Leserbrief zur USA – Prosperität

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Leserbrief zu den USA – Prosperität

Überblick

Die lang anhaltende wirtschaftliche Prosperität in den USA begeistert den Leser: Alle Regierungen der Welt und alle Völker der Erde bestaunen, bewundern und beneiden diese Entwicklung im Musterland des Kapitalismus. Ein paar kritische Nachfragen und Anmerkungen hinsichtlich des gezeichneten Fetisch einer segensreichen Kapitalakkumulation können da nicht ausbleiben.

Brief an die Redaktion

Es wird zur Zeit sehr viel über die lang anhaltende wirtschaftliche Prosperität in den USA geschrieben und berichtet. Alle Regierungen der Welt und alle Völker der Erde bestaunen, bewundern und beneiden diese Entwicklung im Musterland des Kapitalismus. Viele Länder inkl. Westeuropa und Japan wollen diese Rekorde in Wachstum und Vollbeschäftigung gerne auch haben, und die Menschen der Welt außerhalb möchten an diesem Aufschwung gerne teilhaben. Die USA, ihre Politiker, ihre Wirtschaftsleute und die meisten amerikanischen Bürger aller Klassen freuen sich und tragen viel Stolz auf Clintons Leistungen.

Angesichts dieser Entwicklungen in den USA könnte man doch schlußfolgern, daß das kapitalistische System – seine Vollstrecker und Agenten wohl imstande und fähig sind, Wohlstand und Vollbeschäftigung (fast) in den USA zu vollbringen und auf lange Zeit zu behalten und abzusichern – immer vorausgesetzt natürlich, daß sie die Vormachtstellung und Wettbewerbsfähigkeit ihren Produkten und technischem Know-how weiterhin aufrechterhalten können. Wozu braucht man noch den Sozialismus? Solange die USA, Regierung und Wirtschaft, den Menschen Prosperität und Vollbeschäftigung absichern können, bleiben die meisten Amerikaner treue Anhänger und Verteidiger des amerikanischen Wirtschafts- und politischen Systems. Außerdem kann man von den amerikanischen Trade Unions und von der Communist Party USA keine richtige Opposition erkennen!

Der zweite Punkt meines Briefes bezieht sich auf die sogenannten Tigerstaaten. In der letzten Ausgabe des GegenStandpunktes wurden die Krisen in diesen Ländern, Südkorea, Malaysia, Taiwan, Thailand, Indonesien, die Philippinen besprochen. Die zentrale Mitteilung des Artikels bezog sich auf die Kurzlebigkeit des wirtschaftlichen Aufschwungs in diesen Ländern aufgrund der Abhängigkeit ihrer Ökonomien von den Rentabilitätserwägungen und wirtschaftspolitischen Entscheidungen der investierenden Wirtschafts – Industrie- und Finanzkapitalisten von den USA, Westeuropa und Japan. Die hauptsächlich Spekulationsaktivitäten ihrer Kapitalisten um mehr und schnellen Profit führte dazu letzten Endes, daß sie ihre Anlage in diesen Ländern zurückzogen und eine Krise aufgezogen ist und verschärft, so daß die Währungen dort viel Wert verloren und die existierenden wirtschaftlichen Booms zunichtemachte.

Meine Frage lautet trotzdem: sind diese kurzlebigen wirtschaftlichen Aufschwungs nicht trotzdem im Allgemeinen viel besser für die Leute in den Tigerstaaten – verglichen zu solchen Ländern in Afrika, Lateinamerika, wo überhaupt keine Booms sich entwickeln und wo die Anleger kein Geschäft initiieren oder anheizen, keine Autoassemblyplants einrichten oder Softwareproduktion anleiern. Die wirtschaftliche Lage der Länder in den Tigerstaaten ist schon relativ besser, auch wenn der Aufschwung wieder dahin ist.

In den anderen Entwicklungsländern gibt es überhaupt nichts außer mehr Verelendung und Kriege. Zur Zeit fängt das wirtschaftliche Ausland an, Interesse für Vietnam zu bekommen. Allmählich fängt das ausländische Kapital dort an, etwas anzulegen und siehe da – Lethargie und die Hoffnungslosigkeit der Menschen werden von Hoffnungen auf eine bessere Wirtschaftslage und Prosperität ersetzt.

Sind vielleicht doch die Existenz- und Erfolgsnischen (im kleinen Maßstab) trotz und wegen Kapitalismus zu akzeptieren – auch wenn ein Auf und Ab zu verzeichnen ist – angesichts der Tatsache, daß es noch mehr utopischer geworden ist, die Menschen in aller Welt gegen die Kosten der Freiheit und Kapitalismus zu überzeugen und für Sozialismus zu gewinnen? Der ‚big brother‘, die USA – mit Hilfe ihres FBI, CIA und Pentagon – wird sowieso überall ihre wirtschaftspolit-militärische Macht verwenden, alle Opposition – klein und groß – zu vernichten! Und die kleineren Partner – Deutschland, England, Frankreich, Japan machen dasselbe in ihren jeweiligen Territorien.

Freundliche Grüße

Für eine Stellungnahme und Argumente wäre ich sehr dankbar. Vielen Dank.

Auch mein Studienkreis wird auf eine Antwort gespannt sein…

Antwort der Redaktion

Die Redaktion ist beschämt. Da schreibt sie seit Jahren „sehr viel“ über die USA, und es wollte sich weder „Staunen“ noch „Bewundern“ einstellen; ganz zu schweigen von „Neid“. Haben wir etwas verpasst? Sind wir schon wieder isoliert, weil wir partout nichts aus der Geschichte lernen wollen? Aus deinen Ausführungen hören wir heraus, dass dein Herz links schlägt, und du den Sozialismus im Prinzip für eine prima Idee hältst. Aber irgendwie scheinen die Parameter deines Weltbilds nicht mehr zu stimmen, nachdem du einen unvoreingenommenen Blick in die Welt des Kapitalismus & Imperialismus geworfen hast und feststellen musstest, wie leicht man sich als Linker täuschen kann.

  • Ausgerechnet im „Musterland des Kapitalismus“ kannst du all deine konkreten Utopien besichtigen, die du dir vom Sozialismus erhofft hast. Was du den „Agenten und Vollstreckern“ des Kapitalismus nie zugetraut hättest – in den USA haben sie dich echt überrascht: statt krisenhafter Erscheinungen eine nicht enden wollende „wirtschaftliche Prosperität“; statt Massenarbeitslosigkeit „(fast) Vollbeschäftigung“; statt Unmut im Volk lauter sturzzufriedene Amis, die sich quer durch „alle Klassen“, also wirklich glaubwürdig, „freuen“ und „viel Stolz tragen“ auf die „Leistung“ ihres großen Vorsitzenden Bill; und was der Sozialismus weder in seiner (verblichenen) realen Existenz noch mit seinen vorzüglichen Ideen geschafft hat, das muss man den Amis neidlos lassen: sie sind ein Vorbild für die Welt – für die „Menschen“ und die „Länder“, die alle „diese Rekorde in Wachstum und Vollbeschäftigung gerne auch haben“ möchten. Du hast also nicht ganz unrecht, wenn du dich fragst: „Wozu braucht man noch den Sozialismus?“ Wir meinen: Dazu jedenfalls nicht!
  • Nicht ganz so schön fällt deine Bilanz zu den „sogenannten Tigerstaaten“ aus. Aber immerhin. Dass Staaten in solchen Weltgegenden mit „Softwareproduktion“ und „Autoassemblyplants“ & unschlagbar billigen Hungerlöhnen überhaupt „Booms“ hingekriegt haben, erscheint dir sensationell; schließlich sieht die dir bekannte Weltordnung für ‚Entwicklungsländer‘ normalerweise andere Karrieren vor. Gewiss, „der Aufschwung ist wieder zunichte gemacht“, die Währungen sind im Eimer, und die Leute haben nichts zu lachen. Doch wer die Wahrheit ergründen will, muss differenzieren: Sind nicht trotzdem diese „kurzlebigen Aufschwungs“ „viel besser für die Leute“ als gar kein Aufschwung? Ganz schön raffiniert, uns die Antwort auf diese Alternative als Frage vorzulegen und dann den unwiderlegbaren Beweis aus dem Hut zu ziehen!
  • Afrika! Lateinamerika! Da kannst du weit und breit keinen „Anleger“ entdecken, der ein „Geschäft anheizt“, von dem dann die „Länder“ und die „Menschen“ profitieren könnten. Das ist die dritte Welt, in der der Imperialismus durch Abwesenheit glänzt. Die Folge: Nichts als „Verelendung und Kriege“! Umgekehrt, umgekehrt, Beispiel Vietnam. Da wurde der fällige Krieg vorher geführt und das Land wg. kommunistischer Umtriebe in die Steinzeit zurück gebombt. Keine dreißig Jahre später haben die immer noch herrschenden Kommunisten ein Einsehen und beginnen einen vorsichtigen Öffnungskurs. Das tut dem Volk unendlich gut: Denn kaum fängt das „ausländische Kapital“ an „anzulegen“, erwachen die Menschen aus ihrer „Lethargie“; „Hoffnungslosigkeit“ schlägt in „Hoffnung“ um usw.

Naja. Vom Stuhl hauen uns deine Entdeckungen nicht gerade. Und was deine „Fragen“ betrifft – mit den Antworten schreiben wir seit 10 Jahren den GegenStandpunkt voll. Umgekehrt hätten wir wir aber noch ein paar Nachfragen.

1. Ist ‚Sozialismus‘ für dich die Synthese von Wachstum & Vollbeschäftigung? – Hast du dir schon einmal überlegt, was da ‚wächst‘, und womit ‚die Beschäftigung‘ beschäftigt ist? – Ist dir ‚Ausbeutung‘ ein Fremdwort, weil dir „Prosperität“ so hochdeutsch vorkommt? – Fällt dir noch eine andere Kritik am Kapitalismus ein als die, dass jedem „Auf“ ein „Ab“ folgt? – Glaubst du, dass der Neid der imperialistischen Konkurrenten ungefähr dasselbe ist wie die tiefe Sehnsucht der „Menschen“ nach einem besseren Leben? – Bist du der Ansicht, dass die nationalistische Zufriedenheit des amerikanischen Volkes nur ein anderer Ausdruck seines materiellen Wohlstands ist? – Ist dir aufgefallen, dass sich auch in diesem Volk die verschiedensten Volksgenossen tummeln und sich über ganz unterschiedliche Dinge „freuen“? Dass manche sogar allen Grund dazu haben, die meisten wiederum nicht? – Könntest du uns bei dieser Gelegenheit kurz erläutern, wie du auf die Unterscheidung zwischen „Politikern“, „Wirtschaftsleuten“ und den meisten anderen „Bürger aller Klassen“ kommst? – Hast du schon von den tollen Jobs im ‚amerikanischen Jobwunder‘ gehört, von denen die Amerikaner gar nicht genug kriegen können, um über die Runden zu kommen? Oder findest du es uninteressant, was die Leute von ihrer Arbeit haben? – Bist du vielleicht von der politischen Zufriedenheit der Amis mit ihrer Regierung derart beeindruckt, dass du ihnen glatt den Fehler verzeihst, den Erfolg der Nation als ihren eigenen zu verbuchen und der „Leistung“ ihres Mr. President und dessen Regierungskunst zuzuschreiben? Oder glaubst du am Ende selbst an dieses Märchen jeder (guten) Herrschaft? Dann nichts für ungut!

2. Verstehen wir dich richtig, dass der sozialismusverdächtige Aufschwung in den USA „natürlich voraussetzt“, dass sie ihre „Vormachtstellung und Wettbewerbsfähigkeit aufrechterhalten können“? Willst du damit andeuten, dass es sich bei der Veranstaltung namens ‚Weltwirtschaft‘ um eine nicht ganz gewaltfreie Zone der Konkurrenz zwischen Nationen handelt, die notwendig Sieger und Verlierer hervorbringt, und bei der die Sieger peinlich darauf achten, dass dieser Zustand erhalten bleibt? – Würdest du, falls dich jemand fragte, diese Weltordnung notfalls ablehnen? Oder denkst du eher fortschrittlich, dass was Besseres nicht zu haben ist? Möchtest du in diesem Sinne den Verlierern Mut machen, weil dies die Stunde der „Nischen“ ist, siehe „Tigerstaaten“? – Kennst du noch weitere „Nischen“? Und wenn ja: hast du sie schon den Afrikanern und Südamerikanern gesteckt? Oder verlässt du dich da ganz auf das Kapital, das in seinem Interesse an „schnellem Profit“ den Negern schon rechtzeitig zeigen wird, wo es den nächsten „Aufschwung“ vorfinanziert?

3. Gibt es einen triftigen Grund, weshalb du „Länder“ und „Menschen“ nicht auseinander halten willst? Glaubst du, dass die Berechnungen von Staaten, die ihr Heil im Weltmarkt suchen und dafür, je nach dem, ihre Völker in die Pflicht nehmen oder am langen Arm verhungern lassen, sich mit den Berechnungen der Leute decken? – Hältst du es für möglich, dass auch Staaten, die nach außen „abhängig“ sind, nach innen jede Menge „Abhängigkeit“ schaffen? Oder siehst du es eher so, dass Nigerianer, Ägypter und andere amerikanisch-asiatischen Völker in der gleichen Weise „abhängig“ sind wie ihre jeweilige Herrschaft, und in der gleichen Weise von ihrer „Abhängigkeit“ betroffen? – Schließt du, auch bei kritischer Betrachtung dieser „Abhängigkeiten“ einen Gegensatz zwischen Herrschaft und Untertanen kategorisch aus? Wenn nicht: Würdest du so weit gehen und die „Menschen“ dafür kritisieren, dass sie das anders sehen? Oder bist du auf der Höhe der Zeit und weißt, dass im Zeitalter des globalisierten Kapitalismus die nationalen Schicksalsgemeinschaften ohnehin keine Alternativen haben? – Traust du dem Kapitalismus soviel Pluralismus zu, dass dasselbe Kapital in den verschiedenen Weltgegenden ungefähr ein Dutzend verschiedene Formen der Verelendung hervorbringt? Oder hältst du das für eine übertreibende Darstellung, weil ja mindestens elf dieser Fälle zeigen, dass es den Leuten ‚relativ besser‘ geht? – Würdest du die Tatsache, dass dort, wo das Kapital überhaupt nicht investiert, das Elend total ist, für die sachgerechte Konsequenz davon halten, dass die Systemfrage praktisch entschieden und die ganze Welt dem Regime des Kapitalismus und der Rechnungsweise des Kapitals unterworfen ist? – Könntest du den Menschen „trotz und wegen Kapitalismus“ empfehlen, die Systemfrage einmal anders zu stellen? Oder siehst du dazu keinen Anlass, weil ja das Elend letztlich aus der Abwesenheit von Kapital rührt, die Anwesenheit von Kapital also nur Gutes bewirken kann? – Reicht es dir nicht, dass der weltweit gewaltsam durchgesetzte Kapitalismus das Kapital tatsächlich zum einzigen Lebensmittel für die Menschheit gemacht hat? Möchtest du dem noch deine zwingende Schlussfolgerung hinzufügen, dass dieses Lebensmittel deswegen auch ein ganz passables ist?

4. Wie kommst du eigentlich auf das Kräfteverhältnis, das jeden Widerstand „utopisch“ macht? Kennst du etwa doch noch Gründe, gegen den Kapitalismus zu sein? Haben wir dich am Ende völlig missverstanden? Oder legst du uns die Geheimdienste dieser Welt deshalb auf den Tisch, weil du herausgefunden hast, dass die einzig erfolgversprechende Kritik die ist, die der Staat erlaubt? Braucht man sie dann noch? Schon mal überlegt, dass Kritik in diesem Sinne immer „utopisch“ ist?

Das wären unsere Fragen.


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