Konkurrenz ein Produktivitätsfortschritt nicht nur gleichbedeutend mit allfälligen Massenentlassungen, die wiederum der Profitabilität auf die Beine helfen, sondern auch noch ihr guter Grund.

Ist das Grundsätzliche wieder einmal verstanden, kann man in die Details des Vorhabens gehen. Bei dessen Realisierung wird sich die Firma einer segensreichen Einrichtung des kapitalistischen Arbeitsmarkts bedienen: Wie in allen großen deutschen Konzernen sind nennenswerte Anteile der Stellen mit Leiharbeitern besetzt, deren kapitalistischer Beruf darin besteht, die Rolle eines besonders flexiblen Instrumentariums auszufüllen, auf dem der Betrieb nach besonders freiem Ermessen spielt:

„Den Zeitarbeitern sei bekannt, ‚dass wir mit diesem Instrumentarium spielen‘, sagt Werkssprecher Ebneth. Die womöglich mehr als 1000 in Regensburg betroffenen Leiharbeiter ‚müssen weiterziehen, eventuell auch in den Raum München‘.“ (SZ, 22./23.12.)

Die Offenheit und Kaltschnäuzigkeit, mit der sich der Funktionär des Kapitals als Herr über die Lebensbedingungen normaler Leute aufführt, gefällt den Klassenbrüdern aus dem Finanzsektor um so besser, als die unternehmerisch zupackende Art der BMW-Führung sich ausdrücklich nicht einer Notlage der Firma verdankt. Die verspricht vielmehr durch die Entfernung überflüssiger Lohnempfänger und das fest eingeplante jährliche Besserwerden der verbleibenden einfach noch mehr aus der Belegschaft herauszuholen als bisher. Soviel vorausschauend organisierter Unternehmenserfolg wird von den interessierten Spekulanten umgehend honoriert: Der Aktienkurs von BMW machte am Freitag einen Sprung von vier Prozent nach oben. (SZ, 22./23.12.)

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Andererseits aber führt die von dem kapitalistischen Vorzeigebetrieb angekündigte Massenvernichtung von Arbeitsplätzen auch zu einem kleinen öffentlichen Erschrecken:

„Niemand kann sich auf seinem Arbeitsplatz noch sicher fühlen. Wenige Tage vor Weihnachten ist diese Erkenntnis besonders bitter.“ (SZ, 22./23.12.)

Es handelt sich aber um die bittere Erkenntnis einer öffentlich anerkannten Notwendigkeit, über deren Unausweichlichkeit sich niemand etwas vormachen kann:

„All das ist die Reaktion darauf, dass BMW jedes Jahr mehr Autos verkaufen muss, um den Gewinn stabil zu halten – auf hohem Niveau. Das ist zwar ein Luxusproblem. Doch ist es für Manager und Aktionäre auf die Dauer kein Zustand, wenn Wachstum keinen zusätzlichen Profit bringt.“ (SZ, 22./23.12.)

Soviel Verständnis würde sich mancher unselbständig Beschäftigte wünschen, dem das Wachstum seiner Arbeitsbelastung keinen zusätzlichen Lohn bringt. Das ist aber von einfühlsamen Kommentatoren für die Figuren reserviert, die Gewinne stabil halten müssen und es einfach für unzumutbar halten, aus Wachstum keinen zusätzlichen Profit schlagen zu können. Darauf muss dieser Menschenschlag der Manager und Aktionäre einfach mit der Entlassung von Tausenden reagieren, ohne sich von Seiten der entschieden parteilichen Redaktionen im Lande das Etikett einer sozial unverantwortlichen Heuschrecke einzufangen, die den Hals nicht voll kriegt. Diese gemütlich weiß-blaue Sorte Profitgier kann sich der grundsätzlich positiven Haltung der nationalen Öffentlichkeit gewiss sein, wenn die Opfer auf Seiten der Belegschaft durch die Aussicht auf einen Vorteil für den deutschen Standort gerechtfertigt sind. Der einzige Vorwurf, den man BMW – wenn überhaupt – machen kann, ist, dass man sich dort zu lange auf seinen Lorbeeren ausruhte, die Härte des globalen Kapitalismus vielleicht doch ein wenig unterschätzte – über die sich die ideellen CEOs in der Wirtschaftsredaktion der SZ nie getäuscht haben – und sich deshalb nicht genug um Rationalisierungen der Werke kümmerte. (SZ, 22./23.12.). Also: Die harten Jungs von der SZ meinen, BMW mache seine Sache im Grunde nicht schlecht, hätte sich aber doch schon ein wenig früher um zusätzlichen Profit durch Ausdünnung der Belegschaft kümmern können.

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Dass die angekündigten Massenentlassungen bei BMW so gar nichts Skandalöses bekommen, liegt an der demonstrativen Übereinstimmung von Gewerkschaften und Betriebsrat mit der Unternehmensleitung in der Abwicklung der Angelegenheit. BMW hat ganz fest versprochen, die Firma werde ihre Stammbelegschaft von 108 000 Menschen bis zum Jahr 2012 nicht verringern. Das ist eine Art Arbeitsplatzgarantie – allerdings nicht für alle. (BMW-Chef Reithofer, SZ, 22./23.12.)

Die Entlassungen betreffen eben niemanden, für den sich die Gewerkschaften als Vertreter der Stammbelegschaft interessieren würden. Sie treffen – und das findet die Gewerkschaft zusammen mit der Firmenleitung ganz in Ordnung – nur die Zeitarbeiter, weshalb man von Seiten der Gewerkschaft die Sache demonstrativ gelassen sieht:

„‚Wir sind verärgert über die Zahl und den Zeitpunkt, zu dem sie jetzt genannt wird, nicht aber über die Tatsache als solche.‘ IG-Metall-Sprecher Jena sprach angesichts des Stellenabbaus von einem ‚völlig normalen Vorgang‘, den man ‚unaufgeregt zur Kenntnis‘ nehme. Es gebe ‚keinen Grund, die Pferde scheu zu machen.‘ Schließlich handele es sich bei den Betroffenen hauptsächlich um Zeitarbeitnehmer, die um ihr Risiko wissen müssten. ‚Leiharbeiter werden eingestellt, um Produktionsspitzen abzudecken‘, sagt Jena. ‚Wenn es diese Spitzen, wie jetzt bei BMW, nicht mehr gibt, werden ihre Stellen eben wieder abgebaut.‘“ (SZ, 22./23.12.)

Kein Grund zur Aufregung also. Es hat ja die Richtigen erwischt. Die Zeitarbeiter eben, an denen die Gewerkschaft dieselbe kapitalistische Unterscheidung aufmacht wie das Kapital: Sie sind nicht Stammbelegschaft und deshalb freie Manövriermasse des Kapitals, weshalb es ein völlig normaler Vorgang ist, wenn sie in die Arbeitslosigkeit manövriert werden. Irgendwelche Beschwerden – oder gar der Anspruch auf gewerkschaftliche Unterstützung wegen des Verlustes des Arbeitsplatzes – sind fehl am Platz. Wer Leiharbeit macht, also um sein Risiko entlassen zu werden wissen muss, der hat sich diese Lage ja wohl irgendwie auch sehenden Auges selber ausgesucht, oder? Die professionelle Gemeinheit dieses Vertreters der Stammbelegschaft bringt ihn dazu, das Schicksal der Leiharbeiter gleich noch normaler zu finden als die Firma: Obwohl stets ganz offen nur von der dringend nötigen Erhöhung der Profitabilität als Grund der Entlassungen die Rede war, trägt er einfach zur Begründung das Zurückfahren von Produktionsspitzen vor, was er offenbar für den gänzlich unkritisierbaren Anlass für den Rausschmiss von ein paar Tausend notorisch risikofreudigen Leuten hält, in denen er beim besten Willen keine richtigen Kollegen sehen kann.

Das soll aber nicht heißen, dass sich ein moderner Gewerkschafter genieren würde, sich den ausdrücklich genannten Grund des Managements für den vorgesehenen Personalschnitt – die Rendite muss stimmen in der Konkurrenz der Autokapitale! – zu eigen zu machen. Das demonstriert der bekannt realitätstüchtige bayerische IG Metallchef Neugebauer:

„... man muss die Realität zur Kenntnis nehmen. Bei BMW wird die komplette Produktion der Siebener-Baureihe umgestellt. Man braucht da künftig deutlich weniger Personal. Außerdem darf man BMW nicht isoliert betrachten. Wenn Daimler, Audi und andere Konkurrenten deutlich höhere Kapitalrenditen haben, hat es auf den Börsenkurs und auf die Kapitalstruktur von BMW negativen Einfluss, wenn es dort nur fünf Prozent sind.“ (IG Metall-Chef Neugebauer, SZ, 27.12.)

Das wird die Entlassenen beruhigen, dass sie nicht sinnlos, sondern im Dienst von Börsenkurs und Kapitalstruktur von BMW ihr Einkommen verloren haben und dadurch einen – wenn auch künftig eher passiven – Beitrag zur Erhöhung der Kapitalrendite auf fünf Prozent plus x erbringen. Der gewerkschaftliche Hinweis auf die Realität, die man zur Kenntnis nehmen müsse, hat durchaus auch seinen aufklärerischen Wert: Kaum stellt BMW die Produktion um, schon braucht die Firma weniger Personal – weshalb sie ja die Produktion umgestellt hat. Damit hat sie aber nicht nur rationalisiert, sondern durch die bloße Umsetzung ihres Interesses an höherem Profit auch schon einen völlig hinreichenden Grund für die Erklärung und Rechtfertigung der aus ihrem Interesse folgenden Entlassungen geliefert. Wenn ein BMW-Arbeiter also erst einmal gelernt hat, was seine altgedienten Gewerkschaftsführer längst wissen, dass die gültige Realität, die man zur Kenntnis nehmen muss, das Interesse des Unternehmens an seiner Kapitalrendite ist, lebt es sich für ihn zwar nicht besser, aber viel unaufgeregter im Kapitalismus. So viel Lebenshilfe für die Belegschaft von Seiten der Gewerkschaftsführung muss sein!

Die glücklichen Mitglieder der BMW-Stammbelegschaft haben ohnehin keinen Anlass zur Sorge um ihren Arbeitsplatz, sollte demnächst wieder einmal im Dienste der Trendwende zu einer noch höheren Profitabilität die komplette Produktion einer oder mehrerer Baureihen umgestellt werden – man kann sie gar nicht entlassen!

„Dass der Konzern auch in der Stammbelegschaft Stellen streicht, glaubt Jena nicht. ‚Das geht gar nicht. Es gibt Verträge. Wir haben von BMW eine klare Stellenzusage.‘ Eine Konfrontation mit der Konzernführung schloss Jena vorerst aus. ‚Wir haben mit BMW immer gute Erfahrungen gemacht.‘“ (Spiegel online, 21.12.)

Dafür braucht es einige hartgesottene Borniertheit, dem Glauben anzuhängen, ein Vertrag mit dem Inhalt einer Stellenzusage unterscheide die betriebliche Manövriermasse mit Stammarbeitervertrag in Sachen Arbeitsplatzsicherheit ganz fundamental von den Zeitarbeitern. Zum einem hat, unter Mitwirkung und mit Zustimmung der Gewerkschaft, in den letzten Jahren ohnehin der Ersatz von Stammarbeitsplätzen zugunsten des Aufbaus der Zeitarbeit stattgefunden, so dass die angeblich im Schutz der famosen IG Metall-Verträge unkündbaren Mitglieder der Stammbelegschaft tendenziell weniger werden. Zum anderen weiß niemand so genau wie die Gewerkschaft, dass die Arbeitslosenstatistik auch voll ist mit Leuten, die einmal irgendwo vertraglich abgesicherte Stammbelegschaft waren. Aber: Sollten auch bei BMW Entlassungen aus dem Kreis der Stammarbeiter nötig werden, wird die IG Metall sicher einen neuen Vertrag abschließen, mit Stellenzusagen für die, die übrig bleiben.

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Vollkommen ohne gewerkschaftliche Kritik geht die Affäre dann doch nicht über die Bühne: Die unsensible Ankündigung solcher Maßnahmen am letzten Arbeitstag des Jahres und die dadurch entstehenden Ängste überdecken die überaus erfolgreiche Arbeit des Jahres 2007. (Regensburger Betriebsrat, Spiegel online, 21.12.) Man ist in Gewerkschaftskreisen unzufrieden mit der Taktlosigkeit der Konzernleitung bei der Ankündigung der Massenentlassungen. Deren mangelndes Feingefühl hat, obwohl sonst in diesem Jahr alles bestens gelaufen ist für Betrieb und Belegschaft, am Ende doch noch – und zwar völlig unnötige und unschuldige – Opfer gefordert: Die verdiente Aufmerksamkeit für die Erfolgsbilanz des Betriebsrats und die schöne Weihnachtsstimmung. Schade. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen.


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