Mao-Hype

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-05 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Mao-Hype

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Mao war ein Bösewicht, ein „großer Verführer“ und ein „großer Zerstörer“. Schlimmer als Hitler, schlimmer noch als Stalin. So als müsste man im Jahr 2005, fast dreißig Jahre nach Maos Ableben, eine rebellische Jugend, eine aufmüpfige Arbeiterklasse oder wen auch immer von ihrem revolutionären Idol abbringen, ergehen sich die Blätter im besten Enthüllungsjournalismus.

Mao-Hype

„Stern“ und „Spiegel“ machen ihn fast zeitgleich zu ihrer Titelstory. Jetzt ist es nämlich rausgekommen: Mao war ein Bösewicht, ein „großer Verführer“ und ein „großer Zerstörer“. Schlimmer als Hitler, schlimmer noch als Stalin. So als müsste man im Jahr 2005, fast dreißig Jahre nach Maos Ableben, eine rebellische Jugend, eine aufmüpfige Arbeiterklasse oder wen auch immer von ihrem revolutionären Idol abbringen, ergehen sich beide Blätter im besten Enthüllungsjournalismus. Als Mensch ein perverses, sexbesessenes Schwein, als Staatsmann ein machtgeiler Psychopath – so wird der „große Vorsitzende“ demontiert.

Als Kronzeugin fungiert wunderbarerweise eine ehemalige Rotgardistin und Tochter zweier revolutionärer Kader der ersten Stunde, die selbst aktiv an der Kulturrevolution teilgenommen hat. Sie hat sich eine knapp tausendseitige „fulminante“ Abrechnung mit Mao von der Seele geschrieben, der zuzutrauen ist, was Historiker seit Jahren vergebens versuchen: den Mao-Mythos ein für alle Mal zu zertrümmern. Mit ihrem Mann, einem britischen Historiker, hat sie zwölf Jahre lang hunderte Zeitzeugen befragt und Dutzende Archive besucht, bis herausgekommen ist, was herauskommen sollte: „Auf über 70 Millionen schätzen Chang und Halliday die Zahl derjenigen, die der Tyrann erschießen, erschlagen oder verhungern ließ. Mao übertrifft damit Hitler und Stalin – die anderen großen Schlächter des 20. Jahrhunderts – bei weitem.“

Ja nun, möchte man sagen. Das soll jetzt eine Entdeckung sein? Was soll man eigentlich finden, wenn man die Geschichte eines Mannes untersucht, der ein ziemlich riesiges Reich von Feinden befreit, geeint und zu einem funktionierenden Staat gemacht hat? Der sich dabei gegen äußere wie innere Feinde durchgesetzt und sein Werk anschließend erfolgreich verteidigt hat? Eroberung und Sicherung der Macht ist eine gewaltträchtige Angelegenheit, gleichgültig, für welches Programm sie eingesetzt wird, Revolution eben kein Deckchensticken, wie Mao selbst in dankenswerter Offenheit klargestellt hat.

Dass Leichen seinen Weg pflastern, spricht für sich genommen in den Augen der Historikerzunft noch lange nicht gegen einen Staatsmann. Ganz im Gegenteil messen sie die Größe seiner Leistung gerne daran, gegen wie viele Feinde er sich behauptet, wie viel Territorium er zusammengeschachert, wie viel Volk er unter seinen Willen gezwungen hat. Wenn sie mit Respekt von historisch großen Figuren schwadronieren, die Weltreiche begründen, huldigen diese Typen insofern immer der Gewalt als Mittel der Durchsetzung. Und umgekehrt: Wenn sie die Gewalt eines Herrschers zum Gegenstand ihrer Kritik machen, dann entweder, weil der ausgebliebene Erfolg seines „Projekts“ im Nachhinein die Sinnlosigkeit des Gewalteinsatzes beweist, der dann auch gerne „Terror“ heißt. Siehe Hitler. Oder weil ihnen der Erfolg eben dieser Gewalt nicht in den Kram passt. Siehe Stalin.

Insofern sind Abrechnungen mit verblichenen Staatsmännern immer auch eine Frage der politischen Konjunktur. Alles, was die ehemalige Mao-Anhängerin und heutige Feindin ans Tageslicht gebracht hat, könnte man gut und gerne genau umgekehrt als besondere Leistung würdigen. Als einfacher Bauernsohn zum Herrscher über das größte Volk der Welt aufsteigen – das könnte auch einem Historiker einiges an Ehrfurcht abnötigen. Und tatsächlich kam der chinesische Kommunisten-Führer bisher im Westen ja auch erheblich besser weg als seine russischen Kollegen. Warum, das spricht der „Spiegel“ ganz offen aus: Auch in den westlichen Industrieländern hat der Chinese Anerkennung gefunden, denn er brach mit der Sowjetunion und öffnete sein Land Anfang der siebziger Jahre sogar ein wenig zum Westen. Dass das politische Interesse an einem Staat der Geschichtsschreibung über ihn die Feder führt, ist also kein Skandal, sondern offensichtlich eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit.

Ganz in diesem Sinne wurde Mao bisher auch in der westlichen Geschichtsschreibung zugute gehalten, dass er China vom Zugriff der imperialistischen Mächte befreit und das vom Bürgerkrieg zerrissene Land geeint hat; dass China unter seiner Herrschaft, gemessen an seinen Voraussetzungen, einen enormen Aufstieg hingelegt hat, etc. Gegen dieses Bild wütet die Mao-Biographin jetzt an. „Diesem Mann gebührt nicht der geringste Respekt“, will sie ihren Lesern einbläuen und Mao ein für alle Mal von „seinen hohen Sockeln“ stoßen, wo er „als genialer Feldherr und weiser Staatsgründer“ im heutigen China immer noch steht. Dafür fährt sie schlicht alles auf, was ihr irgendwie geeignet erscheint, um Mao als Menschen wie als Staatsmann zu desavouieren.

  • Als Erstes die „Hekatomben von Toten“, die Mao auf seinem Weg nach oben und als Führer der Volksrepublik produziert hat. Dabei verfahren die Autoren nach dem Prinzip, Mao jede einzelne Leiche höchstpersönlich anzulasten, als bewussten Mord sozusagen. Was Historiker ansonsten als faux frais von Herrschaft liebend gerne möglichst unpersönlich ausdrücken (musste sich durchsetzen, in den Wirren des Bürgerkriegs, Hungertote fielen an, Grausamkeiten fanden statt etc.), gilt hier nicht. Im „Fall Mao“ soll sich jeder ausdrücklich den Mann selbst vorstellen, der seine Soldaten sehenden Auges in den sicheren Tod schickt, sein Volk bewusst und mit einem gewissen Hang zum Sadismus schindet, ein „Monster“ eben. Ob Frau Chang und Herr Halliday nach diesem Muster auch George W. Bush anklagen für diejenigen, die draufgegangen sind, seit Amerika das Kommando in Bagdad übernommen hat? Oder für die Hunderttausende, die unter seiner Weltordnung tagtäglich verhungern?
  • Wer so loslegt, will natürlich gar nicht erst wissen, wofür Mao all die Toten und Opfer gebraucht hat. Kein Gedanke daran, dass so etwas (nur) im Namen eines nationalen Befreiungs- und Aufstiegsprogramms zustande kommt, für das der KP-Vorsitzende seiner Partei und seinen Massen offensichtlich viel an Gefolgschaft und Opferbereitschaft abverlangen konnte. Diesen Zweck halten die Autoren offenbar für viel zu respektabel, als dass sie ihn auch nur irgendwie als Grund der vielen Leiden in Erwägung ziehen würden. Kein Versuch auch zu erklären, was es mit solch merkwürdigen Massenkampagnen wie „Großer Sprung nach vorn“ und „Kulturrevolution“ auf sich gehabt hat, an denen sich Millionen Chinesen begeistert zu ihrem eigenen Schaden beteiligt haben. Stattdessen wird – man kennt es von Hitler und Stalin ja schon zur Genüge – mal wieder das Bild eines machtbesessenen Irren entworfen, dem es um sich, um sich und noch mal um sich gegangen ist. Ein Bauer, der sich an der Spitze einer Partei, eines Staates, am Ende der ganzen Welt sehen will – das musste schlecht enden, weil sich hier ein Mensch etwas rausgenommen hat, was ihm nicht zusteht. Ein ungehobelter Kommunist, der „keine Fremdsprachen“ spricht und nicht über die Geographie der Sinai-Halbinsel Bescheid weiß, ist nun mal kein Führer und das „rückständige“ China keine Weltmacht. Deshalb ist bei Mao schlicht „Wahnsinn“, was vom Standpunkt der Weltmächte, die sich durchgesetzt haben, selbstverständlicher Anspruch und schiere politische Vernunft ist. Ob die Autoren schon mal einen Gedanken darauf verschwendet haben, wie ein Land eigentlich ‚zur Weltmacht aufsteigt‘? Waren da nicht auch im Fall der USA ein paar ziemlich blutrünstige Weltkriege fällig? Und ist es nicht schlicht ihr einzigartiger Erfolg, der sie befähigt, sämtliche auf dem Weg dorthin angefallenen Leichen im Nachhinein ihren Gegnern zuzurechnen und sich selbst als noble Friedensstifter und Weltordner darzustellen?
  • Nun wissen auch Chang/Halliday, dass in der bürgerlichen Welt Erfolg adelt. Neben(!) dem Vorwurf des „Massenmords“ halten sie es in ihrer „spektakulären Biografie“ deshalb für einen tollen Schlager, dem „großen Vorsitzenden“ alles, was üblicherweise als seine Leistung gilt, abzusprechen. Ob beim „Langen Marsch“, beim Krieg gegen die japanischen Besatzer oder im Bürgerkrieg – bei keiner dieser Taten hat Mao ehrliche Verdienste erworben. Ein ums andere Mal enttarnen sie ihn als grandiosen Versager, der Fehler und Feigheit mit besonderer Perfidie und Hinterfotzigkeit kompensiert. Von Jugend an ein Faulenzer, zu dumm, um den Marxismus zu begreifen, kein anständiger Idealist, der für seine Ziele notfalls stirbt, hat er sich im Grunde durchs Leben getrickst. Mit Lügen und Verrat an den eigentlich Anständigen seiner Bewegung hat der „gefühlskalte Egomane“, den nicht einmal seine eigenen Truppen gemocht haben, Führungsposten und russische Unterstützung erschwindelt und in entscheidenden kritischen Momenten dann einfach Glück gehabt.
  • Kein Wunder, dass die Mao-Forscher über all dem ein bisschen durchdrehen. Sie glauben ihren eigenen Urteilen, dass Mao einerseits an allem schuld, andererseits komplett unfähig war, so sehr, dass am Ende ein irgendwie schon wieder lustiges Potpourri an Quatsch und Widersprüchen rauskommt. Stalin erliegt einem Schlaganfall – schuld ist niemand anderes als Mao, der seinen russischen „Lehrmeister“ mit seinen koreanischen Eskapaden aufgeregt hat. Die USA entwickeln die Bombe und setzen sie demonstrativ ein – wer ist der eigentliche atomare Bösewicht? Natürlich der chinesische „Diktator“, der sie in seinen Gedankenspielen auf imperialistische Widersacher abfeuert. Das „rote Buch“ eine Geheimwaffe, mit der die chinesischen Massen indoktriniert werden? Unsinn! Mao hat schlicht ein Vermögen damit gemacht, indem er sein Volk gezwungen hat, seinen Schund zu kaufen. Usw. usf.

Politpsychologisch hat man es bei den Autoren mit einem Fall von negativem Fantum zu tun. Hier sind Renegaten des Personenkults am Werk, die ihre ehemalige Huldigung Maos auf den Kopf stellen, ohne an ihrem Fehler auch nur irgendetwas zu kritisieren: Dem für sie noch immer allzu positiv besetzten „Mythos Mao“ stellen sie schlicht ein Minuszeichen vor. Ein Gott war die Figur, die sie einst selbst anbeteten, offensichtlich nicht – also ist Mao für sie der Teufel höchstpersönlich und dessen böses Wirken möglichst drastisch darzustellen ihre wissenschaftliche Drangsal. Dieses Anliegen mögen ehemalige Mao-Anhänger haben. „Stern“ und „Spiegel“ (Frau Chang, hassen Sie Mao Ze-dong? Sind Sie davon besessen, mit ihm abzurechnen?) haben es mit Sicherheit nicht. Trotzdem kommt ihnen diese Abrechnung „einer verzweifelten, zutiefst enttäuschten Liebhaberin“ im Prinzip gerade recht, obwohl sie an der wissenschaftlichen Seriosität ein paar Zweifel anmelden. Erstens erfüllt eine solche Story ein sehr verbreitetes Unterhaltungsbedürfnis. Wichtigen Personen der Weltgeschichte unter den Rock gucken, sie in ihrer Größe, ihren „Abgründen“, aber auch in all ihrer banalen Menschlichkeit vorführen mit sexuellen Vorlieben und Verdauungsproblemen – das interessiert geübte Untertanen in der freien Welt. Zweitens erfreut ein antikommunistischer Totschläger in regelmäßigen Abständen das Gemüt, da kann der Kommunismus noch so tot sein: Seht her, solche Typen waren die kommunistischen Führer, angeblich gute Menschen und sozial gesonnen, in Wahrheit aber die allerschlimmsten Saubeutel. Speziell die Deutschen können sich darüber freuen, dass neben Stalin nun auch noch Mao ihrem großen Führer den Rang des größten Menschheitsverbrechers streitig macht. Drittens aber passt es nicht nur der deutschen Öffentlichkeit gerade sehr gut in den Kram, der aufstrebenden Macht China ein bisschen in die Parade zu fahren. Nicht nur, dass sich dieser Staat mitten in der kapitalistischen Konkurrenz erfolgreich hocharbeitet, ohne sich von seiner kommunistischen Vergangenheit überhaupt zu distanzieren. Es sind vor allem die in die Zukunft weisenden Ansprüche dieser Macht, die sie für den westlichen imperialistischen Geschmack so schwer handhabbar, gar unberechenbar machen: Sich westlicher Kontrolle zu unterstellen, verträgt sich keinesfalls mit dem politischen Selbstbewusstsein dieser ‚Großmacht im Aufbruch‘, und das lässt sie im Verkehr mit dem Westen auch deutlich wissen. Dies begründet bei westlichen Politikern allemal Misstrauen gegenüber der Macht China, auch dann, wenn sie die wirtschaftlich wie politisch für sich gut zu benutzen verstehen – und dieses Misstrauen machen sich die Organe der Meinungsbildung dann auf ihre Weise zum Anliegen: Sie finden es prima, wenn mit dem Gründer der Nation einmal so richtig gescheit abgerechnet wird, die einem so suspekt vorkommt, und geben sich gern dafür her, den politischen Vorhalt gegen das China von heute zum Schauermärchen über die Verbrechen seines Führers von gestern zu verselbständigen.

(alle Zitate aus: Stern 39/2005: Mao Tse-tung. Der große Verführer; Spiegel 40/2005: Mao. Anatomie eines Massenmörders)


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